Kapitel 113
 
18. Ein vergessenes Schicksal… Teil 2



„Viele Grausamkeiten schienen zu brutal, als dass man jenen jemals einen Namen geben könnte. Wir versuchen so viele Dinge zu ertragen und wissen auch, dass wir schwere Schicksalsschläge dulden und in uns versiegeln können. Das Elend unserer Welt, eins mit verruchten, nutzlosen Entscheidungen um falsche Glaubensansätze und billige Vorstellungen von Macht. Wir Wesen, ein junges und doch naives Volk, haben alles, was uns unvollkommen und wertlos erschien versklavt, verurteilt aus niederen Beweggründen und letztlich vernichtet. Unsere Welt ist arm, so unglaublich arm und schwach…“

Der junge Heroe erhob sich in seinen Träumen dort, wo Schwäche und Armseligkeit ein erschreckendes und einmaliges Beispiel erfuhren. Sein blondes Haupt richtete sich in die Höhe in einer Nacht, wo der blanke und ein beobachtendes Licht aussendende Mond seine Bahnen um Hyrule kreiste. Ein Hyrule, das er bereits in dieser langen Reise gesehen und vielleicht auch respektiert hatte.
Das kalte, blauschillernde Licht des Vollmondes spiegelte sich in unzähligen Pfützen aus Blut auf einer riesigen Ebene, wo Dutzende gefallene und schwer verwundete Hylianer und andere Geschöpfe lagen. Die kalten, leblosen Augen der Getöteten blickten hinauf zum dunklen Horizont, als suchten sie eine Antwort auf die Frage nach dem Warum von dermaßen viel Wahnsinn und Leid. Eine Antwort, welche ihnen die Göttinnen nicht geben konnten.
Ein kühler, staubiger Wind wehte und trug den Geruch von verwesendem und stinkendem Fleisch hinfort. Und der Tod ging umher. Seufzen und verbittertes, leidvolles Stöhnen nahm die Luft ein. Schreie. Bis ins Mark dringende, letzte Schreie, die dem jungen Heroen eine Gänsehaut über den Körper schickten. Er begann zu rennen, lief über jene ruhelose, gefolterte Steppenlandschaft und wollte weinen, weil er nichts tun konnte. Er konnte niemanden retten. Er stolperte vorwärts, über abgetrennte Gliedmaßen, und stapfte in Pfützen aus noch warmen, tiefroten Blut. Er hatte noch nie so viel Elend gesehen und würde diese Bilder im Leben nicht mehr vergessen können…
Er trat weiter. Seine Schritte allmählich langsamer. Seine Willenskraft erstickte wie die letzten Atemzüge der einst so lebendigen Hylianer. Tränen rannen über seine Wangen angesichts jener Brutalität, sodass er diese Welt, dieses Hyrule aufgrund seines reinen Herzens beinah umarmen wollte. Er wollte Mitgefühl zeigen, er wollte retten…
Wie in Trance stand er hier zwischen den Toten und denen, die zum Tode verdammt waren. Und es war da, dass sich nur wenige Meter weiter jemand aus den Reihen der Getöteten erhob und der junge Heroe auch erst dann realisierte, dass unter den abgeschlachteten Wesen Wunderwerke der Schöpfung ruhten. Geschöpfe, die ihn mit einer unheimlichen Kraft anzuziehen schienen.
Und das wunderschöne, wenngleich verletzliche Wesen vor ihm wirkte wie ein absurdes Zeugnis einer kindischen Welt, die erst lernen musste ihre Wunderwerke zu respektieren.

Sie erhob sich mit einer Demut, als wollte sie spüren, dass sie nicht lebte, als wünschte sie sich ein Teil der Getöteten und Opfer zu sein. Ihre schmalen Arme richteten sich in die Höhe als wollte sie beten. Ein Stoßgebet zum weinenden, bitteren Himmel schicken. Anklage an göttliche  Verbrecher richten. Sie besaß ein verzweifeltes Lächeln, obwohl sie den jungen Heroen mit Anmut und wahnsinniger Tiefe musterte. Ihre Gesichtszüge waren sanft und rein, fast menschlich. Und Klein-Link spürte, dass sie nicht sterblich war. Ihre klaren, anklagenden Augen sahen direkt in seine, als wollte sie, dass er sich an sie erinnerte, als wollte sie sich in seinem Herzen festbrennen. Und Klein-Link spürte, dass sie dazu die Macht hatte. Sie besaß dunkles, gelocktes Haar, welches sich wie Hunderte dünne Schlangen um ihre zierliche, fast gebrechliche Gestalt wandte. Ihre Haut bedeckte ein silberfarbenes Gewand, ein einfacher Figur umspielender Mantel. Aber jenes Detail, das ihre ganze Anmut und Einzigartigkeit verriet, versteckte sich nicht länger hinter ihrem Rücken. Dort kamen weiße, mit Blut beschmierte Flügel zum Vorschein…
Und da verstand Klein-Link jenes fatale Ereignis, überblickte das Schlachtfeld, wo weitere Wesen mit Federkleid ruhten.
Sie begann zu schreien, als ihr Blick über das Meer der Toten und entstellten Monster glitt, während vom Himmel heilsame Tropfen über die geschundenen und so grausam zugerichteten Körper fielen. Sie schrie so laut und markerschütternd, dass ihm ihr Zorn ins Blut überzugehen schien. Ihre Wut über ihr getötetes Volk und ihre Verzweiflung, dass ausgerechnet sie zurückgelassen wurde. Der junge Heroe wusste nicht, ob sie ihn wirklich wahrnahm und ob dieses Ereignis tatsächlich Existenz besaß. Er ahnte nicht um die Konsequenzen eines Geschehnisses, dass er erlebte und doch fernab jeglicher Vernunft niemals möglich sein konnte. Und doch war er hier an diesem grausamen Ort, wo noch in Hunderten von Jahren Geister über die leblosen Gräser ziehen würden. Und er konnte hier an diesem verruchten Platz etwas verändern, das sein Schicksal in die richtigen Bahnen lenken würde.

