Kapitel 106
 

6. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 6

 

In einem Gebäude, weit entfernt von der Hauptstadt Saria, umgeben von peitschenden Sandstürmen, versteckt zur Hälfte im Erdboden, saß eine dunkle Gestalt in einer staubigen Zelle. Die Person war eingehüllt in eine verdreckte Decke, ahnend über Schicksale und großartige Begegnungen. Ein sanfter Hauch kalter Luft strömte gleichmäßig aus seinem halbgeöffneten, trockenen Mund. Er hielt etwas in der Hand, was aussah wie ein zerknülltes Foto. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, er grinste, als er es anblickte.

Es war ein düsterer Ort, an dem er sich aufhielt. Von innen war der Wind hörbar und brachte Trübsinn mit sich. Außen herrschte Leere und Tod in einer Landschaft aus Sand…

 

In dem Augenblick erhellte eine für diese Welt untypische, flackernde Lichtquelle die Szenerie. Jene Quelle des Lichts, täuschend warm und lebendig, näherte sich hastig, bis das Licht den Innenraum der schmutzigen Zelle erhellte. Eine breite Gestalt hielt die Fackel in einer blassen, aber kräftigen Hand und zischte dem Gefangenen kränkend zu.

„Erbärmlich bist du. Alt und schwach, kein Held würde so enden wollen wie du.“ Die Gestalt öffnete mit einer Handbewegung das magische Schloss, kniete nieder und packte den Mann am Kragen. „Rede gefälligst.“ Seit den wenigen Stunden, die der Gefangene hier verweilte, hatte er nicht ein einziges Wort gesprochen, was seine Wachen nicht gerade erfreute. Es mixte eine gefährliche Stimmung in die Luft, als plante der Gefängnisinsasse etwas, was seine Gegenspieler das Fürchten lehren sollte.

Die fremde Gestalt in dem schwarzbraunen Mantel kam dem Gefangenen mit seiner blassen, gespaltenen Zunge näher. Selbst der faulige Mundgeruch schien den noch immer grinsenden Mann nicht das Geringste auszumachen.

„Hörst du nicht! Rede gefälligst!“ Und mit einem wuchtigen Schlag, donnerte der Hüne den Eingesperrten gegen die hinter ihm befindliche Mauer. Es knackte mehrmals unangenehm, aber der Mann ließ sich zu keinem Schmerzlaut hinreißen. Er schwieg weiterhin, verbissen und standhaft.

„Dir wird das Grinsen noch vergehen, Held!“, röhrte seine Gegenüber und spukte ihm ins Gesicht. „Egal, was du hiermit bezweckst, du steckst in der Klemme. Obwohl es sicherlich eine gute Strategie war sich ausgerechnet hier aufzuhalten“, ergänzte er.

„Ich werde sie herbringen und vor deinen Augen zerquetschen, wie eine reife, faulende Pflaume…“, zischte er noch einmal. Sein Mantel flatterte, als er sich direkt vor den Augen des Eingesperrten in Luft auflöste. Und dann. Erst dann, als der Hüne verschwunden war, ließ sich der Mann zu wenigen Worten verführen. Er lehnte sich entspannt zurück und murmelte: „Ja, was wir hier tun ist eben doch nur ein Spiel.“ Seine Worte gingen in der Wüste unter, die erbarmungslos Menschen und andere Wesen unter ihren Sandstürmen vergrub.

 

