Kapitel 108
 

13. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 8

 

Von weither erklang sie, eine Melodie zum Sterben schön… so verführend… Ein Chor, der mit seinem Gesang silberhelle Töne der Unvergänglichkeit in die Welt schickte. Das feine Summen führte den jungen Heroen hinfort, dorthin wo schmelzender Regen sanft und nachdenklich fiel. Seine himmelblauen Augen öffneten sich interessiert und sogleich fasziniert von wahrer Schönheit. Natur, so reich an Unschuld und Vollkommenheit lag vor ihm. Ein stiller See, umgeben von alten Laubgeschöpfen, die seine Schritte gutheißend beobachteten. Er wusste nicht, was ihn hierher führte. Und vielleicht realisierte er nicht einmal, dass er träumte oder welche Gestalt er im Moment besaß. Er spürte nur einen warmen Schein, der auf seinen blonden Schopf herabfiel, inmitten des Regens, der singend auf das kristallene Wasser des Sees traf. Und er selbst konnte nicht erkennen, dass das Wissen um die Legende Hyrules eine reifere und vollkommenere Persönlichkeit in ihm erwecken konnte. Er war nicht nur ein Ableger eines Helden und einer Prinzessin. Irgendwann würde ein Seelensplitter begnadeter Heroen auch in ihm schmerzen. Seine Schritte führten ihn weiter, ohne Scheue und ohne zu zagen, hinein in das stille, klare Wasser. Er trat in das seichte Wasser ein, aber spürte die Nässe nicht. Ein süßlicher Wind wehte, aber er spürte ihn nicht. Alles, was ihn in dieser Sekunde berührte, war der Gesang, ein Chor, der nun der Reinheit und Faszination einer Stimme Vorrang gab. Eine Stimme, märchenhaft schön. So sanft. Ein Gesang, der ihn an sein Leben im Hause der Götter erinnerte. So unglaublich sanft…

 

My phantasy. You choose to live…

A part of mine. So pure, so deep…

Bring me love…

And bring me him…

 

Find me here, you know I’ll wait…

Find me there, in different times…

Me and my longing heart…

Never alone yet lonely…

 

Verwundert, was ihn hier her geführt hatte und sich nicht erinnernd, wo er vorher noch gewesen war, versuchte er sich zu orientieren und suchte mit seinen scharfen Augen die Umgebung ab. Woher nur kam dieser Gesang? Als wäre jener Gesang, der Empfindungen von Ruhe und Wärme in ihm auslöste, tief mit ihm verbunden und als wäre er der einzige, der jene Strophen hören konnte. Und als jener Gesang erneut erklang, weckte er nicht nur angenehme Gefühle, sondern stieß beinah unerträglich und verzweifelnd zu jenem Punkt vor, den er als sein Herz erkannte. Sein Herz, das doch noch nicht lebendig war und nicht so schlagen konnte wie das eines gewöhnlichen Menschen.

Er versuchte sich weiterhin zu orientieren, entdeckte am Ufer des Sees Zoras, die in Stein gemeißelt schienen. Statuen blickten ihn an, als wollten sie das Leben aus seinem Körper reißen. Und es war da, dass ein Teil in ihm sagte, er träumte. Nur konnte ein Traum so schrecklich sein und ihn Gefühle erfahren lassen, die er vorher nie gespürt hatte? Konnte ein einfacher Traum so teuflisch sein?

 

Durchnässt, sich selbst nicht mehr vertrauend, trat er zurück ans Ufer und kniete nieder. Er seufzte und beobachtete die Wassertropfen, die von seiner waldgrünen Tunika auf trockenen Erdboden rieselten. Er erinnerte sich an seinen Vater und seine mögliche Mutter. Jetzt verstand er die Verzweiflung, die Link gespürt hatte, als Zelda allmählich in sein Leben kam und er einfach nicht verstand, warum er sich zu ihr hingezogen fühlte. Es war mehr zwischen zwei Seelen zu finden als Liebe, Freundschaft oder Hass. Es gab Verbindungen, die selbst Götter, wo sie alles sahen, nicht verstehen konnten. Und die Weise im modernen Tempel des Waldes, ja sie hatte ihn gewarnt. Salora mit ihrer ungemein furchtbaren Art, hatte ihn daran erinnern wollen.

