Kapitel 15
 
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Kapitel 15

 

 

 

 

An jenem Abend war Link der letzte, der sich in dem gemütlichen Aufenthaltsraum aufhielt. War wohl doch nichts mit dem Schlafengehen.

Noch lange hatte er mit Pat und Trolli diskutiert, hatte sich mit den beiden sehr unterschiedlichen Kerlen angefreundet und einiges über ihre merkwürdigen Persönlichkeiten entlockt. Eine Gabe Links, die er selber nicht als Talent und Seeleneigenschaft bezeichnen würde.

Pat van der Hohen zum Beispiel war ein sehr raffinierter Zeitgenosse, wusste über jede noch so stumpfsinnige Sache Bescheid und erfreute sich besonders am Zeldaspiel. Toby schien im Grunde genommen aus einem ganz anderen Holz geschnitzt zu sein. Denn er wirkte sehr abhängig von seinen Eltern, hatte nur spärliche Hobbys vorzuweisen und war etwas ängstlich in vielen Hinsichten...

            Wie auch immer, dachte Link, eigentlich waren diese zwei Mitbewohner ganz okay und er hoffte, er würde sie nicht in irgendwelche Dinge hineinziehen, die sich nur um Zelda, ihn und Hyrule drehten...

            Die Zweifel in seinem Kopf nahmen zu, die heimliche Verwirrung, was dieses Leben ihm bringen sollte, die nervende Unruhe und Furcht, sich irgendwann einem Teufel stellen zu müssen. Warum war er hier? Warum und wieso lebte er nicht in Hyrule?

            Er hatte den halbdefekten Fernseher eingeschaltet, der ab und an einfach den Geist aufgab und der hin und wieder kleine gefährliche Stromstöße austeilte. Doch der Siebzehnjährige hörte mit keiner Silbe zu. Stattdessen, um sich von sich selbst und den quälenden Fragen abzulenken, las er sorgfältig den Veranstaltungsplan durch. Wanderungen, Radfahren, Tagesfahrt nach Dublin, Reiten und etliche andere Freizeitaktivitäten wurden angeboten. Link nahm sich vor überall einmal hineinzuschnuppern, wenn er schon einmal hier war, musste er das auch ausnutzen. Wenn er schon verflucht war, bestimmt war, sich einem Teufel irgendwann zu stellen, dann musste er und hatte das Recht dazu, das wenige freie Leben ordentlich auszunutzen.

Link räumte die Unmengen von Papierstößen zur Seite, schaltete den Fernseher aus und lief ans Fenster. Das alte, seltsame Schloss lag verlassen auf jenem Hügel. Es erschien ihm wie gemalt. Das dumpfe Licht aus einzelnen seiner Fenster spiegelte sich nun noch sanfter als vorhin in dem kristallklaren See. Der Mond schien besinnlich und warf undeutliche, riesige Schatten. In jenem Augenblick gingen auch die Lichter in dem Schloss aus, lediglich der Mond spendete noch ein wenig kühles Licht. Link stand immer noch am Fenster und dachte nach, umwölbt von Zweifeln, gefangen in diesem verdammten Rätsel seiner eigenen Existenz.

            Zeldas liebliches Gesicht huschte durch seine Gedankengänge wie ein warmer Luftzug. Was sie wohl gerade tat? Saß sie wieder einmal in ihrem Zimmer und schrieb mit einer goldenen Feder und ihrer einzigartigen Handschrift Worte der Weisheit auf ein altes Stück Pergament? Link sah dieses Bild so deutlich vor sich. Zelda in einer samtroten Nachtgewandung, mit goldenen Spangen im Haar...

            Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er dieses Bild so schön es auch war, niemals zu Gesicht bekommen hatte. Link fuhr sich durch seine blonden Haarsträhnen. Dieses Bild... es gehörte nicht zur Gegenwart... Er schloss langsam die Augen und rief dieses traumhafte Bild erneut in seinen Geist. Es verband so viele Gefühle und dennoch, es war doch nicht Wirklichkeit.

Aber lebte der junge Held denn in einer für andere Menschen fassbaren Wirklichkeit? Wenn man sich so deutlich von anderen unterschied, und die Realität dem Empfinden, Denken und Handeln so wenig versprach wie ihm, dann war diese Frage nicht leicht zu beantworten.

Link konnte das Bild in seinem Herzen nicht verstehen. Er wusste nicht, dass es nur zu einem Zeitpunkt geschehen war, einem Zeitpunkt der Vergangenheit... 

            Mit langsamen Schritten ging Link aus dem Raum, lief den Gang entlang, durchquerte den Schlafraum und ließ sich in das morsche, knatternde Bett fallen. Er dachte immer noch an Zelda, konnte einfach nicht stoppen an sie zu denken und wünschte sich heimlich, gerade jetzt bei ihr zu sein, in ihren kristallblauen Augen zu träumen und einfach nur da zu sein, wenn sie ihn brauchte.

Vielleicht träume ich ja von ihr... hoffentlich ein schöner Traum. Dann fielen ihm die Augenlider zu. Aber die Göttin der Träume erfüllte ihm diesen Wunsch nicht, stattdessen kam etwas Gefährliches auf ihn zu. Etwas, das er immer wieder durchzustehen hatte. Kämpfe und Furcht. Und ein Flüstern war es, welches ihn in seinen Schlaf begleitete. Ein Flüstern aus seinem eigenen Mund:

            „Koste die Wahrheit...“, flüsterte es in die Dunkelheit des Zimmers. „Koste den Schmerz...“

            Inmitten auf einer riesigen, hügeligen Fläche wartete Link. Sein Instinkt, sein Bewusstsein noch im Kampf mit sich selbst, vorbereitet dämonisches Blut an seinen Händen zu spüren, bereit lederne Häupter von gierigen, grünen Hälsen zu trennen.

Um ihn herum eine kahle Steinlandschaft. Das Gras unter seinen Füßen war vollkommen ausgedörrt und  hatte schon lange aufgehört zu atmen. In der Ferne nichts zu erkennen. Überall lagen graue, erstickende Nebelschleier, die ihn mit ihrer Unbezwingbarkeit davon abhielten zu erkennen, wo er sich befand. Kälte kroch über jenes Stück Erde hinweg.

Sein Atem verwandelte sich ebenso in weiße Schwaden und verschmolz mit dem Nebel, der sich immer dichter um ihn schlängelte.

            Erneut das Murmeln, welches sich durch seine Fasern zog, als wollte ihn jemand damit berühren und betasten. „Koste den Schmerz...“, säuselte es.

            Plötzlich hörte Link grobes Stapfen auf dem kalten, harten Boden aus der Entfernung. Trommeln. Tiefe Stimmen von dummen, kampfsüchtigen, hungrigen Kreaturen. Ihr einzigster Lebenswille, gespeist aus Mordlust und Habgier.

Link konnte den Boden unter seinen Füßen vibrieren spüren, während das Stapfen todbringender und schneller wurde. Das Blut in seinen Adern hetzte, sein Herz schlug wie ein kaputtes Metronom und pumpte das Blut tosender in seine Adern.

Es mussten Dutzende sein- und er stand ganz allein, inmitten von todbringendem Nebel. Link ließ seine linke Hand nach hinten, über seine Schulter wandern, umfasste den rauen Griff seines scharfen Schwertes und zog es geschmeidig hervor. Tapfer hielt er seinen Schild vor sich und blickte angespannt durch den Nebel. Nach wenigen Sekunden sah er die Umrisse seiner Gegner.

            Der junge Heros hörte ihre ächzenden, widerwärtigen Stimmen, verstand aber ihre garstige Sprache nicht. Immer noch kamen sie näher, näher und näher.

            Zu spät, sie hatten ihn entdeckt. Link begann zu zählen- es waren mindestens fünfzig schwerbewaffnete Moblins, die hämisch auf ihn herabglotzten. Moblins aus verschiedenen Dämonengeschlechtern. Einer dümmer als der andere und doch folgten sie einem natürlichen Trieb. Dem lustvollen Töten und erbarmungslosen Morden.

            Einer rief etwas schnalzend, was Link als eine Art Zeichen deutete. Ein glatthäutiger Moblin, den Link als Anführer erkannte, ließ seinen rechten Arm nach vorne sinken. Mit einem Schlag entfachte die Masse an Abschaumkreaturen eine Welle der viehischen Gewalt, eine Flut aus Vernichtung und Tod. Link blieb vor Schreck stehen und konnte nicht glauben, was hier geschah. Wie sollte er fünfzig bis an die Zehen bewaffnete Moblins besiegen? Er hatte keine Wahl. Kämpfen oder Sterben.

            Die ersten Moblins waren in seinem Gesichtsfeld und Link schwang sein Schwert, was das Zeug hielt. Er zerschlug Rüstungen, vollführte eine Wirbelattacke nach der anderen, trennte Arme und Köpfe der Unholde ab. Aber es wurden in seinen Augen einfach nicht weniger...

Er kämpfte und spürte allmählich seine Kräfte schwinden. Verflucht, es waren einfach zu viele. Hastig schwang er sein Schwert, hörte seinen eigenen pfeifenden Atem immer aufgeregter werden, spürte seinen Herzschlag fast in der Kehle. Verdammt, kann dieser Alptraum nicht ein Ende haben. Doch Link kämpfte weiter und wusste inzwischen nicht mehr, wie lange er schon hier war, wie viele Höllengeschöpfe er schon getötet hatte, oder ob er schon am Verlieren war... am Rande zwischen Leben und Tod.

            „Nun hast du von Schmerz und Wahrheit gekostet...“, erklang es matt. Immer und immer wieder. „Wie schmeckt dir Schmerz und Wahrheit?“

 

Am Morgen erwachte der Held schweißgebadet. Er blinzelte leicht und erkannte, dass es immer noch dunkel war. Noch immer atmete er nahezu fieberhaft. Es kam ihm vor, als hätte er für viele Minuten die Luft angehalten, als hätte sein Herz viele Schläge ausgesetzt. Link griff sich flüchtig an seine schweißnasse Stirn. Sie glühte.

            Nur ein Traum... Ein Traum wie jeder andere, den er durchlebte, ein Traum, der von den Göttern doch nur ihm bestimmt war.

            „Verdammt“, murmelte er frustriert. „Es wird wohl immer schlimmer“ fragte Link leise in die Schwärze des Zimmers...

            Aber jetzt mal ganz ehrlich, schlimmer konnte es doch gar nicht mehr werden! Denn als Link versuchte aufzustehen, musste er schmerzhaft feststellen, dass er dazu leider nicht die Kraft hatte. Mit einem wohl etwas zu schnellem Sprung war er auf den Beinen, torkelte zur Seite, kam an den Schrank, welchen er vor wenigen Stunden mehr schlecht als recht zusammen gebaut hatte und... Klatsch... reif für die Mülltonne.

            Link ließ sich keuchend auf den Boden sinken, während Pat seine Augen öffnete und sogleich den Lichtschalter betätigte.

„Mann, spinnst du denn, es ist fünf Uhr morgens.“ Der Angesprochene versuchte zu grinsen, was gar nicht so einfach war. Überall ein dumpfer, marternder Schmerz, schlimmer als Muskelkater, schlimmer als jeder blaue Fleck...

„Sorry. War nur der Schrank.“

Pat schaltete das Licht wieder aus und meinte, während er gähnte: „Egal, bau’ den dämlichen Schrank doch vor dem Frühstück zusammen... gähn...“

Dann war auch Pat wieder eingeschlafen.

            In dem Augenblick gab Trolli ein Geräusch von sich, welches Link als das Piepsen einer Maus identifiziert hätte, würde er nicht wissen, dass ein Mensch in jenem Bett lag. „Nein, Mami, ich stehe nicht auf. Mami, der Specht klopft wieder ans Fenster...“

            Link hätte am liebsten gelacht, wenn ihm wirklich danach zumute gewesen wäre. Wieder versuchte er sich aufzurappeln. Dieses Mal ging es gerade so. Hechelnd schlürfte der Heroe seinen Körper ins Badezimmer. Das Licht blendete wahrhaftig in den Augen, sodass jene tränten. Im Gang blieb der junge Heroe für einige Augenblicke an die Wand gelehnt stehen, erinnerte den Traum, aber verstand den Sinn dahinter einfach nicht. War es sein früheres ich, welches ihm den Weg zeigen wollte? Ihn quälen wollte?

