Kapitel 111
 
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Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 11

 

In den unendlich scheinenden Weiten der einsamen Wüste, die sich gefährlich nach Wasser sehnte und alles Leben auszutrocknen verlangte, erschien Geistern, verruchten Lebewesen und leisen Zeugen ein Bild, das ihre Augen noch nie erblickten. Und auch den Kreaturen, die sich einem dunkleren Glauben und niederen Bedürfnissen hingegeben hatten, würde in dem Moment Erstaunen gelehrt werden.

Nicht weit entfernt vom Stützpunkt der Hyl Moblina bebte der Boden. Ein riesiger Wurm, ausgestattet mit zwei gefährlichen Hörnern, bewegte sich heftig und dröhnend dahin. Und wenn man genau hinblickte, vielleicht mit einem Fernrohr, entdeckte man ein leuchtendes Band, dass bemächtigend, seinen Träger verfluchend, um jene Hörner der Bestie gebunden ward. Ein helles, rötliches Funkeln ging von jenem Gegenstand aus. Und blickte man weiter, entdeckte man einen jungen Kämpfer, der vielleicht das erste Mal in seinem Leben erfahren hatte, was es hieß Mut zu beweisen, der erfahren hatte, wie man sich dem stellen musste, das im Schicksal verankert lag. In beiden Händen hielt er fest jene Peitsche, die ihm ein legendärer Heroe geschenkt hatte. Und nur er steuerte die riesige Bestie, ritt auf dem flachen Schädel des Dämons und wühlte sich durch die Wüste, auf der Suche nach seinem Bestimmungsort. Mut erfüllt, aber am Ende seiner Kräfte hielt er sich wacker, ließ sich von seiner erweckten Tapferkeit hinfort tragen…

 

Und als er das Versteck der Hyl Moblina ausmachte, auf fünf sichtbaren Türmen Wachposten jener garstigen Rasse entdeckte, wusste er ein Loch in diese Feste zu sprengen, über das man selbst in Jahrzehnten noch sprechen würde. Er ließ die gigantische Bestie toben, erzürnte und brüllte, als es auch die Bestie tat. Klein-Link stimmte an zu einem gewagten und vielleicht ersten Kampfschrei und donnerte mit einer schier wahnsinnigen Übermacht näher…

 

Mit einem ohrenbetäubenden Knall, den auch Navi und die anderen hörten, zertrampelte der junge Held auf seinem gewaltvollen Getier drei jener gut besetzten Wachtürme und sprengte ein Loch in das beinah viereckige Gebäude. Es rumpelte einmal entsetzlich, als würde ein Erdbeben über die Wüste hereinbrechen. Danach war es zunächst still um den Wüstenwurm, der eine grausame Tat vollbracht hatte. Klein-Link hielt sich auf dem Kopf des Monsters geduckt und beobachtete seine Umgebung, sah Dutzende Moblins, die auf das Ungetüm zustürmten. Er wartete auf den letzten Moment, spürte sein Herz zu dem Rhythmus der Zeit pochen…

 

Und dann, als sich die Dämonen kampfbereit und zänkisch näherten, schrillte Klein-Links Schrei durch die Szenerie. Seine Hände umfassten grob und zielsicher die lederne Peitsche und als er sie noch einmal mit seinem Willen fütterte und der Twinmold gewaltsam in die Höhe schoss, knallte er mit der Wucht von mehreren Tonnen Fleisch auf die wahnwitzigen, niederen Kreaturen und zerschmetterte ohne Reue ihre menschenähnlichen Gestalten auf eine bestialische Weise. Er wusste nicht, ob das, was er tat noch richtig war. Und diese Brutalität und Selbstjustiz hatte er nicht auf diese erschreckende Weise gewollt. Etwas passierte mit ihm, wenn er tötete, etwas Erschreckendes, auf dass sein Vater sicherlich nicht mehr stolz war…

 

Als er keinen Moblin in der Wüste mehr ausmachen konnte, umkrallte er ein letztes Mal die magische Peitsche, zwang ein letztes Mal der Kreatur seinen eigenen Willen auf und befleckte seine Seele mit einem schier wahnsinnigen, grausamen Mord. Das einstige Kind der Götter fauchte, und als sein Schrei erstarb, biss sich die Kreatur selbstrichtend und brutal in sein eigenes Fleisch, gerade dort, wo das sterbende pochende Herz schwarzes Blut in Strömen in der Wüste verteilte…

 

