Kapitel 112
 
17. Ein vergessenes Schicksal… Teil 1

Hyrules Lebensgeschichte verinnerlichte Hunderte Mythen, außergewöhnliche Legenden und rührende Schicksale von Geschöpfen, die nach Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden trachteten. Und egal, in welchem Zeitpfad, in welcher Dimension, sich die Geschehnisse zu fesselndem Geschick zusammenfügten, der Weg, den die Erwählten bestreiten sollen, würde immer dorthin führen, wo Sonnenstrahlen über die Welt fielen…

Und auch in dem Augenblick glitten jene wärmenden Strahlen über das hier noch junge Land in einem Zeitpfad, der vielleicht noch nicht geschrieben wurde, streichelten die saftigen Gräser über blühenden Wiesen und streichelten auch die Geschöpfe, die in den frühen Morgenstunden bereits ihrer Arbeit nachgingen. Auch jene Wesen, die weitaus edlere Ziele mit sich trugen, wurden von der aufgehenden Morgensonne geblendet. Und so überraschten die Strahlen einen begabten Jungen, der nicht mehr wusste, wann er in diese Welt gekommen war…
Zaghaft öffneten sich seine himmelblauen Augen. Seine kleine Nase schnupperte den Duft zarter Gräser, die ihn umgaben. Und seine Hände streckten sich suchend umher, fühlten Gräser, kleine Ameisen, die über seine Haut krabbelten und weichen, samtigen Erdboden. Er blinzelte, geblendet von wärmenden Sonnenstrahlen. Er erinnerte sich rasch und saß dann erschrocken aufrecht. Seine Hände rieben hastig den übriggebliebenen Schlafsand aus seinen Augenwinkeln, bis er endlich ein gutes Sichtfeld hatte.
Er erhob sich, bewegte seine müden Glieder und wagte einen Blick umher, der ihn zugleich weinen und lächeln ließ. Vor ihm lag eine Welt, die so reich und lebendig war, dass es ihn fröstelte. Ein frischer Frühlingswind blies ihm entgegen, als er begann zu laufen. Seine Beine bewegten sich wie von selbst durch kniehohe Gräser einer weiten, riesigen Wiese, auf welcher nur eine Hand voll Bäume standen. Er lachte und jubelte, während sein Blick nach vorne glitt. Er war in einem Hyrule, das wusste er. Und er war in einem sehr gigantischen Hyrule. Der Himmel färbte sich blau, als die Sonne emporstieg. Kein Funken von rotgefärbten Alpträumen, die dem Himmel das Gesicht nahmen.
Die Todesberge, oder wie immer man sie in dieser Welt nannte, lagen direkt vor seinen Augen. Als wären sie lebendig, schossen jene stolzen Berge direkt nach der blühenden Wiese in die Höhe. Sie erschienen dem Kind beinah doppelt so hoch wie jene Todesberge, die er von dem Hyrule der Ocarina– of- Time- Zelda kannte. Und auf einem der nahen Hügel ragten mehrere weiße Türme, geschmückt mit roten, grünen und blauen Flacken, empor. Dort musste es eine bewohnte Stadt geben, dachte der Junge.

Er lief noch etwas und als er außer Puste war, blieb er einfach stehen. Der Junge umfasste das Medaillon der Mächtigen um seinen Hals und erinnerte sich kurz an seine Mission. Er und Navi waren gerade erst von einem anderen Hyrule aufgebrochen. Alles, was er noch wusste, war, dass er vorhin hier zu sich kam, inmitten der Wiese. Seine Augen musterten besorgt noch einmal die Gegend, aber es war, wie er vermutet hatte. Navi war nicht hier. Als sie beide teleportiert wurden, hatte er fast das Gefühl gehabt, sie hätte seine Hand einfach losgelassen…
Er kratzte sich am Kopf und rieb dann besorgt seine Stirn. Sicherlich, er freute sich irgendwie im nächsten Hyrule angekommen zu sein, wo er sicherlich einen Link finden würde, aber wie sollte er das alles bewerkstelligen ohne Navi?
Sie war schließlich älter und sicherlich auch klüger als er, obwohl er dies natürlich ebenso auf ihr Alter schob. Es würde schwer für ihn werden, diese Welt zu erkunden, den hier lebenden Link zu finden, und dann auch noch nach Navi zu suchen. Zaghaft umfasste er das Medaillon um seinen Hals und ließ sich dann seufzend wieder ins Gras sinken.
Schnell ließ er einige Tropfen seines Blutes auf das alte Medaillon rieseln. Er hoffte, dass es ihm irgendwie weiterhelfen würde. Immerhin beantwortete es Wünsche, die man in seinem Herzen trug…
Aber hier und jetzt… reagierte das alte Medaillon auf gar nichts.
Nicht einmal ein kleiner Funken. Die Macht des alten Relikts schwieg…

Es war eines der wenigen Male, da sich das Götterkind so hilflos fühlte. Und irgendwie fühlte er sich heute wieder wie ein talentloses, dummes Kind. Sein ansehnliches Kindergesicht richtete sich in die Höhe, wo die Sonne ihm wärmend ein Lächeln schenkte. Es war wie, als wollte sie sagen: Sei unbesorgt. Dein Schicksal hat gerade erst begonnen. Noch ist keine Zeit zum Scheitern. Und sie musste Recht haben.

