Kapitel 103
 

7. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 3 

 

 

Schweigend saßen Lia und Klein- Link beisammen. Der Junge war indes wieder so müde, dass er ab und an seine Augen schloss und den Kopf auf seine Arme gelegt hatte.

Auch Navi gesellte sich zu ihnen und freute sich zunächst, dass das Götterkind wieder wach war.

„Hey“, meinte sie erfreut, und als Klein- Link sie anblickte, wusste er für einen Moment nicht, ob wirklich Navi vor ihm stand. Sie trug eine hellblaue, ausgewaschene Jeanshose und ein blassgelbes Top. Es stand ihr gut und machte aus ihr ein gewöhnliches, kleines Mädchen.

„Geht es dir gut soweit?“, meinte sie und pflanzte ihren Hintern auf einen weiteren Sitzplatz am Küchentisch.

„Danke, mir geht es gut“, sagte das Götterkind. Keine Spur der Ereignisse von vorhin wollte er Navi mitteilen. Sie würde sich insgeheim nur unnötige Sorgen machen. Und das war gerade echt das letzte, was Klein- Link wollte. In dieser Hinsicht verhielt er sich wohl wie seine zukünftige Mutter. Er wollte nicht für solche seltsamen Geschehnisse bemitleidet werden und anderen überflüssige Sorgen ersparen.

„Bis auf seine Müdigkeit ist auch mit seinem Körper alles in Ordnung“, bemerkte Lia. „Willst du jetzt was essen?“, setzte die Ärztin an Navi gerichtet hinzu. Dankend nahm sie das Angebot an.

 

Als Lia ihr den Teller mit einer großen Portion reichte, meinte sie: „Klein- Link weiß über alles Bescheid. Und mein Vater ist vermutlich der Heroe, den ihr beide sucht.“

Überrascht blickte Navi mit ihren riesigen, grünen Glubschaugen abwechselnd zu Lia und dem Götterkind. „Sag‘ bloß, er heißt Link?“

„Ja“, lächelte Lia.

Navi sprang sogleich vom Stuhl und packte Lias Hände. Mit erwartungsvollem Lächeln meinte sie: „Nun sag‘ schon, wo können wir ihn finden? Wohnt er hier in Saria? Kann er mit einem Schwert umgehen?“ Das waren für Lia zu viele Fragen auf einmal. Sie hatte eine Falte auf der Stirn und atmete tief aus.

„In jungen Jahren wohnte er in Faron bis zu seinem Journalismusstudium. Nach dem Studium kam er nach Saria und arbeitete als Oberhaupt der Masterritter“, erklärte sie.

„Masterritter?“, murmelte Klein- Link und blickte sowohl Navi, als auch Lia mit müden Augen an.

„Es ist eine Organisation, die für Frieden und Gerechtigkeit steht. Vor Hunderten Jahren schon wurde diese Abteilung gegründet. Es sind nur gut ausgebildete, mutige Leute, die in dieser Organisation arbeiten können. Hylianer zumeist“, erklärte sie. „Tatsächlich geht diese Organisation aus der Geschichte rund um die Heroen Hyrules hervor. Nicht umsonst steht das MS als Zeichen der Masterritter“, meinte sie.

„Und was bitte schön ist das MS?“, fragte Navi ungeduldig und aß endlich etwas.

„Das Masterschwert“, sprach Lia. „Dieses Schwert wurde natürlich seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt.“

 

Cool, dachte Klein- Link. So also könnte sich das Hyrule entwickeln, in dem die Zelda und der Link aus der „Okarina-of-Time-Geschichte“ kamen. Mmh, fragte sich nur, was es mit der Zelda dieser Welt auf sich hatte. Lia besaß mit ihren schwarzen Haaren und Gesichtszügen absolut überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Prinzessin der Hylianer. Ob es in dieser Welt überhaupt eine Zelda gab?

 

In dem Augenblick erhielt Lia einen Anruf und flitzte ins Wohnzimmer, wo der Apparat stand. Sie schien mit einem anderen Arzt Fachlatein zu reden und erklärte auch, dass es ihr gut ginge nach dem Ereignis im Krankenhaus. Sie erhielt ferner die Mitteilung, dass das Krankenhaus bis auf weiteres geschlossen sei und die Masterritter dort noch nach Spuren suchten.

 

„Sag‘ mal, weißt du, was mit dem Heroen dieser Welt passiert ist?“, fragte Navi über die Tischkante zu Klein- Link gerichtet.

„Nicht genau… Lia meinte nur, dass er vermisst wird.“

Und da wich die Farbe aus Navis Gesicht. „Vermisst? Das kann jetzt nicht war sein“, nörgelte sie. „Wenn er vermisst wird, können wir ihn ja schlecht finden.“

„Das weiß ich auch“, murrte das Götterkind. Als ob soviel Geistesarbeit der Fee manchmal verschlossen blieben. Klein- Link konnte selbst solche Schlussfolgerungen ziehen, da brauchte er keine hochnäsige Fee, die ihm das alles unter die Nase rieb.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie leise.

„Woher soll ich das wissen, Navi…“, meinte er und lief ins Wohnzimmer zu Lia. Er setzte sich auf das bequeme Sofa und schloss seine Augen. Im Augenblick war ihm alles andere danach zumute zu diskutieren, er wollte doch nur seine Ruhe haben, sich etwas erholen. Warum kapiert Navi das nicht?

 

Indes war Lia mit dem Telefonieren fertig. Sie trat zu Navi in die Küche und meinte leise: „Vielleicht sollten wir dem Jungen seine Ruhe gönnen.“

„Ja, das stimmt“, meinte sie und lugte mit ihren Augen ins Wohnzimmer. Gähnend saß das Götterkind auf der Couch, schnappte sich ein Kissen und umarmte dieses wie ein Kuscheltier.

„Ehrlich gesagt bin ich nach dem anstrengenden Tag auch etwas müde“, meinte Lia und streckte sich.

„Ich will dich nicht weiter stören oder so, aber ich muss noch etwas wissen“, sagte Navi und folgte Lia einfach in das Schlafzimmer. Lia holte aus einem großen Schrank etwas Bettwäsche und Decken.

„Ja, schieß los.“

„Was ist mit deinem Vater passiert? Du hast vorhin nur gesagt, er hätte bei den Masterrittern gearbeitet.“

„Er war dort sogar das Oberhaupt“, korrigierte Lia sie.

„Und danach?“ Navi wusste nicht, ob es wirklich okay war, so nachzubohren, nur war es ja von entscheidender Bedeutung für diese ganze Mission. Eine sichere Rechtfertigung dafür, nicht wahr?

„Er hat sich zurückgezogen aufgrund seines Alters. Nur vor wenigen Tagen rief er mich aufgeregt an, er hätte etwas außerordentlich wichtiges zu erledigen. Man dürfe seinen Aufenthaltsort nicht herausfinden. Er klang sehr durcheinander und die Verbindung war schlecht. Nach dem Anruf hatte er sich nicht mehr gemeldet… Inzwischen behauptet die Hyl Moblina, er wäre in ihrer Gewalt.“ Lia wurde in ihren Worten immer leiser und seufzte. Sie drückte Navi die Bettwäsche in ihre Hände und schob ein ausklappbares Bett aus ihrem Schrank.

 

Sie klappten das Bett in Ruhe im Wohnzimmer aus, und überzogen dicke Federdecken.