Als sich das Grölen und Donnern verflüchtigte, standen Navi und ihre Mitstreiter zweifelnd und nachdenklich in ihrem Kerker. Velkan begann einfach nur zu lachen, als er sah, dass sich die Verankerungen der Kerkertür durch das Beben gelöst hatten. Er lachte umso lauter und trat einmal kräftig dagegen und schon öffnete sich ein Weg in die Freiheit. Sie traten gemeinsam hinaus in den dunklen Gang, der von einzelnen umgestürzten Feuerquellen nur teilweise erhellt wurde. Und doch sahen sie in der tiefen Dunkelheit, gepaart mit leisem Tap Tap jemanden näherkommen. Er trat sehr schwerfällig, beansprucht von dem Höllentrip, den er gerade gemeistert hatte. Überall an seiner Gestalt hing Schleim, teilweise gallig, teilweise getrocknet. Er hatte einige Schürfwunden und wirkte alles andere als erleichtert, selbst als er seine Mitstreiter in der Düsternis erkannte. Er wollte inzwischen nur noch heulen, weil er sich unglaublich schuldig und brutal fühlte. Er hatte beinah viehisch getötet, weil er dachte, er müsse es durchstehen. Weil er dachte, es war richtig. Aber war es das wirklich?

 

Navi war scheinbar die erste, die ihn erkannte. Mit einem lauten, herzzerreißenden Quengeln stürmte sie näher und warf sich dem Götterkind das erste Mal um den Hals. Sie weinte wirklich bitterlich und Klein-Link, noch völlig unfähig zu realisieren, dass er umarmt wurde, starrte einfach nur erschöpft umher, schloss seine Augen und wollte einmal mehr einfach nur weinen. Diese Selbstaufgabe und Brutalität, war das etwa sein Schicksal? Seine Zweifel wuchsen und er wusste, dass auch Navi ihm diese Zweifel nicht ausreden konnte…

 

„Du lebst…“, war alles, was sie unter ihrem Wimmern sagte.

Ja, er lebte, aber für welchen grausamen Preis. Er schob Navi von sich und starrte zu seinen mit Sandmatsch besudelten Stiefeln. Er fühlte sich nicht nur widerlich nach dem Töten, sondern auch erschöpft. Lia trat ebenfalls näher und schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln.

„Du bist unglaublich, kleiner Mann“, sprach sie und kniete nieder. Er blickte zaghaft auf. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie du es geschafft hast, den Twinmold niederzuringen, aber auch ich bin froh, dass du lebst.“

Velkan blickte nur überrascht und irgendwie neidisch drein und erst da bemerkte Klein-Link, dass sich noch eine weitere Person aus den Schatten preisgab. Ein hässlicher, dreckiger Mann, der sich humpelnd vorwärts tastete. Der Mann starrte ihn auf eine Weise an, die dem Götterkind alles andere als gefiel. Es war eine Mischung aus Mitleid und Verachtung, vielleicht auch deshalb, weil jener Junge seine Zukunft noch gestalten konnte, vielleicht deshalb weil er noch jung war.

 

Das Götterkind sah auf und biss sich auf die Lippe. Das also war der Held jener Welt. Auch er musste zugeben, dass er sich ihn irgendwie anders vorgestellt hatte. Und die Blicke, die er ihm entgegenbrachte, verunsicherten ihn zunehmend.

„Ich will ja das rührend Wiedersehen nicht unterbrechen“, sprach Velkan ernüchternd. „Aber ich befürchte, dass entweder das Gemäuer über uns zusammenbricht, oder die nächsten Dämonenherden hier auftauchen und uns abschlachten. Wir sollten so schnell wie möglich raus hier.“ Und er hatte seine Worte kaum zu Ende gesprochen, bröselten bereits erste Staubkörner von der Decke.

 

Navi, Velkan und Lias Vater nahmen geschwind ihre Beine unter die Arme und liefen die ersten Meter, während die junge Ärztin noch immer vor dem Götterkind niederkniete und ihn begutachtete. Er war schlichtweg fertig mit den Nerven und unheimlich erschöpft. Sie machte sich irgendwie Sorgen um ihn. „Du warst heute mutig genug“, meinte sie. „Wenn wir hier raus sind, solltest du dir eine Mütze Schlaf gönnen.“ Er nickte bloß lethargisch, nicht fähig irgendetwas zu sagen.

