Kapitel 12
 

Kapitel 12: Erkenntnis

 

Als Link am nächsten Morgen erwachte, fragte er sich ob der Kampf von gestern tatsächlich passiert war oder ob er sich das alles nur eingebildet hatte.

Ohne Aufsehen zu erregen, Sara oder seine Eltern zu wecken, begab sich Link in aller Frühe aus dem Haus und lief ziellos durch die Stadt. Die Sonne ging gerade auf, aber in der Stadt herrschte noch Totenstille. Link folgte dem Weg zur Schule und kam an der alten Kirche vorbei. Irgendetwas zog ihn wie magisch an. Vor einer riesigen alten Holztür blieb Link stehen und hob leicht einen Arm um sie zu öffnen. Vorsichtig trat er ein.

Die große Halle schien leer zu sein. Link lief wachen Auges durch Reihen aus Bänken und schritt in Richtung Altar. Nein, es war niemand hier. In ihm gehrte ein hinterhältiger Gedanke. Noch einmal blickte Link wachen Auges umher, dann rannte er zum Altar und suchte nach Spuren, er wollte irgendetwas finden, irgendetwas als Beweis, dass sich hier ein Dämon herumtrieb, der seine widerlichen Abgesandten auf unschuldige Menschen hetzte.

Einzelne Lichtstrahlen fielen durch einige bunte Glasfenster und gaben winzige Staubkörnchen preis, die in der Luft herumwirbelten. Link krabbelte auf dem Boden herum und sah hinter jede Ecke. Irgendeinen Hinweis müsse er doch finden. Er stand wieder auf und schaute durch die teilweise kaputten Holzbänke. Nichts…

         Link starrte nun an die Decke, blickte dann nach rechts, nach links, aber keine Spur. Verdammt hier muss etwas sein, sagte eine ungeduldige Stimme in seinem Kopf. Link lief abermals zum Altar, wo eine Art Felsenstein stand.

An den Wänden hingen drei Gemälde, auf denen nichts dargestellt war. Seltsam bisher war ihm das noch gar nicht aufgefallen. Drei alte Gemälde mit goldenen Rahmen. Aber ohne Motiv, ohne Farbe, nur ein schwarzer Hintergrund war darauf dargestellt. Link ging näher und berührte eines der Gemälde…

Es schien ihm, als lebte es. Als er seine Fingerspitzen darauf legte, fühlte er ganz deutlich einen Puls. Was ging hier vor sich?

Link nahm das Gemälde ab und klemmte es unter seinen Arm. Gerade als er aus der Halle treten wollte, sprach die Stimme eines Kindes zu ihm. Die Stimme eines Jungen, die Link schon einmal im Traum gehört hatte. Link sah auf das Bild und blickte verstört drein. Der Knirps, welcher ihm so ähnlich sah, seine blonden Haare trug, grüne Kleidung, eine grüne Mütze, erschien auf dem Bild.

         „Nein, bitte nimm’ das andere Bild auch mit. Dieses steht für Mut, nimm’ auch das Gemälde, welches für Weisheit steht.“

Link wusste nicht, was er meinte und flüsterte: „Wie bitte? Warum?“

Doch der kleine Kerl auf dem Bild, welcher ebenso blaue Augen besaß, schüttelte verängstigt den Kopf. „Du musst mir vertrauen, ich bin zwar ein Kind, jemand der noch nicht einmal eine Existenz besitzt, aber ich gehöre zu deiner Zukunft.“

„Was??? Wer zum Teufel bist du?“ Link berührte das Gemälde wieder. Das Kind jedoch war verschwunden. Link überlegte… kann ich ihm Glauben schenken? Aber irgendwie besaß das Kind ein Paar Augen, denen er alles glauben würde.

Link fasste den Entschluss und lief zurück, und schnappte sich auch noch das Bild ganz rechts. Es fühlte sich irgendwie anders an, ja, es strahlte eine wohlige Wärme aus. Hoffentlich war das jetzt das Richtige! Doch bevor Link sich umdrehte und verschwand, wollte er unbedingt noch das Bild in der Mitte betasten. Seine Beine bewegten sich langsam darauf zu, er stoppte kurz, hob seine Hand und berührte es. Irgendetwas stimmte nicht. Das Bild lähmte ihn völlig, Schmerz durchfuhr seinen Körper, eine kalte Hand legte sich auf sein Herz…

         Vor Schreck stolperte Link nach hinten, als er von dem Bild abließ. Sein Körper zitterte. Genauso hatte er sich gefühlt, als diese Abgesandten der Hölle ihn zusammen geschlagen hatten. Link, außer Atem und verstört, rannte in schnellen Schritten auf das Tor am Eingang zu und war blitzartig dahinter verschwunden… 

 

Gerade in diesem Augenblick wurden in dem Einkaufcenter am Rande der Stadt die Lampen entfacht.

Ein riesiger, hässlicher Schatten breitete sich in der riesigen Halle aus, in welcher Unmengen von Regalen mit Lebensmitteln, Gebrauchsgegenständen für den Haushalt und anderen Dingen aufgestapelt waren, für die jener Dämon keinen Zweck erkannte. Hinter ihm kroch Mortesk mit gebeugtem Rücken hinterher.

„Wozu brauchen die jämmerlichen Geschöpfe auf der Welt nur soviel blanken Unsinn“, sprach das Ungetüm abwertend, als er eine der Reihen mit einer Handbewegung leerte.

„Sie wollen alle nur besitzen, aber sie erkennen nicht den wahren Wert einer Macht, die man begehrt. Sie glauben, diese geistesarmen Gegenstände hätten einen Wert, dabei beschämen sie nur das Dasein ihrer Besitzer.“ Er lief weiterhin durch die leeren Reihen.

„Mortesk.“

„Ja, mein Herr.“

„Ist alles bereit, diejenigen, welche sich dieser Stätte nähern, zu versklaven.“ Mortesk sah auf und kniete nieder, als seine eisigen Augen in die noch eisigeren des Schreckensfürsten sahen.