„Noch ist keine Zeit zum Scheitern, wahrlich nicht“, sprach dann jemand einige Meter weiter. Eine Stimme, die ihm beinah einen Herzkasper bescherte. Es war eine tiefe, weibliche Stimme, die er schon einmal vernommen hatte. Und dies war noch nicht lange her. Er traute sich fast nicht, sein Gesicht in Richtung jener Gestalt zu wenden. Zu viel Respekt hatte er vor jener Person. Außerdem hatte er etwas Bammel vor den Konsequenzen, denn diese Frau hatte er bei etwas beobachtet, was doch sehr intim war.
„Dreht Euch um, Wanderer, der die Realitäten für sich gewinnt“, setzte sie hinzu. Und neben ihrer Stimme war deutlich das Klappern von Metall hörbar.
Klein- Links Augen waren weit aufgerissen, während er sein Blickfeld drehte. Er konnte es eigentlich gar nicht fassen. Aber vor ihm stand sie tatsächlich. Eine Kriegerprinzessin. Eine Frau, die ohne Gnade kämpfen konnte. Tizianblondes Haar fiel in einem geflochtenen, langen Zopf an ihrem Rücken hinab. Tiefe, blaue Augen, in welchen Sehnsucht, Verlangen und Freiheitsliebe eingemauert schienen, blickten neugierig auf ihn hinab. Sie trug eine enge, weinrote Korsage und einen Lederrock. Lange, eng anliegende Stiefel, ließen sie sich gewandt bewegen. Ein Bogen, ein Schwert, mehrere Dolche. Und wusste Din, welche Waffen, sie noch in diesem Outfit versteckte, sagten einem Feind, dass er sich besser nicht mit ihr anlegen sollte. Vor allem in ihren Augen lag eine Macht, die man nicht unterschätzen sollte.
„Ihr seid ja…“, seufzte Klein-Link und musste vor Erstaunen auf die Knie sinken. Sie stemmte ihre Hände in ihre prallen Hüften und musterte ihn eindringlich.
„Mir ist bekannt, dass Ihr mich kennt, Kind der Götter“, sagte sie und trat näher. Noch während sie nähertrat, hatte der Junge das Gefühl zurückweichen zu müssen. Ein Wind begleitete sie. Scharf. Beinahe vernichtend.
„Oder sollte ich dich den Helden nennen, der sich Dimensionen Untertan macht“, bemerkte sie weiterhin. Klein-Link war zu sprachlos, um diese Bemerkung merkwürdig zu finden und starrte die erwachsene Frau weiterhin verblüfft an.
„Ihr seid Zeruda“, stellte er fest. Gerade in dem Moment reichte sie ihm eine Hand und zerrte ihn rasch auf die Beine.
„Das ist richtig. Keine geringere.“
„Und in welcher Zeit bin ich jetzt gelandet?“, stutzte er und kratzte sich am Kopf.
„Vielleicht nicht in der, die Ihr zu hoffen gewagt habt“, sprach sie und neigte ihr schönes Gesicht in Richtung der stolzen Berge.
„Ähm… könnt Ihr das nicht unterlassen?“, fragte er und schabte mit den Stiefeln über den Erdboden. „Könntet Ihr nicht du zu mir sagen?“ Er wurde rot wie eine reife Kirsche, als er dies verlangte. „Es macht mich so wuschelig, so höflich angesprochen zu werden.“ Die Dame lächelte sanft und nickte. Die reife Frau schnipste mit den Fingern und plötzlich färbte sich ihr helles Haar schwarz. Ihre durchdringenden blauen Augen wurden grün.
„Vor dir steht nun nicht mehr Zeruda, merke dir das. Dieses Gesicht trage ich außerhalb der Schlossmauern. Niemand weiß um das wahre Gesicht der Prinzessin Hyrules in diesem Lande. Solltest du dies jemandem verraten wollen, so möge dir die Zunge abfallen“, sprach sie. Und erneut wollte Klein- Link auf die Knie sinken. Diese Frau machte ihm irgendwie Angst.
„Aber im Moment gibt es genug zu tun. Du wirst mir helfen, die Stäbe zu richten“, erklärte sie. Klein-Link wusste nun überhaupt nicht mehr, wie ihm geschah. Nervös und unsicher schaute er Zeruda zu, die sich langsam auf die Wiese hockte und in etwa dreizehn Stäbe in einem Kreis um sich aufbaute.
„Aber ich muss doch den Link dieser Welt finden… und Navi ist auch verschwunden“, wollte er erklären.
„Alles zu seiner Zeit, Götterkind“, erwiderte sie. „Du wirst mir jetzt helfen.“ Sie blickte auf, und von einer Sekunde auf die andere färbten sich ihre Augen zu blau, und wieder zu grün. Irgendetwas Hypnotisierendes und Strenges hatte diese Zelda an sich, was er nicht definieren konnte. Er fühlte sich dieser Person kein bisschen verbunden. Zuviel Angst löste sie in ihm aus.
„Deine Angst verfliegt mit deiner Erfahrung“, meinte sie daraufhin, als ob sie Gedanken lesen konnte. „Und jetzt hilf mir.“ Er trat nickend näher und platzierte ebenso einen Teil der unterschiedlich geformten und unterschiedliche Farben tragenden Holzstäbe in den weichen Erdboden.

„Wozu ist das hier?“, fragte er leise, aber traute sich nicht diese mächtige Frau anzuschauen.
„Dreizehn mächtige Wesen sind über Hyrule verteilt, die ebenso wie ich in einem Kreis platziert sind. Dreizehn, die helfen werden den Himmelskörper zu zerteilen, der in zwanzig Sekunden die Atmosphäre durchstößt“, erklärte sie ruhig. Sie sagte das in einem Ton, als ob das nichts weiter wäre. Als ob solche Ereignisse jeden Tag passierten. Wie, bei den Göttinnen, bewahrte sich Zeruda diese Ruhe?
„Wie bitte? Himmelskörper?“, kreischte der Junge und starrte aufgelöst in jede Himmelsrichtung, ob er etwas erkennen konnte.
„In einigen Sekunden knallt etwas nieder? Ein Asteroid?“ Das Götterkind zappelte herum und stieß mit seiner Aufregung einen der Stäbe um, die sie sorgfältig in den Erdboden gesteckt hatten.
„In zehn Sekunden“, sprach Zeruda harmonisch, platzierte den Stab wieder korrekt und kniete sich in den Kreis, der von den Stäben umrahmt wurde.
Voller Erstaunen und Nervosität folgte der Junge dem Schauspiel, sah, wie sich Zerudas Augen plötzlich Gold färbten. Langsam berührte sie mit ihren Händen alle dreizehn Stäbe, bis sie ihre Arme elegant in die Höhe streckte. Es schien, als spannte sie unsichtbare Fäden der Macht, als sammelte sich in ihr die Kraft Welten zu erlösen.
„Drei Sekunden“, murmelte sie, schloss ihre Augen und richtete ihr Haupt voller Anmut in die Höhe.

Klein- Link wich einige Meter zurück, fiel auf seinen Hintern und erschrak, als am Himmel plötzlich ein großer rotglühender Körper sichtbar wurde. Gerade da stieß ein röhrender, blauschillernder Strahl aus Zerudas Händen, prallte mit zerstörerischer Wucht gegen den Himmelskörper und das Objekt zerplatzte noch am Himmel. Feine Staubkörner fielen nieder. An manchen Stellen Hyrules gingen etwas größere Steine nieder, die noch immer glühten, und welche mehrere Jahrhunderte glühen würden. Fortan sollten sie als Drachensteine bekannt werden.