„Einer von euch kann auf der Couch schlafen, der andere in dem Klappbett“, erklärte Lia und rieb sich die Augen. Sie wies Klein- Link und Navi an sich an den Getränken in der Küche zu bedienen, falls sie Durst verspürten, und auch die Dinge im Kühlschrank durften beide nach Herzenslust vernaschen.

Gerade als Lia einen Gute-Nacht-Gruß über ihre Lippen gleiten lassen wollte, stand Navi wieder vor ihr und sagte leise: „Es gibt aber noch so viele Dinge zu klären. Wir müssen deinen Vater finden. Hast du keine Ahnung, wo er sich inzwischen aufhält?“ Lia atmete tief ein und schien das erste Mal etwas genervt.

„Hör zu, Navi. Mir ist klar, dass eure Mission für euch beide den Vorrang hat. Aber manchmal hat man keine andere Wahl als abzuwarten. Ich kann nicht irgendetwas Unsinniges tun, nur um nicht herumzusitzen. Im Moment ist nichts zu tun, akzeptiere das.“

Damit klatschte Lia in ihre Hände und statt des großen Lichts im Raum leuchtete nur noch eine kleine Tischlampe. Sie murmelte endlich ein ,Gute-Nacht‘ über ihre Lippen und verschwand dann im Schlafzimmer.

 

„Ich denke, das war zu viel des guten“, murmelte Klein- Link und machte es sich auf dem Sofa bequem. Zufrieden kuschelte er sich in die dicke Federdecke und seufzte. Es war offensichtlich, dass auch Lias Hilfsbereitschaft irgendwo ihre Grenzen besaß. Möglicherweise war es ihr gar nicht recht, dass sich zwei augenscheinliche Kinder in die Angelegenheiten ihres Vaters einmischten. Zumal sie beide damit irgendwelche unbedachten Konsequenzen heraufziehen und sich zusätzlich in Gefahr begeben würden…

„Aber wir müssen nun mal den Heroen dieser Welt finden und das schnell“, meinte Navi patzig und breitete sich auf dem Klappbett aus. Nachdenklich blickte sie aus einem großen Fenster mit dreieckigen, bunten Einsätzen.

„Ich weiß, Navi…“, murmelte der Junge. Seine himmelblauen Augen hafteten an der weißen Zimmerdecke. Das Verblassen in Hyrulia kam ihm wieder in den Sinn. Und er fragte sich, ob es wirklich gut war, Navi das zu erzählen. Sie würde sich noch mehr verrückt machen, nicht wahr? Er seufzte und streichelte etwas seine verletzte Schulter.

„Warum setzt du dich eigentlich so sehr ein, Navi? Ich meine… kann dir die Erde nicht vollkommen egal sein?“

Sie musterte Klein- Link im fahlen Licht, welches die Lampe auf Lias Schreibtisch warf. Seine Worte stimmten sie nachdenklicher als ohnehin schon. Hatte er vielleicht Recht? Was kümmerte sie schon die Erde? Sie lebte nicht auf der Erdenwelt und hatte jene Welt nie akzeptiert… Diese Mission war ihr wohl nur aus anderen… egoistischeren Motiven so wichtig.

 

„Was ist mit dir, Götterkind?“, meinte sie und kuschelte sich in Embryonalhaltung in die Decke. „Du tust diese Mission ja auch nicht nur für deine zukünftigen Eltern…“, unterstellte sie. „Sicherlich wird aus dir irgendwann ein Heroe, der die Blutlinie weiterführt… aber jeder Held hat auch seine Schattenseiten im Herzen. Auch Helden sind nur sterbliche Wesen.“ Etwas abgeneigt von Navis Unterschiedsmacherei richtete er sich zaghaft auf und fragte sich, was zum Teufel in dem Kopf einer einstigen Fee steckte.

„Nimmst du an es macht einen Unterschied, ob man sterblich ist oder nicht?“ Etwas enttäuscht von ihrer Denkweise suchte er ihren Blick.

„Sicherlich macht das einen Unterschied“, sagte sie.

„Und welchen?“, meinte Klein- Link. „Nimmst du an, ein sterbliches Geschöpf kann niemals so edel sein wie ein unsterbliches?“

„Nein, das nicht“, erklärte sie schläfrig. „Aber wenn man unsterblich ist, dann ist Zeit ganz anders definiert… man hat einfach mehr Gelegenheiten Fehler zu machen und daraus zu lernen. Weisheit und Weitsicht haben ganz andere Dimensionen. Und das Herz in einer unsterblichen Brust wächst immer weiter, wird reifer. Zeit ist das, was einem sterblichen Wesen einfach fehlt.“

„Das ist purer Schwachsinn, wenn du mich fragst“, murrte der Junge, knallte sich etwas zu voreilig und unsanft auf die Couch und wendete der einstigen Fee den Rücken zu. Was dachte sich Navi dabei? Das war lächerlich…

„Ich frage dich aber nicht um deine Meinung“, entgegnete sie besserwisserisch. „Du siehst die Dinge nun mal nicht wie ich… genau das meine ich ja, Jahrhunderte von Lebenszeit verändern ein Geschöpf nun mal stärker als lediglich fünfzig Jahre es tun können.“

Vielleicht hatte Navi recht, aber akzeptieren wollte er dies nicht. Er seufzte und schloss kurz die Augen.

„Navi… selbst wenn jemand länger lebt und vielleicht auch weiser ist… was ändert das schon?“

Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. In welche Richtung dachte er?

„Meinst du nicht, dass selbst ein Kind… mehr bewirken und erreichen kann als ein tausend Jahre altes Wesen?“

Und damit fühlte sie sich seit langem wieder arm in ihren Argumenten. War es vielleicht genau das, was Klein- Link erkannt hatte? Sie, als Fee, die schon eine lange Zeit auf der Welt weilte, hatte sie mehr drauf als dieser Junge, der erst seit wenigen Jahren existierte? Nein, vermutlich nicht. Sie schwieg.

„Weißt du Navi… für mich besteht gar nicht der Wunsch ewig zu leben, ich wüsste gar nicht, was ich mit soviel Zeit anfangen sollte.“ Er schmunzelte.

„Mmh, ich verstehe… ja, ich denke, ich verstehe dich jetzt sehr gut.“

Er drehte sich um und blickte in ihre Richtung. War es möglich, dass Navi, obwohl sie so alt war, nicht trotzdem noch ein Kind in ihren Inneren darstellte und sie gerade deshalb diese Gestalt besaß? Sicherlich hatte sie dem damaligen Helden der Zeit gut gedient und geholfen, sicherlich auch mit Weitsicht und Schläue. Aber in vielen Dingen war Navi einfach nicht weiter als er…

„Navi… auch, wenn wir uns so oft in den Haaren haben, ich finde, du bist ein guter Freund“, meinte Klein- Link und grinste etwas.

„Hehe, danke“, kicherte sie.

Als dann fanden die beiden ihren Schlaf, einen wohlverdienten, ruhigen Schlaf. Auch Klein- Link wurde diesmal von Hypnos gnädig empfangen und schlafwandelte nicht…

 

Das Götterkind erholte sich in der Obhut von Lia Couraiga sehr schnell und auch Navi hatte erneut etwas Mut gefasst, dass sie den Heroen in dieser Welt finden und letztlich auch die Mission in jener Dimension erfolgreich abschließen würden.

