Kapitel 118
 

22. Ein vergessenes Schicksal… Teil 7

 

 

Kurz vor einem glühend roten Sonnenuntergang, der den Horizont blutig malte, wurde die Rückkehr Zerudas im Königsschloss erfreut begrüßt. Sie zeigte sich nicht in ihrer Kämpfermaskerade, sondern ritt in ihrer meerblauen Robe mit hohem Stehkragen über den Marktplatz. Die Hylianer, die heiter gestimmt und völlig zufrieden ihren täglichen Aufgaben nachgingen, sahen auf und lächelten als die zukünftige, erste Königin entlang ritt. Sie liebten ihre Regentin für alles, was sie an Hoffnung und Opfer in diese Welt gesteckt hatte. Und jeder wusste, was Zeruda auf sich genommen hatte. Auch Navi, die mit einem schlafenden Götterkind hinter der stolzen Adligen anschloss, wusste dies. Sie kannte Geschichten über Zeruda, auch wenn sie vorher nicht wusste, wie viel sie und Rinku mit dem Heldenpaar zu tun hatten, das sie kannte. Und sie beneidete Zeruda beinah höllisch… weil sie geachtet wurde, weil sie gesehen und verstanden wurde. Und weil es diese wunderbaren, friedvollen Hylianer gab, die immer zu ihr aufsehen würden. Seufzend ritt Navi hinter der Prinzessin her, fühlte sich etwas verloren und leer, wusste sie doch, dass etwas bevorstand, dem sie sich stellen musste.

 

Im Innenhof des Schlosses angekommen, traf die einstige Fee den scheinbaren Bruder Zerudas. Harkenia, der I, der sofort niederkniete und ihr eine Hand reichte. Sie konnte eine Form von Wärme in seinen Augen erkennen, ein angenehmes Licht, das aus den dunkelblauen Seelenspiegeln hervortrat. Und dieses Licht war das einzige, was ihr half sich etwas wohler und besser zu fühlen.

„Ihr seid das Mädchen, für das Klein-Link den Ausflug in das vergessene Reich unternommen hat. Ihr müsst sehr wichtig für ihn sein“, sprach er. „Mein Name ist Harkenia, zumindest für alle, die das Geheimnis nicht kennen“, setzte er im Flüsterton hinzu. „Ihr wisst Bescheid?“

Navi nickte nur, wurde bereits vorher von Zeruda über alles Wichtige informiert, wand sich ab und blickte erneut zum bewusstlosen Götterkind. Mittlerweile hatte Zeruda ihn auf ihre Arme genommen und trug ihn ohne ein weiteres Wort in das Schlossgebäude.

„Ihr müsst müde und hungrig sein nach der langen Reise und Fragen haben“, meinte der verborgene Rinku.

Navi schüttelte den Kopf. „Hungrig und müde, ja, aber Fragen habe ich wenige. Ich weiß, was in dieser Zeit geschehen ist und was geschehen wird, da ich im Haus der Götter und dessen riesiger Bibliothek viele Geschichten lesen konnte. Und ich weiß auch, welcher Krieg der letzte war bisher.“ Sie sprach ihre Worte klar und beherrscht, bemühte sich, die Verzweiflung, die sie im vergessenen Reich erfahren hatte, nicht zu zeigen.

„Dann wisst Ihr ebenso um die Schlacht der Engel vor zwanzig Jahren?“ Navi nickte.

„Das ist äußerst aufschlussreich“, erwiderte er neugierig. „Folgt mir bitte.“ Navi trottete daraufhin nachdenklich hinter dem Monarchen her und ließ sich ihr Zimmer zeigen. Es war ein ruhiges Zimmer im Ostflügel, nicht weit entfernt von der Kammer des Weltenwanderers, was Navi beruhigte. Sie spürte, dass sie die Nähe des Jungen suchte, vielleicht weil er sie trotzallem an den Helden der Zeit erinnerte. Und weil jener der einzige war, von dem sie sich Beistand erhoffte. Es gab einige Dinge zu besprechen, vor allem aber das, was Navi bisher verschwieg… 

 

Sie konnte in Ruhe eine wärmende Mahlzeit zu sich nehmen, schaute nach Klein-Link, der noch immer schlief und vermied den Kontakt zu Zeruda oder Rinku. Sie wollte lediglich mit Klein-Link über ihre Bestrafung im Götterreich reden und mit niemandem sonst. Und es war dann, dass eine kühle, strenge Nacht über Hyrule hereinbrach. Als die Sterne am Himmelszelt leuchteten, schlief die einstige Fee sehr unruhig. Das Kinderbett in ihrer kleinen Kammer war bequem und sie hatte es gut hier. Es lag nicht an der neuen Umgebung oder an irgendeiner Ungewissheit, dass ihr der Schlaf zur Qual wurde. Es lag eher daran, dass sie in ihren Träumen immer wieder Itrey Defice sehen konnte, jenen unsterblichen Kämpfer, der sie nicht nur vor dem Wahnsinn gerettet, aber ihr auch etwas Trauriges mitgeteilt hatte. Im Reich der Götter herrschten andere Gesetze, teilweise sehr teuflische und grausame Schicksale. Und es gab bestimmte Hürden und Schutzmechanismen, ehe man diesen Ort überhaupt betreten konnte. Und es gab Flüche, die kein Gott brechen konnte. Als Itrey das einstige Feenmädchen fand, hatten sich die Flüche des unsterblichen Reiches ihrer schon lange bemächtigt. Und er hatte ihr konfrontierend mitgeteilt, dass es Folgen haben würde, wenn ein sterbliches Wesen überhaupt nur einen Fuß auf den geweihten Boden setzt. Und es war wesentlich mehr als der Wahnsinn, der Navi befallen hatte. Sie hatte versucht es Klein-Link irgendwie zu sagen, sie wollte ihm mitteilen, dass in jenem Reich sterbliche Körper nichts zu suchen hatten. Aber nachdem er sich so erschöpft fühlte, wollte sie ihn damit einfach nicht belasten…

 

Und in ihren Träumen flüsterte der Gott, der sein Schwert mehr liebte als alles andere auf der Welt, immer wieder erinnernd. ,Bedenke, wo du hier bist. Es ist nicht nur der Wahnsinn, der hier für Sterbliche regiert. Es gibt Tausende Verwünschungen und eine trifft immer…‘

Gerade als Itreys tiefe, ausdruckslose Stimme ein weiteres Mal in ihren Träumen niederdonnerte wie sein Schwert, erwachte das Mädchen gequält. Tränen flossen über ihre Wangen und sie schluchzte. Wie sollte sie auch nicht? Die meisten Hylianer in diesem Schloss dachten, es wäre alles in Ordnung, aber gar nichts war okay. Keiner wusste, was wirklich im Götterreich geschehen war. Klein- Link dachte, er hätte sie gerettet und könnte auf ewig so weiter mit ihr durch die Welten reisen, aber Navi wusste es besser. Der Ausflug in das Götterreich hatte schreckliche Konsequenzen, nicht zwangsläufig für Klein-Link, aber für sie und ihren geliehenen Körper…

 

Sie erhob sich schluchzend, zündete eine Kerze an und trat mit dieser zu einem runden Kosmetikspiegel, der auf einem hübschen Sekretär stand. Sie konnte das runde Kindergesicht darin erblicken, ihre Sommersprossen und die giftgrünen Augen. Nur war dort in dem hellblonden Haar eine Strähne, die sie sofort abschnitt. Eine Strähne, die eine schreckliche Verdammung verriet. Denn sie war dunkelgrau…

 