 

Er richtete sich wieder auf, genoss die unberührte Natur hier und spürte einmal mehr die Anwesenheit einer Seele, die er vermisste und doch nicht kannte. Seine himmelblauen Augen, verunsichert und doch so wunderschön blickten nieder zu seinen Füßen, wo eine weiße Feder lag. Eine Feder, die fast silbrig glitzerte, groß und geschwungen, nicht von einem Tier konnte sie stammen, soviel begriff er selbst. Zaghaft berührte er das weiche Material, so zart wie die Haut eines Babys streichelte die Feder seine Fingerspitzen. Er lächelte. So etwas Schönes hatte er noch nie berührt, nicht in irgendeinem Traum und nicht in der Realität. Und als er das kostbare Stück aufhob, seine linke Hand davon kitzeln ließ, spürte er so etwas wie ein leichtes Brennen in seiner linken Handfläche. Die Feder erschuf eine kleine Wunde, und noch ehe es Klein-Link realisieren oder ändern konnte, verschwand jene Feder in seinem linken Arm. Ein sanftes Pochen hinterließ sie, er spürte, wie sich dieses Pochen in Richtung seiner Brust bewegte, weiter und weiter bis hin zu seinem Herz.

Und was dem Jungen von diesem Traum blieb, war nichts weiter als ein Gefühl, das ihn vorantrieb. Ein Gefühl entstanden nur durch eine Feder in seinem Arm…

 

Das Kind des Schicksals, noch nicht geboren, aber lebendig, erwachte mit dem Gefühl nicht geschlafen zu haben. Er blinzelte, spürte den warmen, körnigen Sand der Wüste unter seinem kindlichen Körper und seufzte. Er dachte, er hätte geträumt, aber die Bilder kehrten einfach nicht in sein Bewusstsein zurück. Verunsichert richtete er sich auf, überblickte seine Umgebung und strich sich mit der linken Hand über seine Brust. Er fühlte sich so warm, so lebendig wie zu keinem Zeitpunkt vorher. Sein Herz pumpte auf eine Weise, die er noch nie in dieser Deutlichkeit gespürt hatte. Und jeder tosende Stoß seines Herzens schickte ihm eine Welle der Energie, Lebenskraft, die er im Augenblick noch nicht für real halten konnte. Ein Gefühl umschlich ihn, dass ihm in einer anderen Welt etwas geschehen war, was seine Zukunft erst ermöglichen konnte. Aber diese Welt, vielleicht ein Traum, entzog sich noch seiner Erinnerung…

 

Seine Mitstreiter Lia, Velkan und Navi befanden sich bereits auf den Beinen und schienen hektisch ihr Hab und Gut in den Hylcedes zu packen. Er erinnerte sich wirr an die gestrige Nacht, aber wusste nicht, ob sich die beiden Erwachsenen versöhnt hatten oder zumindest auf einen gemeinsamen Nenner gekommen waren. Gähnend richtete er sich auf und beobachtete durch die offene Tür des Zeltes einen schweigenden Velkan, der mit trübsinniger Miene alles tat, was ihm Navi und Lia auftrugen. Er nickte lediglich und war dann der erste, der die Wachheit Klein- Links bemerkte. Er trat näher, aber es erfolgten kein kindischer Kommentar und auch keine andere Anfeindung.

„Wenn du Hunger hast, in meinem Rucksack sind noch ein paar Waffeln.“ Der junge Mann reichte ihm eine Thermosflasche mit Tee und bat ihn aufzustehen. Dann begann er das Zelt, in welchem Klein- Link und Navi geschlafen hatten, zusammenzulegen.

Etwas verwundert brabbelte der Junge einen Guten-Morgen-Gruß über die Lippen und begrüßte auch Navi und Lia.