 

„Lia, verdammt nochmal, lauf‘ endlich zu!“, brüllte Velkan dann. Sie blickte noch einmal zu ihm, lächelte auf eine mysteriöse Weise, ein Lächeln der Stärke und des Mutes, das er nicht annehmen wollte. Sie zwinkerte, und er erinnerte sich, dass es schon einmal diese Momente gab, kostbare Momente zwischen ihm und dieser starken Frau. Ja, er hatte sie bewundert, immer… und es war nicht nur einmal, dass sie ihm das Gefühl gab schwach zu sein…

 

 Just in dem Augenblick knallten mehrere Gesteinsbrocken nieder, blockierten den Weg in die Freiheit für den jungen Link und seine Beschützerin in diesen Welten. Navi entließ einen heftigen Schrei. Aufgelöst stand Velkan vor den Gesteinsbrocken und hatte sich im Leben noch nie so hilflos gefühlt. Er brüllte den Namen der jungen Ärztin, trat gegen das Gestein und begann die Steine mit bloßen Händen wegzuschieben. Er stoppte erst in seiner Verzweiflungstat, als Navi sich vor ihn stellte. „Es hat keinen Zweck…“, sprach sie sanft.

 

Gerade da hörte man Lia durch das Gestein rufen. Sie rief, dass soweit alles okay war und sie sich einen anderen Weg suchen müssten. Nervös trat der Masterritter mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren einmal mehr an die Felsbrocken und hatte das Gefühl nichts lief mehr nach seiner Pfeife. Er war hier der stärkste Mann und nicht dieser Zwergenheld, der es geschafft hatte auf einem Twinmold zu reiten. Und was passierte außerdem noch? Ausgerechnet Lia schien diesem Winzling mehr zu vertrauen als ihm und das machte ihn zunehmend eifersüchtig…

Navi grinste wie eine Speckschwarte, weil sie genau wusste, was in ihm vorging. Er brummte und knirschte mit seinen Zähnen.

„Du solltest dich schämen auf ein Kind eifersüchtig zu sein“, lachte sie. „Außerdem könntest du dich mehr wie ein Velkan benehmen, dem Lia vertraut und nicht wie ein eifersüchtiger, kindischer Macho.“ Der Angesprochene hatte nun heute das zweite Mal das Gefühl das blonde Mädchen mit den zwei Zöpfen erwürgen zu müssen, folgte der einstigen Fee und Link Couraiga dann aber vorsichtig aus dem zerschmetterten Gebäude.

 

„Hast du noch genügend Kraft, Kleiner Mann?“, meinte Lia aufmunternd auf der anderen Seite der Gesteinsbrocken.

„Ich bin hundemüde“, gab er ehrlich zu.

„Das ist kein Problem“, erwiderte sie leise, orientierte sich und bot ihm an, ihn huckepack zu nehmen. Der Junge folgte der Einladung und hatte das Gefühl vor Erschöpfung auf Lias Rücken einschlafen zu müssen.

„Wir finden sicherlich einen Weg hinaus“, meinte sie hoffnungsvoll. Ihre warme Stimme schallte wie ein Zeichen der Tapferkeit durch die leeren, dunklen Gänge. „Ich hoffe bloß, dass wir nicht von irgendwelchem Gesteinsbrocken erschlagen werden.“ Sie seufzte ungewollt, aber auch dies bestärkte Klein-Link darin in Lias Gegenwart sicher zu sein. Sie machte ihm nichts vor. Sie war ehrlich und aufrichtig. Und sie bestärkte sein Herz ebenso wie sein Vater darin den Weg des Helden einzuschlagen.

„Ich wünschte, du würdest an dem Rat der Helden teilnehmen“, murmelte Klein-Link und schloss die Augen. Zu ihr fühlte er sich wesentlich mehr hingezogen als zu dem alten Link, der nichts als einen unsicheren, verachtenden Blick für ihn übrig hatte.

„Jetzt, da mein Vater frei ist, werden du und Navi bald weiterziehen, was?“ Er nickte und entgegnete dann etwas trübsinnig: „Es war jedenfalls toll, dich getroffen zu haben, Lia.“

„Ganz meinerseits“, sprach sie, wand sich zu ihm und lächelte dann.

 

Sie liefen weiter, durchquerten eine etwas größere Halle, öffneten eine quietschende Steintür und wunderten sich mehr und mehr, wo die Scharen von Moblins abgeblieben waren. Inzwischen lief das Götterkind wieder auf den eigenen Beinen und tapste mit einem Dolch in seiner Linken hinter Lia her.

„Deine gigantische Attacke hat den Dämonen wahrlich das Fürchten gelehrt“, sprach die junge Ärztin. „Wer hätte gedacht, dass diese Portion Mut in dir schlummert.“ Sie grinste auf ihre Art und trat weiter.

