Kapitel 2.1
 
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Kapitel 2: Schicksalshafte Entdeckung

 

Verwirrt sah Sara ihren Bruder an, von dem sie immer dachte, sie würde ihn kennen, das schien allerdings eine Lüge zu sein.

„Link, tut es sehr weh?“ Er jedoch war bemüht, nicht umzukippen, oder sich zu übergeben. Er fühlte sich erbärmlich und sagte mit kläglicher Stimme: „Geht so...“

„Du Lügner... ich weiß schon, die Frage war einfach nur dämlich.“ Sara betrachtete die Wunden genauer, als Link auf einem Stuhl saß. „Großer Gott... wer hat dir das nur angetan?“ Dann tupfte sie vorsichtig mit einem Wattebällchen und Desinfektionsmittel über die Blessuren. Link kniff die Augen zusammen und meinte gezwungen: „Wenn ich das wüsste... würde derjenige nicht mehr leben.“

         Sara war entsetzt, sie hatte ihren Bruder noch nie so reden hören. Er klang grausam und eiskalt. Auch in seinen Augen lag kein Gefühl mehr. Sie waren geradezu beherrscht von Wut, Zorn und Hass. Vor Schreck ließ sie die Watte in ihren Händen fallen. Reagierte er so, um die Schmerzen zu unterdrücken oder gab es einen anderen Grund? Sara hatte das Gefühl, die Wunden einer fremden Person zu versorgen. Dieser Mensch war nicht ihr Bruder, und vielleicht niemals gewesen, sollte das sein wahres Gesicht sein.

„Sara... entschuldige...“, flüsterte Link. „Ich bin irgendwie durcheinander. Das war... Gerade als ich spielen wollte... überkam mich eine unaufhaltsame Müdigkeit und im Traum wurde ich dann von irgendetwas so zugerichtet. Ich fürchte mich davor... einzuschlafen.“ Sara lächelte und war beruhigt zu wissen, dass sie sich in Link doch nicht ihr Leben lang getäuscht hatte.

Vorsichtig sagte sie: „Vielleicht solltest du vorerst nicht Zelda spielen.“

         Link begriff mit einem Schlag. Sara hatte Recht. Ständig, wenn er das Spiel einschaltete, passierte etwas mit ihm. Komisch. Sara legte einen riesigen Verband auf Links Brust und Bauch, als er sprach: „Sara, ich danke dir. Aber ich bitte dich, was immer es auch gewesen ist, erzähl’ Mum und Dad nichts davon, sie würden sich nur unnötig sorgen. Ich muss damit alleine fertig werden. Das betrifft nur mich etwas. Und ich werde herausfinden, wer welches Ziel damit bezweckte.“ Links Gesicht strahlte mit einem Mal einen ungeheuren Mut und Entschlossenheit aus. Zuerst wollte sie ihm widersprechen, aber dann...

„Okay, wenn du mir versprichst, vorerst das Zeldaspiel nicht mehr anzurühren!“

Link nickte: „Abgemacht.“

         Ihr Bruder und Sara grübelten noch eine Weile über das Geschehene nach. Link wusste, früher oder später würde sein Körper Schlaf brauchen. Lange konnte er sich nicht gegen den Schlaf wehren. Link lag auf seinem Bett und traute sich nicht nur eine Bewegung zu machen. Die Schmerztabletten, die er regelrecht hinunter würgte, wirkten nicht. Wie auch, wenn diese Wunden keinen gewöhnlichen Ursprung hatten.

 

Über den Wäldern ging die Sonne unter und tauchte die kleine Stadt in ein zartes rosa- orange. Link schlief bereits, aber seine Träume waren harmlos im Vergleich zu dem Ereignis des Tages. Vermutlich lag es wirklich am Zeldaspiel, dass er diese Hölle durchmachte, was eigentlich unsinnig war...

         Die Nacht ging schleppend vorüber. Mehrmals wachte Link in der Nacht auf, fühlte das erdrückende Brennen seiner Wunde, stöhnte auf und konnte ab und zu nicht anders als einfach nur einen Schrei von sich zu geben. Himmel, er wusste vorher nicht, wozu Wunden fähig waren. Sie konnten einen Menschen um den Verstand bringen, sie konnten stören und sie konnten töten…

Einmal mehr wachte er mit Herzrasen in Schweiß gebadet auf, sich wünschend, er wäre nicht aufgewacht. Sein gesamter Bauch brannte, nur schwerlich unterdrückte Link den Zwang sich zu übergeben. Er fröstelte, warf seinen Kopf hin und her und fühlte etwas Nasses vor Schmerzen über seine Wange tropfen. Er richtete sich begleitet von demütigenden Qualen auf, und bewegte sich aus seinem Bett. Jeder Schritt setzte ihm zu, jede Bewegung tat weh. Er torkelte an einen Schrank, hielt sich mit zusammengekniffenen Augen an einer Holzplatte fest. Aus einer Glasschale nahm er sich drei weitere Schmerztabletten, hoffend, sie würden endlich eine Wirkung zeigen. Er würgte diese hinunter und taumelte zu seinem Bett. An der Kante stürzte er auf seine Knie, fühlte sich zu schwach, um noch in das Bett zu krabbeln und ließ sich mit einem herzzerreißenden Fluchen fallen. Er kniff seine Augen zusammen, wünschte sich, es wäre vorbei. Diese Schmerzen, diese Qualen. Warum hatte er diese durchzustehen? Warum musste ausgerechnet er solche Pein ertragen?

         Link war immer schon stärker gewesen als andere, sowohl körperlich, auch wenn man es ihm nicht ansah, und seelisch. Viele harte Schicksalsschläge machten aus ihm einen selbstbewussten, mutigen, jungen Mann. Getreu dem Motto: Was dich nicht tötet, macht dich nur stärker, zog er durch die Welt. Doch in letzter Zeit hatte Link einen Teil seiner früheren Stärke eingebüsst. Es war zuviel… Sein Leben verlief niemals nach festen Regeln, das wusste er, doch nun wurde es immer schlimmer. Das Leben stellte zu viele Erwartungen an ihn. Er war ein Jugendlicher, der leben wollte, der Spaß haben wollte. Doch wenn er glaubte, es könnte sich etwas ändern, so kam der nächste überraschende Schlag, dem ihm seine Bestimmung ins Gesicht verpasste. Ebenso wie jetzt jene unerklärbaren Wunden, die niemand anderes durchzustehen hatte.

         Genervt und angewidert von sich selbst, weil er sich so schwach und hilflos fühlte, legte er eine Hand an seine glühende Stirn und starrte mit leerem Blick an die tote Deckenbeleuchtung. Genauso fühlte er sich innerlich… tot… ausgelaugt…

Er wollte kämpfen, sicherlich, aber im Moment war ihm nur noch nach Aufgeben zumute. Das Ziepen wurde stärker, ein Druck baute sich in seinem Inneren auf. Link presste seine Zähne aneinander, verkrampfte sich, bereit die nächste Schmerzwelle über sich ergehen zu lassen. Unaufhaltsam kam der Schmerz. Ein lauter Schrei aus Links Kehle und er verlor das Bewusstsein.

 

Um neun Uhr morgens dröhnte das Geräusch eines schrillen Radioweckers in Links Zimmer umher. Doch niemand hörte es oder schaltete es ab. Niemand außer Link befand sich im Haus. Seine Eltern arbeiteten und Sara befand sich mit ihrer Clique in der Schule. Auf wackligen Beinen lief Link die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, schwankend, gefolgt von dem Gefühl, dass sich alles um ihn herum drehte... Er nahm nichts wahr, hörte nichts und interessierte sich für nichts.

Normalerweise hatte er heute, wie jeden Freitag, eine Ausfallstunde, was wohl der eigentliche Grund war, warum ihn niemand geweckt hatte, warum nicht einmal Sara nach ihm gesehen hatte.

Doch nun war Link dabei, sogar die zweite Stunde zu verpassen. Es war ihm egal. Wie unwichtig Schule war, wenn es andere Dinge gab, die seinem jungen Herzen Sorgen machen konnten. Großes würde geschehen, Großes würde erweckt werden. Irgendwo tief in der Vergessenheit schlummerte es, flüsterte und nicht jeder sollte in der Lage sein, zu hören, was nicht gehört werden wollte.

Mühsam schleppte er seinen beanspruchten Körper ins Bad, hielt sich am Waschbecken fest und fragte sich, wer der junge Mann war, der aus einem Spiegel hervorsah. Ein merkwürdiges Gesicht, jugendlich und doch mitgenommen, wenn nicht sogar alt. Unergründliche Augen, so tiefblau wie ein vom Sturm beherrschter Ozean.

         Er drehte genervt den Wasserhahn auf und tauchte sein Gesicht in das kalte Wasser des Beckens. Da war es wieder... das Stechen, das Brennen. Und niemand konnte verstehen, niemand wollte verstehen... 

Sich selbst ein wenig bemitleidend schlug er mit seiner linken Faust auf das Spiegelglas, brachte es aber nicht zum Splittern.

Schließlich tapste er aus dem Bad hinaus, durchquerte den dunklen Korridor und erreichte die riesige Stube seines Elternhauses. Er nahm den Telefonhörer zur Hand, wählte eine Nummer und hörte am anderen Ende die Stimme einer Sprechstundenhilfe des Arztes, der in Schicksalshort seine Praxis hatte. Er antwortete nicht. Ohne jeden Laut legte er den Hörer wieder auf, wohlwissend, dass es niemanden außer Sara gab, dem er erzählen konnte, was passierte.

Er war verrückt.

Er musste durchgedreht sein.

Ein Spiel konnte niemandem Wunden zu fügen, wenn es lediglich ein Spiel war, das für eine Spielkonsole gemacht wurde.

Ein Traum konnte niemanden körperlich schaden, weil es nur ein Traum war...

Und ein Arzt würde Links gesunden Menschenverstand in Frage stellen, wenn er ihm erzählte, woher diese Wunden stammten.

         Frustriert und von sich selbst enttäuscht, lehnte sich der siebzehnjährige Schüler zurück, starrte ins Nichts. Ob er nicht wenigstens in der Schule anrufen sollte? Seufzend entschied er sich dagegen. War doch unwichtig, so unwichtig wie alles, so nutzlos wie sein ganzes Dasein... 

Er stand auf, lief in die Küche um dort eine Flasche mit Wasser zu suchen. Als er sie fand, trank er einen Schluck, würgte noch einen Schluck hinunter, bis dieses Behältnis mit einem Schlag aus seinen Händen fiel.

