Kapitel 105
 
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6. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 5

 

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen traten Klein- Link und Navi in die steinige, monumentale Stätte hinein, erstaunten einmal mehr. Wie viele Menschen jenen Ort wohl bereits betreten hatten, wie viele hatten sich hier verirrt, Nachforschungen über alte Magie und üble Kreaturen angestellt. Wie viele hatten an solchen Orten ihr Leben verloren…

Mit Funkeln in den himmelblauen Augen betrachtete sich der junge Heroe Antiquitäten von unschätzbarem Wert, die in verschiedenen Glasvitrinen hier aufbewahrt wurden und sicherlich gut gesichert waren. An dem restaurierten Gewölbe zogen sich Wandmalereien hinab, über die Seitenwände bis hin zu Klein- Links und Navis Füßen. Selbst tragende Säulen wurden in das Gemälde mit einbezogen. Und an jede Ecke des gigantischen Saals waren Fackeln angebracht, die scheinbar ewige Flammen beherbergten.

„Früher war dieses Gemälde noch nicht… also damals im alten Hyrule…“, meinte Navi. „Als ich einst mit Link hier kämpfte, als noch alles halbwegs in Ordnung war.“

„Das ist Tausende Jahre her in dieser Welt, Navi“, meinte der Junge und war etwas über die Sauberkeit an jenem Ort überrascht. Nirgendwo hingen Spinnweben oder verfaulende Efeuranken, wie es früher einst der Fall war.

„Aber mir erscheint es… als wäre es erst gestern gewesen…“, sprach Navi. „Gestern, als Link an diesem Ort Shiek traf… gestern, als ich spürte, wer Shiek war und gestern… als ich das Gefühl hatte, ich verlor meine Helferfunktion für Link wegen diesem Shiekah…“ Damit endete sie melancholisch, spielte nervös mit ihren Händen und scheute Klein- Links Blick.

 

Er versuchte verschmitzt zu grinsen und grübelte, ob ihm etwas Lustiges einfiel, um Navis Trübsal zu verscheuchen. Aber diesmal schwiegen seine Lippen…

Sie liebte den Helden der Zeit scheinbar wirklich aufrichtig. Vielleicht war auch das einer der Gründe, warum sich die einstige Fee nicht entscheiden wollte, Hyrule aufzugeben. Vielleicht glaubte sie auch deswegen immer noch daran, dass das alte Land einmal mehr neu entstehen und aufblühen konnte…

 

„Wir sollten dem Kerzenlicht folgen“, erinnerte sie und wand dem Götterkind ihren Rücken zu. Es war für ihn das erste Mal, dass er, trotz dass Navi einen kindlichen Rücken besaß, er bei einem Blick zu ihr, einen alten Menschen sah. Er wusste nicht warum, verhielt sie sich doch oftmals so kindisch, dass er sich schlichtweg nicht ihr wahres Gesicht vorstellen konnte. Doch in diesem Moment, dem Bruchteil von Sekunden, am Rande der Wirklichkeit, erkannte er Navi wirklich…

„In Ordnung, lass‘ uns dem Licht folgen“, erwiderte der Junge und stapfte grübelnd hinter Navi her, seine Hände in den Hosentaschen vergraben, seine himmelblauen Augen ein Spektakel der Verwirrung wiederspiegelnd.  

 

Es dauerte einige Minuten und die beiden durchquerten die verschiedenen Gartenabschnitte im alten Tempel des Waldes. Dort blühten Blumen in den unheimlichsten, kräftigsten Farben überhaupt. Alles wirkte unnatürlich, künstlich. Riesige Blätter versperrten den beiden Tempelbesuchern die Sicht. Gallige Blühten wippten auf und ab, öffneten sich, als die beiden Kinder vorüber traten, schnappten teilweise nach ihnen.

„Früher waren auch diese Pflanzen noch nicht, sicherlich gab es fleischfressende Pflanzen, aber diese hier sehen ganz anders aus“, bemerkte Navi, näherte sich einer Blühte und wurde von einer der Pflanzen beschnuppert.