 

Wenig später erklärte Velkan der Runde die nächste Vorgehensweise um Link Couraiga zu finden. „Meine Informanten haben herausgefunden, dass sich Lias Vater womöglich in folgendem Versteck der Hyl Moblina aufhält.“ Velkan öffnete eine kleine silbrige Schachtel, welche das Hologramm einer Karte vor die Nasen der Anwesenden projizierte. Velkan deutete auf einen Punkt und ließ eine Strecke von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort bis zu dem Unterschlupft der Kriminellen berechnen. In etwa ein Fußmarsch von fünf Stunden lag vor ihnen. „Das ist unser Ziel. Ganz geheuer ist mir die Sache nicht. Wir sind zwar nur eine kleine Gruppe und wirken mit den Kindern sicherlich nicht verdächtig. Nur habe ich noch keine Ahnung, wie wir uns in ein gutbewachtes Versteck wie dieses vorarbeiten sollen. Ich habe überlegt, dass wir uns vom nahen Stützpunkt Leute holen, aber so würden wir vielleicht diesen einen Vorteil unscheinbar zu wirken, verlieren. Die Frage ist… ist es euch dreien das wert, um Link zu finden? Ich persönlich habe meine Antwort.“ Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und blickte den Anwesenden vielleicht aus Scham nicht in die Augen.

„Ich möchte meinen Vater finden, also werde ich es riskieren“, meinte Lia. Ihre klaren tiefblauen Augen musterten Velkan, obgleich er dies nicht wahrnahm.

„Und wir beide haben keine andere Wahl als den Heroen dieser Welt zu finden. Link Couraiga muss derjenige sein, der an unserem Rat teilnimmt“, entgegnete Navi. „Also werden auch wir kämpfen, ich verstehe nur immer noch nicht so recht, wie und warum sich dieser scheinbar gut ausgebildete Mann in die Hände solcher Monster begeben hat.“

„Ich habe eine Vermutung“, äußerte sich Lia. „Es geht um das MS. Möglicherweise hat er sich fangen lassen um an diese alte Waffe zu gelangen. So kenne ich meinen Vater zumindest.“

„Ja, das könnte ich durchaus nachvollziehen“, meinte Navi. „Wenn er den Charakter eines Helden besitzt, würde er niemals zuschauen, wie eine solche Waffe in die Hände dunkler Kreaturen gelangt. Aber das Masterschwert kann doch von Moblins und anderen fiesen Geschöpfen gar nicht verwendet werden.“

„Vielleicht doch“, sprach Klein-Link. „Wenn man herausfindet, wie das Masterschwert denkt und fühlt, wie es sich den Träger aussucht, dann… dann gibt es diese Möglichkeit.“

Verdutzt packte Navi den Jungen an den Schultern. „Woher hast du dieses Wissen?“

„Die Göttinnen haben mir viele Geschichten erzählt, auch vom legendären Masterschwert und seiner alten Seele. Auch das Schwert arbeitet irgendwo menschlich. Und Menschen sind oftmals fehlbar…“ Damit wand Velkan den Anwesenden den Rücken zu und wühlte in seinem Rucksack. Er nahm einige Kleidungsstücke heraus.

„Da unsere Motive und Ziele klar sind, würde ich sagen, ihr verkleidet euch jetzt.“ Er reichte jedem typische Wüstengewänder. Dünnen Stoff, der den Körper fast vollständig einhüllte. Weiterhin übergab er Lia einige Schusswaffen, die sie an ihrem Körper festschnallen konnte. Navi erhielt eine moderne Armbrust und Klein-Link einige Dolche.

„Velkan, was ist dein Motiv?“, meinte Navi dann. Verwundert blickte er sie an. „Warum willst du Link Couraiga finden?“

„Ich muss mir selbst etwas beweisen“, sprach er und umhüllte sich mit klassischen Wüstengewändern. „Wir sollten nicht länger untätig sein und uns auf den Weg machen. Wenige Meter weiter ist eine alte Straße. Wir sollten uns danach orientieren. Dann wirken wir noch mehr wie gewöhnliche Leute.“

„Da geb‘ ich dir ausnahmsweise mal recht“, murrte Lia. Velkan schloss daraufhin die Augen, schüttelte den Kopf, aber grinste.

