Kapitel 107
 

6. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 7

 

Mit gemächlicher Geschwindigkeit bewegte sich das Luftfahrzeug in Richtung der aufgehenden Sonne. Wärme und Besänftigung brachten die rotgoldenen Strahlen des riesigen Feuerballs am Himmel mit sich und benetzten Klein- Links Gesicht, der nachdenklich und schweigend neben Navi saß. Die Fee hatte sich inzwischen zusammengekrümmt und drückte ihre Knie gegen ihre flache Brust. Sie hatte sich etwas an ihn gelehnt, was Klein- Link im Moment nicht störte. Vielleicht war Navi doch nicht so verkehrt, wie er noch vor kurzem gedacht hatte. Inzwischen tat sie ihm irgendwie leid…

Kein Wort war gefallen, seit sie zu viert vor dem bedrohlichen Mann geflohen waren. Velkan saß noch immer am Steuer und blickte konzentriert auf die Monitore. Lia lag mit einer üblen Kopfwunde bewusstlos auf einer Liege.

Seufzend schaltete Velkan endlich auf Autopilot um, huschte nach hinten und blickte die beiden Kinder in ihrer Schlafbekleidung etwas ratlos an. Er kratzte sich am Kopf und fuhr sich dann durch das kurze blonde Haar auf seinem Kopf. Dann kratzte er sich an seinem Dreitagebart.

„Nun, ich kann euch irgendwie nicht verübeln, dass ihr so schweigsam seid“, meinte er und grinste etwas. „Aber es ist ja alles noch mal gut gegangen, was?“, lachte er dann. Scheinbar war Velkan, was gewisse unsichere Situationen anging, doch nicht so ein Macho, wie er jedem gerne Glauben machte. In diesem Augenblick jedenfalls verhielt er sich äußerst unbeholfen.

Das Grinsen verging ihm dann, da auf seinen Kommentar niemand reagieren wollte. Er räusperte sich und warf einen Blick auf Lia. Sachte begutachtete er die Wunde und war im Umgang mit ihr auffallend vorsichtig, fast liebevoll. Navi fiel als erster auf, wie sorgfältig er sich gegenüber der Heroentochter verhielt.

„Ist mit ihr soweit alles okay?“, murmelte das Mädchen.

„Ich hoffe es…“, entgegnete er. Er gab Lia irgendeine Infusion und benetzte ihre offene Kopfwunde mit einem Spray. Er lächelte etwas und hielt seine Hand an Lias Hals um ihren Puls zu fühlen.

 

Es war nur Sekunden später, dass die junge Ärztin ihre tiefblauen Augen öffnete. Sie richtete sich sofort auf, ehe sie überhaupt registrieren konnte, wo sie sich befand. Sie nahm alles nur verschwommen war. Aber allem Anschein nach kannte sie dieses Transportmittel besser als es Velkan lieb war.

Sie blinzelte etwas und noch bevor sie Klein- Link und Navi wahrgenommen hatte, pfefferte sie dem eigentlichen Retter eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Velkan schrie schmerzverzerrt auf und murrte: „Du hast noch denselben Schlag drauf wie früher! Nur womit habe ich diese Schelle verdient?“

Lia blickte ihn streng an, atmete tief ein, und hielt sich dann ihren Kopf fest.

„Ja, okay, ich habe die vermutlich verdient“, entgegnete er und setzte sich zu ihr, trotz Lias deutlicher Abneigung.

„Die hast du mehr als genug verdient! Das ist mein Auto“, fauchte Lia. „Wie konntest du dich einhacken und die Morphfunktion nutzen, du Mistkerl!“ Erneut griff sie sich an ihren Schädel und schien ein paar üble Kopfschmerzen zu haben.

„Äh, ja, darüber reden wir ein anderes Mal“, scherzte er und blickte einmal mehr unbeholfen drein.

 

So war das also, dieses Objekt war Lias Hylcedes Morph, den man nutzbringenderweise in ein fliegendes Transportmittel verwandeln konnte.

