Kapitel 2.2
 

Wenig später aß die Lady mit einem einfachen Löffel die Suppe und genoss das Gefühl etwas im Magen zu haben. Link beobachtete sie, während sie aß. Jeder würde sie beobachten, wenn sie das tat, denn sie aß mit einer solchen Eleganz, dass sich Link zunehmend fragte, ob sie von der Erde stammte.

Sie aß vorsichtig, legte dabei großen Wert auf ihre Manieren und musste aus der Sicht anderer dadurch sehr eitel wirken.

Link fragte sich, was die Menschen von ihr dachten, die ständig mit ihr zusammengewesen waren. Was dachten ihre Eltern, wenn sie doch welche hatte. Oder lebten ihre Eltern in höheren Verhältnissen? Vielleicht war dieses elfengleiche Gesicht ja sogar adliger Abstammung? Wundern würde sich Link dahingehend nicht.

Er setzte sich zu ihr an den Tisch und grinste, als sie um einen zweiten Teller von dem Eintopf bat.

„Du hast gewaltigen Hunger, oder?“ Sie nickte.

„Warum legst du dann einen solchen Wert auf Höflichkeit. Du kannst das Essen ruhig in dich hineinstopfen.“ Ihr Mund bewegte sich zu einem Lächeln. Dennoch aß sie wohlerzogen weiter.

         Nach einer Weile versuchte Link sie wieder in ein Gespräch zu verwickeln und begann: „Als ich dich fand, dachte ich...“ Da war es schon wieder. Dieses erdrückende Gefühl der Besorgnis um ihr Wohlergehen, als ob er sie kannte und sie ihm sehr am Herzen lag.

„Meine Schwester und ich dachten, du wachst nicht mehr auf, weil du dich einfach nicht wecken lassen hast.“ Sie leerte ihren Teller mit einem letzten Löffel der Suppe und sagte leise: „Da war dieser Lichtweg... in meinen Träumen.“

„Ein Lichtweg?“ Sie stand auf und lief in ihrer Anmut zu der Spüle, um den Teller dort hineinzustellen.

Link konnte seine Augen nicht von ihr lassen. Sie war so bezaubernd, so hübsch. Es war seltsam, aber bisher hatte Link noch nie ein Mädchen so attraktiv gefunden, wie jenes, welches er in den Wäldern, bei Nacht und Nebel gefunden hatte. Ihr goldenes langes Haar war ein wenig zerzaust, aber trotzdem verspürte Link den Wunsch, nur einmal dieses Haar zu berühren.

„Ich träumte von einem Weg, den ich entlang ging und dann wurde plötzlich alles echt... und nahm Farbe an. Dann bin ich aufgewacht.“

„Dem Himmel sei Dank bist du aufgewacht“, sagte er und trat zu ihr heran.

Erneut blickten sie sich stillschweigend an, träumten in gegenseitigen Blicken. Und ohne jede Spur von Zurückhaltung berührte Link einige Strähnen des Haares, das er berühren wollte. Verdammt, er kannte sie. Sie war echt. Solange schon hatte er von ihr geträumt, ihre Stimme gehört und nun stand sie direkt vor ihm. Er erhielt die Bestätigung, den Beweis, nicht verrückt zu sein. Erleichterung. Sie war wirklich... 

„Möchtest du eine Bürste?“, fragte er schließlich, um die Situation nicht als das erkennen zu lassen, was sie war. Ein Annähern.

„Ja, das wäre lieb“, erwiderte sie leise. Aber keiner von beiden unternahm einen Schritt, um aus der Küche zu gehen. Beinahe erstarrt blieben sie voreinander stehen und suchten etwas in den Augen des anderen. Sie stützte sich mit beiden Händen an der Einbauküche ab, während Link einen weiteren Schritt auf sie zuging.

         „Ich kenne dich nicht...“, meinte sie.

„Ich dich auch nicht...“

„Macht das einen Unterschied?“

„Nein, das würde es wohl niemals.“

„Gut.“

„Gut“, sagte Link abschließend. Er stand nun direkt vor ihr und legte seine Hände beidseitig ihrer schmalen Taille ebenso an den Küchenschrank. Sie waren einander angesichts der Tatsache, wie wenig sie sich kannten, vielleicht zu nah… 

 

In dem Moment wurde die Küchentür schnell geöffnet und die etwas rundliche Meira Bravery kam mit ihrem weißen, langen Nachthemd hereinspaziert. Die Augen noch halb verschlossen, sah sie zweimal hin, um sicher zu sein, dass neben Link noch eine weitere Person in der Küche stand.

„Nanu? Was ist denn hier los?“, entkam es ihr ein bisschen zu laut. Ihre großen herausquellenden Augen sagten alles, was Link nicht hören wollte. Natürlich interpretierte sie die Situation sofort ihren Zwecken entsprechend und ging schnellen Schrittes zu dem Mädchen, welches nur knapp hinter einem flehenden Link stand, der hoffte, seine Mutter würde sich nicht im Ton vergreifen. Die junge Lady begutachtend hüpfte sie um jene herum und begann dann zu grinsen.

„Mum, es ist nicht so, wie du denkst“, sagte Link, der diesen Satz schon tausend mal seiner Mutter um die Ohren warf, den sie aber herzlich ignorierte.

         Sie reichte dem Mädchen grinsend die Hand und meinte: „Guten Morgen, junges Fräulein. Ich nehme an, du bist schon lange hier, nicht wahr?“ Ihr vielsagender, erfreuter Blick schwenkte mit leuchtenden Augen zu Link.

Das fremde Wesen sagte leise: „Guten Morgen… ja, das ist richtig, ich bin schon eine Weile hier…“

„Mum, ich muss dir da einige Sachen erklären. Würdest du bitte…“ Link versuchte seine Mutter mit einem gutmütigen Grinsen aus der Küche zu schieben.

Jedoch unterbrach sie den verlegenen zukünftigen Helden ohne Scheu und sagte: „Ich verstehe schon…“, meinte sie, da sie sich an das Bild erinnerte, das sie gesehen hatte, als sie in die Küche trat. „Lasst euch von mir nicht stören, aber vielleicht solltet ihr beide euer romantisches Vorhaben in Links Zimmer weiterführen anstatt in der unbequemen Küche.“

Links Kopf glühte in allen erdenklichen roten Farben und fluchend brüllte er: „Mum, ich habe dir bereits gesagt, du siehst da was völlig falsch.“

Meira begann zu grinsen und das Mädchen hinter Link fing herzlich an zu lachen. Die unzweifelhafte Tatsache, dass jene schöne Lady auch zu lachen begann, stimmte ihn noch ratloser. Er drehte sich zu ihr um und sah nur das funkelnde Grinsen in ihren blauen Augen. Er schüttelte frustriert den Kopf und kam sich so dümmlich wie noch nie in seinem jungen Dasein vor.

         Link fuhr sich nachdenklich durch seine blonden Haarsträhnen und murmelte, ohne dem Wesen in die Augen zu sehen: „Würdest du in meinem Zimmer auf mich warten, ich erkläre meiner Mutter alles, ja?“ Sie nickte und lief in ihrer anmutigen Art aus der Küche. Doch bevor sie endgültig außer Sichtweite war, rief Link ihr noch hinterher: „Ach ja… die Bürste. Schau einfach in den obersten Kasten des Schuhschranks.“

„Danke“, hauchte sie. Link wusste, dass dieses Danke nicht dem preisgegebenen Aufenthaltsort der Bürste galt, sondern seinen Bemühungen, sie aus der Diskussion, welche er mit seinen Eltern ihretwegen führen würde, herauszuhalten.

„Also, Mum, ich muss dir einige Dinge erklären. Am besten wir gehen in die Stube.“ Was Link nicht wusste, war, dass jene junge Dame nicht auf sein Zimmer ging, sondern neben der Wohnstube stehen blieb und den Worten lauschte.  

 

Wenig später saß Meira mit Link auf der Couch und hörte sich seine Bitte an, nachdem er ihr die ganze Geschichte, ausgenommen jener Stimme, die ihn rief, erzählte. „Ich habe sie in den Wäldern liegen sehen und konnte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.“, sagte er leise. „Mum, ich bitte dich darum, dass sie bleiben kann. Sie fühlt sich hilflos und weiß nicht wohin sie gehen soll. Außerdem…“ Er fand nicht den Mut, die Worte auszusprechen, die gerade in seinen Gedankengängen herumkreisten. Außerdem… brauchte er sie…

„Du willst ihr wirklich helfen, die Erinnerungen wiederzufinden, Link?“

„Ja, und ob ich das will.“ Sie stand auf und lief einige Schritte in der Stube auf und ab. Währenddessen kam Links Vater herein, sich fragend, warum seine Frau schon auf den Beinen war.