„Ich wusste selbst nicht, dass ich das kann…“, meinte er ehrlich.

„Nun, man wird wohl nicht unbedingt als Held geboren, sondern muss erst beweisen, dass man einer ist.“ Sie strich sich ihre schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und funkelte mit ihren dunkelblauen Augen durch die Stille und die Finsternis.

„Du spürst irgendetwas, habe ich Recht?“ Klein-Link kitzelte es selbst in seinem Herzen und hoffte auf Bestätigung. Hinter der nächsten Tür wartete etwas Gewaltiges auf sie. Keine Bedrohung, das wusste er. Aber etwas, das nach einem Helden verlangte…

Lia nickte, trat an das nächste Eisentor und stemmte ihre starken Arme dagegen. Mit einem heftigen Ruck öffneten sich jene Tore und der Raum dahinter wurde von einem einzigen Gegenstand beleuchtet. Ein Gegenstand, der jegliche Finsternis zum Erlöschen bringen konnte und in Hyrule die Tugenden der Helden symbolisierte. Kein Märchen konnte so schön sein, dass es jemals ohne diese eine berauschende und bebende Waffe auskommen würde. Kein Held konnte geboren werden, der nicht dieses geschmeidige, heilige Schwert führen konnte. Und kein Zeitalter verging ohne jene eine Legende um das Masterschwert…

 

Klein-Link grinste wie eine Speckschwarte. Er ahnte, dass es kein Zufall war, dass sie beide nun vor dem Masterschwert standen. In einem Raum, in welchem sonst kein anderer Gegenstand ruhte. Ein Raum, in den kein Licht fiel. Und auf einem leichten Podest, eingefasst in uraltes Gestein, thronte jene Waffe, verbannte jegliche düsteren Gedanken und spendete Licht.

 

„Zieh‘ es heraus!“, meinte der Junge und blickte Lia erwartungsvoll an. Auch die Ärztin grinste. „Ach was, du lässt mir den Vortritt?“

„Dies hier ist schließlich nicht meine Welt“, erwiderte er und kratzte sich am Kopf.

„Da magst du Recht haben. Vermutlich wirst du deine Welt erst noch finden.“

Seine eigene Welt finden? Das Götterkind staunte nur. Das war ein sehr merkwürdiger, und überraschender Gedanke.

„Meinst du tatsächlich, ich könnte in eine Welt kommen, in der…“ Sie blickte ihm lachend entgegen. „Genau… eine Welt, in der du der Held bist.“

Der Gedanke ließ ihn ein verräterisches Rot auf seinen Wangen entwickeln. Eine Welt, die er retten würde und in der er sich beweisen könnte.

„Das ist ein schöner Gedanke“, meinte er und lächelte tiefsinnig.

„So schön wie dieses uralte Relikt.“ Und ihr Blick heftete sich einmal mehr auf die Waffe des Lichts. Sie trat ehrfürchtig näher, ließ sich von einem alten Zauber berühren und vielleicht sogar verführen.

 

Sie war eine Heldin, nicht wahr? Eine, die wie keine andere für ihre Mitmenschen einstand. Wenn er zurückblickte und sich erinnerte, so war es Lia, zu der sie geführt worden waren. Es war Lia, die ihn gerettet und ohne Umschweife beschützt hatte. Lia Couraiga, nicht ihr Vater. Und nun stand sie hier, vor der wohl legendärsten Waffe Hyrules. Und sie würde es sein, die sich an dem alten Schwert testete.

Ihre starken, aber gepflegten Hände umgriffen elegant und tapfer das so kunstvoll gefertigte Schwertheft. Das magische Leder knirschte in hellem Klang. Und auch die Klinge summte, als jene Heldin den kraftvollen, heiligen Stahl aus seinem Zauber befreite. Mit einem gemächlichen Ruck hob sie das prachtvolle Schwert in die Höhe, erstaunte angesichts beinah unwirklichen, magischen Gefühlen, die jene Waffe mit sich brachte.

Es war Sekundenbruchteile später, dass eine fein verarbeitete Schwertscheide sich an Lia Gürtel, wie von magischen Händen erschaffen, wiederfand. 