„Wie komme ich überhaupt hierher… und was ist passiert?“, meinte sie leise. Sie nickte Navi und Klein- Link zu und konnte sich im Moment nicht einmal mehr an den fremden Angreifer erinnern.

Sachte ließ sie sich wieder auf die Liege sinken. Was ihr in dem Moment scheinbar überhaupt nicht gefiel, war die Tatsache, dass sich Velkan direkt über sie beugte und musterte.

„Was wird das, wenn es fertig ist?“, maulte sie.

„Entschuldige, meine Schöne, du wurdest vorhin ziemlich heftig durch die Luft geschleudert und hast Bekanntschaft mit einem stählernen Fahrstuhl gemacht. Nur so zur Information. Es könnte sein, dass du eine versteckte Blutung in dem klugen Kopf hast, liebste Lia.“ Sie schien seine Spielchen zur Genüge zu kennen und entgegnete nichts als ein Seufzen.

„Wenn ich schon mal in der Lage war dich zu retten, solltest du dich dann nicht bei mir auf die ein oder andere Weise erkenntlich zeigen?“, betonte er und riskierte mit dieser Anmache die nächste Ohrfeige.

„Wenn ich nicht so schwach auf den Beinen wäre, hätte ich dich kurzerhand aus dem Hylcedes gejagt“, sprach sie müde. „Und warum bist du der Meinung mich gerettet zu haben?“

 

Indes stand Klein- Link neben der Liege und erklärte: „Wir wurden in deiner Wohnung angegriffen… Erinnerst du dich nicht an den Angreifer, der den Fahrstuhl zerlegt hat?“

Ein wenig verunsichert und ratlos sah Lia um sich. Aber ihr Blick sagte auch, dass sie verstand. „Ich erinnere mich noch daran, dass ein Hüne von einem Mann in die Wohnung eingedrungen ist.“

„Eben… und dieser Mann hat dich ziemlich übel zugerichtet. Glücklicherweise war Velkan in der Wohnung und…“ Und da unterbrach Lia den Jungen verdutzt.

„Was heißt das, du warst in meiner Wohnung?“ In ihren tiefblauen Augen blitzte es messerscharf auf. Sie fixierte Velkan erneut wie eine angriffslustige Raubkatze. Und jede falsche Antwort könnte unangenehme Folgen nach sich ziehen.

„Das ist richtig, ich war in deiner Wohnung“, erklärte er.

„Das muss ein übler Scherz sein. Zelda hat ausgerechnet dich geschickt?“

„Ja, ausgerechnet mich, als Beschützer deiner beiden Besucher vor eben diesem Mann, der ein Mitglied der Hyl Moblina ist.“

Lias Blick war gnadenlos. Sie schien Velkan zu mustern als wollte sie seine Lebensenergie absaugen.

„Du hast mich beobachtet!“, zischte sie. Lia war nun mehr als schlecht gelaunt, weil sie genau wusste, was es hieß von einem Velkan Harkinian beobachtet zu werden.

„Ich lag sogar meistens neben dir in deinem Bett, liebste Lia“, frohlockte er und grinste zufrieden. „Du siehst so süß aus, wenn du schläfst.“ Er lachte, nun da die stolze Ärztin nicht mehr wusste, was sie sagen sollte.

„Ich war sogar im Bad, wenn du baden warst, meine allerliebste Lia“, ergänzte er belustigt und erinnerte nur zu gerne Lias wunderbar weiblichen Anblick. Die junge Lady jedoch fand sein Verhalten alles andere als lustig. Es war ja nicht so, dass sein Verhalten nicht oft genug auf Gehör bei ihr gestoßen war. Gerade diese Impertinenz und Arroganz zog sie an.

