Kapitel 117
 

21. Ein vergessenes Schicksal… Teil 6

 

 

Die Nebelschwaden waren quellenddicht, beißend und nass und ließen den jungen Weltenwanderer seine Umgebung nicht ausmachen. Hässliche weiße Fratzen bildeten sich vor Klein-Links Körper, umzingelten ihn und verschwanden je hektischer er vorwärts eilte. Er ahnte, dass er sich irgendwo auf leeren Weiten befand, irgendwo, wo weder Dörfer noch Wälder, noch sonst eines von Mutter-Naturs Werken zu finden war. Auf einem vertrockneten Pfad mit tiefen Rissen im Gestein und einer mit weißer Farbe gemalten Linie lief der einsame Streiter vorwärts und hoffte auf ein Ende des Weges. Es kam ihm vor, als wäre er bereits mehrere Stunden unterwegs. Die Einsamkeit und unheimliche Stille ließen ihn sich unwohl fühlen. Kein Geräusch drang durch die Nebelschwaden. Nicht ein Mucks. Die Leere hier im Nirgendwo und die fehlende Gesellschaft von Navi machten ihn nervös und er spürte eine marternde Aufregung in seinen Gliedern. Sein Brustkorb schmerzte vor Anspannung und sein Herz trommelte wie wahnsinnig. Hektisch wand er sich um seine Achse, hatte Angst vor jeder Bewegung, die er machte, Angst sich zu verlaufen und eine immense Angst vor böswilligen Kreaturen, die sich aus dem Nebel oder den tiefen Rissen im Gestein auf ihn stürzen könnten. ,Immerhin ein menschliches Gefühl‘, dachte er halbherzig. Sollte er sich nicht freuen, dass er in dieser Mission genau jene Erfahrungen machte, die er einst ersehnt hatte? War es nicht immer sein Wunsch gewesen sich menschlich zu fühlen und Existenz zu wollen? Und jetzt, wo er es hatte, nervte es ihn ab und an und er konnte die Erfüllung jenes einstigen Wunsches nicht einmal mehr schätzen. ,Bei den Göttinnen‘, dachte er. ,Ich bin wahrlich ein kleiner, törichter Junge…‘

 

Den Blick zu Boden gerichtet und angsterfüllt der schneeweißen Markierung auf dem Gestein folgend tapste er vorwärts und nahm zunächst nicht wahr, dass sich die dichten, flockigen Nebelschwaden zurückzogen. Unachtsam hetzte er weiter, stolperte über seine Füße vor Nervosität und verlor das Gleichgewicht. Tief einatmend, sich den Angstschweiß von der Stirn wischend, richtete er seinen Blick nach oben und staunte nicht schlecht angesichts eines verwunschenen Ortes, den noch keine Menschenseele gesehen hatte. Er fragte sich, ob er träumte, als die Markierung endete und er sich an einer Klippe wiederfand, die steil in eine unendlich scheinende Tiefe mündete. Vorsichtig blickte der werdende Heroe in die Tiefe, sah Sterne im Abgrund funkeln als vergangene Lichter einer anderen Zeit. Über jenem Abgrund verliefen robuste Steinbrücken, die zu drei Inseln führten. Drei Inseln, die auf felsigem, grauen Untergrund in den Lüften zu schweben schienen. Über Klein-Links blondem Kopf ergoss sich ein Meer aus weißen, gelben und roten Farben, als mischte ein Gott spielerisch einen Himmel zusammen. Und jene lichten Farben bewegten sich und ab und an tropfte die Farbe wie Regen nieder in den Sternenabgrund. Einige kleine Tropfen gelber Farbe trafen auch Klein-Links Haupt und benetzten die wiesengrüne Mütze.

 

,Wo bin ich hier?‘, fragte er sich, wissend, es ergab keinen Sinn die Rätsel der Welten alle zu kennen und auch dieses würde ihm vielleicht niemand erklären. Mit seinen scharfen, himmelblauen Augen musterte er die drei Inseln und versuchte über die Entfernung Gebäude oder Besonderheiten auszumachen. Eine jener Inseln, so sah er aus der Ferne, war eher klein und leer. Auf den anderen beiden waren Vegetation vielleicht auch Dörfer und Lebewesen zu finden.

 

Sich Mut machend trat er vorwärts, betrat die Steinbrücke und versuchte nicht in den Abgrund zu schauen, um sich vor Übelkeit zu bewahren. Er hatte zwar keine Höhenangst, aber es fühlte sich nicht gut an, in diese Tiefe zu blicken…

Und während er zielstrebig vorwärts trat, sich wünschend, er hätte die oftmals quengelnde, zickige Navi endlich wiedergefunden, bemerkte er nicht den leisen Schatten, der sich genauso wie er selbst bewegte. Er spürte nicht das heimtückische und gefährliche Wesen, das ihm folgte…

 

Außerhalb des Glaspalasts, im sanften Reigen der großschirmenden Blätter, umgeben von fröhlichen Lichtspielen, hockte die erste Prinzessin der Hylianer auf einem abgewetzten Steinpodest. Sie kniete nieder, legte ihre Hände in eine alte Gebetshaltung und ließ sich auf die schwere Leere in ihrer Seele ein. Sie meditierte, versuchte ihr Bewusstsein auszuschalten und stattdessen altes Wissen heraufzuheben. Ihre Atmung ging tief. Ihre Augen waren fest verschlossen. Und ihre Seele ging gerade auf Wanderschaft, als sie eine kühle, schmale Hand auf ihrer Schulter spürte. Erschrocken wirbelte die Adlige umher, krallte sich ihr Langschwert und stieß dieses geschwind und ohne Nachzudenken nach hinten. Ein erschrockener, heller Schrei ging umher und ließ die Vögel aus den Baumkronen kreischend davon stürzen. Und als Zeruda sah, wer da hinter ihr stand und was sie gerade getan hatte, ließ sie überrascht ihr Schwert fallen. Und mit dem Schwert fielen graue Locken zu Boden, die sie im Eifer des Gefechts unabsichtlich abgetrennt hatte.

 

Vor ihr stand ein Wesen, dem die Prinzessin schon einmal begegnet war. Es war eines jener Wunderwerke, über das viele Geschichten existierten. Zeruda war damals noch ein Kind, als die Schlacht der Engel stattfand und sie war der einzigen Überlebenden bereits schon einmal begegnet.

„Niléz?“, sprach die Prinzessin erstaunt und blickte in ein Paar mysteriöse Augen einer gealterten Frau. Eine graue Robe bedeckte ihre Gestalt und die Kapuze war zurückgeschlagen. Man konnte an dem Erscheinungsbild jener Dame nicht erkennen, dass sie nicht menschlich war. Ihre Flügel waren verborgen. Und sie wirkte menschlich mit dem stillen, geruhsamen Lächeln in ihrem faltenreichen Gesicht. Menschlich und schön…

„Hallo Prinzessin“, sagte die Frau leise und lächelte. Sie besaß eine warme, ruhige Stimme, als rief ein Kind in friedvollen, goldenen Wäldern nach Spielgefährten.

„Was führt Euch hierher?“, fragte Zeruda erstaunt. Ja, sie wusste, was mit dieser Frau geschehen war. Sie wusste, dass sie die einzige Verbliebene eines alten magischen Volkes war und sie hatte vielleicht noch mehr gelitten als Zeruda nach dem Verlust von Rinku und ihrem Baby… Aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was Niléz hier wollte. War sie nicht vor Jahren schon zu den Göttinnen in das Himmelshaus geführt worden?

 

„Ist der junge Weltenwanderer nicht bei Euch?“ Sie wirkte sehr wissbegierig. Zeruda war jener alten Dame nicht feindlich gesonnen, dennoch wunderte sie, dass sich jener Engel Gedanken um einen Heroen Hyrules zu machen schien.

„Ich frage mich, woher Ihr wisst, dass er sich in dieser Welt aufhält, was Ihr mit Eurer Anwesenheit bezweckt und überhaupt wundert mich, dass Ihr ihn scheinbar kennt.“ Doch die reife Frau lächelte nur wieder, schien sich durch Zerudas Zweifel nicht beirren zu lassen. „Ich traf ihn einige Male und wollte mich bei ihm bedanken.“

„Bedanken, wofür?“ Selbst Zeruda, die eine Seelenleserin war, wusste nicht, worum es hier ging. Sie konnte Niléz‘ Erscheinen hier nicht einordnen und nicht ahnen, was das Götterkind mit den Engeln zu schaffen hatte. Sie konnte vielleicht hinter die Fassade von Hylianern schauen, aber nicht hinter die eines Engels.

„Nun…“, sprach der Engel vorsichtig. „Er tat etwas in meiner dunkelsten Stunde… und leistete mir Gesellschaft im Haus der Götter. Er war jemand, der Herzen zum Lächeln bringen konnte und der nicht wusste, wie menschlich diese Eigenschaft war.“

„Und warum wollt Ihr euch gerade jetzt bei ihm bedanken?“

„Es ist mir endlich gestattet zu gehen… und das habe ich jenem Heroen, obwohl er nur ein Kind ist, zu verdanken.“ Der weibliche Engel blickte mit geschlossenen Augen zu Boden. ,Sie war edel‘, dachte Zeruda, und schien im Umgang mit anderen Geschöpfen sehr behutsam geworden zu sein. Und trotz der grauen, gelockten Haare und ihrer Falten war da Frische und ein Teil Jugendlichkeit, die den Engeln eigen war.

„Ihr wollt gehen?“, murmelte Zeruda. „Ihr meint, ins Haus der Götter?“, fragte die Prinzessin verblüfft.

„Nein, ich verbrachte bereits Ewigkeiten im Haus über den Wolken“, erklärte der Engel und zeigte keine weitere Regung. Sie wirkte unglaublich diszipliniert, zuckte nicht mit ihren grauen Wimpern, verzog ihr faltenreiches Gesicht nicht weiter und bewegte sich nicht, als wäre sie erstarrt. ,Sie schien nicht einmal zu atmen‘, dachte Zeruda. Schon damals, als sie ein Kind war, und jener Frau begegnet war, erstaunte die Hylianerin angesichts der Anmut und Magie, die jenes Wesen ausstrahlte. Und manchmal wirkten diese Geschöpfe so beherrscht, als wäre da eine grausame Leere und Kälte in deren Herzen… 

„Bitte grüßt den Weltenwanderer von mir“, sprach Niléz leise. „Ich danke ihm für die vielen Gespräche in den Gärten des Lebens. Und ich kann mich nicht persönlich verabschieden.“ Zeruda wollte nicken, entschied sich aber dann dagegen. Sie verschränkte ihre Arme abtuend. Vielleicht war es keine große Sache, dem Götterjungen dies zu sagen, vielleicht war es gut, wenn sie sich nicht einmischte, aber auf der anderen Seite wollte Zeruda den Burschen vor jeglichen schlechten Gefühlen bewahren. Und Abschiedsschmerz gehörte zu diesen Dingen, die die Prinzessin der Hylianer Klein-Link mittlerweile ersparen wollte. Sie wollte ihn beschützen, selbst vor solchen unangenehmen Gefühlen. Vielleicht freute er sich, dass Niléz sich bedanken wollte, aber es würde ihn auch traurig machen, dass sie in die Schatten ging.

 

„Das kann ich Euch nicht versprechen…“, erwiderte die Adlige.

