Kapitel 104
 
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6. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 4

 

 

Für Navi und Klein- Link kehrte inzwischen ein augenscheinlich gewöhnlicher Alltag in jener Welt ein. Sie begannen sich allmählich damit abzufinden für die nächsten Tage ihrem Ziel, den Heroen jener Welt zu treffen, nicht näher zu kommen. Sie gingen zusammen mit Lia aus dem Haus, besuchten die Schule und verbrachten den Nachmittag und den Abend meistens mit Lia. Inzwischen ging die Tochter des Heroen jener Welt wieder zur Arbeit, da die kriminaltechnischen Untersuchungen im Krankenhaus abgeschlossen wurden.

Dennoch… Ab und an keimte in dem Götterkind der Gedanke, ob es wirklich okay war, öfter allein mit Navi zuhause zu sein. Nicht, dass er Navi nicht vertraute, aber sie war nun mal vom Aussehen her ein hilfsbedürftiges, kleines Mädchen. Falls es irgendwann zu einem Angriff kommen sollte, sei es durch irgendwelche Verbündete Ganondorfs von der Erde, oder von dieser Hyl Moblina, wie um Himmels Willen sollten sie sich beide verteidigen?

Viele Gedanken schossen durch Klein- Links Kopf, als er an einem einsamen Morgen, in Seelenruhe auf dem Balkon in Lias Wohnung stand.

 

In einem gleichmäßigen Takt stieg östlich, geheimnisvoll und immer wieder leidvoll, einer Geburt gleichend, die alte Sonne am Horizont auf. Sie war glutrot, umgeben mit violetten Schleiern, die wie Schlangen am Himmelszelt entlang krochen. Es schmerzte ihn auf eine mysteriöse Weise diesem Schauspiel zuzusehen. Manche Dinge, so sagten einst die Götter zu ihm, waren so geheimnisvoll, dass nicht einmal ein Gott auf jene Dinge Zugriff hatte. Manches lag verborgen im Nebel, manches verborgen in den Meeren und manche Dinge versteckten sich gerne in eines Menschen Herz…

Der Sonnenaufgang verführte geradeso dazu einfach in Gedanken zu versinken. Die warmen Strahlen, die das Gesicht benetzten, ermutigten, die Augen zu schließen und einfach zu genießen…

Die Tage wurden verwirrender, die Ereignisse überschlugen sich fast. Das Kind der Götter brauchte diesen Augenblick jetzt, gerade jetzt, wo Lia und Navi beide noch schliefen…

Nebensächlich war diese anstrengende Mission für diesen magischen Moment, in welchen er in sich hineinhorchen konnte. Nebensächlich war der neue Feind, der aus irgendwelchen dubiosen Motiven hinter ihm und Navi her war. Vergessen wollte er sein selbstzerstörerisches Schlafwandeln für einen Moment, ebenso das Verblassen, welches ihm in Hyrulia geschehen war und noch immer beschäftigte.

Er war sorglos für einen winzigen Augenblick, am Rande dieses Hyrules, am Rande von vielen Dimensionen. Und in seinen himmelblauen Augen, jenen unvergesslichen Spiegeln in sein Bewusstsein, stieg etwas empor, wovor sich selbst ein Gott fürchtete. Ein Mut, eine Hoffnung, ein verstandsloser Hauch Stärke. Der Junge, aus dem ein Held werden würde, der seinesgleichen suchte, fühlte sich lebendig auf eine neue Weise. Das Blut in seinen jungen Adern raste rasch in seinem Kreislauf. Er spürte seinen Herzschlag, vollkommen und neu. Er spürte das Leben in sich. Er lebte… endlich…

 

Mit diesem neuen Gefühl in seinem Körper, blickte er gedankenvoll auf seine kindlichen Hände, und sah innerlich, tief versteckt in seinen Gedanken Dinge, die er irgendwann in der Lage sein würde zu tun. Er würde kämpfen lernen, ja… und er würde auch etwas Neues kennenlernen, vielleicht nicht in dieser Mission. Eine Erfahrung, die jeder irgendwann im Leben machte. Eine Erfahrung mit jemandem Besonderen.

Das Gefühl in sich wurde stärker, der Gedanke schwand nicht. Irgendetwas war hier, fast neben ihm, fast im gleichen Takt atmend, fast so lebendig wie er selbst. Und morgen schon, vielleicht in einer anderen Welt, würde er den Schlüssel finden zu diesem Gedanken und das Geheimnis dahinter aufschließen.

War er etwa nicht mehr allein in seinem Körper? War da jemand, der sich aus ihm speiste? Der mit ihm Gefühle austauschte, aber keine Bilder, nicht einmal etwas Fassbares? Es schien ihm, als konnte er reden, Fragen stellen und irgendetwas oder irgendjemand in seinem Inneren konnte darauf antworten…

„Warum bin ich erschaffen worden…“, sprach er flüsternd, vernahm das Rauschen in seinem Herzen, horchte und bildete sich ein, ein Gefühl ließ die Antwort zu.

,Du bist hier und überall… um zu vollbringen, was niemand sonst kann.‘ Er konnte nicht sagen, ob er diese Antwort aus dem Wissen in seinem Kopf zog, oder ob da tatsächlich etwas Neues eine Antwort vorgab. Es war so einfach, fast unheimlich. Er wand sich um, schloss seine himmelblauen Augen und spürte die warmen Strahlen der Sonne an seinem blonden Hinterkopf.

„Bin ich mehr?“, fragte er leise und atmete tief ein. Es war da, als ein kleiner Stich in seinem Herzen, ausgelöst durch Aufregung, ausgelöst durch etwas vollkommen neues, ihn die Antwort erkennen ließ.

,Ja, du bist Mein.‘

 

Erschrocken drehte er sich erneut um seine eigene Achse, suchte seine Umgebung ab, spürte Hitze und seinen kochenden Lebenssaft im Körper wallen. Aus irgendeinem Grund war er maßlos aufgeregt, fühlte sich wie neugeboren, als hätte jemand eine neue Essenz, eine kleine aber mächtige Zutat in seinen Lebenssaft gemischt.

„Wer bist du…“, sagte Klein- Link, suchte erneut seine Umgebung ab. Aber da war niemand. Er hatte ein neues Selbst in sich, eine Identität, die scheinbar unzertrennlich mit ihm verbunden war und die er erst heute das erste Mal spürte. Es fühlte sich machtvoll an, er wollte dieses Selbst finden, er wollte es umarmen, er wollte es sehen…

,Verletze dich nicht mehr selbst… bitte…‘

Und diesmal erschien es Klein- Link fast so, als befand sich dieses Wesen tatsächlich mitten in seinem Kopf. Es hielt ihn fest, es war warm und angenehm.