         „Link...“, schallte es in seinen Gedanken. Verwirrt drehte er sich um, spähte in alle Richtungen der Küche, aber da war niemand. Diese Stimme war nun so deutlich und nah, als ob jene Gestalt, zu der diese Stimme gehörte, hinter ihm stand.

„Link...“ Erneut ein Ruf.

Er schüttelte mit dem Kopf, versuchte die Stimme zu verdrängen. Er hatte genug davon, wollte zurück, was man ihm genommen hatte- ein gewöhnliches Leben. Sein wahres Ich.

Er schlug seine Hände an seine Ohren und brüllte: „Lass’ mich endlich in Ruhe. Ich will das nicht. Verschwinde aus meinem Kopf!“

Ruhe... Stille...

         Die Stille wurde jedoch unterbrochen. Den Verstand raubend tutete das Telefon vor sich hin. Link lief langsam darauf zu, hechelte vor Erschöpfung und nahm mühsam den Telefonhörer zur Hand. Es war seine kleine Schwester, die von ihrem Handy aus zuhause anrief, sich wundernd, warum ihr Bruder nicht in der Schule war.

„Link?“, sagte ihre freche Stimme am anderen Ende.

Ein schwaches „Ja“ erklang.

„Wieso bist du nicht in der Schule?“ Wusste Sara das denn nicht? Immerhin hatte sie selbst seine Wunde verbunden und desinfiziert...

„Ich...“, fing er an, aber gab nicht zu, dass er sich mit der Verletzung herumquälte. „... hatte keinen Bock...“, endete er und stützte sein gesamtes Körpergewicht auf dem Tisch ab, auf welchem das Telefon stand.

„Bist du total übergeschnappt? Spielst du etwa wieder Zelda?“

„Nein, Sara und jetzt lass’ mich in Ruhe. Ich habe keine Lust auf deine dummen Ratschläge, also erspar’ mir diese“, fauchte er, überrascht, dass er dazu noch die Kraft hatte.

„Verdammt, ich rufe an, weil ich mir Sorgen um dich mache und erhalte nichts als deine Gemeinheiten. Da hätte ich mir den Anruf ja auch erübrigen können. Vielen Dank auch.“ Damit legte Sara auf und Link tippte genervt auf den Tasten herum. Was machte das schon, sagte er sich. Sara würde sich wieder abregen.

         Mit einigen Tabletten und der Fähigkeit sich von den Schmerzen abzulenken, brachte Link den Vormittag herum. Er saß vor dem Fernseher, sah sich stupide Talkshows an und amüsierte sich über deren Definition von Problemen... Hatten jene Leute doch eine Ahnung, von Dingen, die man wirklich als Problem, Schicksalsschlag oder Prüfung bezeichnen konnte. Menschen, mit billigen Vorstellungen über die Welt. Menschen, denen Worte wie Lebenssinn und Daseinsgrund nichts sagten. Manchmal kam sich Link wie der letzte Mensch auf Erden vor, oder der letzte Mensch aus einer anderen Dimension, in welcher man das Leben mit anderen Augen sah, in welcher viele noch wussten, was im Leben wirklich zählte...

Es gab Wichtigeres als die Nachbarin, die nachts heimlich in fremde Fenster schaute. Es gab Wichtigeres als die beste Freundin, die den eigenen Liebhaber ausspannte und es gab tausendmal Wichtigeres als die blöde Ziege im Dorf, die andere nur nach dem fettleibigen Äußeren einschätzte. Doch jenes Wichtige wurde von den meisten Menschen in Links Umgebung nicht mehr wahrgenommen...

 

Gegen ein Uhr mittags kam dann auch noch ein Bote und brachte dem kränklich- wirkenden Link eine volle Ladung von irgendwelchen Werbeprospekten, die er nächste Woche irgendwann in Schicksalshorts alten Gassen verteilen sollte. Schon häufiger hatte er solche Nebenjobs angenommen und nicht mehr damit gerechnet. Fluchend stellte er den riesigen Karton mit dem Zeugs einfach in den Korridor und ahnte, dass er nächste Woche nicht dazu in der Lage wäre, die blöden Werbezettel auszutragen. Es war egal, hatte keine Bedeutung, wie eine selbsterschaffene Macht, von der man glaubte, abhängig zu sein.

Während Link im Korridor seines Elternhauses stand, überkam ihn erneut ein seltsames Gefühl, als kannte er sich selbst nicht, als würde das Herz in seiner Brust aus einem Grund schlagen, den er schon lange, viel zu lange vergessen hatte. Er öffnete die Haustür und trat hinaus in den Vorgarten. Frischer Wind wehte um seine Ohren, eine Empfindung, die ihn an etwas erinnerte…

Er sah den Unmengen von Grundschülern zu, die fröhlich, sich auf das Wochenende freuend, nach Hause stürmten, sah so viele lachende Gesichter. Gedankenverloren blieb Link stehen und schaute in das märchenhafte Blau des Himmels.

         Dann hörte er eine Harfe, deren rührende Töne ganz nahe erklangen. Ein trauriges Lied… Link sah um sich, aber konnte den Ort der Melodie nicht ausmachen und genoss das Spiel. Seit wann gab es in der Nachbarschaft eigentlich jemanden, der Harfe spielte? Oder war jemand in das leerstehende Gebäude am Ende der Straße eingezogen? Neugierig lief Link einige Schritte die Straße hinab und blickte zu dem verlassenen Haus, welches umzingelt von Laubbäumen fast unheimlich wirkte. Nein, die Klänge wurden nicht lauter und verrückterweise auch nicht leiser. Link hörte dem Klang zu, fühlte sich fast ein wenig besser bei jener Melodie und stolperte langsam nach Hause. Doch die Töne verschwanden einfach nicht, auch nicht, als Link sich in sein Zimmer begab, auch nicht, als wieder die Müdigkeit über ihn hereinfiel.

         Als Sara spät nachmittags heimkam, lag Link schlafend auf seinem Bett und wirkte halb tot mit der Blässe im Gesicht und den Augenringeln. Sie wollte ihn aufwecken, aber er ließ sich nicht wecken, murmelte etwas, aber machte seine Augen nicht auf. Sicherlich machte sich Sara Sorgen, aber was sollte sie denn tun? Sie verstand Link in der Hinsicht, keine ärztliche Hilfe annehmen zu wollen und verstand ihn, wenn er diese Sache selbst überstehen wollte. Sie ging schließlich aus dem Raum und wartete in ihrem Zimmer darauf, dass er seine Augen wieder öffnete.

 

Link wandelte schmerzfrei in einer fremden Welt umher. Vor ihm lag ein großes Stück Wald, welches in die Farben des Herbstes getaucht war. Es sah wunderschön aus. Angezogen von der Schönheit der Natur lief er in den Wald hinein. Er folgte dem Weg und vernahm die nostalgischen Klänge einer einsamen Harfe. Link lief ein Schauer über den Rücken, fühlte einen kleinen Stich in seinem Herzen, wie den Ruf einer weitentfernten Erinnerung und ging in Richtung jener sanften Melodie, die sein Herz berührte. Wer spielte dieses Instrument nur so einfühlsam und zärtlich? Link konnte nicht anders, als jene Person zu finden. Der Weg wurde von einem kleinen Bach unterbrochen. Sein kristallenes Wasser umspülte sachte das Gestein. Nun folgte Link dem Bach, der sich mit der Zeit zu einem kleinen Fluss herausbildete.

         Auf einer kleinen Lichtung, die von dem Bach umrahmt wurde, saß auf einer grünen Wiese ein wunderschönes Mädchen und spielte. Traurig und verträumt...

Link ging auf sie zu. Er konnte gar nicht anders, seine Beine bewegten sich ganz von alleine. Ihre Augen waren noch immer geschlossen, aber Link wusste irgendwie, dass sich darunter ein himmlisches Blau befand. Sie besaß lange goldene Haare, die im Licht der Sonne glitzerten und im Wind leise wehten. Sie trug ein anmutiges Kleid mit vielen Verzierungen, aus samtenen Stoff und strahlte ihm entgegen, als sie ihre Augen aufschlug. War sie ein Engel, sagte eine Stimme in Links Kopf, oder ein anderes wunderbares Märchengeschöpf?

Sie sprach leise zu ihm: „Sag’ wirst du mich finden?“ Eine Träne rollte über ihre Wange. Link erkannte diese Stimme aus seinen Träumen. Immer wieder hatte diese Stimme nach ihm gerufen und jetzt, da er die Gestalt sah, die zu der Stimme gehörte, wünschte er sich, sie würde bleiben- in seinen Träumen. Geistesgegenwärtig sagte Link: „Wenn du dich finden lässt.“ Er lief zu ihr, kniete nieder und wollte nur einmal ihre Wange berühren. Aber sie wich zurück und entgegnete: „Verzeih’, du kannst mich nicht berühren. Ich bin nur ein Schatten, nicht mehr als ein Bild in deiner Seele und auch jetzt da ich eine Stimme besitze, so wird sie vergänglich sein und wenn der Tag erwacht, wirst du keine Erinnerung an mich haben, Link.“

         „Du kennst meinen Namen, so bitte sag’ mir deinen.“

„Du kennst meinen Namen, kanntest ihn schon immer und sollst ihn niemals vergessen.“ Link kannte dieses Mädchen, ja, sie war immer ein Teil von ihm, aber er hatte keine Erinnerung an sie. „Ich kenne dich, auch wenn ich deinen Namen nicht weiß...“ Sie nickte und blickte ihm tief in die Augen. Etwas stach in seiner Seele, bei diesem Blick.

„Sag’! Kann ich dich denn finden?“ Sie lächelte, lief auf ihn zu und plötzlich ging sie in ihn über. Link sah um sich. Aber sie war verschwunden. Sie war nahe, sie war in seiner Seele. Link sah noch einmal um sich, erkannte den Wald als jenen, in dem er immer umherlief. Auch den kleinen Bach kannte er.

 

Er schrak auf und lag ausnahmsweise mal in seinem Bett. Verstört blickte er zur Uhr, es war gerade einmal kurz nach neun. Rasend zog Link sich an. Die Schmerzen beachtete er gar nicht mehr. Er hatte nur noch diesen einen Wunsch, in den Wald zu gehen. An den Traum vor wenigen Minuten konnte er sich nicht wirklich entsinnen, aber jemand oder irgendetwas sagte ihm, er sollte sich auf schnellstem Wege in die Wälder begeben.

