Kapitel 11
 

Kapitel 11: Erster wirklicher Kampf

 

Ein weiterer langweiliger, frustrierender Schultag ging mit einer dämlichen Musikstunde vorüber. Mit hängendem Kopf verließ Link das Klassenzimmer.

Er folgte nachdenklich dem endlos scheinenden Gang in die Aula der Schule. Einige Male hatte er Zelda versucht in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie ignorierte ihn weiterhin. „Ich bin so ein Dummkopf…“, murmelte er und blickte deprimiert hinaus an den Wolkenhimmel.

         Er wollte ihr Zeit lassen, offene Dinge mit sich selbst zu klären. Sicherlich, er wollte sie nicht drängen, aber, warum konnte sie ihn dann nicht einmal anlächeln, so wie früher…

         Die Sonne stand weit am Horizont und obwohl es erst fünf Uhr nachmittags war, zog der Abend mit seinen geheimnisvollen Scharen herauf. Die Dunkelheit näherte sich…

         Link tapste weiter, als ihm einfiel, etwas in dem Musikzimmer vergessen zu haben. Geschwind rannte er zurück und öffnete die Tür. Er achtete nicht auf die Person, die ebenso hinter einem alten Klavier im Raum stand, bemerkte nicht den unglücklichen Ausdruck in ein paar blauen Augen, die ihm auf Schritt und Tritt folgten.

         Langsam tapste Link zu seinem Platz und packte seine Federmappe, die er aus Schussligkeit vergessen hatte, in den Rucksack.

         Er stützte seine Hände auf der holzigen Schulbank ab, bis er plötzlich mit der linken Faust darauf einschlug und es aus ihm hervorplatzte: „Verdammt. Verdammt!“ Immer wieder entkam dieses Wort seinen Lippen, bis er sich seufzend geräuschvoll auf einem Stuhl niederließ.  

         Das Mädchen hinter dem dunklen Klavier blickte zu Boden, wollte aus dem Raum gehen, aber wenn sie auch nur einen Schritt machte, würde Link sie sehen, er würde sich ihr in den Weg stellen und sie erneut um Antworten bitten. Sie konnte ihm jene Antworten aber nicht geben, um seiner selbst willen.

         Sie machte nur einen kleinen Schritt. Dumpfe Geräusche ihrer Schuhe auf dem grauen Teppichboden gaben ihre Anwesenheit preis.

         Ruckartig wirbelte Link herum und sah sie neben dem großen Piano stehen. Ihr bekümmerter Blick wanderte zur Seite, in Richtung der hohen Fensterscheiben, wieder einmal floh sie vor ihm und ihren Gefühlen.

         Langsam lief er zu ihr, schaute ununterbrochen in ihr Gesicht, wollte ihre Stimme hören, ihr Lächeln sehen, aber nichts davon geschah, als hätte man ihr das Reden und Lächeln verboten.

         Nur wenige Zentimeter war Link nun von ihr entfernt. Ihr Name entkam seinen Lippen fast flehend.

         „Zelda.“ Ein taubes Gefühl in ihren Beinen nahm zu, als wäre sie versteinert worden. Sie wünschte sich, ihm alles zu erklären, zusagen, was ihr auf dem Herzen lag, aber welchen Preis würde sie dafür bezahlen? Erneute Schuldgefühle, Link in ein Heldendasein hineinzuzwängen?

         Links tiefgehender Blick wanderte von Zeldas schwachrosa Wangen zu den Ohrringeln, die sie trug. Silberne Ohrstecker, rosenförmig mit einem nachgebildeten, hübschen, wenn auch billigen Silberkristall in der Mitte. Es waren genau die Ohrringe, die er ihr geschenkt hatte, als sie noch nicht wusste, wer sie war…

         „Du trägst… sie immer noch?“ Er wollte die Ohrringe berühren, als ob er sich von deren Existenz überzeugen müsste. In dem Moment wich Zelda so schnell und beinahe furchtvoll  zurück, dass sie an der Wand lehnte.

         „Bin ich Gift für dich?“, sagte Link rau und sarkastisch. Mit einem unechten, fast gemeinen Lachen ging er auf sie zu und starrte sie eindringlich an.

         „Was willst du mit diesen Ohrringen, wenn ich doch Gift für dich bin?“, sagte er verletzt und ballte seine Hände zu Fäusten. „Hast du keine Angst, diese Ohrringe könnten dich vergiften?“

         Aber erneut schwieg sie. Schon lange trug sie das Geschenk von Link in ihren Ohren, beinahe heilig waren ihr diese Ohrringel geworden. Sie erinnerte sich kurz an letzte Woche, in welcher sie einen der Stecker verloren hatte und dann drei geschlagene Tage die gesamte Villa auf den Kopf gestellt hatte, nur um dieses Stückchen billiges Silber wiederzufinden. An sich hatte jener Schmuck vielleicht keinen Wert.

         Aber es war Link, der sie ihr geschenkt hatte.

         Es war sein Wunsch, dass sie diese trug.

         Und es waren seine Hände, die diese Ohrringe gekauft hatten…

         „Sag’ schon, welchen Grund hast du, diese dämlichen Ohrstecker zu tragen. Sind sie dir denn nicht zu billig, genauso wie ich zu billig für deine Freundschaft bin?“ Seine Anklage steigerte die ungebändigte Wut in seinem Herzen, die Zweifel und den Schmerz wegen Zelda. Er schüttelte mit dem Kopf und kniff seine Augen zusammen.

         „Was bin ich, he? Bin ich ein Krankheitserreger, so etwas wie Alkohol, das nach der berauschenden Wirkung sein wahres Gesicht zeigt oder wohl doch ein tödliches Gift?“ Seine Worte endeten in einer Gefühlswallung, er fieberte selbst mit den Worten, kämpfte mit der ungeheuren Wut in seinem Bauch und dem aufrichtigen Wunsch, Zelda nicht zu irgendetwas zwingen zu wollen.

         Mit einem schwer zu unterbindendem Schluchzen führte sie ihre Hände an die Ohren und betäubte seine Worte auf diese Weise.