Zeruda atmete lediglich sachte aus, stand auf ihren Beinen, als wäre nichts gewesen und zog jene Stäbe aus dem Boden. Ja, offenbar war dieses Ereignis tatsächlich ohne Belang für sie. Sie hatte scheinbar ihre Macht demonstrieren wollen. Und sie liebte ihre Stärke…
Klein- Link wusste nicht, was er sagen sollte. Er starrte diese mächtige Frau nur entgeistert an. Sie verzog jedoch nicht eine Miene in ihrem makellosen Gesicht.
„Das sind die Dinge, die an ein großes Schicksal geknüpft sind. Entweder man lebt danach oder geht unter. Lerne das zu verstehen, Kind der Götter“, bemerkte sie und kniete zu ihm nieder. Sie nahm seine linke Hand in ihre Beiden und zeigte das erste Mal ihre weibliche, fürsorgliche Seite.
„Niemand verlangt von dir Unmögliches, aber ich möchte, dass du hier, in diesem Hyrule anfängst zu lernen, die Dinge zu beherrschen, die für deine Zukunft unabdingbar sind. Dazu gehört auch stark zu sein, und Kälte zu ertragen.“ Ruppig zerrte sie ihn auf die Beine. Er nickte dann und verstand. Sie verhielt sich aus gutem Grund so kühl ihm gegenüber. Es schien fast so, als wollte sie ihn auf etwas vorbereiten.

„Wir werden jetzt in die Nordstadt reiten“, sprach sie weiterhin. Sie ließ Klein- Link nicht einmal die Möglichkeit irgendetwas zu sagen. Sie deutete mit ihrem Arm in Richtung der Todesberge, wo auf einem Hügel davor, die weißen Türme standen.
„Dort wirst du meinen Bruder Harkenia treffen, der Hyrule mit meinem Einverständnis regiert. Er wird dich im Schwertkampf unterweisen, damit du für künftige Welten gut vorbereitet bist.“ Klein- Link fühlte sich gleich noch mehr unter Druck gesetzt. Diese Prinzessin hatte anscheinend viele Dinge mit ihm vor. Dabei war ihm jetzt schon danach aufzugeben. Navi war nicht da. Er hatte Hunger und fühlte sich irgendwie so schlapp und schwach. Wenn er sich vorstellte, welche Macht durch die Adern von Zeruda floss, welche Stärke mochte wohl Rinku besitzen? Waren diese beiden Vorfahren überhaupt mit der jetzigen Zelda und dem jetzigen Link vergleichbar? Wie sollte er, da er aus den Essenzen der Ocarina- of- Time- Zelda und ihrem Link bestand, jemals an eine solche Stärke heranreichen?
Klein-Link seufzte und dachte, ihm würde gleich der Kopf platzen vor Anspannung. Er fühlte sich so ausgeliefert…
„Kannst du reiten?“, fragte sie ihn. Er starrte sie wie von Sinnen an und wusste nicht, ob er darauf ehrlich antworten, oder vielleicht lügen sollte, damit sie nicht dachte, er wäre zu gar nichts nutze.
„Du brauchst nicht lügen, ich erkenne ohnehin, wenn du dies tust“, meinte sie streng. Und der nächste Dämpfer, der den Bengel sich unsicher fühlen ließ. Wenn sie ohnehin soviel aus ihm lesen konnte, warum stellte sie dann überhaupt noch irgendeine Frage?

„Ich kann… also ich habe es bisher noch nicht alleine gemacht…“, meinte er stotternd. Sie ließ durch ihre frostige Miene ein leichtes Lächeln schimmern.
„In Ordnung, dann wirst du es jetzt lernen.“ Sie kramte eine grünschimmernde Flöte mit kastanienbraunen Verzierungen aus einer Seitentasche und blies einen leichten Strom Luft hinein. Drei Töne wiederholten sich immer wieder, ohne dass Zeruda ihre Finger auf dem kleinen Instrument bewegte. Und plötzlich galoppierten schwungvoll und mit natürlicher Eleganz zwei muskulöse Pferde von dem nahegelegenen Fluss in ihre Richtung. Beide Tiere schienen fast riesig im Gegensatz zu gewöhnlichen Pferden, besaßen silberne Mähnen, und waren ansonsten weiß wie Schnee.
Zeruda lächelte, als jene beiden starken Tiere direkt vor ihrem Antlitz stehen blieben und wieherten. Scheinbar liebten die Tiere diese Prinzessin aufrichtig.
„Das sind Silberhuf und seine Tochter Elysia. Sie werden uns in die Stadt bringen.“ Mit einer Leichtigkeit, als ob die Schwerkraft für Zeruda keine Bedeutung hatte, saß sie im Sattel des älteren Tieres.
„Elysia freut sich, dich zu tragen. Sie wird höflich zu dir sein. Hab‘ Mut und schwinge dich auf ihren Rücken“, sagte Zeruda erwartungsfroh.    
„Na gut…“, murmelte das Götterkind und trat mit tapsigen Schritten näher. Seine unsicheren Hände streckte er nach dem schmalen, schönen Kopf des Tieres aus. Sie stupste ihn jedoch mit ihrer Schnauze an die Stirn und gab ihm einen Schlecker quer über das Gesicht. Der Junge lachte daraufhin. Das war wohl das netteste, was er seit dem Aufwachen in diesem Hyrule erfahren hatte. Er streichelte dann sanft den Kopf jener schönen Stute und ging zaghaft um sie herum. Etwas mulmig stand er vor dem hohen Steigbügel. Elysia drehte den langen Kopf zu ihm und wieherte, als wollte sie etwas sagen. Plötzlich ging sie ihn die Knie, sodass es ihm weitaus leichter fallen würde aufzusteigen. Klein- Link lächelte umso erfreuter. Im nächsten Moment saß er bereits in Elysias silbernem Sattel und hielt sich angestrengt an ihrer Mähne fest.
Langsam trabte sie vorwärts, direkt nebst Silberhuf.
„Wie gefällt es dir?“, fragte Zeruda dann.
„Ganz gut eigentlich“, gab er ehrlich zu. „Es ist nur… bisher wurden nicht so viele Erwartungen an mich gestellt. Es ist etwas schwer für mich damit umzugehen.“ Zeruda nickte kühl und preschte schneller vorwärts.