Link ging auf Zehenspitzen an Saras Zimmer vorbei, die dachte, er würde schlafen. Gerade wollte Link zur Haustür hinaustreten, als er das Auto seiner Eltern die Einfahrt hereinfahren sah, er drehte um und hastete in Richtung Hintertür. Unheimlich, dass er plötzlich eine solche Kraft entwickelte, obwohl er ernsthaft verletzt war. Vermutlich lag es an diesem Drang so schnell wie möglich in den Wäldern zu sein. Nebel kam auf und die Nacht zog über die kleine Stadt. Link raste ohne Pause in Richtung des Waldes, der nur einige Minuten von seinem Elternhaus lag.

         Der Wald war tiefschwarz und nur wenige Lichtstrahlen beleuchteten ihn noch. „Nein, ich laufe nicht weg, nur wegen dieser Dunkelheit.“ Link ballte die Fäuste. „Also gut, was immer mich dort erwartet, ich werde es überstehen. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht herausfinden würde, warum ich eigentlich hier bin.“ Link ahnte noch nicht, dass er mit diesen Sätzen ein folgenschweres Bündnis einging.

Also verschwand Link in dem finsteren Wald, geleitet von einem überwältigenden Gefühl, das er nicht beschreiben konnte. Mit einer Taschenlampe leuchtete er umher. Irgendetwas wartete hier, er fühlte es. Plötzlich trat Link in kaltes Wasser. Aha- ein Bach musste hier entlang fließen, auch wenn er ihn nicht sehen konnte. Das Geräusch einer Eule drang an seine Ohren, als er weiter eilte. Langsam überkamen ihn Zweifel. Was zum Kuckuck tat er hier überhaupt? Er hörte sich selbst reden.

Sinnlos. Absurd. Albern.

Verdammt, jetzt versagte auch noch das Licht seiner Taschenlampe. Verflucht. Wenn man schon mal was vorhatte, wurde man gleich vom Pech verfolgt. Link lief noch ein Stück, schaute dann um sich, als er eine kleine Lichtung entdeckte, vor der der Nebel zurückwich und das Licht des Mondes sanft auf das Gras fiel. Die Bäume ringsherum warfen große Schatten...

         War dies ein Traum, fragte er sich. Er konnte nicht verstehen, weshalb er hier war. Das erste Mal konnte er sich selbst nicht verstehen. Seine Wunden brannten ein wenig. Erst jetzt begriff Link, was er tat.

Er musste die ganze Zeit wie in Trance gewesen sein. Seine tiefblauen Augen glühten im Dunkel, als der Mond eine Gestalt preisgab, die mit dem Gesicht nach unten im Bach lag.

Wie ein Irrer stürzte Link auf sie zu... ließ sich einfach fallen und hielt die Person in den Armen. War das denn wirklich möglich? Wer war dieses Mädchen? Auch wenn Link in der Düsternis, nur wenig sehen konnte. Dieses Mädchen brauchte dringend Hilfe. Er suchte nach einem Puls an ihrem Hals. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel Wasser geschluckt. Nein. Gott sei Dank, sie atmete und ihr Herz schlug. Verrückt! Hatte sie etwa nach ihm gerufen?

         Egal wer sie war, oder aus welchem Grund sie hier lag. Unwichtig, wieso Link ihren Ruf hörte, das einzigste, was ihn momentan interessierte, war ihr zu helfen. Er nahm sie auf die Arme. Verwundert über ihr Leichtgewicht und schockiert über seine eigenen Kraftreserven, ging Link aus dem Wald hinaus und huschte wie ein Schatten durch die Schwärze der Nacht.

         Vor seinem Zuhause blieb er stehen, setzte das Mädchen ab, und warf zielgenau einen Stein an Saras Fensterscheibe. Sie öffnete sofort. Bestürzt schaute sie auf ihren Bruder, ließ ihren Blick schweifen und schaute dann verwundert auf das Mädchen in seinen Armen. „Sara. Kannst du Mum und Dad für mich ablenken?“

„Du Idiot, weißt du eigentlich, was ich mir für Sorgen um dich gemacht habe.“

„Ja, ist gut. Aber dieses Mädchen hier braucht dringend Hilfe.“

„Na gut. Beeil dich!“

 

Wenige Minuten später trat Link in sein Zimmer hinein. Seine Eltern hatte er wunderbar reingelegt. Sie wussten überhaupt nichts davon, dass er jetzt einen Gast hatte.

Das Mädchen auf seinen Armen war total durchnässt, eiskalt und sah mitgenommen aus. Dennoch, als er in den Schein einer Lampe in seinem Zimmer trat, war er von der Schönheit des Mädchens schlichtweg überwältigt.

Ein hübsches, eher schmales Gesicht, ohne jegliche Fehlerchen, Unreinheiten oder Makel, welches von einer perfekten Nase, vollen, roten Lippen, einem wohlgeformten Kinn und einer zarten Stirn abgerundet wurde. Ihr schlanker, für Link fast zerbrechlich- wirkender Körper, an dem ebenso alles perfekt proportioniert war, wurde von einem bis zu den Füßen reichendem weinroten Kleid mit goldenen Mustern und Verzierungen bedeckt. Lange Ärmel, aber ein eher auffordernder Ausschnitt. Das Kleid lag sehr eng an, sodass jedes Detail ihres anmutigen Äußeren zu bewundern war.

Er legte sie vorsichtig auf sein Bett und zog ihr die roten Sandalen aus, die sie trug. Sie hatte nicht einmal ein Paar Strümpfe an. Folglich waren ihre zarten Füße eiskalt. Schnell legte Link eine flauschige Decke darüber. Wenige Sekunden vergingen und Link konnte seine Augen von ihr einfach nicht abwenden. Etwas war da... sie erinnerte ihn an irgendetwas. Aber was?

Und noch etwas machte ihn beinahe wahnsinnig: Die Tatsache, dass er sich mit einem Schlag solche Sorgen um sie machte. Er sorgte sich um ein Wesen, das er nicht einmal kannte, er fühlte beinah Angst um sie, obwohl er jenes Mädchen wohl nur zufällig im Wald gefunden hatte. Oder war es gar kein Zufall... war es nicht vielleicht Schicksal?

Er hetzte mit einem Sprung zu dem Ölofen und schürte ihn an. Dann stand er jedoch vor einem Problem. Sie war total durchnässt und musste unbedingt von diesem Kleid befreit werden, bevor sie sich noch den Tod holte.

         Er setzte sich an den Rand des Bettes, verwirrt, warum er sie im Augenblick am liebsten in seine Arme nehmen wollte, verzaubert von diesem wunderschönen Gesicht, das ein noch bezaubernderes Lächeln erschaffen könnte.

Er strich sachte ihre goldenen, nassen Strähnen aus dem Antlitz, als sein Blick zu ihrer rechten Hand fiel. Sie umklammerte etwas darin. Vorsichtig versuchte Link ihre zur Faust geballte Hand zu öffnen und den Gegenstand daraus zu lösen. Sie stöhnte leise auf, schüttelte den Kopf im Schlaf und rührte sich dann wieder nicht mehr. Link versuchte es erneut und nahm den Gegenstand an sich. Verwundert betrachtete er sich ein Schmuckstück, das an eine reichlich verzierte, mit Edelsteinen besetzte Tiara erinnerte. Link sah es sich genau an, fuhr über die Verzierungen und legte es auf seinen Nachttisch.

Was kümmerte ihn im Moment dieses Schmuckteil. Sie war ihm aus irgendeinem Grund weitaus wichtiger... sie war ihm so vertraut... und wenn ihre Stimme nach ihm gerufen hatte, dann war er für sie verantwortlich.

         Er beugte sich leicht über sie und wollte lediglich wissen, ob sie regelmäßig atmete. Vielleicht wäre es gut, einen Arzt zu rufen?

Aber was sollte Link dem dann erzählen? ,Helfen Sie diesem Mädchen bitte, ich habe sie ihm Wald gefunden, weil sie nach mir gerufen hat...’ So ein Quatsch.

Schnell vergas Link den Gedanken. Außerdem kannte Link ihren Namen nicht, sie hatte nichts dabei, weder einen Ausweis noch irgendwelche anderen Papiere und erst recht keine Versichertenkarte. Welcher Arzt würde sich ihrer schon annehmen? Außerdem sagte ihm sein sechster Sinn, dass es falsch wäre, jemanden um ihre Existenz wissen zu lassen...

         Sie nahm zwar nur wenige Luftzüge in der Minute, aber sehr regelmäßig, was für Link ein gutes Zeichen war. Sie drehte sich schließlich auf ihre rechte Seite, sodass Link sie nicht mehr ansehen konnte und begann zu zittern. In dem Augenblick gingen bei Link die Alarmglocken los. Verdammt, dachte er, ich muss ihr aus diesem nassen Outfit verhelfen.

 

Kaum einige Sekunden waren vergangen, da trat glücklicherweise Sara in sein Zimmer. Sie warf ihm komische Blicke zu, aber immerhin war dieses Mädchen jetzt in Sicherheit.

         „Link! Jetzt verrate mir doch mal, was passiert ist.“ Während er seine Augen nicht von der unbekannten Schönheit abwenden konnte, erzählte er ihr die ganze Geschichte.

Sara fand das alles einfach ungeheuerlich. Erst diese ernsten Verletzungen und nun die Geschichte mit dem Mädchen, das angeblich seinen Namen rief... langsam aber sicher würde Sara noch durchdrehen. Sie war ja einiges von Link gewöhnt. Aber das übertraf das Maß.

„Nun ja, und was wollen wir Mum und Dad erzählen, wenn sie etwas merken.“ Sara runzelte die Stirn.

„Ich weiß“, sagte sie. „Wir sagen einfach sie ist deine Freundin.“ Link lief purpurrot an: „Aber Sara.“ Link klang verlegen. „Das kannst du doch nicht machen.“ 

         Sara nahm Link beiseite und flüsterte in sein Ohr: „Was anderes, kommt dir ihr Aussehen nicht komisch vor?“

„Was soll schon komisch daran sein, sie ist eben hübsch...“

„Oh, ja, wunderschön in jedem erdenklichen Sinne, nicht wahr? Blonde Haare, sicherlich auch noch blaue Augen, einen roten Mund, der geradezu danach schreit, geküsst zu werden und du sagst nur: ,Sie ist eben hübsch...’“

„Ach Mensch Sara, nun reg’ dich doch nicht gleich so auf.“

„Ich soll mich nicht aufregen. Jetzt hör’ mir doch mal zu, Link. Du weißt doch besser als ich, dass hier irgendetwas gewaltig verkehrt läuft. Dieses Mädchen ist kein gewöhnliches, auch wenn du sie gerne so sehen willst.“

„Aber ich wollte ihr doch nur helfen. Hätte ich sie etwa im Bach liegen lassen sollen. Hätte ich sie ertrinken lassen sollen?“

„Natürlich nicht, aber...“

Link fuchtelte aufgeregt mit seinen Armen in der Luft herum. „Natürlich nicht, aber sie hat hier eben nichts verloren. Ist es das, was du sagen willst?“ So allmählich wurde Link wütend auf seine kleine Schwester.