„Einige, die an diesem Ort beschäftigt sind, unterliegen bereits eurer Kontrolle. Wir werden auf weitere Narren warten…“

„Und das Gefängnis der Finsternis? Ist alles vorbereitet, um Zeldas Geist einzusperren, wenn er hier noch irgendwo verweilt?“

„Ja, mein Lord. Fertiggestellt ist er schon lange. In einigen Tagen dürfte er dann funktionsbereit sein.“

„Gut“, lachte der Hüne.

Der monströse Kerl hob beide Arme und breitete sie aus.

„Diese Welt wird bald mir gehören…haha.“ Der Klang seiner kalten Stimme schallte durch das leere Gebäude, drang nach draußen, dröhnte in Richtung Straße, aber niemand wollte es hören…

 

Link stattdessen ging in Richtung Stadtmitte. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sitzen müssen, aber dazu war ihm einfach nicht zumute. Vorahnungen begleiteten ihn, während er abwesend die Straße entlang tapste.

Irgendetwas stimmte nicht, er konnte es fühlen. Das Ungetüm in der Kirche plante etwas Verwerfliches. Auch wenn Link nicht wusste, wer der Kerl war, oder weshalb er Leute unter seinen Bann ziehen wollte, nur um ihn fertig zumachen, das Gefühl, er müsse sich ihm stellen, wurde mit jeder Minute stärker.

         „Ich bin Link. Ich glaubte, ein gewöhnlicher Junge zu sein, ein einfacher Jugendlicher, der irgendwelche Streiche anstellte, weil das zum Leben eines Jugendlichen gehörte. Ich habe immer geglaubt, ich würde zu den Menschen gehören, zu denen, die ihr Leben genossen, aber das war ein Irrtum. Ich bin genauso wenig normal, wie ich glücklich bin…“

         Aber er beklagte sich nicht über sein Schicksal, er wusste, dass man ihm nach dem Leben trachtete, aus einem besonderen Grund. Und Link ahnte, dass Zelda in diesen Dingen eine wichtige, wenn nicht sogar die bedeutsamste Rolle spielte.

         „Ich habe kämpfen gelernt, mich im Umgang mit dem Schwert selbst erprobt. Ich fühlte, dass das Schwert und der Kampf zu mir gehörte… ich bin nicht mehr das, was ich vor einigen Wochen gewesen bin…“

         Link hatte Selbstzweifel darüber, ob er richtig gehandelte hatte. Schließlich war er es, der vier Kreaturen, die aussahen wie Skelettritter aus dem Zeldaspiel, getötet hatte. Nein, er hatte sie grausam abgeschlachtet…

         „Ich muss verhindern, dass dieser Dämon den Menschen in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Welt… etwas antut. Ich muss Zelda beschützen…“

         Link kam ein abscheulicher Gedanke, als er in den grauen, wolkenverhangenen Himmel starrte. Das musste die Antwort sein… dieser aus der Hölle entsprungene Mistkerl war sicherlich auch für all die Naturkatastrophen, für die Missstände, für das unsägliche Chaos auf der Welt verantwortlich!

Link rannte nun, mit den schwarzen Bildern unter dem Arm, welche sich so angenehm anfühlten, weiter.

 

In der Schule läutete gerade die Pausenglocke. Zelda starrte ein wenig betrübt auf Links leeren Platz. Wo war er denn nun schon wieder? Hoffentlich ging es ihm gut.

Sara nahm Notiz von Zeldas trauriger Miene und ging auf sie zu. Sie stützte ihre Hände auf Zeldas Tisch ab, die schnell erschrocken aufsah.

„Du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr“, meinte Sara mit einigen Falten auf der Stirn, als Zelda nickte. „Es gibt wohl einiges, was du noch nicht weißt, Zelda.“

„Und das wäre?“ Sara holte einen Stuhl heran und setzte sich Zelda gegenüber. Derweil verschwanden die letzten Schüler aus dem Klassenzimmer in Richtung Cafeteria.

„Link hat sich in den letzten Wochen sehr verändert…“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich weiß einfach nicht, was in ihn gefahren ist. Naranda Leader hatte ihm einige Dinge, in einem riesigen Beutel geschenkt. Eines Tages ist er dann schnurstracks damit in den Wäldern verschwunden. Seitdem ist er wie ausgewechselt. Er kommt immer erst spät abends heim und verschlingt dann zentnerweise Essen. Ich glaube er trainiert seine Fähigkeiten in den Wäldern…“

         Zelda sah schockiert aus. Link trainierte? Hatte Naranda Leader ihm Waffen geschenkt?

„Und das schlimmste, Zelda, Link kam gestern Abend erst nach Mitternacht nach Hause… mit einigen Kratzern und Schürfwunden und zerfetzter Kleidung. Ich glaube, er wurde erneut angegriffen.“ Zelda machte sich nun zunehmend Sorgen, stand auf, meinte aber noch kurz: „Link hätte niemals zugegeben, wenn er wieder angegriffen worden wäre… So war er schon immer… Ich werde ihn suchen gehen… Ich…“

Die Prinzessin machte sich schlagartig höllische Sorgen. Ja, damals in Hyrule, war sie stets um ihn besorgt gewesen… aber dieses Gefühl schien jetzt noch stärker zu sein. Damals durfte sie nicht zu lassen, das ihre Gefühle für ihn so stark wurden, aber heute, jetzt und hier, in dieser Zeit, in der sie keine zukünftige Königin mehr war, jetzt gestand sie sich zunehmend ein, wie viel ihr Link eigentlich bedeutete…

Zelda hetzte aus dem Raum und achtete darauf, dass Impa nicht bemerkte, dass sie sich davon stahl. Einige Gewohnheiten ändern sich wohl nie…

 

Ihr grünbenützter Heroe trat in der Zwischenzeit in das riesige Antiquitätenzentrum ein. Naranda Leader schien gar nicht da zu sein, oder vielleicht doch?

Link nahm den Fahrstuhl und fuhr in das fünfte Stockwerk. Dort waren die Büroräume, Naranda würde mit Sicherheit dort sein.