Elysia folgte mit rasender Geschwindigkeit. Es war ein neues Gefühl für den jungen Kerl, der in dieser Welt viele Erkenntnisse gewinnen würde. Auf dem Rücken eines Pferdes durch diese Welt reiten war ein unglaubliches Erlebnis. Der frische Wind im Gesicht, die starke Bewegung unter ihm, die von dem muskulösen Geschöpft ausging, zu sehen, wie die Welt rasch vorbeizog und dann der angenehme Duft nach saftigem Gras. All diese Dinge trugen zu einem wahnsinnigen Gefühl von Freiheit und Natürlichkeit bei. Klein- Link genoss die vielen Minuten auf dem Pferd und fühlte sich ein wenig tapferer als vorher…

Nach einer halben Stunde trabten die beiden Pferde einen steinigen Weg hinauf. Die weißen Türme waren nun zum Greifen nahe. Die vielen Fahnen waren teilweise golden umrahmt. Und einer der Türme gehörte zu einem nicht fertiggestellten, aber dennoch ansehnlichen Schloss, welches ebenso weiße Mauern besaß. Plötzlich zischte es weit über den Köpfen von Klein- Link und Zeruda. Zwei Kaiser der Lüfte bretterten mit riesigen Flügeln über ihnen hinweg. Erschrocken reckte das Kind den Kopf in die Höhe und erblickte weit über ihnen zwei schuppentragende Wesen, die mit irrem Tempo am Himmel entlang donnerten. Einer von ihnen flog kreischend um den weißen Turm des Schlosses und stürzte sich dann weiter hinauf ins unerreichbare Himmelszelt.
„Drachen!“, rief Klein- Link entgeistert. In diesem Hyrule lebten tatsächlich noch einige von ihnen?
„Ja, diese beiden sind freundlicher Gesinnung und beschützen unsere teilweise zerstörte Nordstadt seit dem Krieg…“ Zerudas Stimme wurde trauriger, während sie redete. Und für einen schwindenden Moment dachte der junge Kerl, er hätte eine Träne ihre Wange hinab tropfen sehen.
„Seit einem Jahr haben wir Frieden… doch für diesen Frieden mussten wir viele Opfer bringen… und es wird nicht lange dauern, wird ein noch grausamer Krieg über diese Welt ziehen…“, setzte sie hinzu und preschte dann weiter des Weges.

Vielleicht hatte das Götterkind sie doch falsch eingeschätzt. Er wusste es nicht. Jedenfalls wirkte sie gerade eben alles andere als kühl und unnahbar. Ihr letzter Satz war sogar sehr gefühlvoll gesprochen. Er atmete tief ein und wurde belehrt, dass er sich vielleicht viel zu schnell ein Bild von Zeruda gemacht hatte...

Etwas später gelangten die beiden Reisenden endlich in die neuerbaute Nordstadt. Es war eine saubere Stadt, die rings um ein noch unfertiges Schloss mit weißen Mauern gebaut wurde. Einige Hylianer musterten sie mit neugierigen Blicken, als sie in Richtung Schloss ritten. Andere lächelten und grüßten sie. Es war sehr viel Trubel in der kleinen Stadt. Ein fröhlicher Markttag, an welchem die Bewohner schreiend und sich zankend um das beste Obst und Gemüse, das beste Stück Fleisch und die besten Kleider stritten.
Sie folgten einer kleinen Gasse, trabten durch ein altes Tor mit hylianischen Inschriften, die sie willkommen hießen. Es folgte der Schlossinnenhof, wo einige Männer mit Schwertern fochten, hier und da eine Frau Wäsche säuberte und an eine Leine hängte, und einige Kinder in Klein- Links Alter mit einem Ball spielten. Er und Zeruda fielen in dem Trubel kaum auf und verschwanden mit den beiden Pferden in einem Stall.
„Wir lassen die Tiere hier, wenn es ihr Wunsch ist, werden sie einfach gehen“, sprach Zeruda erklärend. „Wir sind hier im Schloss Hyrules. Diese Stadt ist noch jung und war lange Zeit unter Kontrolle des viehischen Moblanusvolkes. Dennoch konnten wir hier bereits wieder aufbauen, was verloren gegangen ist.“
Klein- Link nickte und klopfte der Stute Elysia noch einige Male freundschaftlich auf den Hals.  

„Es ist Zeit zu gehen“, sprach die adlige Dame strenger, musterte ihn mit ihren noch grünen Augen. „Nimm‘ meine Hand, ich muss zurück in meine Gemächer“, sagte sie. Klein- Link tat abermals wie ihm geheißen und umschloss mit seiner kleinen Zerudas Hand… selbst ihre Hand war kalt. Noch ehe er verstanden hatte, was geschehen war, befand er sich auf Wegen der Teleportation mit der Prinzessin in einem Turmzimmer. An fast jeder Wand befand sich ein Fenster mit spitzem Bogen, sodass hier sehr viel Licht einfallen konnte. Ein einfaches Bett, ein Schreibtisch und wenige Regale und Schränke machten den Raum sinnlich und harmonisch. Es waren warme Farben, die hier vorherrschten. Ein struppiger Teppich in Weinrot. Mehrere Pelze.  Das Bett in weißen und rosa Farben. Selbst das Holz der Regale und des Schreibtisches besaß einen roten Grundton.
Klein- Link blickte Zeruda dann verwundert an. Verschwunden war die herausragende Kämpferseite dieser Prinzessin aus der Vorzeit. Eingehüllt in ein ärmelloses, dunkelblaues Kleid, unter dem sie eine weiße Bluse trug, die die Haut ihrer Arme durchschimmern ließ, wirkte sie so anständig, wohlerzogen und irgendwie auch zerbrechlich. Ihre Augen waren so dunkelblau, dass sie fast schwarz schienen, und an ihrem Rücken fiel ihr tizianblondes Haar nun gepflegt und offen hinab. Und jetzt, da ihre starke Seite versteckt lag, hatte Klein- Link fast Mitleid mit ihr. Sie wirkte so traurig mit ihrem starren Gesicht und den kühlen Augen.
Sie ließ sich auf die Bettkante sinken und schien für einen kurzen Moment nicht Herr ihrer Sinne zu sein.
„Zeruda… sagt… was soll ich jetzt tun?“, fragte er leise und nahm seine Mütze vom Kopf. Er fühlte sich noch immer so hilflos. Sie blickte auf und lächelte schwach.
„Nur einen Moment noch…“, meinte sie und deutete zu der Tür. Aber noch immer blickte sie ihn mit ihren undurchschaubaren Augen an, musterte ihn eindringlich.