Zwei Tage nach ihrem Eintreffen in Saria waren inzwischen vergangen. Navi und Klein- Link hatten sich gut bei Dr. Couraiga eingelebt. Und zusammen mit Lia verfolgten sie  immer interessiert die Nachrichten, um etwas über Links Aufenthalt zu erfahren. Weiterhin ließ Lia ihre Kontakte spielen, worauf sowohl Klein- Link als auch Navi beide inzwischen im hylianischen Einwohnermeldeamt gemeldet waren und in wenigen Tagen auch in einer Schule in die 3. Klassenstufe eingeführt werden sollten.

 

Lia setzte Klein- Link und Navi, beide gekleidet in moderner Kleidung, vor den hohen Eingangstüren einer gut besuchten und namhaften Schule ab.

„Genießt den Tag“, meinte sie und setzte im Flüsterton hinzu. „Und benehmt euch wie stinknormale Kinder, verstanden?“ Sowohl Klein- Link als auch Navi wippten mit den Köpfen.

„Ich werde in der Zwischenzeit versuchen etwas herauszufinden“, sagte Lia kurzangebunden und fuhr mit raschem Tempo auf die Hauptstraße. Im Nu war ihr Hylcedes verschwunden.

 

Navi seufzte. So, da waren sie also. Direkt vor den Eingangstüren einer gut besuchten Schule, wo Dutzende kleine Quälgeister auf ihrer Nase herumhacken würden. Klein- Link tapste unterdes cool und selbstbewusst vorwärts und mischte sich unter die Schüler und Schülerinnen. Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, in eine moderne Schule zu gehen, obwohl auch er viel reifer war, als man vermutete…

„Hey, warte“, rief sie noch und rannte ihm hinterher.

 

Es dauerte nicht lange und die beiden hatten das Sekretariat gefunden. Eine alte Dekudame, deren hölzerne Haut bereits von einigen Holzwürmern zerbissen war, saß hinter einem großen Schreibtisch, der sie beinah verschluckte. Sie hatte eine rosa Brille auf ihrer Pinoccionase und beäugte Navi und Klein-Link mit kohlrabenschwarzen Augen.

„Ah, ihr müsst die beiden Patenkinder von Dr. Couraiga sein“, bemerkte sie mit einer tiefen, klapprigen Stimme. Mit großen Augen wippten Klein- Link und Navi erneut mit den Köpfen.

„Gut, dann folgt mir bitte.“

Die kleine, dicke Dame watschelte daraufhin in den ersten Stock, und klopfte an einer Klassenzimmertür. Viele neugierige, aber auch ablehnende Blicke von allen möglichen Rassen stachen ihnen entgegen.

,Das konnte heiter werden‘, dachte Navi und seufzte erneut…

 

Nervös grinsend setzte sich Navi zusammen mit Klein-Link an den letzten freien Tisch und versuchte den Worten der Lehrerin zu folgen. Sie redete irgendetwas von hylianischer Geschichte, von der Gründung des Landes und etwas von geographischen Gegebenheiten. Sie sprach von den drei größten Flüssen Zojan, Goronyr und Geru, welche schon seit Urzeiten das hylianische Meer speisten. Wenn Navi diese Informationen mit dem alten Hyrule verglich musste das bedeuten, dass die kleinen Flüsse und der Hylia-See sich im Laufe der Geschichte großartig verändern würden. Sicherlich ging das hylianische Meer aus dem Hylia-See hervor. Inzwischen fand Navi die Geschichten der Lehrerin äußerst interessant, ganz zu schweigen von manch anderen Schülern, und ganz zu schweigen von Klein- Link, der zusammengesunken neben ihr saß.

,Er war wirklich erstaunlich‘, dachte sie. Vor zwei Tagen noch hatte er ziemliche Probleme mit der Wunde an seiner Schulter gehabt und nun trat er so gelassen hier auf. Nun ja, grinste die einstige Fee. Mehr oder weniger gelassen.

Er gähnte. Der neugierige Blick in seinen himmelblauen Augen schien abgelöst von etwas Schwermut und vielleicht auch Lethargie. Aber es machte ihn nicht weniger interessant. Er war ein Junge, der nicht einmal ahnte, wie er auf die Menschen in seiner Umgebung wirken konnte. Etwas besaß Klein- Link, was kein voriger Heroe entfesseln würde. Nahm er Notiz davon? Spürte er etwas von der ungewöhnlichen Macht, die in ihm schlummerte?

 

In dem Augenblick schien der Junge einzunicken. Sein ansehnliches Gesicht sank nieder und seine Augen schlossen sich langsam. In hylianischer Gebetshaltung, die Hände ein Dreieck bildend, die Finger ineinander verschachtelt, saß er auf dem Sitzplatz und atmete in langen Abständen ein und aus.

„Klein- Link?“, murmelte Navi und fand es etwas merkwürdig, was der Junge hier tat. Betete er tatsächlich? Auch zwei drei andere Schüler beäugten ihn skeptisch. Ein dickes Goronenkind mit schneeweißem Haar zeigte mit einem fetten braunen Zeigefinger direkt auf ihn. Und eine sommersprossige Hylianerin lächelte ihn mit roten Wangenbäckchen an.

 

Unsanft stieß Navi das Götterkind in die Rippengegend, aber er reagierte nicht einmal darauf. Weiterhin saß er da in seiner Gebetshaltung und hatte seine Augen geschlossen. Er begann dann leise zu summen. Ein Bleistift in seiner Hand wurde von ihm spielend in der Mitte entzwei gebrochen. Ein Lineal, entwendet von seinen Kinderhänden aus einer einfachen Federmappe, brach entzwei und die Splitter verteilten sich auf dem Tisch und dem Fußboden.

„Was, bei Nayru, tust du?“, schimpfte sie. Schlief er womöglich? Aber warum machte er in diesem Schlaf alles kaputt?

 

„Harkenia!“, knurrte sie und boxte ihn ein weiteres Mal in die Rippengegend. In dem Augenblick drehte er seinen geistig umnachteten Schädel in ihre Richtung. Seine himmelblauen Augen öffneten sich einen winzigen Spalt und schienen sie ein wenig lächerlich zu mustern. Als lachte er über ihre Anwesenheit, über ihr kindisches Äußeres.

Navi wich etwas verletzt zurück, beobachtete Klein- Links Mundwinkel, die sich gehässig nach oben bewegten. Und dann entkam ein gebrochener, schäkernder Laut seinem Mund.

„Was ist nur los mit dir…“, murmelte die einstige Fee.

 

Sie hatte ihre Worte kaum ausgesprochen, als er eine kleine Schere aus seiner Federmappe nahm und diese schier unbewusst und vielleicht nicht einmal begreifend in seiner linken Hand kreisen ließ. Die Schere fiel mit einem Klack auf den Tisch, da er dieses Spiel nicht so gut beherrschte. Er nahm die Schere an den Schneiden erneut in seine linke Hand und drückte zu. Er zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Seine menschliche Regung war verschwunden. Seine Emotionen eiskalt. Irgendetwas schlummerte tief in seinem Unterbewusstsein, ließ ihn Dinge tun, die er nicht wollte, nicht verstand. Ein zerstörungswilliges Gebilde, klein und unscheinbar, jedoch frostig und böswillig…

 

Als Blut aus seiner linken Hand tropfte, gab Navi ihm eine markerschütternde Ohrfeige. Die Schere flog in hohem Bogen in Richtung des Nachbarplatzes. Klein- Link entließ lachende Laute und krachte aufgrund der Wucht von Navis Schelle zu Boden. Und dann ruhten alle Augen auf ihm. Die Lehrerin trat besorgt und wütend über die Unruhe in ihrer Klasse näher und beäugte die beiden neuen Schüler skeptisch.