„Das muss mir dann reichen“, sagte das heilige Wesen. „Lebt wohl, Zeruda…“ Der Engel lächelte noch einmal und erst dann kamen ihre weißen, kräftigen Flügel zum Vorschein. Mit einem Schlag ihrer Flügel, sodass weiße, lange Federn zu Boden fielen, stieß sie sich ab und verschwand im weiten Horizont. Prinzessin Zeruda blickte Niléz mit einem unguten Gefühl hinterher, bis sie nur noch ein kleiner Punkt am Himmel war. Für das Götterkind, so entschied sie, während eine Träne über ihre Wange tropfte, würde es Abschiedsschmerz nicht geben. Für den Jungen, den sie beschützen wollte, würde es Leid nicht geben. Dafür würde sie ab heute sorgen…

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte Klein-Link die erste schwebende Insel in der weiten Sternenlandschaft. Auf scheinbar fruchtbarer, weicher Erde, war hier ein gigantisches Labyrinth aus festem, glattem Stein errichtet worden, vielleicht Granit oder sogar Marmor. Herzförmiger Efeu und Blumen mit violetten, dunklen Blütenblättern wuchsen hier und schmückten teilweise jene hohen, glatten Gesteinswände, die der Junge nicht mit Darüberklettern überwinden konnte. Dort waren mehrere Eingänge zu dem Labyrinth und wenige Meter vorher die Aufmerksamkeit einfangend war eine Steintafel, die an Seilen angebunden in der Luft schwebte. Verwundert richtete der Junge seine spitze Nase in den Horizont, aber er konnte nicht sehen, wo diese Seile festgemacht wurden.

Er setzte gerade einen Fuß auf erdigen Grund, als die Steinbrücke, die er soeben überquert hatte, krachend und tosend in sich zusammenfiel. Erschrocken wirbelte er herum und sah einige zerstörte Steinquader in dem Sternenabgrund verschwinden. ,Beim heiligen Deku‘, dachte er. ,Da fiel sein einziger Weg zurück in sich zusammen.‘ Er räusperte sich und schüttelte entnervt seinen jungen Schädel, sodass seine grüne Mütze baumelte. Bemüht Ruhe zu bewahren blickte sich der junge Kämpfer um, betrachtete sich das steinerne Labyrinth mit Entschlossenheit in seinen himmelblauen Augen. Er trat vorsichtig weiter, achtete auf jedes noch so kleine Geräusch aus der Ferne und versuchte mutig zu bleiben. Erst jetzt fielen ihm die vielen uralten, hylianischen Zeichen auf, die in das gräulich schimmernde Gestein der hohen, glatten Wände eingefasst waren. Und auch auf jener Steintafel vor seiner spitzen Nase konnte er hylianische Schriftzeichen ausmachen. Er tapste näher und las die wenigen Zeilen mit Bedacht. Er grinste und dachte daran, dass ihm die Göttinnen glücklicherweise ein sehr umfangreiches Wissen über alte Sprachen und Schriften mitgegeben hatten. Vielleicht war er deshalb in den bisherigen Welten so unauffällig geblieben.

 

„Drei Prüfungen sollen den Pfad erheben. Ein Kampf für Kraft. Ein Abgrund für Mut. Ein Rätsel für Weisheit.“ Klein-Links las die Worte laut vor und war fasziniert. Wenn er es schaffte eine solche Prüfung zu meistern, war sein zukünftiger Vater sicherlich stolz auf ihn. Er musste sich jetzt beweisen, dass er das Potential zu diesen Taten hatte.

,Okay‘, dachte er. ,Dies waren seine drei Prüfungen. Und erst, wenn er diese gemeistert hatte, würde sich ihm der Pfad ins Reich der Unsterblichen öffnen. Und erst dann würde er Navi finden. Er musste sich mittlerweile sogar eingestehen, dass er die zickige, furchtbare Fee vermisste…

„Dann mal los!“, rief er, um sich anzuspornen. Seine Stiefel bewegten sich langsam vorwärts, bis ihn das Labyrinth verschluckte…

 

Es war unglaublich dunkel inmitten des Irrgartens. Nur ein Schimmer des gemalten Horizonts stach durch die Finsternis und ab und an tropfte die Farbe des Himmels auf Klein-Links blonden Schopf. Glücklicherweise reichte das Licht der Farben um zumindest seine direkte Umgebung ein wenig zu erhellen. Ab und an trat er durch tiefe Pfützen aus dreckigem Wasser, ab und an war der Weg von dicken, knorrigen Wurzelwerk überlagert und bisher war in diesem Labyrinth alles ruhig. Er fragte sich, welcher der drei Herausforderungen ihn in diesem Irrgarten erwarten würden. Ob dies alles glimpflich für ihn ablaufen würde? Ob er überhaupt in der Lage war einen weiteren Kampf zu überstehen? Er seufzte. Es brachte ja nichts sich darüber noch den Kopf zu zerbrechen. Irgendwie würde er es hier schon heraus schaffen. Zumindest hoffte er das…

 

Er lief weiter vorwärts. Vereinzelte, schwache Nebelschwaden schlängelten sich wie Schlangen durch das Labyrinth und erfassten ihn tückisch, wurden noch im selben Augenblick von ihm weggeschlagen. Wie wild geworden wehrte er sich gegen die lebendig wirkenden Nebelmassen und hetzte weiter. Seine Hände ruhten  fest auf dem Griff seines Schwertes. Und als die Stille von weitentfernen hallenden und kreischenden Tönen durchstoßen wurde, kam eine weitere kraftfordernde Nervosität über ihn. Was war, wenn er sich in diesem Irrgarten verlaufen würde? Es gab hier einige Abbiegungen und sicherlich einige Sackgassen. Vielleicht war es sinnvoll irgendwo eine Markierung zu machen. Gesagt getan. Und der Junge schleifte sein Schwert auf eine raffinierte Weise hinter sich her, sodass die Schwertspitze eine feine Linie im erdigen Grund hinterließ. Hoffend, dass er sich mit dieser Markierung orientieren konnte, trat er weiter. Nach wenigen Minuten erreichte er einen etwas größeren Raum auf seinem Weg und zugleich eine Sackgasse. Er blickte sich aufmerksam um, aber konnte neben ein paar violetten Blümchen und wenigen Wasserpfützen nichts entdecken, was ihm weiterhelfen würde. Er schaute hinauf in das buntgemischte Farbenmeer und sah lediglich ein Seil weit oben hängen, das er aber nicht so einfach erreichen würde. Kapitulierend trat er wieder zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. 

 

Erneut an der erklärenden Steintafel und am Beginn des Labyrinths angekommen, versuchte Klein-Link den nächsten von insgesamt fünf Eingängen. Er rannte schon beinah, fühlte sich unruhig und spürte mittlerweile eine Schweißperle nach der anderen an seiner Stirn hinab wandern. Aus irgendeinem Grund machte ihn dieser Ort ungeheuer nervös.

Auch bei diesem Pfad erreichte der Junge eine Sackgasse. Am Ende des Weges war in das feste, glatte Gestein ein Gittertor aus glänzenden Eisenstäben eingefasst. Undgeduldig rüttelte der Bengel an dem Tor, versuchte es mit allen Mitteln zu öffnen, sah aber sehr schnell ein, dass er dafür einen Schlüssel benötigen würde. Er gab auf und wischte sich mit der Linken über seine schwitzende Stirn und grinste sarkastisch. Hatte er wirklich geglaubt, er würde hier einfach durch spazieren und sofort eine Lösung finden? Genervt trat er mit dem rechten Fuß gegen die Wand, atmete tief durch und lief auch diesen Weg zurück zu der wartenden Steintafel…

 

Er versuchte den dritten Eingang, hetzte einen bogenförmigen Pfad entlang, übersah die vielen Erdhaufen auf dem Weg und achtete nicht auf eine raffinierte Markierung im Gestein. Zu seiner Enttäuschung endete der Weg bei einem weiteren Ausgang an der Steintafel. ,Na toll‘, dachte er frustriert. Jetzt hatte sich auch der vierte Eingang damit erledigt.

 

Etwas ratlos trat er noch einmal an die hängende Steintafel und versuchte zwischen den Zeilen zu lesen. Aber er fand einfach keinen Hinweis. Er schüttelte seinen Schädel, fühlte sich irgendwie unfähig und versuchte sein Glück mit dem fünften und letzten Eingang in das Labyrinth. Mutig, aber ratlos bewegten sich seine dünnen Beinchen durch Matsch und Pfützen, bis er auch hier einen größeren Raum, eingefasst zwischen den Mauern vorfand. Ebenfalls war hier eine Sackgasse, aber in der Mitte des Raumes, auf einer sonderbaren, blütenförmigen Statue ruhte ein Spiel, das er bereits einmal gesehen hatte. Neugierig tapste er näher und begutachtete das Spiel der sieben Weisen; und auf dem Spielbrett waren bereits einige Weisen komplettiert. Und noch etwas zog seine Aufmerksamkeit in jenem Raum auf sich. Rechts von ihm war ein Hebel an der Wand angebracht. In Vorfreude, ob das des Rätsels Lösung war, versuchte er den ziemlich großen, metallenen Hebel nach unten zu drücken, musste sein gesamtes Gewicht darauf stemmen, dass es funktionierte und siehe da. Er hörte ein kleines Poltern aus der Ferne, was ihm Hoffnung gab, dass sich in dem Irrgarten etwas verändert hatte. Etwas lachend trat er zurück und nahm erneut nicht wahr, dass ihm jemand folgte.

 

Seine himmelblauen Augen stachen durch die Finsternis, als er hinter sich einen kurzen Luftzug spürte. Und plötzlich legten sich einige schmale, lange Finger auf seine rechte Schulter. Mit einem gellenden Schrei wirbelte der Junge herum und führte seine scharfe Waffe horizontal mit sich. Die Gestalt hinter ihm fing das Schwert jedoch mit Leichtigkeit ab und riss die schwere Waffe mit einer flinken Bewegung aus seiner Hand.

„Nana, wer wird denn gleich so aggressiv werden, obwohl ich aggressive Wesen mag“, kicherte ein Mädchen, das er seiner Meinung nach noch nie gesehen hatte. Klein-Link stürzte vor Schreck auf seinen Hosenboden und fragte sich, wie dieses Mädel hierher kam. ,Sie wirkte wie ein Clown oder ein Gespenst‘, dachte er. Sie trug ein paar spitze bunte Schuhe, eine schlabbrige, dreiviertel lange grüne Hose und eine purpurrote tunikaähnliche Gewandung. Eine schwere blaue, aber wie Metall schillernde Weste bedeckte ihren dürren Oberkörper zusätzlich. Aber das, was den Jungen am meisten verblüffte, waren diese eigenwilligen schwarzen Haare mit roten, blauen und grünen Strähnen. Er gaffte das Geschöpft an, als käme jenes aus dem heiligen Reich.

„Du darfst aufhören mich zu betrachten. Ich weiß ohnehin, dass ich hübsch bin“, lachte sie bissig und reichte dem Jungen eine ihrer schmalen, eisigen Hände. Er ließ sich aufhelfen, fühlte sich aber in der Gegenwart von dieser starken, geschickten Dame nicht gerade wohl. Es gefiel ihm nicht, dass ein Mädchen, auch wenn sie vielleicht zwei, drei Jahre mehr auf dem Buckel hatte, so stark war. Als er mit ihr auf selber Höhe stand, betrachtete er ihr käseweißes Gesicht. Es schien, als hatte sie in ihrem Leben die Sonne noch nie gesehen. Pechschwarze, lodernde Augen strahlten aus ihrem Gesicht hervor, hauchten ein finsteres Leben in jenes kreidebleiche Gesicht.