„Ich will es ja nicht… irgendetwas zwingt mich dazu“, versuchte er zu erklären. Aber das allumfassende Gefühl in sich, welches in dem Moment explodierte und alle möglichen neuen Empfindungen in seinen Körper schickte, nahm ihm strafend den Atem. Das neue Selbst wollte dies nicht akzeptieren. Und es war da, dass der Junge das Gefühl verspürte jemand lehnte sich an ihn, sachte, anschmiegsam, tröstend an seinen Rücken. Sein Herz pochte wie wahnsinnig gegen seine Brust, so heftig, als wollte es den Brustkorb durchbrechen, während er versuchte das Gefühl zu verstehen.

,Du bist stark… das bist du… morgen irgendwann wirst du finden, was du bist…‘, sprach das Gefühl und verabschiedete sich mit einem letzten, tosendem Schlag in Klein- Links Brust. Er wurde ruhiger, als die Sonne den Horizont staatlich erfüllte. Die Aufregung schwand langsam… und sein Geheimnis schwieg.

Er seufzte und fühlte sich plötzlich etwas allein gelassen, fast einsam…

Es war verschwunden, was immer ihn auch so sanft getröstet hatte. Er fühlte sich fast leer ohne diesen angenehmen Hauch von Zweisamkeit.

 

Er trat einen Schritt vorwärts, als er plötzlich auf etwas trat. Verwundert kniete er nieder und fand auf dem Boden von Lias Balkon tatsächlich einen kleinen Gegenstand, den er vorher nicht bemerkt hatte. ,Wie kam das hierher‘, fragte er sich. Er strich vorsichtig über eine kleine ovale Brosche, kupferfarben mit einer kleinen, länglichen Flöte, die darauf eingraviert war. Eine feine silberne Flöte, wie eine Querflöte oder Oboe…

Ob Lia das hier verloren hatte?

Er hob es auf und ließ die Brosche an einer ebenso kupferfarbenen Kette etwas in der Luft baumeln. Wie von Geisterhand öffnete sie sich und auf einem dünnen Stück Papier rieselten ungewöhnliche Noten auf den Boden. Es war ein selbstgeschriebenes Musikstück, zumindest deuteten die mit Bleistift dahin geschmierten Noten darauf hin.

Aber Lia hatte bisher nichts davon erzählt, dass sie ein Instrument spielte. Und bisher hatte er sie in den wenigen Tagen, die seit jeher vergangen waren, nicht spielen sehen. Sorgsam schloss er die Noten wieder in dem Schmuckstück ein und nahm es mit. Er würde es ihr später überreichen, dachte er.

 

Irritiert trat er vom Balkon zurück in Lias Schlafzimmer. Auf Zehenspitzen schlich er an der schlafenden Frau vorbei und hatte fast etwas Sehnsucht nach dem Gefühl, welches ihn auf dem Balkon so angenehm umfing. Er wollte es wiederhaben, was immer es auch war. Er wollte es spüren…

 

Nachdenklich legte er sich wieder auf die grüne Couch im Wohnzimmer, sinnierte über das, was bisher geschehen war, über die Erlebnisse in Hyrulia, und die Ereignisse in Saria. Als Lia sie gestern am Springbrunnen in der Nähe der Schule abgeholt hatte, erzählte sie zunächst von Zelda Harkinian, der Ministerpräsidentin, zu der sie Kontakt pflegte. Es war irgendwie schade, dass Zelda in dieser Welt eine so gut bewachte und beschäftigte Frau war, er konnte sie bisher nicht einmal kennenlernen.

Auch berichtete Lia nach Angabe der Ministerpräsidentin von einem Wesen, welches sie beide verfolgen könnte. Und vielleicht war jener Feind für den anderen Riss im Raum-Zeit-Gefüge jener Welt verantwortlich. Ob der unheimliche Mann von gestern etwas damit zu tun hatte? Mit der Brosche in der Hand drehte sich der Junge zur Seite und konnte nicht verstehen, noch irgendwie beschreiben, was gerade in ihm vorging. Sicherlich hatte er Angst vor den weiteren Gefahren, aber er fühlte sich seit vorhin irgendwie besser. Selbst diese Brosche hatte irgendwie eine beruhigende Wirkung auf ihn… wenn sie Lia nicht gehörte und aus irgendwelchen absurden Gründen auf dem Balkon gelandet war… wenn Lia sie vielleicht wegschmeißen wollte, konnte er sie da nicht einfach behalten? Er grinste und fühlte sich fast ein wenig fies und hinterlistig. Warum sollte er Lia oder Navi erst etwas davon erzählen? Er konnte ja einfach schweigen, ja genau…

Er schmunzelte leise…

Er wusste, dass er hinterlistig sein konnte. Er wusste dies schon, als er ab und an ein Auge auf seine zukünftigen Eltern gehabt hatte. Vielleicht sehnte er sich auch nach ihnen, er konnte es nicht genau sagen. Vieles vermisste er inzwischen…

Nicht nur Zelda und Links Fürsorge, oder ihre angenehme Art mit ihm umzugehen, er vermisste die Unbeschwertheit. Er vermisste auch die Zeit früher, wenn er einfach sorglos im Haus der Götter umher wandeln konnte. Es war schön von den Göttinnen persönlich so viel über das Leben Hyrules zu lernen. Er liebte es unsterbliche Wesen in den Garten des Lebens zu beobachten, sie zu studieren. Und er wünschte sich sehnlichst einmal wieder Drachen, vielleicht am Horizont entlang gleitend, mit den eigenen Augen zu sehen. Im Garten des Lebens hatte er einmal sogar einen jungen Drachen streicheln dürfen.

Er erinnerte sich als wäre es gestern gewesen…

Die Bilder wurden vor seinem inneren Auge lebendig…

 

„Du darfst sie ruhig streicheln…“, sprach die Wächterin des märchenhaften Gartens, als er an einem frühlingshaften Tag sich hinter einem alten Laubbaum versteckend, zuschaute wie ein Drachenbaby aus einem Ei schlüpfte.

Zaghaft trat er damals hinter dem Baum hervor und begegnete Niléz, einer von den Göttern ausgewählten Beschützerin jenes Gartens. Es war eine alte Frau mit silbernem, langen Haar und weißen Flügeln, die sie vielleicht aus Scham unter ihrem Gewand versteckte.

„Komm‘“, meinte die alte Frau oft, ihre Augen immer unter ihrer mit silbernen Schleifen bestickten Kapuze verbergend. Sie ermutigte ihn gelegentlich die Geschöpfe in jenem riesigen Garten zu beobachten und auch zu berühren. Er war gerne bei dieser alten Frau gewesen, mit ihrer angenehmen Stimme und Weichheit, auch wenn er sich nur spärlich an sie erinnern konnte. Das einzige, das er von ihr wusste, war, dass sie die Phantasie liebte. Sie liebte Träume und den Reichtum ihres eigenen Gedankengutes.

Nun ja, er war damals auch noch viel jünger gewesen, vom Aussehen her vielleicht fünf Jahre, sodass es nicht verwunderlich schien, falls sie nur spärlich in seiner Erinnerung erhalten blieb.