„Sorry, Link, aber irgendwie macht mir ihr Erschienen Angst. Ich weiß nicht wieso, aber mit dem heutigen Tag, hat sich eben etwas verändert...“ Link nickte nur und schaute sich die Fremde in seinem Bett wieder an.

In der Tat. Es war an der Zeit für Veränderungen in Links Leben. Es war die Zeit gekommen, da er sein Schicksal und seine Bestimmung erneut verstehen sollte. Es war unumgänglich für ihn dieses Wesen zu finden und erforderlich, für sowohl das Gute als auch das Böse, dass Link sie kennen lernte.

„Und was an ihrem Aussehen findest du nun so komisch?“, fragte Link dann noch gereizt.

„Ist gut. Ich hatte nur so einen Gedanken...“ Sara blickte auf den Gamecube, der in Links Zimmer stand.

         Link drehte sich um und murmelte: „Wie auch immer- sie ist total unterkühlt… Ich würde sagen, du gibst ihr etwas von deinen Klamotten… Die könnten ihr doch passen. Ich meine, sie…ist ganz durchnässt… und dann…“ Link wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser, wohl bei dem Gedanken, dass irgendjemand diesem anmutigen Geschöpf das Kleid ausziehen musste.

Wieso eigentlich? Warum zum Teufel?

Sara gluckste geradezu abartig, bis sie schließlich in schallendes Gelächter ausbrach. „Haha… Jetzt ist wohl ganz und gar der Gar aus, mein Lieber…haha.“

Links Mundwinkel verzogen sich und angesichts Saras Demütigungen spannte sich seine linke Faust gefährlich an.

„Link, ich habe doch nur Spaß gemacht.“

„Jaja… nur Spaß gemacht. Aber diese Situation hier ist nicht lustig, Sara. Dieses Mädchen braucht sofort warme Klamotten und muss unbedingt gewärmt werden.“ Sara nickte, Link hatte vollkommen Recht.

„Gut, mein Brüderchen. Du rennst ins Badezimmer und holst ein Paar Handtücher und eine Schüssel mit heißem Wasser. Wir müssen sie, auch wenn du rot anläufst, von dem Kleid befreien und sie trocknen.“

„Jep, bin schon dabei.“ Und flugs war Link mit Saras Anweisungen aus dem Zimmer verschwunden.

         Er blickte auf die weiße, runde Uhr, welche im Badezimmer hing, während er eine große Metallschüssel mit warmen Wasser voll laufen ließ. Es war kurz nach Mitternacht. Und irgendwie wusste Link, dass er diese Nacht noch weniger schlafen würde als letzte. Er gähnte und legte eine Hand auf die Wunden an seinem Bauch. Einige kurze Schmerzstiche erinnerten ihn an den Vorfall von vor einigen Stunden… Er brauchte Ruhe und Schlaf. Aber Link würde nicht eher ein Auge zumachen, bis dieses Mädchen außer Gefahr war. Er nahm die Schüssel an sich, aus welcher Dampf stieg, warf sich einige Badetücher über die Schulter und hetzte wieder in das Zimmer. Eine angenehme Wärme strahlte ihm entgegen, als er die Tür hinter sich schloss. Der Ofen hatte seinen Zweck erfüllt.

         Sachte stellte Link die Schüssel auf seinen Nachttischschrank und warf das kostbare Schmuckstück dabei unabsichtlich dahinter. Mit einem leisen Klappern, auf das weder Link noch Sara wert legten, landete die Tiara in einem Spalt zwischen Wand und Tisch…

Und wieder gab Sara Link Anweisungen.

„So, Brüderchen, hilf mir mal, dieses hübsche Wesen aufzurichten, damit ich am Rücken den Reißverschluss dieses teuren Kleides öffnen kann.“ Link tat, wie ihm geheißen. Er setzte sich auf die Bettkante und zog das Mädchen an ihren Armen zu ihm heran. Vorsichtig hielt er sie fest und Sara kümmerte sich um den roten Reißverschluss. Verlegen starrte Link an die braunen Holzplatten seines Dachzimmers und hoffte inständig, Sara würde sich ein wenig beeilen.

Nach wenigen Sekunden hatte Sara den oberen Teil des Gewandes von dem zarten Körper befreit. Noch immer lehnte die junge Lady an Link, der nur an die Wand starrte. Er spielte den Gentleman und sah nicht hin, sah nicht das cremefarbenes Korsett, welches das Mädchen trug oder das auffällige Muttermal in Form eines Dreiecks unterhalb ihrer Brust. Auch von dem Korsett musste Sara dieses Geschöpf befreien.

„So Link, jetzt schließt du höflicherweise mal deine Augen.“ Natürlich tat er das. „Und nicht nur so tun, als ob“, warf sie hinterher. „Sonst sage ich ihr das, wenn sie aufwacht.“ Davor hütete sich Link. Er wollte nicht gleich zu Beginn einen schlechten, ungehobelten Eindruck machen, auch wenn jene Eigenschaften wohl in seiner Seele lagen. Sara entknotete das Korsett und legte ein großes Badetuch um die junge Dame.

„So, du kannst die Augen wieder öffnen, Link. Du warst wirklich artig. Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, meinte Sara grinsend.

„Du traust mir viele Dinge nicht zu.“

„Vielleicht ist das auch besser so, mein lieber Bruder“, meinte sie noch und lachte. Auch Link rang sich endlich mal wieder zu einem Lachen. Etwas, das er schon lange nicht mehr getan hatte.

„Hey? Was war das denn? Du kannst ja sogar noch lachen, Link.“ Er scheute Saras Blick, die langsam verstand, womit sein plötzlich fröhlicheres Gemüt zusammenhing. Dieses Mädchen war der Grund, war der eine Grund, warum Link endlich sein Lachen wiedergefunden hatte.   

         „Ich frage mich, warum sie nicht endlich mal aufwacht… vielleicht sollten wir doch einen Arzt holen, oder zumindest Mum und Dad Bescheid geben“, sagte Sara, als sie die Haare des anmutigen Mädchens mit einem Zopfhalter zusammenband. Link dachte nach, überlegte und fand lediglich letztere Idee tauglich. Ihm war immer noch mulmig bei dem Gedanken, jetzt einen Arzt zu rufen. Was, wenn dieser sie gleich mitnehmen würde? Was, wenn sie irgendwohin käme und sie nicht einmal wüsste, wo und warum. Nein, außer seinen Eltern durfte niemand wissen, dass sie existierte…

         Er schüttelte mit dem Kopf. „Sara, ich kann dir das vielleicht nicht erklären, aber ich fände es besser, wir rufen keinen Arzt.“

„Sag’ mal. Spinnst du denn? Und wenn dieses Mädchen krank ist und dringend medizinische Hilfe benötigt?“

Link legte eine Hand auf die Stirn des Mädchens und murmelte: „Glaub’ mir bitte, aber ich weiß, dass es ihr gut geht“ Sara schüttelte mit dem Kopf.

„Du hast einen Schlag. Tut mir leid, aber das trifft die Sache wohl ins Schwarze.“

„Verdammt, Sara“, fing Link an. Seine Stimme wurde laut und energisch. „Du verstehst das nicht. Sie hat nach mir gerufen, nicht nach einem Arzt. Wenn du so wenig Vertrauen in mich hast, dann ruf’ doch einen Arzt, oder rufe gleich die Polizei. Aber eines weiß ich, bevor hier jemand eintritt, bin ich mitsamt dem Mädchen verschwunden. Und Basta!“ Link sprang auf und brüllte. „Hör’ gefälligst auf, dich hier wichtig zumachen. Sie ist in Gefahr. Sie ist einfach…“

Sara blickte verstummend zu Boden, ein wenig traurig, wie Link sie doch anfahren konnte. „Na gut, ich hoffe, du hast Recht…“

Link blickte ebenso zu Boden. Nachdenklich sah er drein und äußerte: „Ich wollte dich nicht so behandeln, Sorry.“

Sara nickte bloß, aber sah ihrem Bruder nicht in die Augen. Stattdessen zog sie dem Mädchen die restliche Kleidung über den Kopf und rubbelte mit den weichen Handtüchern über die nassen Beine, den nassen Rücken, bis die Dame ganz trocken war.

Eingehüllt in Badetücher lag das Mädchen nun auf Links Bett und wiedereinmal sah sie unheimlich zerbrechlich für den jungen Mann mit dem grünen Basecape aus.   

         Er setzte sich auf die Matratze und blickte zu den geschlossenen Augen. Ihre Augen bewegten sich schnell. Sie musste träumen…

„Sara, siehst du das… sie träumt.“

„Ja, vielleicht träumt sie von dir, du Frauenheld“, sagte sie spöttisch. Link verkniff sich ein Fluchen und erwiderte. „Wenn sie aufwacht, kann ich sie ja gerne danach fragen.“

„Ja, aber erwarte nicht zuviel. Vielleicht ist ihr Charakter wie ihr Äußeres. Eitel. Unnahbar und eigensinnig.“

„Das weißt du nicht.“

„Du aber auch nicht. Was willst du denn von ihr? Sei doch froh, wenn irgendjemand sie abholt. Da sind wir sie wenigstens los.“ Bestürzt sah Link in die graublauen Augen seiner kleinen Schwester. „Ich kann einfach nicht glauben, wie herzlos du doch sein kannst.“

„Und ich kann nicht glauben, wie dumm, naiv und liebenswürdig du sein kannst.“

„Immer noch besser als ein herzloses Monster zu sein. Sara, bitte. Können wir diese sinnlosen Diskussionen nicht endlich beenden?“

„Diese Diskussionen sind nicht sinnlos. Du kannst dieses Mädchen nicht einfach bei uns wohnen lassen.“

„Das habe ich auch gar nicht gesagt. Wenn sie aufwacht, wird sie schon wissen, was zu tun ist.“

„Wenn sie aufwacht!?! Vielleicht liegt sie ja im Koma?“

„Und du wirfst mir vor, ich spinne? Du hast hier den Knall, Sara.“ Verletzt drehte sich Sara um, lief zu der Tür und schlug diese hinter sich zu. „Idiot!“, schallte es von außerhalb. Link schüttelte mit dem Kopf. Wer hatte den angefangen, Ärger zu machen. Er ja wohl nicht.  