„Weißt du, sogar noch heißer war es, wenn du duschen warst“, flüsterte er in ihr Ohr. Und damit war endlich der Punkt erreicht, der Lia jegliche Farbe aus dem Gesicht zog. Er hatte es einmal wieder geschafft, ihren Puls in die Höhe zu bringen. Und es war für sie alles andere als unangenehm. Sie schüttelte so gut es ging ihren Kopf. Wenn sie sich jetzt über seine Unverfrorenheit noch ärgern würde, wäre sie genauso unreif und pubertär wie er.

„Du wirst dich niemals ändern, Velkan“, entgegnete sie. Sie war ihm überlegen, keine Frage, in gewisser Hinsicht, war sie das immer.

„Nein, werde ich scheinbar nicht“, meinte er leise und lächelte erneut so charmant wie eh und je. Es war so einfach in seinen Augen abzulesen, was er wollte. Vielleicht hatte er sich gerade deshalb überhaupt auf diese Mission eingelassen…

„Macho…“, murmelte sie.

„Bin ich gerne…“, flüsterte er. Er grinste und huschte dann nach vorne und übernahm wieder die Steuerung.

 

„Und wo fliegen wir jetzt eigentlich hin?“, rief Klein- Link nach vorne.

„Ihr wollt doch den Heroen dieser Welt treffen, nicht wahr?“, lachte Velkan und drückte ordentlich aufs Gaspedal. Es machte wahnsinnig Spaß mit dieser teuren Maschine durch die Lüfte zu sausen. „Wir fliegen nach Ordonien.“

 

Und endlich löste sich auch Navi aus ihrer Lethargie. Sie war seit vorhin so still gewesen, dass sich das Götterkind allmählich Sorgen machte. Sie richtete sich etwas auf und blickte ihn dann prüfend an. „Wenn wir den Heroen finden können, könnte unsere Mission hier schon wieder vorbei sein.“ Eigentlich, so dachte der Junge, wäre dies doch ein erfreuliches Ereignis. Nur wirkte Navi weder erleichtert, dass sie beide überhaupt gerettet wurden, noch darüber froh gestimmt, dass sie den Heroen jener Welt antrafen. Was war eigentlich mit ihr los? So schweigsam und ängstlich kannte er sie einfach nicht.

„Navi, ist mit dir alles okay?“ Ein Blick in ihre giftgrünen Augen war nicht mehr so gewöhnlich wie sonst. Sie ließ ihn viel mehr sehen. Und in ihren Seelenspiegeln zeigte sich Angst… vielleicht eine Angst vor dem weiteren Weg. Angst hauptsächlich vor dem, was auf sie wartete. Die einstige Fee spürte, dass sich für sie in irgendeiner Mission etwas ändern würde. Das Leben, wie sie es jetzt führte, würde nachdem sich die Kämpfe gelegt hatten, nicht mehr möglich sein. Und das, dieser Gedanke, machte ihr Angst.

Sie lächelte schwermütig, während sich glutrote Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht verloren. „Weißt du, ich wäre so gerne wieder in der alten Heimat gewesen. Und je mehr Welten wir sehen, umso mehr drückt irgendwie das Heimweh.“

„Was ist das… Heimweh?“, meinte Klein- Link. Ob er jemals so etwas empfunden hatte?

„Es ist die Sehnsucht nach Zuhause, als alles noch in Ordnung war, verstehst du?“ Sie blickte ihn suchend nach Verständnis an.

„Ja, vielleicht kann ich das verstehen. Und vielleicht noch mehr, wenn ich meine Heimat gefunden habe…“

„Das wirst du sicherlich eines Tages“, entgegnete sie. „Ganz sicher…“ Und erneut schickte sie ihm das Gefühl von unglaublicher Trübsinnigkeit entgegen. Ihre Worte klangen in seinen Ohren nicht hoffnungsvoll, sondern traurig, ungemein traurig.

„Du sicherlich auch, Navi. Du wirst deine Heimat auch wiederfinden.“ Überrascht drehte sie ihr sommersprossiges Kindergesicht wieder zu ihm.