Und erneut hinterließ diese Frau, die schon Ende zwanzig sein musste, einige Rätsel in dem Kopf des Götterkindes. Worauf sollte er warten? Er hatte eine Mission. Und er musste so schnell es ging Navi finden. War Navi vielleicht gar nicht in dieser Welt?
Klein- Link schüttelte entnervt den Kopf.
Plötzlich klopfte es mehrmals an der Tür. Eine angenehme, raue Männerstimme sprach dahinter in ruhigem Ton. „Zeruda? Seid Ihr hier, Schwester?“
„Ja, ich bin da“, antwortete sie. „Tretet ein, Harkenia.“
Daraufhin trat ein junger Mann mit hellbraunem, vollem Haar und denselben dunkelblauen Augen wie ihren in den Raum. Er trug einen tiefroten Umhang, einen Brustpanzer und Beinschoner aus Gold. Er lächelte, als er Zeruda sah und musterte dann verwundert den jungen Link.
„Ist er das?“, fragte er und kniete nieder, sodass er dem Jungen in die Augen sehen konnte. Sofort war dem jungen Heroen klar, dass dieser Mann in alles eingeweiht war.
„Ja, das ist das Kind der Götter, wie ich es Euch prophezeit habe“, murmelte Zeruda, aber blickte aus dem Fenster.
Der Mann gab Klein- Link daraufhin die Hand. Klein- Link wusste nicht, ob er diese schütteln oder küssen sollte. Wie genau begrüßten sich Adlige in diesem Zeitalter eigentlich? Der Mann erkannte die Ratlosigkeit des Jungen sofort. Er lachte.
„Keine Sorge, ich beiße nicht.“ Dieser Satz nahm dem Götterkind nun ebenfalls die Anspannung. Klein- Link nickte höflich und schüttelte einfach die Hand des jungen Mannes.
„Ich bin Harkenia, der Bruder Zerudas, und übe die Regierungstätigkeit in Hyrule aus, natürlich unter der Aufsicht meiner älteren Schwester. Falls ich irgendeinen Fehler mache, weiß sie das eher als ich“, setzte er hinzu, jedoch im Flüsterton.
„Harkenia!“, bemerkte Zeruda streng.
„Siehst du, sie hört wahrlich alles… und wenn sie es nicht hörte, so nutzt sie einfach ihr drittes Auge.“ Er grinste. Und Zeruda schüttelte langsam den Kopf.
„Schluss mit den Scherzen, Harkenia“, sagte sie zischend und trat näher. Erneut umhüllte sie ein eisiger Wind, der ihr den notwendigen Respekt verschaffte. „Es gibt Dinge zu tun… wichtige Dinge…“ Daraufhin leuchteten ihre Augen für einen Moment. „Da der Held der Welten nun eingetroffen ist, wird es nicht mehr lange dauern…“

Nicht mehr lange dauern? Welches Ereignis würde nicht mehr lange dauern? Und warum löste sich Zerudas starres Gesicht für einen Augenblick, als sie das sagte.
„Bitte, Harkenia… ich möchte, dass alles zu unseren Gunsten abläuft.“ Der Angesprochene trat auf seine muskelbepackten Beine, küsste die Hand seiner Schwester und umarmte sie dann innig, vielleicht eher wie es ein Liebender tun würde. „Das wird es, macht Euch keine Sorgen. Ihr werdet ihn wiedersehen…“, sprach er noch leise in ihr Ohr. „Jetzt ruht Euch aus. Ihr seid erschöpft.“ Die Frau nickte höflich und wand sich für einen Moment an den Jungen.
„Hör zu. Deine Hylianerohren sind ein wenig anders geformt als unsere. Lass mich dies ändern, solange du hier bist.“ Er nickte kurz, und dachte, dass es der Prinzessin auch früher hätte einfallen könnten, spürte für einen Moment Wärme an beiden Ohren, aber konnte nicht sagen, ob sich wirklich etwas verändert hatte.
„Du wirst nun mit meinem Bruder mitgehen. Er wird dir einige Dinge vertrauensvoll erklären, und dir das Schloss zeigen. Was deine Begleiterin angeht, so wird er sie mit dir oder für dich auffinden. Du wirst eine warme Mahlzeit bekommen und dann Harkenia gehorchen. Verstanden?“ Das Götterkind sagte auch hier wieder Ja und Amen zu dieser Person. „Das Medaillon der Mächtigen um deinen Hals wird nicht arbeiten, da sein exaktes Gegenstück hier verborgen ist und ich dies kontrolliere. Der Feind aus der anderen Welt hat in diesem Königreich keinen Zutritt. Jetzt geh“, befahl sie. Nun verstand Klein- Link auch, warum es vor wenigen Stunden nicht gearbeitet hatte. Zeruda kontrollierte wahrlich alles. Sie schien nicht davor zurück zu schrecken, überall ihre Hände im Spiel zu haben. Wie konnte man nur so einen Kontrollzwang haben, dachte der Bengel.
Er seufzte und warf Zeruda noch einen ängstlichen Blick zu.
Daraufhin folgte das Götterkind dem Erwachsenen ohne Wiederrede aus dem Raum.