Indes leuchtete in der Wohnung von Lia Couraiga nur noch eine kleine Tischlampe im Wohnzimmer. Es war bereits spät in der Nacht und die Stille wiegte Navi und Lia in den Schlaf, nur Klein- Link lag wach. Er hatte heute Post bekommen, merkwürdige Post, sollte man sagen. Er war ziemlich rot angelaufen, als ihm Lia einen käsegelben Brief mit lila Herzchen unter die Nase hielt. Ein Liebesbrief, ausgerechnet an einem Tag, als Salora ihm etwas über die Liebe prophezeite. Es nervte ihn inzwischen. Lia und Navi hatten sich beide so herzlich darüber amüsiert, dass er sich gerne in dem Moment wieder einen Schub Unsichtbarkeit herbeigewünscht hätte. Er konnte Lias verteufeltes Grinsen dabei einfach nicht vergessen. Diese Schadenfreude darin, als gäbe es auf der gesamten, weiten Welt nichts Aufregenderes als dieses unsinnige, bescheuerte Ereignis. Und Navis Gekicher machte das Ganze nicht besser. Sie hatte sich gekrümmt vor Lachen. Ihre dicken, klobigen Beine hatten ihr Gewicht nicht mehr gehalten und so ist diese dämliche Fee vor lauter Gekreische in sich zusammengesackt und klatschte mit Lachtränen in den Augen in ihre fetten Hände. Natürlich ertrug Klein- Link auch noch die Schande unter diesen vier spöttischen Augen den Brief zu öffnen, aus dem zu allererst ein übertriebener nach alten Frauen stinkender Duft herausschoss. Lia und Navi kugelten sich erneut vor Lachen, während er hilflos vor ein paar dahin geschmierten Zeilen mit vielen selbstgemalten Herzchen stand. Er kochte in dem Zeitpunkt innerlich vor Scham und Aufregung. Er verfluchte das Mädchen, das ihn in diese Situation gebracht hatte und ihm einen hässlichen Brief geschrieben und damit zum Gespött gemacht hatte vor einer so attraktiven Dame wie Lia und seiner nervenden Begleiterin Navi.

 

Und das, was ihn an der ganzen Angelegenheit eigentlich noch am meisten störte, war die Tatsache, dass er mit dem Begriff Liebe… nicht wirklich so viel anfangen konnte. Sicherlich hatte Salora ihm auf die höchst unsensibelste Weise, die ihm auch im nächsten Leben noch im Gedächtnis bleiben würde, bescheinigt, dass er sich verlieben würde. Aber wenn er sich verliebte, würde es dann so sein, dass er sich deshalb auf so eine Weise schämen musste?

Er seufzte und kramte den billigen Brief hervor. Er begann die Zeilen zu lesen, vielleicht das erste Mal, denn vorhin als er den Brief das erste Mal sah, wollte er gar nicht wissen, was darin stand. Manche von den Sätzen fand er gar nicht so schlimm. Das Mädchen erzählte einige Dinge von der Schule und auch Sätze der Bewunderung standen darin. Sätze, die ihm sogar schmeichelten. Er war bisher nicht so oft gelobt worden, seit seine Existenz besiegelt war. Der letzte Satz in dem Brief ,Ich mag dich‘ machte ihn irgendwie nachdenklich. Wie oft hatte jemand so etwas überhaupt schon zu ihm gesagt? Spürte er vielleicht doch endlich, dass es die Liebe war, die er vermisste?

 

Er wusste nicht warum, aber als ihn diese Trübsinnigkeit einholte, war es die Brosche, die er vor wenigen Stunden fand, die ihm plötzlich wie ein Lichtblitz durch den Kopf geisterte. Flugs sprang er auf, suchte verbissen nach jenem Schmuckstück, aber er musste es völlig verlegt haben. Eine Nervosität brach plötzlich auf ihn nieder, als hinge sein Leben an der Brosche. Er wühlte den Rucksack durch, den er in die Schule mitnahm, schaute unter dem Bett, hetzte ins Bad, aber nirgendwo war die Brosche abgeblieben.

„Wo hab‘ ich die nur vergessen?“, murmelte er und begann sich mehr und mehr über sich selbst zu ärgern. Ihm war dieses Schmuckstück aus irgendeinem Grund unheimlich wichtig, vielleicht sogar wichtiger als das Medaillon der Mächtigen um seinen Hals. Alle möglichen paranoiden Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War die Brosche jetzt vielleicht wieder genauso verschwunden wie sie aufgetaucht war? Hatte irgendjemand ihm die Brosche gestohlen?