            Seufzend untersuchte er seinen Körper, ob er irgendwelche Kratzer, blaue Flecken oder andere Wunden hatte. Aber glücklicherweise fand er nichts. Mit trüben Augen sah er in sein bleiches Spiegelbild und wunderte sich über die Person, die ihn daraus anblickte. Dunkle, blaue Augen strahlten aus dem Gesicht hervor, in welchem blonde Haarsträhnen hingen. Er hatte seine ganze Kraft in diesen Kampf gelegt. Auch wenn er keine Wunden besaß, ein schrecklicher, heimtückischer Muskelkater breitete sich langsam über seinem Körper aus, was ihn dazu veranlasste sein Körpergewicht auf dem weißen Waschbecken ein wenig abzustützen.

„Verflixt, ausgerechnet heute, wo ich doch meine Okarina suchen wollte“, murrte er. Mit einem Quietschen drehte der junge Kämpfer den Wasserhahn auf und tauchte sein Gesicht in eiskaltes Wasser. Dann schleppte er sich wieder in sein Bett und starrte wie hypnotisiert an die Decke.

            Als Pat, mit Trolli im Schlepptau, in den Speisesaal trat, saß Link bereits vor einem Berg von Brötchen, bestrichen und belegt mit allem möglichen, Unmengen von Schüsseln mit Cornflakes und Quarkspeisen, mehreren Tassen Tee und vielen anderen Sachen, wie zwei, drei Schüsseln Obstsalat. Seit dem nervenaufreibenden Traum hatte er geradezu Heißhunger bekommen. Pat und Trolli gesellten sich zu ihm.

            „Morgen, Link. Sag’ mal, was machst du denn heute“, wollte der kleine Kerl mit dem Mäusegesicht wissen.

„Ich suche meine Okarina, hab’ sie gestern verloren.“ Pat mischte sich sofort ein.

„Was? Du hast ne Okarina? Ist ja fantastisch.“ Link verleierte die Augen.

„Ja, hab’ ich. Oder besser gesagt, hatte ich... Sie ist mir gestern abhanden gekommen.“ Er überlegte kurz, wo er sie denn verloren haben könnte. Dann fiel ihm das alte, traumhafte Schloss wieder ein.

„Sagt’ mal ihr zwei. Wer wohnt eigentlich in diesem komischen alten Schloss, auf dem Hügel?“ Pat wusste natürlich über alles Bescheid, denn er war ein sehr wissender Zeitgenosse, der sich über alles informierte und vorbildlich jeden Morgen Zeitung las.

            „Über diese Festung erzählt man sich die verrücktesten Schauergeschichten. Da drin wohnt ein etwas älterer Mann, sein Name ist Leon Johnson. Er hatte früher einen Adelstitel. Aber von heute auf Morgen hat er sich diesen aberkannt. Er soll gesagt haben, den habe er nicht verdient...“

Pat beugte sich über den Tisch und flüsterte. „Man erzählt sich Gerüchte, er stamme nicht von dieser Welt.“

            Link atmete laut aus, hatte so ein erstaunliches Feixen in seinen Augen und fühlte beinahe Zusammengehörigkeitsgefühl, obwohl er keine blasse Ahnung hatte, wer die Leute waren und ob diese tatsächlich aus einer anderen Welt stammten.

„Oh’. Vortrefflich. Ich glaube, ich suche diesen Menschen mal auf. Leute, die nicht von dieser Welt sind... sind sehr interessant.“ Denn der junge Schönling, manchmal eingebildet, manchmal frech und im nächsten Augenblick unverbesserlich drollig, fand sich wohl selbst ausgesprochen interessant, jetzt, da er wusste, dass auch er irgendwie nicht von dieser Welt abstammte.

            Der Siebzehnjährige hatte ein unheimliches Funkeln in seinen tiefblauen Augen. Pat sah ein wenig schockiert in Links Antlitz und erzählte dann weiter.

„Außerdem hat er einen Sohn, der sich angeblich wie ein Schatten durch die Gegend bewegen würde. Anwohner wollen ihn sogar schon mit zwei Dolchen bewaffnet durch die Gegend laufen haben sehen.“ Hört, hört, dachte der gewandte Kämpfer und fand diese Tatsache sehr aufregend. Das war also der Kerl, den er gestern beobachtet hatte.

„Mmh... was weißt du noch darüber, ich meine über diese Leute?“ Link stützte interessiert seine Hand ans Kinn.

„Also, der Name des Sohnes lautet Sian. Ein komischer Name, meint ihr nicht auch?“

Link nickte. Komischer als sein eigener Name, war dieser eigentlich nicht. Na ja... 

„Angeblich würde L. Johnson etwas in seinem riesigen Schlosskeller bunkern, etwas, dass er vor den Leuten versteckt. Man sollte nicht unter vier Augen mit diesem Kerl sein...“

            Der unerkannte Held schmunzelte bloß und dachte daran, dass man vielleicht auch nicht mit ihm ewig unter vier Augen sein sollte, wenn man sein Leben liebte... Dann stand er auf, wollte aus dem Raum trotten und bemerkte einmal mehr seinen höllischen Muskelkater. Er kniff die Augen zusammen und atmete scharf ein. Er überlegte es sich anders und setzte sich wieder. Pat und Trolli sahen ihn argwöhnisch an.

            „Sag’ mal. Du hast wohl keinen sehr festen Schlaf, oder“, meinte Pat.

„Nein, eigentlich nicht...“

„Ich hoffe, du machst nächste Nacht nicht so einen Lärm, Held der Zeit.“ Dann begann Pat wieder zu kichern, was Link überhaupt nicht lustig fand. Wenn der wüsste...

„Hör’ gefälligst auf mit diesem Unsinn. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern bei der Namensgebung gedacht haben.“

„Mann, du verstehst echt keinen Spaß. Aber mal ehrlich: es geht ja schließlich nicht nur um den Namen. Du siehst zufälligerweise noch ziemlich, nein, eigentlich ganz genau so aus wie...“ Pat beendete den Satz nicht. Links Gesicht strahlte unheimlichen Groll aus.

„Is ja schon gut, ich sag’ nichts mehr.“

            Trolli stattdessen schaufelte sich genüsslich einen Schokopudding nach dem anderen in den Mund und hatte nicht den blassen Dunst davon, worüber sie eigentlich redeten. Als Link und Pat ihn dann aber musterten, und mit dem Kopf schüttelten, da der süße Schokopudding langsam an den Ecken seines Mundes hinabtropfte und sich auf der Tischdecke verteilte, sah er auf und sagte: „Was denn? Solchen Pudding gibt’s nicht jeden Tag!“

Pat verleierte die Augen. „Mag’ sein. Aber so wie du das Zeug in dich hineinstopft, hat man den Eindruck, du hättest so was noch nie gegessen.“

„Hab’ ich auch nicht. Meine Mutter ist Ernährungswissenschaftlerin und sie verbietet mir diese Leckereien.“

„Oh, na dann... Jetzt aber mal was anderes. Habt ihr nicht Lust auf eine Radtour“, fragte Pat.

Link wollte schon einwilligen, aber dann machten sich seine Schmerzen wieder bemerkbar.

„Würde ja gerne, aber ich hab’ noch was anderes vor.“

„Stimmt. Der Held der Zeit und im übrigen, der Held des Windes, muss ja seine teure Okarina von Prinzessin Zelda wiederfinden.“

            „Jetzt reicht’s aber!“ Links erboste Stimme schallte durch den Raum. Dieses selbstgerechte Gebrabbel machte ihn nicht nur wahnsinnig, sondern extrem wütend. „Ich find’ das nicht mehr lustig“, giftete er.

            Jetzt hatte Pat sich die Zunge zum zweiten Mal verbrannt und Link kochte vor Zorn. Seine Augen glühten vor Wut, wohl, weil Zeldas Name gefallen war. Der starke Held beugte sich über den Tisch und packte Pat aufgebracht am Kragen.

„Hör’ endlich auf mit deinem stumpfsinnigen Getue, mit deiner verfluchten Gehässigkeit und dem dummen Wahnwitz aus deinen Augen. Urteile nicht über Dinge, die du nicht weißt und halt endlich deinen großen Schnabel.“

            Unsicher wich Pat zurück und schluckte den Knoten in seinem Hals hinunter. „Mann, entschuldige, ich hab’ doch nur Spaß gemacht“, erklärte der vorlaute Kerl und mühte sich Link wieder zu beruhigen. Trolli mischte sich ein und hielt Link an seinem starken, sonnengebräunten Arm fest. Der Heroe kam wieder zur Besinnung, und er ließ von Pat ab.

            „Sorry.“

„Oh Mann, warum bist du deswegen überhaupt so gereizt“, fragte Pat, dessen Stimme ein wenig schwächlich klang. „Ich wäre stolz darauf Link zu heißen.“

            ,Ich wäre stolz darauf Link zu heißen...’, schallte es unbemerkt durch Links Gehörgänge und doch wollte er das eben gesagte nicht verstehen.

„Was hast du gerade gesagt?“

„Ich wollte wissen, warum du so affig gereizt bist.“

„Das danach.“

„Na, du kannst doch froh sein, wie der tolle Held aus Hyrule zu heißen.“

            Plötzlich schoss Link ein Gedanke durch den Kopf, über den er noch nie nachgedacht hatte. Pat hatte vollkommen Recht. Wenn Link tatsächlich etwas mit Hyrule zu tun hatte... wenn er wirklich... dann könne er sicherlich stolz auf das sein, was er möglicherweise in einer anderen Welt und Zeit getan hatte...

Er war ein Held, hatte viele selbstlose Taten vollbracht und ein ganzes Königreich mit seinem Mut gerettet. Warum also verachtete er sich selbst und seinen Namen? Warum grübelte er noch über das Wenn und Aber, wo er doch handeln musste?

            Link kniff die Augen zu und lehnte trübsinnig den Kopf auf die Arme. „Du kannst den Namen gerne haben, wenn du möchtest, ich schenke ihn dir.“ Melancholie brach aus seinen Worten, aber sowohl Trolli bei Tisch, als auch Patrick verstanden den Grund seiner Schwermütigkeit nicht. Sprachlos sah Pat drein, fühlte eine Art hinterhältiges Misstrauen in sich aufkeimen. Warum nur sagte dieser Jugendliche das?

            In dem Moment richtete sich Link auf und meinte beinahe scherzhaft, um sich abzulenken: „Was macht ihr eigentlich heute? Wie gesagt, ich gehe meine Okarina suchen, die ich im übrigen nicht von Zelda bekommen habe. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr doch mitkommen.“ Pat und Trolli nickten zustimmend.

            Dann stand der einstige Hylianer auf seinen halbtauben Beinen, mit dem schmerzhaften Gefühl des unerträglichen Muskelkaters überall. Gemächlich, bloß nicht so große Schritte machen, bloß langsam laufen, dann ginge das schon. Murrend watschelte unser immer noch grünbemützter Heroe aus der Halle in Richtung des Bungalows.

            Während Pat und Trolli noch beim Frühstück saßen, kramte Link in seinen Sachen herum. Er nahm seine Dolche und legte sie sich um. Denn irgendwie sprach etwas eine Warnung zu ihm, auch hier sollte er auf alles vorbereitet und gewappnet sein für die unheimlichsten Begegnungen. Aus dem Abenteuerurlaub könnte eine gefährliche Reise werden.

            Aus seiner großen Reisetasche nahm er das einfache Kampfschwert und setzte sich an den Rand des Bettes. Er nahm das Schwert geschmeidig in seine linke Hand und stütze die lange, scharfe Klinge senkrecht an seiner Stirn ab.

„Es wird Zeit sich zu erinnern“, murmelte Link in die Leere des Schlafzimmers. Seine Stimme klang so anders, erwachsener, vorbereiteter auf das grausame Schicksal, welches die Auserwählten Hyrules erwartete. Und doch gab es auch Lichtblicke in diesem Teufelskreis von Kampf und Wiedergeburt. Jede Zeit hatte ihre Lichtblicke und nach jedem Krieg folgte Frieden.

            ,Glaubst du, das war schon alles?’ Eine Frage gleißend und bedrohlich wie die Hinrichtung für sühnende Verbrechen, zog sie sich durch den Raum, gesprochen von Link selber, der jedoch nicht dazu bestimmt war, zu wissen, was ein stärkerer, mutigerer Teil seiner Seele an grausamen Worten erläuten ließ.