„Bist du sicher?“

„Jep, ganz sicher“, sprach er und lächelte.

„Weißt du“, meinte das Mädchen ihm gegenüber und lächelte wieder etwas. „Das konnte Link auch immer sehr gut: die Wesen in seiner Umgebung aufheitern. Ich bin froh, dass du diese Fähigkeit geerbt hast.“

Etwas verlegen drehte der Junge seinen Schädel wieder weg. So viel zu Komplimenten. Das war etwas, womit er nicht gerade umgehen konnte. Aber wenigstens hatte er es geschafft, eine alte Fee in einem kindlichen Körper wieder aufzuheitern.

 

Als sich der Tag dem Ende entgegen neigte, landete Lias Hylcedes Morph in der Nähe einer Basis der Masterritter, die hier mehrere Jahre stationiert waren. Die Gegend war schon seit einigen Jahren gesichert und lag versteckt in der Nähe von Oasen. Die Wüste wirkte nicht so trostlos und leer von hier aus. Nein, hier, wo neben dem weißen Sand Palmen wuchsen, ließ es sich augenscheinlich angenehm leben…

 

Mit wachenden Blicken stiegen die vier Personen aus dem Hylcedes Morph. Velkan stützte Lia, der sein scheinbar aufopferndes, mitfühlendes Verhalten nicht passte. Sie zappelte und stieß ihn weg: „Ich kann gut alleine gehen“, murrte sie und blickte ihn giftig an. Ein besserwisserisches Grinsen seinerseits, war seine einzige Möglichkeit auf ihre Ablehnung zu reagieren.

Navi und Klein- Link fragten sich nur, ob hinter Lias Verhalten nicht mehr steckte und blickten sich erstaunt um. Vielleicht eine Meile weiter war ein gut befestigter Stützpunkt zu erkennen, der mehr an eine riesige Pyramide aus Stahl erinnerte. Im schwachen Licht der aufgehenden Sonne hob sich die gigantische Station der Masterritter von der Umgebung ab und hinterließ bei Klein-Link und Navi einen bleibenden Eindruck. Das Gebäude war ein Meisterwerk moderner Architektur und löste allein beim Anblick Verblüffung aus.

„Ist das unser Ziel?“, murmelte Klein-Link.

„Nein, ich habe uns nur hierher gebracht damit wir eine Besichtigungstour machen“, meinte Velkan sarkastisch und lachte. Wie immer reagierte er ziemlich spitz auf Fragen und Bemerkungen.

„Wir werden uns in der Nähe des Stützpunkts aufhalten, ein wenig weiter ist sogar ein kleines Dorf. Morgen werden wir uns weiter in die Wüste vorarbeiten. Aber es wäre gut, wenn wir nicht unbedingt auffallen würden. Und hier ist doch eigentlich der ideale Platz um ein Zelt aufzuschlagen. Nicht wahr, liebste Lia?“ Scheinbar legte er in seinem Tun sehr viel Wert auf Lias Zustimmung. Sie nickte mürrisch: „Ich schlafe jedenfalls in meinem Auto.“ Mit einer Art Fernbedienung ließ sich ihr Hylcedes zurück in seine ursprüngliche Form transformieren.

 

Wenig später hatte Velkan mit der Unterstützung von Klein-Link und Navi zwei Zelte aufgestellt. Er schien an alles gedacht und diese Dinge vorsorglich in Lias Auto deponiert zu haben, was Lia ebenfalls nicht gerade begeistert stimmte.

„Sei ehrlich, wie lange hast du schon Zugriff auf meine persönlichen Dinge?“, meinte sie, während sich die Gruppe um ein kleines Feuer platzierte und jeder eine Tasse mit warmen Kakao trank.

„Mmh, ehrlich?“

„Ja, ich finde, du sollst wenigstens einmal in deinem Leben ehrlich sein!“, maulte sie.