„Morgen ihr Zwei, was ist denn los?“, war sein erster Satz. Und Link erzählte die Geschichte zum zweiten Mal: „Die Kurzfassung. Ich habe in den Wäldern ein bewusstloses Mädchen gefunden, sie mit hierher gebracht und als sie aufwachte, hatte sie keine Erinnerungen daran, wer sie war oder was sie gerade getan hatte. Und jetzt weiß sie nicht weiter…“

         Meira und Links Vater, namens Eric, tauschten Blicke aus. Skepsis, aber auch Zuversicht.

Die rundliche Dame mit einem durchdringenden ernsten Gesicht lief händeringend auf Link zu. „Also…“

Link ahnte es, jetzt kam die Demütigung. Seine Eltern würden sie fortschicken. Sofort dachte er daran, dem Mädchen zu sagen, dass sie unerwünscht war und gehen müsste. Es war aus. Er stellte sich das verzweifelte, wunderschöne Gesicht vor und kniff aussichtslos seine Augen zu, als er es in seinen Gedanken erschuf. Warum setzte es ihm so zu, wenn sie ging? 

„Also…“, wiederholte Link für seine Mutter. „Ich weiß, dass sie bei uns nichts zu suchen hat und ich ahne, was du sagen willst: Schick’ sie zur Polizei. Oder schick’ sie ins Einwohnermeldeamt. Und dann auf Nimmerwiedersehen. Zum Teufel mit ihr.“

„Link, das habe ich nicht gesagt“, meinte seine Mutter. „Aber sie ist eine Fremde. Du weißt nichts von ihr. Du kennst ihren Namen nicht, ihre Vergangenheit. Und womöglich stimmt etwas nicht mit ihr.“

Das fremde Mädchen neben der Stubentür sah mit bangem Blick zu Boden, unterdrückte die aufkommende Hilflosigkeit und den gemeinen Druck in ihrem Inneren ganz auf sich alleine gestellt zu sein, in einer Welt, die ihr so fremd war, in einer Zeit, die sie für merkwürdig hielt…

„Das ist mir egal“, sagte Link gedämpft. „Und wenn sie ein Monster wäre, würde ich ihr helfen wollen.“ Mit sich selbst kämpfend trat Link zu dem Kamin in der Wohnstube.

„Warum, Link? Warum ist dein Mitleid für sie so groß?“, sagte sein Vater, um auch endlich mal das Wort zu erheben.

„Es ist kein Mitleid…“, fuhr er seinen Vater an. „Entschuldige… es ist wohl eher Mitgefühl“, setzte er ruhiger hinzu.

         Meira runzelte die Stirn und Links Vater lief in die Richtung, wo seine Frau stand.

         „Bitte, ich flehe euch an. Lasst sie bleiben. Sie wird niemanden schaden.“

„Link… du bist ein verständnisvoller, junger Mann. Das respektiere ich. Aber das ist uns leider nicht möglich. Wir können sie nicht einfach hier aufnehmen und so tun, als wäre nichts. Was, wenn ihre Eltern sie vermissen oder andere Leute nach ihr suchen?“, sagte sein Vater. Link schwieg.

„Es tut mir leid, mein Sohn. Aber du wirst ihr jetzt sagen müssen, dass sie gehen muss.“

         Eine kleine Träne lief dem anmutigen Geschöpf über die zartrosa Wange, als sie neben der Tür wartete und sich umdrehte.

Sie rannte schnellen Schrittes die Treppe hinauf, hinein in Links Zimmer und kauerte sich in dem Sessel zusammen. Was jetzt, sagte sie zu sich selbst. Ein Schlussstrich. Wohin sollte sie gehen, wenn sie nicht einmal jemandem vertrauen konnte. Sie wusste, da war Gefahr… irgendwo da draußen suchte jemand nach ihr und diese Sache machte ihr Angst. Nur hier fühlte sie sich sicher und irgendwie aufgehoben. Aber das war vorbei. Nur wenige Stunden hatte sie hier verbracht und dennoch setzte es ihr zu, diesen Ort wieder verlassen zu müssen.

Sie versuchte nachzudenken. Überlegte, was sie tun könnte… aber es gab nichts zu tun. Ihre Situation war ausweglos. Warum hatte Link sie gefunden… es wäre besser gewesen, er hätte sie gelassen, wo sie war. Dann würde sie vielleicht jetzt nicht wach sein, sie würde sich nicht so hilflos fühlen, so allein und verlassen…

Sie legte ihre Füße hoch und wartete auf Link, der ihr mitteilen würde, es war Zeit zu gehen.

         Der Abschied kam, ohne das ein Wiedersehen richtig begonnen hatte…

 

Link starrte seinen Vater in die grauen Augen, die er hatte und schüttelte stur mit dem Kopf. „Das werde ich nicht.“

„Link. Jetzt sei doch vernünftig.“

„Ich war nie vernünftig“, entgegnete er, „Und ich habe nicht vor, meinen Charakter zuändern.“

„Nenn’ mir einen plausiblen Grund, weshalb du sie hier haben willst“, betonte sein Vater. Dieser Satz brachte ein austüftelndes Grinsen auf Meiras Gesicht zum Vorschein. „Weißt du Liebling, wenn du das Mädchen sehen würdest, könntest du sie auch nicht mehr weglaufen lassen. Unser Sohn hat sich in jemanden verguckt.“

„Das stimmt doch mit keiner Silbe“, entgegnete Link genervt.

„Wenn ich ein junger Mann in deinem Alter wäre, hätte ich das aber.“ Die rundliche Frau gab ihren Mann einen Stups an den Arm. „Ach Liebling. Lass’ den jungen Leuten doch ihren Spaß.“, sagte sie.

         Verwirrt und im nächsten Augenblick mit einem Hoffnungsschimmer auf dem ansehnlichen Heldengesicht sah Link in die Augen seiner Mutter. Dann lächelte sie und überzeugte damit sogar ihren ernsten Gatten.

„Ich werde das Bett in dem Gästezimmer überziehen. Einverstanden?“ Sie zwinkerte und lief aus der Wohnstube. Link sah ihr schockiert hinterher. War das ein endgültiges Ja?

Sein Vater trat neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter. „Also, Link, dann hoffe ich, du wirst diese Entscheidung deiner Mutter zu schätzen wissen.“

„Jep, das werde ich“, meinte Link erfreut und lächelte jetzt ebenfalls.

„Aber sobald sie sich erinnert, wirst du sie dorthin bringen, wo sie hingehört. Verstanden?“

Link nickte und konnte nicht in Worte fassen, wie dankbar er seinen Eltern im Moment war.

„Auch wenn deine Mutter schon wieder so übereifrig ist, wir haben’s noch früh und ich hatte gestern einen langen Arbeitstag. Ich schlafe noch ne Runde. Ich kann das Mädchen ja auch später kennen lernen, jetzt da sie eine Weile hier bleiben wird. Gute Nacht, Link.“ Der jugendliche Held sagte nichts dazu und machte einen Luftsprung, als sein Vater verschwunden war.

Mit einem lauten: „Juhu“, rannte er die Treppen hinauf und wollte der Fremden die guten Neuigkeiten berichten.

         Lächelnd öffnete er die Tür zu seinem Zimmer und wunderte sich zunächst, wo die junge Schönheit war. Besorgt schaute er sich im Zimmer um und fand das zerbrechliche Geschöpf in dem Sessel liegen. Ihre Augen waren geschlossen und kristallenfarbene Tränenspuren zeigten sich auf den zartrosa Wangen. Schlief sie etwa?

Vor ihr niederkniend sagte er sanft: „Ich habe gute Neuigkeiten für dich. Du kannst bleiben, Zelda.“ Zum Teufel? Was war ihm da rausgerutscht? Zelda? Oh ja… natürlich Link. Drehst du jetzt vollkommen am Rad? Er gab sich selbst eine Ohrfeige für diesen peinlichen Ausrutscher und fragte seinen gesunden Menschverstand, wieso ihm das passieren konnte. Zelda? Heiliger Strohsack, nur gut, dass sie schlief und nicht gehört hatte, was ihm da passiert war…

         Doch so falsch, wie Link diesen Namen für ihr Wesen fand, war er gar nicht. Und die Dame bräuchte einen Namen. Wenn sie schon hier war, konnte Link sie nicht immer mit Du oder Hey oder Hallo, du Fremde, anreden. Und jener Name, war ohne Zweifel genau der Richtige für dieses Mädchen, denn allein schon ihre Seele trug ihn…

         Sie schlief schon wieder. Und die Tränen? Hatte sie wirklich geweint? Link tat diesen Gedanken als seiner merkwürdigen Phantasie entsprungen ab und kramte nach einer Decke. Er deckte sie wieder zu. Sie murmelte etwas unverständliches und kauerte sich noch weiter zusammen. In dem Augenblick spürte Link einen gemeinen Schmerzstich in seinem Magen. Richtig die Wunden… diese hatte er ja auch noch. Er nahm sich ein weiteres Schmerzmittel und trank den kalten Tee aus seiner Tasse, die noch im Zimmer stand.