Seufzend ließ er sich wieder auf der Couch nieder, als ihm einfiel, dass er die Brosche unter sein Kopfkissen gesteckt hatte. Und tatsächlich fand er das eigensinnige Schmuckstück friedvoll und ohne Harm dort liegen. Er lachte albern und er lachte etwas zu laut, sodass auch Navi aus ihrem Schlummer gerissen wurde.

 

,Zum Glück‘, dachte er. Vielleicht hing tatsächlich etwas unglaublich Kostbares an diesem Schmuckstück, etwas, dass er noch nicht kannte, aber dass er irgendwann erfahren würde. Er öffnete die Brosche mit dem samtigen Material einmal mehr und klappte es wieder zu.

 

In dem Moment stand Navi fies grinsend vor dem Sofa und beäugte ihn skeptisch. Sie trug ihr weißlich, grünes Kleid erneut als Nachthemd und fixierte ihn mit jeder Sekunde mürrischer.

„Wo hast du das her?“, meinte sie engstirnig und grabschte danach.

Er wich zurück und antwortete zunächst nicht darauf. Mit der Brosche, als wäre sie sein größtes Heiligtum, hüpfte er vom Sofa und schielte zu Navi hinüber.

„Das habe ich gefunden“, sagte er endlich, als er genügend Abstand zu der einstigen Fee hatte.

„Ach ja?“, meinte sie verwundert. „Und wo?“

„Das verrate ich nicht“, erklärte er.

„Sie gehört dir nicht, oder?“

So genau konnte man das gar nicht sagen, oder? Sie lag plötzlich vor seinen Füßen. Und vielleicht war es wirklich Sinn und Zweck, dass diese Brosche in seine Hände fiel.

„Nein, eigentlich gehört sie mir nicht“, gab er ehrlich zu. Trotzdem wollte er es behalten. Auch wenn diesmal das Kind in ihm zuschlug, er wollte diese Brosche unbedingt.

 

Navi hüpfte unterdes näher und grabschte nach dem Gegenstand: „Nun zeig doch mal her, du Depp!“, schimpfte sie. Sie zankten ununterbrochen und auch lauter. Sie zwickten und traten sich. Klein- Link rannte wie besessen vor seiner Begleiterin weg, und lachte inzwischen, da Navi mit ihren dicken Kinderbeinen und ihrer unbeholfenen Art ihn nicht einholen konnte. Dennoch gab die einstige Fee nicht auf und brüllte schließlich, so laut, dass Lia erschrocken aus ihrem Schlaf gerissen wurde.

Sie sprang aus ihrem Bett, griff rasch nach ihrer Waffe und stürmte ins Wohnzimmer. Sie schüttelte den Kopf, als sie das Bild vor ihren Augen erblickte. Nicht nur, sie bekam angesichts des Bildes beinah Hörner vor Wut.

Wie zwei wirkliche Kinder jagten die beiden hintereinander her, weckten damit nicht nur Lia, sondern womöglich noch andere Leute in dem Haus. Und sie hatte sich wahrlich Sorgen gemacht, dass etwas Unverhofftes geschehen war.

 

„Ruhe!“, rief sie empört und beäugte sowohl Navi, als auch Klein- Link mit entrüsteten Blicken. „Ich habe euch beide erwachsener eingeschätzt, als hier einfach so einen Lärm zu machen“, murrte sie. Aber keiner nahm sie ernst, und die gute Lia Couraiga bekam ein großes Kissen in ihr Gesicht geschmettert.

Und da schien für einen Moment die Zeit still zustehen. Navi und Klein- Link schauten betreten zu ihr hinüber und wussten nicht, wie Lia auf diese Art von Scherzen reagieren würde. Sie hatte eine Falte auf der Stirn und fluchte dann. Ehe Klein- Link und Navi ansatzweise ahnten, was sie vor hatte, sprang sie zu ihnen beiden hinüber, direkt über die Couch hinweg, packte beide unter je einem Arm und stieß spielerisch und selbst lachend ihre beiden Köpfe zusammen.

„Das habt ihr jetzt davon!“, rief sie und grinste triumphierend, während Navi und Klein- Link quengelten.