„Okay, okay“, meinte er, schlürfte von dem Kakao und wischte sich das süße Getränk von seinem Dreitagebart. „Meine Mutter hat mich gleich am Tag des Erscheinens der beiden Kegel auf euch angesetzt. Ich war nun mal in der Stadt, bin zufällig Masterritter und der einzige, dem meine Mutter genug vertraut.“

„Scheinbar ist Zelda die einzige, die dir vertraut“, entgegnete sie und auch in ihren tiefblauen Augen spiegelte sich Ablehnung wieder. Velkan seufzte auf diese Bemerkung und blickte etwas reumütig weg. Er hatte Fehler gemacht in der Vergangenheit, schmerzliche Fehler, welche Lia ihm scheinbar nicht bereit war zu verzeihen.

 

„Jedenfalls hatte ich keine andere Wahl als vorzusorgen. Es war abzusehen, dass die beiden nach dem ersten Angriff in Gefahr schweben.“ Sein Blick richtete sich zu Klein-Link und Navi, die scheinbar unbeteiligt das Geschehen verfolgten.

„Was wissen sie eigentlich über den Hünen, der uns angegriffen hat?“, fragte Navi wissbegierig. Sie starrte in das Feuer, beobachtete seine hungrigen Flammen und kuschelte sich noch ein wenig mehr in die dicke Decke, die sie schützte. Sie musste zugeben, dass sie sich in ihrem grünlichen Feenkleid nicht gerade wohl fühlte. Erst recht nicht bei Nacht in einer eiskalten Wüste. Klein-Link hatte es ebenfalls nicht leicht in seinem weißen Schlafanzug.

„Nun ja, was wir derzeit wissen, ist, dass er sich auf noch unbekannte Weise in unser Raumzeitgefüge Zutritt verschaffen konnte“, erklärte Velkan und blickte Lia die gesamte Zeit über an.

„Unsere Spione haben herausgefunden, dass sein Name Mineranth ist und er innerhalb kürzester Zeit das Oberhaupt der Hyl Moblina werden konnte. Eine Truppe von Masterrittern hat sich ihm entgegen gestellt…“ Velkan schluckte. „Alle bis auf einen liegen jetzt in Gräbern. Dieser eine hatte die Möglichkeit etwas von der DNS des fremden Monsters mitzunehmen. Man hat die Probe natürlich untersucht und festgestellt, dass sich in dieser viele Ursprünge von Menschen, aber auch Einflüsse magischer Wesen, befinden. Kurzum, es zeigten sich Zellen, die von dämonischem Ursprung sind. Eine Dämonenrasse, die in unserer Welt völlig fremd ist.“

„Mmh, ob er etwas mit dem Ganondorf in unserer Welt zu tun hat?“, meinte Klein-Link. „Kann doch sein, oder? Im großen Kampf hat mein Vater etliche Kinder des Bösen vernichten müssen. Was ist, wenn er auch ein Sohn Ganondorfs ist?“ Er trank seine Tasse Kakao leer. Sogleich holte er sich einen Nachschlag.

„Mmh, glaubst du nicht, dass das zu einfach wäre?“, murmelte Navi. Ein ungutes Gefühl begleitete sie, wenn sie an diesen monströsen Mann dachte.

Lia seufzte lediglich und streichelte sich ihren Kopf. „Es bringt doch nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.“

„Nein, natürlich nicht. Du hast deinen ja schon gebrochen“, murrte Velkan und fing erneut mit Lia eine unnötige Streiterei an. Sie stand daraufhin auf, schloss die Augen und lief an Velkan vorbei. Sie warf ihm einen Blick zu, der jedoch keine Wut, sondern einfach nur Enttäuschung ausdrückte. „Ich gehe schlafen“, sagte sie. Aber ihre Gestik und eindeutige Mimik schien an dem jungen attraktiven Macho einfach vorbeizugleiten. Einen weiteren unpassenden Kommentar loswerdend rief er hinter ihr her: „Ach und Lia, du bist heute Abend in mein Zelt herzlichst eingeladen.“ Er lachte etwas, vielleicht auch nur, weil er nicht wusste mit Lias Ablehnung und ihrer klaren Enttäuschung ihm gegenüber umzugehen.