         „Hör bitte auf damit…“, winselte sie, ein Zeichen, wie weh ihr diese Worte taten.

         „Sicher“, fing Link an und packte sie an ihren Oberarmen.

         „Aber nicht, bevor du mir die Worte aus deinem Mund gesagt hast, jene Worte, die ich in deinen Augen ablesen kann.“ Es verriet sie, der stille Wunsch, er würde es selbst sehen können, ohne dass sie es ihm erklären musste. Ihre Gefühle für ihn lagen manchmal vor dem kalten Schatten ihrer Augen.

         „Sag’ es endlich und schau’ mich an!“, fauchte er, ließ seinen Kopf hängen, aber hielt sie immer noch an den Armen fest. Aber sie schwieg, stieß ihn zurück und trat zu der blauen Eingangstür.

         „Ich brauche dich“, sagte Link leise. Doch Zelda drehte sich nicht um. Nur die langen blonden Haare konnte er sehen. Kein Lächeln. Nicht einmal ein Blick.

         Nach wenigen Sekunden des Wartens, hetzte Zelda aus dem Raum und verließ einen auf sich selbst wütenden Link, der aus Frust und Zorn eine ganze Schulbank umwarf…

         Verfolgt von ihrem eigenen Selbsthass hetzte die einstige Prinzessin Hyrules nach Hause, besann sich auf Links Worte, auf seinen letzten gefühlvollen Satz.

         Das leise: ,Ich brauche dich...’, schallte in ihren Gedanken nach und doch tat es weh.

         Sie führte langsam ihren Schlüssel in die hohe Eingangstür der alten Villa und erhielt sofort beim Eintreten einen aussagekräftigen Blick ihrer Ziehmutter. Impas rote Augen sahen mehr, als Zelda wollte, das sie es taten. Sie las in ihrem Blick...

         „Wie war dein Schultag, Zelda?“, meinte sie und lief langsam in die Küche, wo das verspätete Mittagessen von ihr vorbereitet wurde. Stur und hoffend, Impa hätte in ihren Augen nicht gesehen, was es zu finden gab, folgte Zelda ihrer Zofe aus Kindertagen.

         Schweigsam nahm Zelda am Küchentisch Platz und schaute in die Stielpfanne mit den Fünf- Minuten- Steaks, begutachtete die Kartoffeln, den Spargel, die Erbsen und Möhren in weiteren Töpfen. Mit einem Seufzen belud sie ihren Teller mit lediglich einer Kartoffel, ehe sie das Besteck wieder zur Seite legte.

         „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, sagte Impa energischer.

         „Entschuldige, der Schultag war so... wie immer.“

         „Soso“, meinte sie und verschränkte ihre Arme, so wie Impa es immer tat. Eine ihrer Eigenheiten eben. „So wie immer.“ Impas Blick wandelte sich, wurde milder und weicher. „Hast du endlich mit Link geredet?“

         Zelda wand ihren Blick zu dem Fenster. Jetzt hatte Impa wahrlich das Thema getroffen.

         „Also nicht“, sagte Impa schroff und legte sich ebenfalls Kartoffeln auf den Teller. Ein gemeiner, enttäuschter Akzent lag in ihren Worten. „Hätte mich ja auch gewundert.“

         Das blondhaarige Mädchen stocherte gedankenversunken in ihrer Kartoffel herum und seufzte wieder.

         „Hast du etwas an dem Essen auszusetzen?“, sagte ihre Erziehungsberechtigte beinahe einfühlsam. Doch Zelda schüttelte bloß mit dem hübschen Kopf.

         „Was ist es dann?“

         „Es ist lediglich... der Geschmack. Alles ist so anders als in Hyrule. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen.“

         „Das musst du aber, Zelda.“ Verärgert sprang sie auf und brachte ihren Teller zur Spüle. Seit Tagen schon konnte man an einigen Fingern abzählen, was Zelda aß...

         „Das weiß ich selbst sehr genau. Das brauchst du mir nicht immer wieder unter die Nase reiben.“ In den letzten Wochen schon war das Verhältnis von Zelda und der Direktorin so angespannt. Vor allem, da Impa mit Link geredet hatte. Nein, eigentlich war es sogar nur der einzige Grund für die Anspannungen.

         Impa stand auf und legte dem siebzehnjährigen Mädchen eine Hand auf die Schulter. „Zelda, du musst etwas essen. Und hör endlich auf, dich für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen.“ Zelda beließ es dabei darauf zu antworten und lehnte sich sachte an eine Küchentür. Es wurde kurz schwarz vor ihren Augen, worauf sie sich aus Angst noch schwächlicher zu wirken als ohnehin schon, setzte.

         „Rede endlich mit ihm“, sagte Impa mit gefühlvollen Worten.

         Zeldas Augen blitzten gefährlich auf. Sie begann zu schreien: „Und was soll ich ihm sagen. ,Tut mir leid, Link. Aber du bist eine Spielfigur!’ und ,Verzeih’ mir, Link, aber du hattest ein früheres Leben, an das du dich nicht erinnern kannst.’ Oder noch besser: ,Alles, was du durchmachen musstest, sowohl damals als auch heute, passiert nur wegen einer ignoranten, dummen, kindischen Prinzessin, die niemals zugeben wollte, was sie an dir hat?’“ Zeldas Augen wurden wässrig, bis sie zur Tür lief.

         „Ich kann ihm das nicht antun...“

         „Aber er hat ein Recht es zu erfahren, Zelda, er wird es herausfinden, auch ohne deine Worte, auch ohne deine Hilfe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Link weiß, bis er erkennt. Du kannst ihm sein wahres Ich nicht vorenthalten.“ Eine Pause entstand. Auch Impa hatte jetzt den Appetit verloren und warf das gesamte Essen mit einem Schlag in den Müll.

         „Er liebt dich...“, flüsterte sie. Mit einem geschauspielerten Lachen drehte sich Zelda zu Ines, lachte angesichts dieser drei Worte und besonders angesichts des mittleren.

         „Liebe?“ Zelda lachte panisch auf.

         „Red’ nicht so einen Stuss, Impa.“ Blanker Wahnwitz lag in Zeldas Augen angesichts dieser Worte. Liebe...