„Lia, das ist gemein“, schimpfte Navi. „Du bist viel größer und stärker als wir.“

„Das ist auch gut so, sonst hättet ihr beide mit eurem Krach noch die ganze Nachbarschaft aufgeweckt. Wisst ihr überhaupt wie spät es ist?“

Verlegen blickte Klein- Link zu Uhr. Es war fünf Uhr morgens. Lia hatte allen Grund etwas genervt zu sein.

„Ihr seid mir zwei Dummerchen“, ergänzte sie und ließ sie endlich los. „Was habt ihr denn überhaupt ausgeheckt?“

„Es geht um so eine Brosche von Klein- Link“, erklärte Navi. „Nun ja, es ist nicht seine, er hat sie wohl in der Wohnung gefunden.“ 

„Nicht in der Wohnung“, mischte er sich ein. „Auf dem Balkon.“ Und dann endlich rückte er es heraus. Edel und zerbrechlich lag das Schmuckstück auf seiner Handinnenfläche.

„Bitte, kann ich das behalten?“, meinte er inständig. Er blickte zu Boden und es war wohl das erste Mal, dass er etwas wirklich besitzen wollte. Er verstand ja nicht einmal, wieso, aber irgendwie lag ihm sehr viel daran.

 

„Nun ja, mir gehört sie nicht“, meinte Lia und betrachtete sich das Schmuckstück vorsichtig. Es wirkte unbedeutend, aber sie traute der ganzen Sache nicht wirklich. Warum sollte plötzlich ein solcher Gegenstand auf ihrem Balkon auftauchen? Ob jemand mit dunklen Absichten wollte, dass er in Klein- Links Hände fiel?

„Also kann ich es behalten?“, meinte das Götterkind mit großen, funkelnden Augen. „Kann ich? Bitte?“

Lia wusste nicht, wie sie auf seinen Wunsch reagieren sollte. Lag es überhaupt an ihr, ihm das zu verbieten?

„Was willst du denn nur damit?“, meinte Navi und riss ihm die Brosche endlich aus den Händen. Sie betrachtete es sich neugierig und konnte sich aus diesem scheinbar wertlosen Gegenstand keinen Reim machen. „Du hast das Medaillon der Mächtigen um deinen Hals, ist das nicht viel wertvoller, wozu brauchst du jetzt noch so eine Kette?“

„Du verstehst das nicht, ich weiß einfach, dass ich sie…“, wollte er erklären. Was überhaupt? Er wusste nicht wirklich, warum sie ihm gehören sollte. Es war nur ein Gefühl.

„Zumindest kann ich nichts verdächtiges daran entdecken, deshalb kannst du es behalten“, entgegnete Lia. „Sei aber dennoch vorsichtig, ihr wisst beide, dass ihr vermutlich verfolgt werdet.“

 

Sowohl Navi als auch Klein- Link blickten daraufhin nachdenklich zu Boden. Es war nicht nur das Verfolgtsein, was beiden einen Schauer über den Rücken jagte, sondern auch die Frage, ob auf der Erde alles in Ordnung war. Wie es Zelda und Link wohl ging… Waren sie beide wirklich okay? Auch wenn Salora ihnen diese Angst nehmen wollte, Sorgen waren in dieser Situation einfach unumgänglich.

„Und es ist echt früh am Morgen, Leute“, murrte Lia und gähnte. In ihrem grünen, kurzen Pyjama und mit ihren zerzausten, dunklen Haaren sah sie sehr müde und erschöpft aus.

„Ich glaub, ich geh‘ wieder ins Bett“, ergänzte sie. Aber Lia wusste da noch nicht, dass sie in den nächsten Stunden nicht mehr dazu kommen würde, in ihrem eigenen Bett zu schlafen…

 

Sie gähnte erneut, streckte sich und war gerade auf dem Weg in ihr Schlafzimmer zurückzukehren. In dem Augenblick drang ein Klappern, gemischt mit einem Rauschen, aus dem Flur.