Link plante, verfolgt von einer inneren Ahnung, ihr die Bilder zu geben. Er drückte auf den roten Knopf des Aufzuges. Die Türen öffneten sich und Link trat herein. Ein kleiner untersetzter Mann mit roter, geschwollener Nase, einem kurzen hellbraunen Haaransatz und einem giftgrünen Anzug glotzte ihn mit einem nervigen Grinsen an. Unpassenderweise trug der Zwerg eine weiße Krawatte mit rosa Punkten. Irgendwo hatte Link den Typen schon mal gesehen. Na egal.

         Link fiel das Gemälde in der Hand des Typs auf. „Ich bin Maler. Darf ich mich vorstellen: Alois Fairytale. Meine Gemälde sind ihnen sicher ein Begriff.“ Link schüttelte desinteressiert den Kopf. „Nein, dann eben nicht. Man kann ja schließlich nicht alles wissen. Hier meine Karte.“

Und der Typ reichte ihm eine goldene Visitenkarte, auf der eine kleine Fee abgebildet war. Dann schaute Link noch einmal auf das Bild, welcher der Kerl in der Hand hatte. Darauf war eine kleine Fee abgebildet- mit grünen Augen- zwei gefochtenen Zöpfen und typischen roten Wangenbäckchen. Link wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Dieses Mädchen war doch… vor Schreck ließ er die Gemälde in seiner eigenen Hand fallen und nahm blitzartig das Bild des Mannes.

„Gefällt dir das Bild?“

„Sagen sie, Mister, wer ist das auf dem Bild?“ Mit einem Ruck hielt der Fahrstuhl an.

„Ja, das ist eine gute Frage. Eines der ersten Bilder, die ich entworfen habe und bis heute trägt es keinen Namen… Wenn ihnen ein Name einfällt, sagen sie mir doch bitte bescheid. Man sieht sich bestimmt wieder, Sportsfreund.“

         Mit diesen Worten trat er aus der Tür hinaus und war verschwunden. Oh Mann, das Mädchen, welches Link immer besuchte, wenn er trainierte, war nichts anderes als ein Bild… Links Kopf schlug mal wieder Purzelbäume, bevor er ebenfalls aus dem Fahrstuhl ausstieg…

Sorgsam schaute er sich um und las aufmerksam die Namen an den Türen. Ah, da war es ja: das Büro von Naranda. Link klopfte zaghaft an.

Die Lady mit den feuerroten Haaren und der markanten Stimme, zweifellos die Stimme einer Anführerin, ertönte. „Herein.“

Link begab sich in den geschmackvoll eingerichteten Innenraum. Der Raum war in weißen Farben gehalten und hellbraune Gegenstände passten perfekt dazu. Doch so genau konnte sich Link den Raum gar nicht ansehen, denn eine weitere Person stand in dem Raum, mit der er hier nicht gerechnet hatte: Rutara von Wasserstein. Sie strahlte ihn mit ihrem übertriebenen Lächeln an.

„Na, Link, was führt dich hierher“, wollte Naranda sogleich wissen.

„Also, ähm. Es geht um diese Bilder. Könnte ich dich nicht unter vier Augen sprechen?“ Doch Naranda schüttelte den Kopf.

„Rutara weiß über alles Bescheid, was ich weiß, also worum geht’s?“ Link verdrehte leicht die Augen und war sich nicht sicher, ob Naranda dieser wassersüchtigen Person wirklich alles erzählt hatte.

         „Ich wollte, dass du diese Bilder bitte aufbewahrst. Es ist wichtig.“ Naranda ging auf ihn zu, fasste die Bilder an um einen Blick darauf zu werfen und ließ sie gleich wieder fallen. Entsetzen stand in ihrem Gesicht geschrieben. Rutara legte vor Schreck ihre Hände auf den Mund.

„Link, das ist ja… wo hast du das her?“, Narandas Stimme schien zu explodieren.

„Jetzt beruhigt euch, ich habe diese komischen Gemälde von der Kirche entwendet, weil…“ Er konnte ihnen doch nicht ernsthaft mitteilen, dass ein Junge darauf erschienen war und gesagt hat, er solle es mitnehmen.

„Link, wie?“ Rutara und Naranda setzten sich mit bleichen Gesichtern auf die hellbraune moderne Couch in der Mitte des Raumes.

„Also, Leute, mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als euch die Wahrheit zu sagen. Ich… ich bin vor einigen Wochen einem komischen Kerl begegnet. An jenem Tag hat dann alles angefangen… Viele seltsame Dinge sind geschehen und ich bin diesem Typen hinterhergeschlichen, weil ich mir sicher war, er wäre an den Ereignissen schuld und ich fand heraus, dass er sich in einer Kirche, in der Nähe der Schule aufhält.“

         „Wie ist der Name dieses Mistkerls?“

„Weiß nicht, hab’ ihn nie erfahren. Auf jeden Fall war ich heute wieder dort, aber der unheimliche Typ war verschwunden und ich habe nach Hinweisen gesucht… und das hier habe ich gefunden.“ Naranda nahm die Bilder und trug sie in die hinterste Ecke des Raumes. Dort legte sie, in der Nähe des Kamins auf einem Bücherregal einen kleinen Schalter um. Ein kleines Geheimversteck wurde preisgegeben. Weiterhin tippte Naranda einen Zahlencode an einer Vorrichtung dafür ein.

„Wow, so was will ich auch“, meinte Link, der eigentlich die Stimmung ein wenig hochschrauben wollte, brachte aber nichts…

„Also. Link, der Zahlencode lautet 71374576, du musst dir diese Zahlen unbedingt merken. Irgendwann könnte das noch mal sehr wichtig für dich und Zelda sein.“ Naranda verstaute das schwarze Gemälde in der Geheimkammer.

Links Gesicht wurde mit einem Schlag wieder ernster. „Jetzt aber mal Spaß beiseite. Was sind das für komische Bilder? Und warum soll das für Zelda und mich wichtig sein?“

„Link, nun tu’ doch nicht so, als würdest du es nicht bereits ahnen“, meinte Rutara schroff. „Du gehörst, wie Zelda auch zu…“

         Dann klopfte es schon wieder an der Tür. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht trat Zelda in den Raum, als sie Link hier vorfand.