„Diese Waffe gehört dir“, meinte Klein-Link und dasselbe Wissen wie einst, als er Link und Zelda zur Seite gestanden hatte, strahlte aus seinen himmelblauen Augen. Erst jetzt erinnerte ihn dieses Geschehnis an die Fähigkeiten und Gaben der Göttinnen, die in seinen Venen steckten. Und Wissen und Weisheit waren nur wenige der Gaben, die er durch seine Zweifel und Unsicherheit verlernt hatte…

 

Mit einem zufriedenen und beherzten Grinsen sprang Lia von dem Podest, wirkte stärker und mutiger als jemals zuvor und hob ihre rechte Faust in die Höhe. „Und jetzt ist es an der Zeit, dass wir einen Weg hinaus in die Freiheit finden. Das MS ist zurück in sicheren Händen, dank dir.“ Auch der Junge lächelte zufrieden und vielleicht kehrte ein Stückchen seines wahren Wesens zurück…

 

Derweil hatten sich Velkan, Navi und Link Couraiga einen Weg in die Freiheit gesucht. Inzwischen war die Nacht in der kalten, staubigen Wüste vorüber und eine blendende Morgensonne flutete ihre erdnussbraunen Felder. Die ersten, feurigen Sonnenstrahlen verkündeten die Hoffnung der neuen Zeitalter und ließen das Elend der Nacht hinter sich.

 

Und am Horizont, leise, aber zielsicher und schnell bewegte sich ein kleiner Airbus in die Richtung der einsamen Streiter. Ebenso leise stieg das Luftfahrzeug hinab und landete direkt vor ihren Füßen. Velkan seufzte und machte den Eindruck, dass ihn die Ankunft jener Maschine so gut wie gar nicht überraschte. Und als eine elegante Dame mit saphirblauem Kampfanzug aus der Luge kam und die drei lächelnd ansah, verstand auch Navi die Reaktion des jungen Masterritters. Die Zelda jener Welt spannte genauso wie andere Prinzessinnen des Schicksals ihre Fäden. Und auch sie wusste, sich nur dann einzumischen, wenn sie damit die Zukunft in entscheidende Bahnen lenken konnte.

„Hallo Mutter“, murrte Velkan, beinah tonlos. „Du hättest ja wahrlich ein paar Minuten früher erscheinen können.“

Sie trat näher, elegant wie immer, und lächelte: „Ich freue mich auch dich zu sehen, mein Sohn.“ Dann tat sie nichts anderes als den in die Jahre gekommenen Heroen zu umarmen. „Du sieht übel aus, Link.“ Der Angesprochene grinste schief und erwiderte die Begrüßung mit einer Fülle an Zuneigung, dass Navi den beiden einmal mehr nicht abkaufte, bloß Freunde zu sein.

„Bei Dinafa, ich bin so froh, dich zu sehen, Zelda.“ Es war wohl das erste Mal, dass der Link jener Welt glücklich wirkte und befreit lächelte.

 

Gerade da, wenige Meter weiter, sorgten zwei unversehrte und erleichterte Gestalten, für weitere lächelnde Gesichter. Aus einem versteckten Eingang traten das Götterkind und auch Lia heraus. Und es war dann, dass sich die Helden des Tages alle lachend und teilweise weinend in die Arme fielen. Der Kampf war vorbei und Lias Vater gerettet. Alles war einmal mehr gut ausgegangen…

 

Nur von weitem, auf einem verlassenen Grundstück in der Wüste, von einem hohen Beobachtungspunkt aus, begutachtete eine miesgelaunte Kreatur die Geschehnisse. Sie trug einen bunten Mantel über ihrem Mädchenkörper. Ihre Augen, die scharf aus der Kapuze herausblitzten, färbten sich abwechselnd von blau zu grün und dann zu rot, während sie die lachenden Gesichter und Umarmungen beobachtete. Sie zischte und trampelte mit ihren Clownsschuhen auf dem kalten Boden herum. Es widerte sie an. Es erzürnte sie maßlos. Sie kreischte und entließ ihren langen, dünnen Fingern ein paar überflüssige, magische Felder, die in der Luft zersplitterten. Erst dann schien sich ihre Stimmung ein wenig zu heben und sie begann teuflisch zu grinsen. „So hab‘ ich mir das eigentlich nicht vorgestellt… aber na gut, das, was ich wollte, habe ich irgendwie erreicht. Wir sehen uns in einer anderen Welt.“ Und noch ehe sie ihr letztes Wort ausgesprochen hatte, verschwand sie in einem Regen aus Tausenden farbigen Splittern und verließ jene Zeit…

 