„Was war das?“, sprach Navi leicht beunruhigt.

Verwundert wand sich Lia um und konnte das Geräusch sofort dem Fahrstuhl zuordnen. „Das wüsste ich auch zu gerne…“, murrte sie, umkrallte ihre kleine Handfeuerwaffe und tapste barfuß in Richtung des Fahrstuhls. Das weiche, feine Material unter ihren Füßen schien zu vibrieren, angesichts der Schläge, die aus dem Fahrstuhl rührten. Lias feine Nackenhaare sträubten sich wie bei einer Katze, die sich mit einer Gefahr konfrontiert sah. Vom Aufzugsschacht her kamen weiterhin jene merkwürdigen Geräusche. Ein Knarren. Dann ein Geräusch, als würde etwas zerbersten.

„Navi, Klein- Link!“, rief sie dann und tapste einige Schritte rückwärts. Irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass etwas nicht stimmte.

„Rennt ins Schlafzimmer! Sofort!“

 

Sie konnte ihre Worte kaum aussprechen, als mit einem wuchtigen Schlag die Fahrstuhltür aus ihren Ankerungen gerissen wurde. Lia konnte sich geradeso zu Boden werfen, als jenes riesige Stück Metall donnernd über sie hinweg prallte und die hinterste Wand mitriss. Ungläubig betrachtete sie sich das hässliche Loch in ihrem Appartement und hörte von weitem ein tiefes Brummen, als die Fahrstuhltür vielleicht irgendwo auf der vorbeilaufenden Straße einschlug. Was bei Dinafa, war so eben passiert?

Nur zaghaft, vielleicht mit der Spur einer Gewissheit, drehte die junge Frau ihren Kopf in Richtung des Fahrstuhls und erstarrte. In pechschwarzem Rauch, umgeben von Ascheplättchen die in sanften Takt niederrieselten, umhüllt von kleinen Funken, die an seinem dunklen Mantel vergingen, erschien ein Hüne von einem Mann. Seine mit Eisen beschlagenen Stiefel klapperten, als er sich unbefugt Zutritt verschaffte. Und obwohl sein Haupt von einer Kapuze verdeckt wurde und diese einen breiten Schatten über sein Gesicht zimmerte, stachen leuchtende Augen hervor, die, wie Lia dachte, niemals den Himmel erblicken konnten wie er wirklich war. Da war Hass und Tod in jenen Augen. Mordlüstern und rachesuchend blickten jene in ihre.

 

„Als das Feuer der Sonne erlosch… war es nur ich, der weinen musste. Wenn man für diesen Körper lebt… Seelen gleichgültig sind… Gesetze sich umkehren…und der Himmel, ein Gefängnis, zur Erde kracht, muss man da nicht nach dem leben, was man ist?“ Er trat näher, seine verwirrenden Worte ließen vermuten, wie leer und kalt es in seinem Herzen aussehen musste. Lia wollte etwas sagen, sie wollte sich behaupten, aber sie wusste nicht wie. Jener Mann, großgewachsen und unheimlich, hatte etwas an sich, dem sie nicht ausweichen konnte. Sie kämpfte mit sich, wollte jene Person nicht ansehen, wusste sie doch, welche Kraft in ihm stecken musste, wenn er eine Fahrstuhltür durch die Gegend schmettern konnte. Aber irgendetwas in ihr fühlte sich betäubt, verband diesen Mann mit seinen dämonischen Grundzügen als Herausforderung und trotz seiner eiskalten Aura irgendwo anziehend. Sie fühlte sich betäubt, manipuliert, vielleicht sogar hypnotisiert… und sie ließ es zu…

 

Zaghaft trat sie auf ihre schlanken durchtrainierten Beine, die Waffe fiel ihr mit einem leisen Knacken aus der Hand und tapsig, unsicher und mit deutlich gezwungenen Schritten lief Lia auf ihn zu. In ihr brodelte es vor Angst aufgrund jenes Wahnsinns. Sie näherte sich ihm, einem fremden Mann mit einer nach Dämonen stinkenden Aura und sie konnte einfach nicht dagegen ankämpfen. Sie kniff die Augen zu, schrie innerlich, wollte beinah weinen vor Hilflosigkeit, aber er zog sie weiterhin zu sich.