„Sara macht sich Sorgen, weil du nicht in der Schule bist.“ Link lächelte leicht und sagte nichts dazu. Aber dann mied er es Zelda ins Antlitz zu sehen.

„Na dann, ist wohl besser ich gehe jetzt wieder und Naranda-“ Sie schaute kurz auf. „Danke für die Waffen.“

Link ging aus dem Raum und Zelda folgte ihm schweigend, nachdem sie sich bei Naranda und Rutara verabschiedete. 

         Es lohnte sich nicht mehr zur Schule zu gehen. Also wollte Link, nachdem er Zelda nach Hause gebracht hatte, wieder in die Wälder gehen.

Aber Zelda machte keine Anstalten, dass sie jetzt nach Hause wollte. Sie liefen gemeinsam durch den Park, wie an den ersten Tagen, als sie sich begegnet waren.

Link jedoch redete kaum mit ihr, ebenso wie Zelda mit ihm redete. Momentan war es Link gar nicht Recht, dass Zelda bei ihm war. Was, wenn dieser komische Mortesk auftauchte und versuchen würde, ihr etwas anzutun, ebenso wie vor einigen Wochen diese widerliche Schlange Zarna? Unbewusst lief Link ein wenig dichter in ihrer Nähe.

         „Sag’, was bezweckst du damit?“

„Womit?“

„So zu tun, als ginge dich diese Sache nichts an… Link, warum versteckst du dich vor der Wahrheit?“

„Ich verstecke mich nicht!“

„Doch das tust du. Du willst es ja nicht einmal wissen, du willst es nicht wahrhaben. Es interessiert dich nicht, wer du bist, was du bist…“ Zeldas Stimme klang vorwurfsvoll und verzweifelt.

„Das musst gerade du mir vorwerfen! Meinst du, das ist gerechtfertigt? Du bist doch diejenige, die sich versteckt, sogar vor den Menschen, denen du etwas bedeutest.“ Zelda konnte nicht in Links tiefblaue Augen sehen. Zelda seufzte. Was sollte sie darauf noch sagen...

„Du wurdest angegriffen…“

„Ja, deswegen trauere ich aber nicht dem Geschehenen nach. Ich habe sie alle…“ Link schloss seine Augen und blieb stehen. Zelda drehte sich um. Sie wusste, das es ihm sehr viel mehr ausmachte, als er selbst zugab… Es belastete ihn, dass er getötet hatte. „Ich habe sie alle getötet, ermordet, abgeschlachtet.“

Schluss. Aus. Fertig.

Am Himmel zogen Regenwolken vorüber und Tropfen bedeckten die kahlen Teerstraßen, auf denen sie beide liefen.

„Wie kommt es, dass du ausnahmsweise mal mit mir redest, Zelda?“, sagte Link leise.

„Impa hat...“ Link drehte sich geschockt zu ihr um, konnte das, was sie gerade gesagt hatte, nicht unter einen Hut bringen. Er packte Zelda an ihren Handgelenken und starrte sie so durchdringend an, wie noch nie zuvor.

„Hast du gerade Impa gesagt?“ Doch das Mädchen ihm gegenüber beugte schwerfällig das Haupt.

„Es ist also wirklich wahr?“, murmelte Link stockend. Schockiert ließ er ihre Handgelenke los und stützte sich an dem erstbesten Baum in jenem Park ab.

Eine Pause entstand, in welcher sich die Regenwolken verdichteten und die kühlen Wassertropfen größer und schwerer wurden. Link spürte den Regen, der leise an seinen Haarsträhnen hinabfiel, aber unternahm keineswegs jetzt den Versuch sich irgendwo unterzustellen. Es war unwichtig... so unwichtig, wenn Worte wie diese all das, was Link für selbstverständlich hielt in Frage stellen konnten. Sein Leben war eine große Lüge...

Zelda legte vorsichtig eine Hand auf Links Schulter. Verärgert schlug er die Hand beiseite und wich seiner Seelenverwandten aus.

         „Jetzt sagst du mir das?“, schnaufte er, zutiefst enttäuscht von Zelda.

„Warum?“, fauchte er. „Mein gesamtes Leben ist ein Fehler und du fängst jetzt an, mir etwas erklären zu wollen?“ Auch sein Blick verriet den Zorn in seinem Inneren.

Zelda schüttelte betrübt mit dem Kopf. „Ich wollte dich heraushalten. Ich wollte dir die Möglichkeit eines ehrlichen Lebens ohne Kampf und das Böse lassen. Niemals wollte ich dich anlügen, Link...“, sagte sie verzweifelt.

         Und auch Links Gemüt beruhigte sich. Langsam verstand er die Tatsache, wer er war, langsam löste sich die spontane Wut auf. Vielleicht lag es daran, dass er es selbst schon lange verstanden hatte, ohne es wahrhaben zu wollen.

Er wusste schon lange, dass: ,The Legend of Zelda’ mehr als nur ein Spiel war und nun hatte er dafür die notwendigen, unverwüstlichen Beweise...

„Ich weiß...“, flüsterte er durch den kristallenen Regen und schaute in die traurigen Augen Zeldas, wo sich immer stärker ein kalter Schatten zeigte...

„Ich weiß...“, wiederholte er und lief ohne einen weiteren Blick zu seiner Prinzessin nach Hause...

 

Sara empfing ihren Bruder durchgeweicht an der Haustür. Etwas Merkwürdiges lag in seinem Blick, als wäre er nicht mehr wirklich, als wäre Link so etwas wie ein Schatten am Rande der Welt.

Ein kalter Luftzug streifte sie, als Link ohne ein Wort der Begrüßung hinauf in sein Zimmer trottete. Seine Schritte wurden immer schwerer, als er die wenigen Stufen ins nächste Stockwerk hinaufging, beinahe mühsam schleppte er sich nach oben.