         „Liebe?“ Zelda hörte nicht auf mit ihrer kalten, gehässigen Kicherei.         „Bist du bescheuert, Impa?“, sagte sie gekränkt.

         Aber die stolze Direktorin trat nur näher und hob grob Zeldas Kinn nach oben.

         „Ich war zwar immer nur deine Zofe, aber habe ganz gewiss nicht die selben Gemeinheiten von deiner Seite verdient, wie du sie Link an den Kopf wirfst“, sagte sie streng, worauf Zelda ihre Hand wegschlug und sich umdrehte.

         „Er will es doch nicht anders!“, schimpfte Zelda, erbost und vielleicht stur, weil sie sich nicht eingestehen konnte, dass es Menschen gab, die sie brauchten, die sie respektierten und achteten.

         „Er gibt einfach nicht auf, mich zu Rede stellen zu wollen. Kann er nicht endlich akzeptieren, dass eine Freundschaft zu mir das dümmste ist, was er sich antun kann?“

         „Ja, er gibt nicht auf... er gibt nicht auf, dein Freund zu sein... ein Beweis mehr, dass er dich liebt“, sagte Impa und verschränkte ihre Arme. „Warum, glaubst du, ist ihm diese Freundschaft so wichtig? Warum glaubst du, kann er nicht aufgeben?“ Aber Zelda schwieg und ließ das Haupt sinken.

         „Genau das ist es nämlich, was du nicht ertragen kannst. Die Tatsache, dass du geliebt wirst!“ Und Impas strenge, weise Stimme überschlug sich fast vor Wut. Zelda aber schlug die Hände an die Ohren und hetzte zu ihrem Zimmer. Wenn Verzweiflung in Kälte umschlug, in Selbsthass und Gefühllosigkeit, war vielleicht gerade Liebe das eine Heilmittel...

 

In dem Moment klingelte Link an der Haustür zu seinem Cousin Rick. Er brauchte Gesellschaft, suchte nach Rat, vor allem nach dem, was vor wenigen Stunden im Musikzimmer geschehen ist. Er klingelte an der Haustür und überraschenderweise wurde diese sofort geöffnet, jedoch nicht von Rick, seinem Cousin, sondern einem Mädchen mit nussbraunen, schulterlangen Haaren.

         „Link? Nanu? Wolltest du zu Rick?“

         „Jep, ist der Gute denn daheim?“

         „Ja, natürlich.“ Und Maron bat den jungen Oberstufenschüler hinein. Rick saß gerade in der Stube vor dem Fernseher und sprang hastig auf, als Link hineintrat.

         „Hey, was machst du denn hier?“, meinte Rick überrascht. Link hatte ein verschmitztes Grinsen auf dem Gesicht, sagte jedoch nichts dazu. Seine Augen wanderten zu dem langweiligen Fernsehprogramm und dann wieder zu Maron, die zu Rick hinüberlief und ihren Freund einen schnellen Kuss auf die Lippen gab.

         Überrascht meinte Link: „Ihr seid jetzt also offiziell zusammen, was?“ Zwei einander liebäugelnde Augenpaare strahlten und nickten sich gegenseitig zu.

         „Jup“, sagte Rick und beobachtete Maron, als sie in der Küche verschwand.

         „Wenn ich euch störe, verschwinde ich wieder“, sagte Link und beobachtete genau das tolle Funkeln in Ricks rehbraunen Augen.

         „Quatsch, du störst doch nicht. Mach’s dir gemütlich.“ Ohne Widerrede ging Link dieser Aufforderung nach und ließ sich alle viere von sich gestreckt auf dem Sofa nieder.

         „Also, du wirst nicht ohne Grund vorbeigekommen sein.“ Ricks wissender Blick sprach Bände. Tatsächlich hatte Rick eine sehr gute Beobachtungsgabe, er wusste vieles genau richtig zu deuten.

         Wiedereinmal lag Ernst in den Augen Links, Kühle, Verschwiegenheit und eine Spur Sehnsucht.

         „Hast du mir ihr gesprochen?“, meinte Rick leise, der ganz genau wusste, was Link durch den Kopf ging. Er schüttelte das Haupt und suchte nach Worten.

         „Ich hatte mir vorgenommen, es einfach dabei zu belassen. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben. Aber... heute...“ Rick lächelte schief.

         „Habt ihr euch versöhnt?“

         „Es wäre schön, wenn es so wäre. Sie macht aus allem ein großes Geheimnis, kann sie nicht endlich mit der Wahrheit herausrücken?“

         „Sie ist ein merkwürdiger Mensch“, stimmte Rick zu. „Aber du musst ihr irgendwie helfen. Sieh sie dir doch mal an. Jeden Tag wird Zelda blasser im Gesicht, ist dir das mal aufgefallen?“

         Erschrocken sah Link auf. Auf diese Kleinigkeit hatte er nicht geachtet.

         „Und wann immer man sie irgendwo trifft, egal ob in der Schule oder in der Stadt, selbst im Park, sie ist immer alleine. Ich kann nicht glauben, dass sie das so will.“ Wahre Anteilnahme und Besorgnis stand in Ricks braunen Augen, vielleicht, weil er wusste, wie viel Zelda seinem Cousin bedeutete. „Na sag’ schon, was war vorhin?“ Rick rutschte näher und musterte Links blaue Augen eindringlich.

         In dem Moment kam Maron zurück und nahm neben ihrem Rick Platz, der sofort einen Arm um ihre Schulter legte.

         „Wir haben uns mal wieder gezofft.“ Auch Maron verstand nun das Thema des Gespräches und bemühte sich ihrem Kumpel Link einen guten Rat zu geben.

         Links Blick wurde immer verletzlicher, wenn er daran dachte. Der leere Ausdruck in ihren Augen. Die Blässe in Zeldas Gesicht...