In dem Augenblick blitzte ein Dolch über dem Schlachtfeld auf, auf dessen blank polierter Klinge spiegelte sich das fahle Licht des Mondes, der durch den Wolkenvorhang drang. Und die zarten Händen der jungen Frau, nicht zweifelnd, wollten ebenfalls das Schicksal in eine abwegige, vielleicht aber vorbestimmte Bahn lenken. Sie entschied sich für ihr Volk und eine Existenz in Dunkelheit.
Der junge Link realisierte nicht sofort ihre Absicht, sondern starrte sie nur nachdenklich und vielleicht auch trübsinnig an. Er verstand nicht, dass Wesen, wenn mit einem Schlag ihre ganze Welt zusammenbrach, auf düstere und grausame Weise handeln konnten. Und er dachte nicht, dass ausgerechnet ein Wesen von solcher Schönheit und Reinheit in der Lage sein würde sich selbst zu richten. Sie umfasste den Dolch in ihren Händen krampfartig. Und goldene Tränen schimmerten über ihren Wangen, während sie den Jungen, den sie nicht kannte, und der ihr nichts sagen oder geben konnte, weiterhin auf eine verzweifelte, fast flehende Weise musterte. Das Leben war nun mal unglaublich verletzlich. Und selbst solche mächtigen, reinen Wunderwerke wie sie eines war, waren tödlich verletzlich. Als sie den Dolch mit der Spitze in Richtung ihres Herzens gerichtet hielt, verstand Klein-Link, dass sie sich töten wollte. Und ihre anklagenden Augen, die in zunehmender Dunkelheit zu schimmern schienen, schlossen sich. Sie war vorbereitet ihrem scheinbar nutzlosen Dasein ein Ende zu setzen.

Im Kopf des jungen Heroen arbeitete es auf Hochtouren. Er fragte sich nicht mehr, was ihn hierher geführt hatte oder ob dieser scheinbare Traum noch irgendeinen Sinn ergab. Er fragte sich nicht mehr, ob er diese junge Frau kennen musste. Er fragte sich nur noch, wie er sie vor sich selbst beschützen konnte. Er erinnerte sich nicht daran, dass er in seinem bisherigen, kurzen Leben jemals so schnell gerannt war. Und er wusste nicht, dass ihn seine Beine überhaupt so schnell tragen konnten. Der Mond gab sich am Himmelszelt einmal mehr preis, als wollte er den jungen Heroen ein Licht spenden, das ihn auf den rechten Weg brachte.
Als er das so verletzliche und zerbrechliche Wesen erreichte, umfasste er mit starkem Griff ihre beiden eiskalten Hände, die fast krampfartig auf dem Dolch ruhten. Er schüttelte nur seinen Kopf und sprach ein festes: „Nein!“ Mehr wusste er einfach nicht zu sagen. Und mehr würde nicht notwendig sein. Den Blick, der dann seine Augen traf, würde er niemals mehr vergessen. Es war eine Verständnislosigkeit und Leere, die ihn sich schuldig fühlen ließ. Schuldig, dass er sich einmischte. Und schuldig, dass er ihr das Leben rettete.
Sie ließ den Dolch fallen, sank zu Boden und ihre blutbefleckten Flügel verschwanden. Sie weinte… weinte bitterlich. Er kniete ebenfalls nieder, legte eine Hand auf ihre rechte Schulter  und alles, was er tat, war sie mit einem aufmunternden Lächeln zu mustern. Sie erwiderte seinen Blick und vielleicht sah er so etwas wie Dankbarkeit darin. Er ging mit dieser Handlung ein Bündnis ein, das die Göttinnen sehr genau beobachteten. Ein Bündnis, das sein Dasein besiegelte.

Mit rasendem Herzen schreckte der Junge aus seinen Träumen und fand sich sicher und behütet in einem kleinen Schlafkämmerchen. Er brauchte einige Momente, um zu realisieren, wo er sich befand und atmete einige Male tief durch. Es war einer der ersten Träume, die er erinnern konnte. Und dieser Traum, was immer auch dahinter steckte, beunruhigte ihn so sehr, dass er in den nächsten Stunden sicherlich keinen Schlaf finden würde.
Wie ein Trampeltier stapfte er schlaftrunken hinüber zu dem kleinen Schreibtisch in jenem Gemach und starrte benommen zu der tickenden Uhr. Er verdrehte die Augen, als er realisierte, dass es erst drei Uhr in der Nacht war und es sicherlich nichts gab, mit dem er sich sinnvoller Weise beschäftigen konnte. Murrend lief er wieder hinüber zu dem Bett, ließ sich raschelnd und klappernd darauf nieder und versuchte wieder einzuschlafen.

Nach vielen Minuten öffnete er einmal mehr seine himmelblauen Augen und war inzwischen leicht frustriert. Auch der Traum kam ihm wieder in den Sinn. Seine Arme hinter dem Kopf verschränkt, starrte er hinauf an das dunkle Zimmergewölbe, versuchte sich die Details wieder ins Gedächtnis zu rufen. Und das, was er von alle dem am meisten erinnerte, was ihn irgendwie erschreckte, waren diese anklagenden, verzweifelten Augen jener Frau, die sich auf dem Schlachtfeld selbst richten wollte. Es waren nicht die vielen Leichen oder die abgetrennten Gliedmaßen, die sich in seinem Gedächtnis festgebrannt hatten, sondern diese zum Tode verdammten Augen…

„Ach verdammt!“, murrte er, erhob sich einmal mehr und zog sich seine Tunika über, schnallte das Schwert von Harkenia an seinen Gürtel und hetzte mit dieser wahnsinnigen Unruhe in seinen Venen aus dem Raum. Er wollte sich beschäftigen, diesen Druck in seinem Körper loswerden, und was eignete sich da besser als eine Übungsstunde mit dem Schwert? Vielleicht war er auch deshalb so unruhig, weil Zeruda von ihm so viele Dinge verlangte. Oder weil Navi verschwunden war. Oder weil er einfach nicht kapierte, was mit ihm los war! Es war nur ein Traum! Warum regte ein Traum ihn so dermaßen auf?

Dann, als er eine hölzerne Wendeltreppe hinab trottete, entdeckte er in dem großen Ballsaal des Schlosses noch Licht. Es schien, als wäre der gesamt Saal hell erleuchtet. Verwundert und diese Sache überprüfen wollend schlich der Junge durch das Schloss, bis er vor den Toren des großen Raumes stehen blieb.

Als er die schweren Eichenholzpforten einen winzigen Spalt öffnete, wurden seine Ohren von einer Melodie umschmeichelt, gespielt von einem Spinett. Tragische, rührende Töne, die seine Gesichtszüge auf sanfte Weise veränderten. Da war Melancholie und eine einnehmende  Barmherzigkeit, gestaltet von den vielen Muskeln in seinem Gesicht. Und jene Gefühle erzählten eine leidvolle Geschichte. Jemand, der das Spinett auf diese verzaubernde Weise spielen konnte, musste mehr ertragen haben, als zehn Herzen aushalten konnten. Und mehr leiden, als es sich der Junge vorstellen konnte.