Unauffällig schlich Sara hinter ihrem Bruder her, der die Tür zu seinem Zimmer nicht schloss und zielgerichtet auf seine Nintendokonsole zu lief.

Ohne Vorwarnung erwachte eine zügellose Wut in dem jungen Herzen ihres Bruders. Er riss gnadenlos die Stecker heraus, warf die gesamte Konsole zu Boden und trat mit seinem Fuß einmal kräftig dagegen. Die Klappe sprang auf und die kleine Disc mit dem Ocarina of Time- Spiel purzelte über den Boden, bis sie vor seinen Füßen zur Ruhe kam.

Ein fluchte irgendetwas, gefolgt von einem verzweifelten, rauen Aufschrei aus seiner Kehle und ließ sich dann auf den dunkelbraunen Teppichboden sinken, während er mit seinen Hände durch seine klatschnassen Haare fuhr.

         „Verdammtes Spiel. Du verdammtes, nutzloses Spiel. Du bist und bleibst nur ein Spiel!“, brüllte er und hämmerte wie blöde auf der kleinen Disc herum, aber sie zerbrach nicht.

„Nur ein Spiel. Geh’ endlich kaputt. Du sollst...“ Er brach ab und schüttelte seinen Kopf, als ob er wieder zur Besinnung gekommen war.

         Das war es, dachte er. Nur ein Spiel... und doch seine eigene, unverwüstliche Vergangenheit, von der er nichts wusste...

Ein simples Warum schallte durch seine Gedankengänge, machte die Last auf seinen Schultern aber nur schwerer, unerträglich schwer.

,Ich bin eine einfache Spielfigur...’, sagte er in seinen Gedanken, hasste sich dafür, begann sich sogar schon dafür zu schämen. Der Anflug der Verzweiflung mischte sich in seine Venen, immer schwächer fühlte er sich, spürte die Kälte des Regenwassers seiner Kleidung, spürte die Schwere und die Last der durchgeweichten Kleidung.

         In dem Moment legte Sara ihrem großen Bruder eine Hand auf die Schulter, blickte ihn mitfühlend an und reichte ihm die andere.

„Steh’ auf, Link“, sagte sie.

Aber er ignorierte die Hand und knurrte nur ein spöttisches: „Was weißt du schon, lass’ mich in Ruhe.“

„Ich habe dir nichts getan, du fieser Blödmann“, murrte sie. „Dann geh’ doch vor die Hunde und mach’ weiter mit deinem nervenden Gejammer. Ich wollte dir nur helfen, Idiot!“ Ihre vorher noch ruhigen Worte sendeten den Anpfiff zurück, den er ihr schickte.

Sara schlug die Tür hinter sich zu, und lief verzweifelt in ihr Zimmer.

         Sofort schnappte sich die Schwester von Link ihre schwarze Regenjacke und hetzte erbost aus dem Haus. „Na warte Zelda“, sagte sie zu sich. „So einfach mache ich es dir nicht.“ Schnellen Schrittes hetzte das fünfzehnjährige, schlaue Mädchen über die klatschnassen Straßen, rannte zu ihrem Zielort, der Villa, wo Zelda wohnte.

         Nach langen Sturmklingeln, öffnete Zelda der miesgelaunten Sara die Tür.

„Sara? Was machst du denn hier?“ Sara presste ihre Lippen aneinander, um Zelda nicht aus lauter Rasche anzuschreien und packte sie grob an ihrem Unterarm.

„Du kommst jetzt sofort mit!“, sagte sie.

„Aber Sara, ich kann doch nicht einfach- Ines ist nicht da und...“

Noch ehe Zelda zu ende gesprochen hatte, schleifte Sara, die wohl plötzlich übermenschliche Kräfte entwickelt hatte, die einstige Prinzessin die Einfahrt zur Straße hinunter.

„Was soll’ das?“, murrte Zelda und riss sich los.

         Sara ballte ihre Fäuste und blieb ihr den Rücken zugewandt stehen.

„Seid du da bist, behandelt mich Link manchmal wie Dreck“, murmelte sie. Ihre anfängliche Wut wandelte sich in leichte Verzweiflung und einen Hauch Traurigkeit.

„Du trägst die Schuld, dass er so verstimmt ist. Du bist dafür verantwortlich, warum er sich so elend fühlt. Gib ihm zurück, was du ihm genommen hast!“, sagte Sara und drehte sich mit halbherziger Miene zu Zelda um.

         Die Sonne zeigte sich am wolkenverhangenen Himmel. Zelda schwieg und starrte angesichts dieser Anklage schwermütig zu Boden.

„Was ist so verflucht schwer daran, mit ihm zu reden. Er hat es nicht verdient, dass du ihn verletzt!“, sagte das fünfzehnjährige Mädchen stur und aufbrausend. Ihre blaugrauen Augen zeigten Entschlossenheit.

„Was will er mit meiner Gesellschaft. Ich habe ihm immer nur Probleme bereitet“, flüsterte das blonde Mädchen ihr gegenüber.

„Er hat alles Glück dieser Welt verdient, Sara...“ Auch Zelda ballte die Fäuste.

„Zu Links Definition von Glück gehörst du aber dazu. Verstehst du das denn nicht? Deine Freundschaft bedeutet ihm zuviel, als dass er diese aus einer solchen Definition ausschließen könnte. Du tust ihm mehr weh, wenn du dich von ihm fernhältst als ihm einen Gefallen tun zu wollen. Wie oft muss ich deiner hohlen Rübe noch klar machen, dass er dich braucht?“ Ein heimtückisches Grinsen formte sich auf Saras zuvor noch ernster Miene. „Und wenn du das nicht endlich verstehen willst, dann ist deine Rübe ja noch hohler als ich dachte.“ Zugegeben, ihre Worte waren gemein. Und doch war Sara überzeugt, dass sie Wirkung zeigten.

         Zelda runzelte bloß ihre Stirn und starrte Sara beinahe erbost an. Doch Sara gab der sprachlosen, verärgerten Zelda einen starken Klaps an ihren Hinterkopf und packte sie wieder am Handgelenk.

„Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, muss ich dich dazuzwingen!“

Erneut schwieg Zelda, einen aussagekräftigen und immer sanfter werdenden Ausdruck auf dem hübschen Gesicht. Aber sie bewegte sich keinen Zentimeter...

         „Er träumt von dir“, sagte Sara leise. „Und das reicht schon aus, um ihm den Tag zu verderben...“ Seufzend blickte die junge Prinzessin auf und sah in das weitentfernte Himmelszelt. Was sollte sie auch darauf sagen?

„Ich weiß ganz genau, warum du willst, dass er sich von dir fern hält. Schließlich bin ich wissend genug.“ Und Zelda verstand die Andeutung der kleinen Schwester von Link nur zu gut. 

„Dann sag’ mir doch, welche Gründe es sind?“, sagte Zelda bissig.

„Du willst ihn bloß beschützen.“ Zelda lächelte schwermütig und wand der Fünfzehnjährigen den Rücken zu.

         „Gewiss, deine Absichten sind edel und waren sie wohl immer. Aber deine Handlungsweise verstärkt irgendwann genau das Gegenteil.“ Und Sara verschränkte ausdrucksvoll die Arme.

„Es geht nicht darum, ob du ihn in Gefahr bringen würdest oder nicht. Es geht nicht darum, ihn vor sich selbst zu beschützen. Mir kannst du nichts vormachen, Zelda.“

„Ja, wie könnte ich gerade dir etwas vormachen...“, sagte sie mit einem Wink. „Wo du von Anfang an wusstest, wo du mehr bist als andere sehen...“

„Genau, du kannst mir nichts vormachen, Prinzessin...“ Damit trat Zelda näher an Sara heran und schaute streng und stur in ihre Augen.

„Nun rede endlich! Und sag’ mir, was du verschweigst!“ Allmählich wurde Zelda ein wenig missmutig.

         „Okay.“ Und Sara hob ihren Zeigefinger und deutete auf Zeldas Nasenspitze.

„Du bist hier das einzige Problem. Es ist deine verdammte Sturheit, deine Feigheit ihm zu sagen, wie wichtig er dir ist, der dich handeln lässt, der dich kalt werden lässt.“ Sara machte nur eine kleine Pause und ließ Zelda nicht das rechtfertigende Wort aufnehmen.

„Es ist deine verdammte Angst vor seinen Gefühlen, die euch beide irgendwann umbringen wird! Wenn du nicht anfängst mit ihm zu reden, dann tut er etwas, was wir alle irgendwann bedauern werden… Kapierst du das nicht? Er wird sich selbst in Gefahr bringen, wenn du ihm nicht endlich sagst, was es zu sagen gibt. Willst du, dass er leichtsinnig wird? Willst du, dass ihm etwas passiert?“

         Zelda schaute traurig zu Boden und schwieg. Sie hatte nie ihre Stimme gegenüber jemandem verloren, der sie zurechtstutzte, aber Sara war da eben von einem ganz besonderen Schlag. „Natürlich will ich nicht, dass ihm etwas zustößt.“

„Was also spricht dagegen mit ihm zu reden. Er wird dir schon nicht beichten, dass er in dich verschossen ist.“ Daraufhin blickte Zelda errötet auf und suchte nach richtigen, erwidernden Worten.

Aber da packte Sara sie schon am Arm und murrte: „Los jetzt!“ Und Sara hetzte voran, dicht gefolgt von Zelda, die sich endlich, nach all den langen belastenden Diskussionen überzeugen lassen hatte...

 

Als die beiden Mädchen allerdings in Links Zimmer standen, mussten sie feststellen, dass der Gute nicht da war. Ohne weitere Überlegungen liefen die beiden Mädchen in die alten Mischwälder von Schicksalshort.

         Nach einer halben Stunde fanden sie Link ausgebreitet auf einer klatschnassen Wiese liegen. Jener kleinen Wiese, die von zwei Armen eines kleinen Flusses umrahmt wurde, jener Ort, wo alles mit dem Auffinden Zeldas begann.

In seinem Blick lagen keine Worte, die man für seine Stimmung hätte finden können... So traurig, entmutigt sah er aus und starrte zu den grauen Wolken, die in Windeseile vorüber zogen, als würden sie vor dem Wind fliehen, immer mit der Gewissheit doch nicht entschwinden zu können.

         Sara gab Zelda einen so starken Stups, dass sie in Links Richtung stolperte. Sie zwinkerte und verschwand, um die beiden Auserwählten alleine zu lassen.

         Link wusste, dass Zelda hier war. Er spürte sie, fühlte ihre unvergleichliche Aura, roch den Duft nach Rosen, der sie umhüllte und hörte ihre Halbschuhe, die sich durch das hohe, feuchte Gras bewegten. Doch stur wie Link war, rührte er sich nicht und blickte weiterhin ans Himmelszelt, als ob er gestorben wäre.

         Verunsichert blieb Zelda vor dem kleinen Flusslauf stehen, starrte melancholisch in das lichte Wasser und hörte freudiges Vogelgezwitscher von weit oben her, stammend von den dichten Baumkronen.

Sie kniete nieder, fasste in das kristallene Wasser, welches kühl und frisch ihre Hand umspülte. So lebendig und doch vergänglich...

Ein kleiner grüner Laubfrosch hüpfte auf ihre Hand, quakte seine Palette an Tönen herunter, quakte erneut und hüpfte ohne Vorwarnung in Zeldas überraschtes Gesicht.

Laut aufkreischend fiel sie rücklings in das nasse Gras und beäugte den Frosch, der beinahe grinsend und laut quakend auf ihrer Nasenspitze saß.

         Sie hatte einen Hang dazu. Tiere, egal welcher Art, waren ihr schon immer wohlgesonnen gewesen, es sei denn, eine teuflische Macht kontrollierte sie. Und dieser kleine Frosch schien sich aus irgendwelchen Gründen in sie verliebt zuhaben. Lag es nun an ihrer natürlichen Ausstrahlung, an ihrem Charisma, der Güte ihres Herzens oder an ihrem Parfum, anscheinend wollte der kleine Laubfrosch nie wieder weg von Zelda.