„Sie verhalten sich wie Tiere“, meinte Klein- Link. „Ich habe so etwas schon einmal gesehen… im Garten des Lebens, zusammen mit der alten Wächterin dort.“

„Du meinst Niléz?“, fragte Navi überrascht. „Sie hat sich dir gezeigt? Diese alte Frau mit den Engelsflügeln?“

Klein- Link blieb stehen und schaute Navi verwundert an. „Ist das denn irgendwo komisch?“

„Allerdings ist das komisch. Diese alte Dame hat sich noch nie einem menschlichen Wesen gezeigt“, erklärte die einstige Fee. „Sie zeigt sich auch selten unsterblichen Wesen.“

„Aber warum? Sie ist doch kein Ungetüm“, sprach Klein- Link verdutzt. Navis giftgrüne Augen funkelten mit Wissensdurst in die himmelblauen des Jungen hinein.

„Sicherlich ist sie das nicht. Man erzählt sich die Göttinnen hätten Niléz mit einem Fluch belegt, der ihr verbietet sich menschlichen oder sterblichen Wesen zu nähern. Es gibt Geschichten über sie, Geschichten von Verrat, von Bestrafung, Geschichten über Unschuld. Aber viele dieser Geschichten sollte man nicht glauben.“

„Erzählst du mir eine Geschichte über sie, die man glauben kann?“, meinte der Junge und packte Navi am Arm, als sie weiterlaufen wollte. Es schien ihm aus irgendeinem Grund wichtig zu sein. Erschrocken über seine ziemlich kräftige Berührung starrte sie ihn an.

„Warum interessiert dich das so energisch?“

„Ich weiß es nicht, ich schätze es gibt keinen besonderen Grund, nur den, dass ich mich immer sehr gerne mit ihr unterhalten habe, zumindest das, was ich noch rekapitulieren kann“, erklärte er und vergrub seine Hände wieder in den Hosentaschen.

Navi grinste und zwinkerte dann. „Okay, lass uns weitergehen und ich erzähl‘ es dir währenddessen.“ Klein- Link nickte zufrieden.

 

Sie tapsten durch seichtes Gewässer in den Gärten, gelangten schließlich in ein Tunnelsystem und folgten auch dort den Fackeln an den Wänden.

„Ich habe schon lange nicht mehr über Niléz nachgedacht, Navi. Ich weiß nicht einmal, warum ich sie überhaupt erinnert habe.“ Klein- Link konnte es sich tatsächlich nicht erklären. Wie sollte er auch, diese alte Dame spielte nicht gerade eine besondere Rolle in den Geschichten um Hyrule.

„Eine Geschichte erzählt davon, dass einst, als Hyrule noch nicht lange existierte, und als sich unser Staatssystem entwickelte, ja, als der Gründervater des hylianischen Blutes Kriege führte um seinem Volk einen Platz zum Leben zu schaffen, einst zu jener Zeit wandelten noch Wesen in unserer Welt, die aussahen wie Engel. Wesen, die ebenso magische Fähigkeiten besaßen und die sehr liebenswert schienen. Mächtige Wesen, die man fürchten konnte…“ Navi stoppte und blieb an einer Kreuzung des verzweigten Tunnelsystems stehen.

„Dieser blöde Tunnel wurde auch erst später gebaut“, meckerte sie. 

 

„Was geschah dann?“, bohrte der Junge nach, trat an Navi heran und ließ in seinen Augen den Wunsch aufwallen mehr über diese Geschichte zu erfahren. Ihm war inzwischen dieser Ort völlig gleichgültig. Er wollte diese Geschichte kennen, um vielleicht einmal mehr etwas über Hyrule zu erfahren und eines jener atemberaubenden Geheimnisse, die es hütete.