Und in diesem modernen Hyrule vergingen nur zwei Tage, als Navi und Klein-Link sich entschlossen auch dieser Welt einmal mehr Lebewohl zu sagen. Gemütlich saßen Velkan, Lia, Zelda und Link Couraiga in Lias Appartement zusammen und beobachteten voller Entzückung und Verwunderung den Untergang der Abendsonne. Sie hatten Navis Geschichte von dem Untergang der Erdenwelt und dem Ende Hyrules mit Traurigkeit und Sorge zugehört und waren nun umso dankbarer für all das, was sie im Leben erreichen konnten und für die Sicherheit, die ihnen zuteilwurde. Auch wenn es eine fremde Bedrohung gab, derer sich die Auserwählten stellen mussten…

 

Link Couraiga spielte mit dem Medaillon der Mächtigen, welches auch in dieser Welt in Zeldas Besitz verweilte. Das Masterschwert lag stolz auf dem Tisch vor den vier Nasen.

„Du weißt, welcher Schritt nun noch zu tun ist, nicht wahr Link?“, meinte Zelda und stellte die Teetasse ab, von der sie genüsslich getrunken hatte.

„Ja, mir ist bewusst, was von mir erwartet wird“, entgegnete er und lächelte. In den zwei Tagen, nach einem ordentlichen Bad und einer warmen Mahlzeit, schien der einstige Held beinah wieder hergestellt. Er trug ein dunkelblaues Hemd und eine Jeanshose, wirkte fast wie ein gewöhnlicher, älterer Mann. Dann umspielten seine Hände das einstige Schwert, bis er halbherzig grinste.

„Es gibt in dieser Welt einen Helden, der gehen wird um dem Heroen der Zeit beizustehen, aber dieser Held bin nicht ich…“ Und es war Lia, die ihren Vater auf diese Worte mit ihren kräftigen tiefblauen Augen für einige ewigscheinende Momente musterte.

 

Klein- Link befand sich mit der einstigen Fee im Badezimmer und hatte sich eine grüne Tunika angezogen, welche Lia für ihn maßschneidern ließ. Eine smaragdgrüne Tunika mit dunkelgrünem Saum. Darunter trug er passend einen blassgelben Anzug und ein rostfarbenes Kettenhemd. Und auch die Mütze durfte nicht fehlen.

Navi, der Lia eine dreiviertel lange Stoffhose und eine blaue Weste geschenkt hatte, half dem Götterkind gerade seine Mütze zurechtzurücken.

„Wir müssen bald los“, sagte sie und lächelte.

„Ja…“, murmelte das Götterkind und schien mit seinen Gedanken in den letzten Wochen zu verweilen. „Es ist nur so…“, begann er.

„Es macht dich traurig, all‘ diese Wesen zu treffen und doch zu wissen, dass du dich immer wieder verabschieden musst.“

Er nickte und seine himmelblauen Augen sanken trübsinnig in Richtung seiner Stiefel.

„Es ist nicht leicht“, meinte Navi und legte ihren blonden Lockenkopf auf eine Schulterseite. „Aber das war dir von Anfang an klar… Heldentum verlangt Opfer, mehr als nur diese…“

Und ein melancholischer Ausdruck, unterlegt mit Tapferkeit und Zielen trat auf sein junges, reines Gesicht. Einmal mehr nickte er, war nicht fähig irgendetwas zu sagen und blickte sich dann selbst im Spiegel an, sodass Navi immer noch in seine Augen blicken konnte. Und sie begann sich langsam etwas einzugestehen. Klein-Link war nicht mehr dieses Kind, auf das sie aufpassen musste. Er entwickelte sich und er wurde dem Helden der Zeit auf erschreckende Weise immer ähnlicher…

Dann wand er sich wieder um, lächelte und überwand jene Trübsinnigkeit, die ihn einnehmen wollte. „Für jeden Abschied lernen wir neue Geschöpfe kennen. Heldentum besteht nicht nur aus Opfern, sondern auch aus einem Reichtum, den nur Helden erfahren können.“ Dann nahm er eine verdatterte Navi an ihrer Hand und trat mit ihr in das Wohnzimmer.

 

Lächelnde und doch traurige Gesichter blickten ihnen entgegen. Abschied zu nehmen war niemals leicht. Aber es hieß nicht, daran verzweifeln zu müssen. Zelda stand auf, erhob sich einmal mehr so elegant wie immer und kniete vor dem Götterkind nieder.