         „Besser gesagt, ich habe mich mit ihr gestritten. Sie hat ja nicht mit mir geredet...“, murrte Link. „Es ging um ein paar Ohrringe, die ich ihr irgendwann geschenkt habe. Du weißt schon, die billigen Dinger aus dem Modegeschäft.“

         „Sag’ bloß, diese Ohrringe sind von dir?“, sagte Maron. „Zelda trägt doch nichts anderes. Sie hat sich sogar geweigert, diese Dinger im Sportunterricht herauszumachen. Wusstest du das?“

         „Na und? Soll’ sie diese Ohrstecker doch behalten“, meinte Link gereizt. Maron sprang erheitert auf und gab Link einen schmerzhaften Klaps auf den Hinterkopf.

         „Bist du so blöd, oder willst du das einfach nicht verstehen?“ Link zuckte mit den Schultern und spielte den naiven Helden, der von nichts eine Ahnung hatte.

         Maron grinste überschwänglich: „Sie trägt diese billigen Ohrringe doch nur, weil sie von dir sind. Verstehst du?“ Links Blick wurde nachdenklicher.

         „Mensch Rick, dein Cousin hat wohl, wenn es um das Thema Mädchen geht, nicht den blassen Dunst einer Ahnung, was?“ Dem konnte Rick nicht widersprechen und vielsagend wippte er mit seinem klugen Kopf auf und ab.

         „Wollt ihr mir helfen, oder mich beleidigen?“, meinte Link enttäuscht, mit roten Ohren im Übrigen, die man glücklicherweise nicht sofort bemerkte.

         „Link, was Maron sagen will, ist doch nur, dass Zelda an diesen Ohrringen hängt, was indirekt bedeutet, dass sie sehr an dir hängt. Kapiert?“

         „Ist das nicht zu weit hergeholt?“, sagte Link leise und fuhr einmal schnell mit seiner linken Hand durch seine blonden, ihm ins Gesicht ragenden Haarsträhnen.

         „Sieh es, wie du willst. Aber ich bin ja schließlich ein Mädchen und ich nehme an, dass ich dies genauso machen würde, wenn mir jemand am Herzen liegt. Ich würde auch ständig etwas von Rick bei mir haben wollen, wenn er nicht da ist.“ Sie schenkte ihrem Freund ein bezauberndes Lächeln. Link kratzte sich am Kopf und sah höflicherweise nicht hin, als die beiden beinahe übereinander herfielen. ,Verliebt muss man sein...’, dachte Link.

         Link blieb nicht mehr sehr lange bei seinem Kumpel und verabschiedete sich mit einem: „Bis morgen in der Schule.“ Er tapste nach Hause, überlegte es sich anders und rannte, um sich Abzureagieren hinein in den märchenhaften Wald, der in den Farben des Sonnenuntergangs erstrahlte.

 

Ein verräterischer, feiger Diener kniete vor seinem Meister in der dunklen Kathedrale Schicksalshorts.

         „Das Gefängnis der Finsternis ist nun fertig gestellt. Sagt mir, mein Lord, welche Aufgabe wird dieses Teufelsinstrument haben.“

         „Es ist ein Seelenfänger“, lachte der Hüne und spielte mit blutroten Energiebällen, die in seinen Händen hin und her wanderten.

         „Die Prinzessin der alten Welt wird, selbst wenn sie gestorben ist, ihre Seele niemals von der des dümmlichen Heroen lösen können. Sie beschützt ihn einerseits, wie er sie wohl immer beschützen wollte. Deshalb muss diese Seele noch in dieser Welt verweilen... und wenn ich einmal ihre Seele habe, habe ich auch ihre alte Macht. Ein guter Nebeneffekt scheint, dass sie dann ihren hilflosen Zwergheld nicht mehr bewachen kann.“

         „Ihr seid fabulös, mein Meister.“ Doch der Schreckensfürst war noch nie auf einfältige Komplimente eingegangen und zog bloß verächtlich die Augenbrauen nach oben.

         „Mortesk, du jämmerliches Häufchen Dreck, geh’ in die Wälder zusammen mit deinen vier Brüdern und quäle den einstigen Helden. Er wird dort sein. Ich weiß, dass er sich dort aufhält. Er war früher schon ein Kind des Waldes. Kein Wunder, dass es ihn dorthin zieht -in diese Öde mit dem krächzenden Vögelgezwitscher und dem ätzenden Rauschen des Windes.“ Ein breitschultriger Kerl mit rabenschwarzem Haar kniete vor seinem dunklen Meister.

         „Ja, Sir, wie Ihr befiehlt. Sagt’, wo ist eigentlich Zarna?“ Sein Herr begann auf eine selbstherrliche Art und Weise zu lachen.

         „Willst du wirklich wissen, was mit ihr geschehen ist?“ Die roten Augen in dem Antlitz Mortesks blitzten auf. „Sie hat ihre Strafe für ihren jämmerlichen Fehler erhalten…ha…ha. Wenn sie Zelda nicht getötet hätte, wäre ich gnädig gewesen. Aber selbst dann hätte sie nicht überlebt. Der dumme grünbemützte Gartenzwerg hat ihr zu viele Wunden zugefügt.“ Mortesk drehte sich um und schritt wie ein unzurechnungsfähiger, gesteuerter Sklave aus dem Gebäude, die Hände zu Fäusten geballt.

 

Link lag inzwischen tatsächlich im Wald, total außer Puste, da er schon wieder stundenlang mit dem Schwert geübt hatte. Als er im Gras ruhte und verträumt den Wolken am Himmel zusah, spürte er eine ungebändigte Kraft in seinen Venen entlang fließen. Mit einem Schlag fühlte sich Link so stark, dass er sich einbildete Berge auseinandernehmen zu können. So stark, dass er den Eindruck hatte, etwas hätte ihm einen Strom aus purer Energie zugeführt. Er könnte aufspringen und in der Luft sofort einen Salto drehen, ohne, dass er Anlauf gebraucht hätte, er könnte stundenlang durch die Wälder rennen, ohne eine Pause zu benötigen und vieles mehr.

         Link sprang auf und lief auf sein Baumhaus zu. Die Abendsonne tauchte den Wald bereits in rötliche Farben. Der Wald warf riesige dunkle Schatten und der junge Kämpfer wollte seine Waffen im Baumhaus einschließen und sich dann auf den Weg nach Hause machen. Er stand gerade vor dem riesigen Baum und schaute geistesgegenwärtig in dessen grünes Laubdach. Link genoss die Ruhe der Wälder, das beruhigende Rauschen des Windes, die Klänge einer alten Eule, das Plätschern eines nahen Baches… das Tapsen der Tiere durch das Gras...