 

Navi sprang hastig vom Platz und kniete zu dem Götterkind nieder. Mit großen, verwunderten Augen blickte er in ihre. Er war wieder wach, hellwach, nicht wissend, wie er so plötzlich auf dem Boden hocken konnte. Navis besorgter Blick und jene neugierigen Musterungen der Schüler und der Lehrerin machten ihm sehr schnell deutlich, dass etwas passiert sein musste. Dann registrierte er ein ungleichmäßiges Ziehen an der Innenfläche seiner linken Hand. Sie blutete…

 

Dr. Couraiga trat derweil elegant und selbstbewusst durch die riesige alte Pforte des Regierungsgebäudes von Saria. Gekleidet in einer weißen enganliegenden Stoffhose und einer wiesengrünen kurzen Lederjacke marschierte sie auf den an der Pforte sitzenden Gerudo zu. Man musste wissen, dass in diesen neuen Zeiten das alte Gesetz, dass nur alle Hunderte Jahre ein Gerudomann geboren werden durfte, nicht galt. Die vielen neugeborenen, männlichen Nachkommen jenes Volkes, die in früheren, mittelalterlichen Zeiten ermordet oder abgetrieben wurden, führten in diesem Hyrule ein gewöhnliches Leben unter ihres gleichen.

 

Mit einem beeinflussenden, weiblichen Lächeln lehnte sich Lia Couraiga an die Glasscheibe und sprach mit aufgesetzter hoher Stimme zu dem etwas dicklichen, unattraktiven Mann. „Sagen Sie, ist Schadow heute im Haus?“

Er blinzelte und atmete scharf ein. Er antwortete zunächst nicht und versuchte sich mit den Fingern eine Beschäftigung zu suchen. Als er diese gefunden hatte, malte er mit einem Kugelschreiber irgendwelche Gebilde auf einen Ordner vor seiner Nase.

„Eigentlich darf ich darüber keine Auskunft geben…“, meinte er beflissen.

Als Lia die Unsicherheit des Pförtners erkannte, zwinkerte sie und beugte sich etwas näher, sodass ihr hübscher Ausschnitt sichtbar wurde. Sie streichelte sich durch ihre dunklen Haare und lächelte erneut. „Bitte, sagen Sie es mir. Ich bin eine Schülerin von ihr gewesen.“

Der Mann öffnete vor Nervosität seinen Kragen und musterte die attraktive, hübsche Frau verlegen. „Ja… im großen Saal… gleich im ersten Stockwerk… sie hat heute dort eine Trainingsstunde…“

Zufrieden klopfte Lia mit frisch lackierten Fingernägeln an die Glasscheibe, lächelte und huschte dann schnell in den Fahrstuhl.

Der Mann aber seufzte. Das war jetzt schon das zehnte Mal, dass er sich von ihr um den Finger wickeln ließ…

 

Aufgeregt trat Lia in den großen Saal ein. Es war ein alter Festsaal, der in früheren Zeiten zu Empfängen, Hochzeiten und Geburtstagen der Adligen von Hyrule genutzt wurde. Heute jedoch stand er meist leer. Außer irgendjemand mietete diese wunderschöne, im althylianischen Stil gehaltene Räumlichkeit.

Und tatsächlich trainierte in jenem Raum eine Person, die einen dunkelblauen, enganliegenden Shiekahanzug trug. Jene Kampf- oder Sportleranzüge eigneten sich mit ihrem dehnbaren, dünnen Material hervorragend für ein Training verschiedener Waffenkunst. Die Dame schwang zwei kurze Dolche geschickt umher, kämpfte gegen verschiedene Hologramme, die sie nacheinander ausschaltete. Kurze Kampflaute erklangen aus ihrem Mund. Als sie Lia erblickte, stoppte sie das Training und nahm einen weißen Helm von ihrem Kopf. Blondes, langes Haar fiel in einem geflochtenen Zopf hinab. Es war eine schöne, schlanke Frau. Elegant. Und für ihr hohes Alter hatte sie sich sehr fit gehalten.

Sie lächelte Lia entgegen und nutzte eine Fernbedienung um ihre Hologramme auszuschalten.

 

„Hallo, Shadow“, sprach Lia und trat näher.

„Du musst nicht so förmlich sein, Lia. Ich hatte mit deinem Besuch gerechnet“, sagte die Frau und reichte der jüngeren die Hand.

„Es tut gut dich zu sehen“, sprach Shadow, die vermeintliche talentierte Kriegerin. Es schien als war eine Kämpferin aus vergessenen Jahrhunderten an ihr verloren gegangen.

„Ganz meinerseits“, erwiderte die Frau und strahlte ihr Gegenüber mit den kräftigen, himmelblauen Augen an. Ihr Blick schien Wissen aus Lias Gedankengängen ziehen zu wollen, so intensiv war jener Blick. Lia traute sich nicht wegzusehen und hatte sofort das Bild des kleinen Besuchers vor ihr, den sie vor wenigen Tagen gerettet und bei sich aufgenommen hatte. Genau dieselben himmelblauen Augen strahlten aus seinem Gesicht und dursteten nach Wissen und Erfahrung.

„Ich habe von dem Vorfall im Krankenhaus gehört“, sprach die Frau und legte ihren Helm zu einer kleinen Hologrammanlage in jenem Raum. „Sogar die Masterritter mussten eingreifen“, setzte sie hinzu.

„Das ist richtig“, sagte Lia und lief der reifen Frau hinterher. „Es gab einige unerfreuliche Erlebnisse in den letzten Tagen.“

Ihr Gegenüber stutzte: „Nun, wie mir scheint bist du nicht hierher gekommen, um eine Trainingsstunde bei Shadow zu halten“, sagte die Frau, schnipste mit den Fingern und ihr dunkelblauer Anzug verwandelte sich rasch in das schicke Kostüm einer Politikerin. Ihr langer, geflochtener Zopf löste sich und wie von Geisterhand steckten sich ihre Haare in die Höhe und verliehen der Dame einen seriöseren Ausdruck.

„Nein, natürlich nicht.“

Shadow nickte lediglich: „Trinkst du einen Tee mit mir?“, meinte sie.

Lia freute sich über die Einladung und folgte der mysteriösen, in Magie begabten Frau unvermittelt in ihr Büro im siebten Stockwerk.

Auf dem Weg dorthin grüßten viele Geschäftsleute die Politikerin und beäugten kurz, aber nicht überrascht Lia Couraiga, die ihrer Lehrerin in der Shiekahkunst folgte. Sie erreichten das gemütliche und teuer eingerichtete Büro von Shadow alias Zelda Harkinian, der Ministerpräsidentin von Lanayru.

 

Lia machte es sich auf einem kirschroten Sofa bequem und verfolgte mit ihren tiefblauen Augen ihre Lehrmeisterin, die eine Teemaschiene einschaltete, kurz aus ihren riesigen Fenstern blickte und die Jalousien hinab zog. Es war ein interessant eingerichtetes Büro. Mit vielen antiken Gegenständen. In einer Vitrine bewahrte die Politikerin eine alte Flöte auf. An der Wand hingen Schwerter und Dolche.