         Er wischte sich einige Tropfen des Getränkes von seinen Lippen und ging für eine halbe Stunde aus dem Zimmer. Er lief in die Stube, und begutachtete dort seine verrückten Wunden. Er löste den Verband, der klebrig auf der Wunde haftete, blickte sich die Blessuren angeekelt an. Die Wunde nässte und noch hatte der Heilungsprozess nicht wirklich eingesetzt. Link ließ sich mit freiem Oberkörper auf den Boden sinken und fragte sich, wie lange er solche Wunden ohne medizinische Hilfe ertragen könnte. Er tat sich ein wenig schwer einen frischen Verband umzulegen, schaffte dies aber, streifte sein grünes T-Shirt über den Oberkörper und ging dann erneut in sein Zimmer. Er musste das Mädchen leider aufwecken, um ihr die Neuigkeiten zu unterbreiten.

         Als er eintrat, hörte er ein Rascheln von der anderen Zimmerecke. Das Mädchen war aus ihrem kurzen Schlummer aufgewacht und stand mit einem traurigen Ausdruck auf dem Gesicht gegenüber von Link. Noch immer war das goldene Haar zerzaust…

Sie verschränkte ihre Arme, schaute aus dem Fenster und hatte diesen bekümmerten Blick in den wunderschönen Augen.

„Sag’ es nicht. Es hätte mir klar sein müssen…“, sagte ihre zittrige glockenhelle Stimme. Wovon redete sie? Link war sprachlos. Sie lief auf ihn zu und brachte den Versuch eines Lächeln hervor.

„Du… du hast es versucht…“, murmelte sie und nahm seine linke Hand in ihre beiden. „Du bist Linkshänder…“, meinte sie schwach.

„Ja“, war alles, was er hervorbrachte.

„Ähm… vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder, Link“, sagte sie gedämpft und kämpfte damit, bettelnd vor ihm auf die Knie zu fallen. Aber das würde sie nicht, nein, dafür war sie viel zu stolz.

„Leb’ wohl“, sagte sie und lief in Richtung Tür, als Link sie überraschend an ihrem rechten Handgelenk festhielt.

         Er versuchte es mit einem Grinsen, um von der Verlustangst abzulenken, die er verspüren würde, wenn sie verschwand.

„Jetzt habe ich meine Eltern überzeugt, bedroht und um den Verstand gebracht, damit du bleiben kannst und du willst trotzdem gehen. Also… das ist ein wenig… ähm… unglücklich für mich, weil ich dann…“

Ihr Gesichtsausdruck erhellte sich. „Du hast sie überzeugt?“

„Ja, das habe ich, wenn auch mit anfänglichen Schwierigkeiten.“ Sie legte erfreut und den Tränen nahe eine Hand über ihren Mund. Sie wollte ihm gegenüber nicht weinerlich wirken, aber…

„Danke, Link“, sagte sie und wischte einige blasse Tränen unter ihren Augen weg. „Ich dachte, das wäre es. Ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn ich nicht hier bleiben könnte.“

Link begriff irgendwie. „Du hast gelauscht, oder?“

Nickend meinte sie: „Es hörte sich so an, als ob…“

„Hey, kein Grund jetzt noch darüber nachzudenken, oder? Du kannst das Gästezimmer haben.“ Sie lachte heiter auf. „Und das nächste Mal, hörst du dir das Gespräch, welches du belauschst, bis zum Ende an, glaub’ mir, das ist effektiver. Klar?“

„Klar“, stimmte sie zu und ärgerte sich über ihre voreiligen Schlussfolgerungen. Sie dachte wirklich, sie müsste gehen. Doch jetzt? Sie wusste mit Links Hilfe war der größte Teil dessen, was sie zu bewältigen hatte schon siegreich überstanden.

„Du bist ein Schatz, Link.“

„Äh…“, sagte er verlegen und hielt eine Hand hinter seinen Kopf. „Sag’ das bloß nicht noch mal, sonst bilde ich mir zuviel darauf ein.“ Sie lächelte ihm entgegen und zusammen gingen sie in das Gästezimmer. Link zeigte ihr dann das gesamte Haus, führte sie in den Keller, wo sie sich nach Herzenslust von den Getränken bedienen konnte, zeigte ihr den Dachboden, wo neben sinnlosem Schrott noch ein alter Bogen stand, den Garten und am Ende das Badezimmer.

„Möchtest du ein Bad nehmen? Das würde dir gut tun und entspannt.“

„Ja, gerne.“

„Warte. Ich hole dir frische Handtücher.“ Geschwind verschwand Link aus dem Raum. Sie drehte mit Links hilfreichen Anweisungen die Heizung auf und schloss das Fenster. Warum verstand sie sich nur so gut mit ihm? War das normal? Manchmal erschien es ihr, als würde er ihr alles aus den Augen ablesen können. Er war wirklich ein Schatz oder ein Schutzengel…

Es war keine vierundzwanzig Stunden her, dass er sie gefunden hatte und sofort, ohne etwas dafür zu verlangen, hatte er sich ihrer angenommen, seine Zeit für sie geopfert, seine Eltern überzeugt, sie bei ihnen wohnen zu lassen. Warum tat er das?

Dann probierte sie, den Wasserhahn aufzudrehen und ein heißer Strahl floss in die Wanne, gerade als sie testen wollte, wie warm das Wasser war, umfasste eine starke Hand ihren Oberarm.

„Nicht. Das Wasser ist glühend heiß. Du verbrennst dich noch daran“, sagte Link, der wiedereinmal schnell gehandelt hatte.

„So langsam komme ich mir stumpfsinnig vor, weil ich von nichts eine Ahnung habe und mich ständig bei dir bedanken muss. Das muss dir auf den Geist gehen…“

„Ach Quatsch. Ich helfe gern. Und damit du dir keine Sorgen machen musst, du brauchst dich nicht für jede Kleinigkeit bei mir zu bedanken. Es ist okay.“ Und schon wieder. Allein seine verständnisvollen Worte hätten Lob und Dank verdient. Sie nahm ihm das Badetuch ab und schaute zu den Behältnissen mit Duschgel, wohlriechender Körpermilch und anderen Dingen.

         In dem Augenblick griff sich Link leise aufstöhnend an seinen Bauch, hasste die brennende Wunde und wusste, er konnte seinen Körper nicht noch mit mehr Tabletten voll stopfen.

„Alles okay?“, fragte sie sanft.

„Ja“, stotterte Link. „Es ist nichts.“ Aber sie wusste irgendetwas stimmte nicht. Der junge Mann neben ihr kam ihr immer rätselhafter vor und sie wusste, er hatte Probleme, die er jedoch nicht zugeben wollte. Doch sie würde herausfinden, was ihn belastete, genauso wie sie ihn noch besser kennen lernen würde. Eines Tages würde sie in sein Herz sehen können. Doch was sie dann fand, könnte ihr selbst Angst machen…

Link drehte den Wasserhahn auf die kälteste Stufe und beobachtete das Mädchen, als sie vor dem Spiegel stand und ihre Haare zusammenband.

„Bei deinen langen Haaren hat es wohl keinen Zweck, sie zusammenzubinden…“, murmelte er und stellte sich hinter sie, blickte ebenso in den Spiegel und dachte ungewollt, wie gut sie beide doch zusammenpassen würden. Himmelhochjauchzend, jetzt wird’s ernst, dachte er. Kläglich sendete er eine Bitte an seine vorschnellen Gedanken, sie würden aufhören, solchen Mist von sich zu geben. Sich wünschend, er hätte seine Gefühle ein wenig besser unter Kontrolle, griff er sich an seine warme Stirn, sich fragend, ob diese so glühte, weil er eine schreckliche Wunde hatte oder weil dieses wunderschöne, anmutige Geschöpf direkt vor ihm stand.

„Äh, ich meine, du kannst die Haare nach dem Bad ruhig föhnen. Weißt du, was das ist?“

Sie schüttelte mit dem Kopf. In ihrer Welt gab es wohl keine elektrischen Geräte. Peinlicherweise erklärte er ihr dann auch noch diese Angelegenheit und zog sich grinsend aus dem Bad zurück. Doch bevor er ganz hinter der Tür verschwand, schaute sein Kopf schmunzelnd durch den Türspalt.

„Glaubst du, du schaffst den Rest ohne mich oder brauchst du weiterhin meine Hilfe?“ Verlegen öffnete sie ihren Mund und wollte ihn für seine dreiste Art zurechtstutzen.

„Du möchtest wohl zu schauen?“ Nun war es an Link beschämt drein zu gucken. Diese Dame konnte wohl genauso gutmütig hinterhältig sein wie der künftige Held selbst.

„Ich könnte dir den Rücken schrubben.“ Jetzt trieb Link das Spielchen erst Recht auf die Spitze.