 

Klein-Link kam nicht einmal dazu, seine Stimme zu erheben, dass das Mädchen wieder den Ton ergriff. „Du fragst dich sicherlich, was ich hier mache, was?“ Sie zischte, und hatte eine sehr unangenehme, schiefe Stimme. Er nickte. Er war in diesem vergessenen Reich der Unsterblichen schon einem komischen Mann begegnet, sodass ihn das Erscheinen dieser ulkigen Dame auch nicht mehr sonderlich beeindrucken konnte.

 

„Nun, weil du so süß bist…“, lachte sie, worauf der Junge schamrot anlief. „… dachte ich mir, ich schau‘ einmal vorbei und verhindere, dass du in dein Verderben rennst.“ Er kratzte sich am Kopf und grinste dümmlich: „Ähm, das ist wirklich nett.“ Er wusste nicht so recht, wie er mit Schmeicheleien umgehen sollte. Bisher hatte noch kein Mädchen so etwas zu ihm gesagt. Klar, er hatte bereits Liebesbriefe bekommen, aber es war etwas anderes, wenn ihm ein weibliches Wesen das unter die Nase rieb. Das Misstrauen ihr gegenüber war scheinbar gar nicht erst aufgekommen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie irgendetwas Hinterhältiges im Sinn hatte. Warum sonst sollte sie ihm helfen?

„Ich bin immer nett, aber nur zu denen, die ich interessant finde“, erklärte sie. Und naiv wie Klein-Link noch war, konnte er sich daraus keinen Reim machen, sondern freute sich noch darüber Gesellschaft zu haben.

„Kann ich dann mein Schwert wieder haben?“, meinte er vorsichtig und grinste etwas unbeholfen. Das Mädchen lächelte schief, schaute abwechselnd von dem Schwert zu Klein-Links erwartenden himmelblauen Augen, aber reichte ihm die Waffe ohne Murren. Zufrieden steckte er Harkenias Klinge in die Schwertscheide zurück.

 

Sie winkte ihm zu, was so viel hieß, wie, dass er ihr folgen sollte. Und Klein-Link marschierte erheitert hinter dem merkwürdigen Wesen hinterher. Er steckte seine Hände hinter den Kopf, fühlte sich seit langem wieder entspannter und beobachtete die Dame amüsiert. Sie sah wirklich interessant aus mit den schulterlangen, wilden Haaren und diesem bunten Outfit. Er trat neben sie und musterte sie intensiver. „Sagst du mir, wie du heißt?“

„Nöööö“, sprach sie langgezogen und kichernd.

„Und warum nicht?“, wollte er wissen und strahlte sie mit seinen unschuldigen, himmelblauen Augen an.

„Weil ich dir gegenüber geheimnisvoll bleiben will.“ Sie feixte und zog ihre bleichen, weißen Lippen fast abartig und unmenschlich in die Länge.

„Äh… wie… wie…“ Er kratzte sich am Kopf und suchte nach dem richtigen Wort.

Sie kicherte wieder. „Du gefällst mir mit deiner Verlegenheit, mein Göttlicher.“ Sie zwinkerte ihm zu, was ihn nur noch nervöser machte. Angestachelt durch ihre verführerische und distanzüberschreitende Persönlichkeit marschierte der Junge vorwärts, überholte sie und hoffte, sie würde ihn nicht noch verlegener machen. Jetzt verstand er seinen Vater endlich, der bei solchen Kommentaren auch gerne die Flucht ergriff.

 

Er trampelte weiter, bis die Dame mit einem beherzten Sprung, den man ihrer mageren Gestalt nicht zutraute, über seinem Kopf darüber hüpfte. Sie breitete ihre Arme vor ihm aus und hinderte ihn an seinem Weg. „Was ist?“

„Nicht so schnell, mein Hübscher. Du willst doch nicht von der Falle zerhackt werden. Das wäre wirklich schade um dich.“

„Falle?“, platzte es erstaunt aus ihm heraus. 

„Dadurch, dass du diesen Hebel betätigt hast, öffnet sich vielleicht ein Pfad nach draußen, aber damit aktivierst du auch ein paar üble Mechanismen.“

Noch ungläubig schaute er von ihrem spitzen Ohren nach vorne, konnte an dem Weg aber keine Veränderung und auch sonst keine Gefahr feststellen. 

„Pass‘ auf, ich beweise es dir.“ Sie tapste fröhlich und hüpfend weiter, als mit einem schneidenden, berstenden Geräusch in etwa zehn Sensen aus den Wänden geschossen kamen. Sie hüpfte kichernd zwischen den scharfen Klingen durch, bis sie eine der Sensen mit ihrer bloßen Hand aufhielt.

Klein-Link sah drein, als würde er explodieren und wusste nicht, ob er sich bei dem Mädchen bedanken oder auf der Stelle in Ohnmacht fallen sollte. Seine Kinderbeine zitterten bei dem Gedanken, dass er sich beinah umgebracht hätte.

„Du musst noch einiges lernen. Vor allem aber deine Umgebung zu beobachten und merkwürdige Dinge ins Auge zu fassen und auf deinen sechsten Sinn zu hören. Du hast diesen, aber bisher ignorierst du das. Dabei würde dich das wesentlich attraktiver machen, wenn du einmal in dich hinein hören würdest. Aber…“ Sie grinste wieder und kicherte ihm entgegen. Ihr Lächeln war unglaublich einprägend. „… deswegen mag ich dich trotzdem.“ Sie tänzelte näher, packte ihn an seiner rechten Hand und zog den verdatterten Jungen hinter sich her. 

 

Als das seltsame Mädchen und ihr wehrloses Anhängsel Klein-Link einmal mehr den Anfang des Irrgartens erreicht hatten, hüpfte sie vergnügt bis hinauf auf die Mauer, nahm Platz und ließ ihre Beine baumeln. „Den Rest schaffst du alleine, mein Süßer. Du musst dich nur in den verschiedenen Räumen noch besser umschauen. Ich gebe dir den Tipp Erdhaufen und Pfützen zu mustern. Und denk‘ daran, dass du durch betätigte Hebel auch Fallen auslöst.“

„Danke, das war echt hilfreich.“

„Keine Ursache. Du wirst später noch merken, wie hilfreich ich sein kann“, lachte sie.

„Das heißt, wir sehen uns wieder?“, meinte Klein-Link grinsend.

„Das hängt davon ab, ob du artig bist, mein Göttlicher.“ Auch diese Aussage überforderte den Jungen. Er zwinkerte und war etwas durcheinander.

„Hey, weißt du vielleicht, wo Navi ist? Sie ist meine Begleiterin und wurde in dieses Reich verschleppt. Sie hat blondes, langes Haar und giftgrüne Augen.“ Daraufhin verengte die Angesprochene ihre Augen schlitzartig. „Wie wichtig ist sie dir?“

„Nun ja, sie ist meine Freundin und Begleitung.“

„Und das heißt?“

„Natürlich ist sie mir wichtig.“

„Du wirst sie schon wieder finden“, entgegnete das Mädchen und grinste schelmisch, fast so, als verheimlichte sie etwas. Sie warf ihm noch einen Kussmund zu und verschwand in einem Reigen bunter Splitter. 

,Das war ja Mal ein interessanter Charakter‘, dachte der Junge. Vielleicht würde seine Mission noch viel spannender werden als er dachte…

 

Er versuchte es noch einmal mit dem ersten Eingang, sah die Markierung, die er auf dem Boden hinterlassen hatte und fand in der etwas größeren Sackgasse tatsächlich eine Veränderung vor. Das Seil, welches so weit oben baumelte, hatte sich ein paar Zentimeter nach unten bewegt, aber ergreifen konnte er es immer noch nicht. ,Auch gut‘, dachte er und trat aus Versehen in eine dreckige Wasserpfütze, die teilweise von den orangenen Farben des bunten Himmels durchtränkt war. Was hatte das Mädchen gesagt? Er sollte sich Pfützen genauer anschauen? Also kniete er nieder und überwand den Ekel in diese sich gallig anfühlende Substanz hinein zufassen. Es stank widerwärtig, aber er wollte ein Held werden, nicht? Und Helden mussten sich gelegentlich die Hände schmutzig machen. Er tastete sich vorwärts, war etwas geschockt, wie tief jene Pfütze war, aber konnte nichts entdecken. Er versuchte es bei der nächsten Pfütze… und tatsächlich konnte er in der dritten Pfütze ein kleines, kupferfarbenes Schlüsselchen hervorbringen. Er freute sich und verstaute jenen in seiner Gürteltasche.

 

Er trat mit wachsameren Augen zu der Sackgasse, wo ein verschlossenes Tor ihn am Vorankommen hinderte, steckte den Schlüssel mit freudiger Erwartung ins das vorgesehene Loch und grinste, als sich das Tor öffnen ließ. Dahinter war ein Raum mit einem weiteren Hebel. Diesen betätigte der junge Heroe und marschierte vorbereitet weiter. Auch diesmal kamen scharfe, schmale Sensen aus den Wänden, aber Klein-Link blieb ruhig, wartete, bis sich jene nicht mehr bewegten und hechtete weiter. Er wollte überprüfen, ob in irgendeinem Zugang noch andere Hebel verborgen waren. Und so schritt er mutig von dannen, spürte nicht, dass er noch immer von einem leisen Schatten beobachtet wurde…

 

Er betätigte auch in dem bogenförmigen Gang weitere Schalter, die unter verschiedenen Erdhaufen verborgen waren, bis er keinen Hebel mehr finden konnte. Aus seinen Augenwinkeln sah er an den Wänden eine merkwürdige Malerei, die aussah wie ein Spielbrett… Er schlug sich auf die Stirn angesichts seiner Dämlichkeit und prägte sich die Anordnung darauf ein. Aufgeregt lief er zurück in jenen Raum, wo das einzelne Seil von der Decke hing. Aber noch immer war es viel zu weit oben, als dass er es erreichen konnte. Blieb nur noch das Rätsel um das Spiel der sieben Weisen… 

 

Er rannte mit inzwischen knurrenden Magen zu dem Bereich mit dem Spiel, ordnete die Figuren darauf so an, wie es auf der Malerei aufgezeigt war und einmal mehr polterte es in dem Labyrinth. Überprüfend folgte der blonde Schwertträger seinem Weg und grinste, als er endlich das Seil ergreifen konnte. Er zog daran und stellte fest, dass es durchaus stabil war. Unter Leibeskräften zog er sich an dem Seil nach oben. Schweißperlen tanzten über seiner Stirn und seine Arme schmerzten übel. ,Himmel‘, murrte er in Gedanken. ,Warum hatten die Göttinnen ihn auf sowas nie vorbereitet?‘ Es schlitzte in seinen Armen, als er versuchte höher zu klettern und kam sich erbärmlich vor bei dem Gedanken, dass er ein Held werden wollte und er nicht einmal die Kraft hatte sich an diesem Seil hinaufzuziehen. Sein Körper fühlte sich an wie ein mit Kohlen gefüllter Sack, als er in schwindelerregender Höhe hing. Piepsend blickte er sich um und sah von hier oben das andere Ende der Insel in greifbarer Nähe. Und dort, nicht weit weg, war eine Brücke, die ihn über den Abgrund tragen könnte. Er grinste unter fiesen Schmerzen in seinen Kinderhänden und versuchte sich zu schwingen. Er hatte das Gefühl, es dauerte ewig, ehe er sich mit dem Seil einigermaßen dorthin geschwungen hatte, wo er seinen weiteren Weg vermutete.