Und an dem einen Tag, als ein kleiner silberner Drache aus dem Ei schlüpfte, seine kleinen Reißzähne und Krallen quietschend nutze um sich die Schalen vom Körper zu streifen, an jenem Tag erzählte Niléz ihm etwas über den Kreislauf des Lebens, über die Unsterblichkeit der Seelen und über ihren Wunsch irgendwann ein Mensch zu sein, und ihre Phantasie mit jemandem zu teilen. Auch er erzählte von seinen Wünschen, davon ein Heroe zu werden, den kein anderer übertreffen konnte. Ein Heroe, der alles möglich machte…

Nur hatte dieser Wunsch… dieser verteufelte Ehrgeiz noch einen Sinn?

Waren seine Wünsche von damals nicht eher eine Lüge gewesen? 

Seit er in Hyrulia eine Kreatur des Bösen getötet hatte, wusste er nicht mehr, ob der Weg, den jeder ihm gezeigt hatte, der richtige war.

Link, Zelda, die Göttinnen, Navi… und vielleicht sogar die unbedeutende Niléz glaubten an das, was er werden konnte. Aber glaubte er selbst noch daran?

Ein Heroe, der die Dimensionen überwand…

Er kannte die Hymne der Helden Hyrules. Ein Lied, welches sich irgendwo in ihm festgebrannt hatte. Und oftmals fragte er sich, ob jene Hymne auch für ihn galt…

 

Er begann leise die Hymne der Heroen zu summen, als er sich die verwaschene, hellblaue Jeans und ein dunkelgrünes, samtiges T-Shirt überzog, welche Lia ihm zurecht gelegt hatte. Er summte auch noch, als er den Wecker in Lias Schlafzimmer hörte, und auch noch als die halbschlummernde Navi ein Auge öffnete um ihn zu begutachten.

Sie murmelte ein verschlafenes ,Guten Morgen‘ und blickte ihn dann wie durch eine Lupe erwartungsvoll und irgendwie verwundert an.

„Du siehst irgendwie verändert aus“, meinte sie und gähnte herzhaft. Vielleicht stimmte das tatsächlich. Etwas begann sich zu verändern. Etwas Neues war in greifbarer Nähe, auch wenn Klein- Link dies selbst noch nicht fassen konnte, nicht definieren konnte.

„Du wirkst irgendwie gelassen und älter. Ist irgendwas mit dir passiert?“, bohrte sie weiter nach und wuselte mit ihren dicken, klobigen Fingern in ihrem ohnehin zerzaustem Haar herum.

 

Dümmlich lachend rieb sich der Junge den Hinterkopf. „Nein, nein. Ich meine, was soll schon passiert sein. Es ist alles wie immer, denke ich doch. Und ich finde, wir sollten dann aufstehen. Wir müssen ja in die Schule gehen, meinst du nicht auch, Navi. Und mir geht es wirklich super. Alles wie immer, nur schlimmer.“ Inzwischen kam sich Klein- Link selbst schon ziemlich verunsichert vor, bedachte man den Blödsinn, den er gerade aus seinem Mund geleiert hatte. Navis verwirrter Gesichtsausdruck und das leichte Misstrauen in ihren Augen trugen ebenso dazu bei, dass er sich dümmlich fühlte. Jetzt wusste sie erst recht, dass er etwas vor ihr verschweigen wollte.

Sie sprang flugs aus dem Klappbett, legte eine Hand auf seine Stirn und beäugte ihn skeptisch. „Irgendwas hast du angestellt“, meinte sie. „Deine Stirn kocht ja gerade zu.“

„Ist ja gar nicht wahr, ich hab‘ kein Fieber“, stritt er.

„Oh doch, hast du!“

Klein- Link rollte mit den Augäpfeln und verschränkte die Arme. „Ich fühle mich aber richtig gut.“

„Dann muss das ja auch eine Ursache haben, schließlich haben wir es zurzeit nicht gerade leicht, du dummer Kerl. Zur Erinnerung“, erklärte sie mit ihrer übernatürlichen Besserwisserei, ihrem überdrehten Talent und ihrer nahezu überdimensionalen Arroganz.

„Wir befinden uns in Gefahr. Der Heroe dieser Welt ist vielleicht Tausende hylianische Meilen von uns entfernt. Du hast allmählich immer mehr komische Anwandlungen wie die Tatsache, dass du dich selbst verletzt und auf der Erde passiert womöglich in dieser Sekunde Fürchterliches. Und alles, was du zu sagen hast, ist, du fühlst dich super?!?“

 

Klein- Link rieb sich erneut schuldbewusst am Hinterkopf und versuchte, ja, er versuchte wirklich Navis Worten zu folgen, aber je mehr sie sich aufregte, umso mehr schaltete er ab. Er nickte lediglich und fragte sich, ob Navis Wutanfall allmählich verebbte, oder ob er neuen Zündstoff nachwerfen sollte. Er entschied sich für letzter Variante und unterbrach sie grinsend. Ein Grinsen, das verteufelter und zugleich gutmütiger nicht sein konnte.

 

„Navi, es gibt da sogar noch ein Problem, aber das habe ich dir bisher aus irgendwelchen Gründen einfach noch nicht erzählen können.“ Er konnte förmlich sehen, wie mehr und mehr Röte in Navis Gesicht stieg. Und ihre leuchtend grünen Augen schienen durch das rot ihrer Wangen nur noch giftiger zu wirken. Klein- Link wusste nicht wieso, aber er konnte sich ja schlecht weiterhin von Navis Sorgenmacherei fertig machen lassen. Also drehte er den Spieß rum. Er wollte es genießen, auch einmal überlegen zu sein, selbst wenn es nur um solche Streitereien ging. Und er besaß wahrlich das Recht solche unsinnigen, wenngleich auch lustigen Streitereien mal auszukosten. Er begann zu grinsen, während er sich vorstellte, wie aus Navis glühendem, rotem Kopf heißer Dampf wie aus einem überquellenden Dampfkessel emporstieg.

„Welches Problem!“, zürnte sie und stapfte wutgeladen im Zimmer hin und her.

Klein- Link lächelte charmant und lachte dann albern. „Nun ja… wenn ich es dir erzähle, wirst du ja noch wütender, vielleicht ist das doch nicht so eine gute Idee.“

„Was soll das hier eigentlich?“, murrte sie. „Willst du mich auf die Palme bringen?“

Aha, dachte der Junge. Endlich verstand sie es. Er wusste zwar nicht wieso, aber es machte ihm schlichtweg Spaß sich so mit ihr anzulegen, sie auf diese Weise wütend zu machen. 

„Solange du dich auf die Palme bringen lässt, ist das für mich ja schließlich kein Problem“, erwiderte er frech.