,Hast du gerne deine Schwäche gewählt? Warum schweigst du, da du reden solltest?’ Erneutes starkes Anklagen, gesendet an seine eigene Dummheit, nicht an das wahre Ich in seinem Inneren zu glauben.

‚Wofür kämpfst du, wenn nicht für sie? Denn du kannst nicht für dich kämpfen, das konntest du nie.’ Eine kurze Pause, nicht lange genug, dass der junge Kämpfer dieses Ereignis des Erkennens festhalten oder begreifen konnte.

,Kämpfst du für die, die du liebst? Kämpfst du nicht eher für die, die du hasst?’

Träge öffneten sich die tiefblauen Augen des Jugendlichen, schwammen mit Blicken in einem Meer der Unwirklichkeit, lösten sich mit Blicken vom gewöhnlichen Weltengeschehen und als Folge dessen sogar von sich selbst...

            Außerhalb stand eine kleine Person am Fenster, die sich geschickt im Schatten der Bäume versteckt hielt und den jungen Helden aufmerksam beobachtete, der total in seine Gedanken versunken war...

            Plötzlich drangen Geräusche aus dem kahlen Flur. Hastig versteckte Link das Schwert unter der Bettdecke und legte sich unschuldig mit dem Rücken darauf. Pat kam herein gestürmt.

„Na, wo bleibst du denn? Es ist schon nach Mittag.“

„Wie bitte? Aber ich bin doch eben erst in mein Zimmer gegangen.“ Ungläubig starrte Link auf die Zeiger seiner Armbanduhr. Um Himmels Willen, er hatte für drei Stunden einen totalen Blackout! Link wusste nur noch, dass er das Schwert in seinen Händen gehalten hatte und nun...

            „Oh Mann. Das gibt’s nicht. Mir sind drei Stunden entfallen.“ Ja, er wusste gar nichts mehr. „Tja, bist wohl im Umgang mit der Zeit nicht so geschickt, Held der Zeit? Haha...“

„Sehr witzig.“ Link richtete sich auf und verließ mit Pat das Zimmer.

            Trolli wartete entgegen seiner merkwürdigen Angst alleine gelassen zu werden außerhalb.

Alsdann liefen die drei Jugendlichen in Richtung des märchenhaften Sees, der am Tag über noch schöner aussah, als in der Nacht. Sonnenstrahlen brachten das kristallklare Wasser zum Funkeln. Link fragte sich, ob in Hyrule die Seen ebenfalls so wunderschön aussahen wie hier. Er seufzte leicht.

„Sag’ mal, Link?“ Verwunderlich, dass Pat ihn mit seinem richtigen Namen ansprach.

„Ja, was ist?“

„Wie sieht deine Okarina eigentlich aus?“

„Nun, sie ist fast vollständig weiß. Und hat einige mit goldener Farbe gemalte Umrahmungen der Löcher und des Mundstückes.“

„Weiß, na da müssten wir sie eigentlich schnell finden. Und wo hast du sie her?“

„Ähm... “ Mit so einer Frage hatte Link nicht gerechnet.

„Von meinen Eltern...“

„Und was machen deine Eltern so?“

„Sie... sie...“

            Link blieb stehen. Eigentlich wusste er fast gar nichts über seine wahren Eltern. Er wusste gerade mal, dass er dieses Instrument von ihnen hatte.

„Sie leben nicht mehr.“ Pat blieb ebenfalls stehen und machte ein eigenartiges Gesicht.

„Ich will ja nicht schadenfroh klingen, aber das wäre wohl typisch für den Helden der Zeit.“ Link zuckte mit den Schultern.

„Du hast eine ganz schöne Ähnlichkeit mit ihm!“

„Tja. Spinner gibt es immer wieder“, meinte Link, belog sich nur selbst mit dieser Gleichgültigkeit und lief weiter.

            Trolli mischte sich ein: „Nun tut mal nicht so heimlich. Könntet ihr mir nicht mal etwas über das Zeldaspiel erzählen? Ich kenne das Spiel wirklich nicht.“ Pat und Link drehten sich fast gleichzeitig zu ihm um.

„Na da hast du aber was verpasst, mein Lieber“, meinte Link. Sodann erzählten sie ihm alles Mögliche über Hyrule, Prinzessin Zelda und ihren grünbemützten Beschützer.

„Und wie sieht Zelda eigentlich aus“, fragte Trolli, der mehr und mehr Begeisterung für die Geschichte zeigte, wenn nicht sogar ein übertriebenes, seltsames Interesse daran hegte.

„Nun...“ Link wusste ganz genau, wie Zelda aussah und wollte sich keineswegs verplappern.

            Die Meute lief weiter, einen ungepflasterten Weg entlang, an dessen Seite ein kleiner Holzzaun verlief. Auf der Wiese dahinter standen einige Pferde. Link kletterte, so gut es mit dem Muskelkater ging, daran hinauf und setzte sich. Pat und Trolli taten es ihm gleich.

            „Na Link, was meinst du, wie Zelda aussieht“, wollte Pat unbedingt wissen.

„Zelda... hm?“ Link hatte Zeldas Bild im Kopf und wusste eigentlich nicht wirklich, wie er sie beschreiben sollte. Jedes Wort, das ihm einfiel, passte, seiner Meinung nach nicht zu ihrem Antlitz. Für Zeldas einzigartiges Wesen, für ihre kristallblauen Augen, gab es eigentlich keine Worte...

            Plötzlich kam eines der Pferde auf sie zu, ein braunes Pferd mit einer weißen Mähne. Das Pferd lief genau auf Link zu, beschnupperte ihn und gab ihm einen Schlecker mit der riesigen, schwammigen Zunge, sodass er vor Schreck vom Zaun fiel.

„Mann? Was war das denn“, murrte Link. Er schaute nach oben und sah nur das dämliche Grinsen seiner beiden Zimmerkollegen. Das Pferd allerdings trabte wieder gen Wiese in Richtung zu zwei jungen Mädchen, die den Jugendlichen erfreut zuwinkten. Pat verzog sein Gesicht und wollte nicht schon wieder bei jungen Damen im Rampenlicht stehen. Link allerdings winkte mit seiner unverbesserlichen Naivität, dachte nicht im Traum daran, sich dadurch in der Damenwelt mal wieder überaus beliebt zu machen... Lächelnde, unverbesserliche, zwinkernde Gesichter strahlten den Jugendlichen entgegen.

„Bist du hohl, und ich dachte, du hättest genug von der Damenwelt“, murrte Pat.

„Sicher habe ich das, aber das heißt doch nicht, dass man unfreundlich sein muss, oder?“, sagte der dusslige Held mit Namen Link, worauf Pat bloß die Augen verleierte.

            Link und die zwei Jugendlichen machten sich wieder auf den Weg.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Wie, glaubst du, würde die Prinzessin in Wirklichkeit aussehen?“, sagte Pat. 

„In Wirklichkeit?“

„Ja, in Wirklichkeit.“

„Sie würde bestimmt aussehen, wie ein ganz gewöhnliches Mädchen, auch wenn ein wenig...“

„Was?“

„... trauriger.“

            Sie suchten den ganzen Tag nach der Okarina, aber vergebens. Kein Hinweis über ihren Verbleib. So entschlossen sie sich wieder zurück zu der Jugendherberge zu gehen. Pat schwieg die ganze Zeit und dachte über Links Worte nach. Wenn er es nicht besser wüsste, so dachte er, hatte er tatsächlich den Helden aus Hyrule vor sich.

 

Wenige Tage vergingen. Link suchte sich unter allen möglichen Freizeitaktivitäten lediglich die aus, bei denen er sich nicht zu sehr anstrengen musste. Und tatsächlich in den nächsten Tagen ging es ihm wahrhaft besser. Seine Okarina allerdings hatte er nicht wieder gefunden, welch’ ein Jammer. Er hatte lange danach gesucht, aber sie schien wie vom Erboden verschluckt zu sein.

            Link saß gerade grüblerisch im Schlafzimmer, im Schneidersitz auf seinem zerwühlten Bett, und nahm ein Blatt Papier, sowie einen blauen Kugelschreiber zur Hand. Also, wie fange ich am besten an, überlegte er.

„An Zelda, nein, klingt bescheuert... an einen Engel, nööö, das konnte er auf keinen Fall schreiben... Ähm???“ Er hatte tatsächlich vor, seiner wunderschönen Zelda einen aufheiternden Brief zu schreiben. Sie würde sich sicherlich darüber freuen, aber es scheiterte ja bereits am Anfang.

„Okay, überleg’ ich später: ... Also, wie geht’s dir so. Mir geht’s gut.“ Link knüllte das Stück Papier genervt zusammen und warf es wütend in einen Mülleimer. Warum krieg’ ich es nicht fertig, ihr einen Brief zu schreiben, dachte Link. Kann doch nicht so schwer sein!

Und wieder begann er von vorne.

 

„Liebe Zelda, ich hoffe, du verzeihst, wenn der Brief vielleicht nicht der Tollste wird, aber ich wollte dir schon seit meiner Abreise diesen Brief schreiben und deshalb tue ich das jetzt auch. Vielleicht ist es einfacher, entscheidende Worte auf Papier zu bringen, wenn die Gefühle, Ängste, es auf andere Weise nicht zu lassen. Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dafür, dass ich vieles einfach ignoriert habe und mir gewisse Dinge nicht eingestehen wollte. Ich dachte immer, es würde leicht fallen, mich dem Schicksal zu stellen. Ich bin jedoch einfach weggelaufen und habe jegliche Auseinandersetzung mit dem Thema vermieden. Deswegen möchte ich dich bitten, dass wir das in nächster Zeit nachholen, dann, wenn ich wieder zu Hause bin.

Wir sollten endlich darüber reden. Über Hyrule. Über uns.

Es sind jetzt noch knapp zwei Wochen, die ich hier verbringen werde. Mir sind einige interessante Leute begegnet und ich bin froh, dass ich den Entschluss gefasst habe, in dieses Camp zu fahren. Die Landschaft ist ein Traum, um dich neidisch zu machen. Ja, ich bin mir sicher, es hätte dir hier gefallen. Ehrlich gesagt, wäre es schön gewesen, wenn du mitgekommen wärst... nun ja, ich will den Brief nicht zu langatmig werden lassen und verabschiede mich dann. Zum Abschluss noch drei Dinge. Erstens: Ich bete, dass der Brief noch in deine Hände fällt, bevor ich wieder zu Hause bin. Zweitens: Mach’ dir keine Sorgen um mich, es geht mir hier sehr gut (es hat mich noch niemand angegriffen) und drittens: Ich vermisse dich...                 

Bis bald, dein Link.“

 

Ja, so müsste das gehen. Hoffentlich habe ich nichts geschrieben, das zu weit geht, dachte er. Ob ich das: ,Ich vermisse dich’, durchstreichen sollte, fragte sich Link. Doch dann kam plötzlich Pat herein und er faltete den Brief augenblicklich zusammen, steckte ihn in den Umschlag und notierte Zeldas Adresse darauf.

            „Ähm Link, da will dich jemand sprechen. Er sagt, es sei sehr wichtig.“ Der Angeredete sprang auf, überrascht, dass er dies nach besagtem Traum wieder konnte und lief zur Tür. Ein Junge, etwa in Links Alter stand vor der Tür. Einprägend sah der Held sich die Gestalt an und glaubte, sie schon einmal gesehen zu haben. Ein Gefühl der Wahrheit, der Belehrung und der Erinnerung legte sich in das ansehnliche Gesicht des wahren Helden Hyrules.

            Der junge Mann gegenüber war ungefähr einen Kopf kleiner als Link und besaß ein wenig längere, hellblonde Haare. Seine Augen hatten fast die gleiche Farbe wie Ines’. Dasselbe rötliche, rätselhafte Braun. Derselbe mysteriöse Eindruck, den sie hinterließen.

            „Ja, bitte“, meinte Link. Die Stimme seines Gegenübers erklang Link irgendwie unwirklich. „Mein Name ist Sian Johnson. Ich habe etwas gefunden, was dir gehört.“

Und er hielt dem überforderten Jungspund seine weiße Okarina unter die Nase. Link nahm sie verwirrt an sich.

„Mensch, ich habe die überall gesucht. Wie konntest du sie finden? Woher weißt du eigentlich, dass sie mir gehört?“ Skepsis breitete sich in tiefblauen Augen aus.