Wie ein Gespenst huschte die vergessene Fee durch die nebligen, verlassenen Schlossgänge in einer Welt, die ihr nichts sagen konnte, umgeben von Geschöpfen, mit denen sie nicht reden konnte. Sie tapste vorwärts, verfolgt von eigenen Dämonen, von denen sie dachte, sie müsste sich ihnen niemals stellen. Sie lief weg vor der Vergangenheit, den Problemen ihrer geliehenen Existenz und wünschte sich, sie könnte vieles in ihrem Leben rückgängig machen. Entscheidungen treffen, die sie viel zu lange aufgeschoben hatte. Entscheidungen treffen um neu zu beginnen. Vielleicht war es das, was sie an Zeruda oder auch Prinzessin Zelda so sehr beneidete. Sie traf ihre Entscheidungen, koste es, was es wolle. Diesen Mut wollte sie nur einmal finden. Sicherlich hatte sie oft genug Mut bewiesen, aber Entscheidungen zu treffen, schob sie immer auf. Nicht, dass sie sich fürchtete, aber sie hatte doch immer Zeit gehabt für ihre Ziele. Sie hatte Hunderte von Jahren Zeit gehabt für das, was sie entscheiden musste. Wie sollte sie auch mit diesem Wissen und mit einer halben Ewigkeit Lebenszeit den Antrieb und die Motivation finden in der Erfüllung ihres Lebenssinns weiterzukommen? Für Menschen war dies so selbstverständlich… aber kein Mensch konnte sich vorstellen, wie man mit dem Wissen unsterblich zu sein durch das Leben ging. Man hatte Zeit, wozu also Entscheidungen heute lieber als morgen treffen?

 

Navi lächelte halbherzig durch die Dunkelheit. Nur ein kleiner Schein ihrer Kerze, getragen in alten Kinderhänden flackerte und beleuchtete ihr bekümmertes Gesicht. Sie fühlte sich als Feigling, wie damals, als sie dem Helden der Zeit nicht helfen konnte. Ein Feigling, dass sie sich nicht traute Klein-Link die Wahrheit zu erzählen. Sie schluchzte und rannte schließlich, rannte hinauf auf die Turmspitze, um endlich zu atmen, den Wind zu spüren, und vielleicht einen Bruchteil alter Magie, in der sich Feen kleideten, wahrzunehmen. Sie sehnte sich danach sie selbst zu sein, in dem Körper zu sein, der ihr gehörte, in dem Zuhause zu sein, das sie liebte…

 

Die Flamme der Kerze flackerte wilder, auch, weil sich das Mädchen der Turmspitze näherte. Ein beißender Wind pfiff hier oben, welcher den Kinderkörper Navis erzittern ließ. Sie schützte die kleine Flamme mit ihren Händen und trat sachte an den Abgrund. Ihre grünschillernden Augen verloren sich in der weiten, nächtlichen Märchenlandschaft Hyrules. Sie erinnerte sich an die alte Welt, erinnerte sich an das Abenteuer mit dem Helden der Zeit, erinnerte sein Mut erfülltes Lächeln und seine Worte, die ihr gesamtes Weltbild verändert hatten. Und sie erinnerte auch den Tag, als sie ihn verlassen musste. In der grauen, leeren Zitadelle der Zeit stand einst der Jüngling mit dem Herzen eines Mannes vor ihr. Er hatte Blut und Tränen vergossen, hatte Freunde verloren und Verletzungen ausgehalten. Aber sein Siegeszug war vorüber. Er hatte Ganondorf besiegt und der Pfad zwischen den Zeiten hatte sich geschlossen. Sie erinnerte sich, dass sie ihm dort Lebewohl sagte und ihm etwas mit auf seinen Weg gegeben hatte. Das war das letzte Mal, dass sie Link in Hyrule gesehen hatte, denn der Wächter das Waldes schickte sie heim. Erst, als Hyrule verblasste, und sie sich gegen eine Wiedergeburt entschied, konnte sie ihren Freund und ihr Vorbild wiedersehen. Sie wünschte sich nur, dass sie ihn unter anderen Umständen als auf der Erde wieder getroffen hätte. Und nun… würde sie sich vielleicht nicht einmal mehr von ihm verabschieden können…

 

Sie hatte niemals nur einen Gedanken an ihr Ableben oder an den Tod verschwendet. Wozu auch? Warum sollte ein unsterbliches Wesen sich Gedanken um den Tod machen? Und nun war sie mit etwas konfrontiert, dass ebenso aussichtslos wie auch zermürbend war. Sie wurde bestraft, dafür, dass sie einen Fuß auf geweihten Boden gesetzt hatte. Bestraft, weil sie mit einem geliehenen Körper umher wandelte. Bestraft, weil es ein Gott so wollte. Sie konnte es selbst noch nicht glauben oder verstehen. Sie konnte es nicht fühlen. Alles, was sie wahrgenommen hatte, war eine dunkelgraue Strähne. Und alles, was sie hatte, waren die Worte dieses Kriegergottes, der ihr verständlich machen wollte, dass sie durch Götterhand bestraft wurde und dass ihre Existenz sehr bald enden würde. Aber warum? Was war so verwerflich daran in dieses alte Heilige Reich einzutreten? Und was war so verwerflich daran, dass sie lieber dieses Leben als ein Erdenbürgerdasein führte!

 

Sie verkrampfte sich. Sie wollte am liebsten schreien, sich das Unverständnis über ihre Situation aus dem Leib brüllen. Aber sie schwieg. Bemüht einen klaren Gedanken zu fassen, sich bewusst zu werden, was sie jetzt tun musste, trampelte sie zu einem rostigen Eisengeländer und stützte sich dagegen. Wie sollte sie nur glauben, was Itrey Defice zu ihr sagte. Wie sollte sie nur verstehen, dass sie in den nächsten Wochen altern und sterben würde? Das konnte doch nicht sein! Das ergab überhaupt keinen Sinn! Es musste einen Weg daraus geben, irgendeine Möglichkeit geheilt zu werden! Verzweifelt trat sie gegen die Eisenstäbe, trat so heftig dagegen, bis ihre Füße schmerzten. Lethargisch ließ sie sich auf die Knie sinken und lehnte sich an die Eisenstäbe. Und es war endlich, dass das einstige Feenmädchen weinte. Erst jetzt schien sie zu begreifen, wie dunkel ihre Zukunft aussah. Wie nur sollte sie in nächster Zeit verfahren? Sollte sie es Klein-Link wirklich sagen? Und wie würde er reagieren? Konnte er es überhaupt verstehen?

 

Gerade da strahlte von weither ein blendend helles, aber angenehmes Leuchten, das den finsteren Nachthimmel in warme rosarote Farben tauchte. Ein leises Klingeln wie das Geläut der kleinsten und hellsten Glocken eines Festtages drang an Navis spitze Elfenohren, bis das Geräusch so nah war, das sie aufsah. Erschrocken starrte sie in feuerrote Augen, die sie schuldbewusst musterten. Vor ihr, vielleicht teleportiert oder durch zarte Feenflügel getragen, stand keine geringere als die stolze Feenkönigin mit dem rosafarbenen Haar. Sie zeigte sich überraschend in Menschengestalt.

„Titania?“, murmelte Navi verwundert, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und blickte im nächsten Augenblick vorwurfsvoll und enttäuscht drein. Ihre giftgrünen Augen loderten in einer Wut, welche man der einstigen Fee nicht zutraute.

„Du wagst es, mir unter die Augen zu treten? Weißt du, was du mir angetan hast!“, zürnte Navi und stapfte wutgeladen in Richtung der machtvollen Unsterblichen. Sie brüllte: „Du hast mich in das alte Reich geschickt ohne auch nur meine Argumente zu beachten, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne einen reuevollen Gedanken. Du hast mein jetziges Leben ruiniert!“

Mitleidig blickte das magische Geschöpft nieder und sank auf die Beine. Ihre feuerroten Augen glühten voller Schuldbewusstsein. Aufgeregt trat Navi näher, hob ihre Hände und wollte die Fee für ihr unbedachtes Handeln mit Fäusten schelten. „Wegen dir werde ich grausam altern! Ich wurde verdammt!“, kreischte Navi, wollte die Feenmonarchin ihre Fäuste spüren lassen, aber ihre dicklichen Kinderhände sanken zurück. Schluchzend zog das blonde Mädchen die Nase hoch, drehte sich um ihre eigene Achse und ließ den Kopf hängen.