         Link hatte sich schon öfter wegen belanglosen Dingen mit seiner fünfzehnjährigen Schwester in den Haaren gehabt. Sie waren eben Geschwister, da kamen solche Streitereien vor… Sara würde sich schon wieder beruhigen, denn in ihrem Inneren wusste sie, dass Link mehr als Recht hatte. Stets hatte sie sich von seinen Einfällen, von seiner Sicht die Dinge zusehen, überzeugen lassen. Und genauso würde es wieder sein… dann, wenn dieses Mädchen ihre Augen aufschlug.

         Schon seltsam, dass sie einfach nicht aufwachte. Vielleicht war ja etwas Schreckliches mit ihr geschehen. Welcher halbwegs normale Mensch lag schon mitten in der Nacht im Wald, das Gesicht in den Bach gestürzt, wie als wollte sie es verbergen, nicht zugeben, wer sie war. Genauso kam Link diese Gestalt vor… als wollte sie niemandem mehr zeigen, wer sie war.

Link lief zu einem Wäschekorb und holte eine dicke Decke daraus hervor. Sorgsam legte er diese über den bewusstlosen Körper einer Gestalt, die ihm soviel sagte, auch wenn er sie nicht kannte.

Er blickte in das anmutige, blasse Gesicht und fragte sich heimlich, warum er sich schon wieder solche Sorgen machte? War es sein natürliches Mitgefühl, seine Hilfsbereitschaft und Empathie für die Menschen in seiner Umgebung. Oder lag es daran, dass sie Schlafendes in seinem Herzen berührte?

Sie murmelte irgendetwas und schlug ihren Kopf zweimal von einer Seite auf die andere. Link war sich sicher, sie musste einen Alptraum hinter sich haben. Etwas war mit ihr geschehen. Und Verzweiflung, wie auch Angst begleiteten sie. Er nahm ihre rechte blasse Hand in seine beiden, spürte von ihr ein leichtes Drücken, so als wollte sie ihm etwas mitteilen, als wollte sie ihm sagen: ,Hab’ Dank…’

         Link begann zu lächeln. Ein ehrliches Lächeln. Auch etwas, wozu ihm in den letzten Wochen und Monaten nie zumute gewesen war. Doch jetzt, da sie hier war… da fühlte er sich, als schiene ein warmer Hoffnungsschimmer auf seine erkaltete, niedergebeugte, jugendliche Seele… 

Er lächelte und es fühlte sich angenehm an. 

         Sara kam zurück und sah das stille, warme Lächeln auf Links Gesicht, das ihre Meinung endgültig änderte. Dieses Mädchen hatte es mit ihrer bloßen Anwesenheit geschafft, einen Eisberg zum Schmelzen zu bringen…

„Link?“

„Hast du weitere Argumente, warum sie verschwinden soll?“, sagte er trocken und löste ihre Hand aus seinen, obwohl sich ihre Finger in seinen festgekrallt hatten.

„Nein… ich wollte mich bei dir entschuldigen. Ich hätte deine Entscheidungsfähigkeit nicht anzweifeln sollen.“

„Also bist du einverstanden, dass sie hier bleiben kann?“

„Ja“, sagte Sara kurz und knapp.

„Danke, Schwesterchen.“ Sara ging nun eine Spur gefasster und beruhigter aus dem Raum: „Ich werde ein paar Wärmekissen holen.“

„Danke noch mal“, sagte Link, als er sich erneut an den Rand des Bettes setzte. Sara blieb noch kurz in der Tür stehen, was Link allerdings nicht bemerkte. Er machte ein zu Tode betrübtes Gesicht und flüsterte: „Es tut mir leid… Es tut mir… so leid.“ Link schien nicht bei Verstand zu sein. Seine Augen blinzelten kurz und schlossen sich dann.

         Sara ging aus dem Raum, ließ die Tür ins Schloss fallen und lehnte sich dagegen. Sie begriff nicht, was vor sich ging, verstand die Welt nicht mehr. „Link“, seufzte sie, ahnend, dass er bald nicht mehr der nette, junge Mann, ihr Bruder, sein würde. Er machte sich mehr als nur Sorgen um dieses Mädchen. Sein Blick hatte sich ganz und gar gewandelt. Nun lag soviel Gefühl und Wärme darin, soviel Fürsorge und Verständnis. Als Sara wieder kam, saß er immer noch neben ihr und sah sie einfach nur an.

„Link“, sprach Sara. Dieser erschrak leicht, als wäre er ganz plötzlich wieder zur Besinnung gekommen.

„Ich… Ich weiß, es klingt verrückt- aber ich kenne sie...“ Sara glotzte entgeistert. Aber eigentlich hatte sie derartiges schon geahnt.

„Na dann, Link, es ist schon spät. Auch wenn morgen das Wochenende beginnt, ich bin hundemüde.“ Link stimmte zu. Es war ein langer Tag gewesen mit verrückten Erlebnissen, die Links ganze Kraft kosteten. Nach einem leichten Seufzen gähnte er und legte eine Hand vor seinen Mund. Sara war verschwunden.

Er verspürte einen leichten Wunsch, die Hand des Mädchens zu halten… nicht, weil er sich zu ihr so hingezogen fühlte, sondern weil…

         Erneut begann die Schöne zu zittern und Link legte vorsichtig eine Hand auf ihre Stirn, überrascht von der Samtigkeit ihrer Haut. Nein, sie hatte kein Fieber, aber wohl etwas anderes. War es Angst?

„Hey…“, sagte er und versuchte sie endlich aus ihren Träumen zureißen.

„Kannst du mich hören?“, fragte er, eine Spur lauter als vorhin. Er berührte eine ihrer zartrosa Wangen und streichelte gegen seinen Willen mit den Fingerspitzen über die dort befindliche sanfte Haut. Sie seufzte etwas, ein Wort, das Link nicht verstehen konnte.

„Wach bitte auf…“, murmelte er und wünschte sich, er könnte einfach so dreist sein und sie jetzt in seine Arme nehmen. Sie machte ihn so wahnsinnig und zog ihn wie magisch an…

         Um sich abzulenken trat Link vor sein Fenster und schaute hinaus in die dunkle Nacht. Einzelne Tropfen fielen von dem dunklen Nachthimmel. Er war müde und fühlte nun die Last seiner Augenlider zu nehmen. Außerdem machte sich seine seltsame Wunde bemerkbar. Das Brennen wurde stärker und löste das eher zu ertragende Ziepen ab. Vorhin noch hatte er nicht einen Gedanken an die Wunde verschwendet, da es wichtigeres gab. Ein wunderbares Geschöpf lag in seinem Bett, jemand, von dem er glaubte, er hätte ihn vermisst, jemand, mit einer unvergleichlichen Aura… aber jetzt brannte seine Wunde wieder heftiger. Es wurde ihm schwarz vor den Augen. Er schleifte seinen mitgenommenen Körper in die Küche, wollte sich noch abstützen, griff mühsam an den Lichtschalter, legte diesen aber nicht um und brach in purer Dunkelheit zusammen…

 

Link lag auch eine halbe Stunde später noch in dem Zimmer umgeben von Finsternis. Er schlug langsam seine Augen auf und sah Licht, von dem er nicht wusste, woher es kam. Sanfte kleine Engel des Lichtes tanzten in der Küche umher, in welcher kein Gegenstand mehr zu sein schien. Die Einrichtung war verschwunden.

Link versuchte sich aufzurichten, aber es ging nicht. Er hatte einfach keine Kraft, alles war so schwer... seine Arme und Beine wie taub. Ein Wind wehte in das hellerleuchtete Zimmer.

Er drehte seinen Kopf in die Richtung aus der jener Luftzug rührte und sah eine Pforte in der Küche, dort wo normalerweise der Kühlschrank stand. Helle Vorhänge wehten in dem Wind, der von einem Ort herrührte, der zu einem weitentfernten Paradies führte. Erneut ein Licht, wie jene Strahlen, die lieblich durch den morgendlichen Nebel im Wald fielen. Es blendete, aber Link sah dennoch hin und dann...

         Einem Engel gleich erschien eine reine Gestalt aus dem Licht, durchquerte die Pforte.

Links Augen schlossen sich, um erneut geöffnet zu werden. Das Wesen strahlte in jenem Licht, welches so warm und zärtlich berührte wie die unsichtbare Wärme des Feuers.

Sie ging auf ihm zu, kniete nieder und lächelte sanft. Eine Geste des Mitgefühls, die jegliche Schatten in seinem Herzen betäubte. Sorgsam legte sie eine Hand auf die Wunde seines Bauches, heilte mit einer bloßen Berührung und nahm ihm einen Teil seines Leides.

Link blickte in das Gesicht des Engels, erkannte dieses hübsche Gesicht und nahm ihre Hand. Sie zerrte ihn mit einer schnellen Bewegung zurück auf seine Beine. Link blieb angewurzelt im Raum stehen, fühlte sich auf einmal wieder stärker und sah der Gestalt hinterher, wollte, dass sie sich preisgab.

„Warte...“, rief er.

Als die tanzenden Lichtfunken verglühten, wusste Link genau, dass jenes Mädchen vor ihm stand, welches er gefunden hatte, welches noch nicht bei Bewusstsein war.

„Kehr’ nicht zurück durch diese Pforte...“, sagte Link leise, suchte ihren Blick, wollte in diese himmelblauen Augen sehen. Er lief auf sie zu.

„Ich kann nicht...“, murmelte sie und blieb ihm den Rücken zugewandt stehen.

„Warum nicht... die Welt, in der ich lebe, hat viele schöne Dinge zu bieten...“

„Und was erwartet mich in deiner Welt, in der anderen Welt?“

„Hoffnung... Vertrauen... Freundschaft...“, murmelte Link, nicht sicher, ob er die Welt, in der er lebte wirklich liebte und ob es diese Dinge für ihn dort gab.

Sie blieb weiterhin wie erstarrt stehen, als Link in ihre Richtung lief. Doch er könnte laufen so lange und so viel er wollte, er würde sie nicht so einfach erreichen.

„Bitte bleib’“, sagte Link leise. Eine ehrliche Bitte, ein Wunsch nach Gesellschaft.

„Ist das tatsächlich dein Wunsch, Link? Wirst du mir zeigen, was Hoffnung ist, mir vertrauen können und ein Freund sein?“

„Ich werde dir sein, was immer du verlangst und dir weisen, was immer du begehrst zu verstehen... Aber bitte, kehr’ nicht zurück an einen Ort, an dem nichts ist...“ Sie schwebte auf ihn zu, als das Licht um ihren Körper gänzlich verging, als ihre Gestalt lebendig wurde und ihr Körper menschlich. Sie fiel in seine Umarmung, hielt sich fest, suchte Schutz und Wärme, die Link ihr schenken wollte.

Ein Lächeln aus zwei leicht traurigen Gesichtern.