„Du könntest auch gleich zu mir in die Badewanne steigen.“ Aber mit soviel Ungeniertheit und Flegelhaftigkeit hatte er nicht gerechnet. Es war aus. Sie hatte ihn mundtot gestellt. Zum Teufel, das hatte doch noch niemand geschafft. Mit hochrotem Kopf schloss Link die Badetür und hörte selbst im Korridor noch ihr angenehmes, liebliches Lachen… Ein Lachen, das ihn tatsächlich um den Verstand brachte. Wieder erkannte er diese Stimme aus seinen Träumen…

Wissend es war Bestimmung, sie zu finden, folgte er ebenso lachend den Treppenstufen hinauf ins zweite Stockwerk, um sich ein wenig auszuruhen.

 

In einem anderen Raum des Hauses hüpfte Sara froh und munter aus ihrem Bett. Bereit für den Tag öffnete sie das Fenster, genoss den Sonnenschein und die weißen dicken Wolkenbällchen, die am Horizont vorüberzogen.

Sie lief aus ihrem Zimmer, erspähte hastig einen Blick auf ihre Armbanduhr, welche auf acht Uhr stand und ging zuerst in die Küche, um zu sehen, ob ihre Mutter schon auf den Beinen war.

Aber niemand war in der Küche. Also, und zur Freude ihrer Eltern und ihres zwei Jahre älteren Bruders setzte sie Kaffee auf, erwärmte die restliche Milch und steckte eine Toastbrotscheibe nach der anderen in den Toaster.

Dann hörte sie das laute, dröhnende Geräusch des Föns vom Badezimmer aus. Sie wunderte sich. War ihre Mutter doch schon wach? War doch sonst nicht ihre Art? Und niemand sonst in diesem Haus fönte sich die Haare. Link beispielsweise ließ seine Haare immer von der Luft trocknen, selbst wenn tiefster Winter war. Recht hatte sie… denn egal, was er tat, eine richtige Erkältung hatte sich ihr großer Bruder noch nie zugezogen. Und wenn er sich in ein Klassenzimmer vollgepumpt mit Viren setzte. Noch nie hatte er sich bei irgendjemanden angesteckt… Eine weitere von Links Ungewöhnlichkeiten…

         Sie folgte dem Geräusch und stand in Kürze vor der Badezimmertür. Sie klopfte.

„Mum, bist du da drin?“

Keine Antwort. Stattdessen wurde die Tür geöffnet und ein Paar leuchtende blaue Augen blickten sie durchdringend an. Sara fiel sofort auf, was für eine schöne Farbe diese Augen hatten- ein Blau genauso klar wie das von Link, nur ein wenig heller und nicht so durchdringend tief.

„Ähm… hallo. Du bist ja aufgewacht“, sagte Sara und begutachtete ihre Kleidung an der Dame. Die junge Lady nickte und sagte kurz und ruhig: „Guten Morgen.“

Sara grinste: „Du kannst froh sein, dass diese Klamotten mir ein wenig zu groß sind und zu eng. Sonst müsstest du jetzt nackt rumlaufen.“ Sara wollte mit ihr ins Gespräch kommen, und was eignete sich da besser als etwas humorvolles.

„Ja, danke. Du bist Links Schwester?“

„Ja genau, auch wenn man es mir nicht ansieht. Und du, wie heißt du?“

         Die Fremde ging aus dem Badezimmer und lief in die Küche. Links Schwester wusste ja noch nichts davon, dass sie hier eine Weile wohnen würde und, dass sie ihr Gedächtnis verlor. Ihre Hände zu Fäusten geballt, meinte sie. „Das ist leider nicht so einfach. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wer ich bin, aber das weiß ich leider nicht.“

Sara setzte sich mit der fremden Schönen an den Frühstückstisch.

„Das musst du mir erklären“, sagte Sara und ergänzte, „Willst du was von dem Toast?“ Das Mädchen ohne Namen schaute Sara ein wenig ratlos an, begriff aber dann was Toast war, als Sara ihr eine Schüssel damit gefüllt reichte.

„Ich bin vor einigen Stunden aufgewacht und erinnerte mich an nichts mehr. Es war alles weg, wie als ob ich vorher noch an einem anderen Ort gewesen wäre…“

Sara biss genüsslich von ihrer mit Marmelade bestrichenen Brotscheibe. Sie schien nicht überrascht zu sein und blickte das Mädchen nur aufmunternd an: „Na ja, kann man halt nichts machen. Ist nun mal passiert, dass du hier bist. Willst du Milch oder Kaffee?“

Milch war dem Mädchen irgendwie vertrauter als Kaffee, demnach entschied sie sich für das Erstere. „Milch, bitte.“

„Mit Honig?“

„Ja, gerne.“

Sara grinste: „So trinkt Link die immer. Er trinkt gar keinen Kaffee. Weiß der Teufel warum, aber Milch liebt er.“ Die Fremde lächelte leicht und musterte Sara nun genau. Links Schwester hatte tatsächlich keine Ähnlichkeit mit ihm, was nebenbei nicht möglich war. Sara wirkte ziemlich ungehobelt auf die Menschen ihrer Umgebung, was sicherlich an ihren frechen blaugrauen Augen lag, ihrer kurzen Frisur und der Tatsache, dass sie liebend gerne grüne Kleidung trug. Wie eine kleine Koboldin erschien sie, zwar nicht gierig, aber extrem unverschämt. Sie hatte außer dem Aussehen, viel mit Link gemeinsam und ließ sich ihren Mund nicht verbieten.

„Sind meine Eltern einverstanden, dass du hier bleibst?“

„Ja, das sind sie. Link hat ihnen vorhin alles erklärt.“

„Das ist echt lieb von ihm, nicht wahr?“

„Er ist ein sehr guter Mensch. Das weiß ich, seit ich aufgewacht bin…“ Sara grinste: „Ja, allerdings und gutaussehend, aber das brauche ich dir nicht mitteilen, das sieht man auch so…“ Nach der Bemerkung blickte die Schöne weg.

„Aber die Art und Weise, wie er vielleicht einen Eindruck bei den Menschen hinterlässt, ist rätselhaft. Er schleppt viele Probleme mit sich herum und tut manchmal nur so, als wäre er fröhlich. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich ihn nicht kennen… das solltest du wissen, wenn du schon hier bist und das verheimliche ich auch nicht vor dir.“

Die Fremde verstand die kleine Warnung. „Aber egal. Wo ist denn der Held überhaupt?“

„Held?“, sagte die junge Dame dann. Sara kicherte daraufhin und erwiderte: „Das erkläre ich dir später, wenn wir einen Namen für dich gefunden haben“, meinte Sara mit einem Wink.

Richtig, die junge Dame war ja immer noch auf der Suche nach einem Namen...

„Aber dein Alter könnten wir schätzen“, ergänzte Sara noch. Das Mädchen mit den braunen, kurzen Haaren stand auf und holte einige weitere Teller aus dem Schrank, deckte schnell den Tisch und ging mit der Fremden aus dem Raum. „Ich würde meinen, du bist in etwa so alt wie Link.“ Die Unbekannte stimmte dieser Sache zu.

         „Gibt es irgendeinen Namen, der dir gefällt?“, fragte Sara und lief den Korridor zu Links Zimmer entlang.

„Nein...“

„Und welche Namen findest du gut?“

„Ach, ich weiß es wirklich nicht. Das ist gar nicht so einfach...“, erwiderte die Fremde.

Sara drehte sich zu ihr um, besah sie sich von unten bis oben und grinste unverschämt: „Ich habe eine Idee, aber Link köpft mich dann, wenn ich das laut sage.“

Die Fremde öffnete ihren Mund, wollte wissen, was Sara mit ihrer Heimlichtuerei bezweckte, aber diese kicherte nur und meinte noch: „Der Name würde zu dir passen, wirklich, aber Link... wird sicher nicht begeistert davon sein.“ Die Fremde zuckte teilnahmslos mit den Schultern. „Egal, ich brauche nur einen Namen, unwichtig welchen.“

Sie ereichten das Zimmer von Link und klopften, aber es öffnete ihnen niemand.

„Nanu? Ist er denn nicht in seinem Zimmer?“

„Weiß nicht“, sagte das unbekannte Mädchen. „Er sagte nicht, dass er fortgehen wollte. Ich dachte, er wäre in seinem Zimmer.“ Sara klopfte erneut, aber Link schien nicht da zu sein.

         Ohne weiter zu überlegen, traten die zwei Mädchen in sein Zimmer und fanden ihn schlafend auf dem Fußboden. Sara rüttelte an seinen Schultern und gab ihm dann einen Klaps an seine rechte Wange: „Link?“ Schläfrig machte er die Augen auf, setzte sich aufrecht und gähnte. „Mensch Sara, wie spät ist es denn?“ Die Fremde stand hinter ihm und zuerst registrierte er sie nicht.

„Es ist halb Neun? Du bist eingeschlafen“, sagte Sara.