„Ich bin besser als ich dachte“, erwiderte er, schnallte einige Waffen unter seiner Kleidung fest und lief vorneweg. Navi, Klein-Link und Lia trotteten hinter ihm her. Ein langer Fußmarsch ins Ungewisse begann…

 

Und dort, an anderen Orten, wo Zeit und Schicksal stillstanden, gefroren, so wie ihre auserwählten Kinder, mischte sich ein Wesen unter die Geschichte, welches den Fortgang der Mission Klein-Links noch deutlich beeinflussen sollte. Niemand kannte jenes Geschöpf, obwohl sie in aller Munde war. Und das nicht nur in einer Welt. Sie würde von sich sagen, dass sie sich selbst nicht einmal vollkommen kannte. Sie fand Gefallen an den Ereignissen, an den Kämpfen und irgendwo an diesem Spiel. Ein beeindruckendes Spiel, welches sie aus ihrer Langeweile reißen konnte. Es war nicht so, dass sie talentlos und für Tätigkeiten jeglicher Art unbrauchbar war. Aber sie war, so wie viele sagen würden, ein wenig kompliziert.

Wenn man ihr begegnete- und nur eine Hand voll Wesen waren jemals in den Genuss gekommen ihr Antlitz zu erblicken- vergaß man sie nie wieder. Es waren ihre Augen, die von Feuer und Kälte, von Leben und Tod erzählten, und von einem Extrem ins nächste sprangen. Es war ihr Sinnbild von Übermacht, mit der sie wusste andere Wesen zu übergehen. Sie war eines der Geschöpfe, die keinen Unterschied zwischen gut und böse machten. Und vielleicht war es genau das, was sie auf ihre Weise erschreckend, ja teuflisch kompliziert machte.

Sie machte sich nicht viel aus Geheimnissen, wenngleich sie ein gigantisches Geheimnis um ihre Ziele erschuf. Sie ließ sich von niemandem beeinflussen und in die Karten schauen. Jedoch manipulierte sie unwissend, vielleicht kindlich und naiv, ihre eigene Realität auf zerstörerische und krankhafte Weise.

 

Und ihr momentanes Ziel drehte sich um einen schlafenden Heroen in einer Welt, auf die sie nur durch tückische und verbotene Weise Zutritt hatte. Natürlich machte sie sich nichts aus Befehlen und Regeln. Wozu auch? Sie war nicht gerade machtlos. Und eigentlich war es ihr untersagt sich in fremde Welten zu begeben, die Geschehnisse dort zu beeinflussen und es war ihr noch mehr untersagt Geschöpfe anderer Welten für ihre Pläne zu nutzen.

Sie lachte über Verbote, sie lachte gerne und scheußlich. Ihre naiven Schritte führten sie über graue Straßen, über denen teuflisches Blut versickerte und nur dort floss, wo ihre nackten Füße der Starrheit und dem Eis Leben einhauchten. Sie tanzte, tanzte zu ihrer eigenen Melodie voller Absurdität und Monotonie. 

 

Es war unglaublich genial für sie dem Zauber von Erstarren und gefrorener Zeit zuzusehen und wo immer sie auch wandelte, zu erfahren, wie ehrfürchtig und dumm jene Magie vor ihrer weitaus mächtigeren floh. Wie unschuldige, blühende Eiskristalle wich der Traum des Erstarrens zurück... Und sie schnupperte mit der feinen Nase, die ihr an vielen Orten schon geholfen hatte, den Duft von Sorge, aber auch wahnsinnigem Mut in der Luft. Und der andere Geruch von Stärke machte sie nervös. Sie mochte diese starken Frauen nicht, besonders diese eine Prinzessin des Schicksals verachtete sie, vielleicht vor allem für ihre Schönheit. Es war irre, aber wenn sie jene Königstochter aufweckte und in ihrer Hilflosigkeit einfach zurückließ. Sie würde sterben, oder nicht?

Sie zuckte mit den Schultern und beließ es bei diesem Gedanken. Es war ja eigentlich weniger sie, die sie interessierte. Vielmehr war es der Heroe, auf den sie ein Auge geworfen hatte. Nicht in der Hinsicht, dass sie ihn mochte, aber sie brauchte ihn für ihre Pläne.

 

Und tatsächlich in einem verdreckten Kellerraum, dessen verrußter Boden auch ihre Füße beschmierte, entdeckte sie den Heroen in seiner starren Haltung. Und obwohl sein Wesen, seine versteckt liegende Wahrheit, vom Schimmer eines alten Zaubers bedeckt war, so bewunderte das Mädchen seine Anmut. Seine stolze Haltung. Das Blut, das er in einem harten, unfairen Kampf bereits vergossen hatte und dieses ungemein starke Herz. Wie konnte er, Besitzer von so viel Zauber und Macht, nur so rechtschaffen und edel sein? Es machte sie ein wenig wütend zu sehen, dass er sich verschwendete. An dieser dummen Welt und an dieser eigensinnigen Prinzessin, durch die er Hölle und Himmel erfuhr.