„Nun, ich weiß einiges über dich, Link. Und ich weiß noch mehr über Zelda.“ Der Heroe drehte sich überprüfend in alle Richtungen und vergewisserte sich, dass niemand ihnen zuhörte.

            Dann flammte der Anflug einer Drohung in Links Augen auf.

„Wenn du Zelda Schaden zufügst, oder sonst irgendetwas im Schilde führst, das sie betrifft, bekommst du es mit mir zu tun.“

Sian grinste. „Das weiß ich. Ich würde deiner Prinzessin niemals Schaden können. Das wirst du bald selber wissen. Auf jeden Fall, bin ich auf deiner Seite. Glaubst du, ich hätte dir sonst die Okarina wieder gebracht?“

„Wer weiß. Vielleicht nur eine Taktik, um mich guter Laune zu stimmen oder einzuwickeln“, meinte der Held sarkastisch und blickte ungläubig in Sians Augen. Es roch förmlich nach Verrat. Aber was genau war es nur, was Link beunruhigte, was ihn dazu brachte, dieser Gestalt Misstrauen entgegen zu bringen.

            „Beeindruckend, dass du wohl allem Anschein nach, doch nicht so naiv und gutgläubig bist, wie das Schicksal immer sagte...“

„Hör’ auf, so zu tun, als wüsstest du, was geschehen ist und als würdest du mich kennen wollen.“

„Niemand kennt einen Menschen ganz genau. Wenn wir unsere Geheimnisse nicht hätten, wäre das Leben erfüllt von der langweiligsten Leier überhaupt...“, sagte der Kerl und blickte mit den roten Augen seitwärts. „... du kannst mir vertrauen, Link.“

„Da bin ich mir nicht so sicher...“, sagte er und trat an die frische Luft. „In letzter Zeit muss ich echt vorsorgen und darauf achten, wem ich mein Vertrauen schenke. Also, dann erzähl’ mir deine Geschichte. Woher weißt du soviel?“

„Ich bin nur ein Beobachter…“

Sian entfernte sich vom Bungalow und sagte noch: „Wir werden uns wieder sehen. Bis bald!“

            Link blickte dem rätselhaften Burschen nach, war erneut eine Spur verwirrt und konnte das Gefühl nicht begreifen, diesen Kerl in gewisser Weise bereits sehr gut zu kennen.

Und wieder begegnete ihm jemand, der mehr wusste als er. Es wurde Zeit, dass Zelda ihm alles erzählte.

            Ja, richtig. Den Brief hatte er immer noch in der Hand. Schnellen Schrittes ging Link in Richtung der nächsten Ortschaft und suchte nach einem Briefkasten. Ein wenig Laufen würde ihm sicherlich gut tun...

Link bemerkte erneut nicht, dass er von einer Gestalt beobachtet wurde, heimlich, und verdeckt...

 

Der Held trat in eine kleine gemütliche Ortschaft ein, erstaunt über die vielen, fröhlichen Menschen, die sich hier tummelten. Auf dem mittelalterlich- wirkenden, eher winzigen Marktplatz herrschte reges Treiben. Viele kleine Stände waren aufgebaut. Kinder tollten um einen kleinen Springbrunnen auf dem Platz herum, Tauben flatterten mit ihrem weißen Gefieder in den Lüften umher und ältere Leute tratschten, tauschten sich interessiert ihre Geschichten aus. Links Gedankengänge schweiften ab. Es tat irgendwie unheimlich gut so viele frohe Menschen mit lachenden Gesichtern zu sehen.

            Der junge Held lief ein wenig durch die Stände, vorbei an aufgestapelten Kisten mit frischem Gemüse, durch Reihen mit Schmuck, Lederarbeiten, Keramikgefäßen und vielerlei anderem Kram.

Dieser wohlige Ort schien ihm vertraut. Aber er grübelte nicht weiter über seine hoffnungslosen Gedanken nach und bewegte sich vorwärts. Den Brief an Zelda hatte er immer noch in der Hand. Mit einem unwiderstehlichen Lächeln blickte er auf den Brief, erfreute sich an der Vorstellung ihres wunderschönen Gesichtes, sollte sie den Brief bekommen, malte sich aus, wie es sein würde, wenn er sie nach ihren Gefühlen fragen würde, als sie den Brief las...

Ob sie ihn denn genauso nach wenigen Tagen schon vermisste wie er sie?

In einer kleinen Seitengasse erblickte er einen knallroten Briefkasten und lief gemächlich darauf zu. Der Siebzehnjährige hatte gerade den Brief eingeworfen, als er grob zur Seite geschupst wurde. Ein schmaler Kerl, mit Kapuze und rötlichglänzender Tasche in der Hand rannte an ihm vorbei, blickte verachtend zurück und lachte fast krankhaft auf.

            „Idiot“, fauchte Link hitzköpfig.

            Plötzlich hörte unser grünbemützter Heroe aus der Ferne die Rufe einer verzweifelten Frau. Sie bog in die Seitengasse ein, in welcher Link stand und rief erneut.

„A thief. A thief!“, kreischte sie hysterisch.

            Ohne weiteres Überlegen drehte sich Link um und spurtete dem Kerl, der ihn beinahe überrannt hätte, hinterher. Edelmütig hetzte der Held aus der Seitengasse heraus und blickte sich um. Wo war er nur hin? 

            „This way.“ Ein älterer Herr mit Hut zeigte auf eine weitere unbelebte Straße. Link hechtete weiter und konnte den Kerl mit dem Umhang noch erkennen, bevor er um eine Ecke bog. So leicht entkommst du mir nicht, dachte der Heroe. Seine alte Kraft rufend beschleunigte der einstige Hylianer sein Tempo und folgte dem Unbekannten durch ein leeres Labyrinth aus kleinen Häusern und verwinkelten Gassen.

            Wieder erblickte der Heroe den Dieb vor sich, und kam ihm tatsächlich näher.

„Halt!“, rief er, aber die Gestalt lief unverfrönt weiter. „Stop! Stop!“ So langsam wurde Link verdrießlich. Irgendetwas musste er sich einfallen lassen. Da kam ihm ein hinterhältiger Gedanke. Strategisch ausgefuchst bog er früher ab und hoffte, der Kerl würde seinen Weg kreuzen. Link blieb stehen und konzentrierte sich auf die näherkommenden Geräusche unruhiger Schritte. Und je näher das Tapsen kam, umso langsamer wurde es. Der Typ bildete sich bestimmt ein, er hatte Link abgehängt. Wie dumm, dachte der gewandte Kämpfer mit dem grünen Base- Cape.

            Link lugte vorsichtig aus seiner Ecke hervor. Tatsächlich, der komische, maskierte Kerl kam genau auf ihn zu…

Tap. Tap. In wenigen Sekunden würde Link ihn stellen.

Dann drang nur noch das leise Hecheln eines Menschen, der total außer Puste war, durch die stehende Luft. In dem Augenblick sprang Link aus der Gasse hervor, hechtete blitzartig auf den perplexen Typen zu, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die kalte, graue Mauer eines Hauses.

            „Stop fidgeting“, fauchte Link. „That won’t help you!“

Der Typ antwortete nicht. Dann sah er auf, starrte direkt in einen entschlossenen Blick, und unter der Kapuze leuchteten dunkle Augen bedrohlich hervor. Als Link die Augen seines Gegenübers sah, spürte er ruckartig das Gefühl seine Narben am Bauch würden sich wieder öffnen. Seine Augen glühten.

„I don’t know who you are but you can’t make me fear you“, erwiderte der einstige Held Hyrules mutig.

            Link entriss ihm die rote Tasche und hüpfte gekonnt außer Reichweite jener Kreatur, die man nun nicht mehr als Menschen bezeichnen sollte. Mit einer eleganten Handbewegung entkleidete der komische Typ sich von seinem Mantel. Link studierte ihn genau. Er besaß einen dürren, wenn nicht sogar mageren Körper und seine Haut schien älter zu sein, als der Rest des Körpers. Er besaß keine Haare und seine Nase und Wangen waren eingefallen. Ohne Scheu lief er mit einem fiesen, schmierigen Grinsen auf den augenscheinlich unbewaffneten Link zu. Dessen Hand wanderte an seine rechte Seite, wo er einen von Narandas Dolchen versteckte… 

            Währendessen begann der Kerl zu reden, er sprach in einer seltsamen hohen Stimme und Link wusste, irgendetwas hatte ihm seine Menschlichkeit genommen.

„I’ll kill you, Hero of an old world.“ Wie ein Irrer stürzte sich das zähnefletschende Etwas auf ihn und wollte Link an die Gurgel gehen. In dem Augenblick blitzte ein scharfer Dolch hervor und vergrub sich mitten in den rechten Handrücken der Person.

Der Mann zuckte zurück. Und plötzlich leuchteten seine Augen nicht mehr. Seine runzlige Haut änderte sich schlagartig und ein schneller Haarwuchs sorgte unvermittelt für eine kurze Frisur auf dem Haupt des Mannes. Jetzt erst registrierte jener den Schmerz auf seiner Hand und sank auf den Boden. Link seufzte erleichtert auf.

            „Where am I? What did I do?“, fragte der Kerl mit einer normalen Männerstimme, der etwa dreißig sein musste. Na Prima! Was sollte Link jetzt tun? Dieser Mensch war doch nicht bei Sinnen. Man konnte ihn nicht für etwas büßen lassen, das er nicht wirklich getan hatte! Link sah die Gestalt eindringlich an, als er sich auf ihn zu bewegte.

„You can’t remember anything?“

„No, where am I? Since some minutes…“ Der Mann presste seine linke Hand auf die schmerzende rechte. Link sah den bemitleidenswerten Menschen an und wusste, er war nicht der einzige, der sich innerhalb von Sekunden verwandelte und später wieder zur Besinnung kam. Gleiches war damals mit Maron geschehen. Unschuldige Menschen wurden rücksichtslos in ihr Verderben gestürzt und das im Grunde genommen nur wegen ihm.

            Link reichte ihm die Hand. Der Kerl stand nun auf seinen Beinen und schien benommen. Ruhig erklärte der Heroe ihm die Situation. Glücklicherweise war niemand in der Nähe. Der Typ sah aus, als hätte er den Tod gesehen, nachdem Link geendet hatte.

„Listen, Mister. No one saw you under that cowl. And no one knows about this. If you disappear unseen, then it would look like as if nothing else has happened. I will remain silent and bring the bag back to the lady you did stole it from. I just say that the thief was loosing it and flew. Is that okay with you?“

„Thank you so much, boy. But who are you after all?“

„I... I’m no one…“ Und Link belog sich einmal mehr selbst und sein wahres Gesicht würde ihn irgendwann für diesen Lug und Trug die Karten vorlegen...

            Der Kerl stand auf und drehte sich um. Mit schweren Schritten lief er auf eine weitere Gasse zu. Link sah bemitleidend, wie der Mann davon schlürfte.

Doch dann bemerkte der Held etwas seltsames auf dem Nacken des Mannes. Was war das denn? Link konnte deutlich eine kleine hässliche, schwarze Wunde in Form eines Dreieckes am Hals erkennen. Er wollte den Typen schon davon abhalten weiter zu laufen, aber dann war dieser schon um eine Ecke gebogen. Außerdem wollte Link den Mann nicht noch mehr belästigen. Damit drehte sich Link um und lief wieder auf den belebten Marktplatz zu.

            Eine dreieckige Wunde am Nacken? Sicherlich war diese nicht gewöhnlichen Ursprung. Eine dreieckige Wunde? Hatte etwas Mächtigeres dahinter seine Finger im Spiel?

            Ja, dieser Mensch mit Familie, mit einer einfachen Vergangenheit, er wurde grausam in Geschehnisse verwickelt, die ihn nichts angingen. Link ahnte, dies war nicht der letzte Mensch, dessen Augen begannen zu glühen, zu lodern, wie das Feuer aus der Hölle, in die man es gesperrt hatte. Es würde weitergehen. Böses würde sich immer mehr Menschen zu willigen Sklaven machen. Böses nahte und es wurde mit jeder Sekunde, die verging, stärker. Link blieb stehen und starrte einmal wieder in den blaugemalten Himmel. Noch schien die Sonne. Ihr Licht erfüllte die Welt, sie spendete ihre Wärme allen Geschöpfen. Die Frage war nur, wie lange noch…

            Schlecht gelaunt kam Link mit herunterhängenden Mundwinkeln auf dem belebten Marktplatz an und erblickte die Frau, deren rubinrote Umhängtasche er in der Hand hielt. In langsamen Schritten lief er auf sie zu.