Gerade da fiel das Licht von vielen hohen Standkerzen auf ihn und er trat in den alten Ballsaal ein. Teile der Fresken und Säulen waren zerstört. Aber das meiste war noch erhalten. Die hohen Fenster an den Wänden waren sicherlich erneuert worden. Lediglich an manchen Ecken entdeckte der Junge noch frischen Putz. Tiefrote Vorhänge, zusammengebunden mit goldenen Ketten, befanden sich an den Wänden. Ein roter Teppich führte durch den gesamten Innenraum, bis Klein-Links Blick zu dem Spinett fiel. Tatsächlich spielte jemand dort. Eine trübsinnige und doch wunderschöne Märchengestalt, umhüllt von einem roten Umhang aus einfachem Leinenstoff.

Als er tapsend näher trat, warf sie ihr Haupt zurück, sodass ihre tizianblonden Haarsträhnen zum Vorschein kamen. Sie stoppte das Musizieren, wand sich aber nicht um.
„Du kannst scheinbar genauso wenig Schlaf finden wie ich, Held der Welten…“, sprach sie leise, erhob sich und musterte ihn mit ihren dunkelblauen Seelenspiegeln sehr eindringlich, wenn auch traurig.
„Ich konnte schlafen, nur dann…“, wollte er erklären, aber konnte es irgendwie nicht. Was interessierte sich diese strenge, kühle Zeruda für seine Probleme? Er blickte ratlos zu Boden, aber gerade dann kamen ihm einmal mehr diese anklagenden, bestraften Augen aus seinem Traum in den Sinn.
„Träume erzählen sehr viel über uns…“, sprach die Prinzessin des Landes dann und tapste außer seiner Reichweite. Sie bewegte sich durch den Raum, als würde sie schweben oder tanzen. „Es ist nicht ohne Sinn, dass du träumst“, erklärte sie und legte ihren blutroten Mantel auf das Spinett. Darunter trug sie ihr Kämpfergewand, was den Jungen stutzig machte. Wozu kleidete sich Zeruda mitten in der Nacht damit? Es war ja nicht so, als stünden hier reihenweise Monster vor Hyrule Castle.
„Erzähl‘ es mir… und ich kann dir vielleicht helfen, zu verstehen, warum du träumtest.“ Er atmete tief ein und entgegnete ehrlich: „Prinzessin Zeruda… ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Ihr…“, und er nahm allen Mut zusammen, den er gerade aufbringen konnte.
„Ich fühle mich nicht wohl in Eurer Gegenwart. Ihr macht mich hilflos.“ Dann schluckte er umständlich das Wasser im Mund herunter und wartete auf Zerudas Reaktion.

Sie zwinkerte ein paar Mal, bis sie sich umdrehte. Hinnehmen musste sie es so oder so, dachte der Junge. Aber es war besser, dass er ihr kommunizierte, wie sie auf ihn wirkte.
„Ich bin dankbar, dass du so ehrlich bist“, meinte sie bloß. Daraufhin wollte Klein-Link seine Worte am liebsten zurücknehmen. Er wusste doch, dass sie es nicht einfach hatte.
„Ich weiß, was Ihr erlitten habt…“, murmelte er dann reuevoll.
„Nur gibt mir das nicht das Recht andere zu kontrollieren, meinst du?“ Sie trat ein paar Schritte vorwärts.
Er nickte und setzte hinzu: „Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich fast schon vor Euch gefürchtet.“ Und Zeruda schwieg. Seine Anklage musste ihr weh tun. Und vielleicht wurde Ihr nun schmerzlich bewusst, dass sie in den letzten Wochen wie ein Eisklotz auf ihre Landsleute geprallt sein musste.
„Ihr seid einer Zelda sehr ähnlich, die ich kenne…“
Sie wand sich um und vielleicht, so dachte der Junge, konnte er nachdem er so ehrlich war, einen neuen Zugang zu ihr finden. „Sie würde genauso reagieren, wenn sie ihren Liebsten verlieren würde.“
Zeruda schloss daraufhin die Augen. Und Klein-Link sah deutlich schillernde Spuren an ihren Augen, die durch das flackernde Licht der Kerzen bemerkbar wurden.
„Ich weiß nicht, was Liebe ist… und warum die Menschen danach trachten, sie zu finden“, erklärte er. Dann endlich trat Zeruda näher, kniete nieder und schaute intensiv in seine himmelblauen Augen.
„Liebe ist das Schönste, was du finden kannst… Du wirst auch eines Tages lieben, und spüren, wie weh das tun kann…“, sprach sie.
„Ist die Liebe es denn wert, das man sie findet?“ Er war sehr neugierig auf Zerudas Antwort. Ja, sie hatte die Liebe gefunden, aber dafür auch sehr teuer bezahlt. Den Schmerz, der jeden Tag erneut ihre Seele zerfraß, hatte sie nur durch die Liebe erfahren…
„Ist sie es wert, ein Risiko einzugehen?“ Sie schloss die Augen, gedachte vielleicht an die Wunder und glücklichen Tage, die sie zusammen mit ihrem Heroen erlebt hatte. Und vielleicht, so dachte das Götterkind, war da ein leichtes, fast unmerkliches Lächeln, das Zerudas feine Mundwinkel umspielte. Man musste kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass sie an Rinku dachte.
„Ja… ich würde diese Liebe wieder eingehen. Auch wenn ich das Schicksal kannte, auch wenn ich die Zukunft wüsste, ich würde Rinku wieder lieben…“ Und gerade da sah er sie weinen. Sie weinte leise. Kein Schluchzer verließ ihren Mund. Sie blickte den Jungen nur an und weinte einfach. „Bei all der Grausamkeit Hyrules… ich würde all das, was ich getan habe, wieder tun…“
Und darauf wusste der Junge keine Worte zu finden. Anteilnehmend blickte er in Zerudas traurige Augen, bis sie sich schluchzend erhob und die Tränen aus den Augen wischte. Auch sie schwieg wenige Minuten.

Zwei drei Kerzen verloren just in diesem Moment ihr Licht und die Dunkelheit kroch auf leisen Sohlen näher. Außerhalb hinderte ein Drache das Mondlicht auf seinem Weg auf die Welt. Mit seiner gigantischen Gestalt drehte er Kreise weit am Horizont wie ein stiller Beschützer und  Zeuge der Nordstadt.