„Es war einst in einer sternenklaren Nacht, dass sich mächtige Männer mit Gewalt weibliche Jungfrauen des märchenhaften Volkes nahmen. Es war ein grausames Ritual. Eine Nacht voller Schreie und voller Blut. Denn jene Wesen, mächtig, wehrten sich, manche von ihnen, so erzählt die Geschichte, sollen gemordet haben, manche von ihnen, so sagt die Legende, waren geflohen und nur eine von ihnen soll sich einem der Männer hingegeben haben…“ Es war eine Geschichte voller Pein, und voller Grausamkeit, die in menschlichen Wesen steckte. Eine tragische Geschichte menschlicher Fehler und Begierden.

„Diejenigen weiblichen Engel, die geflohen waren, wurden verfolgt und ausgerottet und nur die eine… die eine blieb am Leben. Eine letzte Trägerin von engelsgleichem Blut. Eine letzte… gebrandmarkt auf ewig.“

 

Ein wenig entsetzt blieb der Junge stehen und brauchte nicht lange nachzudenken, um zu verstehen, dass wohl Niléz jene letzte ihres Volkes darstellte.

„Um sie zu beschützen, sollte kein Wesen jemals mehr ihr Gesicht sehen“, setzte die Fee hinzu. „Weil sie irgendwo etwas Besonderes ist, weil sie einzigartig ist. Es ist also schon etwas seltsam, dass es dir die Göttinnen gestattet haben.“

„Ich habe die Göttinnen nicht darum gebeten“, erklärte der Junge und strich sich über sein Kinn. „Neugierig wie ich war, bin ich dort einfach spazieren gegangen und habe diese Frau gesehen, in ihren weißen Gewändern, mit einer Kapuze, die so riesig war, dass man kein Detail ihres Gesichtes erblicken konnte.“

„Nun, aber normalerweise sehen die Göttinnen alles, was vor sich geht. Vielleicht ist es sogar von Bedeutung, dass du sie getroffen hast.“

„Vielleicht“, erwiderte er, glaubte aber nicht daran, dass diese alte Frau jemals wieder eine Rolle für ihn spielen würde.

„Nicht vielleicht“, belehrte ihn Navi, wand sich zu ihm und grinste. „Das, was Din, Nayru und Farore in die Wege leiten, hat immer einen Sinn.“ Erneut boxte sie ihn spielerisch in seine empfindliche Rippengegend. Er jaulte auf, grabschte mit beiden Armen nach ihr, aber Navi wich schneller, als man es von ihr vermuten würde, aus und sauste lachend die Gänge hinab.

„Du blöde Fee!“, maulte der Junge, rieb sich seine empfindliche Seite und trat gemütlich weiter, hörte Navis Lachen noch von weitem und grübelte.

 

Ob Navis Worte ihn beunruhigen sollten? Sicherlich war es eine grausame Geschichte, die Niléz hinter sich hatte, aber diese Frau, auch wenn sie ziemlich freundlich gesonnen war, sie war ihm nun mal schlichtweg egal. Er konnte nicht einmal so etwas wie Großmuttergefühle ihr gegenüber empfinden. Warum also sollte sie eine Rolle für ihn spielen? Und wenn sie in dem Garten des Lebens ihr Dasein fristete, wie sollte sie für Navi oder ihn auf dieser Mission jemals etwas erreichen? Er konnte sich daraus einfach keinen Reim machen, versuchte die traurige Geschichte in seinen Gedanken zu verschließen und trat weiter vorwärts.

 

Es dauerte nicht lange und die beiden Wanderer durch die Dimensionen erreichten den einstigen Schauplatz eines Kampfes des Heroen gegen Ganondorfs Schatten. Jener Ort weckte einerseits befremdliche Erinnerungen an Damals in Navi, andererseits jedoch hatte sich der Ort vollkommen gewandelt. Die Plattform in der Mitte war verschwunden. Ebenso zierten keine Malereien und Gemälde die Wände mehr. Stattdessen war der Raum ausgelegt mit einem silbern schillernden Teppich und an den einst grauen Wänden standen aufgereiht mehrere olivenfarbige Regale. An einer Ecke stand ein modernes Radiogerät, sogar ein Sofa mit zerwühlter Bettdecke lud ein, es sich bequem zu machen. Der einstige kleine Saal erinnerte nun mehr an ein modernes Wohnzimmer, wäre da nicht der Labortisch eines Chemikers in der Mitte und die vielen Reagenzgläser, welche in den Regalen den aufmerksamen Beobachter verwunderten. Auf dem Labortisch blubberte eine merkwürdige, gallertartige, grüne Substanz in einem Glasgefäß vor sich hin.