„Ähm, Miss, I’ve got your bag.“ Schnell drehte sie sich um und strahlte unseren Helden an.

„Wow, you really got it? Thank you, little Hero”, sagte sie. Sofort riss sie ihm die Tasche aus der Hand, kramte darin herum und lächelte schließlich. Sie hatte ein beruhigendes Lächeln. Dann sprach sie irgendetwas sehr lispelnd und schnell, sodass Link es unmöglich verstehen konnte. Er machte bloß große Augen, bis die Dame verstand. Erstaunlicherweise redete sie dann sehr gut in seiner Sprache.

            „Vielen, lieben Dank, das war richtig selbstlos von dir, kleiner Held. Mein Name ist Anja NiceInn. Komm mit, irgendwas kriegst du natürlich als Lohn für deine Mühen. Den Dieb konntest du aber leider nicht stellen, hm?“

„Nö, er hat die Tasche fallengelassen und ist dann wie der Blitz weggelaufen. Übrigens sie brauchen mir wirklich keinen…“

„Du kommst jetzt mit“, sagte die Dame schroff. „Sei’ doch nicht so bescheiden.“ Sie packte Link am Arm, der seine Augen verdrehte, und zerrte ihn mit.

            „Du bist also einer der Jugendlichen von der Jugendherberge am See. Interessant“, sagte die Dame, als sie ihm einen Teller randvoll gefüllt mit irgendwelchen Delikatessen vorsetzte. Link wollte wirklich bescheiden sein, aber so gut wie das Essen aussah und duftete, konnte er nicht wiederstehen und er kostete. Es schmeckte vorzüglich.

            Der nachdenkliche Held befand sich in einer gemütlichen Wohnstube eines kleinen Gasthofs. Anja NiceInn war die Besitzerin und strahlte ihn mit den Augen einer Freundin an. Link musterte die Dame nun genau. Sie besaß kurze braune Haare und blaue Augen, so um die fünfundzwanzig, dachte Link. Dann ging sie aus dem Raum, um noch etwas zu holen. Der Siebzehnjährige sah interessiert umher und war nun doch noch froh, dass er eingewilligt hatte mit zu kommen. Es gefiel ihm in dem kleinen Gasthaus, ja sogar richtig gut.

Das Zimmer besaß nur ein kleines Fenster, welches einen guten Blick auf den nächtlichen Marktplatz gewährte. Die Sonne war bereits untergegangen. In der kleinen Wohnstube loderte munter im Kamin ein wohliges, wärmendes Feuer. Als Anja wieder hereintrat, mit einer Flasche Saft oder ähnlichem in der Hand, merkte sie, dass Link gedankenversunken in das glühende Feuer starrte.

            „Wir heizen noch mit Torf. Ich hoffe, du findest das nicht ungewöhnlich.“

„Was?“, Link der wieder zur Besinnung kam, meinte lediglich. „Nein, ich finde das nicht verwunderlich.“

„Wie ist eigentlich dein Name?“

„Ich bin Link Bravery.“ Auch wenn ich wünschte jemand anderes zu sein, schallte eine Stimme in seinem Kopf.

„Also, ich danke dir noch mal dafür, du weißt schon. Ich hatte schließlich alle meine Papiere in der Tasche.“

„Wirklich keine Ursache. Übrigens, das Essen ist wirklich lecker. Besser als in der Jugendherberge.“

Link rang sich zu einem Lächeln. Sein Gegenüber ebenso. Ein Lächeln, gerade das war es, was so spärlich dem jungen Helden über das Gesicht kam. Ein ehrliches, teures Lächeln, welches beruhigte, welches erfüllte...

            „Sagen Sie, Anja, dieser Typ, der auf dem Schloss wohnt. Was ist das für einer?“

Sie blickte ein wenig verwundert drein und erwiderte: „Du musst ihn doch schon gesehen haben. Ihm gehört schließlich die Jugendherberge. Es ist ein älterer Herr, und er trägt meistens einen roten Mantel.“

Link begriff. Aha, der Typ aus dem Anmeldungsbüro mit der schönen Augenfarbe. Ach ja…

„Warum interessiert dich das überhaupt?“

„Ach... nur so.“

„Weißt du, Leon kommt hier öfters vorbei- eben ein Liebhaber unseres Essens. Er ist ein sehr netter Mann, auch wenn einige Leute schlecht über ihn reden und die verrücktesten Geschichten über ihn erzählen. Stell’ dir vor. Einige behaupten sogar, er habe seine eigene Frau im Keller vergraben. Purer Schwachsinn, wenn du mich fragst.“

Link nickte: „Obwohl er doch einen seltsamen Eindruck auf mich gemacht hat. Er hat sich schließlich nicht einmal vorgestellt.“

„Ach nimm’ ihm das nicht übel. Er ist nicht stolz auf seinen Namen. Den Grund dafür kennen aber nicht einmal seine engsten Bekannten.“ Anja blickte auf die Uhr. Seit einigen Minuten war ihr Blick immer wieder auf dem Ziffernblatt gelandet. Doch nun schien sie ein wenig niedergeschlagen und irgendwie besorgt.

            Link bemerkte dies und meinte: „Warten Sie auf jemanden?“ Die freundliche Dame war zunächst überrascht und sagte schließlich. „Du scheinst entweder Gedanken lesen zu können oder du bist ein guter Beobachter. Ja, ich warte tatsächlich auf jemanden.“

„Darf ich fragen auf wen?“ Link grinste ein bisschen und beugte sich leicht über den Tisch. „Auf meinen... Verlobten?“

„Ach, der kommt sicherlich gleich. Er hat doch keinen Grund eine liebenswürdige Dame wie sie warten zu lassen.“ Anja lächelte dann und wirkte auf Link ein wenig fröhlicher.

            In dem Augenblick läutete es an der Tür. Anja stürmte sogleich aus dem Zimmer.

Als sie zusammen mit einer weiteren Person in den gemütlichen Raum trat, hatte Link seinen Teller bereits geleert.

„Hallo“, sagte der junge Mann neben der freundlichen Dame. Er besaß kurze, schwarze Haare und im Übrigen einen Haarschnitt, den Link noch nie gesehen hatte und er sich in seinen fantasievollsten Träumen nicht vorstellen konnte. Eingeschmiert mit tonnenweise Gel standen die dunklen Strähnen in alle Richtungen.

            „Mein Name ist Kevin McMayor. Du hast also Anjas Tasche wiedergebracht. Danke, auch in meinem Namen. Wenn ich diesen Kerl erwische, hat er nichts mehr zu lachen.“

Link machte ein komisches Gesicht und nickte dann wieder. Diese Menschen durften niemals die Wahrheit erfahren. Er hatte es dem Dieb versprochen.

Nachdenklich und bescheiden richtete sich der unerkannte Held auf und sagte: „Ähm... danke für das Essen noch mal. Aber ich denke, ich sollte jetzt zum Camp zurückgehen. Ist immerhin schon dunkel.“

„Warte, ich kann dich doch dorthin kutschieren. So spät noch auf den Wegen entlang wandeln ist in letzter Zeit gefährlich geworden.“ Link wunderte sich zunächst. Gefährlich? Was meinte Kevin damit?

            „Schon gut, ich kann wirklich auf mich aufpassen.“ Womit er Recht hatte!

„Nee, nee, keine Wiederrede. Ich bringe dich dorthin. Und basta. Klar?“

„Okay, überzeugt.“ Es war ihm eigentlich lieber so spät eine Fahrgelegenheit zu haben, als den ganzen mühsamen Weg noch mal entlang zu latschen!

Link, Anja und Kevin gingen dann schließlich aus dem Gebäude.

            „Bis gleich, Darling“, meinte Kevin. Anja gab ihrem Liebsten noch einen kleinen Kuss auf die Wange und sagte mit einer kleinen Geste. „Beeil’ dich aber, sonst schläfst du auf der Couch.“

Sie grinste und ging ins Haus zurück. Link konnte sich ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen.

„Bist du dir sicher, dass du ihr nicht hinterherlaufen willst“, meinte er spaßhaft. 

„Ähähm...“ Kevin wurde ein wenig rot im Gesicht und ging schleunigst voraus.

 

Einige Minuten später saßen der unerkannte Heroe und Kevin in einem kleinen, alten, hellgelben Auto, dessen Marke Link nicht kannte, so alt war es.

„Also, du kommst aus Schicksalshort? Wir kommen im übrigen nicht von hier, sind ausgewandert, deshalb können wir so gut deine Sprache. Hast du dich deswegen nicht gewundert?“

Link hatte andere Dinge im Kopf als sich über solche Kleinigkeiten zu wundern. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“

„Mmh. Aber andere Kleinigkeiten fallen dir auf, oder?“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Nicht so wichtig...“

            Eine Pause entstand. Kevin drehte den klappernden Zündschlüssel herum und der Wagen gab seltsame Geräusche von sich. Das störrige Knacken des Motors zerstörte die sonst so angenehme Ruhe in dem kleinen Ort. Langsam fuhr Kevin aus dem Ort heraus und die Scheinwerfer warfen ihre breiten Lichter auf die enge Straße bis hin auf die weiten, grünen Wiesen. Link ließ seinen Blick schweifen. Die nächtliche Landschaft sah unheimlich schön aus, so ruhig und untrüglich, als ob Gefahr hier ein Fremdwort wäre, als ob bezaubernde Feen, pfiffige Kobolde und andere Märchengeschöpfe die Anzeichen von Gefahr und Bedrohung in alle Winde schlagen konnten. Kaum vorzustellen, dass es hier gefährlich sein sollte.

            „Was hattest du noch gleich mal mit gefährlich gemeint“, wollte der einstige Hylianer wissen, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf den jungen Kerl neben sich richtete.

„Nun... in letzter Zeit tummeln sich hier ungewöhnliche Gestalten.“ Links Kopf neigte sich verwirrt nach rechts.

„Ungewöhnliche Gestalten.“

„Ja, ungewöhnliche Gestalten...“ Schön...

„Was für Gestalten?“

„Na eben ungewöhnliche...“ Link spielte mit...

„Ungewöhnlich- meinst du nun ungewöhnlich oder doch nur ungewöhnlich?“

Dann hielt Kevin plötzlich ruckartig den Wagen an.

Link stutzte: „Was ist denn, Kevin?“

„Na schön, ich erklär’ es dir.“

            Kevin schaltete das schummrige Licht seiner Lampen aus und erzählte ruhig: „Etwa seit einem viertel Jahr gibt es immer wieder die haarsträubensten Geschichten über irgendwelche Vorfälle...“ Link lauschte gespannt, während seine tiefblauen Augen selbst in der Dunkelheit leuchteten und Neugier erkennen ließen.

„Etwa vor dreizehn Wochen ist hier ein junges Mädchen verschwunden. Sie wohnte in unserem Ort, sozusagen gleich um die Ecke. Sie war etwa zehn Jahre alt und war eine typische Irin. Grüne Augen, rotblonde Haare. Ich sah sie jeden Morgen, kurz bevor ich mich auf den Weg in das Büro meines Vaters gemacht habe.“

Seine Stimme klang ziemlich traurig und verriet dennoch Standfestigkeit.

„Was arbeitet dein Vater denn, Kevin?“

„Er ist der Bürgermeister und nimmt seinen Job sehr ernst, ein wenig zu ernst“, schmunzelte Kevin. „Auf jeden Fall, sah ich Molly, so hieß das Mädchen, auch an einem Tag, an dem noch keiner wissen konnte, dass sie niemals mehr zurückkehren würde...“

Link verstand nicht, worauf er hinaus wollte. Aber sicherlich würde der junge Spund mit der komischen Frisur gleich mit der Sprache herausrücken.

            Ein schrilles Pfeifen ging durch die Nacht und die Ursache, die trügerische Herkunft eines solchen abnormen Geräusches, ließ ihre ungewollten Zuhörer aufhorchen. Tiefblaue, entschlossene Augen, selbst wenn es keinen Weg mehr gab, selbst wenn alles zu spät sein sollte, wanderten zu den raschelnden Wipfeln der uralten Bäume, die hier wurzelten.