         Der grünbemützte Jugendliche wollte gerade die Leiter hinauf klettern, als das Tapsen lauter wurde. Link drehte sich nicht um und umklammerte nun stärker den Griff des Schwertes. Das Tapsen schien das Geräusch von mehreren Personen, die leise versuchten sich ihm anzunähern, zu sein. Das Geräusch formierte sich zu dumpfen Schritten, und dann klang es wie das Klappern von Metall gegen Metall.

         Hinter Link mussten in etwa fünf Personen stehen. Immer noch hielt sich Link gelassen mit dem Rücken zu ihnen und gab jenen Kreaturen nicht den Hauch von Überraschung oder Angst. Die Gestalten hinter ihm blieben stehen und hielten die Luft an. Glaubten sie tatsächlich, Link hätte sie nicht bemerkt? Spannung zerriss die Luft. Ein Anwesender konnte nahezu spüren, dass Gefahr sich ausbreitete wie Gift in den Adern eines Menschen.

         „Dieses Mal werdet ihr mich nicht umzingeln“, sprach Link mutig, als er sich umdrehte und seine Angreifer von vor einigen Wochen wieder erkannte. Sie besaßen alle gefährliche Waffen- einer hielt einen langen Stab in seinen Händen, der andere schwang erbarmungslos einen riesigen, mit spitzen Stacheln besetzten Morgenstern, der nächste hielt eine Axt in seinen Händen und ein weiterer besaß eine Armbrust, auf der spitze Pfeile glänzten. Link schwang sein Schwert und hielt es lang gestreckt von sich. Er zielte es genau auf einen Kerl mit rabenschwarzen Haaren, welcher als einzigster unbewaffnet zu sein schien.

         „Genau, dieses Mal werden wir dich töten, Held der alten Welt.“

         Link glaubte, er hätte sich verhört. „Ich bin wer? Und wer seid ihr eigentlich?“ Der Kerl mit den rotglühenden Augen, in denen nichts als Verachtung, Hass und krankhafte Zuversicht an die eigene Überlegenheit geschrieben standen, begann zu lachen.

         „Wir sind die Diener eines gewaltigen Meisters, der deinen Tod will, ebenso wie du seinen Tod willst. Du bist ein jämmerlicher, nichtswissender Schwächling.“ Link antwortete nicht darauf und setzte einen entschlossenen Blick auf. „Denkst du wirklich, du hättest gegen uns eine Chance?“

         Link grinste plötzlich: „Mit Gesindel wie euch werde ich leicht fertig.“ Die fünf Kerle reagierten gar nicht und starrten Link nur an. Mit einem Schlag stürzten sie sich auf ihn. Links Mundwinkel zogen sich nach oben. Kräftig stieß er sich mit seinen beiden Beinen ab und sprang. Seine Angreifer wussten nicht, was er bezweckte und glotzten ihm auf eine merkwürdige Art und Weise hinterher. Gewandt drehte er in der Luft eine Rolle, landete mit seinen Beinen an dem Stamm des Baumes, stieß sich wieder ab und sprang über die Köpfe seiner verdutzten Gegner hinweg. Link stand nun hinter den fünf Vasallen des Bösen und ließ sich von ihnen nicht beeindrucken. Langsam jedoch kamen ihm Zweifel. Er konnte diese Kerle, selbst wenn sie bösartig waren, doch nicht umbringen. Es waren trotzdem Menschen...

         Plötzlich sprang die Person mit dem Stab auf ihn zu und attackierte mit heftigen Schlägen. Link wehrte die Attacken mit seinem Schwert ab, und es schien ihm als könne er die Angriffe des Kerls voraussehen, als hätte er etliche Kämpfe hinter sich und Unmengen von Schlachten geschlagen. Link ahnte mit jedem Schlag, welcher der nächste sein würde... Mit der Wucht jedes Schlages spürte Link die Klinge in seinen Händen vibrieren. Gerade als sein Gegenüber zu einem Schlag ausholen wollte, rollte sich Link geschickt über den Boden und ließ das Schwert dabei knapp über die Erde sausen. Der Kerl verlor das Gleichgewicht und fiel. Link stand inzwischen über ihm und hielt ihm die Waffe an dessen Kehle. Doch der Kraftprotz lachte nur höhnisch. Link begriff und schnellte im letzten Augenblick zur Seite, sonst hätte er mit der Axt der anderen Kreatur gewaltig eins abbekommen.

         Erst jetzt fiel Link auf, dass die Kerle fast gleich aussahen, einer das Ebenbild des anderen. Unheimlich…

         „Warum greift ihr mich eigentlich an?“

         „Weil es unsere Aufgabe ist und weil du Zarna getötet hast...“ Link begriff schlagartig. Das ekelhafte Miststück, welches Zelda beinahe erwürgt hatte, hieß also Zarna. Und diese Kerle wollten sich dafür rächen. Links Blut begann zu kochen, als er daran dachte wie dieser widerwärtige Abschaum, sich an Zelda zu schaffen gemacht hatte. Link war am Ende seiner Geduld und rannte blitzschnell auf den Kerl mit der Axt zu, ließ das Schwert ungebändigt auf die Axt zurasen und zerschlug dessen Griff. In hohem Bogen flog die Axt zur Seite und blieb kurz vor den Füßen des unbewaffneten Kriegers stecken. Der junge Held fasste noch mehr Mut und Entschlossenheit. Plötzlich zischten Pfeile über Link hinweg, einer verfehlte knapp sein Ohr. Gelassen lief er in die Richtung aus der sie kamen und wich den Pfeilen blitzschnell aus.