„Wahnsinn… wo sind wir hier eigentlich gelandet? Sicher, dass hier die derzeitige Weise des Waldes tätig ist?“, meinte Klein- Link und tapste neugierig in die Mitte des Saals. Mit aufmerksamen Blicken beobachtete er die grüne Masse, die blubbernd aus dem Gefäß herausquoll.

„Mmh, merkwürdig ist das ganze schon, vielleicht haben wir eine Abbiegung verpasst. Inwieweit sich der Tempel verändert hat, kann ich dir auch nicht sagen“, erwiderte die einstige Fee und tippte verwundert an ein paar Einmachgläser, in welchen obskure Objekte plastiniert waren.

 

In dem Augenblick düste eine junge, kleine, dickliche Frau mit fleckigem Laborkittel aufgeregt in den Raum. Sie schien die beiden Gäste erst gar nicht zu registrieren. Sich ein paar grüne Locken aus einem mit Leberflecken übersäten Gesicht wischend nahm sie eine Pinzette, saugte damit etwas von der grünen schleimigen Substanz aus dem Gefäß und verließ pfeifend den Raum so schnell sie gekommen war.

„Was war das denn?“, murrte die Fee. „Soll das etwa Salora gewesen sein? Die hat nicht mal registriert, dass sie in dem Raum nicht alleine gewesen ist.“

Klein- Link schaute nur überrascht in die Richtung aus der die vermeintliche Weise des Waldes gekommen war und kratzte sich am Kopf. „Nun ja, wie eine Weise sah diese Frau ohnehin nicht aus“, stellte er fest und lachte etwas albern.

 

In dem Augenblick rutschte ein runder Kopf über seine Schulter nach vorne und musterte ihn eindringlich. Da stand plötzlich ein Mensch, der sich auffallend distanzlos verhielt und das Götterkind mit dieser Bewegung so erschreckte, dass sich seine Beine ohne der geringsten Möglichkeit einer Kontrolle in Bewegung setzten. Kreischend kam Klein- Link irgendwo hinter Navi zum Stehen und schielte mit großen Augen zu der Dame, die sich scheinbar mittels Teleportation zurückgebeamt hatte. Es handelte sich um genau dieselbe rundliche Dame, die vorher so nichts interessierend in den Raum gestürmt und wieder hinaus gehetzt war. Unbeeindruckt stapfte sie mit ihren stämmigen Beinen erneut in Klein- Links Richtung, schüttelte kräftig seine Hände und grinste heftig.

„Sagenhaft, dass ich das erleben darf. Endlich ein Heroe der Legenden, der einmal bei mir in mein bescheidenes Labor kommt. In mein Labor. In mein Labor!“, begrüßte sie ihn anstatt Hallo zu sagen. Navi war im Augenblick für Salora scheinbar uninteressant. Sie würdigte die einstige Fee keines Blickes.

 

„Ich muss dir unbedingt etwas zeigen, junger Heroe. Unbedingt. Unbedingt!“, meinte sie aufgeregt und zwinkerte ihn mit silberfarbenen Augen an. Es war eine schöne, unvergleichliche Augenfarbe, die Salora besaß. Sie hüpfte aufgeregt in dem Raum umher, stieß einige Flaschen um, stolperte mehrmals und verriet mit ihrer unbeholfenen Art nur noch mehr über ihr chaotisches Wesen.