„Zeruda…“, meinte der Junge leise. „Werde ich mich in Navi verlieben?“ Er musste zugeben, dass ihn diese Frage tatsächlich beschäftigte. Wenn er sich, nach Saloras Prophezeiung in seiner Mission verlieben würde, und er nun mal mit Navi unterwegs war, bestand doch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie jene Liebe sein könnte, von der sein Schicksal erzählte.
„Navi?“, entgegnete Zeruda verwundert und wand ihr bezauberndes Antlitz zu ihm. Sie nahm seine Hände in ihre. „Nein… Sie wird dich eines Tages verlassen, so wie sie deinen Vater verließ. Sie hat ihre Aufgabe und sie muss jene erfüllen, ganz gleich der Konsequenzen. Und auch du wirst dadurch lernen zu ertragen.“
„Ihr sprecht alle in Rätseln, jeder, dem ich begegne, scheut sich mir direkt ins Gesicht zu sagen, was geschehen wird. Alle redet ihr, als wolltet ihr mich veralbern.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nun Prophezeiungen sind nicht immer zu hundert Prozent richtig, wie also sollte jemand dir eine genau Vorhersage machen? Ich möchte dich nicht kränken, sondern eher vorbereiten.“
„Worauf?“
Dann seufzte sie. „Ja, du wirst dich verlieben… nur wird diese Liebe nicht auf einem guten Stern stehen.“

Daraufhin schloss der Junge seine himmelblauen Augen. Wenn er sich die Liebenden Hyrules betrachtete, so stand doch eigentlich keine Liebe auf einem guten Stern. Link und Zelda hatten sich beinah angezweifelt, bevor sie sich ihre Liebe eingestanden. Zeruda hatte durch den Verlust ihres Geliebten unheimliches Leid erfahren. Und auch in der vorigen Mission, gab es so viel Verletzungen nur wegen der Liebe. Velkan schien Lia das Herz gebrochen zu haben. Was sollte Klein-Link denn noch erwarten? Dass es einmal ganz perfekt lief ohne irgendwelche Hindernisse?
„Wird es sich für mich lohnen?“, meinte er leise.
Daraufhin lächelte Zeruda auf eine Weise, die ihn beinah bestärkte. Sie lächelte unglaublich hoffnungsvoll. „Oh ja, das wird es.“
„Ist das eine Vermutung von Eurer Seite?“
Sie lächelte wissend. „Nein, diesmal… so kann ich dir vielleicht eine hundertprozentige Vorhersage machen. Das, was du in einer späteren Mission erleben wirst, wird alles verändern, was du im Augenblick bist. Du wirst unheimlich profitieren.“
Mit etwas vorwitzigem Ausdruck in den Augen schielte Klein-Link an die Decke. Wenn er von der Liebe profitieren würde, dann, ja dann, sah doch die ganze Sache völlig anders aus. Genau, dann würde er kein Problem mehr damit haben. Er lachte etwas dümmlich, kicherte dann, sodass die Prinzessin ihn verdutzt anschaute.

„Zeruda… und was ist mit dem Hyrule meiner Eltern? Wird dieses Hyrule irgendwann noch existieren dürfen?“ Wenn sie schon so viel wusste, dann musste sie ihm auch dies erklären. Und auch diese Antwort würde alles verändern. Sie sprach ruhig, aber trübsinnig: „Hyrule hat nur eine Chance… damit das verblasste Hyrule wieder mit Leben eingehaucht werden kann… müssen magische Wesen es heilen und in dieser Zeit braucht es einmal mehr einen Wächter… jemand wird gehen müssen… und deine Aufgabe wird zu diesem Zeitpunkt erfüllt sein. Du wirst zu diesem Zeitpunkt leben…“
„Was bedeutet das?“
„Auch dort wird die Liebe eines Helden zu einer Prinzessin auf eine harte Probe gestellt werden. Der Weg des Helden der Zeit und jener der Prinzessin des Schicksals werden sich  trennen, genauso wie meiner und Rinkus Weg.“
Klein-Link fiel auf diese Bemerkung beinah aus allen Wolken. „Wie bitte?“, brüllte er. Er ließ seiner ganzen Fassungslosigkeit einen unüberhörbaren Ausdruck.
„Soll das heißen, Link und Zelda werden nicht miteinander glücklich werden können?“ Zeruda schloss ihre Augen und ihr Lächeln wurde matt und leer.
„Aber das kann nicht sein…“ Vor Schreck spürte er wie seine Knie immer weicher wurden.
„Ich hoffe, dass ich nicht alles sehe… denn dann werde ich Einsamkeit sehen… ein Mädchen, das in einer ihr fremden Welt an ihr einstiges Land erinnert werden wird und an den Helden, den sie verlor…“ Traurig und diese Worte vergessen wollend, rannte Klein-Link aus dem Saal heraus. Er hatte keine Lust mehr mit Zeruda darüber zu reden. Er wollte es einfach nicht hören und nicht begreifen. Mit zusammengekniffenen Augen und schillernden Tränen auf blassrosa Wangen rannte er zurück in sein Kämmerchen. Er kuschelte sich zurück in die noch warmen Laken und empfand einen unermesslichen Groll gegen Zeruda, die ihm diese scheußliche Prophezeiung machte. Nur weil sie nicht mit ihrem Heroen glücklich werden konnte, musste das nicht heißen, dass auch andere leiden würden. Es reichte einfach… Konnte das Schicksal nicht endlich einmal gnädig sein? Er wünschte sich doch bloß ein wenig Sicherheit. Mehr erwartete er nicht. Und was machten die Götter? Sie spielten mit ihm und seinen Sehnsüchten. Sie spielten mit den Eltern, die er sich so sehr wünschte. Genervt sprang der Junge wieder aus dem Bett, brüllte und schlug seine Fäuste gegen das Holz des Schreibtischs. Er ließ sich schließlich zu Boden sinken, krümmte sich ein wenig und legte seinen schweren Schädel auf seine Knie. Seine himmelblauen Augen waren geöffnet und starrten ziellos umher. Seine Gedanken waren trübsinnig und schwer… und es würde lange dauern, ehe sich seine Augen in dieser Nacht schlossen. Vielleicht musste er erst lernen sich zu verhalten und so zu leben wie ein Mensch. Vielleicht gab es Dinge, die er nicht verstand. Aber diese Grausamkeit konnte und wollte er nicht ertragen und auch nicht lernen zu bewältigen…