Ihre dünnen Fingerspitzen, eisig und heiß zugleich, berührten sanft, so sanft seine linke Brusthälfte, spürten das vernarbte und doch starke Herz unter ihrer Berührung zucken.

„Mmh… dieses Herz ist unbeschreiblich“, sprach sie, mit einer Stimme, zusammengesetzt aus drei verschiedenen. „Unglaublich schön“, ergänzte sie zischend.

Ihre Augen, ungewöhnlich, da bestehend aus drei verschiedenen Farben, strahlten in seine einst tiefblauen, die unter dem Zauber des Erstarrens nur noch grau waren. „Und Eure Augen, Held, wunderschön…“ Sie gab zu, dass sie die Helden Hyrules bewunderte. Und sie empfand einen nahezu beschämenden Reiz, wenn sie sich diesen Mann genau betrachtete. Seine Stärke, sein unbändiger Mut, ließen sie von gerade jenen Dingen träumen, die kleine Mädchen so liebten. Von Märchen. Von unsterblicher Liebe. Ja, sogar von Hochzeiten. Sie lächelte und legte ihre kindlichen Hände auf seine Wangen, und sie forderte sein Leben zurück. Sie forderte zurück, was er war. Sie befreite ihn aus dem heiligen Zauber des Erstarrens…

 

In dem Moment durchfuhr den Jungen, der mit seinen Freunden in der Wüste unterwegs war, ein sehr unangenehmes Gefühl. Er blieb stehen, sackte auf seine Knie und hatte das Gefühl ihm würde ein Teil seiner Existenz geraubt werden. Schweißperlen glitzerten über seiner kindlichen Stirn und sein Herz raste.

„Klein-Link? Alles okay?“, meinte Navi, die ihn besorgt musterte. Sie hatte ihre grünen, neugierigen Augen scheinbar überall. Aber ihre Besorgnis war ehrlich gemeint.

„Ich weiß nicht, irgendwas hat sich gerade verändert“, versuchte er zu erklären und wischte sich mit einem feuchten Tuch über die Stirn.

„Du meinst hinsichtlich deiner Existenz?“, entgegnete sie. 

„Vielleicht ja, ich hatte fast den Eindruck irgendwer hat mich beobachtet und dann… nun ja, fühlte ich mich irgendwie schwach.“ Er blickte zu Boden und man musste kein Genie sein um festzustellen, dass er sich ebenso wie seine zukünftige Mutter für Schwäche schämte.

Navi schüttelte nur ihren Kopf und ihre blonden Zöpfe pendelten. „Weiß Gott, du hast zu viel von deiner zukünftigen Mutter“, murrte sie, zerrte ihn wieder auf die Beine, schnappte sich sein Handgelenk und zerrte ihn hinter sich her. Es war nicht so, dass sie ihm hinsichtlich seines sechsten Sinns nicht glaubte, aber dies war kein Grund um zu verzagen.

„Hör‘ auf zu jammern, glaubst du Link wäre soweit gekommen, wenn er andauernd gejammert hätte?“ Und für einen Bruchteil von Sekunden, nicht lange, aber sichtbar, war auch in Navis verschlossenen Augen ein Funke ihrer wahren Gefühle sichtbar.

„Ich weiß, dass wir beide nicht unbedingt die dicksten Freunde sind. Und ehrlich gesagt komme ich mir oft genug wie dein Kindermädchen vor. Und wenn wir mal darüber nachdenken, weißt du fast nichts über mich. Trotzallem solltest du einige meiner Ratschläge einfach mal befolgen. Und der erste ist, dass bei all den Dingen, die du in nächster Zeit erleiden wirst, so ein kleiner Schwächeanfall das harmloseste ist, dass dir passiert.“ Und damit stapfte die einstige Fee unbeirrt weiter.