„Junge Frau, wo du nicht weißt, welche Macht sich selbst in der Hölle verbirgt… ich zeige sie dir…“, murmelte er.

Und als sie ihm nahe war, nicht mehr weglaufen konnte, packte er sie an der Kehle, hob sie in die Höhe, als wäre sie nur eine Puppe und presste sie an die Wand.

„Du fürchtest den Wahnsinn…“, flüsterte er in ihr Ohr. Sein Atem war so eiskalt wie sein Herz. Ein Atemgeruch, der nach Säure stank und sie anwiderte. Sie wollte sich aus dem Griff lösen, wusste sie doch, dass diese Hilflosigkeit ihr noch nie wiederfahren war. Aber sie konnte ihrem Körper im Augenblick keinerlei Befehle erteilen.

„Ich bin alles das, was du fürchtest…“, flüsterte er weiter. „Wo sind die Kinder? Wo ist das Kind, das mich vernichten wird?“

„Ich weiß nicht…“, sagte sie gezwungen. Sie musste all ihre Kraft zusammen nehmen, um diesen Satz über ihre ausgetrockneten Lippen kommen zu lassen. Es war eine Lüge und das wusste auch dieser Mann, der eine nahezu unmenschliche Kraft besaß. Unter seiner Kapuze stachen seine Augen angriffslustig hervor, da er Lias Lüge riechen konnte. Als sie in jene glutroten Augen sah, durchfuhr es sie wie eine Schockwelle… und selbst ihre Lippen schienen nun gelähmt zu sein.

„Du bist ein ziemlich dummes Weib, Heroentochter…“

 

„Lass‘ sie in Ruhe, du dummes Schwein!“, rief Klein- Link. Er konnte nicht mehr zusehen, nicht mehr ertragen, wie Lia von diesem Unbekannten fertig gemacht wurde. Unsicher stand er im Wohnzimmer. Navi hatte sich währenddessen schlichtweg hinter dem Sofa versteckt. Sie schüttelte mit dem Kopf, als sich das Götterkind einmischte.

„Was willst du überhaupt von uns?“, sprach er. Ihm schlotterten zwar etwas die Knie, dennoch… wenn er irgendwann ein Heroe werden wollte, musste er sich bestimmten Gefahren dann nicht stellen?

 

In nahezu unmenschlicher Regung, seinen Kopf halbverdrehend, wand sich der Mann zu ihm, ließ Lia jedoch nicht aus dem Griff.

„Du fragst, was ich will…“ Klein- Link trat einen Schritt zurück, während jene feindlichen Blicke des Mannes ihn trafen.

„Was ich will…“, wiederholte er und fixierte ihn nur noch deutlicher. „Was ich will ist nichts im Vergleich zu euren dummen Wünschen, ihr Menschen…“, endete er, packte Lia fester in seinem Würgegriff.

„Ich war einmal genau wie du…“, bemerkte er, in einem fast melancholischen Ton. „Bis ich wusste, wohin mich meine Bestimmung führt.“

Ungläubig beobachtete Klein- Link jenen Hünen, der sich in etwas einhüllte, was ihn mehr und mehr unwirklich erscheinen ließ.

„Schließ‘ dich mir an, Kind der Götter“, sprach der Mann in einem befehlenden Ton. „Und du sollst all das bekommen, was dir zusteht.“

„Ich weiß nicht einmal, wer du bist und was du hier willst, und da soll ich mich dir anschließen? Du verletzt Lia und erzählst mir etwas von Bestimmung?“, brüllte Klein- Link und er wusste nicht, ob er aus Angst oder Wut so brüllte.

Als wäre Lia ein Fliegengewicht, packte der Unbekannte sie fester an ihrer Kehle und schleuderte sie hinein in den halbzerfetzten Fahrstuhl. Sie knallte mit voller Wucht gegen das Stahlgehäuse und verlor sofort das Bewusstsein.