Sachte nahm sie das kleine Geschöpf in ihre Hände, streichelte über dessen glibberige Haut, worauf das Wesen erst recht begann mit seiner winzigen Kehle zu rohren. Zeldas Gesicht erhellte sich, erfüllt mit einem gutmütigen Lächeln flüsterte sie: „Du bist sicherlich ein kleiner Prinz, nicht wahr?“

Mit Liebeslaune und bezaubert von der Schönheit eines so kleinen, wenn auch schleimigen Wesens, drückte Zelda einen schwachen Kuss auf dessen grünliches Körperchen. Mit lautem Quak hüpfte der Frosch davon.

„Wohl doch kein Prinz...“, sagte Zelda leise und blickte hinüber zu Link, der sich bisher noch keinen Millimeter gerührt hatte. Sie stand langsam auf und suchte mit ihren Augen etwas am Rande der rauchigen Wolken, dort wo sich feine Risse für den blauen Himmel zeigten.

„Ich habe nie... einen Prinzen gebraucht...“, sagte sie gedämpft, sich bewusst, dass Link diese Worte nicht gehört hatte. Und doch stimmte es. Sie hatte nie etwas für irgendeinen dahergelaufenen, eitlen Prinzen übrig gehabt. Niemals... und diese Empfindung würde sich niemals ändern.

         „Ich gehe lieber...“, sagte sie etwas lauter, wissend um die Abweisung, die er ihr jetzt entgegenbrachte, nach allem, was sie Verletzendes zu ihm gesagt hatte. Seine Gefühle gestohlen hatte sie, geraubt hatte sie diese und bitter enttäuscht.

Sie lief einige Schritte, tapste mit Sehnsucht nach nur einem einfachen Blick von Link voran und blieb in dem Augenblick stehen, als Link endlich wieder bewies, dass er keinesfalls eingeschlafen war.

Er setzte sich aufrecht und murmelte eine leises: „Nein“, vor sich hin. „Bitte... bleib’“, setzte er hinzu. Seine Stimme klang mitfühlend, ruhig, kein Funken der Wut verratend, die er vor wenigen Stunden empfunden hatte.          

„Ist das tatsächlich dein Wunsch, Link?“ Sie wählte diese Worte bewusst, sich daran erinnernd, dass sie diese irgendwann bereits zu ihm gesagt hatte. Ein Dialog, als sie noch nicht erwacht war. Einige törichte Worte, gesprochen am Rande dieser Realität, dann als Lichtfunken tanzten.

         Mit einem Sprung hüpfte Link auf seine Beine, drehte sich in ihre Richtung, aber sah ihr einfach nicht ins Antlitz. Langsam folgte er dem Weg, bis er direkt neben Zelda stand.

„Es war immer nur... dieser einzige Wunsch“, sagte er und lief erneut einige Schritte. Er könnte sie berühren, sicherlich, könnte wenigstens nur einmal in ihren kristallblauen Augen träumen, aber besaß er denn nach allem, was geschehen war, noch das Bedürfnis dies zu tun?

         „Wirst du mir aus dem Weg gehen?“, fragte ihre Stimme schwammig. Sie ließ den Kopf hängen und fuhr stockend fort: „Wirst du mir gegenüber... die gleiche kalte Abweisung zeigen, wie sie dir von mir zuteil wurde?“ Sie brachte das letzte Wort heraus, bevor sie das Gefühl hatte an ihrer Schuld zu ersticken. Eine Träne tropfte, als Link weitere Schritte lief und sich auf einen alten Baumstamm setzte.

Betrübt stützte er eine Hand an sein Kinn und blickte zu Zelda, die ihm einmal mehr abweisend den Rücken zuwand.

„Was erwartest du jetzt von mir?“, sagte Link stur und beobachtete den Fluss in seinem Lauf. Als ob Zelda je wieder wagte, etwas von Link zu erwarten. Er hatte ihr soviel gegeben, dass es für Tausende von Leben ausreichen würde, soviel Zuneigung, Schutz...

„Nichts...“, sagte sie unsicher. „Und was erwartest du von mir?“ Damit wand sie sich in seine Richtung, wirkte verletzlich und angreifbar, indem sie auf den Boden sah.

„Vertrauen...“, sprach Link schwach, im nächsten Moment sich wünschend, er könnte dieses Wort zurücknehmen.

         „Aber das brauchst du nicht zu erwarten oder einzufordern. Du hattest mein Vertrauen die ganze Zeit, seit ich hier bin“, sagte sie lauter und fieberte mit ihren Worten.

„Nein, Zelda... das hatte ich nur, als du nicht wusstest, als du vergessen hattest, als du...“ Es war nur ein kleiner Satz, aber entscheidend für sie beide, entscheidend, ob ihre Freundschaft es wert war, weiterzubestehen, entscheidend, wenn die Antwort ehrlich sein würde...

„... als ich deine Gefühle respektiert habe“, beendete sie für ihn. Er nickte bloß, noch immer nicht bereit in ihre sanftmütigen Augen zusehen. Stattdessen begann er spielerisch mit seinen Beinen zu pendeln und schloss seine Augen, um die richtigen Worte zu ersinnen.

         Zelda jedoch blickte auf und lief langsam durch das Gras auf ihn zu. Sich nichts mehr sehnlicher wünschend, als ein charmantes Lächeln, als eine stumme Berührung. Aber genügte das? Was war mit den Antworten? Warum blieb Link so ruhig, bemüht ihr Zeit zugeben, obwohl sie deren Recht schon lange verspielt hatte?

         Nur wenige Meter von ihm entfernt ließ sie sich auf ihre Knie sinken, beachtete nicht die Nässe des grünen Grases, welche sich durch ihre helle Jeans zu ihrer Haut vorarbeitete. Als Stütze stemmte sie ihre Arme in das Gras.