„Was willst du hier, Titania? Dein Gewissen erleichtern? Mich um Verzeihung bitten?“, sprach Navi beherrschter, aber trübsinnig. Ihre Kinderstimme schallte dumpf über die Türme des Schlosses.

„Nein…“, entkam den silbergemalten Lippen der Regentin. „Ich wollte es dir nur erklären…“

„Und was, wenn ich deine Erklärungen nicht hören will?“, sprach Navi gefasst und kühl. „Du glaubst, jedwede Erklärung aus deinem unsterblichen Mund könnte irgendetwas ändern?“ Einmal mehr blickte das blonde Feenmädchen in die mitleidigen Augen Titanias. „Nein, ich erwarte keine Vergebung… ich habe durch mein naives Handeln ein kostbares Leben zerstört…“, hauchte sie. „Aber ich tat es nicht ohne Grund. Navi, bitte höre mich an.“

„Was soll mir das bringen?“, raunte sie.

„So hör‘ mir doch zu, ich habe wichtige Dinge zu sagen…“

Aber Navi unterbrach sie scharf: „Aber ich will nichts hören! Und ich will kein Wort hören einer Königin, die mich so enttäuscht hat. Du bist jung und naiv in deinem Handeln. Ein Kind, noch mehr als ich es in den letzten Wochen war.“

Und es war dann, dass von Titanias feuerroten Augen zwei Tränen tropften. Sie bereute ihr einfältiges Handeln zutiefst, aber sie hatte einen Grund. Es war nicht nur Navis Aura, welche sie dazu bewogen hatte, sie in das alte Reich zu schicken. Nein, es gab noch mehr Hintergründe, die sie weder Rinku noch Klein-Link erzählt hatte.

„Jemand sagte mir, ich sollte dich dorthin bringen…“, sprach sie leise. „Ich tat es nicht nur, weil ich deine Aura so wahrnahm wie eine derer, die im alten Reich leben. Jemand sagte mir, du hättest dich in diese Welt verirrt. Es tut mir leid. Ich bereue mein Handeln zutiefst. Aber ich wollte dich wissen lassen, dass…“

Dann unterbrach Navi die Regentin verwundert. Es dauerte einige Sekunden ehe sie den Sinn jener Worte verstand.

„Wie meinst du deine Worte?“ Das blonde Mädchen schaute skeptisch in Titanias blutrote Augen.

„Wie ich sie sagte“, erklärte sie. „Das Feenreich wurde besucht von einer Gestalt, ganz in schwarzen, seidenen Gewändern. Wir kannten jenen Eindringling nicht und doch konnten wir sie nicht angreifen oder dazu bewegen das Feendorf wieder zu verlassen. Sie sagte, sie käme zum Schutz der legendären Helden in das Dorf und gab mir zu verstehen, dass ein blondes Mädchen bei uns erscheinen werde. Sie sagte, wir müssten jenes zurück in das Reich der Götter schicken. Es war eine machtvolle, weibliche Person, die wir nicht anzweifelten…“

Navi wich mehr und mehr die Farbe aus dem Gesicht. Nicht nur, dass sie ohnehin völlig überfordert war. Sie konnte nicht glauben, was die Feenkönigin hier darlegte. War das nur ein Versuch den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

„Das kann ich nicht glauben!“, kreischte Navi. „Du versuchst dich nur zu rechtfertigen.“

„Wozu sollte ich das tun?“, pfefferte die Feenkönigin zurück. „Ich habe Verpflichtung gegenüber meinem Volk, auch gegenüber dir, wo du in unser Reich hineingeboren werden wirst. Niemals wollte ich jemandem schaden und ich stehe hier vor dir, als menschengroßes Wesen, um die Schuld auszutragen, die ich verursachte. Denn ich bin schuld an deinem Unheil…“

Navi seufzte und zog ihre Nase nach oben. „Und du vermutest, dass eine weitere Gestalt die Fäden lenkt?“, murmelte sie zitternd.

„Ja, eine machtvolle Gestalt, vermutlich aus dieser Zeit, jemand, der den Helden der Welten und dich manipulieren will.“

Irritiert wich Navi einige Zentimeter zurück. „Du meinst doch nicht…“

Die Fee nickte gefühllos. „Es gibt jemanden in dieser Zeit, der machtvoller ist als andere Wesen. Nur sie käme in Frage. Kein anderes Wesen ist so bewandert in Magie und in der Vorsehung.“

„Du vermutest, dass Prinzessin Zeruda dahinter steckt?“

Abermals nickte die Fee aber mit einem Hauch Zweifel.

„Das kann nicht sein“, entgegnete Navi scharf. Ihr fielen auf die Worte beinahe die Sommersprossen von der Haut. „Warum sollte Zeruda mir das antun?“

„Ich kenne darauf keine Antwort… es ist lediglich ein Verdacht und eine Erklärung für mein Handeln. So war ich hier stehe, ich lüge nicht und ich will nichts rechtfertigen. Ich ersinne nur deine Vergebung.“

Navi nickte, blickte zum Steinboden, sodass man ihr Gesicht nicht erblicken konnte. „Ich kann das nicht glauben, auch wenn ich spüre, dass du nicht lügst. Es muss ein anderes Wesen dahinter stecken. Zeruda ist die Vorfahrin Zeldas, die ich sehr wertschätze.“

„Was du mit jenem Wissen anfängst, kannst nur du entscheiden, ich wollte dich zumindest informieren.“

„Titania… Sag‘ mir, weißt du, was die Flüche im Heiligen Götterreich verursachen?“ Und da ballte Navi ihre Fäuste. „Habe ich noch eine Chance? Gibt es Hoffnung?“

Daraufhin trat die Regentin näher, legte ihre Hände auf die kindlichen Schultern und küsste Navis Stirn. „Es gibt da einen Spruch, der für alle Wesen gilt. Hoffnung stirbt zuletzt… so sagen die Sterblichen immer.“

Mit Tränen in den Augen, aber gewillt der Monarchin Glauben zu schenken, sah Navi auf. Das Leben in ihren giftgrünen Augen loderte und es würde sich nicht ohne Kampf löschen lassen. ,Hoffnung gab es immer und es gibt sie noch‘, summte es in ihren Gedanken. Als die Feenkönigin sich in ein kindsgroßes Wesen verwandelte und hinfort flog, ballte das blonde Mädchen noch einmal die Fäuste. Sie sah hinauf ans tiefblaue Firmament, wo vergessene Sterne silbern funkelten. Ihre Tränen verblassten langsam.