„Lia!“, schrie Klein- Link, wollte zu ihr stürmen. Aber irgendetwas hielt ihn plötzlich davon ab, Er konnte es nicht genau definieren, wusste lediglich, dass es sich anfühlte wie eine unsichtbare Mauer und dass jene von diesem dämonischen Mann stammen musste.

 

In dem Augenblick verbreitete sich in dem Wohnzimmer ein fauliger Geruch. Ein Gestank nach Zigarettenqualm, ein furchtbares Aroma, wie die Anwesenden fanden. Und plötzlich entstand der Rauch, als käme er aus den Schlitzen des grünen Sofas herausgequollen.

Tatsächlich aber bildete sich neben dem Rauch noch eine brennende Zigarette und anschließend ein blonder Mann, der gelassen und seine Zigarette genießend auf dem Sofa saß. Unbehelligt schien er die Vorkommnisse zu verfolgen und ließ den Rauch mitsamt der Luft aus seinen Lungen spielerisch hinaus gleiten.

„So geht man nicht mit Frauen um, Mister. Frauen sollten verwöhnt werden, geehrt und auf Händen getragen werden.“ Er hatte seine graublauen Augen noch geschlossen, atmete tief durch und knipste die Zigarette in seiner Hand einfach aus.

Er erhob sich träge, hielt in einer Hand eine ziemlich große Schusswaffe und in der anderen plötzlich eine Art Granate. Ohne den geringsten Zweifel in seinem Blick startete er kühl und nicht mit einer Wimper zuckend das Geschoss und ließ die Gewalt von etwa zwanzig Projektilen in einem bläulichen, knallenden Regen auf den Widersache knallen. Der Unbekannte wich erstaunt zurück und schützte sich mit seinem Mantel.

 

„Bleib‘ zurück, Junge!“, rief der wohlvertraute Retter namens Velkan Harkinian. „Die unsichtbare Mauer stammt von mir. Ihr beide, du und deine Begleiterin, rennt jetzt sofort ins Schlafzimmer und wartet dort, bis ich mit Lia bei euch bin.“

Klein- Link wusste gar nicht, wie ihm geschah, so schnell liefen die nächsten Sekunden vor ihm ab. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit aus Erleichterung zu seufzen. Velkan stürzte sich in einer wahnsinnigen Manie, überraschend flink und akrobatisch, in Richtung des Angreifers und schmetterte das obskure Wurfgeschoss in dessen Richtung. Es krachte, als ob Hunderte Blitze auf den Angreifer niederprasselten. Es wurde blendend hell in Lias Wohnung, als jene Bombe explodierte.

Mehr konnten Klein- Links Augen in dem Moment nicht aufnehmen, Navi hatte ihn bereits an einem Arm gepackt und zerrte ihn mit einer unglaublichen Kraft, von der er nicht einmal wusste, dass sie jene besaß, in das Schlafzimmer.

„Velkan meint bestimmt den Balkon!“, rief sie. Erst jetzt konnte Klein- Link sehen, dass Navi weinte. Ihre Hände zitterten, vor allem die Hand, mit der sie ihn am Arm festhielt. „Wir sollen bestimmt über den Balkon fliehen!“ Hektisch stürzten die beiden augenscheinlichen Kinder hinaus auf den Balkon, der vielleicht den einzigen Fluchtweg darstellte. Hilflos blickten sie hinab, hinauf in die anbrechende Morgendämmerung und ab und an angstvoll zurück, ob der teuflische Mann ihnen nicht folgte.

„Das haben wir nun davon… Es läuft schon wieder alles verkehrt!“, quengelte Navi und sackte auf dem Steinboden des Balkons nieder. „Wo sollen wir denn jetzt hin fliehen?“ Sie blickte ihn so verzweifelt an, als wären sie beide bereits unter der Erde.