Und dann ließ er einfach los, purzelte mit einem quietschenden Schrei auf weichen Erdboden und saß erschöpft und zugleich erleichtert einfach da, bis er anfing zu lachen. Er hielt sich seine teilweise aufgeriebenen Hände an den Wanst und lachte befreiend. Er kramte in seiner Gürteltasche nach etwas Essbarem, was die gute Köchin Iryna ihm mitgegeben hatte. Er fand ein in große grünlichschillernde Blätter eingewickeltes Stück Brot mit Wurst und Käse und nahm einige Bissen.

 

Und irgendwo in den altväterischen, göttlichen Gefilden, im Meer der endlosen Schatten, orientierungslos und ohne Zugriff auf ihren Verstand, irrte ein blondes, verdrecktes Mädchen umher. Sie setzte einen Fuß vor den anderen auf einer alten, mausgrauen Steinstraße, blickte über pastellfarbene Wiesen ins Weite. Sie konnte verschwommen das vergessene Götterreich vor sich sehen. Alte, goldene Städte, heilige Hallen und regenbogenfarbene Wälder, wo die erstaunlichsten Geschöpfe hausten. Und doch zersprengte es die geistigen Funktionen, die Menschen so selbstverständlich nutzten. Sie sah die zauberische Welt vor ihren brennenden Füßen und hielt es dennoch nicht aus ihre tränenden Augen offen zu halten, es war wie als wollte es jemand verbieten oder als besaß sie nicht die Fähigkeiten die Götterwelt länger zu erblicken. Je mehr sie sehen wollte, umso mehr fröstelte es sie, umso mehr drangen fremde Stimmen in ihren Kopf und erdrückten sie mit kreischenden, stöhnenden und flüsternden Lauten. Sie wusste nicht, seit wann sie hier umherirrte, sie wusste nicht mehr, wer sie hierher gebracht hatte und sie wusste nicht einmal mehr, wer sie war. Bettelnd, man möge sie in Ruhe lassen, schlenderte sie vorwärts auf wackligem Untergrund, der sie zu verschlingen suchte. Sie schlug ihre Hände an die spitzen Elfenohren und bat die Stimmen inständig zu gehen. Sie wollte schreien, als sie realisierte, dass sie nicht einmal mehr ihre Stimme erheben konnte. Als sie ihre giftgrünen Augen ein weiteres Mal öffnete, sah sie Schatten springen und langbeinige, verkrüppelte Gestalten tanzten vor ihren Sinnen umher. Sie sank nieder, spürte, wie der Steinboden unter ihren Kinderbeinen nachgab und knallte wie ein vollgefüllter Sack zu Boden. Ihre grünschillernden Augen jedoch blieben geöffnet. Und wenn ein Beobachter genau hinblickte, konnte jener die verkrüppelten Schatten direkt in ihren Augen tanzen sehen. Sie spürte noch, dass sich jemand ihr annäherte, bis sie ihre Augen schloss. Sie hörte weiterhin Stimmen flüstern, wusste nicht, ob jene Laute nur in ihrem Kopf vorherrschten oder real waren.

 

„Ich kann sie nicht bewahren, Itrey… Ihre Existenz schwindet“, murmelte eine helle Stimme, die sie durch die grausamen Nebel und Flüche auf ihrer Wahrnehmung nicht zuordnen konnte. „Dinafa bestraft alle, die in das heilige Götterreich eindringen. Und Dinafas Bestrafung hat niemals Güte vorgesehen.“

„Versuch‘ es zumindest. Hilf‘ ihr, dass ich sie zu dem Hort der Prüfungen bringen kann. Ohne unser Einschreiten wird sie nicht überleben“, entgegnete eine männliche Stimme, beherrscht und strotzend vor Mut war diese Stimme ihr vertraut. „Ich bitte dich!“, setzte er fordernd hinzu.

Und es war dann, dass eine warme, unglaublich sanfte Hand sich auf ihre Stirn legte. Es fühlte sich angenehm an, als wurde sie eingehüllt in weiche, wärmende Blütenblätter und mit der Güte, die ihr zuteilwurde, verebbten die bösen Geister in ihrem Kopf und die bedrohlichen Stimmen verschwanden.

„Du weißt, was die Folge ist, dass sie mit ihrem geliehenen Körper in unser Reich eingedrungen ist, nicht wahr?“, murmelte die weibliche Stimme und schien sich leise von dem Ort zu entfernen.

„Ich weiß…“, meinte er widerwillig. „Dinafas Bestrafung erfährt jeder, der nicht göttlich ist, aber einen Fuß auf geweihten Boden setzt…“

„Versuche ihr zu sagen, was sie erwartet und was ihr Schicksal sein soll…“, flüsterte die reine, helle Stimme.

 

Navi versuchte zu lauschen und das Gesagte irgendwie zu verstehen, aber ihre Erschöpfung war zu kraftraubend. Sie spürte noch zwei starke Arme, die sie mit Leichtigkeit in die Höhe zogen und hinfort trugen. Sie hörte das Metall an einer Rüstung klappern, war dabei ohnmächtig zu werden, als sie jedoch etwas grob geschüttelt wurde. Sie blinzelte, atmete schwer und sah dann eine grausame Gottheit vor sich, von der sie verruchte und bestialische Geschichten gehört hatte. Ein ausdrucksloses, käseweißes Gesicht mit Augen leer und voller Nebel blickte sie herausfordernd an. Silberne Haarsträhnen hingen in jenem Gesicht, vor dem sich jeder kluge Kopf fürchten würde. Und eine helle Klinge schillerte mit einem gleißenden Licht auf seinem gepanzerten Rücken.

„Ihr seid…“, murmelte sie schwach. „… der Gott, grimmig und gnadenlos, herrscht über Kriegerseelen, die gefallen sind und verflucht wurden.“ Mit ihren müden, grünen Augen tauchte sie ein in die Nebel seiner unmenschlichen Seelenspiegel. Sie wich zurück, spürte den Druck erneut, der sich in ihrem Kopf vorarbeitete.

„Was ist passiert?“, murmelte sie unsicher und blickte sich verwirrt um. Über sich konnte sie einen blutenden Himmel entdecken und hier, wo sie sich zusammen mit diesem muskelbepackten Mann befand, waren nichts als verdreckte Gassen, eingefallene Steinhäuser und eine grausame Kälte und Leere. Kahle Bäume. Verdorrte Sträucher…

 

„Wo bin ich hier?“, sprach sie, versuchte aufzustehen, aber ihre zitternden Knie wollten nicht mitspielen.

„Du wurdest in das Götterreich gebracht“, entgegnete der Mann mitleidlos. „Nur können es sterbliche Wesen hier nicht aushalten. Für alles, das blutet und sterblich ist, sehen Götter Bestrafungen vor, wenn sie sich in diese Gefilde wagen. Es ist dir nicht gestattet hier zu sein. Das, was du hier erfährst, ist der Wahnsinn tausender Nächte. Sterbliche Körper werden gepeinigt und bestraft durch Halluzinationen und Gespenster…“

Navi blinzelte, richtete sich auf und trat hinaus aus dem leeren Gebäude, in das sie dieser muskelbepackte Mann gebracht hatte. Sie erinnerte sich langsam. Sie war inmitten der Feenstadt Märchenquell aufgewacht und hatte eine lange Diskussion mit der Königin Titania gehabt. Aber jedes Argument, das sie darlegte, wurde überhört, bis, dass die Feen einen alten Zauber aussprachen, gegen den sie sich mit ihrem sterblichen Körper nicht wehren konnte und man sie in diese Gefilde transportierte. Sie war im Reich der Götter gelandet und sie hatte einiges Wissen über diesen Ort am Rande des Seins.

 

„Und wie ist dein Name?“, fragte sie entschlossen, obgleich sie ganz genau wusste, wen sie hier vor sich hatte.

„Mein Name ist zumeist Itrey Defice… und ich kann nicht mehr für dich tun, als dich hierher zu bringen, wo der junge Held der Welten in wenigen Minuten erscheinen wird“, meinte er trocken.

„Was geschieht mit mir… Du hast von einer Bestrafung gesprochen“, entgegnete sie. 

„Keiner wird dich hier herausholen außer dem Weltenwanderer, aber auch wenn er glaubt, er kann dich retten, so kann er es nicht.“ Erneut sprach der Unsterbliche in Rätseln.

„Was soll das heißen?“ Und weil der Mann seufzte und seine weißen Augen schloss, wurde Navi noch stutziger als vorher. Verzweifelt trat sie vor ihn und spürte, dass etwas nicht stimmte.

„Klein-Link ist ein dummes, ignorantes Wesen, so wie es viele Menschen sind. Er wird einen bitteren Preis für seinen lächerlichen Wunsch nach Menschlichkeit bezahlen. Und er wird für seine Naivität bestraft werden.“

„Rede nicht um den heißen Brei!“, zankte Navi und spürte einmal mehr, als sie sich aufregte, wie die Stimmen in ihrem Kopf zunahmen. „Ich will wissen, was mit mir passiert! Ich weiß deinen wahren Namen und ich habe dich vorhin belauscht. Du und deine Göttin sagtet, meine Existenz schwindet und ihr könnt mich nicht bewahren. Nun sag‘ mir, wovor! Ich sehe zwar aus wie ein kleines Kind, aber ich war eine erwachsene, wissende Fee!“ Sie brach in ihren Worten ab, rang quälerisch nach Luft und sackte mit zitternden Knien zu Boden. Je mehr sie versuchte sich zu behaupten und stand zuhalten vor dem Wahnsinn in diesem alten Reich, umso eher krochen die Schatten zurück in ihren Kopf. Ohne einen Hauch Empathie kniete der verdrießliche Gott nieder und flüsterte mit seiner tiefen, aussaugenden Stimme nah an ihr rechtes Ohr.

„Wenn ich dir die grausamsten Worte deine Lebens mitteile, wird es dich noch einmal niederreißen so wie vorher auch… Kannst du das aushalten, sterbliches Wesen?“

Mit zuckenden Augenlidern sah Navi auf und schenkte dem Unsterblichen einen Blick der Verachtung. „Du kennst nichts als die Liebe zu deinem Schwert und grausame Schlachtfelder… Dich anzusehen ist Grausamkeit genug…“, sprach sie.