Klein- Link erwachte sehr früh am Morgen in seinem gemütlichen, kuscheligen Bett in der Nordstadt Hyrules. Er wusste nicht genau, was ihn geweckt hatte. Es war jedenfalls kein Traum wie in der Nacht zuvor, und er wollte sich ebenfalls nicht an das Gespräch mit Zeruda erinnern. Und plötzlich vernahmen seine Hylianerohren ein eigensinniges Klopfen an dem Spitzbogenfenster. Er blickte müde in Richtung des Fensters, wo erste Sonnenstrahlen hineinfielen. Gelangweilt drehte er sich um, nahm das Bild, welches seine noch im Halbschlaf befindlichen Augen wahrgenommen hatten, nicht ernst. Er seufzte und döste abermals.
Dann klopfte es erneut. Genervt sprang das Götterkind auf seine Beine, tapste in einem weißen Nachthemd zu dem Fenster und blickte müde durch die trübe Glasscheibe.
Seine blauen Augen spiegelten sich in ein paar schlitzartigen mit einer sehr intensiven roten Farbe. Klein- Link musste erst richtig wach werden, bevor er begriff, was ihn da anstarrte. Das kleine Wesen gab einen schrillen Schrei von sich, als dunkler Rauch aus seinen Nüstern hervorstieß. Das Geschöpft drückte den Kopf gegen die Fensterscheibe, stieß das Fenster auf und stieß auch den Jungen zu Boden, der sein Glück nicht fassen konnte. Ein kleiner rubinroter Drache saß in dem Raum, spannte seine Flügel und machte eine begrüßende Geste, als wollte er sich vor dem Kind verbeugen.
Klein- Link war nun vor Überraschung so wach wie noch nie. Nichts im Leben hatte ihn bisher so aufgeweckt. Er strahlte vor Bewunderung. Zaghaft kam er mit der Hand dem jungen Wesen näher und streichelte sorgsam seinen schuppenbedeckten Schädel.
„Du bist ein anmutiges Geschöpf“, sprach Klein- Link. Der Drache schnurrte dann wie eine Katze. Ihm gefielen die Streicheleinheiten wohl sehr.
„Ich glaube, in dem Hyrule, wo meine Eltern einst lebten, gab es nicht mehr viele von euch…“, setzte der Junge traurig hinzu. „Dabei seid ihr wunderschön.“ Er grinste und lachte, als der kleine Drache auf seinen Schoß hüpfte und ihn sanft ins Kinn zwickte.
Plötzlich war da am Fenster noch ein weiterer stolzer Kaiser der Lüfte. Ein riesiger Drache mit demselben rubinroten Schuppengewand. „Das ist vermutlich deine Mutter“, sprach Klein- Link. Der kleine Drache hüpfte aus dem Fenster und wirkte neben dem riesigen, ausgewachsenen Drachen wie ein kleiner Knopf.

„Hey Götterkind!“, rief schließlich eine bekannte Stimme. Der Junge musste zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass Harkenia der I., auf dem Rücken des riesigen Drachens saß.
„Ich bin hier, um dich abzuholen. Mach‘ dich fertig. Wir werden gleich losfliegen, um deine Begleiterin zu finden.“
Das allerdings war ein Grund sich zu beeilen. Und so zog der Bengel sehr rasch seine weiße Hose an, streifte die Tunika über, schnallte sein Schwert fest, und vergaß aus Hektik und Aufregung seine grüne Mütze auf den Kopf zu streifen. Blitzschnell und furchtlos hüpfte er aus dem Fenster und landete sicher auf dem Kopf des riesigen Flugmonsters. Grinsend saß er hinter dem Regenten und sprach zunächst ein herzliches Gutenmorgen.
„Guten Morgen, Götterkind. Bist du bereit deine Begleiterin zu finden?“
Der Junge nickte und sagte dreist: „Wenn ich gewusst hätte, dass wir fliegen, wäre ich früher aufgestanden.“
Der Erwachsene lachte und erwiderte: „Bist du etwas muterfüllter als gestern?“
Auch darauf nickte der Junge. „Diese Welt, dieses Hyrule ist sehr schön… es gibt sogar noch Drachen, und sehr reichlich…“ Der Drache flog dann in sanftem Tempo vorwärts. Seine gigantischen Flügel hoben und senkten sich träge. Wie Wellen im Wasser bewegten sich jene dünnhäutigen Verknöcherungen durch die Luft.
„Ja, das ist richtig. Sag‘ , wie wird sich Hyrule verändern?“, sprach der Regent.
„Ich weiß nicht genau…“, murmelte Klein- Link, und hatte fast Sorge, den Herrscher enttäuschen zu müssen. „Die Landschaft, die Völker… alles wird sich verändern…“, meinte der Junge noch.
„Auch das gehört zum Leben dazu… Leben ist Veränderung… Das müssen wir wohl akzeptieren.“ Erneut waren Harkenias Worte etwas melancholisch, als hätte er etwas zu verbergen. Wusste dieser Monarch mehr, als er bisher sagte? Neugierig blickte Klein- Link zu dem hellbraunen Hinterkopfs des Mannes. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich diesem Mann verbundener als er verstand. Zu Zeruda konnte Klein- Link dieses Vertrauen nicht fühlen, wohl aber noch stärker zu dem wohl ersten König Hyrules.  
„Wird es in Zukunft immer einen Helden geben, der gegen das Böse antritt?“, fragte er leise. „Wird es in der tausendjährigen Zukunft Hyrules wieder eine Prinzessin geben… die einen Helden lieben wird?“, meinte er leise. Seine Stimme… diese kräftige Stimme klang nun so anders, so neu. „Wird eine Prinzessin Hyrules irgendwann… eine Zukunft haben mit dem Heroen, den das Schicksal ihr schickt?“ Das Götterkind war etwas sprachlos auf jene Worte. Warum interessierte sich Harkenia so sehr dafür? War das nur die Liebe eines Bruders zu seiner Schwester? Seine Worte klangen so sehr nach Sehnsucht und nach etwas Unerfülltem. Das Götterkind verstand es einfach nicht. Wer war dieser Regent, der sowohl diese melancholische, mitfühlende Seite, als auch die kampferfahrene, mutige, und fröhliche Seite besaß?
„Verzeih‘ diese Fragen… es steht mir nicht zu“, bemerkte der Regent dann knapp. Und so schwiegen sie, während des gesamten Fluges, durchstießen weiße Nebelschleier, dort über den Wiesen, Wäldern, Flüssen und stolzen Bergen…