 

Klein- Link blickte ihr ein wenig schwermütig hinterher. Recht hatte sie. Sie wussten im Grunde genommen fast nichts voneinander, obwohl sie bereits die Mission mit dem Heroen des Windes hinter sich hatten und die jetzige Mission sich vielleicht auch schon dem Ende entgegen neigte. Auch vorher kannte er Navi nur als jemanden, der hoffnungslos romantisch sein konnte und deshalb in diesen tragischen Liebesgeschichten der Bibliothek hoch oben im Haus der Götter beinah zu versinken schien. Und er wusste, dass sie für seinen zukünftigen Vater eine sehr bedeutsame Rolle spielte. Immerhin teilten Navi und der Held der Zeit eine Vergangenheit. Die beiden hatten vielleicht sogar mehr Zeit miteinander verbracht als Link mit Zelda…

Der Junge atmete einige Male tief aus. Auch Navi hatte ihr Päckchen zu tragen. Und es gab sicherlich einige Dinge, die auch ihre Schale zum Knacken brachten. Nur würde er in der Lage sein das zu tun und die einstige Fee besser kennenzulernen? Und wollte er das überhaupt? Manchmal hatte er fast das Gefühl, es war für ihn erträglicher nicht so viel von den Menschen in seiner Umgebung zu wissen. Vielleicht war es so bestimmt, um mit Verlusten besser umgehen zu können…

 

Und an einem Ort, wo niemand sein wollte, öffneten sich lethargisch, nachdenklich und verunsichert ein Paar tiefblaue Augen. Ein Heroe wie kein anderer atmete erneut, überblickte suchend die Umgebung. Und als er ansatzweise realisierte, dass das Gefecht um Hyrule und das um die Erde noch nicht entschieden war, zog sich der Funke Mut, der seinen Blick stärkte, zurück. Erschrocken atmete er ein und aus und ließ das Mädchen, das ihn aus dem Zauber befreite links liegen. Seine Sorge galt Zelda, welche noch immer durch den Mantel des alten Zaubers, schimmernd und wunderschön, auf der kleinen Liege ruhte.

„Was ist passiert?“, murmelte er in seiner vertrauten Stimme, als er sich zu ihr bewegen wollte, und dann bemerkte, dass er zwar sehen und seine Stimme bewegen konnte, aber seine restlichen Muskeln noch immer unter dem Bann jener Heiligkeit standen, die sie retten sollte.

„Nun, das, was passiert ist, ist passiert“, sprach das Mädchen vor ihm kühl und erst dann besah er sie sich genau. Sie wirkte eigenartig mit mittellangen grünen, blauen und roten Haarsträhnen. Und ihr Kostüm ließ nur einen Bruchteil ihres weniger geschmackvollen Charakters vermuten. Eine rote Bluse mit hohem Kragen wurde durch eine blaue Weste mit Stickereien bedeckt. Ihre grüne, aus Samt bestehenden Hose war nur dreivierteillang.  Sie sah mit ihrem bunten Gewand aus wie ein Zirkusclown. Er kannte sie nicht und er urteilte als Heroe gewiss nicht über andere Geschöpfe. Aber dieses Mädchen machte ihn mehr als misstrauisch.

„Was willst du hier? Ist der Kampf schon vorbei? Und warum kann ich meinen Körper nicht bewegen?“ Link war zu durcheinander um die Situation sofort zu begreifen.

„Das sind ein paar Fragen zu viel für den Anfang. Also: nein, der Kampf ist noch nicht vorbei. Der Held der Dimensionen ist noch immer unterwegs und erst in der zweiten Mission inbegriffen. Und du kannst dich nicht bewegen, weil ich es so will. Nach unserer Unterredung werde ich dich eh wieder in den alten Zauber versetzen.“

„Wer bist du?“, knurrte Link und ihm gefiel dieses Spiel nicht. Er spürte, dass er ausgenutzt werden würde. Und er spürte, dass dieses Mädchen ihre Finger aus großem Eigennutz in die Geschehnisse einmischte.

„Sagen wir es so, ich bin ein eher göttliches Geschöpf. Das heißt, egal, was du auch tust, du wirst mich nicht töten können. Außerdem habe ich ein gewisses Interesse an deinem zukünftigen Sohn.“

Link runzelte die Stirn und seine weiteren Gesichtsmuskeln verzogen sich. Er drohte: „Ich warne dich, wenn du ihm irgendwas zu leide tust, bring ich dich um.“ Link fluchte und zappelte, versuchte sich aus dem Zauber zu lösen, aber musste auch einsehen, dass dieses Mädchen die Fäden in der Hand hatte.