 

Schweißgebadet schreckte der kindliche Weltenreisende aus einem langen, tiefen Schlaf. Eingehüllt in dicke mit Kräutern und Iod durchtränkte Verbände ruhte er zwischen kühlen Laken und begann sich heftig zu bewegen. Er war verunsichert, wusste im ersten Augenblick nicht, wo er war und ruderte wie wild geworden mit seinen Armen. Er rief ein altes Wort für Mutter, welches im hylianischen Sprachgebrauch schon lange nicht mehr verwendet wurde. Und erst, als er das Wort dreimal gesagt hatte und niemand ihm antwortete, blinzelte er und kniff die Augen gleich wieder zusammen, da ihm Schweiß hinein ließ. Er richtete sich benommen auf und erkannte verblichen ein kleines Gästegemach vor sich, das ihm sehr vertraut erschien. Er fluchte und presste seine rosa Lippen fest aufeinander, da seine Wunden heftig brannten und versuchte noch einmal zu blinzeln. Als seine Umgebung klarer wurde, kam sein Gedächtnis wieder. Er erinnerte sich an die Ereignisse der letzten Stunden, an den Kampf gegen Schattenlink und vor allem daran, wo er sich hier befand. Er war im Königsschloss in Zerudas und Rinkus Zeit. In der Nordstadt eines alten, vergessenen Reiches. Er war hier sicher… Es war soweit alles in Ordnung. Er hatte Navi befreit und in dieser Mission die beiden bedeutsamsten Seelen Hyrules bereits gefunden…

 

Er seufzte, quälte sich mit dem Gedanken an die lange Mission, die er noch meistern musste und beobachtete warme, karminrote Strahlen einer untergehenden Sonne, die in das Gemach drangen. Das Licht tanzte in feinen Staubkörnern und ließ seine Umgebung magisch und beruhigend auf ihn wirken.

Er wollte sich noch einmal aufrichten, unterließ den Versuch jedoch sogleich mit einem ungewollten Stöhnen. Die Verbände auf seinen Wunden kratzten, rieben hässlich und unangenehm. Vor allem die Wunde an der rechten Hand pochte und glühte. Er kniff ein Auge zusammen und fragte sich, wie ein Mensch solche Wunden überhaupt aushalten konnte. Die Verletzung in Ganondorfs Kerker, als Zeldas sich die Pfeilverletzung holte, war damals nicht so anstrengend und folternd gewesen. Er grinste verzweifelt und spürte etwas Nasses über seine Wangen tropfen. ,Klar‘, dachte er gequält. Damals war er noch nicht reif und menschlich genug, jene Schmerzen zu spüren. Und jetzt, wo ihm Menschlichkeit eingehaucht wurde, hielt er diese kaum aus. ,Wie erbärmlich‘, schimpfte er in Gedanken. Er, als teilweise göttliches Wesen, das fühlen wollte, war einfach nur erbärmlich…

 

Gähnend blickte er zu den komischen Punkten an seinem linken, braungebrannten Arm, auf welche ihn der unheimliche Muskelprotz bei den unendlichen Nebeln im Götterreich aufmerksam gemacht hatte. Sie verschwanden allmählich, verblassten teilweise. Er fragte sich bloß, woher diese Flecke rührten…

 

Gerade da trat Navi durch die Tür und schloss jene vorsichtig. Sie hatte ihre gelockten Haare offen, die bis zu der Hüfte fielen, was ihn verwunderte. Sie hatte ihre strohblonden Haare noch nie offen getragen. Und saubere, hofgemäße Kleidung bedeckte ihre dickliche Gestalt. Eine dunkelgrüne Tunika mit großen, blauen Knöpfen bedeckte ihren Oberkörper und sie trug eine neue, helle Pluderhose.

 

Als sie sah, dass Klein-Link wach war, lächelte sie so breit, beinah unecht, dass sich die Sommersprossen in ihrem Gesicht verschoben. „Hey, du hast über einen Tag lang geschlafen, wie fühlst du dich?“ Sie trat zu ihm hinüber und setzte sich an die Bettkante. Sie hatte vieles zu berichten, aber sie ahnte auch, dass sie im Augenblick noch nicht bereit war, dem Götterkind von Titanias Verdacht und ihrer Bestrafung zu erzählen.

„Menschlich fühle ich mich“, murmelte er. „Und grässlich…“, setzte er hinzu, bereute das Sprechen aber sofort. Sein Hals war so trocken, dass er dachte, er musste geölt werden.

„Zeruda hat mich über alles aufgeklärt, während du geschlafen hast. Also über alles, was diese Zeit und Rinku betrifft. Die Prinzessin versucht gerade ihre Antworten zu finden und hat sich auf den Weg in den Tempel der Zeit gemacht.“

„Den Tempel der Zeit?“ Klein-Link grinste ein wenig.

„Jap, genau. Sie war es auch, die sich um deine Wunden gekümmert hat. Sie hat dich nicht eher aus den Augen gelassen, ehe sie wusste, dass die Wunden sich schließen und es dir besser geht.“

Der Junge grinste schief. ,Wie absurd, dass er nichts davon merkte, dass es ihm besser ging.‘

„Zeruda hat außerdem deine Tunika genäht“, meinte Navi und deutete zu dem Sessel im Raum, über welchem Klein-Links Kleidung hing. „Du bist das Kind, das sie nie hatte. Ich schätze, sie würde alles für dich tun…“ Ein Argument mehr, was dafür sprach, dass Zeruda Navi und Klein-Link niemals verraten würde. Navi konnte einfach nicht glauben, dass Zeruda ihren Tod in Kauf nahm.

 

Der Junge zwinkerte auf Zerudas scheinbare Fürsorge. So hatte er die Prinzessin der Hylianer in dieser Dimension nun wahrlich nicht eingeschätzt. Auf ihn wirkte sie eher wie eine unnahbare, frostige Hylianerin, die mit ihrem Kontrollwahn schlichtweg zu weit ging. Die Frau war eisiger als ein Steinklotz…

„Ich finde, Zeruda benimmt sich manchmal wie eine Frostbeule…“, sagte der Junge und ließ sich zurück in die weichen, nach Blüten duftenden Kissen zurücksinken.

„Und das sagst ausgerechnet du“, belehrte ihn Navi. Ihre giftgrünen Augen schillerten enttäuscht. „Du bist oftmals auch nicht gerade ein Sympathieträger.“

Angestachelt durch jene Worte schenkte der werdende Heroe seiner Freundin einen vorwurfsvollen Blick. „Was soll das denn heißen?“  

„Du benimmst dich auch gelegentlich sehr rücksichtslos.“

Er blickte ihr in das runde Kindergesicht, als bestünde es aus Warzen.

„Erinnere dich, du hast mich im Götterreich ziemlich unfair zusammengestaucht. Ich habe dich noch nie so wütend erlebt…“ Sie wartete auf eine Antwort, die er ihr nicht gab. Schweigend blickte er in die andere Richtung.

„Und oftmals bist du so vorausschauend, vernünftig und besorgt. Manchmal aber benimmst du dich kindisch und fies. Weißt du, ich habe gelegentlich das Gefühl, obwohl ich dich schon seit Monaten kenne, dass ich dich überhaupt nicht einschätzen kann. Es ist wie, als wärst du an manchen Tagen ein völlig anderes Wesen.“

 

Geschockt betrachtete er sich Navis todernstes Gesicht. Und er schaute sich ihre Miene immer genauer an, so als nahm er ihre Worte nicht für voll. War er tatsächlich zu weit gegangen?

„Ja, schau‘ ruhig entgeistert. Du hast mich im Götterreich sehr beleidigt mit deinen Worten.“ Er zwinkerte, wurde rot im Gesicht, als schämte er sich und scheute sich Navi weiterhin anzublicken.

„Kannst du mir erklären, was da mit dir los war?“

Er schüttelte bloß seinen Kopf.

„Es ist manchmal wie, als hättest du keine klare Linie, keine Stabilität und Struktur, als hättest du…“

„… keine Persönlichkeit…“, beendete er für sie und spürte den bitteren Nachgeschmack seiner eigenen Worte. Vielleicht war es das, was ihn seit dem Erwachen seines Bewusstseins quälte. Er war ein Experiment von Göttinnen, das sie scheinbar nicht einmal korrekt beendet hatten. Er wusste manchmal nicht, wie er sich verhalten sollte, wer er war… und sich von den richtigen Gefühlen leiten zu lassen, das was für andere Wesen so selbstverständlich war, fiel ihm ungeheuer schwer.