         Das Ungetüm mit der Armbrust in der Hand wurde langsam nervös, Link war nun keine fünf Meter vor ihm entfernt. Link sprang und umgriff das Schwert mit beiden Händen. Mit einem kräftigen Hieb schlug er die Waffe aus den Händen des Gegners, der sich kurz umsah, erschrocken auf Link blickte und dann die Flucht ergriff. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit und Link hätte beinahe die Blümchen von unten angesehen. Ein mit Stacheln besetztes Seil schoss durch die Luft und umklammerte Link an seinen Oberarmen, so dass er sich nicht mehr rühren konnte.

         „Mist“, fauchte Link, der nicht wusste, wie er sich aus dieser misslichen Lage befreien sollte. Er beobachtete den Kerl, der das Seil geschwungen hatte. „Wir haben alle mehr als eine Waffe, hattest du geglaubt, du könntest uns besiegen“, sprach der Kerl, welcher an einen Baum angelehnt, seinen vier Brüdern erfreut zusah.

         „Ich bin Mortesk, erster der fünf Vasallen der Leibgarde des Meisters. Und du wirst hier dein Grab finden, auserwähltes, armseliges Häufchen Dreck.“ Link spürte wie die eisernen Stacheln an dem Seil sich in seiner Haut vergruben. Was soll ich nur tun, dachte Link. Wenn mir nicht schnell etwas einfällt, bin ich des Todes. Link sah auf die Gestalt, welche zuvor noch die gefährliche Axt schwang und ihn nun mit dem Seil in der Mangel hielt. Der Kerl zerrte am Seil und Link fiel hart zu Boden. Ein wahnsinniges Gelächter schallte umher, krank, arrogant und dumm. Der junge Held sah auf, hörte nur das schrille, eisige Lachen seiner Gegner und es widerte ihn an. Noch immer hatte Link sein Schwert in der Hand und umklammerte dessen Griff so fest wie er konnte. Noch hatte er nicht verloren...

         Der Jugendliche rappelte sich auf und griff mit der rechten Hand an das Seil, selbst wenn er sich dabei seine Finger aufschlitzte und zog, ebenso wie der Kerl am anderen Ende. Link war stärker und brachte seinen vermeintlichen Vernichter zu Fall. Schnell befreite er sich aus dem Seil, solange sein Angreifer noch am Boden lag. Nun kam der Typ mit dem Morgenstern auf Link zu und schwang wild geworden seine tödliche Waffe- ein Treffer und Link könnte Leb wohl sagen. Das Ungetüm holte kräftig aus. Mit einem lauten Knacken landete es im Boden und Grasfetzen wurden aufgewirbelt.

         Link hüpfte schräg zur Seite, der Kerl setzte seine ungebändigten Angriffe fort und schleuderte den mit scharfen Spitzen besetzten Morgenstern nach ihm. Überrascht stolperte der Heroe nach hinten und sah wie der Morgenstern einige seiner blonden Haarspitzen abriss. Das war knapp. Link stand auf und vollführte einige Saltos nach hinten, sodass er geschwind am Rande der Bäume stand und einen genauen Blick auf die Lichtung werfen konnte, wo sich seine mit schweren Waffen bestückten Feinde auftürmten.

         Die Sonne war nun gänzlich untergegangen und der Mond kam zum Vorschein. Langsam krochen Schatten aus den Wäldern hervor und Link spürte nun die Anbahnung einer gewaltigen Gefahr, die er bis jetzt maßlos unterschätzt hatte. Die fünf Gestalten stapften nun immer wieder mit ihren schweren Beinen auf den Boden und versammelten sich in einer Reihe, als würden sie eine Art Todesmarsch einleiten... Link starrte fassungslos auf die Kreaturen, sie besaßen alle keinen Schatten. Dann bewegten sie sich auf ihn zu. Ihre Körper schienen sich zu verändern, zu verwandeln, als würde die Dunkelheit ihre wahren Gestalten preisgeben. Ihre roten Augen leuchteten stärker als zuvor, als Link angewidert in ihre hässlichen Fratzen blickte. Mortesk Stimmbänder begannen zu vibrieren und Link war entsetzt wie ausdruckslos, kalt und tief diese Stimme plötzlich klang.

         „Was seid ihr?“

         „Wir sind ohne Seele, ohne Gefühl, wir sind Verbündete der Finsternis; wir sind der Schrecken einer alten Welt, kommen und gehen, da wir schon tot sind, wählen keinen Weg, da für uns alle Pfade geöffnet sind...“ Mortesk beendete sein grausiges Zischen und blieb wie angewurzelt stehen. Das alte Mondlicht beleuchtete die Lichtung. Der Kampf sollte jetzt erst wirklich beginnen...

         Die fünf Geschöpfe der Hölle gaben unerträgliche Laute von sich und vertrieben jedes Tier, welches sich hier aufhielt. Ihr klägliches Schreien zerriss die Luft, als ob sie von einer schier übermächtigen Macht gepeinigt wurden. Link konnte nur zusehen. Mortesks Gesicht veränderte sich, seine Wangen fielen ihm ein. Die blasse Haut wurde innerhalb weniger Sekunden älter, Würmer krochen darin herum, bis sie die Haut zerfressen hatten und ein wenig schwarzes Fleisch herausquoll, bis hin zu den Knochen. Doch nicht nur die Haut der Kreaturen verschwand, auch ihre Kleidung verwandelte sich.

         Nach wenigen Sekunden bestanden diese Geschöpfe der Hölle nur noch aus Knochen an denen einige Hautfetzen hingen. Eine schwere Rüstung umhüllte sie und Link gefror das Blut in seinen Adern. Ihn packte die Angst und er lief in langsamen Schritten nach hinten. Das waren keine Menschen mehr- gegen diese Kreaturen hatte er keine Chance. Wie sollte er etwas besiegen, was schon tot war und nur noch aus Knochen bestand? Link zweifelte an der Kraft, die er sich in den letzten Wochen angeeignet hatte. Fest umklammerte er das Schwert in seiner Hand...