„Dann hast du gewählt…“, erwiderte er kalt und emotionslos wie vorher auch. Und er ließ sie spüren und erfahren, was ihr Eintreten in das alte Reich verursacht hatte. Er nahm seine doppelte, weiße Klinge fest in die Hände, stach das verfluchte Schwert atemlos in den leblosen Boden und der Stahl an der Spitze des Schwertes  zersprang. In einem Bruchteil von Sekunden tanzten in den Lüften die wenigen Splitter des Schwertes, legten sich auf Navis kindliche Stirn, verschmolzen mit ihr, und sie schrie wie am Spieß. Und als die wenigen, glitzernden Splitter ihren sterblichen Körper wieder verließen, richtete sie sich tonlos und marionettenhaft auf. Mitleidlos sprach Itrey Defice noch einmal zu ihr, verwendete Worte für das, was Navi bereits in ihren Gedanken gesehen hatte. „Über deine Bestrafung wurde entschieden. Du wirst altern in Gestalt eines Kindes. Du wirst dich entscheiden und gehen, leiden und verstehen. Und über deine Seele soll neu entschieden werden. Hier und woanders. Nichts kann dich heilen. Der Wille eines Gottes ist nicht veränderbar.“ Und als der Kriegergott endlich schwieg, sammelten sich in den giftgrünen Augen von Navi Tränen…

 

Nach der kleinen Verschnaufpause lief Klein-Link zügig über die Steinbrücke und erreichte die nächste Insel. Da er die Prüfung für Weisheit einigermaßen überstanden hatte, folgte die Prüfung für Mut. Und das man Mut haben musste für jenen Ort vor seiner Nase, war unbezweifelbar. Vor ihm befand sich ein herber Abgrund. Einige hängende, teilweise gespannte Seile, sich bewegende Plattformen und schmale Pfade ohne Geländer befanden sich über dem Sternenabgrund und führten zu einer weiteren Steinbrücke. Klein-Link schwang sich todesmutig über den Abgrund, torkelte über schmale Pfade, hüpfte mit Leibeskräften über die Plattformen und war am Ende so erledigt, dass er sich fragte, wie er sich überhaupt hier durchgekämpft hatte. Erschöpft saß er da, blickte ungläubig zurück und fühlte sich kläglich. Wie er jemals so naiv gewesen sein konnte, sich ein Abenteuer zu wünschen! Um diese Prüfungen und die Zweifel hatte er nicht gebeten… erst jetzt konnte er verstehen, wie schwer es für Link gewesen sein musste, ganz Hyrule zu retten…

 

Der junge Weltenwanderer überquerte eine weitere Steinbrücke und erblickte von weitem eine Ruinenlandschaft auf der letzten der drei Inseln. Er lief zügig, bis er das Gefühl hatte verfolgt zu werden. Hastig wand er sich um seine eigene Achse, zog sein Kurzschwert, aber konnte hinter sich niemanden entdecken. Unsicher sah er in den gemalten Horizont und beobachtete die Farbtropfen, die in den Sternenabgrund rieselten. Und er blickte über den Abgrund, sah Lichter alter Zeiten dort unten funkeln und fragte sich, ob die bunten Regentropfen jemals wieder Erdboden berühren würden. Er kannte viele Geschichten vom Haus der Götter, er hatte viele Stunden damit verbracht unter Nayrus Anweisung Bücher zu lesen und Sprachen zu lernen. Aber er hatte eigentlich noch nie von diesem Ort gehört. Andererseits, so dachte er melancholisch, würde er, obwohl er dazu geboren wurde, viele Welten zu sehen, niemals alle Geheimnisse und Rätsel zu Gesicht bekommen. ,Es war schade‘, dachte er. Er war der Held der Welten, so nannten sie ihn inzwischen, aber er hatte kein Fernweh, er hatte einfach nur Heimweh…

 

Als er den ersten Schritt auf festen Grund setzte, verschwand diesmal die Brücke hinter ihm nicht. Etwas verwundert trat er weiter und versuchte sich zu orientieren. Es war ein unheimlicher Ort. Ein Platz, vergessen, tot und gespenstisch. Hier waren mehrere Steinhäuser mit eingeschlagenen Fensterscheiben und fehlenden Dächern. Graue Gesteinsblöcke einer einstigen Stadtmauer ließen den Jungen zögern. Ihm lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter, als der Wind an jenem Ort kreischend umher donnerte, als sang er ein verruchtes Trauerlied. Er ließ alte Planen zu seinem Reigen schwingen und pfiff immer erbarmungsloser umher. Klein-Link trat vorsichtig weiter, bemüht auf jedes noch so kleine Geräusch zu achten. Er überblickte seine Umgebung, ließ seine himmelblauen, leuchtenden Augen umher schwenken, sah einen Brunnen, wenige Stände eines einstigen Marktes, als etwas Kleines, fast Unauffälliges hastig aus einer Seitengasse hervor trat und wieder verschwand. Aus seinen Augenwinkeln hatte er ein kindsgroßes Wesen erblickt, auch wenn er so schnell nicht sehen konnte, wer es war. Er fackelte nicht lange, hoffte, dass es seine Feenbegleiterin war und rannte vorwärts.

 

Er bog zuversichtlich in die Seitengasse ein, konnte aber außer ein paar Kisten und Fässern und Scherben auf dem Boden nichts Verdächtiges ausmachen. „Ist da jemand?“, fragte er in die Stille der Ruinenstadt und wusste nicht, was es war, aber er hatte das Gefühl, hier etwas finden zu müssen.

„Hallo?“, rief er lauter. Plötzlich kamen ein paar Ratten aus einer Kiste gesprungen und rannten quiekend in seine Richtung. Klein-Link kreischte und sackte kurz auf seine Knie. ,Zum Glück nur ein paar Ratten‘, dachte er. Genervt richtete er sich wieder auf und lief weiter, er blickte hinter die Kisten und Fächer, aber hier war niemand.

„Navi? Bist du hier?“, rief er nun noch lauter. Er hörte ein leises Quengeln, versuchte genau hinzuhören und folgte jenem weinerlichen Gehabe. Zaghaft tapste der junge Heroe in ein zerstörtes Gebäude und sah jemanden in einer Ecke sitzen. Es war zu dunkel, als dass er erkennen konnte, wer dort hockte. Aber das traurige Wimmern erkannte er. Er kannte diese manchmal nervige Stimme. Auf Klein-Links Gesichtszügen bildete sich ein erfreutes Lächeln, weil er die Stimme sofort seinem Besitzer zuordnete. Aber wieso war sie hier bei seiner dritten Prüfung? Sollte Navi nicht bei den Göttern in ihrem vergessenen Reich sein?

„Navi!“, rief er heiter gestimmt und rannte dann ohne Nachzudenken zu ihr hinüber.

 

Tatsächlich hockte dort in den Schatten, allein gelassen und kränkelnd ein kleines Mädchen, das ihr Zeitgefühl völlig verloren hatte. Sie war verdreckt, orientierungslos und musste halb wahnsinnig geworden sein in der Einsamkeit und Stille. Klein-Link wusste nicht, wie lange sie schon hier herumirrte und er wollte sich nicht vorstellen, wie sie sich fühlte.

Er kniete nieder, hatte unheimlich Mitleid mit ihr. Ihre blonden Haare waren zerzaust und die blauen Schleifen darin verschwunden. An ihrer Pluderhose liefen Maschen ab und ihre Weste war gerissen. Sie hatte ihre Arme schützend um ihren Kopf gelegt und wimmerte. Es schien beinahe so, als hätte sie in diesem Reich etwas erfahren, was ihr das Herz gebrochen hatte.

 

Klein-Link fühlte sich überfordert und versuchte sie irgendwie aus ihrem lethargischen Zustand zu reißen: „Navi? Ich bin es, Klein-Link. Ich bin gekommen um dich abzuholen.“ Aber sie reagierte nicht. Sie tat so, als wäre er überhaupt nicht anwesend.

Er legte eine Hand auf ihre rechte Schulter, als sie panisch um sich schlug und den Jungen ihre blanke Faust ins Gesicht rammte. Klein-Link entließ einen wütenden Brüller und hielt sich seine Nase. Verdammt, hatte die einen Schlag drauf, dachte er. Zum Glück blutete seine Nase nicht.

 

„Navi! Du dumme Nuss“, schimpfte er, hüpfte auf die Beine und packte sie energisch an ihrem rechten Handgelenk. „Ich bin nur wegen dir hierhergekommen, also mach‘ jetzt nicht so einen Aufstand.“ Sie sagte nichts, aber wehrte sich auch nicht. Wimmernd ließ sie sich von Klein-Link hinterher zerren.

„Wir müssen hier weg, ich kann es nicht leiden, wenn du dich so anstellst“, giftete er und packte sie umso fester am Handgelenk. Er war kaum zehn Meter gelaufen, als die einstige Fee aufgrund ihrer zitternden Knie zusammenbrach.

„Das darf doch langsam nicht mehr wahr sein!“, schimpfte Klein-Link. Da machte er sich die Mühe sie aus diesem Reich der Unsterblichen herauszuholen, und sie benahm sich, als hätte sie ihren Verstand verloren.

Ihm platzte der Kragen, als sie weiterhin winselte und sich nicht aufhelfen ließ. Er zerrte an ihren Armen, aber sie kreischte bloß, sodass er Angst bekam irgendwelche unheimlichen Kreaturen könnten durch ihre flehenden Rufe aus ihrem Versteck herausgelockt werden.

„Navi!“, fauchte er, packte sie an ihren Oberarmen und blickte sie befehlend an. „Schau‘ mich an! Ich bin es, erkennst du mich nicht?“ Ihre Augen waren rot vor lauter Tränen und verquollen. Sie blinzelte. Aber der verwunderte Ausdruck in ihrem Gesicht sagte ihm, dass sie ihn einfach nicht verstand.

„Erinnere dich. Wir sind zusammen auf einer Mission um die Erde zu retten. Erinnere dich an Link, den Helden der Zeit.“ Und erst dann war da ein kleines Funkeln in ihren giftgrünen Augen erkennbar.

„Du weißt, wer Link ist, oder?“, fragte Klein-Link und hoffte, er könnte sie so aus ihrem Schockzustand lösen. Und endlich kam da eine einigermaßen vernünftige Reaktion von ihr. Sie nickte stumm.

„Gut, dann werden wir jetzt hier verschwinden.“ Nach weiterem Hin und Her schaffte er es die einstige Fee Huckepack zu nehmen, auch wenn sie verdammt schwer war… aber so verhielten sich Helden nun mal, oder nicht?

 

Schwerfällig setzte der Junge einen Fuß vor den andern, und hörte Navi leise wimmern. Sie murmelte unverständliche Dinge vor sich hin, bis er ihr Winseln verstehen konnte. Sie redete von Link, dem Helden der Zeit…

„Wo ist er nur… Wo ist Linky…“, weinte sie und murmelte ununterbrochen seinen Namen. „Ich vermisse ihn so sehr…“ Klein- Link blieb stehen und stutzte. Es war eines der ersten Male, das Navi über seinen Vater reden wollte.

„Weißt du… dass es wunderschön war mit ihm diese vielen Abenteuer zu erleben…“, schluchzte sie, halb wahnsinnig, halb depressiv. Aber es wirkte so, als löste sich die alte Fee allmählich aus ihrem Schockzustand…

„Ich will ihn so gerne noch einmal sehen und ihm alles sagen…“ Und mit allem, dachte der Junge, wollte sie ihn wohl in erster Linie sagen, wie viel er ihr bedeutete. Das Götterkind hatte es schon manchmal gedacht. Navi und ihre schnulzigen Liebesromane im Haus der Götter. Dann ihr komisches Verhalten gelegentlich. Scheinbar liebte sie Link wirklich aufrichtig. Nur war sie damit sehr unglücklich, weil jener Heroe nichts von ihren Gefühlen erwidern konnte.

„Du wirst ihn wiedersehen und ihm sagen können, das du ihn vermisst, garantiert“, meinte der Junge aufmunternd. „Du liebst den Helden der Zeit wirklich, oder…“

„Ja…“, sprach Navi mit ihrer piepsigen Kinderstimme und krallte sich noch fester in das Rückgrat des Jungen. 

„Bist du nicht wütend, weil er Zelda so innig liebt“, sprach er wissbegierig.