„Nenn’ mich Zelda...“, sagte sie, bevor Link benommen seine Augen aufschlug.

 

Tatsächlich war er auf seinen Beinen und das Licht in der Küche brannte. Ein wenig entsetzt stand sein Mund halb offen. Was war das? Ein Traum... nein, wohl kein Traum.

Vorsichtig betastete er die Haut seines Bauches, wusste da waren immer noch die Wunden, aber sie brannten nicht mehr so schlimm wie in den letzten Stunden. Langsam zog sich der glühende Schmerz zurück...

Die Erinnerung an das Erlebte versank allmählich in den Sphären des Gedankenreiches und doch vergas Link nicht. Er konnte nicht vergessen... Dieses Mädchen, ihre Aura, ihre Stimme... Ihr Name...

        

Plötzlich kam seine Mutter in die Küche, sah ihren Sohn aufgrund der fortgeschrittenen Zeit missmutig an.

„Weißt du, wie spät es ist? Was machst du denn noch hier?“

Link sah kurz auf die Armbanduhr an seinem rechten Handgelenk und riss seine Augen erschrocken auf. Es war schon kurz nach vier... Wo war diese verdammte Zeit hin? Hatte er so lange geschlafen?

„Ähm... ich hatte nur Durst.“

„Oh ja. Deswegen trägst du auch immer noch deine Jeans und dein T-Shirt.“ Sie beäugte ihn ganz genau. „Du könntest deiner armen Mutter wenigstens Bescheid geben, wenn du schon abends weggehst.“ Abends Weggehen?

„Aber ich war nicht...“ Sie unterbrach ihn. „Sara hat mir erzählt, du hättest noch etwas zu erledigen. Als dein Vater und ich heimgekommen sind, warst du ja schließlich nicht da.“

„Oh... na dann.“ Sara war ja wirklich einfallsreich und schlau. Link musste sich dafür noch bei ihr bedanken...

„Könnte ich wenigstens erfahren, was du um Himmels Willen diesen Abend getrieben hast?“ Links Augen wanderten an die Decke, hoffend dort oben würde die Antwort stehen, die er vergeblich suchte.

„Ähm...“, stotterte er.

„Mal wieder Weibergeschichten?“, sagte sie. Eigentlich traf sie den Pfeil ins Schwarze. Und der arme, gutaussehende, künftige Held hatte einige brenzlige Geschichten hinter sich, die sich um das Thema Mädchen drehten.

„Mum, nun hör’ aber auf.“

Sie grinste und meinte neugierig. „Mir kannst du das ruhig erzählen...“

Links Wangen färbten sich vor Wut und Verlegenheit ein wenig rosa. „Es ist nicht so, wie du denkst, Mum“, entgegnete er genervt.

„Und ich dachte, du stellst uns endlich mal jemanden vor“, sagte sie keck.

„Mum, jetzt ist’s aber genug.“ Sie lachte laut auf, während die Grübchen und Falten an ihrem Mund sich herrlich in die Breite zogen. Sie lief ans Fenster und schloss dieses, da eine kühle Brise von draußen hereindrang. Nach einer Pause meinte sie: „Aber jetzt gehst du ins Bett. Verstanden? Du hast nämlich ganz schöne Augenringel.“

Link nickte und hetzte dann die Treppen zu seinem Zimmer hinauf, sich fragend, wie beim heiligen Deku er es schaffen sollte, seiner Mutter von dem Mädchen zu erzählen, das immer noch schlafend in seinem Bett lag.

        

Er betrat das in Dunkelheit gehüllte Zimmer, durchquerte leise den Raum, bis er vor dem Bett stand. Noch immer schlief das einzigartige Wesen darin tief und fest, noch immer lag sie in der Position, wie schon vorhin.

Er tastete nach dem Lichtschalter einer winzigen Lavalampe, die auf seinem Nachttisch stand, als ihm die Tiara wieder einfiel. Er beugte sich über den Nachttisch und sah das edle Stück in einer Ecke, die er nur erreichen konnte, wenn er sich über das Bett beugte. Okay, sagte er zu sich.

Sorgsam stützte er sich auf der weichen Matratze ab, direkt neben dem hübschen Gesicht der jungen Lady. Es war gar nicht so einfach, das Gleichgewicht zu halten... Nur mühsam gelangten seine Arme hinter den Schrank und umgriffen das Schmuckstück.

Gerade als er sich mit der Tiara in der Hand aufrichten wollte, verlor er den Halt und krachte auf die Matratze, direkt neben den schlafenden Körper der anmutigen Dame.

Es quietschte einmal laut. Aber sie öffnete nicht ihre Augen, sondern murmelte etwas und drehte sich in Richtung Wand. Wieder einmal kam sich Link äußerst dämlich vor, so trottelig und unbeholfen. Die Tiara jedoch landete wieder in einem Spalt und war keiner Erinnerung mehr wert.  

Link vergas das dumme Schmuckstück und schob einen bequemen, großen Sessel an den Bettrand, lehnte sich entspannt darin zurück und machte es sich im wahrsten Sinn des Wortes gemütlich. Er zog seine Schuhe aus, legte seinen Kopf auf die eine Armlehne und ließ seine Beine über der anderen hinausbaumeln. So richtig müde war er jetzt zwar gar nicht mehr, aber ein wenig Ruhe würde ihm bestimmt gut tun. Wenige Minuten später war Link auf dem Sessel eingeschlafen.

 

Es war weit nach fünf Uhr, als die Fremde etwa sechzehn- oder siebzehn Jahre alte Person ihre Augen aufschlug. Sie hatte geträumt- von etwas Wichtigen.

Sie war doch kurz zuvor noch an einem anderen Ort gewesen, wusste aber nicht mehr wo.

Sie richtete sich auf, während ihr Kopf höllisch brannte. Durch den schwachen Schein der Lampe konnte sie einen Blick auf den Ort werfen, an dem sie war: ein großes, gemütliches Zimmer, in grünen und vor allem bräunlichen Tönen gehalten, ein Schreibtisch, zwei Schränke, eine Couch.

Dann wanderte ihr Blick zu der Person, die neben dem Bett wachte. Nanu? Wer war dieser junge Mann? Er schlief. Sie starrte ihn eine Weile an, begriff nicht, warum sie es so lieb von ihm fand, dass er neben dem Bett wachte, verstand nicht, warum die Art und Weise, wie er ausgebreitet auf dem Sessel schlief, ihr ein Lächeln auf das Gesicht zauberte.

Zitternd wanderte ihre rechte Hand an ihre Schläfe.

„Mein Kopf...“, murmelte sie. Erneut schaute sie sich um, fand jedes Detail in diesem Zimmer bewundernswert und gleichzeitig befremdend. Sie stützte auch ihre andere Hand an ihren Kopf bei dem Versuch zu begreifen.

Irgendetwas stimmte nicht... es gab nichts in ihren Gedanken, kein Bild, keine Personen, keine Erinnerungen. Alles war so verschwommen, so leer.

Verunsichert hetzten ihre Augen in jede Ecke des Raumes. Sie wollte verstehen, erkennen, erinnern. Aber nichts war da. Nur Ahnungslosigkeit. Unwissenheit und Nichts. Mit jeder weiteren Sekunde, die verging, wurde sie nervöser, ihr Puls raste vor Hilflosigkeit und Anspannung.

Das Mädchen konnte sich nicht erinnern, was passierte, wusste nicht, wo sie war, wer sie war, was sie war.

Leicht irritiert entfuhr es ihr: „Wo bin ich eigentlich?“ Dann bemerkte sie, als sie aufstehen wollte, dass sie gar nichts an hatte. Erschrocken umhüllte sie sich mit der Decke. Ihr  Blick fiel wieder zu dem jungen Mann neben dem Bett. Sie sah ihn eine Weile an, wusste, da war etwas…

Ein vertautes, angenehmes Gefühl durchfuhr sie, als sie in sein Gesicht sah.

Dann seufzte er leicht im Schlaf und blinzelte.

Link gähnte und öffnete schließlich seine Augen vollständig. Er sah ihr genau in das Antlitz, und hatte Recht behalten- diese Augen waren wunderschön blau.

Sie sahen sich lange an, so als kannten sie einander, als hätten sie einander für eine lange Zeit vergessen müssen, weil es das Schicksal so wollte.

Sie zuckte in dem Moment zurück, als die Realität sich wieder einmischte und lehnte sich an die Wand.

„Wo bin ich?“ Und Link erkannte jene Stimme, jenen Klang aus seinen Träumen. War sie es wirklich?

„Du bist im Haus von den Braverys.“ Sie runzelte die Stirn und blickte angsterfüllt in seine Augen.

Link meinte: „In…“ Er begriff, sie war total verwirrt und eine Spur Befangenheit verriet sie. „Du bist hier in Sicherheit. Du… brauchst dich vor mir nicht zu fürchten.“ Sie machte zuerst keine Anstalten ihm in irgendeiner Weise zu glauben, sondern sprach noch einmal bemüht Ruhe zu wahren: „Sagt mir bitte, wo ich bin!“

         Link war total verdutzt, als er hörte, wie sie ihn anredete. „Das sagte ich bereits“, meinte er schroff.

„Ich wollte wissen…“

„…in welcher Stadt. Also gut: In Schicksalshort.“

Als sie ein bestürztes Gesicht aufsetzte, sagte er: „ Sagt dir nichts? Wir sind auf der Erde.“

Anstatt eines „Aha“, was Link nun wirklich erwartet hatte, fasste sie sich mit zitternder Hand an den Kopf und sah drein, als hätte sie ein Gespenst gesehen. „Willst du jetzt auch noch die Zeit wissen: einundzwanzigstes Jahrhundert.“

         Link hatte eigentlich ein kleines Dankeschön erwartet. Aber jetzt machte er sich Vorwürfe. Vielleicht hätte er sich nicht einmischen sollen- in was auch immer.

Er wollte gerade aufstehen und verschwinden, als das Mädchen ihn an der Hand zurückhielt. Überrascht drehte er sich zu ihr und setzte sich wieder. „Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber ich danke Euch…“ Diese Stimme... konnte es sein? Ein Lächeln huschte über Links Gesicht. „Bleiben wir doch lieber bei dem du.“

Erst jetzt bemerkte Link die tiefe Traurigkeit in ihren Augen, die irgendwie rätselhaft mit Schatten überdeckt waren. Ein seltsamer Schatten, der irgendetwas hinter ihren Augen, direkt in ihrer Seele, verbergen wollte.

Sie hielt immer noch Links Hand umklammert. Dieses Gefühl kam ihm irgendwie so vertraut vor. Was war das nur?