         „Schnappt ihn“, fauchte eine tiefe Stimme. Mortesks knöcherne Hand schnellte nach vorne und zeigte auf Link. Von einer Sekunde auf die andere stürzten sie sich auf ihn. Er hatte nur diese eine Möglichkeit, entweder er stellte sich dieser Gefahr oder das wären seine letzten Atemzüge. Er stellte sich in Angriffsposition und hielt das Schwert nach vorne. Von allen Himmelsrichtungen attackierten die Kreaturen ihn. Link drehte sich und führte das Schwert mit sich, es krachte gegen die Rüstungen der Wesen. Sie wurden alle mit dieser Attacke zurückgeschlagen. Überrascht über seine Fähigkeit starrte Link auf das Schwert. Nein, ich kann sie besiegen, sagte eine mutige Stimme in seinem Kopf. Mortesk Gesicht schaute entsetzt auf Link, der seinen entschlossenen Blick zurückgewonnen hatte.

         „Tötet ihn.“ Und erneut stürzten sich die Gegner auf den grünbemützten Helden, der wie ausgewechselt schien. Als erstes nahm er sich den Kerl mit dem Morgenstern vor, der diese schon wieder nach ihm warf. Der junge Kämpfer hüpfte und krallte sich an den Ast eines Baumes, wo er eine Rolle drehte. Tapfer sprang Link direkt mit dem Schwert nach unten gerichtet auf den Kopf der Kreatur zu. Sein Schwert durchbohrte den Kopf des Ungetüms, welches am Boden zusammenbrach und sich dann in Asche auflöste... noch vier. Link atmete erleichtert aus und schnaubte nach Luft. Selbst wenn er ausführlich geübt hatte, ein wahrer Kampf zehrte gewaltig an seinen Kräften. Dann richtete sich der Kämpfer mit dem grünen Basecape auf und blickte gespannt um sich.

         Mortesk traute seinen Augen nicht. Link hatte einen Teil seiner alten Kraft zurückerlangt, das konnte nicht anders sein. Mortesk, der sich zuvor noch gelassen zurückhielt, schnippte mit den Fingern und trug plötzlich Schild und Schwert in den Händen, aber griff dennoch nicht in das Geschehen ein, während Link sich mit den anderen drei Gegnern duellierte. Das stachlige Seil flitzte über Link hinweg, der sich geschickt bückte und über den Boden rollte. Link hüpfte und stand nun auf dem Seil des Ungetüms, welches erstaunt aufsah und schon kräftig an dem Seil ziehen wollte, um Link zu Fall zu bringen.

         Gerade im letzten Moment stellte sich Link mit einem hinterhältigen Grinsen neben es. Der schmierige Kerl zog und flog mit einem Knacken seiner schweren Rüstung nach hinten. Link rannte auf ihn zu und setzte ihm die Waffe an die Kehle.

         „Wer schickt euch“, fauchte Link. Doch das Monstrum antwortete nicht, auch dann nicht, als Links Klinge näher an dessen knöcherner, mit Hautfetzen behangener Kehle entlang fuhr. Das Monster hatte plötzlich einen Dolch in den Händen und stieß ihn nach Link. Er wich knapp aus und ließ die Klinge nun die Kehle des Unholds durchstoßen. Mit einem Winseln sprang die dämonische Kreatur auf, fasste sich mit den Händen an den Hals und zersprang in einen unheimlichen Ascheregen... noch drei.

         Link drehte sich um und blickte eiskalt in die Antlitze zwei weiterer furchteinflössender Ritter, die nur aus Knochen bestanden. Link kam ein abscheulicher Gedanke. Diese Bestien sahen genauso aus wie... doch Link hatte keine Zeit zum Nachdenken. Einer der beiden spannte seine Armbrust und feuerte etliche Pfeile ab, die diesmal jedoch nicht aus Holz, sondern Metall bestanden. Link begriff nicht. Das Ungetüm zielte nicht auf ihn, eher bewusst an ihm vorbei. Link drehte sich um und erkannte, wie misslich seine Lage war.

         Der Pfeil, auf dem etwas violettes, eine Art Schleim klebte, verfolgte ihn.

         Ohne weiteres Überlegen rannte Link in die Dunkelheit der Wälder und spürte den Pfeil immer näher kommen. Link drehte einige Runden, hetzte zur Seite und sah, wie das eigentümliche Geschoss nach vorne schnellte, dann umdrehte und auf ihn zuraste. Link duckte sich und hörte ihn über sich hinwegrasen. So leicht gebe ich nicht auf, sagte er, um sich Mut zu machen.

         Link stand auf und rannte erneut, sprang über den Bach und warf einen Blick nach hinten. Oh nein. Jetzt waren es schon drei. Link überlegte hin und her, aber er konnte nicht ewig weglaufen. Ruckartig blieb er stehen und sprang in den Bach. Er sah die Pfeile in der Dunkelheit aufblitzen, wie auch das lila Etwas darauf. Link hielt sein Schwert gestreckt nach oben, dicht an seinem Körper. Die Zeit schien still zu stehen, während sich der junge Held auf die drei Bogengeschosse konzentrierte und seine Waffe langsam nach links bewegte. Die Pfeile schienen noch schneller zu werden. Jetzt waren sie so nah, das Link schon den Wind den sie hervorbrachten, spüren konnte. Sie rasten weiterhin auf ihn zu. Doch Link blieb einfach stehen, blickte mit wachen Augen in die Dunkelheit und...

         Die Pfeile erstarben kurz vor seinem Körper. Link hatte alle drei mit seinem Schwert entzweit. Sie fielen zu Boden und Link trampelte geistesgegenwärtig auf dem lila Schleim herum, von dem er ahnte, dass es sich um eine Art Geist handeln musste. Auch der Schleim löste sich auf, wie Rauch, der zum Himmel stieg. Mit einem leichten Seufzen rannte Link weiter und konnte ein weiteres Knacken im Wald hören. Einer der Kerle musste ihm gefolgt sein... das Geräusch von Holz gegen Holz dröhnte durch Links Kopf. In der Finsternis stand einer der Bestien, jener mit dem langen Stab in den Händen. Er ging sofort auf Link los, der immer noch total außer Puste war. „Hab’ ich dich.“

         Link stürzte auf ihn und schlug auf ihn ein. „Irrtum, ich hab’ dich!“

         Link schien wie in Trance, sein ganzer Körper entwickelte eine ungeheure Energie, von der er niemals gedacht hätte, dass sie in ihm steckte. Er umgriff das Schwert mit beiden Händen und schlug kraftvoll auf den Kerl ein, der seinen Stab schützend vor sich stellte. Schwert und Kampfstab rangen miteinander, während sich die Kontrahenten angeekelt in die Augen starrten. Link drückte das Schwert gegen den Stab und presste die Zähne zusammen. Diese Viecher hatten ungeheure Kräfte.