Sie seufzte unter ihren Tränen. „Ich war es am Anfang… aber ich bin glücklich für ihn, weil er die Liebe gefunden hat, die er immer wollte. Weil Zelda ihn glücklich machen kann, bin ich es auch…“

 

Klein-Link lächelte. ,Das war unglaublich reif und edel von der einstigen Fee.‘ Bei all den Dingen, die er mittlerweile über menschliche Kommunikation und Gefühle wusste, ahnte er, dass es sehr weise und aufrichtig sein musste, über den eigenen Schatten zu springen und sich für den, den man liebt, aber mit dem man nicht gemeinsam durchs Leben gehen kann, noch zu freuen…

„Mann, Navi“, meinte er dann grinsend und versuchte sie ein wenig aufzuheitern. „Du bist echt schwer… und fett.“ Sie verzog ihr Kindergesicht und wurde knallrot im Gesicht.

„Ich geb‘ dir gleich, schwer und fett. Weißt du, was du bist?“ Sie war unheimlich erbost wegen seiner Bemerkung.

„Nein, was bin ich?“ Er lugte zurück über seine Schulter und lachte.

„Du bist verdreckt und stinkst wie Schimmelkäse…“, maulte sie.

Verärgert ließ er sie los und tatsächlich stand sie halbwegs auf ihren zitternden Beinen. Er rechtfertigte sich, fühlte sich unglaublich wütend, weil sie seine Eitelkeit in Frage stellte: „Das kommt nur von dem Labyrinth“, erklärte er. 

„Jaja“, kicherte sie und wedelte mit den Händen.

Wütend starrte er sie an und verschränkte die Arme. „Das ist das letzte Mal, dass ich deinen Hintern rette, du billige Pute“, knurrte der Junge.

Aber sie lachte wieder. „Es ist schon gut. Du hast mich aus meinem Schock herausgebracht, danke.“

,Sie hatte sich gefälligst bei ihm zu entschuldigen‘, dachte er grantig. Einen blöden Dank konnte sie sich sonst wohin schieben. Er legte sehr viel Wert auf Körperpflege und ließ sich nichts anderes unterstellen. Genervt ballte er seine Fäuste.

„Jetzt verrate mir aber mal, wie du es geschafft hast, mich hier zu finden?“, meinte die einstige Fee und kratzte sich verwundert an ihrem Kinn.

„Da war so ein verkalkter, muskulöser Kämpfer mit einer merkwürdigen doppelten Klinge“, begann der Junge zu erläutern. „Er hat mich hierher geführt, nachdem mir eine weitere Zelda das Portal geöffnet hat. Aber das erkläre ich dir alles später…“

Als er von Itrey Defice zu reden begann, wurde Navi schlichtweg käseweiß im Gesicht. Sie stutzte und wand ihm den Rücken zu. Etwas ratlos, was Navis merkwürdige Reaktion bedeuten mochte, murmelte Klein-Link unsicher: „Ist das irgendwie ein Problem?“ Er kratzte sich verblüfft an seiner verdreckten Stirn und rückte seine grüne Mütze zurecht.

„Nein“, erwiderte sie flach.

„Warum bist du dann so komisch?“

„Ich bin nicht komisch, das bildest du dir nur ein“, giftete sie und drehte sich zu ihm. Er konnte sehen, dass ihre Augen gläsern waren, aber einfach nicht verstehen, was los war.

Er zwinkerte. „Sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Sie wedelte abtuend mit ihren Händen. „Hör‘ auf so blöd daher zu reden, bring‘ uns lieber hier heraus.“

Er nickte misstrauisch. „Bist du auch dem unsterblichen Kämpfer begegnet?“

„Ja…“, murmelte sie und es wirkte fast so, als würde sie es bedauern.

„Er ist irgendwie unsympathisch und so menschlich wie ein Mythenstein“, maulte der Junge und gähnte.

„Hast du den Unsterblichen nicht erkannt?“, fragte Navi trübsinnig. Denn sie hatte einen Verdacht über die wahre Natur jenes Unsterblichen. Jener verdrießliche Kerl hatte sie an diesen Ort gebracht, nachdem sie sich ohnehin hier verlaufen hatte und beinahe wahnsinnig geworden wäre. Und er hatte ihr etwas mitgeteilt, was sie dem Götterkind nicht sagen wollte…

 

„Nein, sollte ich den Typen etwa kennen?“

„Wie hat er sich bei dir vorgestellt?“

„Eigentlich fast gar nicht, lediglich als Itrey Defice“, meinte Klein-Link widerwillig. Es nervte ihn, dass Navi ihm Gegenfragen stellte. Navi jedoch grinste makaber. War dem Götterkind nicht aufgefallen, dass der Name etwas schräg klang? Kaufte Klein-Link dem Kerl dies wirklich ab? Sie lachte albern. Nun ja, dieses Geheimnis sollte der Junge aber alleine herausfinden.

„Beim Triforce, ich hab‘ Hunger…“, maulte sie schließlich und versuchte das Thema zu wechseln.

„Ich auch…“

„Dann sollten wir allmählich hier verschwinden.“

 

Doch in dem Augenblick konnte Navi hinter dem jungen Weltenwanderer etwas Verdächtiges erkennen. Es war ihr vertraut, dieser Schatten hatte sie verfolgt und sie hatte diese Energie bereits einmal auf ihrer Reise mit dem Helden der Zeit spüren können. In einem unbedachten, trügerischen Augenblick, noch ehe Navi ihren Gedanken zu Ende spinnen konnte, türmte sich hinter dem werdenden Helden eine schattenhafte Masse auf. Jemand leistete ihnen eine verräterische und grausame Gesellschaft. Jemand war seit Anbeginn seines Eintritts in das Götterreich dicht auf ihren Fersen. Und er war niemandes Freund und niemandes Herr. Er wählte immer nur seinen eigenen Weg, wählte das Gute, wann es ihm beliebte und das Böse, wann er sich schelmisch an jenem ergötzen konnte.

 

Navi stieß einen gellenden Schrei aus und grabschte den Heroen gewaltsam am linken Arm, der ohnehin schmerzte. Mit einem heftigen Ruck drückte sie den Jungen zur Seite. Überfordert sah der Weltenwanderer um sich, blickte von Navis schockiertem Gesicht zu einer Gestalt, die sich sicherlich nicht mit ihnen beiden anfreunden wollte. Vor ihnen grinste gehässig und sehr siegessicher ein närrischer, grausamer Junge. Pechschwarze Haarsträhnen bedeckten rubinrote Augen, die einen vergangenen Zauber in ein porzellanweißes Gesicht brachten. Eine schmutzige Tunika bedeckte die Gestalt, die genauso groß wie Klein-Link war. Überhaupt besaß er dieselben Proportionen, dieselbe Figur. Er grinste unmenschlich, zerrte seine Mundecken weit in die Breite und stützte sich auf das dunkle Schwert, das er bei sich trug. Er verdrehte halb seinen Nacken, sodass es knackte und winkte dem Jungen auffordernd zu.

 

„Klein-Link! Lauf weg!“, kreischte Navi und versuchte selbst ihre Beine unter die Arme zu nehmen. Aber der Junge reagierte nicht auf sie. Er erhob sich todesmutig und zog sein Schwert.

„Bist du noch zu retten, Klein-Link! Du schaffst das nicht! Das ist Schattenlink!“

„Wenn ich jetzt weglaufe, bin ich nicht mehr wert als ein Feigling. Wenn ich wirklich der Sohn von Link und Zelda bin, dann muss ich das auch beweisen. Sie würden sich für mich schämen, wenn ich nicht in der Lage wäre meinen eigenen Schatten zu besiegen!“

Navi glotzte verdattert drein, und kaute an den Fingernägeln ihrer rechten Hand. Seinen Dickschädel hatte er wohl von seinen Eltern. Und wenn sich Link oder Zelda etwas in den Kopf gesetzt hatten, dann würden sie beide nicht eher Ruhe geben, als diese Sache erledigt war. Navi sah sehr schnell ein, dass es nichts brachte mit Klein-Link zu diskutieren. Und es brachte nichts ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

 

„Außerdem schätze ich, dass wir nicht eher gehen können ehe ich ihn besiegt habe…“, sprach der Junge gefasst. Er erinnerte sich an seine drei Prüfungen und eine stand immerhin noch aus.

Navi tapste unsicher und etwas zittrig zurück, wusste sie doch, dass sie in ihrem schwerfälligen Kinderkörper keine Chance gegen ein Schattenwesen hatte.

„Da magst du recht haben…“, murmelte sie und sackte vor Angst zusammen. Furchtsam hockte sie auf der Straße und beobachtete den Kampf wachsam.

„Ich hab‘ vor einer Zeit bereits viel gefährlichere und dümmere Dinge getan“, schmunzelte Klein-Link und erinnerte sich schwach an die Mission seiner Eltern. Den Aufenthalt in Ganondorfs Kerker hatte er auch überstanden. Dann würde er den Kampf gegen Schattenlink jawohl ebenfalls meistern können. Er versuchte etwas zu grinsen und blickte dann kurz zu der Brücke, welche ihren Fluchtweg darstellte. Tatsächlich war diese durch eine energetische Barriere versperrt.

 

Der werdende Heroe atmete tief durch, besann sich auf seine Ziele, die er für Hyrule besaß. Er wollte um jeden Preis sein Recht einfordern, ebenfalls geachtet zu werden. Er wollte seinen zukünftigen Eltern beistehen und irgendwann einen tieferen Sinn für sein Dasein finden. Und er wollte kämpfen, mit allem, was er hatte.

 

Das Schattenwesen schien sich zu freuen. Er winkte Klein-Link noch einmal zu, herausfordernd und verächtlich. Er leckte sich mit einer schneeweißen Zunge über seine blassen Lippen, warf die Hülle seines Schwertes zur Seite und ließ die scharfe, schwere Klinge klirrend niedersinken.

„Bist du wirklich Narr genug gegen mich anzutreten“, lachte er in einer unmenschlich tiefen Stimme. „Ich bin dein Schatten, ich weiß, dass du noch keinen wirklichen Schwertkampf gemeistert hast.“

„Na und?“, rief der Weltenwanderer. Vielleicht war dies richtig, aber er hatte mit seinem Vater, und auch mit Rinku trainiert.

„Das ist schon einfältig. Denkst du wahrlich, du kannst mit einem Schwert umgehen, nur weil dein Vater gerne damit herumspielt?“

Erbost hielt Klein-Link die Waffe von sich gestreckt und tapste langsam näher, zielsicher und bewusst.

„Was soll das nun wieder sein? Ein läppischer Versuch so etwas wie Beinarbeit vorzuführen. Du bist nicht nur schwach, sondern auch tollpatschig.“ Der Schatten lachte wahnsinnig auf und schien sich zu amüsieren. „Damit beleidigst du deinen Vater!“ Klein-Link knurrte wie ein Hund auf diese Bemerkung, ließ sich provozieren und rannte angestachelt näher, führte das Schwert mit sich, aber er war nicht schnell genug. Mit einer flinken Bewegung huschte der Schatten zur Seite und das Schwert des werdenden Heroen knallte wuchtig auf den Erdboden.