 

„Das war total daneben, Sie Macho“, sprach Navi und kuschelte sich noch weiter in ihre dicke Decke. „Sie können immer nur blöde, kindische Sprüche loslassen und haben scheinbar nicht wirklich eine Ahnung von dem Innenleben einer Frau.“

Auch auf die Bemerkung lachte Velkan wieder. „Nun Mädchen, ich glaube, da unterschätzt du mich etwas. Ich habe Ahnung vom Innenleben mehrerer Frauen.“

Navi verdrehte ihre Augäpfel auf diese Perversität. „Genau das meinte ich. Ihre dummen, pubertären Sprüche machen die Sache nur noch schlimmer. Jedes Kind sieht, dass Lia aus irgendeinem Grund maßlos enttäuscht von Ihnen ist. Nur Sie verdrehen es, vielleicht weil sie sich bestimmte Gefühle einfach nicht eigestehen können. Sie sind ein Narzisst.“

Er schenkte ihr einen Blick, der soviel sagte wie: Es interessiert mich nicht, was du denkst. Unbeeindruckt kaute er auf einer Zigarette herum und kurbelte mit den Schultern.

„Sie haben keinen blassen Schimmer von der Liebe…“, setzte Navi hinzu und blickte trübsinnig zu Boden.

„Scheint so, als hättest du auch nicht unbedingt Ahnung davon“, meinte der Macho, lehnte sich zurück und warf einen Blick in Richtung des Hylcedes.

„Ich war sicherlich schon aufrichtiger verliebt als sie“, murrte sie und erhob sich. „Jemand wie sie, der unzählige Frauen hatte, bemüht sich ja gar nicht eine Liebe zu finden, die ewig hält. Für sie ist die Liebe einfach nur ein Spiel.“ Navis Herzblut hing scheinbar an jenen Worten, denn sie sagte jene mit soviel Gefühl, dass es Klein-Link irgendwie nahe ging. War Liebe eigentlich überall so kompliziert, fragte er sich.

„Und was, deiner Meinung nach, soll ich tun?“, meinte er dann, erhob sich ebenso und trat vor das Mädchen. Von oben herab sah er in ihre giftgrünen Augen. „Du spielst dich hier auf als Paarpsychologin und hast nicht einmal eine Ahnung, was zwischen Lia und mir passiert ist.“ Er sah so aus, als könnte er sich eine Ohrfeige geben.

„Nein, ich habe keine Ahnung, aber es muss schon was Größeres sein, sonst würden Sie nicht diese hilflosen Sprüche ablassen“, entgegnete Navi.

„Mädchen, du spielst dich mit diesen Worten erst recht als Paartherapeutin auf“, murrte er und ließ sich in den Sand sinken. Seine grauen Augen sahen in die smaragdgrünen der einstigen Fee.

„Lia hat Recht, wenn sie sagt, ich würde mich niemals ändern. Und sie hat gewiss Recht, wenn sie sagt, ich bin pubertär. Ich hatte immer ein Problem zu wissen, wie man mit ernsten Situationen umgeht. Und als Lia mich gebraucht hätte, war ich genau aus diesem Grund nicht da.“ Damit stand er auf und verschwand in seinem Zelt. Navi und Klein-Link schauten ihm verwirrt hinterher. War diese Erklärung alles, was er anbieten konnte? Lief er, jetzt wo die Situation vielleicht ernst werden konnte, wieder weg?

„Mmh, Velkan ist wohl doch nicht so ein cooler Typ, wie ich dachte“, meinte Klein- Link und gähnte. Er war unbeschreiblich müde nach diesem ereignisreichen Tag heute.