„Pass‘ auf dich auf, Kleiner Mann“, sprach sie aufmunternd. „Doch bevor du gehst, möchte ich dir noch einige Dinge mit auf den Weg geben.“ Aufmerksam lauschte das Götterkind den Worten einer Dame, in der er immer so etwas wie Liebe sehen würde. Sie umfasste liebevoll seine Oberarme. „Ich schätze, du hast es bereits schon gespürt, nicht wahr?“

Seine Augen wurden für einen Moment größer, als er sich in Zeldas himmelblauen Augen spiegelte. Er hatte viele Dinge gespürt seit er existierte. Und es gab von diesen vielen fast genauso viele Dinge, die er einfach nicht verstand.

„Deine einstigen Fähigkeiten, jene, die deine magische Existenz mit sich brachten... sind verschwunden.“

 

Er nickte belämmert und fragte sich, warum es erst einmal jemand aussprechen musste, bis er es kapierte. Sie hatte Recht. Früher war es ein leichtes für ihn an irgendeinem Ort aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Früher war er unempfindlich gegenüber menschlichen Gefühlen. Früher war alles einfacher…

„Was bedeutet das?“, mischte sich Navi ein und verlangte mit ihren giftgrünen Augen Antworten, die vielleicht nicht einmal die weise Zelda ihr geben konnte.

„Es scheint, als musste Klein-Link mit dieser Mission beginnen zu leben wie ein Mensch und zu kämpfen wie ein Mensch, nicht mehr wie ein Kind von Göttern mit vielen spielerischen Fähigkeiten… In dem Augenblick, als er sich entschieden hatte, diese Mission zu wählen, wurde über seine Existenz entschieden… Und seine einstigen Fähigkeiten muss er sich nun erst wieder verdienen.“

Klein-Links Mund öffnete sich einen Spalt um Fragen zu stellen, deren Worte ihm im Augenblick nicht in den Sinn kamen. War er deshalb verblasst? Und hatte er deshalb Angst erfahren?

„Du kennst doch schon lange die Antwort auf deine Fragen…“, sprach sie. „Du lebst…“

Dann tat sie etwas, was er dieser Frau nicht zugetraut hätte. Sie umarmte ihn mütterlich und gab ihm einen Kuss auf seine linke Wange. „Ich bin zwar nicht deine Mama, aber das heißt nicht, dass du mir nicht ebenso wichtig bist.“ Klein-Link lächelte, war dankbar für diese Wärme und Fürsorge, auch wenn er nicht alles verstehen konnte.

 

Dann trat der einstige Held jenes modernen Zeitalters näher. Seine ernsten, befehlsgewaltigen Augen lasen eindringlich in seinen. „Mir ist klar, dass ich womöglich nicht der Held bin, den du dir gewünscht hättest, und ich schätze, dass ist auch gar nicht nötig.“ Und seine Augen schwenkten hinüber zu Lia, die mit Velkan nahe dem Balkon stand.

„Es gibt einen Helden in dieser Welt. Jemanden, der dir helfen kann deine Mission zu vollenden. Es gibt jüngere Generationen, die die Zukunft gestalten. Und es ist mir eine Ehre, dir jemanden an die Seite zu stellen, der dir ein Licht sein wird.“ Er reichte Lia seine linke Hand, die ihn nur fahl anstarrte. Er drückte das Medaillon der Mächtigen, jenes, das die Zelda dieser Welt im Besitz hatte, in ihre Hand.

„Du bist die Heldin, die erwählt ist. Das Masterschwert hat dich schon lange anerkannt.“

Lias tiefblaue Augen schienen für einen Moment die Farbe zu verlieren. Ihr Vater musste den Verstand verloren haben. Kopfschüttelnd starrte sie in sein mit Trübsinn überschattetes Gesicht. Dann blickte sie zu Zelda, die ebenfalls nickte. „Irgendwann wird es für uns Zeit jüngeren Generationen den Vortritt zu lassen“, sprach sie. „Auch wenn es heißt, dass wir damit unsere Ziele und Selbstvorstellungen abgeben.“ Link Couraiga legte seiner Freundin Zelda einen Arm um die Schulter und blickte Lia aufmunternd an.

„Sag‘ etwas“, meinte ihr Vater. „Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen.“

Sie grinste daraufhin, schloss ihre tiefblauen Augen und schüttelte den Schädel. „Ihr beide wusstet das von Anfang an, was?“ Zelda schloss nur wissend ihre Augen und Link lachte auf.