 

Erschrocken blickte der Junge um sich, versuchte seinen Gegner weiterhin im Auge zu halten und rückte in Angriffshaltung. Der Schatten hob sein Schwert an, grinste tückisch und leckte über den dunklen Stahl. Er summte eine wahnsinnige Melodie, eine Palette an Tönen, die keinerlei Sinn ergab und tänzelte näher. Verspielt führte er die Waffe mit sich und griff Klein-Link endlich an. Der Schatten biss sich auf die Lippe, bis schwarzes Blut tropfte, und stieß mit einer heftigen Sprungattacke auf den ungeübten Jungen nieder. Aus Reflex hielt Klein-Link seine Waffe horizontal in die Höhe. Und auf seinen gesunden, weißen Stahl donnerte die gewaltige Kraft des dunklen Schwertes. Der Stahl in seinen Händen vibrierte. Es schmerzte elend. Er versuchte seine Konzentration zu halten, nicht nachzugeben und spürte, wie ihn seine Kräfte mehr und mehr geraubt wurden. Sein Schwert rieb mitleidlos an jenem des Schattens. Es knirschte in den Händen und brannte. Der Junge hätte niemals geahnt, dass zwei Schwerter, die um den Sieg rangen, die mit gewaltigen Kräften aneinander stießen, so mitreißend und so unglaublich kraftraubend sein konnten.

Mit einem verzweifelten Schrei riss er seine Waffe herum, begrub die dunkle Klinge unter sich und grinste seinem Gegner überlegen in die teuflischen blutroten Augen.

 

„Was sagst du jetzt, blöder Schatten!“, giftete er. Doch der Schatten grinste ebenfalls, hob lediglich sein Knie und verpasste dem siegessicheren Blondschopf einen gemeinen Tritt in seine empfindliche Magengegend. Klein-Link wusste nicht, ob sein schmerzverzerrtes Stöhnen oder der entgeisterte Schrei von Navi schlimmer in seinen Ohren hallte. Benommen sackte er zu Boden, wich gerade noch einem weiteren Hieb aus und rollte sich nach hinten. Navi schrie ein weiteres Mal und schaute dann ängstlich weg.

 

„Du bist unfähig und täppisch“, schnalzte die Geburt aus den Schatten und kicherte. „Wenn das dein Vater herausfindet, wird er sich fragen, ob du wirklich sein Kind bist.“

„Du elender…!“, murrte der Junge und griff seinen Widersacher ein weiteres Mal an, vollführte einige heftige, aber unüberlegte Schläge mit dem Schwert und ließ sich auf ein gefährliches Spiel ein. Der Schatten blockte überlegen, grinste selbstsicher und führte sein dunkles Schwert mit einer schnellen und gezielten Attacke gegen den Heroen und traf ihn quer über der Brust und an seiner linken Wange. Klein-Link brüllte aus Leibeskräften, torkelte benommen zurück und hielt sich seine blutende Brust. Der dunkle Stahl des Schwertes hatte sogar an einigen Ecken das rostfarbene Kettenhemd angerissen. Die Wunde war nicht tief, aber brannte wie Feuer.

 

Auch Navi schrie gequält auf. Sie kaute an ihren Fingernägeln und rief zu ihrem Schützling hinüber: „Lass dich nicht provozieren, bitte Klein-Link, versuch‘ seine Worte zu überhören!“

„Misch‘ dich verdammt nochmal nicht ein, du einstige Glühbirne!“, brüllte der Angesprochene mit seiner hohen Kinderstimme.

Sie erhob sich, schüttelte ihren Kopf, sodass ihre blonden Zöpfe pendelten. „Klein-Link, ich mische mich nicht ein. Ich will dir nur helfen“, rief sie entrüstet und konnte nicht glauben, was für ein Sturkopf Klein-Link doch war.

„Wenn du mir helfen willst, dann sag‘ mir, wie es sein kann, dass mein eigener Schatten stärker ist als ich?“

„Es liegt an deiner Unsicherheit und Angst. Der Schatten nutzt deine Schwächen zu seinem Vorteil. Versuche standhaft zu bleiben, konzentriere dich.“ 

„Das ist leichter gesagt als getan, blöde Schnepfe!“, brummte der Junge und hielt weiterhin seine rechte Hand über die leicht verletzte Brust.

Navi schluckte bloß, war gekränkt durch seine Worte, und starrte hilflos zu dem Monster, das sich an Klein-Links Zweifeln ergötzte.

 

Einmal mehr kicherte Schattenlink und seine rubinroten Augen funkelten bedrohlich. Er ließ sein Schwert raffiniert und demonstrativ durch die Lüfte wandern, beleidigte seinen Kontrahenten mit einer Technik, von der Klein-Link nicht wusste, dass er sie beherrschte. Und es erzürnte ihn. Es demütigte ihn maßlos zu sehen, wie sein eigener Schatten mehr Macht und Talent im Schwertkampf besaß als er selbst.

„Das kann doch langsam nicht mehr wahr sein!“, brüllte er und ließ sich immer weiter provozieren. Fuchsteufelswild stapfte der Junge mit seinen blutbeschmierten Händen näher und griff seinen Schatten ein weiteres Mal an. Die Klingen verhedderten sich, vibrierten, knallten mit klirrendem Gesang aneinander. Und diesmal gab Klein-Link nicht nach. Mit neu entfachtem Ehrgeiz konzentrierte er sich, ließ sich nicht täuschen und versuchte die Angriffe zu blocken oder ihnen auszuweichen. Und einmal mehr rieben die Waffen aneinander, rangen um den Sieg und um die Freiheit.

 

Und gerade, als der grünbemützte Junge spürte, dass ihn seine Kräfte mehr und mehr verließen, war da ein neues, eigentümliches Gefühl, dass sich in seinen Gliedern ausbreitete. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl ein Stromstoß durchfuhr seinen Körper, eine erschreckende Berührung, als spielte ein weiteres Wesen mit ihm. Noch ein Stromschlag… und noch einer… Und für einen kurzen Augenblick, nicht lang genug, dass es Navi oder Schattenlink bemerken konnten, leuchteten seine himmelblauen Augen in einem Feuer, das nicht typisch für Klein-Link war, aber typisch für einen anderen Helden. Etwas benommen torkelte der Junge zurück, griff sich mit der rechten Hand an seine Stirn und starrte entsetzt zu Navi und dann verzweifelt in den Himmel. Und es war dann, dass der Held, als er realisierte und erschauderte, in einer mutigen und reifen Weise das Schwert schwang. Das Schwert blitzte auf, als hätte Klein-Link sein Leben lang nichts anderes getan. Und als der Schatten nachgab, sein Kontrahent einem Triumph näher kam, zogen sich die blassen Lippen des Schattens tückisch in die Breite. Er schnippte mit den Fingern seiner freien Hand und verschmolz in Sekundenbruchteilen mit dem festen, felsigen Grund.

 

Ungläubig starrte das Götterkind zu dem Fleck, an welchen Schattenlink verschwunden war und fixierte schließlich Navi, die geschockter aussah als er selbst. „Wo ist er hin?“, rief sie, hüpfte auf ihre schlaksigen Beine und blickte nervös um sich.

„Woher soll ich das wissen, du hirnlose, ehemalige Fee“, fuhr Klein-Link seine Begleiterin an und schüttelte sofort wieder schuldbewusst seinen Schädel. Gerade da schien der Junge zur Besinnung zu kommen, presste seine freie Hand auf die Stirn und kam sich vor, als hätte etwas anderes in ihm die Kontrolle übernommen.

„Sorry“, murmelte er. Navi seufzte bloß. Der Junge konnte unheimlich gemein werden, wenn er wollte. Etwas gekränkt blickte sie zu der energetischen Barriere, die sie beide an dem Weg hindern würde. Schattenlink musste hier noch irgendwo sein, sonst würde sich die Barriere auflösen.

„Ich kann verstehen, dass du gereizt bist, aber das bringt dich nicht weiter. Versuche dich von deinen Emotionen nicht so stark leiten zu lassen. Das wird dir mehr schaden als nützen.“ Der Junge atmete tief durch, räusperte sich und biss sich auf die Lippe. Selbst Navis besserwisserische Kommentare waren ihm im Augenblick zu viel und ließen sein Blut wallen. Sie hatte leicht reden! Sie saß bloß daneben und schwang großartige Reden.

„Kannst du den Dämon hier irgendwo spüren?“, murmelte die einstige Fee hoffend und blickte sorgenvoll in Klein-Links himmelblaue Augen. Er schüttelte banal seinen Kopf, erinnerte sich aber an die Worte des eigentümlichen Mädchens von vorhin. Sie hatte ihm auf eine sehr direkte Weise klar gemacht, dass er die Sinne dazu hatte, aber scheinbar ignorierte. Er wusste einfach nicht, wie das funktionieren und wie er einen geheimen Spürsinn überhaupt aktivieren sollte. Ja, er hatte mit dem vermeintlichen Harkenia trainiert und auch seine Sinne geschult, aber er steckte schlichtweg noch in den Anfängen fest. Es war nicht so einfach sich auf seine Intuition zu verlassen.

 

„Klein-Link! Konzentriere dich, du müsstest den Schatten eigentlich wahrnehmen können. Das beherrschen alle Helden!“, rief Navi und schaute kummervoll zu den verlassenen Gebäuden.

„Ja, toll… Wirklich toll, wenn das alle können, ich kann es aber nicht! Hör‘ auf mit deinen neunmalklugen Kommentaren, du dicke, eingebildete Kuh“, murrte der Junge und hatte das Gefühl immer mehr die Schnauze voll zu haben. Er war nun mal nicht der Held der Zeit oder ein anderer auserwählter, starker Mann. Er war ein Kind! Und schließlich ein Kind, das nicht wusste, wie man wirklich lebte, wie man sich tatsächlich verhalten sollte.

„Aber auch du bist ein Held Hyrules…“, sprach Navi dann leiser. Es schien, als glaubte sie nicht einmal ihren eigenen Worten. Und Klein-Link spürte das und fühlte sich noch entmutigter als vorher. 

Er winkte ab und wollte diese nervtötende Unterhaltung beenden. „Ich werde mich bei den Häusern und Gassen umsehen…“, murmelte er und hastete vorwärts.

 

Mitfühlend blickte die einstige Fee ihrem Schützling hinterher und sie lächelte gezwungen. ,Auch der Held der Zeit hatte Zweifel‘, dachte sie. Jeder Held hatte diese. Es war nur natürlich und richtig. Erst an seinen Zweifeln würde Klein-Link reifen. Ja, er war seinem Vater ähnlicher als er dachte, bis auf diese entsetzlichen Gemeinheiten. Und Navi erinnerte sich. Es gab den einen oder anderen Moment damals, als sie mit Link unterwegs war und seine Zweifel spürte. Aber er hatte diese alle bekämpft. Wenn das Götterkind reifen konnte, dann nur indem es Zweifel besiegte. Und er würde erst fallen müssen, ehe er seine wahre Stärke fand…

 

Und versteckt auf einem der zerrütteten Häuser saß ein bunt gekleidetes Mädchen, sah dem Schauspiel neugierig zu, pendelte mit den Beinen und kicherte. ,Das hat ja für den Anfang ganz gut funktioniert‘, dachte sie spielerisch und schnipste mit den Fingern, bis sie sich teleportierte.

 

Navi wartete einige Minuten, kaute auf ihrer Lippe vor Nervosität, lief hin und her und fragte sich, ob es richtig war, den Jungen alleine loszuschicken. Sie entschied sich gerade ihm hinterher zu gehen, als der grünbemützte Blondschopf ratlos um eine Häuserecke schlich und mit seinen Schultern zuckte.