Langsam stiegen sie beide eine ewigscheinende Wendeltreppe hinab. Das leise Taptap ihrer vier Füße machte das Götterkind nervös.
„Dein richtiger Name ist ebenso Harkenia, sagte mir meine Schwester.“ Klein- Link nickte nur.
„Ich nehme an, du fühlst dich ziemlich verloren hier“, bemerkte der Mann, während goldene Schulterplatten an ihm klapperten.
„Es ist nicht einfach…“, sprach der Junge und blickte zu seinen Füßen, die sich wie von selbst bewegten. „Ich verstehe gerade überhaupt nichts.“ Daraufhin blieb der Bruder Zerudas stehen und schielte den Jungen eindringlich an. „Nun, alles, was ich weiß, ist, dass du ein Kind von Göttern bist, und hierher geschickt wurdest aufgrund einer sehr wichtigen Mission. Du kommst aus einer fortschrittlicheren Zeit als unserer.“
„Ja, das ist richtig“, sprach das Kind. „Ich bin hier um den Heroen dieser Welt um Hilfe zu bitten.“ Ein paar nachdenkliche Falten legten sich auf die Stirn des Regierenden jener Welt.
„Auch das sagte mir meine Schwester…“ Da der Erwachsene in diesen Worten immer leiser wurde, vermutete das Götterkind bereits, dass etwas nicht stimmen konnte.
„Sir Harkenia…“, meinte das Kind, und hatte wahrlich Mühe diesen Mann korrekt anzusprechen. Ob er vielleicht sogar König sagen musste?
„Warum ist Zeruda so… so…“ Der Erwachsene sah den Jungen mit seinen beinah schwarzen Augen eindringlich an. „Du musst wissen… der Held dieser Welt, Rinku, er starb in der Schlacht um Hyrule. Er starb für Hyrule. Ohne sein Opfer hätten wir das Böse nicht vernichten können. Zeruda trauert noch immer um diesen Verlust.“

Klein- Link war nun wie vor den Kopf gestoßen. Der Link dieser Welt war tot? Wie zum Teufel sollte er ihn dann um Beistand bitten? Warum hatte das Medaillon ihn dann genau in diese Zeit und Welt geschickt? Das ergab alles keinen Sinn.
„Und hier beginnt unsere Aufgabe“, sprach Harkenia ehrfürchtig und muterfüllt. „Zeruda wird die Antwort suchen, sie wird wissen, was hier zu tun ist, um sowohl deine Mission voranzubringen, als auch ihrem Herzen Frieden zu gönnen. Und so lange sie diese Antwort sucht, möchte sie, dass du dich weiterentwickelst, dass du lernst mit dem Schwert umzugehen.“ Endlich hatte Klein- Link verstanden, was Zeruda im Sinn hatte. Sie plante etwas, und solange sich diese Antworten ihr noch nicht prophezeit hatten, so lange musste er einfach Vertrauen haben in den Lauf der Dinge. War es möglicherweise Vorsehung, dass er Navi gerade jetzt verloren hatte?
„Und deine Begleiterin müssen wir doch auch wieder finden, nicht wahr?“, meinte der Adlige. Klein- Link nickte daraufhin.
„Wenn nur nicht alles so ungewiss wäre. Zerudas kühle und strenge Art macht mich nervös“, meinte er ehrlich. „Sie macht mich so hilflos und verzichtet irgendwie darauf einem etwas so zu erklären, dass man es versteht…“
Der Mann klopfte dem Götterkind auf den blonden Schopf. „Versteh‘ es nicht falsch, sie hat einiges durchgemacht. Sie hat den Mann, den sie liebt verloren… und kurz darauf eine Fehlgeburt erlitten. Sie ist oft sehr mit sich selbst beschäftigt, redet nicht viel, und vergisst darüber hinaus, dass niemand das weiß, was sie weiß. Und es wirkt oft so, als überschätze sie sich selbst, denn auch sie weiß nicht alles… Aber lass‘ dich nicht täuschen, hinter diesem eisernen Äußeren verbirgt sich sehr viel Wärme und Sehnsucht.“ Und erneut tat sie ihm leid. Sie hatte Rinku und dann noch das Kind von ihm verloren? Wie wurde man mit solchen Verlusten überhaupt fertig…
„Das ist ja schrecklich…“, murmelte er und schniefte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie es sein musste, solche Verluste zu ertragen.
„Ja, das ist es…“, sprach Harkenia und auch er hatte gläserne Augen. „Sie übertrug mir die Herrschaft, weil sie selbst nicht die Kraft hatte.“ Er machte eine kurze Pause und seufzte. „Es ist schon ein Jahr her, dass Rinku starb. Aber viele Hylianer können es immer noch nicht glauben. Er war ein Licht in unserer Welt. Und er fehlt, er fehlt uns allen.“

Sie gelangten am Ende der Wendeltreppe in einen langen Gang, und betraten eine alte Küche, wo eine kräftige Frau mit grauem Haar gerade eine Suppe salzte.
„Iryna, das ist unser Gast. Er braucht etwas Stärkendes um nachher am Training teilzunehmen.“, sprach Harkenia, klopfte dem Kind noch einmal auf den Kopf und grinste ihn an. „Iss soviel du willst, Iryna kocht ohnehin immer zu viel“, scherzte er.
„Den Teufel tu‘ ich, Sir“, murrte sie und hielt den Kochlöffel bedrohlich in die Höhe.
„Nun streitet es nicht noch ab“, lachte der Mann. Die Köchin wackelte mit der Nase.
„Das nächste Essen versalze ich Euch, Sir“, rief sie.
„Gewiss. Gewiss. Nur sagt keinem, dass ihr verliebt seid, wir wissen doch alle in wen.“ Darauf bekam die gut bestückte Köchin beinahe Hörner.
Klein- Link fand die Situation ein wenig schräg. War es normal, dass ein Regent so mit einer Köchin redete? Und bald darauf lachten sowohl Harkenia, als auch die Köchin und schüttelten dann ihre Köpfe.
„Nun gut, deine erste Aufgabe wird sein, mich zu suchen. Du findest mich dort, wo Zerudas Herz noch hängt“, sprach der Mann zu dem Götterkind und verschwand.