„Er kann mit traurigen und ernsten Situationen nicht umgehen, ich frage mich nur, welches traurige Ereignis Lia wiederfahren ist, bei dem er sie im Stich gelassen hat“, entgegnete Navi. Die einstige Fee und ihr Begleiter blickten einander ratlos an, realisierten, wie wenig sie doch eigentlich über die agile, junge Ärztin wussten und das obwohl sie schon einige Tage bei ihr verbracht hatten.

 

„Es ist irgendwie traurig, meinst du nicht?“, murmelte Navi. „Wir Menschen, Feen oder andere magische Wesen sehen doch eigentlich sehr viel, nur manchmal nicht das, was…“

„…wir sehen sollten“, beendete Klein- Link für sie. Jene Worte ausklingend trat er näher an das Feuer, blickte mit seinen müden Augen hinein und erkannte mehr und mehr die Komplexität und Rätselhaftigkeit mit der ein Wesen durch die Welt zog, um den Sinn seines Lebens zu finden oder einfach nur zu leben. War es das, wofür es sich lohnte einen Lebensweg zu gehen? Und vielleicht war es das, was fehlte…

 

Die Nacht wurde sehr nachdenklich für den Jungen ohne Heimat, für das Kind, das Vergangenheit und Zukunft nicht kannte. Er lag die meiste Zeit wach, während Navi neben ihm dem Schnarchen frönte. Er konnte den Wind außerhalb des Zeltes rauschen hören, dachte an die Kraft und Gewalt der Natur, an die Lebenskraft, die überall schlummerte und fragte sich, woraus er im Augenblick seine eigene Kraft zog. Ob die Weise im Tempel des Waldes, die gute Salora, tatsächlich recht hatte und er brauchte Liebe um mehr zu spüren, mehr zu erkennen, mehr zu erfahren?

Seine Augen wanderten zu Navi und es war vielleicht das erste Mal, dass er sich bemühte sie nicht als nerviges Anhängsel zu sehen. Auf ihre eigene Weise, mit ihren Sommersprossen und dem hellblondem Haar, besaß sie vielleicht sogar so etwas wie Schönheit. Würde das Mädchen, in das er sich eines Tages verliebte, etwas Besonderes sein, so wie Navi? Würde jenes Mädchen ansehnlich sein? Würde sie kämpfen können und ihre Fähigkeiten zum Guten einsetzen?

Er wusste nicht einmal so wirklich wozu er sich diese Gedanken machte. Vor einigen Stunden noch war er noch vollkommen überzeugt gewesen sich niemals zu verlieben. Es interessierte ihn einfach nicht. Und nun grübelte er ausgerechnet darüber?

,Ich bin ein Depp‘, dachte er. Gab es nichts Wichtigeres?

 

Von draußen her erklangen fortwährend die hypnotisierenden Geräusche der Wüste, stimmten nachdenklich, stimmten den Jungen trübsinnig. Ein wenig verwundert richtete er sich auf und horchte nach draußen. Gerade eben, so dachte er, hätte er ein Geräusch gehört, das sich eindeutig von dem Lied der Nacht abhob. Ein Rascheln und dann konnte er ein Flüstern vernehmen. Neugierig wie er war, krabbelte er aus seinem Schlafsack, öffnete leise und sich über Navis festen Schlaf vergewissernd die Tür des Zelts und schaute hinaus. Und tatsächlich sah er im schwachen Licht der heißen Glut Lia mit verschränkten Armen sitzen und Velkan stand neben ihr. Er verband ihre Kopfwunde. Dennoch sah es nicht so aus, als wäre die stolze Ärztin erfreut über seine Anwesenheit. Sie diskutierten eifrig.

„Ich möchte nicht mit dir reden, egal, was du mir zu sagen hast. Und das meine ich ernst“, meinte sie.