Und besonders interessant war ihr Schreibtisch. Die Gegenstände darauf zeigten deutlich den Familiensinn der klugen Politikerin. Auf einem Bild war ein grauhaariger Mann zu sehen, ein Adliger aus Labrynna, der Ehegatte. Und auf drei weiteren Bildern waren die Söhne von Shadow dargestellt. Besonders den jüngsten der Söhne hatte Lia in weniger erfreulicher Erinnerung…

 

„Welchen Tee darf ich dir anbieten?“, meinte die Frau und riss ihren Gast aus den Gedanken.

„Herzbeere ist hervorragend“, sprach Lia und war etwas erschrocken, wie sehr sie sich von den Bildern gerade hatte irritieren lassen.

„In Ordnung“, meinte die Frau, zog eine Augenbraue nach oben und schien mehr aus Lias Verhalten herauszulesen, als jener im Augenblick recht war.

 

Kurze Zeit später standen zwei Tassen mit einem roten, blutfarbenen Tee auf dem Tisch vor dem Sofa und die beiden Frau beäugten einander zweifelnd, fast so, als hätte jeder etwas wichtiges zu erzählen, aber sie beide suchten nach einem Anfang.

 

„Du gibst also immer noch Trainingsstunden?“, meinte Lia dann und schnupperte an dem angenehm riechenden Teegetränk.

„Ja, zurzeit ist der Bedarf tatsächlich größer geworden. Es fragen mehr und mehr interessierte junge Leute nach dem Beherrschen der Schattenkunst.“

„Als ob jeder spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, nicht wahr?“, sagte Lia leise und trank einen Schluck. Miss Harkinian wollte diesen Satz am liebsten überhört haben. Jedoch konnte sie es nicht. Irgendetwas war in diesem Land nicht mehr in Ordnung. Es gab Verschiebungen im Raum-Zeitgefüge. Erst vor wenigen Tagen wurde sie benachrichtigt, dass hier in der Stadt Saria ein Riss jenes Gefüge erschüttert hatte.

„Nun ja… es ist immer gut, vorbereitet zu sein“, sprach die Politikerin kühl und starrte nachdenklich auf ihre Tasse. „Du weißt von dem Riss im Raum-Zeit-Gefüge?“, setzte die ältere Frau hinzu.

„Ja, natürlich“, entgegnete Lia, grübelte heimlich, ob sie ihrer Lehrmeisterin genug Vertrauen entgegenbringen konnte, um über Klein- Link und Navi zu berichten. Wenn sie irgendjemandem mitteilte, dass diese beiden aus einer vollkommen anderen Welt hierhergelangt waren, würde das viele Politiker und auch die Presse interessieren. Von irgendwelchen Wissenschaftlern, die dann Experimente mit den beiden durchführen würden, wollte Lia erst gar nicht anfangen.

 

„Ich hörte ebenso, du wohnst zur Zeit nicht alleine?“, meinte die Dame und beäugte ihre Schülerin skeptisch.

Überrascht setzte Lia ihre Tasse wieder auf den Tisch und musterte die Politikerin eindringlich. Hatte sie überall ihre Spitzel? Oder woher wusste sie das?

„Das ist richtig… aber deswegen bin ich nicht hier“, beschwor sie.

 

Miss Harkinian schüttelte den Kopf wissend. „Ich kenne dich schon seit vielen Jahren, liebe Lia“, lächelte die Ältere. „Ich war immer der Meinung, wir können uns vertrauen.“ Zaghaft stand die Politikerin auf, verschränkte die Arme und blickte an eine Seitenwand, wo eine alte Photographie bedeutender Masterritter hing. Auch Lias Vater war unter jenen.

„Wusstest du, dass ich deinen Vater immer bewunderte, und auch heute noch sehr wertschätze. Obgleich er viele Dinge wie ein Raufbold oder Dummkopf anging, so hätte er diese Dinge ohne seinen etwas voreiligen Mut nicht tun können.“ Sie hatte ein Funkeln in ihren Augen, während sie sprach. Schon immer war Lia die Beziehung von Zelda Harkinian zu ihrem Vater etwas suspekt. Es hieß, sie waren seit sie denken konnten, immer wieder zusammen, gingen auf dieselbe Schule, studierten an derselben Universität, bis sie schließlich gemeinsam den damaligen Verbrecher Ganondorf Dragmire hinter Gitter bringen konnten. Diesen Mann, der des Völkermordes, der Vergewaltigung von Frauen an die Hundert Fälle, der Ermordung hoher Politiker und der Planung und Durchführung des Terrors von Ordonien beschuldigt und schließlich als erster Hyrulianer überhaupt die Strafe der Tausendjährigen Verbannung akzeptieren musste. Selbst als sie beide sich in andere Hylianer verliebt und geheiratet hatten, verband beide eine große Freundschaft. Und es war mehr als einmal, dass Lia sich fragte, ob nicht doch mehr dahinter steckte.

„Ich wünschte manchmal… vieles wäre anders gekommen“, meinte Miss Harkinian leise, legte eine Hand auf ihr Herz und lächelte in sich hinein. Und erneut dachte Lia, dass ihr Vater und Zelda Harkinian viele Geheimnisse miteinander teilten.

„Gibt es etwas neues von ihm…“, meinte Lia leise. „Ich weiß, dass er mit niemandem Kontakt aufnehmen kann… nur…“

„Du machst dir zu viele Sorgen“, unterbrach die ältere Frau sie.

Lia nickte unvermittelt. „Ich sollte Vertrauen haben, sicherlich. Und ich weiß ja, dass er nichts Übermütiges tun würde, trotzdem…“

 

Zelda Harkinian trat näher und legte ihre warmen Hände auf Lias Schultern. Tatsächlich war die Ministerpräsidentin fast einen Kopf größer als sie. Ihr Blick war edel und rechtschaffen, wollte beruhigen und ermutigen.

„Dein Vater lebt…“, sprach sie mit einem wissenden Lächeln.

„Woher willst du das wissen?“

Die ältere Dame lächelte erneut so muterfüllt und beruhigt. „Nun, ich kenne deinen Vater besser als jemand sonst es tut…“, sagte sie sicher. Sie blickte seitwärts und schien dann in ihren Gedanken.

„Das kann ich nicht abstreiten“, meinte Lia verschmitzt und ließ sich wieder auf die Couch sinken. „Dennoch… es wäre mir lieber, er würde allmählich sein Alter akzeptieren und sich nicht in solche gefährliche Situationen bringen.“

„Sein Alter akzeptieren, sagst du?“ Und die Politikerin lachte. „Link würde sagen, er fühlt sich viel zu jung als sich auf die faule Haut zu legen und dunklen Machenschaften zuzusehen.“

„Aber was, zum Teufel, will er sich beweisen? Was will er herausfinden?“ Lia seufzte und schaute in ihre leere Teetasse.

„Du weißt, es ist mir eigentlich untersagt, dir nähere Informationen mitzuteilen…“, erwiderte Zelda Harkinian.

„Das weiß ich. Und ich weiß, dass du dich früher auch nie daran gehalten hast“, lachte die Ärztin.

 

Die ältere Dame schüttelte erheitert ihren wissenden Kopf. „Diese Art der Kommentare hast du von deinem Vater.“ Die Frau trat an ihren glänzenden, antiken Schreibtisch und wühlte in einem Fach herum. Mit einem Klack öffnete sich ein weiteres, kleines, unscheinbares Fach an einer Seite des Tisches. Und dort kramte die Frau erneut in irgendwelchen Papieren umher.