Die Köchin platzierte sogleich eine Pfanne mit einem saftigen Braten, einen Teller mit Brot, einen Topf mit einer Gemüsesuppe und ein Tongefäß mit Limonade vor dem perplexen Gesicht des Jungen, der sich unschuldig grinsend an den Tisch gesetzt hatte.
„Guten Appetit, junger Bursche. Wundert Euch nicht über die Herzlichkeit, mit der unser Regent mit seinen Landsleuten plaudert. Nach dem scheußlichen Krieg ist keiner mehr in der Lage Standesunterschiede zu machen. Wir alle haben mit angepackt, um unser Land zu beschützen. Und da wir siegen konnten, ja… da weiß ein jeder, wie wertvoll Zusammenhalt ist, und wie wertvoll ein Grinsen auf dem Gesicht scheint…“ Und die alte Frau lächelte breit und zeigte ihr Gebiss, wo mehrere Zähne fehlten.
„Ich hoffe, es schmeckt.“
Und wie es schmeckte. Klein- Link hatte noch nie so einen Braten gegessen, der mit solchen Kräutern gewürzt war, aber es mundete.  
„Das ist ja absolut lecker“, sprach er, während ihm das Bratenfett an den Mundecken hinab lief. Beherzt wackelte die Dame näher und wischte mit einem Küchentuch die Mundecken des Jünglings sauber. „Du bist ein niedlicher Fratz… und irgendwie erinnerst du mich an ihn…“
„An wen?“
„An unseren Helden…“, sprach sie seufzend. „Rinku war so ein wunderbarer Mann. Ohne ihn ist Prinzessin Zeruda nur ein Schatten ihrer selbst.“ Die Frau hatte gar keine Ahnung, dass dieser Satz auch sehr gut auf eine andere Zelda passte. Und wieder keimte eine scheußliche Nervosität im Inneren Klein- Links auf. Wie es wohl im Augenblick um die Erde stand? Ging es Link und Zelda gut? So viele Dinge lasteten im Moment auf seiner Seele und er wusste einfach nicht, wie er alles bewältigen und diesem Druck Luft machen sollte.
Seine junge, ansehnliche Miene verfinsterte sich.
Und dann war die erwachsene, fast dreißig Jahre alte Zeruda so unnahbar. Er fühlte sich einfach nicht wohl in diesem Land… und das obwohl es blühte, obwohl es durch scheinbar nichts Böses beeinflusst wurde…
„Denk daran, unser Regent will, dass du ihn suchst“, erinnerte die Köchin und drückte ihm noch eine große Zuckerstange in die Hand. „Lass‘ es dir schmecken. Jetzt, da der Krieg vorüber ist, schicken uns Verbündete ab und an diese Waren. Und ich finde, du kannst das gebrauchen.“ Unendlich dankbar und lächelnd blickte das Götterkind die Süßigkeit in seiner Hand an, fühlte sich durch jene Geste fast etwas besser. Ja, es gab sehr viel Herzlichkeit in diesem Hyrule. Aber Zeruda… sie musste doch irgendwie mit ihren Verlusten abschließen. Ging das Leben nicht irgendwann weiter? Niemand… vor allem nicht der Link dieser Welt hätte gewollt, dass sie sich so quälte.
„Danke“, sagte das Götterkind und schenkte der alten Frau ein weiteres herzliches Lächeln. „Er sagte, ich solle ihn dort suchen, wo Zerudas Herz noch hängt. Habt Ihr darauf eine Antwort?“, fragte er und hüpfte von dem Stuhl. Die Dame lächelte traurig und beschäftigte sich dann wieder mit ihren Kochkünsten. Sie murmelte leise: „Ich würde ihn… am Grabe Rinkus suchen.“
Klein- Link nickte und trat erkundend aus dem Raum.

Klein- Link hatte sich bei den Menschen in der Stadt durchgefragt, wo er das Grab Rinkus finden konnte. Einige hatten ihn traurig angesehen, als er dies fragte. Andere gaben ihm bereitwillig Auskunft. Und es dauert nicht lange, entdeckte er Rinkus ehrenhaftes Grabmal auf einer sorgsam gepflegten Wiese, nicht weit entfernt von der Nordstadt. In der Nähe drehte sich ein Mühlrad. Und auch sonst war es hier an diesem Ort warm und idyllisch.  
Klein- Link nahm seine grüne Mütze vom Kopf und gedachte still einige Sekunden einem der größten Krieger Hyrules. Es war ein trauriges Schicksal, welches einem Helden zuteil wurde, dachte der Junge. Besaß man ein gutes Herz, so wie Rinku sicherlich eines besaß, so waren Schmerzen und Verzweiflung etwas, was dieses Herz vielleicht anzog. Oft litt nur das Gute, dachte Klein- Link.
Langsam ging er auf die Knie und streichelte mit seinen kleinen Fingern die Inschrift auf dem weißen Grabstein.

„Zeit heilt Wunden nicht,
die von Schicksal und Liebe entstehen…
Lebe für mich…“

Würde Zeruda es schaffen, irgendwann ohne ihren Heroen zu leben, fragte sich das Götterkind. Wenn man jemanden so liebte, so bewunderte und vermisste, wie es Zeruda tat, wie sollte man jemals ohne diesen Menschen leben können?
Und je mehr der Junge darüber nachdachte, umso schwerer wurde ihm ums Herz.