Dann erlebte er das erste Mal, dass Navi tatsächlich den Mund hielt. Sie knirschte zwar etwas mit den Zähnen, aber ihr übergroßes Mundwerk blieb geschlossen. Tatsächlich, er hatte sie mundtot gestellt, auf eine Weise, von der er gar nicht wusste, dass er dies konnte. Sie murmelte zwar irgendetwas in sich hinein, was klang wie ,Typisch Link‘, wand sich dann aber ab und suchte ihre Kleidung zusammen, um damit lautstapfend im Badezimmer zu verschwinden.

 

Etwas ungläubig schaute der Junge der einstigen Fee dann hinterher, kratzte sich noch einmal an seiner Stirn und fragte sich, ob das, was er sich gerade eben geleistet hatte, in Ordnung war. Allerdings, und das musste er ja schließlich auch einsehen, existierte er noch nicht wirklich, also existierte sein Charakter, seine Persönlichkeit noch nicht in der Weise, wie er es sich vielleicht wünschte. Waren Experimente bezüglich seines Umgangs mit anderen Wesen dann nicht erlaubt?

Er wühlte in seiner Jeanstasche nach der Brosche, die er vorhin in einem unbeobachteten Moment darin verschwinden ließ, streichelte kurz über das seidige Material und hüpfte dann grinsend in die Küche um sich Weißbrot und Milch mit Honig zuzubereiten, wissend, dass die Veränderung kam, ob er sich nun dagegen stellte oder nicht. Seine Zeit würde kommen und Veränderungen waren ein Teil jener Zeit…

 

Indes trat Lia, bereits perfekt gekleidet und geschminkt für den Tag, in die Küche. Gut gelaunt mixte die bildhübsche Frau sich ihr Müsli und trank einen Kaffee.

„Gibt es etwas neues bei dir?“, fragte sie. Scheinbar bemerkte auch sie, dass an Klein- Link irgendetwas anders war.

„Nöö, nix neues“, log er und grinste. „Bringst du uns heute wieder zur Schule?“

„Sicher doch.“ Lia zwinkerte und zerwühlte mit ihrer rechten Hand das inzwischen lange Pony ihres Schützlings.

„Dir gefällt es inzwischen dort, was?“

Auf diese Frage musste das Götterkind etwas genauer nachgrübeln. Tatsächlich hatte er sich an den Schulalltag gewöhnt, im Gegensatz zu Navi. Aber von Gefallen konnte man da auch nicht gerade reden.

„Wie ich gehört habe, kommst du bei deinen Klassenkameraden gut an“, ergänzte Lia. Daraufhin setzte Klein- Link seine Tasse Milch ab und stoppte daran zu schlürfen. Er schaute etwas irritiert auf.

„Nun ja, wohl eigentlich eher bei deinen Klassenkameradinnen, wie ich gehört habe.“ Bei der Bemerkung allerdings wäre der Junge am liebsten im Boden versunken. Er wurde etwas rot und brachte schnell seine Tasse in die Spüle. Er wusste, worauf sie anspielte, es gab einige Mädchen, die ihm irgendwie hinterherliefen und das auf eindeutige Weise. Manche Mädchen kicherten plötzlich, wenn er in einem der Gänge vorüber lief. Ein Mädchen, welches er im Unterricht etwas gefragt, hatte, bekam so einen glühend roten Kopf, dass er dachte, sie sterbe an einem Hirnschlag...

Lia lachte und folgte dem Jungen aus der Küche hinaus. Im Flur wartete Navi bereits und schabte mit ihren neuen Lackschuhen über den Boden. Es dauerte nicht lange und Lias schicker Sportwagen donnerte einmal mehr mit hoher Geschwindigkeit über die Straßen Sarias. 

 

Wenig später saßen Navi und Klein- Link inmitten von gelangweilten Gesichtern, die sich über Altes Hylianisch austauschen mussten.

„Und du bist sehr wohl irgendwie anders. Was ist passiert?“, bemerkte Navi und lenkte den jungen Kerl von den Buchseiten ab, die vor seiner Nase lagen.

„Ich weiß es nicht genau“, erklärte er. „Ich fühle mich lebendiger.“

„Lebendiger?“, flüsterte sie und rutschte mit ihrem Kopf näher, sodass auch der Lehrerin ins Auge fiel, dass Navi mit ihrem augenscheinlichen Bruder tuschelte. Die Lehrerin war eine ziemlich kräftige Dame mit dicken, achteckigen Gläsern auf ihrer Knubbelnase.

Die Lehrerin prustete und blickte streng in die Richtung der beiden Störenfriede.

 

Nach einer Weile stupste Navi den neben ihr befindlichen Jungen erneut an und verzog das Gesicht als Aufforderung ihr die notwendigen Erklärungen zu geben.

„Warum fühlst du dich lebendiger?“, bohrte sie nach.

„Ich kann es dir nicht erklären“, flüsterte der Junge und blickte überprüfend zu der Lehrerin nach vorne. Tatsächlich hatte diese erneut ein Auge auf sie beide gerichtet.

„Ich muss schließlich auf dich aufpassen, also habe ich auch das Recht zu wissen, was mit dir passiert ist.“ Klein- Link seufzte, als plötzlich auch die Lehrerin vor ihm und seiner angeblichen Schwester stand und sie beide vor dir Tür schickte.

 

„Toll hast du das gemacht, Navi, als ob ich dir das Ganze nicht in der Pause hätte erklären können“, murrte das Götterkind. Er verschränkte trotzig die Arme und ärgerte sich mehr und mehr über seine Begleiterin. Konnten sie beide nicht einfach etwas Spaß haben und den Schulalltag so genießen oder annehmen, wie es andere Kinder taten. Musste er eigentlich überall immer so eine besondere Rolle einnehmen? Es hing ihm allmählich zum Halse raus.

Navi erwiderte nichts auf seine Vorwürfe. Was sollte sie auch sagen, irgendwo hatte er ja Recht. Selbstverständlich würde sie ihm dies nicht unter die Nase reiben. Nur war das, was mit ihm scheinbar passierte, einfach zu wichtig. Er veränderte sich irgendwie, und Navi wusste nicht, ob sie diese Veränderung freuen oder ängstigen sollte. Sie hatte sogar den Eindruck, Klein- Link wäre um einige Zentimeter gewachsen…

„Bist du jetzt zufrieden, Navi?“, murrte das Götterkind.

„Zumindest können wir jetzt ungestört reden“, meinte sie schnippisch.

„Jaja“, murrte  das Götterkind. „Wie du willst.“

„Du hättest dem Unterricht doch ohnehin nicht zugehört“, argumentierte sie.

„Aber ich mag es einfach nicht aufzufallen. Das nervt mich halt.“

„Ja, ist gut“, sprach Navi abtuend. Sie würde ohnehin nicht eher Ruhe geben, bis sie ihren Willen hatte, dachte der Junge.

„Und was ist nun mit dir passiert?“, bohrte sie nach.

„Du gibst wohl nie auf, was?“, giftete er.