Links Erinnerungen kamen wieder und seinen Kopf schüttelnd murmelte er unabsichtlich: „Wo ist überhaupt Ze...“

„Was?“, sagte Sara laut. Hämisch begann sich ihr Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen. 

„Nichts.“ Link drehte sich um und sah die schöne Unbekannte lächelnd an der Tür stehen.

„Lust auf Frühstück, Brüderchen?“

„Jep“, meinte Link und sprang vom Fußboden auf. Er ließ sich seine Schmerzen erneut nicht anmerken und schauspielerte. Es ging eben gegen seinen Stolz vor der Unbekannten den Jammerlappen zu spielen und somit tat er so, als wäre nichts, ignorierte das Brennen, versuchte das Schwindelgefühl zu unterdrücken.

         Link erzählte Sara ausführlich davon, wie er seine Eltern überzeugt hatte, redete mit der Unbekannten als würde er sie schon lange kennen. Und so verging die Zeit wie im Fluge.

         Seine Eltern schlossen die Dame sofort ins Herz und waren von ihr noch begeisterter als Link selbst... 

 

Nach dem Mittagessen überlegten die drei Jugendlichen in Links Zimmer, wie man für die Fremde einen guten Namen finden könnte.

„Ich weiß“, sagte Sara und kramte nach vielen, vielen leeren Papierzetteln. „So Leute, lasst uns Namen auf diese Zettel schreiben und dann werfen wir sie in einen Beutel und du...“ Sie deutete zu der Fremden. „... du ziehst irgendeinen davon heraus. Und der Name, der auf dem Schnipsel steht, wird deiner sein.“

Link und das Mädchen stimmten dem Vorschlag zu und jeder schrieb irgendwelche Namen, die ihnen in den Sinn kamen, darauf.

         Der junge, zukünftige Held verschwand für eine Weile aus dem Raum, als die Fremde Sara wegen der Sache von vorhin ansprach: „Sara, welchen Namen hast du vorhin gemeint...“

„Das wirst du erfahren, wenn du einen bestimmten Zettel ziehst. Und wenn du diesen Zettel unbewusst auswählst, dann ist das entweder Zufall oder Schicksal...“

„Du bist geheimnisvoll, Sara.“

„Nö, ich bin bloß schlau und das sieht man nicht nur an meinen Schulnoten und ich bin nicht eingebildet.“ Die Fremde lächelte. „Das habe ich auch niemals angenommen. Aber irgendetwas verbirgt sich hinter dir.“ Sara sah die Fremde mit einem ernsten Blick an. Die Fremde blickte ebenso in Saras Augen.

„Du siehst viele Dinge, die niemand sehen kann, Sara... aber du hast Angst davor.“ Und die Situation zwischen Sara und dem fremden Mädchen wandelte sich von locker zu gehemmt und angespannt. Als würde das fremde Mädchen Dinge hinter den Augen eines Wesen erkennen, die das Wesen selbst nicht preisgeben wollte, als wüsste sie mehr als jeder andere.

„Du siehst Dinge, bevor sie geschehen und doch hast du diese Fähigkeit noch nie als solche erkannt...“ Die junge Lady mit dem Blick einer weisen, mächtigen Persönlichkeit nahm Saras Hand und sagte leise: „Fürchte dich nicht vor dir selbst, Sara...“

„Aber ich...“, murmelte Sara und blickte verwirrt und eine Spur angsterfüllt weg. Die Fremde stand auf und wunderte sich wohl über sich selbst

„Verzeih mir Sara, ich wollte nicht...“ Ein wenig schockiert legte sie eine Hand über ihre Lippen, verstand nicht, wusste nicht, was in sie gefahren war. Und da war es wieder... irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Sie war anders als andere Menschen und gegenüber Sara hatte sie einen weiteren Beweis dafür.

         „Du bist genauso verrückt wie Link, weißt du das?“, sagte Sara um die beklemmende Situation zu überspielen.

„Apropos Link... du wolltest vorhin wissen, was ich gemeint habe, als ich sagte... Held?“

Das Mädchen drehte sich langsam um und nickte lediglich verlegen mit dem Kopf.

Sara hüpfte zu Links Schreibtisch und blätterte in dem Spielberater von ,Ocarina of Time’ herum. „Siehst du, sein Name ist auch Link.“ Und Sara deutete vielversprechend auf die mit einer Tunika bekleidete Figur.

„Wirklich?“

„Ja, lustig... aber er mag es nicht, wenn man ihn nur wegen seines Namens mit einer Spielfigur vergleicht. Er hasst es sogar...“

„Aber ich würde mir dieses Spiel gerne einmal ansehen.“ Und sie strich mit ihren Fingerspitzen über eine Abbildung des Helden der Zeit, tupfte über dessen Gesicht als wäre er echt.

„Solltest du vielleicht“, entgegnete Sara.

         In dem Augenblick kam Link zurück. Sofort bemerkte er, wie die beiden Mädchen über dem Spielberater gebeugt, amüsiert und grinsend darin herumblätterten.

„Und noch etwas… Link sieht der Spielfigur ähnlich. Krass, nicht wahr?“, sagte Sara, die noch nicht bemerkt hatte, dass Link in dem Zimmer stand. Die Schöne meinte nichts dazu, sondern dachte, wie demütigend es für ihn sein muss, stets damit verglichen zu werden. Eine Spielfigur war nun mal nicht wirklich, aber Link war es… Es musste ihn belasten, denn das Zeldaspiel war wohl in aller Munde…

„Ja, krass. Echt nett Sara. Und du hast nichts besseres zu erzählen, als dass eine Spielfigur mir ähnlich sieht und noch genauso heißt wie ich. Danke… ich dachte immer, du wärst anders als die meisten. Aber ich habe mich wohl getäuscht.“ Link blickte Sara mit einem verächtlichen Blick an, wie er es noch nie getan hatte. 

„Entschuldige Link, das…“

„Ich habe es schon kapiert, da ich nicht so naiv und schweigsam wie eine grünbemützte Spielfigur bin. Danke für deine Verspottung…“, sagte Link und fuhr ihr mit seinen Worten über den Mund. Wütend lief er in die Mitte der beiden Leute zu dem Schreibtisch, nahm das schwarze Heft an sich und legte es in einen Schrank, bedacht, dass es nicht gesehen wurde, als wäre es eine Art Rettung für sich selbst, wenn es das Tageslicht nicht mehr sah. Ebenso wie ein Land gerettet werden könnte, wenn es nicht mehr existierte…

Sara sah reumütig weg und das fremde Mädchen sah sich die beiden Menschen genau an, wusste und verstand zuviel… sie sah Dinge in dem Herzen eines Menschen, ohne es zu wollen.

         Eine lange unangenehme Pause entstand. Die Fremde ergriff die Initiative, nahm den Beutel mit den Namensschildchen zur Hand. Anstatt es einfach seinen Lauf nehmen zu lassen, hatten die Geschwister in diesem Haus eine Wissenschaft daraus gemacht, der Fremden einen Namen zu geben. Aber war dieser ganze Aufwand denn nötig? Fühlte sie nicht vielleicht doch schon, welcher ihr Name war? 

         „Am besten du ziehst gleich den Schnipsel“, sagte Link. „Dann machst du die Sache nicht so spannend.“ Sie nickte und kramte in dem Beutel herum.

Sie hatte einen Zettel und öffnete das zusammengefaltete Stückchen Papier sehr vorsichtig. Ein wenig irritiert sah sie in Links tiefblaue Augen und ahnte, dass ihm dieser Name gar nicht gefallen würde.

Sie sagte nichts, sondern reichte ihm den Zettel. Entsetzt, aber wohlwissend, welche Schrift diese auf dem Stückchen Papier war, sah er seine kleine Schwester an: „Du willst mich wohl endgültig in die Klapsmühle bringen, was?“, sagte er verärgert.

Schnell sah Sara auf den Schnipsel und hätte auch vorher gewusst, welchen Zettel die unbekannte Schöne gezogen hatte. Aber Sara lächelte nur: „Also, dann nennen wir dich Zelda.“ Sie schmunzelte. Wie schön es sein konnte, wenn sich harmlose, aber wohlgemerkt gewisse interessante Vorahnungen bewahrheiteten. Sara wusste, dass jene Dame diesen Zettel an sich nehmen würde.

         Link ließ sich genervt in seinen Sessel sinken und schüttelte bloß mit dem Kopf. „Das hast du ja toll hinbekommen, Sara… fein… fein…“

„Gut, oder nicht. Zelda passt doch zu ihr.“ Und Sara deutete vielsagend zu der schweigenden Unbekannten.

„Und was soll’ ich anderen Leuten erzählen, wenn sie mich fragen, was passiert ist? In etwa: ,Link findet Zelda’ Spitze, weiter so. Fehlen nur noch die sechs Weisen und der König von Hyrule…“, meinte er ironisch. Aus irgendeinem Grund störte ihn etwas. Nicht, dass der Name der Fremden nicht stehen würde, nein, aber vielleicht war es aus anderen Gründen nicht richtig.