„Schau hier, siehst du die Substanz in der Flasche?“, meinte sie strahlend.

Klein- Link blickte interessiert, vielleicht auch um nicht unhöflich zu wirken, ganz aufmerksam zu Saloras Tun und nickte.

„Diese Substanz hier, kann Dinge daran hindern, älter zu werden“, jubelte sie. „Ich sitze schon seit einigen Monaten daran und jedes Mal war ich mit der Wirkung nicht zufrieden. Aber jetzt, aber jetzt, aber jetzt!“ Sie schien sich mit jedem Wort noch mehr in ihre Arbeit hineinzusteigern und zu triumphieren.

„Willst du davon etwas? Soll ich dir das schenken? Soll ich? Soll ich?“, fragte sie dröhnend, grabschte noch ehe Klein- Link antworten konnte, nach einem weiteren Gefäß mit metallischer Öffnung, die man sehr gut verschließen konnte und die sogar über einen Zahlencode absichert war.

Sie füllte die schleimige Substanz dort hinein. Sie drückte ihm das Gefäß mit der Substanz in die Hand, riss ihre Augen auf und verhielt sich ihm gegenüber einmal mehr distanzlos. Ihr dicker Kopf wanderte erneut näher. Sie blickte den jungen Burschen an, als hätte er Dutzende Ekzeme im Gesicht.

„Du wirst von Engelein träumen“, erstaunte sie. „Das ist ja sagenhaft.“

 

Navi, die bisher links liegen gelassen wurde, trat auch näher und reichte der Weisen die Hand. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie auch zumindest begrüßen. Und wir sind aus einem anderen Grund hier“, sprach sie ruhig.

Salora musterte sie kurz ohne ihre Hand zu schütteln und dann schwenkte ihr Schädel erneut zu dem Götterkind.

„Brauchst du sonst noch etwas? Brauchst du? Brauchst du? Du wirst ohnehin von den Engelein träumen. Vielleicht brauchst du nur die Engel.“

Allmählich wurde Navi ungehalten, da man sie inzwischen herzlich ignorierte.

 

„Nein, nein“, meinte der Junge. „Sonst brauche ich wirklich nichts weiter.“ Er lachte noch einmal albern und wusste nicht mehr, warum er zusammen mit Navi eigentlich hier gelandet war. Salora hatte ihn mit ihrer Art so verwirrt, dass er sich selbst nicht mehr ordnen konnte. Ihre chaotische Aura schien ihre Umgebung zu beeinflussen.

„Bist du sicher? Sicher? Sicher?“, meinte Salora, holte ein paar Reagenzgläser, zündete ihren Bunsenbrenner an, setzte sich eine Brille auf und begann Reagenzgläser mit buntem Inhalt über der Flamme zu pendeln. Sie schien auch nach mehreren Minuten noch vollkommen in ihre Arbeit vertieft zu sein, machte keine Anstalten sich auf irgendeiner Weise mit den beiden Gästen noch länger unterhalten zu wollen, rannte einige Male aus dem Raum, kam desinteressiert zurück und widmete sich erneut ihrer Arbeit.

 

In Navis Gehirnwindungen begann es inzwischen zu brodeln. Erstens ignorierte diese Salora sie auf ganzer Linie. Und nun schien sie sich nicht einmal mehr daran zu stören, dass sie und ihr Schützling sich hier aufhielten.

„Salora, ob sie nun eine Weise sind oder nicht, interessiert mich nicht die Bohne, aber ich erwarte mehr Respekt von einer jungen Frau, die sich aus unerklärlichen Gründen den Titel der Waldweisen holen konnte. Also reden Sie gefälligst mit uns!“, sagte Navi laut und mit beeindruckendem Unterton.