Am Rand eines dichten Laubwaldes im Osten wurden die beiden Reisenden von den Drachen abgesetzt und verabschiedet. Königlich erhoben sich die beiden wieder in die Lüfte, schwangen ihre eleganten Körper in ihrem Element und schienen am Horizont zu verschwinden, wie Sterne, die irgendwann verglühten.
„Wenige Meter weiter befindet sich ein altes Gasthaus… wir werden dort speisen und uns danach in das Herz des Waldes begeben“, erklärte Harkenia und knackte mit den Schultern.
„Ihr kennt Euch in dieser Welt gut aus“, wunderte sich das Götterkind. Möglicherweise kannte sich der Herrscher viel zu gut in dem Land aus.
„Diese Welt ist schließlich meine Heimat, junger Heroe“, meinte der Erwachsene, grinste und ging in die Knie, damit er sich mit den Augen in selber Höhe wie das Götterkind befand. „Du hast ein gutes Gespür… in zukünftigen Welten wird dieses Gespür dir sicherlich gute Dienste erweisen“, sagte der Mann und klopfte dem Jungen auf den blonden Kopf. Harkenias linke Hand war so groß, dass sie Klein- Links Kopfdecke mit Leichtigkeit umfassen konnte. Grinsend zerzauste er ihm das blonde, wilde Haar und grinste ihn fortwährend an.
Klein- Link zappelte und murrte dann. „Könnt Ihr damit nicht aufhören!“ Darauf lachte der Regent lediglich. „Na gut, lass‘ uns in das Gasthaus gehen, in Ordnung?“
Natürlich freute sich Klein- Link über eine Mahlzeit und folgte dem Erwachsenen mit einem Nicken.

Als Harkenia zusammen mit dem Jungen in das gemütliche Gasthaus am Waldrand eintrat, hoben sich sofort die Köpfe der in etwa zehn Personen, die sich hier den Bauch vollschlugen. Nicht jeder kannte den Regenten Harkenia ohne seine königliche Kleidung. Die einfache Tunika, die er im Augenblick trug, schien aus ihm einen ganz anderen Menschen zu machen. Und vielleicht erkannten ihn die meisten nicht einmal. Er grüßte, in dem er die Hand hob. Sofort eilte ein junges Mädchen aus der warmen Küche herbei. „Was wünscht Ihr?“ Selbst dieses junge Fräulein schien den Monarch nicht zu erkennen.
„Bitte den Tisch in der letzten Reihe…“, betonte der Erwachsene.
„Ihr meint diesen dort?“ Und die junge Dame deutete auf einen abseits stehenden Tisch für zwei Personen.“
„Ja, genau diesen“, grinste der Mann.
Klein- Link verharrte einen Augenblick und flüsterte der jungen Köchin zu. „Ist an dem Platz dort etwas besonders?“ Sie lächelte schwermütig. „Eigentlich nicht… nur… an diesem Platz saß immer der Heroe Hyrules.“ Damit ging sie in die Küche.

Harkenia und Klein- Link bestellten beide ein herzhaftes Frühstück und warme Milch. Beide schienen irgendwie den gleichen Geschmack zu haben.
„Schmeckt es?“, fragte der junge Mann.
„Sehr gut“, erwiderte Klein- Link und lächelte. „Und wo suchen wir jetzt eigentlich Navi?“
„Ah, richtig“, meinte der Regent. „Ich wurde von Zeruda unterrichtet, dass du sie in den Wäldern finden wirst. Ich werde dir helfen, das Feendorf aufzuspüren, wo sie sich im Moment aufhalten soll.“ Genüsslich schlürfte der Mann die Milch mit Honig.
„Zeruda… hat mir gesagt, deine Begleiterin wäre in einigen Schwierigkeiten“, setzte ihr Bruder hinzu.

In dem Augenblick traten drei Männer mit dreckigen Fratzen, nach Mist stinkender Kleidung und scharfen Waffen in die Gaststube ein. Ein dicklicher, untersetzter Kerl mit einer breiten Narbe auf der Stirn, setzte sich rotzfrech zu zwei schlemmenden Gästen an einen Tisch. Ein anderer, dünner, hochgewachsener mit langem, schwarzem Bart trat hinter die Theke und bediente sich selbst. Der dritte stand grinsend an der Tür und schabte sich mit der Spitze eines Dolches den Belag von den Zähnen.
„Wo wir grade von Schwierigkeiten sprechen…“, sprach Harkenia kühl.

Just in dem Augenblick kam die Küchenmagd wieder in den Speiseraum. Ihr Blick wurde ängstlich, als sie die drei Kerle sah. Hilfesuchend blickte sie zu dem Tisch, wo Klein- Link und der kampferfahrene Mann saßen.
„Na Süße, hast du diesmal nichts für uns vorbereitet?“, lallte der Kerl, der an der Theke stand und von einer Schnapsflasche trank. Die anderen beiden kicherten frech auf diese Bemerkung. Ein älterer Mann stand auf und sprach: „Wir wollen keinen Ärger, bitte geht jetzt.“ Auch darauf lachten die drei. Der Mann mit dem Dolch warf diesen knapp an dem Herren vorbei, der gerade das Wort erhoben hatte. Er rechnete damit, dass der Dolch sich in die hinterste Wand bohrte. Aber gerade da fing jemand den Dolch ab, ließ jenen elegant in der Hand kreisen und blickte kühl und überlegen in die Augen der drei Störenfriede.
„Verschwindet“, sprach Harkenia drohend und schien eine Macht zu demonstrieren, die man ihm und seinem frischen Erscheinungsbild nicht zutraute.
„Warum sollten wir“, murrte der dickste der Drei, erhob sich von seinem Platz und trat vor Harkenia, der nicht einmal mit der Wimper zuckte. Von Angesicht zu Angesicht starrten sich beide Männer in die Augen. Es dauerte Sekunden, ehe der Streitsuchende einen Schritt zurücktrat. Noch ehe jemand verstand, was geschah, packte Harkenia den dicken Kerl an den Armen, wirbelte diesen herum und hielt dessen Hände straff und geschickt an dessen Rücken gepresst. Der Schurke schrie gequält auf. Zu sehr schmerzte der Griff, den Harkenia ausübte. „Ich sagte, verschwindet“, flüsterte der Kämpfer, nah an dem Hylianerohr des Unruhestifters. „Ich kann euch natürlich sehr gerne dabei helfen.“ Und Harkenia verpasste dem dicken Mann einen so heftigen Tritt, dass er gegen seinen Verbündeten stieß, der knapp neben der Tür das Schauspiel begaffte. Beide flogen zur Tür hinaus.
Mit erschreckend eiserner Miene blickte Harkenia zu dem dürren Kerl, der noch immer an der Theke stand und die Schnapsflasche fest umfasste.
„Wirst du freiwillig gehen…“, sprach der Regent und knackte vorsorglich mit der linken Faust. Der Angesprochene nickte fahl und wollte mitsamt dem Selbstgebrauten aus der Gaststube stürmen. „Der Schnaps bleibt hier…“, sagte Harkenia. Artig stellte der Streitsuchende die Flasche auf einen Tisch und tapste hastig aus der Wirtsstube hinaus.
Harkenia lachte dann und meinte: „Das hat Spaß gemacht.“ Zufrieden setzte er sich wieder an den Tisch zu Klein- Link und schlürfte eine weitere Tasse heiße Milch mit Honig. Er ignorierte die erstaunten Blicke der meisten und reagierte auf die heftigen Danksagungen der Küchenmagd ebenso gelassen. Sie sollte keine große Sache daraus machen, bat er. Sie nickte höflich, verlangte aber keine Münze für das Essen.