         „Wenn andere fragen, kannst du ihnen ruhig die Wahrheit erzählen.“ Link funkelte Sara eindringlich an, als wollte er sagen. ,Die Wahrheit? Soll ich anderen sagen, was ich träume, oder dass ihre Stimme nach mir gerufen hat?’

Er ärgerte sich maßlos über Sara und in dem Augenblick war ihm alles zuviel. Seine Wunde brannte und verärgert murrte er: „Du bist einfach nicht mehr bei Trost, Sara.“

„Du bist hier nicht mehr bei Trost“, sagte sie eingeschnappt.

„Mag sein, aber ich demütige andere Leute nicht noch mit geistreichen Erfindungen, die keinen interessieren. Diesmal hast du total daneben gegriffen, Sara.“ Die Schöne mischte sich ein und begann mit einem: „Hey, beruhigt euch doch. Diese Sache ist doch kein Grund, sich aufzuregen, weil…“ Aber sie wurde unterbrochen von zwei griesgrämigen Gestalten, die sich wegen etwas so Stupiden, wie einem einfachen Namen, in den Haaren hatten.

         Link und Sara zankten sich so lange, bis Sara aus dem Raum rannte und die Tür hinter sich zu schlug. Jetzt würde sie wohl nicht mehr so leicht dem Frieden unter Geschwistern einwilligen…

         Beschämt über diese stumpfsinnige Demonstration eines läppischen Geschwisterstreits, suchte Link nach einem neunen Thema zur Ablenkung. Aber er verschwendete seine Zeit mit Überlegungen.

„Streitet ihr beide euch öfters“, fragte die junge Lady mit den blonden Haaren und setzte sich auf den Drehstuhl, welcher gegenüber von dem Schreibtisch stand.

„Ja… irgendwie immer wegen solchen Kleinigkeiten. Ich bin so hirnlos. Weißt du, eigentlich will ich Sara gar nicht anschreien, aber da ist diese Sache mit dem Spiel…“

„Du willst eben keine Spielfigur sein. Hey, wer will das schon?“, sagte die Fremde. Sie suchte seinen Blick und lächelte. „Sie ist dir bestimmt nicht böse. Ich glaube, jemandem wie dir vergibt man gerne den größten Fehler…“, setzte sie hinzu.

Link sah nur dumm aus der Wäsche. War das gerade ein Kompliment? Wie bescheuert. Er zeigte hier auf eine abfällige Art und Weise ein spätpubertäres Streitproblem mit seiner Schwester und die Fremde machte ihm noch Komplimente deswegen…

Er setzte ein charmantes Grinsen auf und nickte bloß.

„Aber wegen dem Namen…“, sagte er. „Ich finde…“

„Ja?“ Und das Mädchen ihm gegenüber rutschte einige Zentimeter näher an ihn heran.

„… er passt ausgesprochen gut zu dir… auch wenn ich es wohl nicht wahrhaben will.“

„Wirklich?“

         In dem Moment fiel Link auch wieder das Schmuckstück ein, welches hinter dem Nachttischschränkchen lag. Er stand auf und beugte sich zähneknirschend über den Schrank. Seine Wunde brannte stärker, wenn er unangemessene Bewegungen machte, aber vor diesem hübschen Gesicht würde er keine Schwäche zeigen, nicht heute, nicht morgen…

Diesmal krallte er sich das kostbare Schmuckstück und reichte es dem verdutzt drein sehenden, hübschen Gesicht ihm gegenüber.

„Du hast diese Tiara in deiner rechten Hand gehalten, als ich dich fand und nicht loslassen wollen. In der Nacht ist es dann unabsichtlich hinter dem Schrank gelandet. Es gehört dir und deshalb nimm’ es.“ Sie sah sich das edle Stück an und irgendwie war etwas Abstoßendes daran. Etwas haftete daran, das ihr nicht geheuer war, etwas so Unberechenbares, Kaltes.

„Ich will dieses Ding nicht haben“, sagte sie und bezeichnete das Schmuckstück damit als etwas Unnutzes, das keinen Wert hatte. Angewidert legte sie es auf den braunen runden Tisch in der Zimmermitte.

„Irgendwie macht es mich krank. Wenn du möchtest, kannst du es irgendwo verkaufen.“ Sie lief zum Fenster, was, so nahm Link an, ihre Lieblingsbeschäftigung war, und blickte mit verschränkten Armen hinaus.

         Link packte das Schmuckstück in eine Schachtel und steckte diese in den erstbesten Kasten. Er trat neben sie und nahm an dem Ausblick teil.

„Das ist eine seltsame Welt da draußen…“, sagte Link gedämpft, den aufkommenden Schmerz unterdrückend.

„Ja… jeder lebt ohne richtig den Sinn erkennen zu wollen…“, antwortete sie. „Aber warum ist dir diese Welt fremd? Du hast eine sorgende Familie und du führst ein normales Leben…“, sagte sie.

„So normal ist mein Leben nur leider nicht“, entgegnete er. Sie sah ihn von der Seite an und fürchtete sich fast davor, einen Blick hinter seine Fassade zu werfen. Er war so unbeschreiblich anziehend, so rätselhaft… Tiefe Geheimnisse lagen in seiner Seele und belasteten ihn. Das fühlte sie…

Er drehte seinen Kopf zu ihr und versuchte es mit einem seines sanften, charmanten Lächeln.

„Also… Zelda…“, murmelte er, überrascht, wie schön der Name doch klang, wenn man ihn richtig aussprach.

„Also, Link“, sagte sie.

„Was möchtest du heute tun? Ich würde dir ja gerne einmal die Stelle zeigen, wo ich dich fand, aber es ist so neblig draußen und nieselt. In den Wäldern ist es unangenehm, wenn solches, schmieriges Wetter ist.“

„Da stimme ich dir zu. Bist du denn häufig dort unterwegs?“ Link nickte nur. „Es ist, als ob mich etwas schon immer dort hingezogen hätte…“

„Als ob du früher dort gelebt hättest…“

„Ja, genau.“ Sie erwiderte seinen nachdenklichen Blick. Unmöglich… sie verstand ihn, kannte seine Gedanken. Und es war das erste Mal in Links Leben, dass ihn jemand auf diese Art und Weise verstehen wollte. Das erste Mal, dass er sich so mit einer Menschenseele unterhalten konnte.

„Ich danke dir, Zelda“, meinte er.

„Wofür?“ Überraschung stand in ihren Augen.

„Ach, einfach nur so.“

Sie blickten sich erneut so lange an wie möglich, bis einer von beiden mit den Wimpern zuckte.

„Du gibst mir Mut, auch wenn ich nicht verstehen wieso…“, sagte sie, „Ich fühle mich irgendwie so sicher hier, aufgehoben und äußerst wohl. Wie kann ich dir nur danken, dass ich hier bleiben kann?“

„Mir fällt später bestimmt was ein…“, sagte er grinsend, verkniff sich aber besagtes Grinsen wieder, als seine Wunde sich bösartig einmischte. Er atmete tief ein und stützte sich leicht auf der inneren Fensterbank ab.

         Plötzlich fühlte er eine warme sanfte Hand auf seiner Stirn. Seine Augen begegneten ihren, die sichtbar besorgt dreinblickten. „Du brauchst mir nicht die heile Welt vorspielen, die es für niemanden gibt… und dir brauchst du diese auch nicht vorspielen…“, murmelte sie ein wenig unsicher. Sie wusste, ihm ging es nicht gut. Sie fühlte sein Fieber beinahe, als wäre es ihr eigenes.

Er sagte nichts auf ihre Worte, nahm ihr Handgelenk und führte jene warme Hand, trotz des durchaus angenehmen Gefühls ihrer Haut auf seiner Stirn davon weg.

         Link lief einige Runden im Raum hin und her, beachtete Zeldas ernsten Blick nicht und lief zur Zimmertür. Verdammt, er wollte vom Thema ablenken, und hatte keine Ahnung wie. Sie hatte ihn durchschaut, sie wusste zuviel…

„Warte, Link. Könntest du mir dieses Spiel denn einmal zeigen?“

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich habe Sara versprochen, es nicht anzurühren… frag’ sie deswegen.“ Und er legte eine Hand auf den Türgriff.

         „Link, ähm…“ Sie wollte zu ihm durchdringen. Das schien aber eine Lebensaufgabe zu sein. Er verheimlichte so vieles, nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst…

„Ja“, fragte er ohne sich umzudrehen.

„Bitte rede mit mir. Erzähl’ mir etwas von dieser Welt, Link.“ Er öffnete die Tür.

„Später…“, murmelte er und ging aus dem Raum. Sie folgte ihm, wollte wissen, was mit ihm nicht stimmte, ihm helfen, da er ihr geholfen hatte. Sie schritt ebenso aus dem Raum und wunderte sich zunächst, wo Link so schnell abgeblieben war.