Die Angesprochene zwinkerte, strich sich ihre dicken, grünen Locken aus dem Gesicht und murmelte unerwartet: „Oh, seid ihr beide immer noch da?“ Ein Satz, den Navi nicht erwartete hatte. Ein Satz, den niemand erwartet hatte…

„Salora!“, schimpfte die Fee. „Sie sind einfach nur bescheuert.“ Sie wusste nicht, wie sie Salora sonst bezeichnen sollte. Nahm die Weise des Waldes tatsächlich so wenig Notiz von ihren Gästen. Jedenfalls schien sie Navis Worte auch weiterhin zu überhören. Mit großen Augen trat sie erneut in Richtung von Klein- Link, grabschte wieder nach seinen Händen und sprach: „Bist du sicher, dass du noch etwas brauchst?“

Klein- Link tat nichts anderes als unbeholfen zu nicken.

 

„Ah, ich weiß. Du willst etwas über die Liebe erfahren“, sagte sie vergnügt.

„Nun, eigentlich war das überhaupt nicht mein Anliegen“, erklärte er, etwas verwundert darüber, wie Salora auf diese aberwitzige Idee kam.

„Doch, doch. Dich interessiert die Liebe, ich weiß es. Weiß es. Weiß es.“ Sie schien erneut in ihrem Element zu sein, denn sie strahlte, als sie dies sagte. Sie kicherte.

„Sicherlich interessiert einen Heroen die Liebe, denn er kann nicht ohne sie. Er braucht sie als Sinn. Er braucht sie als Überlebenselixier. Als Droge auf seinen Wegen. Wie sollte er auch ohne sie.“ Sie stapfte erneut zu ihren Reagenzgläsern, mischte zwei Flüssigkeiten und als herzförmiger, rosa Rauch stieg aus der Mischung ein süßlich duftendes Produkt auf.

„Selbst Elemente lieben sich, junger Heroe“, sprach sie und kicherte wieder, während sie ihren runden Hintern durch den Raum bewegte. Sie tänzelte, sie quakte und jubelte.

„Ich verstehe nicht ganz, soll das heißen, Klein- Link ist verliebt?“, meinte Navi und blickte ihn ratlos an.

„So ein Käse mit Wackelpudding, ich bin nicht verliebt!“, bestritt er. „In wen sollte ich verliebt sein!“ Er wusste zwar nicht warum, aber er hatte das Gefühl sich für irgendetwas schämen zu müssen.

„Nun vielleicht weißt du es selbst noch nicht. Weil du noch gar nicht verliebt bist“, sprach Salora und schmunzelte wieder. „Es wird Geheimnisse geben, in deinem Herzen, in deinem Verstand. Du brauchst etwas um zu leben, Kind der Götter.“ Klein- Link erstaunte. Saloras letzte Worte stimmten ihn nachdenklich. Brauchte er tatsächlich noch etwas anderes um lebendig zu sein? Schlug das Herz in seiner Brust nicht deutlich genug?

„Heißt das, er braucht Liebe, um lebendig zu sein?“, meinte Navi nachdrücklich und hoffte endlich von Salora ernst genommen zu werden. Aber die rundliche Dame registrierte erneut nicht ihre Anwesenheit. Sie schielte an ihr vorbei, geradeso, als wäre Navi nur ein Gespenst.

„Brauchst du Liebe? Liebe? Liebe?“, meinte Salora und blickte den Jungen mit großen Augen an. Er erwiderte nichts, und begann sich ohnehin mit jeder weiteren Sekunde immer unwohler zu fühlen.

„Du weißt doch, was das ist, nicht wahr?“, redete sie auf ihn ein.

Er schaute mehr und mehr drein, als wollte Salora ihn auffressen.

„Du wirst auch irgendwann lieben. Wundervoll verliebt sein. Wundervoll. Ganz wundervoll.“ Während Salora sprach, schien es als rührten ihre eigenen Worte sie zu Tränen.

Klein- Link wich in dem Moment zurück und hielt sich selbst schützen wollend seine Hände in die Höhe: „Hören Sie, Salora, ich hab‘ damit wirklich nichts am Hut. Ich bin nicht in dieser Mission gelandet um mich zu verlieben.“

„Nein, scheinbar nicht“, erwiderte sie. 