Für die Bemerkung wollte Navi Klein- Link am liebsten erneut in die bereits maledierte Rippengegend boxen. Stattdessen wurde sie knallrot in ihrem Gesicht, fühlte sich erneut dermaßen angestachelt, als wäre sie tatsächlich ein kleines, reizbares Kind. Warum nur brachte Klein- Links Verhalten sie auf diese Weise auf die Palme? Weil er sich nicht wie ein pflichtbewusster Retter der Menschheit verhielt? Weil er Link so ähnlich war? Sie wusste es nicht genau zu definieren. Sie mochte ihn ja, das konnte sie nicht abstreiten. Sie wertschätzte ihn, nur konnte er sich nicht endlich etwas besorgter geben? Oder wirkte er nur dermaßen unbeschwert und in seinem Inneren sah es ganz anders aus?

 

„Also gut, Navi…“, begann er dann leise, ließ den Kopf etwas hängen und atmete tief aus. Verwundert über seine plötzliche ernste Mimik wanderten Navis giftgrüne Augen zu seinen himmelblauen.

„Ich wollte dir das bereits in Hyrulia erzählen, aber immer kam irgendetwas dazwischen“, erklärte er. „Mir ist in Hyrulia etwas passiert, was mir Angst eingejagt hat.“ Er seufzte und schloss nachdenklich seine Augen. 

„Ich weiß nicht, ob es eine Bedeutung hat… aber es könnte bedeuten, dass auf der Erde etwas nicht stimmt.“ Darauf trat Navi direkt vor ihn und sah tatsächlich einen ihr vorher nicht bekannten Ernst in seinem Blick.

„Was ist es?“, meinte sie beunruhigt.

„In Hyrulia…“, begann er, lehnte sich an die weiße Wand hinter ihm und starrte wieder zu Boden. „Als du in der Kutsche unterwegs warst…“ Er machte erneut eine Pause.

„Was ist da gewesen? Sag‘ schon.“ Wenn jemand eine Sache so spannend machte, konnte das Navi ebenso auf die Palme bringen.

Klein- Link kratzte sich an seiner Nase.

„Ich war dort auf dem Marktplatz und…“

Navi bohrte weiterhin nach und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte: „Und?“

Dann platzte es beinah zwanghaft aus Klein- Link heraus. Er kniff die Augen zusammen und brüllte: „Also schön, ich bin verblasst, Navi. Ich habe mich schlichtweg gefühlt als wäre ich tatsächlich inexistent, so wie früher. Ich konnte nichts mehr fühlen, weder Kälte noch Wärme. Und wie kann ich mir das erklären, wenn nicht damit, dass etwas mit meinen möglichen Eltern nicht stimmt.“

Entgeistert starrte die einstige Fee ihren jungen Schützling an. Sie erwiderte nichts, sondern ließ ihr momentanes Gefühlschaos nicht an die Oberfläche. Indessen läutete die Pausenglocke und mehrere Schulkinder stürmten aus den Klassenräumen in den Gang, wo Navi und Klein- Link sich schweigend anstarrten.

Tausende Gedanken schossen in die Gehirnwindungen der einstigen Fee. Wenn das stimmte, und Klein- Links Verblassen etwas mit Link oder Zelda  zu tun hatte… dann mussten sie beide um die Auserwählten auf der Erde bangen…

 

Klein- Link blickte die einstige Fee verstört an, er konnte lediglich Hilflosigkeit in ihren Augen deuten. Etwas, was Navi niemals gerne zeigte…

 

Außerhalb der großen Schultore fuhr indes eine teure, weiße Limousine der Extraklasse heran. Der teure Wagen, konstruiert von Hyrules bestem und berühmtestem Erfinder, parkte direkt in einem Strom von Schulkindern, die ihre Pause außerhalb des kühlen und dunklen Schulgebäudes verbrachten. Zwei Personen saßen im Mittelteil des Wagens und unterhielten sich. Gegenüber einer älteren, in ein elegantes Kostüm gehüllten Frau, saß ein Mann in den Dreißigern in einem dunkelblauen Motoradanzug.

Die eindrucksvollen blauen Augen der Dame schielten neugierig über den Rand ihrer Sonnenbrille.

„Du bist sicher, dass du das richtige tust, Mutter?“, meinte der Mann und folgte ihrem Blick. Es war ein attraktiver Mann mit aschblonden, kurzen Haaren, der ebenfalls eine Sonnenbrille auf der Nase trug.

„Du solltest meinem Urteil trauen“, entgegnete sie, betätigte einen Knopf und ließ eine Fensterscheibe hinab. „Es kann nur von Vorteil sein, wenn wir diese beiden einmal zu Salora schicken, jetzt, da sie in dieser Stadt sind. Wäre ich an einem anderen Ort und wären diese beiden in einer anderen Stadt gelandet, hätte ich sie zu dem Weisen dort geschickt. Salora kennt einige Geheimnisse, die sie ihnen anvertrauen muss.“ Der Mann seufzte daraufhin und schüttelte den Kopf. „Deine Einfälle bringen mich noch um Kopf und Kragen“, entgegnete er.

„Ach ja, als ob du keinen Spaß daran hättest“, erwiderte sie kühl. Sie forderte einen scheinheiligen Blick ihres Sohnes, den sie auch erhielt. „Ich weiß genau, welche Art von Vergnügungen du dir in der ganzen Sache vorstellst.“

„Okay, okay, ich mach’s“, meinte er dann ohne Wiederrede, rückte seine Sonnenbrille zurecht und stieg aus der Limousine.

 

Noch immer blickte Navi ihren Schützling fassungslos an. Sie wollte seine Worte einfach nicht verstehen. Konnte es sein, dass Link oder Zelda auf der Erde nicht mehr am Leben waren?

 

Die Lehrerin stand plötzlich betreten vor ihnen. Sie hatte einen finsteren Blick und ein Lächeln als wollte sie die beiden Kinder versteinern. „Ihr beiden Störenfriede habt mich nun lange genug genervt!“, murrte sie und schob die beiden zurück ins Klassenzimmer.

„Zum Glück holt euch ein Privatlehrer nachher für eine Exkursion ab“, setzte sie hinzu und blickte nur noch grimmiger drein.

„Privatlehrer?“, platzte es aus Navi heraus. „Wir haben keinen Privatlehrer, Miss. Da stimmt etwas nicht!“  

„Wie bitte? Ein Privatlehrer?“, rief auch Klein- Link entgeistert.

„Nun tut nicht so überrascht!“, sagte die Frau in ihrer nüchternen, unbeeindruckten Art. Sie würde nicht mit sich reden lassen und schien überzeugt davon zu sein, dass die Sache mit dem dubiosen Privatlehrer seine Richtigkeit hatte.