„Na gut“, sprach sie dann und wand sich zu Klein-Link und Navi um. „Ich muss sagen, ich freue mich darauf an dem Rat teilzunehmen. Ihr könnt mit meiner Unterstützung rechnen.“

Klein-Link jubelte und vollführte Luftsprünge. Und er wusste, dass sein Gespür ihn nicht belogen hatte. Es war Lia, die ihren Mut und ihre Aufopferungsbereitschaft für den Frieden einsetzen würde…

 

Klein-Link und Navi erklärten Lia schließlich noch das ungeklärte und rätselhafte Ritual mit dem einstigen Medaillon, worauf die neue Heldin ihr magisches Blut auf Zeldas Medaillon träufelte und genauso wie in Hyrulia das Medaillon eine schillernde Linie entwickelte, die nun mit dem Ruf des zweiten Helden noch ein Stückchen weiter ausgefüllt war.

„Irgendwann werden wir dich rufen, Lia“, meinte Navi. „Erst dann wirst du teleportiert werden und erst dann entscheidet sich, ob wir in der Lage sind die Erdenwelt mit geballter Kraft von einem Dutzend Heroen zu retten.“

„Ich werde bereit sein“, sprach sie furchtlos.

 

Alsdann verabschiedeten sich die einstige Fee und der tapfere Jüngling von ihren Begleitern in diesem modernen Zeitalter. Es gab sicherlich noch viele offene Fragen und ungelöste Rätsel, die erst in neuen Welten ihre Antwort finden würden. Für diese Welt und diese fortschrittliche Zeit allerdings war die Mission vorüber. Und für diese Momente war das Götterkind dankbar. Er hatte seinen Erfahrungsreichtum erweitert. Er hatte in dieser Welt neue Dinge gelernt, wichtige Dinge, von denen er in anderen Welten profitieren würde. Und das umschriebene und gewaltige Weltengesetz würde noch einige Überraschungen für ihn bereit halten.

 

Mit lächelnden Gesichtern, und bereit für eine neue Aufgabe, ständig mit der Gewissheit über diese Welt hinaus Feinde zu haben, standen Navi und das Götterkind auf dem Balkon des teuren Appartements. Und als sich das Medaillon aktivierte und silberne Funken die beiden Kindergestalten umrahmten, zog auch am weiten Horizont ein Silberstreif vorüber. Geschichten endeten und zumeist endeten sie mit einem Lächeln, das in anderen neuen Welten fort bestand…

 

„Meinst du, wir werden die beiden jemals wieder sehen?“, sprach Lia nur Minuten später, als sie mit Velkan auf ihrem Balkon stand. Er legte einen Arm um ihre Schulter. „Du wirst sie sicherlich noch einmal sehen, dann, wenn du als Heldin an einen einzigartigen Rat teilnehmen wirst.“ Seine scharfen Augen richteten sich hinaus zum Horizont, wo letzte silbern schillernde Spuren von Navi und dem Götterkind vergingen.

„Aber diese Geschichte hier ist vorüber…“, entgegnete sie und presste ihre Lippen aneinander um die Nostalgie jener Worte zu entschärfen.

„Und wie jede gute Geschichte sollte auch diese hier mit etwas ganz Speziellem enden, meinst du nicht?“ Er sagte diese Worte in jenem Ton, der sie immer wieder schwach werden ließ. Und vielleicht konnte sie ihm nach all den Ereignissen der letzten Monate doch noch einmal vertrauen, egal, wo das mit ihnen beiden jemals hinführen würde.

Sie grinste und schüttelte amüsiert ihren Schädel.

„Lia“, sprach er leise. „Ich habe sicherlich viel falsch gemacht, aber ohne diese Erfahrungen könnte ich es jetzt wohl nicht richtig machen.“

„Du bist und bleibst ein kindischer, aber gutaussehender Vollidiot…“, murmelte sie und blickte tiefsinnig in seine silbergrauen Augen.  

„Ich stimme dir zu, meine Heldin“, meinte er schmunzelnd.

„Sag‘ das nochmal und am besten immer wieder.“

„Meine Heldin.“

Sie lachte und legte ihre kräftigen Hände auf seine unrasierten Wangen. „In Ordnung, lass‘ uns diese Geschichte mit etwas beenden, was in jedem Märchen zum Schluss erfolgt.“

Velkan lächelte und war trotzallem etwas verwundert, dass Lia ihm nach all‘ den Verletzungen tatsächlich noch eine Chance gab. Wie auch immer, dachte er, wozu noch denken, wenn Gedanken bei so etwas wie einem Kuss im Wege stehen würden. Und sie ließen diese Mission mit einer magischen Begegnung zweier Wesen enden. Mit nichts anderem als einem leidenschaftlichen, versöhnenden Kuss…

 

 

 

 
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