„Und ich brauche keine Weise des Waldes, die mir einreden will, ich bräuchte Liebe um diese Mission zu vollbringen.“

„Nein, natürlich nicht.“

„Und außerdem will ich mich niemals  verlieben. Das ist blöd.“

„Nein, willst du blöderweise nicht“, sagte sie und schien sich mit jeder Sekunde mehr und mehr über ihn lustig zu machen, obwohl in ihren Augen keine Freude mehr stand. Sie kniff ihn in seine rechte Wange.

 

„Ob du willst oder nicht, Götterkind. Du wirst dich verlieben, noch in deiner langen Mission. Und du wirst dir wünschen, du hättest dich nicht verliebt“, sprach Salora dann, ungemein ernst und nicht mehr lächelnd, nicht mehr erfreut. „Denn Liebe kann auch sehr grausam sein. Liebe kann dich fesseln, dir so schnell deine Lebendigkeit wieder nehmen wie sie sie dir geschenkt hat.“

Sie streichelte über seine Wangen und dann durch sein blondes Haar. „Auch die Weisen dieser Welt wünschen dir alles Glück für den Weg, den du irgendwann alleine zu beschreiten hast.“

 

Dann endlich, man hätte es nicht mehr erwartet, wanderte ihr rundlicher Schädel zu Navi und sie schien die einstige Fee endlich zu registrieren.

„Feen sind unsterbliche Wesen…“, begann sie leise. „Was du jedoch bist, einstige Fee, ist ein geborgter Körper mit geborgten Wünschen und verlorenen Träumen. Du konntest dich nicht entscheiden und wirst es niemals mehr können… Die Richter haben für dich bereits entschieden“, entgegnete sie. In Gedanken sprach sie weiter, und sie sprach zu Navi, sodass es Klein- Link nicht hören konnte.

,Du wirst mehr sein als eine Freundin und Beschützerin… nur steht dein Schicksal bereits in Stein gemeißelt… die Frage ist, wirst du es annehmen…‘, sagte sie so, dass Navi ihre Stimme in ihren Gedanken wahrnehmen konnte.

Und sie erwiderte, fragte, sie verstand Saloras Sätze nicht, ihren Sinn nicht. ‚Was bedeutet das?‘, meinte das augenscheinliche Mädchen.

‚In einer anderen Dimension erzählte dir jemand, dass er dich an einem anderen Ort sah… An einem Ort, den viele betreten müssen‘, sprach Salora.

,Werde ich sterben müssen…‘, meinte die Fee angstvoll, stets bedacht in diesem Moment ihr Gesicht vor ihrem jungen Schützling zu wahren. Seit der Link der Wind-Waker-Welt ihr von seiner Halluzination erzählt hatte, lag ihr diese Frage auf der Zunge. War es möglich, dass er sie in einer Nachwelt erblickt hatte?

„Sterben… nein… Sterben kann unsterbliches Leben nicht… es kann nur vergehen“, sprach Salora dann laut. Navi wusste nichts mit ihren Sätzen anzufangen, sicherlich, nur konnte sie in diesem Moment, da Salora diesen Satz wahrhaftig und auch von Klein-Link hörbar in den Raum geworfen hatte, nicht weiter nachbohren. Sie wollte ihn nicht beunruhigen. Und vielleicht war ihre Sorge auch unbegründet. Möglicherweise würden sich neue Wege auch für sie auftun. Klein- Link blickte seine Begleiterin etwas ratlos an, und dann zu Salora, die wie hypnotisiert in Navis giftgrüne Augen blickte. Dann lächelte sie.