„Lia, nun sei nicht so zickig. Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Können wir dann nicht wenigstens noch wie Freunde miteinander umgehen?“

„Die Chance hast du dir verspielt, Velkan. Dein Problem ist, dass du deine Fehler einsiehst, aber nicht imstande bist daraus zu lernen. Und solange du das nicht änderst, sehe ich keinen Sinn darin mit dir über so etwas wie Freundschaft zu diskutieren.“

Er kniete nieder und blickte sie vielleicht sogar ein wenig wehleidig an.

„Noch immer so anziehend und schön wie damals“, sprach er.

„Das war vielleicht mein Fehler“, entgegnete sie leise und schaute ihm verbittert entgegen. Gegen ihren Willen streichelte er Lias rechte Wange. „Gerade das hat mich verletzbar gemacht“, setzte sie hinzu. „Weil jemand wie du sich für mich interessiert hat.“

„Tut mir leid“, meinte er grinsend.

Lia lachte lediglich, aber es war kein ehrliches Lachen. „Als ob jemals eine solche Entschuldigung von deinen ignoranten Lippen ernst gemeint war.“ Sie kniff ihre tiefblauen Augen zusammen und presste ihre Lippen aneinander. „Ich verachte dich dafür. Nein, nicht nur dafür, sondern für alles.“ Sie schlug seine Hand weg und warf ihm einen weiteren Blick voller Enttäuschung entgegen.

„Vor allem für dein Verhalten, als ich dich gebraucht hätte“, entgegnete sie noch leise, schloss wieder die Augen und trat auf ihre Beine.

„Hast du nicht vorhin gemeint, du wolltest nicht mit mir reden?“, bemerkte er und grinste, vielleicht aus Selbstsicherheit, oder weil Velkan es einfach nicht anders wusste.

Lia jedoch verdrehte nur ihre Augen. „Genau das meinte ich. Wenn es ernst wird und wir vielleicht mal den Versuch machen können, etwas zu klären, kommst du mit deinem billigen, idiotischen Kommentaren. Du verstehst absolut überhaupt nichts!“ Lias Stimme wurde so laut, dass Klein-Link besorgt war, es würde auch Navi aus ihrem Schlummer reißen. Anscheinend zeigte sich sehr deutlich, dass es Lia noch immer an die Nieren ging mit Velkan zu reden. Sie wirkte beinahe verzweifelt.

„Du bist ein Arsch“, murrte sie.

„Bin ich.“

„Nein, du bist vielleicht sogar der größte Arsch von ganz Hyrule“, setzte sie hinzu.

Er trat direkt vor sie und musterte sie. „Mmh, ja, das bin ich wohl auch.“ Er sagte dies in einem Ton, der Lia nicht gefiel und der niemandem gefallen würde. Eine Aussage der Ironie und ohne Respekt.

„Und du lässt keine Gelegenheit aus, mich lächerlich zu machen.“

 „Bei Dinafa, ich bin nun mal so, Lia.“ Jetzt wurde auch Velkan etwas laut, es schien als würde er in diesem Gespräch allmählich die Geduld verlieren. „Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun? Warum müsst ihr Frauen nur immer so verdammt kompliziert sein und alles dramatisieren?“

In dem Augenblick erhob Lia die Hand, sie zögerte und doch schien sie wütend genug zu sein um ihm eine Ohrfeige zu geben.

„Du nennst den Tod meiner Mutter dramatisieren… Denn das war das einzige, was du niemals getan hast: mich unterstützen.“ Sie ließ ihre Hand wieder sinken und schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht wert, nein, du bist es nicht mal wert, dass man dir eine knallt.“ Sie senkte ihren Kopf und seufzte. Wortlos standen die beiden nun voreinander.

 

Und Klein- Link im Hintergrund begann eine wichtige und bedeutsame Sache im Leben zu realisieren. Nicht überall konnten die Ereignisse so ablaufen, dass die Parteien zufrieden waren. In manchen Geschichten scheiterten die Helden. Und manche Geschichten endeten in fragwürdigen Gefühlen, die in Nächten unsichtbar wurden…

 
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