         Link riss das Schwert nach rechts und der Stab landete auf dem Boden. Doch Link reagierte nicht schnell genug, sein Widersacher stürzte sich sofort auf seine Waffe und hielt sie in seinen knöchernen Händen. Mit einem zynischen Lachen stand er auf und winkte Link zu.

         „Dir wird das Lachen schon vergehen.“ Link hatte inzwischen wieder Luft getankt und atmete nicht mehr so heftig wie vor wenigen Sekunden. Und erneut kämpften sie, als würde die Welt um sie herum versinken.

         Gerade in einem unbedeutenden Augenblick tauchten zwei weitere Augen in der Dunkelheit auf. Während Link seinem Gegner immer mehr die Kraft raubte, wurde die Armbrust direkt auf ihn gespannt. Die Bestie mit den rotglühenden Augen war sich ihres Sieges schon sicher und verfolgte Link mit der gefährlichen Waffe. Er hatte Links Herz im Visier. Gerade in diesem Augenblick spürte Link ein Paar Augen im Nacken, stürzte nach vorne, direkt auf seinen Gegner zu und blieb kurz stehen. Ein Pfeil flog durch die Luft. Link duckte sich blitzartig und rollte sich durch die Beine seines Kontrahenten. Der Pfeil zischte, durchbohrte die Rüstung des knöchernen Wesens. Es löste sich auf und nur ein Häufchen Asche blieb übrig... noch zwei. Link versteckte sich derweil hinter einem Baum, stützte seine Arme auf seine Beine und schnaubte heftig. Langsam wurde er müde. Wie spät war es eigentlich? Bestimmt schon nach zehn...

         Link spitzte seine Ohren und lauschte angespannt durch die Dunkelheit der Nacht. Er umfasste den Griff des Schwertes wieder fester. Er war unglaublich dankbar, dass Naranda ihm diese Waffen hinterlassen hatte. Sonst hätte er schon lange das Zeitliche gesegnet. Das Knacken im Unterholz kam näher. Sein Rivale musste knapp hinter dem Baum stehen. Link konzentrierte sich auf das Atmen der Kreatur des Bösen und konnte ihn heucheln hören. Dieser dreckige Abschaum bildet sich wohl ein, er könnte mir Angst einjagen, dachte Link. Er ließ sich nicht den Hauch von Unbeherrschtheit oder Furcht anmerken. Sein Mut wahr zum Leben erwacht...

         Link schwang sein Schwert und stieß es, während er mit dem Rücken zum Baum gelehnt dastand, einfach nach hinten. Ein Aufschrei. Ein leises Röcheln. Ein dumpfer Ton und auch dieses Monster befand sich im Jenseits... nur noch einer. Link lief vorsichtig durch den düsteren Wald und wusste, er müsste die Lichtung überqueren, andernfalls würde er nicht nach Hause gelangen. Mortesk wartete bestimmt auf ihn. Link blieb stehen und holte kräftig Luft. Erst jetzt realisierte er, was er getan hatte. Er kämpfte, gerade so als wäre es sein Ruf, seine Bestimmung.

         Bin ich tatsächlich…?

         In seinem Herzen führte Link ebenso einen Kampf- er trat gegen sich selbst an, konnte nicht verstehen, was geschehen war, verstand sich selbst nicht. In ihm schlug das Herz eines Kämpfers, der wie kein anderer mit einem Schwert umgehen konnte. Er wusste, seit dem Tag, an dem er Zelda gefunden hatte, war etwas in ihm erwacht... etwas, dass er niemals hatte vergessen wollen, etwas wichtiges. Link stolperte auf die vom Mond beleuchtete Lichtung zu, blickte sich um, aber Mortesk war verschwunden... Link warf einen Blick auf seine Uhr und starrte auf die Zeiger... sie war genau um Mitternacht stehen geblieben.

 

Sara saß direkt am Telefonhörer und schaute geistesgegenwärtig darauf. Sie machte sich Sorgen um ihren großen Bruder. Wo war er nur? Mitternacht war schon lange vorbei und Link hatte sich auch sonst nicht mehr gemeldet. Irgendetwas stimmte da nicht. Sara hatte ein sehr ungutes Gefühl. Sie ergriff den Telefonhörer und wählte eine Nummer. Am anderen Ende der Leitung ertönte die Stimme der Direktorin.

         „Ja, hallo, bei Schatteners. Mit wem spreche ich?“

         „Ähm, Sorry für die späte Störung. Hier ist Sara Bravery.“

         „Ach, Sara, worum geht’s?“

         „Also, Link ist noch nicht nach Hause gekommen. Ist er vielleicht bei Zelda?“

         „Nein, ist er nicht. Und er hat sich sonst nicht mehr gemeldet?“

         „Nein...“ Sara war enttäuscht, sie hatte gehofft Ines Schattener könnte ihr helfen, das war aber ein Irrtum. Trotzdem klang die Direktorin unheimlich besorgt.

         „Hast du eine Ahnung, wo er hin wollte?“

         „Nein, das heißt, er ist vielleicht in den Wäldern und...“

         Plötzlich wurde im Hause der Braverys die Tür geöffnet und Link trat mit erschöpftem Blick hinein.

         „Link ist gerade gekommen. Hat sich erledigt, entschuldigen sie nochmals die Störung bitte. Gute Nacht.“ Damit legte Sara den Hörer auf und starrte Link an, der einige Kratzer im Gesicht hatte und dessen Kleidung total zerrissen war. Sara wollte sofort wissen, was passiert war. Link jedoch winkte ab, ging auf sein Zimmer und ließ sich hundemüde in sein Bett fallen. Ich habe vier Menschen getötet... vier Menschen, die zu Monstern mutierten. Ich bin... nicht mehr, was ich glaubte zu sein…

 
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