„Jeder von euch beiden hat einen vorgeschriebenen Weg. Jeder von euch ist bestimmt weiterzugehen. Und auch in dieser Welt werdet ihr den Heroen finden, den ihr so sucht. Ein Heroe, der sich von seinem Alter besiegen lassen hat. Ein Heroe als Gefangener seiner selbst und seines Alters.“

Eine unangenehme Pause entstand. Und die beiden Reisenden wollten darauf nicht nachfragen. Es war sonnenklar, dass der Heroe jener Welt schon an die sechzig Jahre sein musste, dass er vielleicht nicht mehr kämpfen konnte. Aber Navi und Klein- Link waren sich sicher, dass er dennoch, vielleicht seine Erfahrung, sein Wissen, in den Rat mit einbringen konnte.

 

Die Weise wollte sich gerade wieder mit ihren Reagenzgläsern und seltsamen Flüssigkeiten beschäftigen, als Navi und Klein- Link immer noch in dem Raum stehen blieben und keine Anstalten machten die arbeitswütige Salora alleine zu lassen.

„Der Weg“, sagte sie. „Braucht ihr noch etwas? Auf dem Weg? Auf dem Weg?“ Ihre großen silbrigschillernden Augen blickten erwartungsfroh in jene des Jungen.

„Und du, brauchst du noch mehr Wissen um die Liebe? Liebe? Liebe?“ Ihre Augen wurden immer größer und größer. „Du willst etwas wissen, ah ja… wegen deinen Eltern, nicht wahr?“ Die rundliche Dame hatte genau den Punkt getroffen, der ihn schon seit Tagen beunruhigte. Ging es Zelda und Link auf der Erde den Umständen entsprechend gut? Oder stand diese Mission schon lange unter keinem guten Stern mehr…

„Auch deine Eltern lieben sich“, lallte die Frau, hüpfte erneut näher und grabschte nach seinen Händen. „Wusstest du das? Wusstest du das? Wusstest du?“

„Ja, das wusste ich!“, meinte er genervt und zerrte seine Hände aus den dicken, fettigen der Weisen. Das war nicht sein Anliegen. Konnte sich diese Frau nicht endlich wie ein normal tickendes, nicht von allen guten Geistern verlassenes Individuum benehmen?

„Und sie werden sich irgendwann noch mehr und heftiger lieben“, lachte die Dame und errötete ein wenig, als diese Worte Hinweis gaben auf eine etwas intimere Geschichte. Auch Klein- Link und Navi erröteten angesichts dieser privaten Ereignisse, die keinen in der Runde außer scheinbar Salora interessierten.

„Verdammt nochmal, das geht uns überhaupt nichts an. Und das wollten wir nicht wissen!“, schimpfte Navi und stapfte zum Spannungsabbau durch den Raum. In dem Moment stand Salora auch schon vor ihr und schielte sie mit gespenstisch riesigen Augen an.

„Ach nein? Dabei ist klar, dass sie leben müssen, wenn sie sich irgendwann noch mehr lieben, nicht wahr? Nicht wahr? Nicht wahr?“

Und da verstand Navi. Das bedeutete, dass Salora Zelda und Links Zukunft auf irgendeine Weise als sicher ansah, falls sie sich auch irgendwann noch lieben würden. Vielleicht in wenigen Wochen, Monaten oder Jahren…

Klein- Link lächelte ein wenig, und ließ einen hinterhältigen Stein von seinem Herzen plumpsen. Wenn Salora Recht hatte… dann musste sein plötzliches Verblassen mit anderen Dingen zusammenhängen.

„Können Sie uns das wirklich garantieren, Salora? Ich meine, dass es Link und Zelda auf der Erde soweit gut geht“, bohrte Navi nach.

„Nichts ist für immer, Fee, und für nichts gibt es Garantie“, erklärte sie. „Es wird noch etwas geschehen, das spüre ich… etwas… was nur einer von euch beiden in Ordnung bringen kann. Aber diese Zeit ist noch nicht. Noch nicht. Noch nicht…“, meinte die Weise, ließ ihre letzten Worte an die beiden Kinder mit Milde ausklingen und verschwand in einem Regen bunter Blätter, im Einklang mit dem Wald verabschiedete sich die Weise. Eine Weise wie keine, sympathisch, aber ungemein chaotisch…

 

 
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