„Ihr braucht beide gar nicht quengeln, euer Privatlehrer ist eh gleich da.“

„Warten Sie, miss. Wir meinen das ernst, wir haben keinen Privatlehrer, wir sind ohnehin neu in Saria, wir wohnen derzeit bei Lia Couraiga. Wir haben wirklich keinen Privatlehrer, sowas könnten wir uns gar nicht leisten.“

Die Lehrerin rollte mit den Augäpfeln und ließ sie beide unbeeindruckt im Klassenzimmer stehen. „Ob ihr nun wollt oder nicht, der Privatlehrer ist bereits unterwegs.“ Damit ging sie aus dem Raum und ließ Klein-Link und eine verängstigte Navi zurück, die bereits Horrorvorstellungen über einen möglichen Privatlehrer entwickelten.  

 

Als die Lehrerin endgültig aus dem Raum verschwunden war, hechteten Navi und Klein- Link betroffen zu der Tür und blickten durch den Türspalt. Tatsächlich stand dort jemand, ein Mann in einem dunkelblauen Motoradanzug, der ganz und gar nicht wie ein Lehrer aussah. Seine Gesichtszüge straff und kantig. Ein Dreitagebart wuchs unsauber um sein Kinn. Sein Haar war aschblond und sehr kurz gehalten. Und dieser Mann, der seltsam vertraut wirkte, unterhielt sich angestrengt mit der Klassenlehrerin.

„Sie sind also der Privatlehrer, V. Harkinian. Habe ich Sie nicht schon einmal irgendwo gesehen?“, fragte die Unterrichtende und schien jenen Mann so tiefgründig zu betrachten, als wollte sie in sein Gehirn hineinleuchten.

„Durchaus möglich, ich bin ja nicht das erste Mal hier an dieser Schule“, erklärte der sportliche Typ.

„Das ist durchaus möglich“, entgegnete die Frau und deutete auf das Klassenzimmer, in welchem Klein- Link und Navi hockten. „Die beiden Nervengeister sind in diesem Raum dort drüben. Sie ersparen mir wirklich eine Menge Ärger. Es scheint fast so, als könnten diese beiden mit dem Stoff in der Schule nichts anfangen.“

„Nun, Miss, dann wollen wir doch mal schauen, wie sie sich in der Exkursion geben. Ich schicke Ihnen dann eine genau Beurteilung über das Verhalten und die Leistungen der Kinder.“ Damit nickte der Kerl der Frau zu und trat grinsend, fast lachend in die Richtung des Klassenzimmers.

 

Als er die Tür auf zerrte, irgendwo spielerisch und sich halb die Kehle aus dem Leib lachend über die Naivität jener Lehrerin, fand er Navi und Klein- Link ungläubig dreinschauend in einer Zimmerecke. Klein- Link hatte sich mit einem Zeigestock bewaffnet und Navi war gerade dabei dem Unbekannten einen nassen Schwamm ins Gesicht zu schmettern. Und noch einen Grund hatte der Mann hiermit sich halb tot zu lachen. Er hatte noch nie zwei Kinder gesehen, die auf eine solche mutige Weise sich gegen einen neuen Lehrer sträubten.

„Wer immer Sie auch sind, Mister, wir kommen garantiert nicht mit Ihnen. Wir haben keinen Privatlehrer bestellt.“ Navi ließ den Mann erst gar nicht zu Wort kommen und traf ihn mit dem nassen Schwamm direkt in seinem braungebrannten Gesicht.

Unbeeindruckt und wie in Zeitlupe fiel der nasse Schwamm vom Gesicht des Mannes, der seine Nase rümpfte und einen Ekel mit seinen Gesichtszügen ausdrückte, den er in seinem Leben noch nie erfahren hatte. Sein Gesicht war klatschnass und das Wasser um seine Mundwinkel schmeckte nach Kreide.

„Wenn sie uns entführen wollen, nur zu, versuchen Sie es doch!“, rief Klein- Link und trat mit dem Zeigestock in seinen Händen näher.

„Ihr fahrt ja schwere Geschütze auf!“, lachte der Kerl. „Für jemanden, der euch beide aus dieser grässlichen Schule holen will.“  

 

„Das ist nicht lustig!“, murrte Navi, trat näher und schaute mit mutigen, grünen Augen zu dem Mann hinauf. „Was wollen Sie von uns!“

„Nun, kleine Lady“, meinte er, warf ihr ein charmantes Grinsen zu musterte zugleich die Verlegenheit in Navis Blick. Es musste lange her sein, dass sie jemand mit einem wertschätzenden Wort wie ,Lady‘ angesprochen hatte. „Ich habe eigentlich weniger etwas mit euch im Sinn und diese Sache hier geht mir ziemlich am Arsch vorbei. Ich bin bloß als Schein- Privatlehrer hier, damit ich an Lia herankomme. So sieht es aus.“

Verwundert ließ Klein- Link den Zeigestock sinken und war etwas verblüfft über so viel Ehrlichkeit und über die Motive des Mannes.

„Warum Lia?“, meinte Navi und ließ sich allmählich von dem sportlichen Mann überzeugen, ihm vielleicht doch eine Chance zu geben. Wenn er nicht hinter ihnen beiden her war, konnte er nicht wirklich dunkle Motive haben, oder?

 

„Nun, weil sie einfach eine attraktive Frau ist, nicht wahr? Obwohl, ich denke nicht, dass du auf Frauen stehst, kleine Lady.“ Daraufhin explodierte Navis Kopf in mehreren Rottönen.

„Natürlich nicht!“, pfefferte sie zurück. „Wer, bei Nayru, steht schon auf Frauen!“

„Ich stehe auf Frauen, blonde und brünette, schwarze ebenso und wenn die Haare gefärbt sind, ist das auch gut so.“

„So hab ich das nicht gemeint, Sie Macho“, entgegnete sie. „Natürlich stehen Sie auf Frauen, aber ich als Mädchen stehe auf Männer.“

„Du als Mädchen stehst auf Männer? Nun ja, Jungs wären in deinem Fall eigentlich angebrachter, obwohl man ja oft genug sagt, der Altersunterschied spielt keine Rolle.“

„So hab ich das auch nicht gemeint, Sie… Sie…“ Und damit wand sie sich um und stapfte wütend ans Fenster. Was sie auch sagte, dieser Mann nutze ihre Schwächen schamlos aus. Es schien fast so, als könnte er auf alles, was man zu ihm sagte Kontra geben.

„Da ihr beide mich seltsamerweise noch nicht nach meinem Namen gefragt habt, gebe ich ihn euch mal gnädigerweise“, schäkerte er. „Mein Name ist Velkan Harkinian und meine Mutter hat ein paar Vorhaben mit euch in die Wege geleitet. Wenn ihr jetzt noch Lust habt in dieser modrigen Schule zu bleiben, dann kann man wohl nichts machen, was?“ Der Kerl lachte erneut, ein wenig unwiderstehlich und sehr, sehr machohaft. 

 

Mit offenem Mund marschierte Klein- Link ohne weitere Fragen in Velkans Richtung und wippte aufgeregt mit dem Schädel. „Das heißt, wir können Zelda Harkinian treffen? Wirklich? Können wir?“

„Jap, meine Mutter würde sich freuen dich kennenzulernen. Du hast dieselben Augen wie sie.“ Der Junge lächelte.