 

Zelda lief in die Stube und sah Links Eltern dort vor dem Fernseher sitzen. Genüsslich schaufelten sie sich ein paar Chips in den Mund und lachten über eine stupide Videoaufzeichnung.

„Suchst du Link?“, fragte Meira in einem Moment, als sie ihr schrilles Lachen unterbinden konnte.

„Ja, das tue ich.“

„Er hat seine Jacke angezogen und ist ohne ein Wort abgerauscht. Komm’ ja nicht auf den Dreh ihm hinterher zurennen. Du holst ihn sowieso nicht ein.“

„Warum denn nicht?“

„Weil er zu schnell ist und seine Geheimverstecke kennt.“

„Und wo ist Sara?“

„Die ist bei Mike, einem Freund.“ Zelda lief zu der Couch, wo das Ehepaar gemütlich saß und auf einen neuen Flachbildfernseher schaute. Meira stand auf und beäugte das Mädchen wieder. „Sara sagte, man soll’ dich mit Zelda anreden?“ Sie nickte und lächelte leicht schief. „Ein schöner Name. Aber egal, du weißt nicht, was du tun könntest, oder?“

„Ja, ich brauche wohl einfach nur eine Beschäftigung.“

„Das kann ich gut verstehen. Möchtest du vielleicht ein wenig lesen? Ich habe einige Phantasieromane, Horrorgeschichten und Krimis, wenn du magst. Da fällt mir ein, du kannst auch gerne irgendeine DVD aus der Sammlung meines Mannes schauen.“ Und Links Vater sah das Mädchen grinsend an.

„Danke, aber ich würde gerne irgendetwas Nützlicheres tun…“

„Nützlicheres gibt es bei uns am Wochenende nur leider nicht, nur Entspannendes… da hätte dich unser Sohn früher finden müssen.“ Und Zelda lächelte.

„Wegen Link…“, fing Zelda an. Sie setzte sich auf einen großen, cremefarbenen Hocker mit weichem Bezug. „Gibt es denn nichts, was ich für ihn tun könnte, wie ich mich bei ihm revanchieren könnte.“

„Du möchtest aus der Situation, so wie sie ist, eben das Beste machen. Das ist uns klar“, sagte Links Vater und Zelda sah sich diesen das erstemal genau an. Er hatte graublaue Augen, so wie Sara, trug einen Dreitagebart und war eigentlich sehr schlank, vielleicht sogar ein bisschen zu mager. Das auffälligste an ihm war eine große Narbe an seiner rechten Wange und die Brille auf der Nase.

„Ich würde dich ja gerne damit beauftragen, Links Schränke auf Unrat zu sortieren, aber du könntest wahnsinnig werden bei dem ganzen Kram, den er aufbewahrt und zweitens mag er es nicht, wenn jemand in seinen Sachen herumschnüffelt.“

„Vielleicht lese ich doch ein Buch…“, sagte Zelda dann.

Meira führte sie dann in ihre persönliche kleine Bibliothek, die aus einem großen Regal in ihrem Schlafzimmer bestand. „Was möchtest du? Harry Potter? Oder eher etwas von Wolfgang Hohlbein? Dean Koontz ist auch nicht schlecht oder… Marion Zimmer Bradley lesen auch viele.“

„Ja, also? Wenn ich ehrlich bin, sagt mir keines der Bücher irgendetwas…“

„Tja… das muss wohl an deinem Gedächtnisschwund liegen.“

„Nein, da steckt mehr dahinter“, seufzte Zelda, während sie die Bücher durchkämmte. Meira sah verwirrt drein und legte eine Hand auf die Schulter des Mädchens. „Wie auch immer, genieße deine Zeit hier doch einfach.“ Zelda nickte und entschied sich für ein Buch der Donovan- Saga.

Meira schmunzelte. „Aber ich warne dich. Diese Bücher sind immer ein wenig… nun ja… romantisch…“ Zelda tat diese Tatsache ab und nahm an, dass sie dies selbst herausfinden würde. Wenn es dann zu romantisch werden sollte und ihr das Lesen keinen Spaß machen würde, könnte sie das Buch auch wieder zu klappen.

         Meira folgte dem Mädchen in das Gästezimmer. Ein schönes Zimmer mit einem Ehebett, das Zelda für sich alleine hatte, stand in er Mitte. Ein Schreibtisch, eine kleine Couch, sogar ein Fernseher und ein Radio.

„Fühl’ dich ruhig wie zuhause.“ Was Zelda natürlich tun würde. Sie setzte sich vor den Schreibtisch und hatte spontan einen weiteren Gedanken. „Ähm, Meira, könntest du mir noch einen Gefallen tun?“

„Ja, was möchtest du?“

„Ich hätte gerne ein paar Blätter Pergament und eine Feder.“ Meira begann herzlich zu lachen und kugelte sich schon. Ihren Atem kontrollierend lehnte sie sich an die Wand. Seit wann benutzte man in der modernen Welt Federn zum Schreiben?

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, meinte Zelda leise und erneut verlegen.

„In unserer Welt benutzt man keine Federn mehr, zumindest nicht unbedingt für den Alltag, armes Kind.“

„Oh…“, sagte Zelda, „entschuldige bitte…“

Meira lief hastig auf sie zu. „Nana… dafür brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen. Es klang nur so witzig. Ich müsste mich für mein Gelächter entschuldigen… Warte ich hole dir Schreibzeug und ein Notizbuch.“  

         Zelda ließ sich beschämt mit dem Rücken auf das Bett fallen und hielt das Buch schützend vor ihren rotglühenden Kopf. Wie peinlich… wie demütigend…

Sie wusste einfach nichts, kannte sich in dieser Welt nicht aus und kam sich mit ihrer stumpfsinnigen, alten Art ziemlich unpässlich vor. Alles war befremdend… die Gegenstände…die Menschen…

Da war wieder dieses Gefühl etwas wissen zu müssen, was sie nicht wusste, was sie nicht erinnerte und doch war es von Bedeutung, nicht nur für sie- irgendwann vielleicht für diese ganze, moderne Welt. Während sie so dalag, wendete sie ihren Kopf zu der Fensterscheibe, sah Regen, der beinahe wütend vom nebulösen Himmel niederfiel. Etwas wartete da draußen. Jemand suchte nach ihr. Das ahnte sie, fühlte sie. Eine ihrer wunderbaren Fähigkeiten, mit denen sie nichts anzufangen wusste.

Etwas Bösartiges, unmenschlich Finsteres lauerte da draußen und wartete, begehrte Macht, verlangte nach Rache…

         Meira kam frohen Mutes in das Zimmer gestolpert und brachte die aus den Gedanken gerissene Zelda total aus dem Konzept. Dies schien wohl ihre beste Fähigkeit zu sein: Leute, besonders ihren Sohn, aus dem Konzept bringen wollend.

         Sie hatte einen A4- Block unter dem Arm und eine Federmappe in der Hand.

„Bitte sehr. Darf’ ich auch fragen, wozu du diese Dinge benötigst.“ Zelda sprang vom Bett auf und nahm Meira die Sachen ab. „Ich möchte meine Gedanken notieren und vielleicht einige Träume aufschreiben, um festzuhalten, was wichtig ist…“

„Na, da scheint unser Junge ja tatsächlich eine Prinzessin gefunden zu haben“, sagte Meira kichernd und pflanzte sich in einen Sessel neben dem Schreibtisch.

         „Ich danke dir sehr, Meira. Ich wäre verloren, wenn Link mich nicht gefunden hätte und ich nicht hier wohnen dürfte.“

„Er hat ja auch lange dafür argumentiert, dass du bleiben kannst.“ Zelda lächelte. „Und ich denke, ihn hat es irgendwie erwischt, als er dich sah. Du bist wirklich sehr hübsch. Das muss dir einfach mal jemand sagen.“ Zelda sah verlegen zu Boden und ihre Wangen färbten sich schwach rosa. „Danke für das Kompliment.“

„Nicht der Rede wert.“ Nach einer Pause ergänzte Meira noch: „Ehe ich es vergesse, Eric und ich fahren morgen in den Urlaub und Sara hat uns bereits darum gebeten, ob sie mitkommen kann. Das heißt, du bist mit Link allein in diesem großen Haus. Nächste Woche Sonntag sind wir dann wieder da. Nur, dass du Bescheid weißt.“ Zelda nickte. „Okay und nun tu’ das, was dir Spaß macht, Zelda.“

Und das Mädchen breitete sich wieder auf dem Bett aus, nahm sich das Buch und begann zu lesen.

         Gerade mal zwei Minuten später kam Meira wieder herein und ergänzte: „Und wenn du Hunger oder Durst hast, sag’ einfach Bescheid, ja?“

„Ja, danke…“

Wie herzlich diese Menschen doch waren, bei denen sie gelandet war. Ob wohl viele Leute in dieser modernen Welt so freundlich gesinnt waren und soviel Verständnis zeigten?