         Link holte einmal tief Luft und sagte dann ruhiger und gefühlvoller als vorhin: „Ich habe dich in den Wäldern gefunden. Es war vor wenigen Stunden. Du lagst mit dem Gesicht in einem Bach. Ich konnte dich dort doch nicht einfach liegen lassen. Also habe ich dich mitgenommen und an diesen Ort gebracht. Dein Kleid und deine restlichen Sachen hängen dort drüben, neben dem Ofen.“

Sie errötete. „Keine Sorge, meine kleine Schwester hat es dir ausgezogen. Du warst starr vor Kälte…“ Link kam mit einem Schlag ein Bild zurück in seine Erinnerung: wie sie am Rande des Baches lag, so hilflos...

„Nebenbei, wer bist du eigentlich?“ Ihre Augen wurden trüb, dann sah sie zur Seite, während eine Hand anmutig ihre Kette am Hals umfasste.

„Ich weiß…es… nicht.“ Sie konnte sich an gar nichts erinnern, weder an ihren Namen, noch an irgendwelche Ereignisse. Link verstand nun die ausweglose Situation dieses Mädchens. Er glaubte ihr, warum und mit welchem Zweck, waren andere Angelegenheiten...

„Ich bin gerade eben zur Besinnung gekommen und als ich versuchte mich zu erinnern, da... da war alles weg... es...“

         Link sah ihr eine Weile in die Augen, hatte noch nie eine solche klare, himmelblaue Farbe gesehen und konnte nicht anders als sanft und ermutigend zu lächeln.

Er konfrontierte sie zugleich mit der Wahrheit. „Sieht so aus, als hättest du dein Gedächtnis verloren, tut mir leid, dir das sagen zu müssen… Mein Name ist Link.“ Er reichte ihr die Hand. „Hey, wir kriegen schon raus, wer du bist, okay?“ Sie nickte und blickte besinnlich in seine Augen. Das erste Mal war die Spur eines Lächelns auf ihrem Gesicht zuerkennen. Sie gab ihm die Hand.

         Ein Händedruck.

Eine Berührung.

Ein Lächeln.

         Und ihm wurde bewusst, dass er für dieses Mädchen alles tun würde. Erst jetzt musterte sie ihn genau, sah seine tiefblauen, ernsten Augen, seine blonden Haarsträhnen, die ins Gesicht hingen…

„Link, also.“

„Jep.“

„Ich möchte dir und den Menschen in diesem Haus keine Umstände machen…Ich bin auch gleich weg.“

„Und wo willst du hin? Mit diesem Outfit wirst du mächtig Probleme bekommen. Du kannst, denke ich erst einmal hier bleiben, natürlich nur, wenn du keine andere Lösung hast.“ Sie ließ sich zurück ins Bett sinken.

         Nun bemerkte Link mal wieder die Wunden auf seinem Körper. Er spürte, wie ihm der Schweiß über die Stirn trat. Die ganze Zeit hatte er sie erfolgreich unterdrückt. Doch jetzt…

Sein Atem wurde schwerer. Sein Gesichtsfeld war plötzlich verschwommen.

Jetzt hatte er wahrlich Fieber.

„Aber…“, sagte sie und verstand die unglaubliche Freundlichkeit ihres Gegenübers keineswegs. Doch der Anflug des Misstrauens von Beginn an, verschwand mit dem Blick in seine Augen. Sie mochte diese unentrinnbare Farbe darin, diese Tiefe, als ob er mit einem Blick hinter jeden Gedanken eines Menschen Herz gelangen könnte.

Link griff sich selbst an die Stirn, sie glühte geradezu. Ich hätte diese Verletzungen nicht auf die leichte Schulter nehmen sollen, sagte er sich.

„Ich kann wirklich bleiben?“

„Aber nur, wenn du aufhörst, dir Gedanken darüber zu machen, ob du irgendjemandem Umstände bereitest. Sonst trage ich dich eigenhändig aus dem Haus, verstanden?“ Link setzte sein charmantestes Lächeln auf, blickte zur Uhr.

„Es ist noch früh am Morgen. Ich bin gleich wieder da und erkläre dir dann einiges“, meinte er und ging aus dem Zimmer, um im Bad einen Blick auf seine ungewöhnlichen Wunden zu werfen.

         Das fremde Mädchen blieb noch eine Weile sitzen. Dann fiel ihr die Kleidung neben dem Bett auf. Es war ein enger roter Pullover, aus dünnem Stoff, und dazu eine blassblaue, helle Jeans. Sara gefielen diese Klamotten nicht, war nicht ihr Geschmack, nicht ihre Farben, und nebenbei ein wenig zu eng.

Also hatte sie die Sachen mit der Annahme, sie könnten der Fremden passen, als Link und die Dame geschlafen hatten, hier abgelegt. Das Mädchen verstand und zog die Kleidung an- sie passten wie angegossen. Der Pullover stand ihr ausgezeichnet und betonte ohne Umschweife ihre anmutige, weibliche Figur.

Draußen war es immer noch dunkel. Im Schein der Lampe trat sie an den Schreibtisch, auf dem ein schwarzes Buch lag. Aus irgendeinem Grund war sie unheimlich aufgeregt, als sie die goldenen Buchstaben darauf las: ,The Legend of Zelda- Ocarina of Time.’

Neugierig blätterte sie darin herum, fand eine Graphik, die die ganze Seite einnahm und sah sich die Figuren darauf genau an. Links ragte ein königliches Schloss nach oben. Rechts eine dunkle, gefährliche Festung. In der Mitte, von reinem Licht umgeben, ein grünbemützter Junge, einmal als Erwachsener mit einem Schwert in der Hand, ein anderes Mal als Kind mit einer Okarina. Ja, sie kannte das Instrument, ja, sie war sich sicher, sie hatte es einige Male gespielt. Das Buch sah ziemlich mitgenommen aus, so, als wäre es etliche Male angesehen worden.

         Link trat inzwischen wieder in den Raum, frisch gekleidet, mit gekämmten Haaren und zwei Tassen Tee in der Hand. Die Schmerztabletten wirkten jetzt vermutlich, denn er war fast frei von Schmerzen. Unsicher sah er das Mädchen nun an und suchte nach Worten um für diese Schönheit eine Beschreibung zu finden. Eine Göttin, fiel im spontan ein... ja, wie eine Göttin.

         Sie stand mit dem Rücken vor seinem Schreibtisch. Sie war ungefähr einen Kopf kleiner als Link. Das lange, goldene Haar hatte sie aus dem Zopfhalter gelöst und fiel fast bis zu ihrer Hüfte. Links Blick schweifte sofort zu ihren langen, schlanken Beinen und fand, dass ihr eine Jeanshose besser passte und ihren Körper besser betonte als ein langes Kleid, unter dem diese Beine versteckt wurden. Und was für Beine… eine Schande diese zu verbergen. Eine echte Verschwendung von Schönheit, dachte Link. Und dieses Mädchen brauchte nicht ein Detail ihres Körpers zu verstecken...

         Er stutzte und meinte: „Das steht dir sehr gut… Ähm, interessantes Heft nicht wahr?“ Sie drehte sich überrascht, aber nicht verärgert um, da Link sie ohne jede Vorwarnung aus ihren Grübeleien befördert hatte.

„Hab’ ich dich erschreckt?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und schenkte ihm einen fast lächelnden Ausdruck in dem edlen Gesicht.

„Wer ist dieses Mädchen auf dem Bild?“

„Du meinst die Dame mit der Krone.“

„Ja, sie hat so einen gefassten Blick.“

„Das ist… Prinzessin Zelda.“

„Aha.“ Eine innere Ahnung beschlich sie.

Und auch Link begriff nun, was Sara vorhin schon lange verstanden hatte. Dieses Mädchen hatte eine unheimliche Ähnlichkeit mit einer Spielfigur... unheimlich...

         „Sie sieht aus wie du- seltsam oder?“

„Ja.“

„Und du kannst dich an wirklich nichts erinnern?“

„Nein.“ Link wollte sie in ein Gespräch verwickeln, aber sie schien sichtlich genervt und antwortete teilnahmslos: „Das bin ich nicht… sie ist nur eine Spielfigur!“

„Das habe ich auch niemals behauptet, die Ähnlichkeit ist aber verblüffend.“ Sie würdigte ihn keines Blickes.

„Okay, vielleicht warst du auf einer Art Feier und die Leute dort haben sich verkleidet.“ Link redete absoluten Stuss, er begann jetzt mit seinen wahnwitzigen Ideen, die eben typisch Link waren.

„Wäre es eine Schande eine Prinzessin zu sein?“

„Nein, es wäre eine Schande eine Spielfigur zu sein.“

„Hin oder her… wir müssen dir einen Namen geben, oder“, sagte Link, als er ihr den Tee reichte.

Sie nahm dankend einen Schluck und fragte ihn: „Ja, vielleicht, aber er wäre nicht mein richtiger Name.“ Sie stellte die Tasse auf den Schreibtisch und griff sich an ihren schmerzenden Kopf. Was war nur los mit ihr? Sie fühlte sich so komisch, so fremd, vor allem fremd gegenüber sich selbst.

Sie schwankte ein wenig und fasste sich an ihren trommelnden Schädel. Es hämmerte so entsetzlich...

         Plötzlich hielt sie eine starke Hand an ihrem Arm davon ab, umzukippen. „Vorsicht. Vielleicht setzt du dich wieder...“, sagte Link. Sie nickte und ließ sich auf den Rand des Bettes sinken.

„Danke für deine Hilfe. Bist du denn immer so freundlich?“

„Im großen und ganzen ja...“, erwiderte er und setzte sich ebenso auf die Bettkante. „Was willst du jetzt tun, nun, da du hier bist.“

Sie zuckte mit den Schultern und der traurige, verlorene Ausdruck auf ihrem Gesicht bedeutete nichts Gutes. Es stand ihr nicht... ein Lächeln gehörte auf dieses wunderschöne Gesicht mit der porzellanartigen Haut.

„Alles hier ist so befremdend... vielleicht sollte ich doch gehen...“, sagte sie und schaute aus dem Fenster. Nebel lag in der Dunkelheit gleich einem dicken Schleier, welcher jene Nacht noch düsterer machte. Links Miene verzog sich bei dem Gedanken. Er wollte, dass sie blieb. Er brauchte ihre Anwesenheit aus irgendeinem Grund, obwohl er nicht eine Ahnung davon hatte, wie sie hieß oder wer sie war.

„Ich kann dich nicht davon abhalten, zu gehen“, sagte eine einfühlsame, angenehme Stimme. Sie mochte den Klang, den tiefgehenden Klang seiner Stimme. 