„Sag’ mal, sollten wir nicht weiterfahren“, fragte Link, der irgendwie ein seltsames Gefühl im Magen hatte. Und seine Vorahnungen in Sachen Gefahr, in Sachen bösartiges Gehaber, sollten ihn nicht belügen. Schon in Hyrule, das wusste und fühlte der einstige Hylianer als ein kleines Überbleibsel, nahm er Dämonengerüche, Stapfen und Zischen von Moblins und anderem Abschaum genauer und besser wahr als sonst jemand es konnte.

            „Okay, hast Recht.“ Kevin startete wieder den Motor- besser gesagt, er versuchte es. Er wollte irgendwie nicht.

„Auch das noch...“, schnaubte Kevin. Ein abgesoffener Motor und ein schrilles Pfeifen ging durch die Nacht, welches von den Wäldern herfand und sich allmählich durch ein beißendes Heulen ersetzte.

Link fand das nicht sehr behaglich. Er sah hinaus in die tiefe Dunkelheit der Nacht. Der Mond am Himmel wurde allmählich von düsteren Wolken bedeckt. Selbst sein Licht schwand. Unverhofft lief ein kleiner kalter Schauer über Links Rücken. Irgendetwas stimmte hier nicht...

            „Probier’ es weiter“, fluchte Link, dessen Stimme Panik verriet.

„Hast du ein Problem?“ Kevin verstand nicht, was in seinen Begleiter gefahren war. Wie sollte er auch, er kannte Geschichten über ungewöhnliche Ereignisse, dachte aber nicht im Traum daran, dass tatsächlich etwas schier Übermächtiges, teuflisch Bösartiges dahinter steckte.

„Wir sollten hier schleunigst verschwinden“, sagte Link sichtlich aufgeregt, was sich an seiner schnellen Atmung bemerkbar machte.

„Und du wolltest zum Camp laufen, du Angsthase?“

„Wie bitte? Ich? Ein Angsthase?“ Die gemeinste Beleidigung überhaupt für jemanden, der in einem Damals die ultimative Macht des Mutes in Verwahrung hatte.

„Na, du schlägst dich auf jeden Fall nicht sehr wacker in einer Situa...“

Kevins Stimme starb ab. Erschrocken und mit bleicher Miene starrte er hinaus in die hinterhältige Dunkelheit.

„Sag’ mal. Siehst du das“, und Kevin deutete auf ein abgelegenes Stück Wald.

            Links Augen wanderten hinaus in das unendliche Schwarz, blickten zu den im Wind wehenden Baumkronen, zeichneten die Konturen der altehrwürdigen Baumgeschöpfe ab, blickten in alle Richtungen auf der rechten Seite des Weges. Sein eigener Atem wurde immer unruhiger. So langsam kroch Angst in ihm hoch. Immer noch starrte er gespannt auf die Schatten umhüllenden, Vieh verbergenden Wälder.

            Der Mond am rabenschwarzen Himmel befreite sich noch einmal kurz von den Klauen der zänkischen Gewitterwolken am Horizont, als der Held einige Schatten sehen konnte, die sich langsam auf den Wagen zu bewegten, schleichend, suchend, als ob sie auf der Jagd nach Beute waren, bereit zu töten und zu zerfleischen.

Dann verschwand das helle Licht des Mondes wieder und Link konnte die Umrisse dessen, was auf sie beide zu kam, nicht mehr erkennen.

„Kevin, bring endlich den Motor in Schwung“, fauchte Link, der langsam die Beherrschung verlor.

„Ja... ja... i-ich, ver-ver-su-uche es...“ Kevin war mit den Nerven am Ende. Seine Hände zitterten, als sie sich auf den Zündschlüssel zu bewegten. Er hatte ihn in der Hand und plötzlich... Klick. Klack. Er hatte ihn fallengelassen.

„Verdammt“, schrie Link. „Heb’ den Schlüssel wieder auf!“

„Sorry.“ Kevin kroch sogleich mit bleicher Miene in Richtung des Gaspedals.

„Beeil’ dich.“

            Kopfschüttelnd blickte der Held hinaus, wurde das Gefühl nicht mehr los, endgültig vom Pech verfolgt zu sein. Erst dieser merkwürdige Mann auf dem Marktplatz mit der dreieckigen Wunde, dann diese verdammten Biester, die sich dem wehrlosen Auto annäherten... Warum ausgerechnet heute? Warum hier in Irland? Konnte das Schicksal ihm nicht endlich eine Verschnaufpause gönnen?

            Link sah noch einmal hinaus. Entsetzen stieg in ihm auf, als die Schatten immer noch näher kamen. Jetzt konnte der Kämpfer deutlich erkennen, dass es ziemlich große Kreaturen auf vier Beinen waren. Und es waren viele... Kevin hatte währenddessen den Schlüssel wieder gefunden und schob ihn ängstlich in dessen Loch. Wieder versuchte er den Wagen zum Laufen zu bringen.  Wieder hatte er Pech.

„Mach’ schon, du verdammte Kiste. Komm’ schon.“ Kevins Stimme klang unheimlich verzweifelt. Link sah immer noch gebannt hinaus. Jetzt bewegten sich die Geschöpfe schneller und abscheuliche dämonische Augen streiften seine tiefblauen.

„Shit.“ Links Fäuste ballten sich unbewusst und seine linke Hand wanderte zu seiner rechten Wade, wo sich einer seiner Dolche verbarg. Kampfbereit blitzte das scharfe Messer in Links Händen auf, er schwang es einige Male und schnitt wilde Kreis durch die Luft.

Kevins Augen fielen vor Schock beinahe aus den Höhlen.

            „Guck’ nicht so, wenn du dieses Häufchen Elend nicht bald zum Laufen bringst, bleibt uns nichts anderes übrig als zu kämpfen. Sehr lange wird der Wagen gegen diese Höllenkreaturen nicht bestehen können.“ Kevins Gesicht wurde immer bleicher. Er zitterte, nun am ganzen Leib. Wieder drehte er am Zündschlüssel, wieder und wieder...

Die Geschöpfe befanden sich nun in Nähe des Wagens und liefen zähnefletschend darum herum. Kevin war sprachlos und rührte sich nicht mehr. Erstarrt sahen seine Augen hinaus in die der zähnefletschenden Mistgebruten aus einer anderen Zeit und Welt.

„Kevin, verdammt, reiß’ dich zusammen“ In Link kochte ungebändigte Wut. Er gab dem jungen Kerl mit den schwarzen Haaren eine Ohrfeige.

„Du musst es weiter probieren.“ Link wusste nicht, ob Kevin tatsächlich bei Sinnen war, oder ob er nur handelte, um irgendetwas zu tun. Aber auf jeden Fall kam er aus seinem Angstzustand zurück und versuchte kläglich den Motor in Gang zu bringen.

            Eines der Untiere setzte zum Sprung an und knallte kreischend gegen die Frontscheibe. Jetzt erkannte Link, was diese Viecher waren. Wölfe. Riesige, nackthäutige Wölfe mit scharfen Krallen, riesigen Zähnen und verderbenbringenden Kräften. Hungriges Knurren setzte ein. Kläffen und Jaulen.

Erneut setzten einige zum Sprung an. Diesmal hielten die Scheiben nicht mehr stand. Die ersten Risse bildeten sich. Link kniff seine Augen zusammen. Nein! Er zog seinen anderen Dolch hervor und reichte ihn Kevin mit einem entschiedenen Nicken. Er begann zu beten und richtete eine Bitte an sein eigenes Schicksal. Eine Bitte. Ein Wunsch, seine Prinzessin nur noch einmal sehen zu dürfen, bevor das Böse seinen jetzigen Körper in tausend Stücke zerriss. Zeldas Name entkam seinen Lippen- leise- aber immer noch so deutlich, dass Kevin es verstehen konnte. Ihr Name klang wie ein Lebewohl...

            Kevin drehte noch einmal am Zündschlüssel und dann... der Motor startete. Die Scheinwerfer erleuchteten die Straße. Mit einem elenden Jaulen zuckten die Wölfe vor dem grellen Licht zurück. Es schien, als könnte es die Schatten, aus denen sie entstanden waren, an ihren Entstehungsort zurückdrängen. Auf das sie niemals wiederkehren mögen.

Der Wagen bretterte auf die Geschöpfe zu, die sich auf dem Weg befanden. Kevins Fuß ruhte wie ein schwerer Betonklotz auf dem Gaspedal. Er traute sich nicht ihn davon zu heben und fuhr, fuhr immer schneller. Einige der Bestien rannten hinter dem Wagen her. Es war noch nicht vorbei.

Wiederrum setzten sie zum Sprung an. Scheiben klirrten. Geschockt sah Link nach hinten. Eine gefräßige Bestie bohrte sich knurrend über die zerstörte Scheibe am Heck in das Innere des Wagens. Kevin sah erschrocken um sich.

            „Fahr’ weiter. Ich kümmere mich darum. Egal, was passiert, fahr’ gefälligst weiter“, fauchte Link und Kevin, dem der Mund vor Schreck offen stand, dessen Augen so starr standen wie diejenigen einer Porzellanfigur, trat immer noch auf das Gaspedal. Link nahm beide Dolche an sich und kletterte mutig nach hinten. Kräftig holte er aus und stach dem Geschöpf mitten ins nackthäutige, grüne Gesicht, welches sich durch das Loch in der Scheibe auf die Hutablage bohrte. Es zappelte, aber der Schmerz schien ihm nichts auszumachen. Stattdessen schaffte es dieses widerliche Etwas noch seine Pfoten durch die Scheibe zu bohren. Der Held hatte die scharfen, schleimigen Zähne der Kreatur direkt vor sich. Er sah eine Kralle direkt auf sich zukommen und wich dieser knapp aus. Währendessen wollte das Vieh ihm mit seinem stinkenden Maul an die Gurgel.

Die Fahrt ins Ungewisse ging weiter. Und das holprige Brettern des Wagens schleuderte den gewandten Kämpfer ungewollt zur Seite.

            Der Wagen ratterte über den Weg. Kevin musste irgendetwas überfahren haben...

Aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit nahm der Wagen eine Kurve zu schnell und Link wurde aufgrund der enormen Kräften auf dem Rücksitz unwillig hin und hergeschleudert. Das Vieh holte nun wieder aus. Link wich mühsam aus und duckte sich. Dann ging er zum Angriff über und stach mit aller Kraft auf das aus der Hölle entsprungene, widerwärtige Geschöpf ein. Es winselte und wich zurück. Erleichtert atmete der Siebzehnjährige auf. Doch das Geschöpf mobilisierte noch einmal seine Kräfte und drückte sich mit aller Gewalt durch die Öffnung. Link erkannte die Situation zu spät... das Miststück biss ihn in die rechte Schulter und biss immer tiefer. Verzweifelt schrie der Heroe auf. Ein gleißender Laut ging durch die Nacht.

           

Und irgendwo weit entfernt an einem anderen Ort, wachte ein Wesen mit Schmerzen in der Schulter auf. Ein glockenheller Schrei ging durch die Villa von Ines Schattener...

 

Auf der schlechten Straße in Irland starrte Kevin fassungslos nach hinten, während die wilde Hetzjagd durch die Nacht immer weiter ging.

            „Ich bring’ dich um, du verdammtes...“ Es waren vermutlich die höllischen Schmerzen in der rechten Schulter, mit denen Links Vernichtungswille gefüttert wurde. Noch immer hatte die Alptraumkreatur ihre Zähne in seine Schulter gebohrt. Die linke Hand unseres Helden erwärmte sich, glühte förmlich; es schien als hätte sie Feuer gefangen...

Gerade als das elende Stück Abschaum mit einer Kralle ausholen wollte, stach Link mit voller Wucht zu.

            Link hatte erwartet, es würde aus dem Wagen geschleudert werden, er hatte gedacht, er würde sehen, wie es sich am Boden immer weiter entfernte. Stattdessen zersprang die Gestalt in viele, rotglühende Splitter wie durch Feuer verbranntes Papier. Vorbei, tot und der Rückkehr nicht mächtig...

            Einige Minuten der Stille vergingen. Kevin hatte es nun doch noch geschafft, seinen Fuß vom Gaspedal zu heben. Link kletterte mit schmerzverzerrter Miene nach vorne und schaltete das Licht auf seinem Platz ein, um die Wunde zu untersuchen. Sie blutete ganz schön stark, aber so tief, wie er geglaubt hatte, war sie nicht. Kevin hatte es die Sprache verschlagen.