„Das war unglaublich“, sagte Klein- Link, der mit großer Mühe hinter Harkenia her stapfte. Der Erwachsene hatte es nach seiner Mutdemonstration irgendwie eilig aus der Wirtsstube hinauszutreten und marschierte gleich darauf einen abgetrampelten Waldweg entlang.
„Vergiss das wieder, Junge“, sprach der Mann und senkte seinen Blick die ganze Zeit zu Boden.
„Aber warum? Ihr könnt einfach nur gut mit Worten, mit eurem Mut und Waffen umgehen. Wo habt Ihr das gelernt?“ Daraufhin blieb Harkenia stehen und blickte Klein- Link seufzend an. „Ich möchte, dass du nicht weiter darüber nachdenkst, Götterkind. Manche Dinge sollte niemand wissen… nicht einmal Zeruda.“
Nicht einmal Zeruda, dachte das Kind. Irgendetwas war hier doch mehr als faul. Klein- Link hatte sich schon gewundert, als dieser Mann ihm die Wirbelattacke vorgeführt hatte. Und dann seine Art, seine Charakterzüge. Irgendetwas stimmte mit dem Bruder Zerudas nicht. Nachdenklich blieb Klein- Link stehen und beobachtete, wie Harkenia weitertrat.
Hatte Harkenia von Rinku gelernt?
„Kommst du?“, rief der Mann, der schon zwanzig Meter weiter war und sich verwundert nach dem Jungen umdrehte. Er lächelte und winkte ihm zu. Auch wenn irgendetwas mit Harkenia nicht stimmte, entschied Klein- Link, er war so ein guter Mensch, so sympathisch. Es war egal, was er ihm verschwieg, solange er seine Gesellschaft genießen durfte.

Alsdann wanderten die beiden durch den dichten Laubwald, sahen Kobolde, Einhörner und viele andere Tiere des Waldes. In den späten Mittagsstunden zogen einige rauchige Regenwolken über ihren Köpfen hinweg und schickten einen angenehmen Schauer zur Erde. Der Weg führte weiter über ein großes Stück Wiese und schließlich wieder hinein in tiefen Wald. Teilweise mussten sich die beiden ihren Weg mit dem Schwert ebnen. Zu dicht und unbewohnt war hier der Wald, wo kein Hylianer je hingefunden hatte.
Als sie beide die erste Fee an ihnen vorüber fliegen sahen, wussten sie, dass sie richtig waren. Irgendwo hier in den Tiefen jener Wälder versteckten sich die Feen, lebten in einem Dorf zusammen.
„Hat Zeruda gesagt, in welchen Schwierigkeiten Navi steckt?“, fragte Klein- Link, während sie beide weiterhin Gestrüpp zerschnitten um den Weg passierbar zu machen.
„Nicht gänzlich… nur, dass es scheinbar nichts Lebensbedrohliches ist“, meinte der Mann.

In dem Augenblick flogen in etwa zehn Feen in allen möglichen Farben der Welt an den beiden vorüber. Sie flogen so geschwind, dass sich die Blätter und Äste bogen, als sie vorüber zischten.
„Anscheinend ist im Reich der Feen etwas im Gange“, sprach Harkenia. Er hatte noch nicht zu Ende geredet, als ein weiterer Schwarm der zarten Märchenwesen über ihren Köpfen hinweg zischte.
„Wow“, rief Klein- Link den Feen lautstark entgegen, und hoffte auf diese Weise etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich drehten sich drei von ihnen um und musterten die beiden Reisenden neugierig. „Was ist, du dummes Kind. Was willst du von uns?“, fragte eine rosa glühende Fee hochnäsig. „Und warum verschlägt es zwei von Euch stinkenden Menschen in die Welt der Kokarye. Nicht würdig seid Ihr unser eins zu treffen. Keiner von den Bäumen wird mit Euch reden, da ihr kostbare Blätter und edle Äste mit Euren zerstörerischen Werkzeugen getötet habt“, sprach eine grünschimmernde Fee. Der dritte, ein Feenjunge mit langem weißen Haar, nickte nur trotzig, verschränkte die Arme und streckte dem Götterkind die Zunge heraus.
„So eine Frechheit“, murrte Klein- Link entsetzt und grabschte nach dem Feenjungen, der jedoch schnell in die Höhe schoss. „Ich komme nicht einmal von dieser Welt, und Ihr beschimpft mich einfach so.“ Jetzt war Klein- Link genauso trotzig.
Harkenia legte ihm eine Hand auf die Schulter und übernahm das Wort: „Verzeiht, holde Feen der Wälder der Kokarye. Wir sind hier im Auftrag von Zeruda… Prinzessin Zeruda, die Rinku liebte, den großen Helden, der auch Euer unsterbliches Volk einst vor einem Fluch bewahrte.“ Sofort senkten die Feen ihre Häupter und flogen etwas näher. „Rinku, den… den wir einen der Kokarye nennen…“, sagte der Feenjunge und blickte neugierig in die Augen Harkenias. Er flog so nah an sein Gesicht, dass er sich auf dessen Nase setzen konnte. „Woher konntet Ihr wissen, dass er uns half. Er versprach es keinem Wesen zu erzählen. Nur ein kleiner Teil seiner Seele sollte dieses Geheimnis hüten.“ Harkenia schwieg darauf und starrte den Feenjungen unverhohlen an.
„Es ist in Euren Augen… Ihr…“, und der Feenjunge verlor vor Schreck den Halt. Auch die beiden anderen Feen waren nun ermutigt näher zu fliegen und blickten Harkenia misstrauisch, aber dann auch irgendwie erleichtert an.
„Unsere Königin wird Euch willkommen heißen…“, sprach der weißhaarige Feenjunge dann. „Denn unsere Gottheit ist zurückgekehrt. Bitte folgt Uns.“ Klein- Link stand nur verblüfft da und wollte dieses Ereignis nicht begreifen. Was war hier eigentlich gerade passiert?
„Klein- Link, so steh‘ nicht lange dort herum, du bekommst sonst noch Wurzeln“, murmelte Harkenia. Klein- Link hatte gar keine Ahnung, wie ernst diese Worte gemeint waren. Hastig rannte der Junge dem Erwachsenen hinterher und verstand allmählich dieses Hyrule nicht mehr. Was um Himmels Willen hatte die Feen gerade so überzeugt? Und wie war Harkenia an dieses Geheimnis gelangt? Hatte Zeruda es ihm erzählt?