 

Er fühlte sich nicht wohl, wenn seine Begleiterin sich so mutlos anstellte. Sicherlich hatte er Angst, aber noch war nichts entschieden. „Navi, es gibt immer einen Weg“, sprach er leise. „Es muss einfach einen Weg geben“, setzte er Mut erfüllt hinzu.

Verwundert blickte die einstige Fee auf und konnte einmal mehr wirklich sehen, was in diesem Jungen steckte. Er war nicht nur der kleine, dumme Ableger des Helden der Zeit. Ja, er besaß diesen Funken Hoffnung und Mut, welche auch Link liebenswert gemacht hatten…

 

Unsicher blickte der Junge über das Geländer, hinunter zu der Straße. Er konnte es noch nicht richtig erkennen, aber er bildete sich ein, oder sah er es vielleicht wirklich, dass dort unten ein Fahrzeug allmählich in die Höhe stieg. Seine Augen wurden größer als sich seine Vermutung bestätigte. In immer schneller werdendem Tempo stieg mit einer modernen, unbekannten Technik ein Transportmittel nach oben. Ein schwarzes flugzeugähnliches Gebilde mit Düsen, aus denen helle Funken sprühten. Das Objekt stoppte direkt vor Klein- Links Nase und hielt sich leise und unbemerkt in den Lüften. Es war eine Art schwarzes Mini-Flugzeug mit Autoreifen und genug Platz um acht Personen zu transportieren. An der ihnen zugewandten Seite war eine geöffnete Tür.

 

In dem Augenblick krachte es erneut in der Wohnung, als ob Blitz und Donner wie wahnsinnig darin arbeiteten. Gerade da stieß Velkan die Tür zum Schlafzimmer auf, hielt Lia auf seinen Armen und brüllte wie angestochen: „Springt!“

Hilflos blickte Navi und Klein- Link den athletischen Mann an, der inzwischen auch Kraft und Ruhe nach einem brutalen Kampf eingebüßt haben musste. Er sprang zunächst auf das Geländer und stürzte sich zusammen mit Lia, die sicher auf seinen Armen ruhte, direkt hinein in das obskure Transportmittel. Er winkte den beiden zu: „Kommt schon! Oder wollt ihr von dem Kerl, der euch verfolgt, aufgespießt werden.“

 

Mit großen, entsetzten Augen stand Navi auf dem Geländer, blickte hinüber und dann in Klein- Links himmelblaue Augen: „Das ist viel zu weit! Das schaff‘ ich niemals!“, rief sie. „Ich schaff‘ das nicht. Ich schaff‘ das einfach nicht!“

Indes blickte Klein- Link zurück und konnte den Hünen sehen, wie er mit großen schweren Schritten durch die Tür ins Schlafzimmer kam.

,Also das ist unser Weg‘, dachte er. Er lief etwas zurück, rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten wieder vorwärts und stieß eine überraschte und kreischende Navi hinaus. Sie blickte ihn entsetzt an, als sie gerade so das Miniflugzeug erreichte. Sie krallte sich mit aller Kraft an der Schwelle fest und wurde von Velkan hinaufgezogen.

Auch Klein- Link hüpfte auf das Geländer und sprang mit aller Kraft, die er noch hatte, und landete sicher auf dem Transportmittel.

 

Velkan setzte sich sofort ans Steuer und machte alles für die Reise startklar. Das Flugzeug segelte mit gemächlicher Geschwindigkeit, beinah geräuschlos hinfort. Der Angreifer jedoch stand inzwischen auf dem Balkon, hob sein Haupt in die Höhe und ein vernarbtes Gesicht gab sich preis. Wunden, einst zugefügt und nie wieder geheilt, erzählten von seiner Geschichte. Einer Geschichte über Grausamkeit und Hass. Er hob beide Arme in die Höhe als Zeichen seiner Macht. Er lachte, er lachte blutdurstig…

 

Klein- Link blickte allmählich realisierend was geschah zurück. In seinen Adern kochte es vor Aufregung. Auch ihm setzte der Unbekannte ein Zeichen. Ein Symbol, das für einen steinigen Weg stand. Ein Zeichen des Kampfes um Leben und Tod.

 
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