„Nein, das kannst du nicht...“

Nach einer Weile stand Link schließlich auf, nachdem sie sich erneut minutenlang in die Augen gesehen hatten. Sie würde hier nicht verweilen. Wie nur konnte sich Link einbilden, dieses Mädchen hätte einen Grund seine Anwesenheit willkommen zu heißen?

Diese beklemmende Situation... unheimlich vertraut.

Erinnerung an Abweisung und Sehnsucht...

         Sie stand ebenso auf und kam knapp hinter ihm zum Stehen.

„Ich würde sehr gerne bleiben...“, sagte sie. Überrascht wand sich Link zu ihr. „Wirklich?“, fragte er erleichtert und zu tiefst erfreut, als ob sein Überleben von ihrer Anwesenheit abhing.

„Ja, wenn ich dir nicht auf den Wecker gehe, Link.“

„Wahrscheinlich wäre ich froh darüber, wenn du mir auf den Wecker gehst...“, sagte er mit einem Hauch Spitzfindigkeit. Sie lächelte beruhigend. Sachte nahm sie wieder ihre Tasse Tee und trank einen Schluck. „Was ist das eigentlich, was ich hier trinke?“

„Kirschtee mit Vanille. Warum?“

„Ich habe das Gefühl, ich hätte so etwas noch nie getrunken... na ja, unwichtig...“

„Das ist nicht unwichtig. Vielleicht hilft es dir, dich zu erinnern.“

„Mmh... hoffentlich.“

         Sie lief ans Fenster und starrte in ihre Gedanken versunken hinaus, beobachtete die rote aufgehende Morgensonne hinter den Wäldern. Ein warmer Schein legte sich über die Stadt, über die vielen Einfamilienhäuser Schicksalshorts, über die kleinen geteerten Straßen. Auch das kam ihr seltsam vor, als ob sie nie etwas derartiges gesehen hätte, als ob sie in einer weitzurückliegenden Zeit zuhause war.

„Du sagtest, du hättest mich in den Wäldern gefunden?“

„Ja, in einem Bach... deshalb warst du so durchgefroren...“, sagte er langsam und leise, und unterdrückte den aufkommenden Schmerz in seinem Magen.

„Ich frage mich, wie ich dort hingekommen bin“, sagte sie und drehte sich zu ihm um. Mit stechendem Kopfschmerz setzte sie sich wieder und hielt eine Hand an ihre rechte Schläfe.

„Das ist eine gute Frage...“, meinte er. „Es dauert bestimmt nicht lange und du erinnerst dich. Nur Mut...“, setzte er hinzu. Sie blickte direkt in seine tiefblauen Augen, versuchte wegzuschauen, aber sein Blick war einfach nur magnetisch. Er kniete aus irgendeinem Grund vor ihr nieder und sah zu ihr auf.

         „Warum tust du das für mich? Ich meine, warum hilfst du mir?“

„Nun ja, ich bin wohl irgendwie für dich verantwortlich. Schließlich habe ich dich gefunden.“ Sie nickte und versank halb in diesem unwiderstehlichblauen Leuchten seiner Augenfarbe. „Hast du Kopfschmerzen?“

„Ein wenig, ja.“

„Wie wäre es mit einer Aspirin?“

„Einer was?“, fragte sie unschuldig. Link zuckte ein wenig zurück und sich heimlich annähernd schlich ein seltsames Gefühl in seine Gedanken.

Dieses Mädchen kannte viele Dinge der modernen Welt nicht, hatte nicht einmal eine Ahnung davon, was Aspirintabletten waren und musste wohl neben den Erinnerungen, die sie wiederfinden wollte auch anfangen wie ein moderner Mensch zu leben. Sie wich seinem Blick aus und sah beschämt weg. „Hältst du mich für dumm, weil ich von den ganzen Dingen keine Ahnung habe?“

Link schüttelte aufmunternd mit dem Kopf. „Nein, ehrlich gesagt halte ich dich für alles andere als dumm...“

„Was denn?“

„Ähm...“, stotterte Link, „... einzigartig.“ Ja, das traf es wohl am besten. Er sprang aus seinem fast ritterlichen Niederknien vor ihr auf und holte schnell eine Schachtel Aspirin aus seinem Glasschrank. Sie betrachtete sich die Tablette, als hätte sie so etwas noch nie gesehen, wenn nicht sogar mit ein wenig Misstrauen erfüllt.

„Hey, du kannst mir ruhig vertrauen. Das wird dir helfen.“ Sie nickte und schluckte es hinunter.

Eine Pause entstand.

„Diese Stadt heißt Schicksalshort, sagtest du vorhin.“ Wieder suchte sie seinen Blick.

„Mmh.“

„Und dieses Haus? Wohnst du hier alleine oder...“ Link lachte kreischend auf. Das war vielleicht ein Gedanke...

„Um Gottes Willen, nein, du hast eine sehr lebhafte Phantasie. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich bin erst siebzehn und...“ Er setzte sich wieder auf den Sessel vor seinem Bett und ließ die Beine baumeln. „... In diesem Haus wohnen noch meine Eltern und Sara, meine Schwester. Von ihr hast du im übrigen diese Klamotten erhalten.“

„Oh, da möchte ich mich aber bei ihr bedanken...“

„Das kannst du“, sagte Link lächelnd. „Wenn sie aufgewacht ist. Es ist noch früh am Morgen, vor um zehn steht bei uns keiner am Wochenende auf, also wirst du dich noch ein wenig gedulden müssen.“

Sie spielte mit einer Kette an ihrem Hals, ein schöner kleiner verschnörkelter Anhänger baumelte daran. Link sah genau hin und fand, dass es sehr viel Ähnlichkeit mit einem alten Ritterwappen hatte. Eine Art Falke oder Adler war auf dem Anhänger dargestellt, und kleine grüne Smaragde schmückten es.

         „Allerdings wissen meine Eltern noch nicht, dass...“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ein unsicheres Gefühl drängte sich ihm auf- die Sicht der Dinge, wenn seine Mum und sein Dad dieses Mädchen so schnell wie möglich aus dem Haus schmeißen würden.

Vielleicht konnte sie bleiben, oder vielleicht würden seine Eltern Wege einleiten, jenes Geschöpf ohne Umschweife von ihm fernzuhalten. Ein unschöner Gedanke. Aber warum? Weshalb setzte es ihm zu, wenn sie gleich wieder ging. Wer zum Kuckuck war sie nur? Seine Seelenverwandte?

„Deine Eltern werden mich fortschicken, nicht wahr?“ Ein trauriger, verunsicherter Ausdruck in den ohnehin mit Sorgen belasteten himmelblauen Augen stach Link entgegen. Ein Druck baute sich in ihrem Inneren auf. Gerade hatte sie sich ein wenig besser gefühlt, nicht mehr so verloren, so hilflos wie am Anfang. Und sie wusste, dass die Anwesenheit dieses selbstlosen Menschen helfen könnte, zu überstehen, was sie befürchtete, zu erinnern... 

Ihre Stimme bekam Risse als sie weiterredete: „Ich weiß nicht… wohin, ich gehen soll... Link“, sagte sie. Ihre Hände krallten sich zitternd in der Decke fest, die auf dem Bett lag. Sie unterdrückte den Zwang vor Verzweiflung zu weinen und kämpfte mit sich selbst und dem Gefühl der Demütigung.

         „Ich flehe dich an, bitte, lass’ mich hier bleiben. Es ist mir unbegreiflich, wie ich dich darum bitten kann... und noch unbegreiflicher zu verstehen, wieso ich dir Vertrauen schenke, aber...“ Link schüttelte mit dem Kopf und unterbrach sie. Dann zeigte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, eine beruhigende Geste eines mitfühlenden Menschen.

„Wenn du hier bleiben willst, kannst du das. Ich werde nicht zulassen, dass dich jemand herausschmeißt, ja?“ Sie legte eine Hand auf seine linke.

„Danke...“, sagte sie lächelnd.

         Dann wurde die ernstscheinende Situation von anderen Geräuschen unterbrochen. Ein Magenknurren, aber erstaunlicherweise nicht von Link, der zugegebenermaßen ein großer Vielfrass war. Die junge Lady errötete ein wenig und sah dann verlegen weg.

„Ich nehme an, du hast Hunger“, sagte Link charmant mit einem Grinsen auf dem Gesicht, das dämlicher nicht aussehen konnte. Er half ihr Aufstehen und wies sie an ihm zu folgen.

„Ich hoffe, du isst Gemüsesuppe.“ 

„Na ja... weiß nicht“, sagte sie. Aber höflicherweise war sie nicht wählerisch.

„Die gab es gestern bei uns. Ein bisschen ist noch übrig. Und so weit ich weiß, war meine Mutter nicht einkaufen. Nächste Woche sind bei uns Schulferien und meine Eltern wollten in dieser Woche in den Urlaub fahren. Deshalb bin ich mir eigentlich sicher, dass es ihnen egal ist, ob ich nun einen Gast habe oder nicht.“ Das klang beruhigend und ausgesprochen ermutigend. Sie wollte diesen Leuten nicht noch mehr Umstände machen als nötig. 

         Sie folgte Link die Treppe hinab, versuchte so wenig Geräusche zu hinterlassen wie nur irgendwie möglich und lief barfuss auf dem kalten Holz entlang.

Sollte sie Link etwa schon wieder um etwas bitten? Nein, aus irgendeinem Grund fühlte sie sich unwohl, ihn um noch mehr zu bitten, als sie bereits getan hatte. Es forderte schon ein großes Stück Mut jemanden anzuflehen, bleiben zu können, den man noch nie im Leben gesehen hatte und der zudem noch im gleichen Alter wie sie war, so nahm sie an und, der auch noch so ansehnlich war wie Link...

         Überraschenderweise drehte er sich um und schaute zu ihren Füßen. „Ist dir nicht kalt an den Füßen.“

„Doch“, meinte sie leise.

„Warum sagst du das denn nicht?“, erwiderte Link und öffnete einen Schuhschrank, als sie beide im Korridor standen.

„Was für eine Schuhgröße hast du?“ Sie schüttelte mit den Schultern und sagte: „Das weiß ich leider nicht.“ Das hätte Link doch klar sein müssen. So langsam verstand er dieses Mädchen oder hatte er das nicht schon einmal vor langer Zeit?

Nachdem die Zwei ein Paar Pantoffeln für die junge Schönheit ausgesucht hatten, liefen sie schnurstracks in die Küche.

Link stellte einen kleinen Topf mit der Suppe auf den Elektroherd und wies das Mädchen an, sich auf die gemütliche Eckbank zu setzten, was sie sofort tat.

 

 
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