Allmählich legte sich ein misstrauischer Schatten über die Welt Hyrules. Die Erinnerung schlich näher, erzählte von verbotenen Dingen, die Sterbliche zurückgelassen hatten. Etwas war geschehen, was selbst der mächtigen Zeruda entflohen war. Manches Wissen besaß nicht einmal der Weiseste. Die Zeit sprach für sich. Das Schicksal der Welt wandelte sich… allein durch die Hand zweier Sterblicher, die wussten, und die bereit waren sich selbst dafür zu opfern…

Stillschweigend kamen Harkenia und Klein- Link im magischen, blühenden Reich der Feen an. Vor ihnen lag ein friedvolles Paradies. Umgeben von riesigen Farnen, flüsternden Sträuchern und Bäumen, die lächelten, war hier ein reißender Wasserfall, dessen Wasser weit in die Tiefe preschte. Von oben herab wirkte der See am Grund, dort wo sich das Wasser sammelte, wie ein blauschillernder Wassertropfen, auf dem zahlreiche Feen spielten. Klein- Link spürte kleine Wasserflocken in seinem Gesicht, die von der großen Sturmflut stammen mussten. Hinter dem Wasserfall und auch daneben lag graues, funkelndes Felsengestein, in welches viele mausgroße Löcher eingefasst waren. Aus einigen flogen Feen und flogen auch wieder in jene Öffnungen hinein.
„Das ist die Stadt der Feen, Märchenquell…“, bemerkte Harkenia und deutete auf einen unscheinbaren Pfad zwischen dichten Laubgeschöpfen. „Und das wird unser Weg sein, Titania anzutreffen.“
„Wer ist das?“, meinte der Junge aus der anderen Welt.
„Die Feenkönigin, noch sehr jung, und eigensinnig, vielleicht etwas zu kompliziert“, lachte Harkenia und folgte dem Pfad, den er vorgeschlagen hatte. „Du solltest sie unbedingt höflich ansprechen. Desweiteren mag sie es nicht, wenn jemand ihr rosa Haar anstarrt.“
„Kann ja lustig werden“, murrte der Bengel und folgte dem merkwürdigen Erwachsenen weiterhin.

Es dauerte nicht lange, betraten die beiden eine Lichtung, die ebenso von zarten Wasserfällen umrahmt schien. Ein kleiner Fluss umschloss die grüne Lichtung wie ein Band. Winzige Steinbrücken führten über den Fluss hinweg. Für Klein- Link und Harkenia war es jedoch kein Problem mit einem Schritt über den Bach zu steigen.
Auf jener Lichtung streckte sich eine dichte Pflanze anmutig in die Höhe. Sie öffnete sich majestätisch. Kraftvoll und tief summend hoben sich schwere Blätter und eine blauschillernde Blüte mit roten Farbklecksen kam zum Vorschein. Auch die Blüte öffnete sich und ragte lässig über die Köpfe der beiden Gäste hinweg.
In ihrem Inneren erhob sich eine hübsche Fee, schlank und sehr groß gewachsen. Augen so rot wie Feuer. Und rosa, kurzes Haar zierte ihren Kopf. Sie trug ein Gewand aus weißen Blütenblättern und blickte die beiden Gäste neugierig an.
„Ein Feenjunge berichtete, hier… wo die Magie noch ihr Spiel spielt, ist jemand wiedergekehrt, der uns einst einen Dienst erwiesen hat. Dennoch… kann ich sein Antlitz hier nicht entdecken.“ Verwundert ließ sie ihre feurigen Augen zu Klein- Link schweifen.

Harkenia trat vor und verbeugte sich. „Verzeiht, Titania der Kokarye. Die Dinge liegen anders, als sie Euch berichtet wurden.“ Sofort blitzten ihre roten Augen auf. „Halt den Schnabel, Mann der Menschenwelt.“
Klein- Link schluckte. Harkenia hatte Recht behalten, diese Fee war ziemlich biestig.
„Wollt Ihr mir damit sagen, mein Volk lügt mich an?“ Harkenia schüttelte unschuldig mit den Händen. „Nein, ganz sicher nicht. Aber ich habe selbst zu verantworten, was niemand weiß…“, sagte er leise. Sie breitete ihre anmutigen, riesigen Flügel aus, die zweimal so groß waren wie jene gewöhnlicher Feen. Geschwind flog sie näher an Harkenias Nasenspitze und musterte seine dunkelblauen Augen.
„Ich verstehe… nicht einmal Prinzessin Zeruda kennt das Geheimnis… und doch steht Ihr vor mir, der, den auch ich einen der Kokarye nenne. Ihr seid zurückgekehrt, Heroe…“, sagte sie leise.
Moment, dachte Klein- Link. Heroe? Was um Himmels Willen deutete diese Fee an?
    
Sie legte ihre kleine, zarte Hand an Harkenias linke Wange. „Schwermut trübt Euer Herz. Was Ihr erfahren musstest, was Ihr erleiden musstet…“ Eine feuerrote Träne rannte Titanias Wange hinab. „Alles… damit ein Schicksal fortgeführt wird, was für Hyrules tausendjährige Zukunft sehr bedeutsam ist.“ Harkenia schloss trübsinnig die Augen.
„Nicht nur ich litt, Königin der Kokarye. Zeruda… Harkenia…“, erwiderte er und schwieg dann.

Entgeistert blickte Klein- Link den erwachsenen Mann an. Was wollte dieser Mann damit sagen? Warum sprach er von dem Leid, dass Harkenia ertragen musste? War er nicht selbst Harkenia, der I.?

Leicht lächelnd drehte sich der Mann zu dem Götterkind um, kniete nieder und legte dem Jungen die linke Hand auf die Schulter. „Es sieht so aus, als müsste ich dir etwas erklären, Götterkind… Ich bin nicht Harkenia, zumindest nicht im Moment… Mein Name, der Name der Seele, die in diesem Körper steckt, die dir bisher begegnet ist, und die dich unterrichtet hat mit dem Schwert umzugehen… Der Name dieser Seele ist Rinku.“

Rinku, einer der ersten Heroen…
 
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