„Ich bin mehrmals die Straßen abgelaufen, aber ich konnte den Schatten nirgends finden.“

„Meinst du, er hat aufgegeben?“, äußerte sich Navi verdutzt.

„Das kann ich mir ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Das war die bescheuertste Frage, die du mir jemals gestellt hast“, antwortete Klein-Link verdrießlich und ließ sich erschöpft niedersinken. Er hatte genug von dieser Mission, fühlte sich müde und seine Wunden brannten etwas. Und ihn beunruhigte das Gefühl von vorhin. Er hatte für einige Sekundenbruchteile das Gefühl gehabt, er wäre eingeschlafen, fast so, als hätte sich sein Bewusstsein abgeschaltet. Er hatte sich teilweise wie zu dem Zeitpunkt in Hyrulia gefühlt, als er aus unerklärlichen Gründen verblasst war, nichts mehr spüren konnte und auch andere ihn vielleicht nicht mehr sehen konnten.

Er trank einen Schluck Wasser und reichte seiner Begleiterin die Flasche. Doch Navi kam nicht dazu sich einen Schluck zu gönnen. In einem unbedachten, kurzen Augenblick türmte sich Klein-Links Schatten erneut vor ihnen auf, ließ seine schwere Stahlklinge augenblicklich niederkrachen, sodass der Boden bebte. Navi wurde durch die Wucht der magischen Attacke zurückgeschleudert und lag benommen wenige Meter weiter. Klein-Link hatte sich im letzten Augenblick zurückgerollt, fixierte kurz das blonde, bewusstlose Mädchen hinter ihm und sogleich seinen Widersacher.

 

„Du bist ein feiger, lächerlicher Schatten! Kehre zurück dorthin, wo du hingehörst, und zwar zu meinen Füßen!“, brüllte der Junge, zog erneut seine Waffe und blickte hinter den Schatten. Die steile Felsenklippe war nicht weit entfernt. Und als er einschätzte, wie nah das Ufer nur noch war, hatte er eine eigenwillige, aber wohl wirkungsvolle Idee. Diesmal war es das Götterkind, das breit grinste und er war es auch, der den Schatten nicht den ersten Schritt überlassen würde. Es war Zeit die Wirbelattacke, die Rinku ihm beigebracht hatte, auszutesten…

 

Er verwickelte den Finsteren ein weiteres Mal in ein gefährliches Klingenspiel, nahm in Kauf erwischt zu werden, spürte, wie die Klinge an seiner Schulter entlang schnitt. Der Junge schrie markerschütternd auf, aber versuchte durchzuhalten, immer weiter zu kämpfen, für die Ideale und die Ehre, die er sich erarbeiten wollte. Für das Recht, ein Held zu sein…

 

Die Waffen prallten entsetzlich aneinander, rieben, zerstörten und forderten Tribut. Mit einer flinken Bewegung rollte sich der Schatten zur Seite, türmte sich mit giftigem Gelächter hinter dem Jungen auf, bereit zuzustoßen. Klein-Link reagierte geistesgegenwärtig, drehte sich geschwind um seine Achse, blockte geradeso. Und es war dann, dass der Schatten ein weiteres Mal bestialisch kicherte, einen Dolch in seiner rechten Hand manifestierte und mit jener den Kampf besiegeln wollte. Kreischend umfasste Klein-Link die Waffe mit seiner rechten Hand, spürte, wie sich der Dolch in seine Haut grub, Adern und Sehnen durchtrennte und auf Knochen stieß. Der Junge schrie so laut, dass auch Navi davon aufgeschreckt wurde.

 

„Verdammter Schatten!“, brüllte der Weltenwanderer schmerzverzerrt, drückte gegen Schattenlinks Zugriff, und stieß mit einem energischen Kampfschrei das Schwert aus des Dämons Händen. Den Ausdruck in den teuflischen, rubinroten Augen des Dämons würde der Junge niemals mehr vergessen. Er hatte noch nie eine Kreatur entsetzt und ängstlich drein schauen sehen. Aber Klein-Link wusste, dass er es jetzt beenden musste, dass er schnell reagieren musste. Er rollte sich dann ebenfalls zur Seite, hüpfte hinter dem Dämon auf die Beine und vollführte endlich die eine Attacke, die er sich während des gesamten Kampfes aufgespart hatte. Mit einer kleinen, aber wirkungsvollen Wirbelattacke stieß er seinen Kontrahenten vorwärts, verletzte ihn bitter und ein feiner, silberner Schweif, nicht mehr als ein erster Versuch Magie einzusetzen, entschwand der teuren Waffe und versetzte den finalen Schlag. Mit einem tiefen Gebrüll fiel der lichtscheue Gegner in sich zusammen und stürzte über die Klippe…

 

Ungläubig starrte Klein-Link in den unendlich scheinenden Sternenabgrund und sah die Überreste des Schattens in der Dunkelheit versinken. Erst als er von Schattenlink nichts mehr sehen konnte, atmete er tief ein und sank auf seine Knie. Er atmete so hastig, als hätte er für viele Minuten die Luft angehalten und spürte erst jetzt, wie sehr ihn diese Reise mitgenommen hatte. Sein Körper zitterte, als wäre er an einem Stromkabel angeschlossen. Und ihm wurde kalt und übel…

 

Plötzlich spürte er eine warme Hand auf seiner Schulter. Es war Navi, die sich von dem Angriff erholt hatte. „Das war gut… du hast tatsächlich Heldenblut in dir“, sprach Navi bewundernd. „Aber du siehst übel aus“, setzte sie hinzu.

Er verdrehte die Augäpfel. ,Das musste sie ihm nicht noch sagen, das wusste er auch so. Wirklich eine tolle Hilfe war diese einstige Glühbirne…‘

Sie half ihm auf die Beine, auch wenn er weiterhin torkelte. Er seufzte, wollte nur noch in ein Bett oder zurück in die Gärten des Lebens im Hause der Götter. Er hatte mehr als einmal in jenen goldenen, magischen Gärten verschlafen…

 

Gerade da löste sich die energetische Barriere vor der Brücke und machte den Weg passierbar. Erleichtert blickten die beiden zu ihrem Rückweg. „Gut, dann mal raus hier…“, murmelte Klein-Link und ließ sich von Navi stützen.

 

Schwerfällig tapsten die beiden vorwärts, als sich die dichten Nebelschwaden, die einen großen Teil des heiligen, alten Reiches verhüllten, endlich zurückzogen. Landschaften mit gigantischen Bergen zeigten sich, an denen gefährliche Wasserfälle hinab rauschten. Riesige Städte aus Gold. Drachen und große Vögel, auf denen Götter ritten. Navi und Klein-Link erblickten das alte Reich von weitem, und dennoch reichte ein Blick so entzückt und fasziniert zu sein, sich zu wünschen, nur ein einziges Mal- und wenn es das Leben kostete- jene göttlichen Gefilde zu erblicken…

 

„Das ist wunderschön…“, murmelte die Fee, beobachtete einen goldenen Morgen, der über das Götterreich mit seinen hohen Festungen, riesigen Brücken und sauberen Städten fiel.

„Ja, das ist es…“, flüsterte Klein-Link, hatte für einen Augenblick seine Erschöpfung völlig vergessen.

„Du wirst eines Tages noch einmal dorthin reisen“, meinte die Fee ruhiger. Ein trauriger Unterton ließ den Jungen sich wundern. Er musterte seine Begleiterin nachdenklich.

„Itrey Defice, der Unsterbliche, der uns beide hier besucht hat, sagte mir dies. Er kann Menschen wie dich oder mich scheinbar nicht leiden, aber er meinte, er würde dich unterstützen“, sagte sie trübsinnig und wand dem Jungen den Rücken zu.

„Er ist also einer von den Guten, richtig…“, seufzte der Bursche. Er schloss kurz die Augen und versuchte Navis plötzliche Melancholie zu ignorieren. Er hatte genug von negativen, traurigen Gefühlen, und wollte im Augenblick einfach nicht wissen, was in ihrem Kopf vor sich ging. Außerdem war sein Körper fix und fertig…

„Ja, er brachte mich aus der Stadt heraus, und er half mir vor dem Wahnsinn. Das, was man in diesem Reich fühlen und erkennen kann, ist nicht für sterbliche Köpfe gemacht. Wenn man nicht geschützt ist, zerreißt es sterbliche Gedanken und Emotionen und es verändert sterbliche Körper…“ Sie stutzte plötzlich, schien bemüht sich zusammenzureißen und redete abtuend weiter. „Du bist göttlicher als du vermutest, Klein-Link, sonst könntest du es hier nicht aushalten. Du wärst wahnsinnig geworden und dein Körper hätte sich verändert…“

Er nickte, war zwar verwundert über diese Neuigkeiten, aber er konnte Navi einfach nicht mehr zuhören und nicht verstehen, worauf sie hinauswollte. Sein Körper hatte sie nicht verändert und ihrer doch auch nicht. Was also diskutierten sie hier noch? Er wollte nur in ein Bett. Genervt und deutlich erschöpft stapfte der Junge vorwärts, spürte seine Knie zittern und seine Wunden brennen. Navi blickte ihm sorgenvoll hinterher. Er verstand ihren Wink nicht, wie sollte er auch...

 

Zielstrebig marschierten die beiden Kinder weiter über die Brücke, bis sich vor ihnen eine vertraute, gleißend weiß schillernde Pforte mit dem Wappen der Königsfamilie auftat, die sie zurück in den Glaspalast bringen würde. Sie zögerten nicht, ließen mit dieser Welt ein weiteres Abenteuer hinter sich.

 

Wenige Minuten später traten Navi und Klein-Link durch die Heilige Pforte am Glaspalast und waren überglücklich die Sonne wieder zu sehen. Zeruda hatte noch immer gebetet, reagierte dennoch sofort mit einem zögerlichen Lächeln, als sie den jungen Weltenwanderer entdeckte. Sie hastete näher, kniete nieder, tupfte besorgt über Klein-Links zerrissene Tunika und begutachtete die Wunde auf seiner Brust. Sofort umwickelte sie die rechte, verletzte Hand des Jungen mit einem Leinentuch. Erst dann begrüßte sie Navi standesgemäß und reichte ihr die Hand. Der Fee entging nicht, wie mütterlich sich die Hylianerin dem Götterkind gegenüber verhielt.

„Ihr seid also Zeruda, eine erste Prinzessin Zelda“, entgegnete Navi verwundert und war etwas neidisch, dass auch diese Zelda wunderschön war.

„Zumindest in dieser Zeitlinie… Hyrules Geschichte ist noch wesentlich verworrener als es Euch bekannt ist, Fee Navi. Aber Erklärungen schieben wir vorerst auf. Lasst uns zurück in die Nordstadt reiten.“ Sie musterte sie mit einem intensiven und zugleich mitleidigen Ausdruck in ihrem makellosen Gesicht. Zögerlich strich sie über Navis Stirn. Sie streichelte ihre Haut, als wollte sie sie segnen. Als Zeruda ihre Augen schloss und sich abwendete, hatte Navi ihre Reaktion verstanden. Zeruda hatte sie schon lange durchschaut und etwas gesehen, dass Klein-Link nicht sehen konnte…

 

Und es war dann, dass Klein-Link, glücklich Navi aus dem Reich der Götter gerettet zu haben, aber unheimlich verausgabt auf seinem Pferd angelehnt an seine Feenbegleiterin, in einen erholsamen Schlaf fiel…

 

 

 
  Insgesamt waren schon 112811 Besucher (404839 Hits) hier!