            „Soviel zu ungewöhnlichen Gestalten...“, sagte Link, offensichtlich erschöpft. Kevin, der langsam seine Stimme wieder gewann, sah ungläubig in das Gesicht seines Beifahrers, welche trotz dieses Ereignisses Entschlossenheit und Mut verriet.

„Wie...“ Kevins Stimme klang wie die eines kleinen Kindes. „Wie kannst du jetzt noch so gelassen sein?“

„Das war nicht das erste und letzte Monster...“, murrte er scherzerfüllt.

„Aha... ungewöhnliche Gestalten... und ungewöhnliche Menschen.“

„Jep...“, murmelte der junge Held marode. Link grinste leicht und kniff schmerzverzerrt ein Auge zu. Er presste seine linke Hand auf die verletzte Schulter.

„Dich hat’s aber ganz schön erwischt.“

„Ach, hatte schon schlimmere Verletzungen“, endete er, riss sich den linken waldgrünen Ärmel herab und verband die Wunde provisorisch. Nur gut, dass er erst letztens eine Tetanusauffrischung bekommen hatte...

            Kevin schien allmählich wieder ruhiger zu werden, während der Held noch einmal nach hinten sah, aber nirgendwo konnte er irgendwelche der Kreaturen ausmachen. Erst jetzt fiel ihm wahrlich ein Stein vom Herzen...

Wieder entstand eine lange Pause.

            „Du bist nicht, was du vorgibst zu sein, oder“, meinte Kevin, dessen Blick von Links Gesicht zu der verletzten Schulter wanderte. Jener schüttelte nur mit dem Kopf. Er hatte keine Lust ihm jetzt alles auf die Nase zu binden, ihm irgendwelche Erklärungen zu geben, für die er selbst nicht einmal Erklärungen hatte. Er atmete tief aus und lehnte sich entspannt in den Sitz. Ihm kam der Brief an Zelda in den Sinn. Jetzt war er doch schon wieder angegriffen worden. Aber egal, er würde Zelda davon sowieso nichts erzählen...

            Doch Link unterschätzte die Verbindung zweier lang schon miteinander verbundener Seelen, die sich ein Schicksal teilten. Er unterschätzte maßlos, wie nah Zelda seiner eigenen Seele mit Worten, mit Berührungen und eben auch mit Schmerzen kommen konnte...

            Der Wagen fuhr langsam auf den Hof der Jugendherberge ein. Gerade in dem Moment war der Motor vollends abgesoffen. Link und Kevin stiegen langsam aus und Link stützte sich zähneknirschend kurz an die Wagentür.

„Das wird wohl heute nichts mehr mit der Heimfahrt, was“, seufzte der gewandte Kämpfer schmerzverzerrt. „Ich denke, du könntest in unserem Bungalow übernachten.“

„Was anderes wird mir wohl nicht übrig bleiben. Habe keine Lust zerfleischt zu werden...“, murrte Kevin belustigt. Denn immerhin hatten sie den Alptraum nun hinter sich. Sie waren in Sicherheit, oder nicht?

            „Ähm, Kevin“, nuschelte Link unter dem hässlichen Brennen der Wunde. „Ich muss mich bei dir bedanken. Wäre ich zu Fuß gegangen, hätte ich wohl Probleme gekriegt.“

„Ich hab’ doch gesagt, es ist hier gefährlich in letzter Zeit.“

            Link nickte und lief an ihm vorbei, vorneweg, direkt auf einen Bungalow zu, in dem noch Licht brannte. Er hielt kurz inne und öffnete dann die himmelblaugemalte Tür. Pat und Trolli waren bestimmt noch wach und würden ihnen Fragen stellen. Gerade als Kevin die Tür hinter sich schließen wollte, stürmten Pat und im Schlepptau der kleine Trolli mit dem Mäusegesicht in den Flur. Sie schauten entsetzt drein, als sie Link mit der blutenden Wunde erblickten.

„Mensch’ was hast du denn gemacht?“, fragte Pat, dem es die Sprache verschlagen hatte. Der Heroe winkte ab und ging in die warme Stube, wo der Duft nach Chips und Hähnchenbrust ihm entgegenschlug.

            In einem Schrank hatte er letztens Verbandszeug entdeckt. Sofort fand er die hilfreichen Verbände, das Jodmittel, sowie einige große Pflaster, und verschwand damit im Badezimmer.

            Als er wiederkam, saßen die drei Kerle in der Stube und schwiegen sich an. Die Stille in dem Raum schien die Übermacht gewonnen zu haben. Link hatte, so gut es ging seine Schulter verbunden und ein frisches T-Shirt angezogen. Sein zerfetztes grünes T-Shirt konnte er gleich in die Mülltonne werfen. Er hat ja noch mehr grüne T-Shirts...

Als Link dann Pats Gesicht sah, wäre er gerne gleich wieder nach draußen gestürmt und hätte das zerfetzte Stück Stoff sofort weggeworfen, nur um außer der Reichweite der Augen Pats zu sein. Jetzt hatte er wieder einen Grund Link als Helden der Zeit zu bezeichnen. So allmählich wurde es beängstigend. Hoffentlich findet der Typ nicht heraus, dass ich wahrscheinlich wirklich mal Hylianer gewesen bin, betete Link. Denn er wollte unter allen Umständen verhindern, dass Unwissende, die an dem großen Schicksal nicht beteiligt waren, erbarmungslos in die Geschehnisse hineingezerrt wurden.

            Pat sah ihn argwöhnisch an und glotzte, als hätte der Held tatsächlich spitze Ohren. Aber er schwieg... Link machte es sich auf dem Sessel bequem, während Kevin begann zu erzählen. Pat, Tommy und Kevin hatten sich inzwischen gegenseitig vorgestellt.

            „Also...“ Aber der Jugendliche konnte einfach nicht darüber reden. Link sah mitgenommen und zugleich traurig aus dem Fenster. Ernst, Wut und Zweifel lagen nun in seinen Augen. Er hatte gehofft, einige ruhige Tage zu haben, geglaubt in einer anderen Welt über alles nachdenken zu können, es zu verstehen. Doch wiedereinmal irrte er sich. Das Schicksal hatte ihn wieder vollkommen in seiner Hand. Er schloss seine Augen und seine Stimme erklang überraschend leise. „Wir wurden angegriffen...“

Pat meinte daraufhin: „Na toll. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Erzähl’ schon, wer hat euch angegriffen?“

            Schwankend stand der junge Held auf, lief an das Fenster und schaute zur alten Burg auf dem Hügel hinauf.

„Von... von Wölfen.“ Link versuchte ein wenig zu lächeln. „Aber es ist ja nichts weiter passiert.“

„Nichts weiter passiert? Sag’ mal, spinnst du?“ Kevins Stimme dröhnte durch den Raum.

„Mag’ sein, dass du mit solchen Viechern Erfahrung hast. Mag sein, dass du mit diesem Abschaum klar kommst, aber mein Wagen wurde buchstäblich auseinander gelegt. Und wenn du dieses Biest auf der Rückbank nicht kalt gemacht hättest... dann, dann... Verdammt, wie kannst du nur so ruhig bleiben?“

            Link drehte sich verärgert um und sah direkt in Kevins kreidebleiches Gesicht. „Glaubst du, mir macht das Spaß? Denkst du wirklich, ich bin so ruhig?“

„Moment mal“, sagte Pat, der langsam verstand, was vor sich ging?“

„Du hast so was schön öfter gemacht?“ Link nickte, ohne Pat in die Augen zu sehen.

            Eine lange Pause entstand, dann erzählte Kevin die ganze Geschichte.

„Wir befanden uns also auf dem Weg zur Jugendherberge, als wir stehen geblieben sind, da ich Link unbedingt die Geschichte von den seltsamen Gestalten erzählen wollte, die sich in letzter Zeit hier tummeln... Ach ja, wegen Molly, die Sache erkläre ich dir ein anderes mal, ja?“, Kevin blickte Link an, der sich jedoch wieder umdrehte und in seine Gedanken versunken war.

„Auf jeden Fall standen wir mitten auf der Straße inmitten der Landschaft. Rechts des Weges liegt ein kleines Waldstück und Link meinte nach einiger Zeit aufgeregt, wir sollten weiterfahren. Dann hatten wir allerdings ein Problem... der Motor sprang einfach nicht an. Link hat in dem Moment beinahe die Beherrschung verloren. Ich verstand zuerst nicht wieso, aber dann sah ich sie...“

            „Was?“. Erwähnte Trolli, der bis jetzt vermutlich geschlafen hatte.

Ärgerlich brüllte Pat. „Mann, du bist wirklich ein Trottel, die Wölfe natürlich!“

„Und dann sprang der Wagen nicht an... und wir hatten ein gewaltiges Problem. Riesige Bestien mit glühenden Augen kamen immer näher, und ich dachte schon... das wäre das Ende. Ich versuchte weiterhin den Motor in Schwung zu bringen. Link reichte mir dann einen Dolch.“

            „Sag’ bloß, du schleppst so was mit dir rum?“ Aber der angesprochene Jugendliche antwortete nicht und schloss lethargisch die Augen.

„Im letzten Augenblick gelang es mir den Motor zu starten, aber eine Bestie hatte sich bereits in die hintere Scheibe meines Wagens gebohrt. Link ist dann nach hinten geklettert und hat auf das Vieh eingestochen... Aber, anstatt klein bei zu geben, biss das Viech zu. Alles, was ich noch weiß ist, dass dieses Etwas wie eine Bombe im die Luft geflogen ist, als Link das letzte Mal zu stach...“

            Kevin stand dann ebenso auf und legte dem trübsinnigen Helden freundschaftlich eine Hand auf die Schulter.

„Danke noch mal, aber wärst du nicht nach hinten geklettert und hättest du diese Waffen nicht dabei gehabt, wir wären im Magen dieser Kreatur gelandet.“ Link sagte wieder nichts.

            Trolli verschwand in Richtung Bad. Augenscheinlich fühlte er sich nicht so gut und man könnte annehmen, ob er mit dem Gedanken spielte, nicht am nächsten Tag abzureisen...

            Link stattdessen schien nicht bei Sinnen zu sein. Ich bin so ein Dummkopf, sagte er zu sich selbst. Hatte ich wirklich geglaubt, diese Dämonen wären nur in Schicksalshort. Verdammt, sie sind bereits auf der ganzen Welt. Etwas Großes ist im Gange. Die Welt wird sich verändern, wir sind alle in Gefahr, dachte Link. Er fühlte sich mies. Wie sollte er sich auch sonst fühlen an einem Tag wie diesem? Frustriert schlug er mit der Faust an die raue Putzwand neben dem Fenster, sodass es bröckelte. Pat sah erschrocken auf, Kevin ebenso. Link war nun erfüllt von Zorn und blankem Hass.

„Wenn ich herausfinde, wer dafür verantwortlich ist, bringe ich ihn um!“ Hasserfüllt ging er in Richtung Tür, seine Fäuste geballt. Gerade als er verschwinden wollte, stellte Kevin ihm noch eine Frage, die ihn wieder auf den Boden der Wirklichkeit brachte.

„Sag’ mal, Link? Wer ist eigentlich Zelda?“

            Link blieb unverhofft stehen, malte sich Bilder seiner Prinzessin in die Gedanken, in das Herz. Zelda... Er überlegte, ob er sie nicht sofort anrufen sollte, um sicher zugehen, dass sie in Ordnung war.

„Wie kommst du denn auf diesen Namen“, fragte Pat total verdutzt.

„Wie du weißt, startete ja der Motor nicht. Aber als Link dann diesen Namen flüsterte. Zack, sprang er an.“

„WAS? Link, du hast den Namen einer Spielfigur gesagt? In deiner schlimmsten Stunde denkst du an ein Spiel? Bist du noch bei Trost?“ Der Held drehte sich erbost um, schnitt mit einem kalten Blick durch die stehende Luft und breitete rechtfertigend seine Arme aus.

„Zelda ist ein Mensch und keine Spielfigur“, entfuhr es ihm. „Sie ist lebendig, hörst du! Sie ist ein Mensch, ein gewöhnlicher, wunderbarer Mensch!“ Und seine Stimme wurde immer energischer. „Sie ist das beste, was...“ Und er brach ab, wurde ein wenig verlegen und seufzte.