„Was ist mit dir, Lady?“, rief der Kerl. „Wenn du mir nicht glaubst, sieh aus dem Fenster. Meine Mutter wartet in der weißen Limousine.“

Und tatsächlich trat eine elegante Frau in einem teuren Kostüm aus der Limousine, nahm eine Designersonnenbrille ab und musterte sie mit himmelblauen, neugierigen Augen. Edle Augen, in denen ein verlockendes und geheimnisvolles Licht schlummerte.

„Klein- Link, er hat Recht. Dort unten steht tatsächlich Zelda Harkinian. Die Zelda dieser Welt…“, sprach Navi fassungslos und kam nicht umher zu denken, wie wunderschön Zelda aussah, selbst in dieser Welt, wo sie schon so viele Jahre gelebt hatte.

Halb über seine eigenen Füße stolpernd hechtete das Götterkind an die Fensterscheiben und klebte mit der Nasenspitze an dem Glas. Er fühlte sich, als würde er den größten Heiligen in dieser Welt beobachten. Und tatsächlich stand dort draußen eine ältere Frau mit hochgesteckten Haaren und einem angenehmen Lächeln in einem schmalen, auffallend ansehnlichen Gesicht. Sie nickte, als sie Navi und Klein- Link an der Glasscheibe entdeckte.

 

Es dauerte nicht lange und die beiden Kinder saßen zusammen mit Velkan und seiner Mutter in der Limousine, nicht wissend, wohin sie der Weg führen würde, nur wissend, dass sie den beiden Personen, die sie entführten, vertrauen konnten.

Es entstand ein unangenehmes Schweigen in der Limousine, aus Ehrfurcht vielleicht, aber auch aus dem Gedanken heraus, dass keiner der Anwesenden sich aus einer großartigen Geschichte ausschließen konnte.

Klein- Link rätselte seit Beginn der Fahrt immer wieder über jene Zelda. Er fragte sich, wie sie wohl sein mochte. War sie eine gute Mutter? War sie leidenschaftlich und warm oder besaß sie einige weniger angenehme Komplexe? Und würde die Zelda auf der Erde irgendwann genauso aussehen, wenn sie die Fünfzig überschritten hatte?

Dem Jungen fiel inzwischen nicht einmal mehr auf, dass er die Ministerpräsidentin die gesamte Zeit über anstarrte, bis sie ihm einen treffenden, ernüchternden Blick schenkte.

 

„Du hast viel Ähnlichkeit mit dem Heroen dieser Welt…“, entgegnete sie und anhand des gefühlvollen Tons in ihrer Stimme konnte man nur gar zu leicht deuten, wie sehr ihr der Heroe am Herzen lag. Allerdings überraschte es auch Klein- Link und Navi, wie viel jene reife Frau scheinbar von den Legenden Hyrules wusste. Und das sie einiges wusste, machte sie mit dem faszinierenden Wort ,Heroe‘ deutlich.

„Mein Vater, mein möglicher Vater“, korrigierte der Junge. „Er ist ebenso ein Träger des besonderen Heldenblutes.“

„Und die Frau, die vielleicht irgendwann deine Mutter sein wird, sie heißt ebenso Zelda, täusche ich mich in der Hinsicht?“, entgegnete sie. Und tatsächlich wusste sie mehr als man vermutete.

„Ja… woher wissen Sie das alles, Zelda Harkinian?“, mischte sich Navi ein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Welt Spiegel in andere Dimensionen beherbergt.“ Die Ministerpräsidentin warf dem augenscheinlichen Mädchen einen gestochen scharfen Blick zu und sprach deutlich: „Wenn du Träume als Spiegel in andere Dimensionen akzeptierst, so stimmt dies interessanterweise.“

„Verstehe…“, entgegnete die einstige Fee und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Sie war noch nie gegen Zelda angekommen, in keiner Hinsicht, warum sollte es in dieser Welt anders sein, dachte sie. Selbst als sie mit Link lange Zeit unterwegs war, selbst als sie ihn schätzen lernte, selbst in dieser Zeit, als sie versuchte ihm mit allen Mitteln beizustehen, war es doch nur Zelda, die ihm wirklich helfen konnte. Erneut war sie nur die nutzlose, kleine Fee…

 

„Lieben Sie den Heroen dieser Welt?“, meinte Navi leise und stellte die Frage mit mehr Gefühl, als sie selbst intendiert hatte. Verwundert blickte sowohl die reife Frau als auch ihr Sohn zu dem grünäugigen Mädchen, dem man tatsächlich nichts zutrauen würde.

Als Zelda Harkinian nichts entgegnete, mischte sich ihr Sohn mit lauter Stimme in das Gespräch ein: „Stimmt das, Mutter?“

Sie würdigte ihren Sohn keines Blickes. Stattdessen schien sie mit ihren geheimnisvollen Augen in jene von Navi eindringen zu wollen.

„Ich bewundere ihn, das ist wahr und ich verehre ihn irgendwo“, gab sie zu. „Und wir wissen beide um eine besondere Bindung, die wir zueinander hegen. Wir spüren es bei einem Blick, ein Gefühl, so machtvoll, als könnten wir Berge damit spalten. Eine Empfindung, die ich mit niemandem sonst teile. Nur ist es in dieser Welt keine Liebe…“, setzte sie aufrichtig hinzu.

Navi schluckte darauf und wich dem eindringlichen Blick der Ministerpräsidentin aus. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte…

 

„So ist das also“, mischte sich plötzlich wieder Velkan ein, der Macho vom Dienst, der größte Frauenversteher und Herzensbrecher überhaupt. „Du fragst meine Mutter das, weil du ihn liebst…“ Navi riss daraufhin ihre Augen soweit auf, dass man Angst haben musste, sie würden ihr aus den Augenhöhlen kullern. „Du liebst scheinbar einen Heroen, der in einer anderen Dimension existiert. Du liebst diesen Link.“

Mit Navis Sprachlosigkeit legte sich erneut für einige Minuten die Stille in die Konversation der bedeutenden Persönlichkeiten Hyrules.

 

„Ah, jetzt weiß ich wieder, wo ich Sie schon einmal gesehen habe“, begann Klein- Link an Velkan gerichtet um von der unangenehmen Stille abzulenken. Er spürte, dass es Navi schwer fiel über diese Sache zu reden. Und irgendwie wollte er auch nicht, dass sie bloß gestellt wurde. Es war ihre private Geschichte und da sollte sich niemand einmischen.

„Das war vor einigen Tagen am Springbrunnen, Mister. Sie haben sich eingemischt, als…“ Und da verging Klein-Link die Neugierde.

„Als euch dieser unbekannte Fiesling aufspießen wollte, ja ich weiß.“

„Dieser Typ wollte uns aufspießen? Wer war das?“, rief Navi erschrocken und sprang so gleich von ihrem teuren Ledersitz. „Wir haben eine schwierige Mission, wir können es nicht gebrauchen, dass jemand hinter uns her ist“, erklärte sie.