„Also gut, Lia“, meinte sie. „Bei unserem letzten Treffen wusstest du bereits, dass dein Vater sich in Ordonien aufhält. Aber du kanntest den Grund dafür noch nicht.“

Dr. Couraiga nickte gefasst und verfolgte mit ihren tiefblauen Augen die Lippenbewegungen ihrer einstigen Lehrmeisterin. Jene trat unterdessen mit einer dicken Mappe näher und drückte die Unterlagen Lia in die Hand. Mit ernstem Blick setzte sie sich wieder auf das Sofa neben ihre Schülerin.

Verwundert blätterte Lia in den Aufzeichnungen und glaubte aus allen Wolken zu fallen, als sie bruchstückhaft einige Wörter las. Sie las etwas von Verschmelzung von Dimensionen, von Zeitreisen und der Entwicklung lebendiger Waffen. Vieles davon klang etwas utopisch in Lias Ohren, aber jetzt, da sie wusste, dass zwei Kinder mittels Magie in diese Welt gelangt waren, weshalb sollte sie diesen Aufzeichnungen nicht glauben?

 

Mit offenem Mund las Lia weiter und fand den Namen Couraiga an einem sehr ausführlichen Stammbaum wieder. Bis hin zu frühen Heldengenerationen war hier jeder Verwandte dieser bedeutsamen Blutlinie recherchiert worden.

„Was um Himmels Willen bedeutet das?“ Mit großen, ungläubigen Augen starrte Lia ihre einstige Lehrmeisterin an.

„Blätter ein paar Seiten weiter… und du findest die Antwort.“

Und tatsächlich fand sich auf den nächsten Seiten alles Wissenswerte über das MS. Zeitungsartikel, verschiedene Abbildung jener heiligen Waffe, Zitate aus dem Buch des Lebens und allerlei Fotos.

Ratlos blickte Lia in die himmelblauen, verständnisvollen Augen der Ministerpräsidentin.

Daraufhin begann diese leise zu erklären: „Meine Annahme, und auch die deines Vaters, ist, dass die Hyl Moblina nach Wegen sucht anhand der genetischen Eigenschaften eurer Familie… eine Möglichkeit zu finden, das MS wieder zu benutzen. Es scheint so, als wäre dein Vater oder du jemand, der in der Lage ist, das MS in die Hand zu nehmen, ohne dass es euch entgleitet, euch verflucht oder wie die Legenden besagen, ihr euch daran verbrennt. Es heißt zwar, dass MS scheint nicht in Verbindung mit den Machenschaften der Hyl Moblina zu stehen, aber ich habe da meine Zweifel, ob es nicht doch in deren Besitz ist.“

 

„Aber wieso?“ Verdutzt ließ Lia die Mappe auf den Tisch sacken und lehnte sich zurück in das weiche Sofa. Sie kratzte sich an ihrer Stirn und stellte sich erneut dieselbe Frage in ihren Gedanken… Wieso?

„Ich verstehe gerade überhaupt nichts“, murmelte sie und schüttelte ihren hübschen Kopf.

„Was hat das MS mit meiner Familie zu tun?“ Und tatsächlich stieg Lia im Augenblick nicht dahinter. Sie hatte sich nie als ein Mitglied einer schicksalhaft auserwählten Familie gesehen. Sie identifizierte sich nicht unbedingt mit Vergangenem so wie ihr Vater und seine bunten Erzählungen. Sie liebte die Gegenwart… Sie konnte nicht ohne die Gegenwart leben…

„Ganz einfach… dein Vater und du, ihr geht aus dem alten Heldengeschlecht hervor, und seid damit in der Lage das MS zu führen, als einzige zwei Wesen auf diesem Planeten.“

„Bei Dinafa, Zelda“, murrte Lia verwirrt und laut. Sie wollte diese Worte nicht glauben, natürlich nicht. Hatte ihr Vater gerade deshalb diesen Hang zu der alten Legende?

 

Die Kinder Navi und Klein- Link huschten in Lias Gedankengängen umher. Dieser Junge mit den himmelblauen Augen hatte angegeben, er wäre der zukünftige Sohn eines Heroen, der Link hieß. Der Heroe in der Welt jenes Jungen… Nannte man diesen Mann etwa auch deswegen Held der Zeit, weil er in der Lage war das Masterschwert zu führen? Und wenn ihr Vater diesem Link entsprach, bedeutete das, dass ihr Vater das Heilige Schwert, geschmiedet von den ersten Sieben Weisen, in die Hand nehmen konnte?

 

Lias Gesichtszüge entspannten sich, als sie akzeptierte…

„Wie ich vermute, verstehst du nun die Sachlage…“, flüsterte die Dienerin des Staates.

„Dein Vater wusste es… er wusste, dass er etwas damit zu tun hatte. Nur deswegen machte er sich auf den Weg. Nur aus diesem Grund brachte er sich in Gefahr…“

„Weil er mal wieder zu abenteuerlustig war, die Sache auf sich beruhen zu lassen?“, schimpfte die Ärztin und sprang vom Sofa. „Er ist ein sturer, alter Bock“, schnaufte sie.

„Nun… seine Abenteuerlust war nicht der eigentliche Grund. Er fühlte sich verpflichtet“, erklärte Zelda Harkinian.

„Quark“, murrte Lia und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verpflichtung wofür?“

Kopfschüttelnd und Lias plötzliche Verbitterung nicht begreifend, trat die Ministerpräsidentin zurück an ihren Schreibtisch, setzte ein paar schmale Gläser auf ihre Nase, stützte den Kopf mit ihren Händen und schielte Lia eindringlich an. Die junge Frau hasste diese genauen Einblicke ihrer Lehrmeisterin in die Seele eines Hyrulianers. Denn jene hatte ein unheimliches Gespür, wenn sie diesen Blick auflegte. Es schien fast so, als konnte sie damit Gedanken lesen.

„Du verstehst den Grund nicht… Stell‘ dir vor man könnte die Macht des MS wiedererwecken und sie für zerstörerische Zwecke nutzen. Dem MS wohnt eine Macht inne, die schon ansatzweise mit dem Triforce zu vergleichen ist. Gerade deshalb fühlt sich dein Vater verpflichtet etwas dagegen zu tun.“

„Das ist der größte Blödsinn, den ich gehört habe, Miss Harkinian. Wenn er jemand ist, der das MS nutzen kann, denkt ihr nicht, dass es ein gefundenes Fressen für die Hyl Moblina ist, dass ausgerechnet der, der das MS führen kann, direkt in ihre Arme läuft“, erwiderte Lia stur.

„Mmh… hast du schon mal den Spruch gehört, dass ein Versteck an der Brust des Feindes das sicherste Versteck ist? Sie werden deinen Vater überall suchen, nur nicht vor ihrer Haustür.“

„Und was ist mit mir? Schwebe ich damit in Gefahr?“, sprach sie leiser.

„Ja, sicherlich…“, murmelte Zelda. „Nur habe ich genug Vertrauen in deine Fähigkeiten, dass ich weiß… ja ich weiß, dass du dich immer verteidigen wirst, egal, welche Situation auf dich zukommt.“

 

Lia verstummte und schaute zu Boden. Das ganze erschlug sie fast ein wenig. Erst diese beiden Kinder, die auf mysteriöse Weise gerade in ihre Arme gelaufen waren. Dann die Sorge um ihren Vater. Und nun musste sie auch noch auf sich selbst besser aufpassen, da sie scheinbar ebenso im Visier der Hyl Moblina stand.