            ,Ist es das wert? Glaubst du, bereit zu sein für die Wahrheit? Das Ich in dir, welches deine jetzige Hoffnung speist, hat dich schon zu lange belogen’, flüsterte es in seinem Kopf. Worte geformt von dem alten, unvergänglichen Sein in sich. ,Dein Lug und Trug ist jämmerlich.’

„Und was wollen wir jetzt tun? Man kann diese dämonischen Bestien da draußen nicht einfach ignorieren. Und warum bringt niemand so was auf den Nachrichten? Warum tut niemand was dagegen?“, meinte Patrick entrüstet und riss Link aus seinen Grübeleien. 

„Weil es vielleicht bisher nur unwichtige Leute bemerkt haben.“, sagte Kevin.

„Das ist doch aber kein Argument“, entgegnete der andere.

            „Die Ursache liegt nur darin, dass die Menschen die Dinge einfach nicht sehen wollen. Ich meine, wer will schon an Märchen glauben, und wer will an Ungetüme glauben? Das ist wie, als würdest du die gesamte Welt in Frage stellen. Es würde heißen, dass das Leben einen vollkommen neuen Sinn erfährt. So viele Dinge müssten sich ändern. Und Menschen sind einfach nicht für Veränderungen dieses Art bereit...“, sagte Link weitsichtig, sodass alle Anwesende überfordert zu Boden blickten.

            „Egal, Leute. Vielleicht sollten wir langsam schlafen gehen. Es ist viel passiert und wir brauchen Ruhe, oder“, sagte Link, nun auffallend gedämpft.

„Stimmt. Am besten wir vergessen den heutigen Tag wieder...“, murmelte Kevin und ließ sich auf die halb zerflederte Couch sinken.

„Gute Nacht“, meinte Pat verschwand aus der Stube, um sich schlafen zu legen.

 

Doch als Patrick van der Hohen in das hellerleuchtete Schlafzimmer eintrat, war Tommy nicht in seinem Bett aufzufinden. Aus irgendwelchen Gründen werkte der kleine Oberstufenschüler hastig in Links Sachen herum, schnüffelte Fächer und auch die große Reisetasche durch. Mit einem kleinen Auflachen aus Trollis Kehle nahm jener ein langes, scharfes Schwert aus dem Schrank und schien verwirrt und zugleich äußerst froh deswegen zu sein.

„Was schnüffelst du denn einfach in fremden Sachen herum?“, kreischte Patrick halb.

„Ähm... also...“, stotterte der angeblich ängstliche Tommy, der von Patrick seit dem ersten Tag an sehr misstrauisch behandelt wurde.

Patrick hastete näher und starrte genauso gebannt wie Tommy auf die glänzende, blankpolierte, saubere Klinge.

„Ich war bloß neugierig“, sagte Tommy, während Patrick fassungslos die scharfe Klinge betrachtete.

„Heilige Scheiße, was schleppt Link denn so ne Waffe mit sich herum?“ Gaffend nahm Patrick dem Kleineren die Waffe ab und musterte sie.

„Mir ist am ersten Tag schon aufgefallen, dass er sich komisch verhält und da wollte ich bloß wissen, was er so verheimlicht“, meinte Tommy. Schulterzuckend platzierte Patrick die Waffe wieder an der Stelle, wo der andere Jugendliche sie entwendet hatte.

„Das gibt dir noch lange nicht das Recht in Links Sachen herumzukramen. Was wolltest du wirklich hier?“

„Das habe ich schon gesagt“, maulte Tommy und tapste in seinem ekelhaft gelben Schlafanzug zu seinem zerwühlten Bett.

„Du solltest mir danken“, setzte der ängstliche Zeitgenosse hinzu. „Nun weißt du endlich, mit wem wir hier ein Zimmer teilen. Einem Verrückten, der denkt, dass er eine Spielfigur ist, bloß weil sein Name Link lautet.“ Pat schwieg dazu und fühlte das Misstrauen wachsen, jedoch richtete sich jenes weniger gegen Link...

 

„Sag’ mal, Link?“, meinte Kevin währenddessen im Nachbarraum.

„Ja, was ist?“

„Als du vorhin sagtest, du hast so was schon öfter gemacht... Wie darf ich das verstehen?“

Mit dieser Frage hatte Link nun wirklich nicht gerechnet.

„In unserer Stadt gab es in den letzten Wochen auch solche Vorgänge und... ich wurde von derartigen Kreaturen krankenhausreif geprügelt. Seitdem bin ich wachsam.“

            Kevin machte sich dann auf der Couch breit und schien über eine Sache nachzugrübeln. Er starrte an die Decke. „Uns ist es nicht viel anders ergangen... Unser Dorf wurde bereits von einem Rudel Wölfe heimgesucht. Du weißt schon... die Geschichte von den merkwürdigen Gestalten.“ Es fiel ihm wieder ein: „Mensch... ich wollte dir doch noch etwas von der Sache mit Molly erzählen.“

Link setzte sich im Schneidersitz in einen Sessel und blickte Kevin ernst an. „Na dann, leg’ los“, seufzte er. Nein, diese Nacht würde er kein Auge zu tun.

            „Molly war also viele Tage spurlos verschwunden und selbst einige Suchtrupps fanden keine Hinweise. Man hat nach einigen Wochen die Suche aufgegeben und selbst ihre Familie fand sich allmählich damit ab, dass sie nicht wieder kommen würde.“

„Ist eigentlich ganz natürlich... Aber lass’ mich raten. Sie wurde doch noch gefunden? Nur ohne Lebenskraft, oder?“

„Nein, viel schlimmer...“

„Schlimmer?“ Links Augen verrieten Ungläubigkeit, und er musterte Kevin eindringlich. Kevin entgegnete seinem Blick nicht und starrte an die Decke.

            „Sie kam wieder...“

„Was?“

„Genauso erging es den Eltern. Sie waren fassungslos. Nur leider war Molly wie ausgewechselt. Sie schlug wild um sich und redete in einer anderen Sprache. Außerdem wurde sie gefährlich. Sie tötete ihren drei Jahre älteren Bruder und mischte Gift in das Essen ihrer Eltern. Die ganze Familie kam um und Molly, die ein einfaches Kind gewesen ist, verschwand wieder. Sei also vorsichtig, wenn du einem Kind helfen willst, welches so aussieht, es könnte gefährlich sein.“

„Aber woran liegt das? Ein einfaches Kind wird nicht mir nichts dir nichts zu einem herzlosen Monster. Da muss etwas passiert sein. Und außerdem, wie hat es ein so kleines Kind geschafft, irgendwo im Nirgendwo zu überleben?“

„Nun... das weiß niemand. Und es wird sogar noch furchteinflössender...“ Link konnte die Antwort in seinem Blick ablesen und sagte: „Lass’ mich raten. Es sind noch mehr Leute verschwunden.“

Kevin nickte bloß.

„Auf der ganzen Welt geschehen merkwürdige Dinge... Irgendetwas ist im Gange. Vielleicht war es ein Fehler hierher zukommen. Eigentlich sollte ich...“

            Link brach ab. Seine Gedanken wanderten unwillkürlich nach Schicksalshort, zu seiner Familie, seinen Freunden und zu Zelda. Seine Augen ließen nur einen Funken der Zuneigung zu, die er für Zelda empfand und doch war jener schon genug...

            „Du denkst wohl an sie...“

„Was?“

„Nun tu’ doch nicht so. Zelda ist nicht eine Freundin, oder? Sie ist deine Freundin. Etwa nicht?“

Link wurde allmählich nervös und ein verräterisches, schamhaftes Rot pflanzte sich in seinem ansehnlichen Heldengesicht fort. Von der Nasenpartie zu den Wangenknochen und schließlich rahmte die tückische Farbe ihn ganz ein.

            „War ja bloß ne Frage“, schmunzelte Kevin.

„Deine Freundin?“, wiederholte er und legte die Arme hinter den Kopf.

„Nein, ist sie nicht.“

„Aber du wünschst dir, dass es so wäre, was?“, grinste der zugewanderte Irländer. Gereizt und mit großen Augen hüpfte Link auf seine Beine, versuchte was sinnvolles zu sagen, aber er babbelte nur irgendeinen Blödsinn und ließ sich quietschend in den Sessel zurückfallen. Bei Dins mächtigem Feuersturm, warum nur brachte ihn eine solche Frage so dermaßen aus der Fassung, dass er nicht einmal mehr klar denken konnte?

            Er sehnte sich gerade jetzt nach einer Riesenportion kaltes Eis, in welchem er sein knallrotes Gesicht verstecken könnte. Eis in jeder Sorte, aber vor allem Nuss. Eine seiner Vorlieben. Auch ein Überbleibsel von Damals, denn im Kokiriwald gab es häufiger Nüsse, Beeren und jegliche andere Früchte des Waldes als andere hylianische Gerichte...

            „Aber sie bedeutet dir viel?“, meinte Kevin beschwichtigend. „Das sieht man dir an der Nasenspitze an.“ 

„Ja... das streite ich nicht ab...“ Link war überrascht, dass es so offensichtlich war, wenn er an sie dachte, obwohl Kevin ihn nur kurz kannte und Zelda noch nie gesehen hatte.

            Plötzlich klopfte es aber beherrscht an der Eingangstür und jemand kündigte überraschend sein Erscheinen an.

            „Erwartest du noch jemanden?“, meinte Kevin.

Link schüttelte bloß den Kopf und schielte vorsorglich aus dem Fenster in der Wohnstube, aber er konnte an der Eingangstür niemanden mehr ausmachen. Bewaffnet mit seinem Dolch trat er in den dunklen Flur und konnte erkennen, dass überraschenderweise die blaugemalte Tür sperrangelweit offen stand. Stürmisch folgte der junge Held mit den tiefblauen Augen den Spuren der Nacht, den Spuren einer möglichen Gefahr...

Plötzlich eine kühle Hand auf der Schulter und der Heroe packte unentwegt den Dolch, presste die Gestalt gegen die Wand und setzte die messerscharfe Klinge drohend an die Hauptschlagader an einer blassen Kehle. Ein lautes Mädchengeschrei brach die Stille.

Und innerhalb von Bruchteilen ging in dem Flur die Deckenbeleuchtung an. Tatsächlich stand eine junge Dame in dem Häuschen, die hier überhaupt nichts verloren hatte. Graue Augen strahlten aus einem runden Gesicht, welches durch einen kurzen, dunklen Haarschnitt mit Pony umschlossen wurde.

„Lass’ mich los, du Klotz!“, brüllte sie und augenblicklich trat Link zur Seite.

            In dem Moment rieb sich ein enttäuschter Patrick van der Hohen den Schlafsand aus den Augen und begaffte die Dame als käme sie vom Mars. 

„Hallo Patrick.“ Der Angesprochene bekam sein Mundwerk schon gar nicht mehr zu. „Patrizia, was willst du denn hier?“, fauchte er. „Mach’ dich vom Acker, ich brauche keine Stalkerin in dieser Bude.“ Sofort war Link klar, was vor sich ging. Dieses ausgefuchste Mädchen hatte es doch tatsächlich geschafft, das Camp ausfindig zu machen und Patrick, der eigentlich auf der Flucht vor ihr war, einen Besuch abzustatten.

„Ich wollte bloß Hallo sagen, ich habe nämlich einen Onkel hier in der Nähe und zwei Cousinen, die mich freundlicherweise eingeladen haben.“

„Schön. Und nun Abmarsch, es ist spät“, maulte er und schob die Gute fluchend aus der Bude heraus. Sie klimperte ein paar Mal mit ihren aufgesetzten Wimpern, und erhaschte einen genauen Blick zu dem überraschten Link. Ein gieriges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht und sie wanderte mit ihren Augen die schlanke Gestalt von Link ab, fand ihn wohl überaus attraktiv, was nicht verwunderlich schien und ließ sich von einem wütenden Pat aus der Bude schmeißen.

            „Ich kann nicht glauben, dass diese Zimtzicke wirklich hier ist!“, schimpfte Pat und trampelte kräftig gegen die raue Putzwand neben ihm.

„Ach, wir werden die schon wieder irgendwie los“, meinte Link und war auf dem Weg ins Schlafzimmer.

„Hört mal. Vielleicht sollten wir jetzt endlich schlafen.“

Diesmal stimmten wieder alle zu und der junge Heroe ging müde in das Schlafzimmer und ließ sich knarrend auf das weiche, gemütliche Bett fallen.

            Vielleicht träume ich ja heute von Zelda, hoffte er und schlief ein.

 
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