 

Bemüht ihm etwas Beistand zu schenken und Mitgefühl zu vermitteln legte Navi ihre klobige rechte Kinderhand auf seine ihr zugewandte Wange. ,Seine Haut war ungewöhnlich kühl und rau‘, dachte sie. „Vielleicht musst du dich selbst erst finden… vielleicht ist genau das deine Aufgabe für die vielen Dimensionen.“ Sie versuchte ihm Mut zu machen, das durchschaute er spielend. Und trotzdem half es ihm im Augenblick nicht. „Du hast keine andere Wahl als weiterzumachen.“ Er nickte unbeteiligt, als wollte er ihre Worte nicht hören.

 

Sie seufzte und versuchte ihren zweiten Anlauf. „Danke, dass du nach mir gesucht hast… du hättest mich dort auch zurücklassen können…“, sprach sie dann und verkrampfte ihre Hände dabei. Sie suchte nach einem Anfang für Worte, die sie nicht leichtfertig über ihre Lippen bringen konnte. Sie schloss ihre giftgrünen Augen, überlegte verbissen, wie sie es ihm sagen sollte, aber sie konnte einfach nicht.

 

Der Junge grinste missmutig, lachte gekünstelt und unterbrach sie: „Manchmal bist du, Nervensäge, an einem solchen Ort auch besser aufgehoben.“

Sie verzog ihr Gesicht und schaute zänkisch drein wie ein wütender Gorone.

„Aber…“, meinte er dann und lächelte. „… ich bin froh, dass ich dich retten konnte.“ Navi lächelte. Sie lächelte wie immer, aber mit Tränen in den Augen. Ja, für diesen Moment, wenn auch nur hier an diesem sicheren Ort, für schwindende Augenblicke in diesem Zeitalter, hatte er sie gerettet. Und auf eine andere, völlig neue Weise, hatte er sie gerettet…

Denn es war das erste Mal, dass Navi in den Gesichtszügen des Jungen ihren Helden der Zeit entdecken konnte. Und sie sah wesentlich mehr. Mittlerweile war ihr Klein-Link sehr ans Herz gewachsen, auch wenn er von seiner Struktur her, von seiner Stabilität und dem ganzen Repertoire an Charakterzügen unvollständig und verunsichernd wirkte. Sie konnte nichts mehr für Link tun, denn er hatte seinen Weg gefunden. Aber sie würde sich, wenn der richtige Zeitpunkt da war, bei dem Götterkind revanchieren, und ihn darin unterstützen seinen Weg zu finden.

 

In dieser schicksalhaften Minute betraten Zeruda in ihrer Kämpfermaskerade und ihr vermeintlicher Bruder den stillen, verlassenen Tempel der Zeit. In jener Welt war das Gotteshaus halb zerstört und ragte wie ein großer Schandfleck aus der einstigen blühenden Hauptstadt Hyrules heraus. Der Ort war leer und tot. Nicht einmal Gras wuchs hier mehr. Und kein Wurm kroch im Boden, der von Dämonen- und Hylianerblut gespeist war. Ein Teil des Deckengewölbes des Tempels fehlte. Stützende Säulen waren niedergerissen und überall lagen Unrat und Holzsplitter. Das von den Weisen neu geschmiedete Masterschwert war verschollen seit der großen Schlacht. Und ohne die Heilige Waffe im Podest schien die Zitadelle grau und unbedeutend…

 

„Und Ihr seid Euch sicher, dass Ihr hier Eure Antwort finden könnt? Ausgerechnet hier, wo jegliches Leben entschwunden ist?“, murmelte Rinku und blickte sich mit den Augen seines geliehenen Körpers um. Seine hylianische Rüstung klapperte, als er über Geröll und Schutt trat.

„Die magischen Ströme Hyrules vereinigen sich noch immer an diesem Platz, selbst bei all den geschundenen Seelen und dem Blut im Erdboden. Der Tempel der Zeit wird eines Tages neu errichtet werden, genau hier, kein anderer Ort kann das Masterschwert hüten…“, erwiderte Zeruda melancholisch. Sie hüpfte über verkohlte Bankreihen und ließ ihre Fingerspitzen am Altar über altes, heiliges Gestein wandern. In einer großen steinernen Schale hatte sich glitzerndes Wasser gesammelt. Und auch darüber ließ die Adlige ihre Fingerspitzen spazieren. Es war reines Wasser, das durch die Magie der verzauberten Ströme Hyrules angereichert wurde.

 

„Warum habt Ihr mich begleitet?“, fragte sie dann.

Er legte eine Hand auf sein Herz, blickte unsicher zu seinen nussbraunen Stiefeln. Als ob Zeruda nicht wusste, warum er ihr nahe sein wollte. Selbst wenn er sie nicht lieben durfte, er brauchte sie, er wollte einfach nur bei ihr sein. Er trat näher, sehnte sich so sehr danach, sie zu berühren, sie zu umarmen, sogar danach sie zu küssen. Er seufzte angesichts des verbotenen Gedankens und wand sich um seine eigene Achse.

 

„Niemand warnte Euch vor dem Schmerz…“, sprach Zeruda dann und sah hinauf zu silbrigen Lichtstrahlen, die sich kaum trauten an diesem zerstörten Ort zu leuchten.

„Und niemand sagte, dass jener so schwer zu ertragen ist…“, erwiderte er. Ja, er hatte Tage, an denen er die Verbote am liebsten hinwerfen und Zeruda nur noch einmal küssen wollte. Nur ein letzter Kuss, erfüllt mit den Gefühlen, die seit so vielen Ewigkeiten bestanden. 

„Wenn ich Euch schon nicht lieben darf, dann möchte ich zumindest Eure Gesellschaft“, sprach er aufrichtig. „Bitte teilt mir mit, falls Euch dies zu viel wird…“

 

Mit gläsernen Augen wand sich die stolze Hylianerin zu ihm und konnte für einen nichtigen Augenblick statt ihres Bruders das gesamte Erscheinungsbild ihres Heroen vor sich sehen. Sie erinnerte seine athletische Gestalt, erinnerte sein hellbraunes Haar und konnte für einen sterbenden Moment seinen Geruch wahrnehmen. Und es tat weh… furchtbar weh…

Sie schloss ihre dunkelblauen Augen, sträubte sich gegen den aufkommenden Gedanken zu ihm hinüber zu hasten, ihn zu umarmen und vielleicht etwas von dem Mann zu spüren, den sie einst liebte. Für einen Moment sehnte sie sich nach der Zeit, die einst war, nach den Momenten, die sie genoss, nach den Tagen, als sie ihren Lebenssinn fand. Damals… Und in dem Augenblick, wo Zerudas Seele im Einklang war mit ihren Gefühlen wie ein Instrument, das perfekt gestimmt wurde, und eine kristallene Träne aus ihrem Auge tropfte, war es, das ein unschuldiger, winziger Tropfen das Rad des Schicksals in Gang brachte. Denn die winzige Träne lief sachte hinab über die dunklen Wimpern, folgte unsichtbaren Pfaden auf Zerudas blütenweicher Wange und sammelte sich mit einem klirrenden Geräusch in der Steinschale, wo sich magische Ströme vereinten. Die Prinzessin wollte sich gerade abwenden, als sie zusehen konnte, wie das reine, funkelnde Wasser erstarrte, sich in pastellfarbenes Kristallgestein verwandelte und pulsierte.