„Warum schreist du mich nicht endlich an?“, sagte sie laut. Überrascht öffnete Link seine Augen und sah sie halb vor ihm niederknien. „Mach’ schon, ich habe es verdient.“ Sie ließ ihren Kopf hängen und das blonde lose Haar fiel an den Enden auf die grüne Grasfläche.

„Hör’ endlich auf damit, Zelda“, sagte Link halb befehlend und packte sie an ihren Oberarmen. Ruckartig hievte er sie in die Höhe, blickte aber bewusst an ihr vorbei. Nur eine kurze Berührung, die er sofort wieder unterband.

„Hör’ gefälligst auf, dich so gehen zulassen, dich selbst als so wertlos hinzustellen und deine Würde auf diese Art wegzuwerfen.“ Aber vielleicht empfand sie es ja genauso, als hätte man sie um ihrer Würde beraubt, oder als hätte sie diese schon damals in Hyrule für ein bisschen Frieden hergegeben.

„Ich habe keine Würde mehr...“ Link schüttelte nur mit dem Kopf, verkrampfte sich, ständig damit kämpfend, sie einfach an sich zu drücken.

         „Wie geht das jetzt weiter mit uns beiden?“, murmelte er. 

„Stellst du die Frage mir, oder dir selbst?“, sagte sie verletzt und setzte sich nun mit einem Sprung auf den Baumstamm. Aus Nervosität spielte sie mit ihren Händen, ließ ihre Daumen kreisen. 

„Uns...“, entgegnete Link zurückhaltend.

„Uns?“, wiederholte sie fragend. „Gab’ es denn jemals ein ,Wir’?“ Schmerz klang aus ihren Worten, erfüllt von der stillen Sehnsucht, ihre Zeit zu einer gemeinsamen Zeit werden zu lassen.

         In dem Augenblick platzte in Link jeglicher Geduldsfaden. Er hielt den Abstand zwischen ihnen einfach nicht mehr aus, weder begreifend, ob es richtig war, noch darüber nachdenkend, was in der Zukunft lag, marschierte er ohne Umweg auf Zelda zu, die immer noch auf dem abgeholzten Baumstamm saß und trübsinnig auf ihre blassen Hände starrte.

Er wagte einen Blick in ihr wunderschönes Gesicht, ein wenig froh, dass sie seinem Blick nicht traf. Sie wirkte blass... blässer als ohnehin schon. Er hatte sogar den Eindruck, dass sie abgenommen hatte. Vielleicht ein oder zwei Kilo, die sich besonders an ihren Wangen bemerkbar machten.

Er konnte beinahe fühlen, wie sehr sie litt, sah den rastlosen Schmerz und die Besorgnis in ihren blauen Augen, auf denen der Schatten immer dichter wurde. Dieser Schatten...

         Dann fielen ihre Augenlider zu und sie stützte sich mit ihren Händen an dem gesprenkelten Holz ab. Kopfschüttelnd, warum er sie einfach nicht ignorieren konnte, trat Link näher und näher. Wie oft hatte er sich vorgenommen dagegen anzukämpfen, gegen ihre starke Anziehungskraft ihm gegenüber? Doch immer scheiterte er...

         „Es reicht...“, sagte er leise und fand sich im nächsten Moment direkt vor ihr, erwiderte endgültig ihren Blick, als ihre Augenlider aufflatterten und sich ihr Kopf senkte, sodass sie ihn anblicken konnte, da sie sich durch die Höhe des Stammes einige Zentimeter höher befand, als ihr Seelenverwandter.

Link konnte den Schmerz beinahe fühlen, so gefährlich war dieser in ihren Augen, er sah die Zweifel und die Angst vor der bitteren Zukunft. Denn auch hier, selbst wenn dies nicht Hyrule war, so konnte sie in ihren Träumen immer wieder die Anwesenheit des Bösen spüren, wurde durch dessen Stürme mitgerissen, sah sich selbst als Opfer alter, unvergessener Dämonen.

         Seine mitternachtsblauen Augen schwankten hinab zu ihren zitternden Händen, die er ohne Vorwarnung in seine nahm, die von den harten Trainingsstunden mit dem Schwert gekennzeichnet waren. Sie seufzte überrascht auf, ein wenig irritiert, warum er ausgerechnet jetzt ihre Nähe suchte. Aber seine Haut war so warm, und beruhigend.

,Ich habe dein Mitgefühl nicht verdient’, sagte sie in ihren Gedanken. ,Wie kannst du nur so liebevoll sein, nachdem ich dir auf jeder verabscheuungswürdige Art weh getan habe.’ Sie zog aus Hass auf sich selbst ihre Hände weg und drehte ihren Kopf nach rechts.

         Aber Link gab sich mit dieser Abweisung nicht zufrieden, nicht mehr. ,Es reicht...’ hatte er gesagt und Zelda ahnte, dass er gerade die einschüchternde Distanz damit meinte.

Feinfühlig wanderten seine Arme um ihre Schultern. Und sie wusste, was folgte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen fand sie sich in seiner innigen Umarmung. Ihr Kopf ruhte fast kraftlos auf seiner festen Schulter, mit dem beinahe tränenden Blickfeld auf seinen sonnengebräunten Hals gerichtet. Es tat so gut... ein wohliges Gefühl der Sicherheit...

Endgültig schien die Nähe in dem Moment, versiegelt mit einer Umarmung und den Worten die folgten. Beständig jene Freundschaft, gewillt die nächsten Schwierigkeiten zu überstehen.

         „Ich weiß nur, dass ich nicht ohne dich leben kann“, sagte er gedämpft, nuschelte jene Worte an ihren porzellanfarbigen Hals, sodass sie mit einem Zittern seinen Atem spüren konnte. Sehnsüchtig legte sie ihre Arme um seinen Hals, während Link immer noch, beinahe wie in Trance vor ihr stand. 

„Aber auch nicht mit mir...“, meinte sie schwach. 

         Sie genossen den Moment einiger weiterer kostbarer Minuten, schwiegen und folgten lediglich ungesagten leisen Bedürfnissen, als der Abend kam, als die Nacht und die Dunkelheit hereinbrach.

 
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