 

„Du hast Spitzel auf mich angesetzt…“, meinte die Ärztin leise. „Obwohl du gerade sagst, du hättest genug Vertrauen in meine Fähigkeiten mich selbst zu verteidigen.“

Zelda Harkinian seufzte und starrte erneut zu den Photographien der Masterritter.

„Du hast es gemerkt? Wann?“

„Ich bitte dich, Zelda, als ob das so schwer zu registrieren war. Ich habe es dann und wann gespürt, in der Tiefgarage, selbst im Fahrstuhl, als ob jemand hinter mir steht.“

Die ältere Frau trat erneut auf ihre Beine in Lias Richtung. Und während sie nähertrat, schien ein Licht sie zu umhüllen, welches Lia noch nie erkannt hatte. Ihre Lehrmeisterin wusste mit Magie umzugehen und sie wusste auch viele Dinge, bevor sie überhaupt passierten. Vielleicht erntete sie deshalb den Respekt von Seiten ihrer Schüler immer wieder.

Es war ein warmes Licht, ein Schein, so vollkommen, natürlich, und rein, wie ein Regen inmitten eines schwülen Sommertages…

 

„Ich weiß, dass du dich selbst verteidigen kannst…“, sprach sie als Verbündete von Wissen und Weisheit. „Und es stimmt, jemand wacht über deine Wohnung, aber nicht als Spitzel, noch als Feind, sondern als Beschützer deiner beiden Besucher.“

Die nächste Sache, die Shadow in Erfahrung gebracht hatte. Die Besucher aus der anderen Welt hatten also auch ihr Interesse geweckt.

„Diese beiden stehen, seit sie hier sind, unter meinem Schutz“, erklärte sie. „Scheinbar hast du vergessen, welche guten Kontakte ich zu den jetzigen Weisen pflege.“

Nein, das hatte Lia nicht vergessen. Nach dem Durchbruch von Zelda Harkinian in der Politik arbeitete sie eine zeit lang als Beauftragte jenes Bundes von weisen Wesen. Konnte es sein, dass sie etwas mit der Rettung von Klein- Link und ihr zu tun hatte, als sie am Balkongeländer hingen?

„Und ich bin froh, dass diese beiden Besucher ausgerechnet dich gefunden haben… eine vertrauenswürdigere Person findet man nicht so einfach…“

„Moment mal… du weißt also über diese Knirpse bescheid? Du weißt aber auch wirklich alles“, sagte Lia halb grinsend, halb niedergeschlagen.

Zelda Harkinian entschuldigte sich förmlich: „Verzeih‘ mir Lia.“ Auch die Politikerin grinste ein wenig. „Aber du kennst mich und meine Handlungsweise doch inzwischen…“ setzte sie hinzu.

„Zum Glück, ja zum Glück“, sprach sie melancholisch…

„Noch etwas… du solltest wissen, dass neben diesen beiden eine dritte Person in unser Raum-Zeit-Gefüge eingedrungen ist. Wenn mich nicht alles täuscht, so ist jene Person sicherlich hinter diesen beiden Kindern her“, ergänzte die Politikerin.

„Verstehe… das klingt nicht gut.“

„Wahrlich nicht…“

 

Lia musste diese ganzen Neuigkeiten erst einmal sacken lassen und schwieg in den nächsten Minuten. Miss Harkinian war indes abgelenkt von einem Telefonanruf und ihrer Sekretärin, die ein paar Briefe hereinbrachte. Danach stürmte noch ein kleiner, untersetzter, hylianischer Mann in ihr Büro, der Gesundheitsminister, und wollte eine bedeutende Angelegenheit klären.

Demnach verabschiedete sich Lia und bedankte sich für die vielen Informationen. Kurz bevor sie aus der Tür heraustrat, rief ihre Shiekah- Lehrmeisterin noch hinterher: „Ach ja… und Velkan hat nach dir gefragt.“

Lia nickte teils verlegen, teils erzürnt und schloss die Tür hinter sich.

 

Velkan… der jüngste von Zeldas drei Söhnen.

Was fiel dem ein, nach ihr zu fragen? Hatte dieser aschblonde Casanova, gutaussehende Schürzenjäger, durchtrainierte Taugenichts und studierte Dummkopf nicht besseres zu tun, als mal wieder den Kontakt zu ihr zu suchen?

Noch während sie den Fahrstuhl ins Erdgeschoss nahm, musste sie über diesen Idioten, wie sie ihn gerne bezeichnete, nachdenken. Und ärgerte sich selbst deswegen umso mehr. Er war ein eitler, um Ausreden nicht verlegener Mann, der sich nicht um die Gefühle von Frauen in seiner Gegenwart scherte, obwohl er sich auffallend gerne mit hübschen, jungen Dingern umgab. Er hatte überhaupt nichts mit seiner weisen, warmherzigen Mutter gemein, dachte Lia und warf dem Pförtner mit dem Gerudoblut beim Herausgehen aus dem Regierungsgebäude einen äußerst vielsagenden, ihren momentanen Hass auf die Männerwelt Ausdruck verleihendem Blick entgegen. Der Mann sackte vor Angst auf seinem Stuhl zusammen und blickte der Hylianerin mürrisch hinterher. Niemand sollte sich mit einer miesgelaunten, temperamentvollen Hylianerin wie Lia anlegen, vor allem dann nicht, wenn sie sich so aufgeladen wie im Augenblick fühlte…

 

Inzwischen war es Mittagszeit und Klein- Link und Navi hatten den ersten Schultag mit einem mulmigen Gefühl im Magen überstanden. Nachdenklich traten die beiden aus dem Schulgebäude heraus. Klein- Links linke Hand war bandagiert worden, sogar der Notarzt wurde gerufen und musste die Hand nähen. Das Götterkind schämte sich inzwischen für diese Dinge, die passierten, und wollte nicht einmal mit Navi darüber reden. Er verstand es ja selbst nicht. Er fühlte sich in manchen Situationen wie erschlagen, als ob ihn irgendetwas in die Tiefschlafphase zerren wollte. Und dann, wenn er augenscheinlich schlief, erschien es ihm als befand es sich in einem Labyrinth, wo sich die Wände langsam in seine Richtung schoben. Und gerade dann versuchte er zu entkommen. Er rannte, er bewegte sich, er tat irgendwelche Dinge, nur um wieder wach zu sein.

 

„Wie geht es dir?“, meinte Navi besorgt, die einen Meter hinter ihm her trottete.

Er blickte kurz zurück, wollte kenntlich machen, dass er sie gehört hatte, trotzdem wusste er nicht, was er darauf sagen sollte. Wie sollte es ihm schon gehen? Er hatte ein paar komische Zustände, war ja nicht weiter schlimm, was? Er blieb zerstreut stehen, und auch Navi stoppte ihren ohnehin einschläfernden Laufschritt.

Versunken in seiner Schweigsamkeit ließ er sich neben einem Springbrunnen auf eine Treppenstufe sinken. Er beobachtete wie das Wasser aus der Spitze eines kupferfarbenen Triforcegebildes hinaus sprudelte und sich in einem runden Auffangbecken ansammelte.

„Ach mann, Navi… ich komme mir irgendwie so nutzlos vor“, sagte er leise.

Trübsinnig gesellte sich die einstige Fee zu ihm. In seinen Augen lesend erkannte sie die vielen Zweifel darin, aber auch Sorgen um das Gelingen dieser ganzen Mission.