 

„Rinku, schaut zu mir!“, rief sie erschrocken und zugleich verwundert. Magische Strömungen flossen hier zusammen und eine alte Macht hatte auf Zerudas Bitte reagiert. Es war richtig. Ihre Intuition ausgerechnet hier Antworten zu finden, hatte nicht gelogen. Verblüfft beobachteten die beiden Hylianer die erstarrte, magische Substanz und sahen Bruchstücke künftiger und bedeutender Ereignisse, die sich wie bunte Splitter durch den Kristall bewegten. Fasziniert sahen beide zu, waren sich noch nicht bewusst, welche Herzlosigkeit an die Bilder geknüpft war…

 

Auf dem Kristall erschienen Helden in grünen Gewändern, Dämonen und Orte, die irgendwann von einem Gott erschaffen und gegründet wurden. Sie sahen Welten weit entfernt von diesem alten Land, konnten Wesen sehen, die in anderen Welten lebten und ihren Aufgaben nachgingen. Und dann, auffällig und heftiger pulsierend, sahen sie den Helden, der aus dem Götterkind hervorgehen würde. Er war eine Spur älter und reifer als jetzt, schüttelte die Hand von Zeruda und ihrem Bruder und auch jene Rinkus, der sich ebenfalls in dieser Szene aufhielt. Und unbeteiligt, fast kühl und unberührt, befand sich hinter ihm ein Mädchen mit dunklem Haar, die dem Geschehen zusah. Sie hatte eine schöne Gestalt, strahlte Magie aus. Und die Szenen verebbten, bildeten sich neu, bis sich das Mädchen zusammen mit Zeruda im Tempel der Zeit manifestierte. Sie beteten, nutzten beide ihre Mächte und hauchten Leben in eine mumifizierte, grausige Gestalt, die auf einer runden Steinplatte mit heiligen Symbolen ruhte. Weitere Bilder zeigten sich. Eine Fee mit zwei blonden Zöpfen, deren Körper alterte. Geschehnisse, die Klein-Link nicht akzeptieren konnte, die ihn veränderten. Und sie zeigten Charakterzüge und Grausamkeiten, die der Junge an sich noch nicht entdeckt hatte und welche er lieber verbergen sollte…

 

Als die Bilder endeten, hatte die Prinzessin der Hylianer ihre Antwort gefunden. Nachdenklich musterte sie die zerstörte Zitadelle der Zeit und staunte. Es würde jemanden geben, der ihr seine Macht zur Verfügung stellte um Rinku wieder zu beleben. Ein junges Mädchen, das nur der Held der Welten finden konnte. Rinku würde zurückkehren. Eine leise Freude manifestierte sich in der Kälte, die sie in den letzten Wochen eingenommen hatte. Und ein leichtes Lächeln glitt auf ihr Gesicht. Aber sie blieb realistisch. Sie wusste, dass mit dem Wiedererwecken Rinkus Veränderungen in Hyrule einziehen würden. Sie wusste um den grausamen Handel mit den Göttern und sie wusste, sie durfte mit Rinku nicht zusammen sein…

 

Aber sie konnte hoffen und kämpfen, so wie vorher auch. Eine weitere Idee manifestierte sich zunehmend in ihren Gedanken. Sie hatte grausame Bilder eines Jungen gesehen, der vom rechten Weg abkam, der litt und weinte. Dieses Schicksal würde sie ihm ersparen. Sie fand ihre neue Aufgabe, und sie würde alles für dieses neue Ziel tun.

 

„Ihr hattet Recht, Prinzessin…“, riss Rinku sie aus ihren Gedanken und lächelte ebenfalls. „Eure Vorahnung hat sich einmal mehr als richtig erwiesen. Ich danke Euch dafür. Denn nun weiß ich, auf welchem Wege ich zurückkehren kann. Habt Dank, Zeruda…“

Sie nickte und reichte ihm ihre Hand. „Ich möchte ebenfalls Eure Nähe, auch mit den Einschränkungen…“ Sie sah erhaben in seine Augen und sah ein rufendes Licht darin. Ein Leuchten aus der wahren Seele, die in jenem Körper schlummerte. Er kniete nieder, und wartete stumm, bis sie ihm ihre Hand reichte, die er liebevoll küsste. „Das bedeutet, wir schaffen das…“

„Ja, wir werden unsere Aufgaben erfüllen und vielleicht auch einen neuen Sinn finden…“ Hand in Hand traten sie hinaus aus dem heiligsten Ort, zu dem ihre Seelen immer wieder finden würden. Mit neuen Zielen ritten sie zurück zur Nordstadt…

 

Am nächsten Morgen hastete Navi, nachdem sie Klein-Link besucht hatte, der noch immer schlief, mit Zweifeln hinab in den Speisesaal. Sie freute sich auf ein reichliches Frühstück um sich abzulenken und war einfach nur erleichtert hier zu sein und zu wissen, dass es Klein-Link gut ging. Als sie dem Speisesaal näher kam, hörte sie aber zwei Leute darin heftig diskutieren. Es waren Rinku und Zeruda, die scheinbar neue Pläne hatten.

„Klein-Link ist nicht beständig… wie ein flackerndes Feuer, das der Wind in verschiedene Richtungen neigt… Es wird jemanden geben, mit dem er zu seinem wahren Ich finden kann… aber das ist nicht Navi, sie muss sich entscheiden und gehen…“, sagte Zeruda kühl. Sie schien nicht mit der Wimper zu zucken, als sie dies sagte. Navi konnte kaum glauben, was sie da hörte. Sollte sich der leise Verdacht Titanias tatsächlich bestätigen? Wollte Zeruda Navis Tod?

„Das ist richtig. Ich stimme Euch vollkommen zu, aber wir müssen den Jungen darauf vorbereiten, dass seine Freundin nicht bei ihm bleiben kann. Navi wird sehr bald und sehr schnell altern, da sie das alte Reich betreten hat. Und eine göttliche Bestrafung kann von niemandem abgewendet werden. Selbst, wenn sie beide Hoffnung haben, es wird keine Heilung für sie geben…“, entgegnete der Heroe sachlich. Auch er zeigte sich unberührt. Warum auch, sie wussten nichts über Navi. Sie war nur eine Randerscheinung für sie beide. Alles, was für diese beiden Seelen zählte, war das Götterkind. Es änderte nichts, dass die Auserwählten über Navis Schicksal Bescheid wussten. Sie war immer nur eine kleine, oftmals verspottete Fee gewesen und das Muster ihrer Existenz hatte sich mit diesem Leben wiederholt. Sie war nebensächlich und unbedeutend, damals wie auch heute…

 

„Aber es wird Klein-Link nur unnötig belasten, wenn wir ihm das jetzt schon mitteilen. Unsere Aufgabe ist es ihn zu schützen, auch vor Verlusten und Leid“, argumentierte Zeruda sachlich.

„Und wie wollt Ihr dies bewerkstelligen? Wie wollt Ihr dafür sorgen, dass der Junge keinen Harm erfährt? Ihr könnt nicht immer zur Stelle sein. Er muss lernen zu ertragen und dazu gehört auch Verluste zu akzeptieren und zu begreifen, dass der Tod zum Leben dazugehört. Ihr könnt ihn nicht ewig beschützen, Zeruda!“ Rinku wurde immer lauter und erhob sich.

„Aber ich muss! Ich kann ihm nicht noch mehr scheußliche Prophezeiungen machen“, meinte sie streng.

„Ihr müsst? Für wen müsst Ihr dies in die Wege leiten?“

„Wie meint Ihr?“

„Nun tut nicht überrascht. Ich kenne Euer Herz und ich weiß, was darin vor sich geht. Ihr wollt Klein-Link beschützen, weil er das Kind ist, das Ihr nie hattet.“ Nicht nur die Prinzessin schaute auf diese Worte verstört auf. Auch Navi außerhalb überraschte es, dass dies Rinku so deutlich sagte.

 

Zeruda schenkte ihrem scheinbaren Bruder einen messerscharfen Blick, den er bei ihr noch nie gesehen hatte. Aber sie ließ den Zorn über seine Worte nicht an die Oberfläche. Sie schluckte, erhob sich und trat aus seiner Reichweite. „Ihr seid grausam“, sprach sie beherrscht.