Zelda Harkinian legte ihre Hände auf Navis Schultern, welche mit besorgtem Blick vor ihr stand. Sachte drückte sie das augenscheinliche Mädchen zurück auf den Sitz.

„Alles, was wir wissen, ist, dass er in diese Dimension eingedrungen ist. Wie er dies angestellt hat, ist uns ein Rätsel. Er…“ Und die reife Frau berührte sachte das mächtige Medaillon, welches um Klein- Links Hals hing. „… er besitzt zumindest kein mächtiges Medaillon…“ Damit öffnete die Zelda jener Welt ihre Handtasche und kramte darin einen wahrhaft einzigartigen Gegenstand hervor. Geschmückt in Silber mit einem roten Lebensbaum und funkelnd in verschieden farbigen Steinen präsentierte sie das Medaillon der Mächtigen, welches in diesem Hyrule existierte.

„Kannst du den Heroen meiner Welt hiermit finden?“, sprach Zelda Harkinian dann. Sie wirkte etwas besorgt, wenn nicht sogar traurig.

„Ich weiß nicht so recht“, antwortete das Götterkind. „Ich denke eher nicht… es reagiert zwar auf mein Blut und die Wünsche darin, aber das ist wohl irgendwie meine Aufgabe… meine Mission, die ich alleine bewältigen muss.“

„Gut kombiniert“, entgegnete sie.

„Danke. Aber der Heroe dieser Welt müsste es nutzen um damit am großen Rat der Helden teilzunehmen, damit in meiner Welt Ganondorf ausgeschaltet werden kann.“

„Ja… Ganondorf“, meinte sie nachdenklich. „Dieser Mann ist auch in unserer Welt ein Mistkerl. Aber ich könnte mir niemals vorstellen, dass er eine derartige immense Kraft entwickeln könnte um einen ganzen Planeten zu zerstören… Ich habe es in meinen Träumen gesehen. Ich sah die Welt Erde, wie sie ist, wie zerstört sie ist.“ Sie blickte zu Boden und schloss die Augen. „Ich habe gesehen… den Kampf gesehen, den Tod deines Vaters gesehen und seine Wiedererweckung… Ich sah Liebe…“

Klein- Link und Navi schluckten beide auf diese gefühlvollen Worte.

„Ihr fragt euch nun, ob auf der Erde noch alles in Ordnung ist, nicht wahr?“  

Die beiden augenscheinlichen Kinder nickten.

„Ich kenne jemanden, der euch dies beantworten wird“, erwiderte die Ministerpräsidentin.

„Wo fahren wir überhaupt hin?“, meinte Navi dann.

„Wir sind schon da“, entgegnete sie. Und damit stoppte tatsächlich der teure Wagen, hielt inmitten einer riesigen Anlage mit vielen alten, unter Naturschutz stehenden Bäumen, die mit riesigen Kronen ein scheinbar Heiliges Gebäude schützten. Als Klein- Link aus der Limousine stieg, erinnerte er diesen Ort, der scheinbar die Zeit überdauern konnte. Der Tempel des Waldes, noch immer erhalten in jener Welt, oftmals restauriert. Sein altes Gestein schien sich mit dem Wald auf eine magische Weise verbunden zu haben, im Einklang stehend mit dem Leben, sodass jener Ort aus Stein selbst unsterbliche Leben in sich geboren hatte…

Und jener Ort war wie verzaubert, noch immer standen hier und da mit Moos überzogene hölzerne Zeitzeugen. Noch immer konnte Klein- Link an jenem Ort Saria Okarina spielen sehen, wie er es einmal in einem Spiel gesehen hatte. Er trat ein paar Schritte, wie hypnotisiert, wie als wäre ein anderer Teil in ihm mehr mit jenem Ort verbunden als er selbst. Er kniete nieder, vor einem Baumstamm, streichelte darüber und sinnierte.

 

„Dieser Baumstamm… einmalig in der Geschichte Hyrules, er wird wöchentlich mit speziellen Säften genährt, um ihn am Verfall zu hindern“, erklärte Zelda Harkinian. „Er hat eine große Bedeutung, scheinbar auch für dich, Junge.“

„Irgendwo ja…“, entgegnete er. Er konnte es sich selbst nicht richtig erklären. Dennoch spürte er hier eine Verbindung, die er vorher nicht kannte.

„Nur ist es richtig… manche Dinge am Verfall zu hindern? Hat nicht vieles das Recht zu vergehen… zu sterben…“ Ein Gedanke an das verblasste Hyrule, welches er vom Hause der Götter beobachtete hatte, schoss ihm blitzartig durch den Kopf.

Zelda Harkinian blickte ihn betroffen an. „Das ist richtig… aber von vielen Dingen kann man sich vermutlich nicht trennen, selbst wenn sie eigentlich schon zu Ende sind…“, sprach sie nachdenklich. Die Milde in ihrem Blick, konnte zu Tränen verführen…

Ihr durchdringender Blick wanderte zu Navi und ließ auch sie jene Mildtätigkeit spüren.

„Auch wir vergehen… eines Tages, im Schatten unseres Selbst, wie ein Tag, der seine Aufgabe erfüllt hat. Was bleibt uns, als dies zu akzeptieren…“ Ihre Worte schienen immer melancholischer zu werden, und Navi etwas mitzuteilen, wovor sie sich fürchten sollte, sodass sich letztlich ihr Sohn einmischte und die Stimmung, im wahrsten Sinn des Wortes, ruinierte.

„Nun hör‘ auf mit deinem Geschwafel, Mutter und schick‘ die beiden in den Tempel“, meinte er genervt und schien mit seinen Augen Kegeln zu spielen. Alles an ihm drückte gereizte Stimmung und Langeweile aus.

Sie schien von seinem Kommentar unbeeindruckt, warf ihm jedoch einen sehr scharfen, das Fürchten lehrenden Blick entgegen, wie ein Schauer der Magie, wie ein Wink der Gefahr. „Du kennst deine Rolle, Velkan. Also halte dich hier heraus“, belehrte sie. Sofort stieg er wieder zurück in die Limousine und schnaufte.

 

Sie kniete dann zu beiden Reisenden durch die Welten nieder und reichte jedem eine Hand. „Ihr solltet euch nicht fürchten. Erinnert nur das, was ihr erreichen wollt. Die jetzige Weise des Waldes, Salora, erwartet euch in der großen Halle des Tempels. Folgt einfach dem Kerzenlicht. Stellt ihr alle Fragen, die noch offen sind. Ich warte hier draußen und werde euch im Anschluss zurück zu Lia bringen.“ Navi und Klein- Link wippten erneut brav ihre Schädel und traten in das uralte, majestätische Gebäude ein. Mit Erwartung sicherlich… aber auch mit dem Gefühl von Ungewissheit…

 

 
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