Plötzlich spürte er einen spitzen Gegenstand in seinem Rücken. Ohne, dass Klein- Link nur irgendetwas wahrgenommen hatte, stand jemand hinter ihm und hatte einen Dolch oder ein Schwert in der Hand. Klein- Link hob sachte die Hände und jeder Gedanke in seinem jungen Kopf war weg.
„Was deine Aufmerksamkeit angeht, Götterkind, so lässt diese einiges zu wünschen übrig“, sprach eine bekannte, männliche Stimme hinter ihm. Der spitze Gegenstand entfernte sich von Klein- Links Rücken und nur zaghaft drehte sich der junge Spund um. Tatsächlich stand Harkenia hinter ihm und hielt grinsend eine kurze, noch in einer auffälligen Schwertscheide verborgene Klinge in seiner Hand.
Klein- Link steckte seine Hände in die Hosentaschen und seufzte. „Tut mir leid… ich war so in Gedanken“, sprach er ehrlich.
„Wegen dem Grab vermutlich“, entgegnete der Erwachsene.
Das Götterkind nickte. „Es ist sehr traurig, das alles.“ Der Mann kniete nieder und legte dem Bengel eine Hand auf die Schulter. „Das ist das Leben, junger Heroe. Was einen nicht umbringt, macht einen stärker, findest du nicht?“
„Ja… schon, aber wie wird man mit solchen Verlusten fertig?“ Der Junge blickte dem Mann ratsuchend in dessen dunkelblaue Augen. „Ich habe keine gewöhnliche Geburt, keine gewöhnliche Entwicklung hinter mir“, erklärte Klein- Link. „Noch bin ich ja nicht einmal tatsächlich geboren. Ich bin ein Produkt eines göttlichen Experiments. Ich kenne auf viele Fragen einfach keine Antwort.“
Der Mann blinzelte etwas und zupfte sich an seinem Bart. „Das ist nur menschlich… denn auf diese Frage kennen viele keine Antwort… Jeder wird mit Verlusten anders fertig. Man muss selbst den Weg wählen, der für einen der beste ist.“
„Ich verstehe…“, sprach der Jüngling. Vielleicht unterschied er sich trotz seiner Herkunft von anderen Hylianern nicht wesentlich. Möglicherweise lag vieles, was er nicht wusste, einfach nur in seinem jungen Alter begründet.
„Aber genug von dieser Trübsinnigkeit. Um mit den Belastungen des Lebens fertig zu werden, braucht es ein starkes Herz. Und dieses Herz kann man trainieren. Heute werden wir dich vorbereiten, und morgen finden wir deine Begleiterin wieder. Ist das in deinem Sinne?“ Der Bengel nickte und lächelte etwas.
„Gut, denn es gibt drei Dinge, die ich dir vermitteln will. Erstens werden wir deine Aufmerksamkeit schulen, dir die Fähigkeit näher bringen Gegner zu spüren, obwohl jene nicht in deinem Sichtfeld liegen. Zweitens zeige ich dir einige Attacken mit dem Schwert, die für dein Alter angemessen sind. Und drittens…“ Der Mann kramte aus einer magischen Tasche eine Landkarte, auf welcher einige Punkte leuchteten.
„Diese Landkarte ist ein Geschenk Zerudas, sie wird dich durch die vielen Welten führen…“ Klein- Links Augen funkelten daraufhin. Eine Karte von Zeruda? Die Prinzessin schenkte ihm tatsächlich etwas, damit er diese Mission besser bewältigen konnte?
„Sie funktioniert eigentlich ganz einfach.“ Und Klein- Links Augen verloren sich darauf. Da war eine feine Linie, wo in etwa gleichmäßigem Abstand immer ein Punkt leuchtete. Der  dritte Punkt leuchtete im Augenblick besonders stark. „Das bedeutet, dass ich in der dritten Welt meiner Reise bin, richtig?“
„Genau so ist es“, erwiderte der Adlige. „Tippst du mit dem Zeigefinger auf die Punkte, die leuchten, in etwa so…“ Und der derzeitige Regent tippte auf den zweiten Punkt. „Erstrahlt in wenigen Sekunden eine Landkarte der gesamten Welt.“ Und tatsächlich projizierte jene magische Karte das Hologramm einer großen Karte. Die Zeit, und jede Ortschaft, Berge, und Flüsse waren auf der Karte verzeichnet. Mit großem Erstaunen bedankte sich der Junge und verstaute die Karte sorgsam in einer Tasche an seinem weißen Gürtel.
„Und jetzt… fühlst du dich bereit das Fechten zu lernen, bereit einige Tricks zu erfahren?“ Klein- Link nickte gefasst.
„Dann erhältst du mein erstes Schwert, das dir von nun an ein stolzer Begleiter in den Welten sein soll.“ Klein-Link sah drein wie ein Glotzfrosch, den er einmal in Zoras Reich gesehen hatte. Harkenia schenkte ihm tatsächlich ein Schwert? Er würde hiermit sein erstes Schwert erhalten? Klein-Link war so baff, dass er zunächst nichts sagen konnte und dann wie von fremden Mächten gesteuert mit einem lauten Gekreische in die Luft hüpfte. Der Adlige lachte nur und überreichte ihm dann jene Waffe. Eine silbern funkelnde Schwertscheide mit Schriftzeichen von Althylianisch schützte jene Klinge, die der Junge sein Eigen nennen durfte. Harkenia nickte ihm zu, worauf der Junge das starke, knirschende Lederheft umfasste und die Klinge mit einem angenehmen Nachklang aus ihrer Schutzhülle zog. Er reckte die Waffe in die Höhe, lächelte tapfer, als hätte er noch nie ein solches Wunderwerk erblicken können. Die Klinge war eher schlicht, aber summte mit einem reinen, fast magischen Klang, als sie die Luft teilte.

Alsdann übten der Erwachsene und das Kind den Umgang mit dem Schwert. Der Regent zeigte dem Bengel viele Attacken, erschuf mit seiner eigenen Magie sogar Abbilder von möglichen Feinden, die Klein- Link lernen musste zu spüren und zu besiegen. Unter den vielen Fechtkünsten war auch eine einfache Version der Wirbelattacke, die Klein- Link sehr intuitiv meisterte. Tatsächlich lernte er die Hiebe und Schläge mit dem Schwert schnell. Sicherlich fehlte ihm die Übung, aber er besaß Talent, eine große Portion Talent, das Harkenias geschultem Auge nicht entging.

Als der Abend sich über das junge Land senkte und Mutter Natur sich Schlafen legte, saßen das Götterkind und der Regent zusammen nachdenklich am Mühlrad und tranken etwas Wasser. „Du hast schon einige Übung mit dem Schwert“, stellte der Erwachsene fest.
„Mein zukünftiger Vater… er hat wenige Male mit mir geübt.“
„So ist das also. Wer ist das, der Vater, den du irgendwann haben wirst?“
„Auch einer der größten Helden Hyrules“, strahlte Klein- Link. Der Gedanke an den Link, der auf der Erde lebte, erhellte sein Herz. Er vermisste ihn sehr, und hoffte inständig, dass bei ihm und Zelda soweit alles in Ordnung war. „Der Held, der über die Zeiten gebieten könnte…“, murmelte der Junge dann noch. Harkenia grinste. „Nun dann, dann muss Rinku noch irgendwann einen Nachfahren haben, nicht wahr?“ Klein- Link blickte erstaunt drein. Aber Rinku war doch tot, wie sollte das funktionieren? Zeruda hatte sein Kind verloren…
„Wie meint Ihr das?“, sprach der Bengel entgeistert.
„Keine Sorge“, lachte der Regent. „Es wird alles gut werden.“ Der Mann strahlte gen Himmel, wo gerade die Sonne rote Ausläufer über die weiten, friedvollen Wiesen Hyrules schickte. Mehrere Drachen flogen friedvoll über ihre Köpfen hinweg.

„Ja, alles wird gut…“, meinte der Mann noch einmal leise und schloss seine dunkelblauen Augen. Er verbarg irgendetwas… und dieses Rätsel würde weitreichende Konsequenzen für diese Welt haben. Sein Lächeln aber hielt an, gab freilich nicht seine Mysterien preis. Und doch würde dieses freie, heitere Lächeln ein Grund sein, das Gute nie in Frage zu stellen…
Alles würde gut sein. Rinkus Vermächtnis würde einen Weg finden. Und Klein- Link würde zu der Legende jenes Heroen beitragen…

 
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