„Ich habe mir diese Mission so einfach vorgestellt und jetzt, wo wir mitten drin sind, wird alles immer schwieriger… es sind einfach so viele Probleme aufgetreten, mit denen ich nicht gerechnet habe.“ Navi stellte ihre schwere Schultasche vor ihm ab. Verwundert sah er auf und begegnete einem ebenso trübsinnigen Gesichtsausdruck.

„In Hyrulia war irgendwie alles so geregelt, nicht wahr? Wir mussten beide nicht so viel tun, irgendwie haben Link und Tetra alles auf ihre Art und Weise erledigt. Und der Held des Windes war eigentlich die meiste Zeit vor unserer Nase. Selbst der Kampf am Ende… was hatten wir großartig damit zu tun?“

„Nichts…“, meinte er leise. Weniger als nichts, Klein- Link war ja nicht einmal in der Lage ein Schwert so zu führen, dass er sich damit in einer gefährlichen Situation sicher sein konnte.

„Eben… und hier in Saria, sind wir mehr und mehr auf uns alleine gestellt. Möglicherweise gibt es sogar jemanden, der uns verfolgt…“, sprach Navi leise. „Aber so ist es nun mal, wenn man auserwählt ist, Götterkind. Eine solche Mission verlangt uns alles ab, was wir haben…“

Schwermütig lächelnd hüpfte er auf seine Beine und lauschte fortwährend den aufmunternden Worten Navis. „Dein Vater, Klein- Link, du hast keine Vorstellung, wie oft er Zweifel hatte in seiner langen Mission, wie oft er sich einsam fühlte, wie oft er sich als nicht würdig verstand, das Masterschwert zu nutzen. Ein Spiel ist das Leben in Hyrule nicht… in keinem Hyrule, schätze ich.“

„Du meinst, ich muss verstehen lernen, dass es zu einer Mission gehört auch Fehlschläge hinzunehmen…“

„Ja, und vielleicht auch scheinbar unlösbare Probleme. Manche Dinge muss man einfach akzeptieren“, sprach sie, nahm ihren Rucksack wieder auf den kindlichen Rücken und musterte Klein- Link, der eine Sorgenfalte weniger auf der Stirn hatte.

„Und deine Hand?“

„Geht schon“, meinte er.

„Obwohl ich noch immer nicht verstehe, wie du beim Schlafwandeln plötzlich Lust verspürst dich selbst zu verletzen.“ Mit großen Augen blickte Navi ihn an, fast so, als wollte sie eine Erklärung. Ihre lange Nasenspitze wackelte, als ob sie niesen musste, da Klein- Link nichts darauf sagte. Erneut boxte sie ihn in die Rippengegend, einer ihrer Lieblingsgrausamkeiten gegenüber dem Götterkind.

„Hey, ich rede mit dir!“

„Ich weiß ja, nur musst du dich nicht ständig auf diese gemeine Art und Weise bemerkbar machen.“ Er schnaufte. War sein Körper nicht mitgenommen genug, musste ihn da Navi denn immer wieder an die gleiche Stelle boxen, immer wieder die gleiche Rippe?

Entschuldigend lächelte sie immer wieder, wenn dies passierte. Und auch jetzt.

Das Götterkind warf ihr einen genervten Blick entgegen und schöpfte dann etwas von dem Wasser des Springbrunnens.

„Navi… ich denke manchmal, irgendetwas zwingt mich zum Einschlafen und dann…“ Doch in dem Augenblick schien die einstige Fee ihren Begleiter nicht weiter zu beachten, sondern starrte angestrengt einige Meter weiter. Ihr angstvoller Blick traf eine Figur, die sich an eine mausgraue Gebäudewand gelehnt hatte. Auch der Junge drehte sich um und erhaschte einen Blick. Tatsächlich stand nur wenige Meter weiter ein Mann mit hochgezogenen Mundwinkeln. Groß gewachsen. Muskulös und geheimnisvoll. Ein schwerer, rabenschwarzer Mantel umhüllte ihn wie eine Gewitterwolke und verlieh ihm ein gefährliches Charisma. Seinen Mantel schwingend trat er einen Meter näher. Unter einer langen, das Gesicht halb verdeckenden Kapuze wurden rotglühende Augen sichtbar. Und ihr Hass und die Gefahr, die jene aussendeten, war ganz allein den beiden Besuchern aus einer anderen Dimension gewidmet. Die Gestalt trat einen weiteren Schritt näher, als eine Gruppe von Ball spielenden Jungs gerade in dem Moment an ihm vorbeirannte, einige ihn anrempelten und ein weiterer Junge ihm einen Goronenball gegen den Kopf knallte.

 

Der Mann murrte, hob seine rechte Faust und wollte diese einem der Kinder in das Gesicht bohren, als ein weiterer Mann seine Hand abfing. Fest umfasste ein cooler Typ mit hellblondem, sehr kurzem Haar, schwarzer Sonnenbrille und coolem dunkelblauen Motoradanzug das Handgelenk des Mannes, der eine gefährliche Aura aussendete.

„Nana, Sie werden doch keine kleinen Kinder hauen, Mister“, sagte der Kerl und stupste den Unbekannten zurück.

„Nie und nimmer…“, stieß jener Mann mitsamt der Luft in seinem Lungen heraus. Und es war das erste Mal, dass diese Stimme erklang, die Klein- Link noch lange im Gedächtnis bleiben sollte. Es war eine Stimme, die einen hässlichen Schauer den Rücken herunter jagte und die von einem noch gefährlicheren Wesen stammte. Es war eine Stimme, die schien, als wäre sie gespalten. Eine hohe, schiefe Stimme, die einen tiefen, düsteren Nachklang hatte, fast wie als sprachen zwei Stimmen aus dem Mund jener Gestalt. Er warf dem Götterkind und Navi noch ein paar böswillige Blicke entgegen und verschwand dann in der Seitengasse.

 

„Was für ein komischer Kerl“, sprach der Typ mit der Sonnenbrille, schien kurz in Navis Richtung zu blicken und winkte den ballspielenden Kindern zu.

„Gut gemacht, Jungs“, rief er noch, stieg auf sein Motorrad und sauste davon.

 

„Sag‘ mal… hast du auch so eine Gänsehaut bekommen von diesem Typen?“, sprach Klein- Link und riss eine kopfhängerische Navi aus ihren Gedanken. Erst, als sie sich zu ihm umdrehte, sah er ihr kreidebleiches Gesicht.

„Dieser Mann mit der Kapuze, den hab ich schon einmal gesehen, als Lia mit uns das erste Mal zu ihrem Appartement gefahren ist.“

Klein- Link schluckte. „Das gefällt mir ganz und gar nicht… irgendetwas an diesem Mann macht mir unheimliche Angst.“

„Mir auch…“, sprach Navi trübsinnig… „Mir auch…“

 

Sie wusste beide nicht, dass dieser düstere Unbekannte ihren weiteren Weg noch oft kreuzen und zum Schlechten beeinflussen würde. Denn überall lauerten die Gefahren aus einem Ungleichgewicht von Mächten. Und in jeder Dimension würden sich weitere Grausamkeiten auftun, mit denen ein Dummkopf nicht rechnete. Der Wahnsinn hatte seine Verbündeten, und das Gute tänzelte über schmale Brücken, einmal zurück… einmal nach vorn…

 

 
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