„Entschuldigt“, murmelte er, trat zu ihr hinüber und legte seine Hände auf ihre Schultern. Als sie sich umdrehte, umfasste er ihre Handgelenke. „Zeruda, Entschuldigt… er ist auch das Kind, das ich niemals hatte.“ Er umarmte sie innig. „Ich hoffe genauso sehr wie Ihr, dass Klein-Link auf dem rechten Weg bleiben wird und die Hürden meistert, die vor ihm liegen. Aber ich kann nicht zulassen, dass er blindlings in sein Verderben läuft.“

„Ich auch nicht“, flüsterte sie an seine Schulter. „Ich liebe dieses Kind, seit ich es das erste Mal in den Träumen sah…“

„Ich auch. Er ist ein sehr talentierter Junge.“

„Dann sollten wir uns einig werden…“, entgegnete sie und wich aus der Umarmung. 

„Was bei Eurer Sturheit nicht möglich ist…“, schmunzelte er.

„Und bei Eurem Dickkopf ebenso wenig“, entgegnete sie grinsend. Es war das erste Mal, dass Zeruda wieder grinsen konnte.

„Es tut gut Euch so erheitert zu sehen… Bitte lächelt…“, sprach er leise und legte beide Hände auf ihre zartrosa Wangen. „Wir haben genug gelitten.“

 

Sie nickte schwach und lächelte mit einer stillen Hoffnung, auf das andere Welten neue Schicksale für ihre beiden Seelen preisgaben. Er lehnte seine Stirn gegen ihre und ließ seine dunkelblauen Seelenspiegel durch den Raum und letztlich auch zu der leicht geöffneten Tür wandern. Er stutzte und sah ein blondes Mädchen mit giftgrünen Augen an der Tür lauschen. Mitleidig blickte Rinku ihr entgegen, zählte sehr schnell eins und eins zusammen und sah letztlich die wenigen Tränen, die sie sich aus dem Gesicht wischte. Hatte Navi alles mit angehört? Und auch gelauscht, als sie beide darüber diskutierten, wie unwahrscheinlich es war den schnellen Alterungsprozess von Navis Körper zu beeinflussen?

 

Er deutete Zeruda an, dass etwas nicht stimmte und trat dann eifrig in Navis Richtung. Panisch wich die Beobachtete von der Tür weg und hastete eine alte, steinerne Wendeltreppe hinab. Sie konnte Rinkus Schritte hören und hoffte bloß, er würde sie in Ruhe lassen. Sie wollte nicht, dass irgendjemand aus dieser Welt Anteil an ihrem Schicksal nahm. Hatten Rinku und Zeruda nicht klar dargelegt wie wenig sie sich für das Schicksal und den Fluch einer alten, vergessenen Fee interessierten?

 

„Navi, wartet!“, rief Rinku hinter ihr, aber sie blieb nicht stehen. Sie hatte in ihrer jahrhundertelangen Existenz nicht gerade viel Wert auf die Anwesenheit von Hylianern gelegt. Erst als sie mit dem Helden der Zeit auf Reisen ging, lernte sie den Wert von Hylianern zu schätzen. Es war nicht, dass sie sich überlegen fühlte als damaliges unsterbliches Wesen, aber Hylianer langweilten sie zumeist. Und es war einfacher für sie mit der Existenz, die sie nun besaß, andere auf Abstand zu halten.

 

Als sie einsah, dass es nichts brachte vor Rinku davon zu laufen, weil er sie ohnehin einholen würde, blieb sie schlichtweg stehen und sah aus einem winzigen Fenster im Turm hinaus auf die Steppe. Die Wolken am Himmel tupften dunkle Schatten über die blühenden, weiten Wiesen. Und es war, dass die einstige Fee sich das erste Mal fragte, wie lange sie mit diesen Kinderaugen die Welt da draußen noch sehen würde. Sie wusste, dass sie bestraft wurde und dass es Verwünschungen in Hyrule gab, vor denen niemand bewahrt werden konnte. Und sie wusste, dass sie nicht mehr sehr viel Zeit hatte. Aber sie hatte ihr Schicksal noch nicht akzeptiert und schließlich immer noch Hoffnung. Es war der Held der Zeit, der ihr einst sagte, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Es war der einzige Anker, den sie nun noch hatte…

 

„Navi?“ Rinku riss sie aus ihren Gedanken und trat vor sie. Er ging in die Hocke um sie zu mustern. „Ihr habt alles mit angehört, nicht wahr?“ Navi nickte fahl und blickte trübsinnig nach draußen. Aber Tränen hatte sie keine mehr. Sie war niemals eine Heulsuse gewesen. Tränen hatte sie niemals zugelassen und wofür auch. Sie hatte niemals Tränen gebraucht, zumindest nicht als kleine Fee.

 

„Versteht dies bitte nicht falsch… Zeruda und ich, wir haben beide Mitgefühl… aber für uns…“

„Für Euch beide zählt nur das Götterkind und die Wiedererweckung Eures Körpers“, sprach sie leise und schloss dabei ihre giftgrünen Augen. Erstaunt wich der scheinbare Monarch zurück und zwinkerte. Dass die einstige Fee so ernüchtert klang, erschreckte ihn etwas.

„Das bedeutet, Ihr wisst, was Euer Ausflug in das alte Reich verursacht hat?“, sprach Rinku leise.

Navi nickte und beobachtete weiterhin die Wolken. „Als ich dort umherirrte, traf ich einen der Göttlichen. Er brachte mich an einen Ort, an dem ich von Klein-Link gefunden werden konnte und klärte mich auf über die Umstände an jenem Platz. Ich weiß, dass ich schneller als gewöhnlich altern werde. Aber ich fühle im Moment keinen Zorn gegenüber denjenigen, die mich dort hinbrachten.“

 

Rinku kannte das Wesen nicht, dass er vor sich hatte, dennoch war er gerade unheimlich beeindruckt von ihrer Güte und Gunst zu vergeben. „Mit denen, die euch dorthin brachten, meint Ihr Titania, die Feenkönigin?“

Navi seufzte und winkte ab, kannte sie doch inzwischen noch mehr Hintergründe. „Sie ist eine gute Herrscherin, ich kenne Geschichten über sie und ich hege keinen Groll mehr gegen sie…“ Navi ballte ihre Fäuste. „Ich stecke ohnehin in einem geliehenen Körper, ich habe immer gespürt, dass ich mich irgendwann entscheiden muss. Für oder gegen Hyrule… nur ist es nicht mehr Hyrule, was mir wichtig ist. Ich habe eher das Gefühl, dass ich mich für etwas anderes entscheiden muss.“

„Es tut mir leid, dass Euch dies passiert ist“, murmelte Rinku und nahm auf einer Steinstufe Platz. „Und es tut mir leid, dass Zeruda und ich nichts tun konnten um Euer Schicksal zu beeinflussen… wir waren beide so fixiert auf das Götterkind, das wir seinen wichtigsten Freund vergaßen…“

„Ich mache auch Euch keinen Vorwurf…“, murmelte die Fee und nahm ebenfalls Platz. Sie legte ihren Kopf auf die Arme. Nein, sie machte niemandem einen Vorwurf, auch wenn sie es gerne täte. Hatte sie sich nicht für diese Existenz und auch für die Reise mit Klein-Link entschieden? Sie wusste, dass es kindisch war jemanden für ihr Schicksal zu verteufeln. Es änderte nichts… Wenn sie auf jemanden wütend sein sollte, dann nur auf sich selbst.