„Nana“, zischte sie. „Wer sagt denn, dass mein Interesse an ihm negativer Art ist. Wer sagt denn, dass ich ihn töten will. Ganz im Gegenteil, ich will ihn fördern.“ Und das eigensinnige Geschöpf lachte, breitete die Arme aus und drehte sich einige Male im Kreis.

„Und deshalb weckst du mich aus diesem heiligen Schlaf?“ Link brüllte. Ihm gefiel dieses Spielchen ganz und gar nicht. Wenn dieses Mädchen so mächtig war, konnte sie womöglich alles tun, das ihr gefiel. Wenn sie ihn oder Zelda nicht leiden konnte, könnte sie sie beide in ein ungewisses Schicksal bringen und niemand würde sie hindern. Dieses Geschöpf spielte mit dem Leben anderer Wesen, er konnte nicht zulassen, dass sie vor allem mit dem Leben von Klein-Link spielte.

 

„Was willst du von ihm?“, murrte der Heroe.

„Wie ich schon sagte, ich will ihn fördern.“ Sie blickte den Heroen mit ihrem auffallend geschminkten Gesicht ins Antlitz. Sie war nicht unbedingt ansehnlich, dachte er. Vor allem nicht mit dem vielen Glitzer um ihre Augen und dem knallroten Lippenstift. Ihr Gesicht war fast schon breiter als lang und gleichzeitig dürr und abgemagert.

„Hör‘ auf dich in deinen Gedanken über mich lustig zu machen“, zischte sie. „Ich warne dich nur einmal.“ Link zwinkerte und versuchte nicht unbedingt über ihre Gestalt nachzugrübeln.

„Jedenfalls will ich folgendes von dir“, erläuterte sie und lief einige Schritte hin und her.

„Was? Spuck es aus!“

„Falls er in Gefahr schwebt, falls Klein-Link in Situationen steckt, die er nicht meistern kann, befehle ich dir, dass du mit ihm den Körper tauscht.“ Link sah nur entsetzt drein.

„Was ist? War das so schwer zu begreifen? Oder ist das zu unverständlich für dich?“ Link schüttelte den Kopf und murmelte daraufhin: „Das kann nicht dein Ernst sein? Ich soll sozusagen in ernsten Situationen einfach in Klein-Links Körper schlüpfen, weil ich mehr Kampferfahrung habe?“

Sie nickte freudestrahlend, als der Held die Situation verstand.

„Du hast den größten Knall von all den Geschöpfen, die mir bisher begegnet sind. Und das muss was heißen!“ Link ließ sich auf diese Spielchen nicht ein. Zunächst einmal war er ziemlich am Ende, was seinen momentanen körperlichen Zustand betraf. Er war schlichtweg frustriert, da der Kampf nun schon so lange dauerte und einfach kein Ende in Sicht war. Und dann mischte sich ein naives Geschöpf in die Geschehnisse, welches nicht den blassen Dunst Ahnung davon hatte, was es hieß kämpfen zu müssen. Was sollte es Klein-Link bringen, wenn der erwachsene Heroe sich einmischte? Das Götterkind musste selbst lernen zu kämpfen. Er konnte ihm nicht jeden Kampf abnehmen. Wie sollte er erstarken, wenn andere für ihn einstanden?

„Ist das dein letztes Wort, Held der Zeit?“, murrte sie. Der Kämpfer nickte nur.

„Auch gut, dann zwing ich dich eben dazu!“ Und mehr ließ sie den Heroen nicht sagen. Mit einer Handbewegung ließ sie den Zauber sich seiner erneut bemächtigen. Sir rümpfte die Nase und schmollte. Warum nur nahm sie niemand ernst? Sie stampfte mit ihren Füßen auf den Boden und brüllte. Aber Klein- Link würde sie bestimmt ernst nehmen. Er musste, sonst würde sie das Spiel, das auch seine Geschichte darstellte, zu einem bitteren Ende bringen…

 
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