 

„Da steckt ein starkes, altes Wesen in Eurer Brust, viel zu weise für dieses Kinderantlitz“, sagte Rinku. Navi lächelte traurig. „Es ist verrückt, dass ich mich in diesem Körper viel zu oft wie ein Kind verhalten habe…“

„Ihr habt Euch wie ein Kind verhalten wegen dem Weltenwanderer, nicht wahr?“

Sie grinste, aber schluchzte sogleich wieder. „Ja, vielleicht. Aber ich habe es schlichtweg genossen, auch wenn es dumm war. Es war wunderbar noch einmal Kind zu sein…“

Rinku stutzte. „Das würde ich auch gerne… noch einmal Kind sein.“ Auch er sah hinaus aus dem kleinen Turmfenster und blickte über Hyrules Wiesen und Felder. „Ich würde Euch gerne Hoffnung machen, dass es eine Heilung gibt, aber Ihr würdet mich durchschauen.“

Navi lächelte schwermütig. „Ja, das würde ich. Ihr seid dem Helden der Zeit ähnlicher als die bisherigen Helden, die ich kennenlernte…“

„Ist das gut für mich, dass Ihr dies sagt?“

„Ich schätze schon… vielleicht ist der Held der Zeit einer derjenigen, die am meisten Oper bringen mussten. Er war mein Weggefährte und Freund.“

„Ein guter Mann, vermute ich…“, murmelte Rinku.

„Er war der Beste, und ich habe ihn immer bewundert. Für die Entscheidungen, die er treffen musste. Für die Opfer, die er bringen musste und das, was er erlitten und ausgehalten hat. Ich bewundere ihn zutiefst. Ich habe gelernt ihn zu lieben auf den Reisen, die wir durch Hyrule machten. Und ich entdeckte wie wichtig Hyrule im gesamten Weltengeschehen sein würde. Ich lernte mit der Liebe zu Link auch die Liebe zu der Welt um mich herum, zu den Pflanzen, die ich als junge Fee ignorierte, die Zuneigung zu dem magischen Treiben der Welt um mich herum und ich lernte viele andere Wesen zu schätzen, weil er meine Augen öffnete. Und ich wollte etwas Besonderes tun, selbst als kleine, unwichtige Fee. Ich wollte etwas für Hyrule tun, genauso wie Link oder Prinzessin Zelda… aber wer sieht schon eine unbedeutende, kleine Fee? Wer glaubt, dass ich  jemals in der Lage wäre, etwas Großartiges zu leisten?“ Navi hielt inne und bremste sich zwingend. Hatte sie sich nicht vorgenommen vor Rinku standzuhalten. Sie wollte nicht, dass er ihre Traurigkeit spürte und sich noch schlechter fühlte als ohnehin. Er hatte genug Opfer gebracht und sollte sich nicht schämen müssen für ein Schicksal, das er nicht beeinflussen konnte. Kurz haderte Navi damit ihm von Titanias Verdacht gegen Zeruda zu erzählen, aber der Gedanke verflog. Sie konnte Rinku nicht damit belasten, wo er Zeruda wie nichts anderes in der Welt liebte und achtete.

 

„Du kannst etwas Bedeutendes tun… irgendwann… Wenn ich der Held der Zeit wäre, ich wäre sehr stolz darauf gewesen, dich an meiner Seite gehabt zu haben… einen treuen Freund… und eine großartige Stütze.“

Mit einem geruhsamen Lächeln blickte Navi in die dunkelblauen Seelenspiegel des Mannes und war entzückt, dass sie jemand für das wertschätzte, was sie getan hatte. „Danke…“, sprach sie zitternd.

„Und Navi, du bist nicht unbedeutend, erst durch dich wird das Götterkind der Held, der er sein muss um sein Schicksal zu erfüllen…“, setzte Rinku hinzu. „Es ist deine Entscheidung, wie und wann du es ihm sagst…“

Die einstige Fee nickte beschwörend. „Danke für deine tröstenden Worte, Rinku. Ich habe noch Hoffnung… auch wenn ich weiß, dass ein göttlicher Wille nicht veränderbar ist und ich altern werde, ein anderer Link, der Held des Windes, sagte, er hätte mich in einer anderen Welt gesehen. Vielleicht geschieht noch etwas, das ich bisher nicht erahnen kann…“

Sie konnte nicht viel für Link leisten, vielleicht… aber jetzt, wo sie allmählich spürte, dass ihr Leben nicht so weiter gehen konnte, würde sie etwas für Links Sohn leisten. Ja, das würde sie.

 

Es dauerte einige Tage, bis sich das Götterkind erholte. Aber Zerudas Heilkräfte halfen ihm sehr schnell soweit zu gesunden, dass er sich zusammen mit Navi in die nächste Welt begeben konnte. Bestückt mit Proviant und bereit für die nächste Mission befanden sich die beiden Weltenreisenden auf den weiten Wiesen Hyrules, wo man die stolzen Todesberge erblicken konnte. Es war Zeit Lebewohl zu sagen und die Mission fortzusetzen. Zeruda und Rinku hielten sich an den Händen und verabschiedeten die beiden herzlich.

 

„Es wird Welten geben, die nicht so einfach zu durchqueren sind wie diese. Welten, die du wie Puzzleteile zusammenbauen wirst…“, sprach Zeruda erklärend. Aus der großen Satteltasche ihres Pferdes nahm sie dreizehn Stäbe, umwickelte diese mit einem dunklen Tuch und sagte: „Dreizehn Stäbe für eine Welt, die in Trümmern liegt. Finde die Puzzleteile, die jene zerrissene Welt zusammenfügen können.“ Verdutzt nahm der Junge die magischen Holzstäbe, mit denen Zeruda den Meteorit aufgehalten hatte, an sich. „Du wirst eine Zelda finden, die in der Lage ist, die Teile der gespaltenen Welt zusammenzufügen. Zweifle nicht, das, was ich dir mit auf den Weg geben kann, wird sich eines Tages von selbst erklären. Noch kannst du es nicht verstehen, aber der Tag wird kommen.“ Zeruda lächelte und sah mit diesem angenehmen Lächeln in Rinkus erwartende Augen. Es war das erste Mal für Klein-Link, dass sie menschlich und warm wirkte. Aber keiner bemerkte das Misstrauen in Navis giftgrünen Seelenspiegeln.

 

„Auch unsere Welt erwartet ein weiterer Krieg… doch bis dahin kehre hierher zurück mit einer neuen Aufgabe… Bring‘ uns die Zelda, die ihre Macht nicht kennt… Erst dann werden wir wissen, wie wir meinen Körper wiederherstellen können, sodass ich an dem Rat der Helden teilnehmen kann…“, meinte Rinku, kniete nieder und packte den Jungen fest an seinen Schultern. „Unabhängig von dem, was noch kommen mag und was du noch zu ertragen hast, bleib‘ deinem Herzen treu. Versprich‘ mir das“, sagte Rinku fest und deutete mit dem Zeigefinger auf die linke Brusthälfte des Jungen. Klein-Link nickte, auch wenn er noch nicht verstehen konnte, wie wichtig Rinkus Worte für seinen weiteren Weg sein würden.

„Navi“, sprach Rinku aufrichtig und beinah zärtlich. „Bleib‘ auch du deinem Herzen treu. Du bist bedeutender als du vermutest. Leb‘ wohl…“ Er reichte ihr beide Hände und nickte. Die einstige Fee lächelte mit Tränen in den Augen. Aber auch diesmal schöpfte Klein-Link keinen Verdacht. Er konnte das Elend und die verankerte Traurigkeit in ihren giftgrünen Augen nicht deuten. Er nahm sie nur an der Hand, verabschiedete sich von Zeruda und Rinku mit einem ansehnlichen Grinsen und ließ die Macht des alten Medaillons einmal mehr frei. Seine Stimme flüsterte ein: ,Bis bald‘ als er mit seiner Begleiterin jenes Zeitalter verließ…

 
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