Zelda las mit Bedacht und Bewunderung jenes Buch und vergas darüber hinaus, wie die Zeit davonrannte.

 

Spät abends wurde Zelda aus ihrer Lektüre herausgerissen. Es läutete an der Haustür. Sie sprang auf und lief aus dem Raum hinaus. Auf der Treppe klingelte es erneut. Nanu? Warum öffnete denn niemand die Tür? Wo waren denn Meira und Eric? Wieder drang das Klingelgeräusch an ihre Ohren. Schnell hastete sie zur Tür und blickte durch den Späher. Link stand davor, total durchnässt, mit triefenden Haaren.

Zelda öffnete ihm mit einem: „Hey.“ Er trat wortlos ein und hielt sich nach Luft schnappend am Türrahmen fest. In dem Augenblick wusste das unbekannte Mädchen, dass es ihm alles andere als gut ging.

„Ich habe wohl meinen Schlüssel vergessen…“, sagte er leise, worauf Zelda nur lächeln konnte.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie. Aber Link sagte nichts darauf.

Langsam stolperte er hinauf zu seinem Zimmer und Zelda entschlossen hinter ihm her. Soll er doch schweigen wie ein Grab, sie würde schon herausfinden, was mit ihm nicht stimmte, dachte sie. Sie wollte sich für seine Hilfe, sein Mitgefühl, irgendwie bedanken und hatte diesbezüglich schon eine Idee.

         In seiner riesigen Stube angekommen, wunderte sich Link zunächst über die fremde Schönheit, da sie ohne die Spur von Zurückhaltung hinter ihm hergeschlichen war. Merkte sie denn nicht, dass er seine Ruhe haben wollte?

Er betätigte den Schalter seiner Schreibtischlampe, riss sich sein vom kalten Regen durchgeweichtes Cape vom Kopf und legte es neben den Ölofen. Es war düster draußen, viel zu düster…

Erschöpft von seinem kleinen Spaziergang machte sich Link auf seiner Couch breit. Er war bis auf die Knochen durchgeweicht, aber es interessierte ihn nicht. Weiterhin tat er so, als ob Zelda nicht im Raum wäre und schaltete seinen Fernseher ein, beobachtete stupide Figuren des Samstagnachmittagsprogramms.

„Ich… störe, nicht wahr?“, meinte sie leise. Dabei hatte sie gehofft, Link könnte ihr einige Dinge über diese Welt erzählen. Seine Augen begegneten ihren für einen kurzen, unbedeutenden Augenblick und doch konnte Link darin die Sorgen sehen, die Hilflosigkeit und sogar eine Spur Angst.

„Wenn du möchtest, dann setz’ dich doch…“, erwiderte er, inzwischen verdutzt über die Worte aus seinem eigenen Mund. Hatte er sich vorhin nicht gewünscht, seine Ruhe haben zu können?          Sicherlich wollte er das, andererseits mochte er ihre Anwesenheit und genoss es, wenn sie blieb.

         „Weißt du, wo meine Eltern sind“, sagte Link, um einen Anfang zu machen. Zeldas Augen funkelten kurz in einem fast unnatürlichen Licht auf und dann setzte sie sich neben ihn auf die Couch. Auch sie machte es sich gemütlich und legte ihre Beine hoch.

„Wahrscheinlich packen sie ihre Taschen für morgen und Sara ist bei einem Freund…“

„Aha, bei Mike, nehme ich an“, meinte Link und sein Blick wanderte zu ihr. Vorhin noch wirkte sie auf ihn so zerbrechlich, so unnahbar und irgendwie nicht von dieser Welt. Aber seit Zelda die Jeans und die Bluse trug, schien sie wie ausgewechselt zu sein, wirkte in seinen Augen wie ein gewöhnlicher Mensch mit einem unbeschreiblichen Lächeln.

„Ja, Mike hieß er, soweit ich mich erinnern kann.“

„Sie tut immer so als wäre er nur ein Freund, aber ich habe sie durchschaut…“, sagte Link und schmunzelte leicht. Er legte eine Hand auf den Verband unter seinem grünen T-Shirt, unterdrückte das Brennen. Doch Zelda merkte nichts davon…

„Du meinst, Mike ist ihr Freund?“

„Jep“, beendete Link. Wieder schaltete er durch das Programm und suchte nach lohnenswerten Sendungen.

„Eigentlich bin ich gar kein Freund davon seinen Tag mit dem Fernseher zuzubringen, aber bei dem Wetter da draußen, gibt es wohl nichts sinnvolles, was man tun könnte.“

„Ich wünschte, ich wüsste, was ich bei solchem Wetter getan habe…“, sagte sie trübsinnig und starrte auf den Bildschirm. Link rutschte ein wenig näher zu ihr und murmelte leise: „Hab’ ein wenig Vertrauen… so schnell geht das nicht mit den Erinnerungen.“ Zelda wich seinem Blick aus und verkrampfte sich kurz aufgrund seiner unmittelbaren Nähe.

„Ich mache mir einfach nur Sorgen… wer weiß, was ich jetzt hätte tun müssen…“ Er versuchte zu grinsen, das war aber wegen seines eher jämmerlichen Zustandes nicht so einfach. „Richtig, wer weiß. Also, mach’ doch das Beste draus, dass du hier bist.“

         Daraufhin lief Zelda ans Fenster, schaute hinauf in den Himmel, wo sich die Regenwolken langsam zurückzogen. Was sich in dieser Welt wohl dort oben verbarg, hinter den Wolken, hinter dem so alltäglich gewordenen Sonnenuntergang?

„Ich habe vorhin ein interessantes Buch gelesen“, meinte sie und sah einen Bussard über den Wäldern im Süden verschwinden.

„Einen Roman von meiner Mutter, nehme ich an.“

„Es gibt so viele Dinge, die ich darin einfach nicht verstanden habe, so viele Dinge, Begriffe, von denen ich noch nie hörte.“ Sie stütze eine Hand an ihren viel zu schweren Kopf, wo etliche erdrückende Gedanken herumkreisten. Sich fragend wieso, sich fragend warum ihr alles so unvertraut war, begann sie an ihrer eigenen Existenz zu zweifeln. Sie blickte sehnsüchtig in das weite Himmelszelt, wissend, es gab soviel mehr als diese Welt und doch verstand sie ihr eigenes Wissen nicht. Der Mond gab sich preis und durchbrach den dunklen Schleier jener Wolken, die sein Licht zu versiegeln versuchten.

„Ich…“, fing Zelda an, wusste aber doch, wie dumm das, was sie sagen wollte, klang. 

Link stand plötzlich neben ihr und schaute hinauf ans Himmelszelt.

„Du… liebst den Himmel…“, sagte er, erstaunt, woher er doch wissen konnte, was ihr auf der Zunge lag. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte kurz. „Du kannst meine Gedanken lesen. Hast du das irgendwo gelernt?“

„Nein. Das funktioniert nur bei dir…“, erwiderte er ehrlich.

„Da muss ich demnächst ja vorsichtig sein.“

„Hast du Angst, etwas Falsches zu denken?“ Und eine Spur Heiterkeit stach aus seiner Stimme heraus.

„Nein, ich habe eher Angst das Richtige zu denken…“ und ihr Kopf drehte sich wieder zu dem in grauen Farben versinkendem Abendhimmel.

„Nur so als Hinweis… ich bin gewappnet für jeden von deinen Gedanken.“

„Bei manchen Gedanken bricht selbst der stärkste Schutzwall“, meinte sie und grinste dann. 

„Du siehst aber ehrlich gesagt so unschuldig aus, dass deine Gedanken nicht so gefährlich und todbringend sein könnten.“

„Das Äußere kann trügen“, erwiderte sie und ihr Lächeln verschwand. „Ich glaube, ich bin nicht so harmlos wie ich auf andere wirke, wie ich vielleicht auf dich wirke.“

„Du hast Angst vor dir selbst, Zelda…“, murmelte er. „Glaub’ mir, ich kenne dieses Gefühl nur zu gut.“ Sie nickte vielsagend.

Link wusste, wovon er redete. An manchen Tagen fühlte er sich tatsächlich zu mehr imstande, als er tun sollte. Sein Erscheinungsbild mochte das eines Jugendlichen sein, doch innerlich verbarg sich ein Mensch, der schon vielmehr Tod und Leid gesehen hatte als jeder andere.

         „Gelegentlich, wenn ich in das Blau des Himmels sehe, überkommt mich so ein… beunruhigendes Gefühl.“, meinte sie, „So als…“, sie suchte nach richtigen Worten…

„Als ob es nicht ewig halten könnte…“, sagte er für sie.

„Wenn du dich weiterhin in meinen Kopf einschleichst, endete das noch böse“, erwiderte sie kichernd.

„Alles wird gut“, meinte er spöttisch und schmunzelte.

         Nach einer Weile andächtigem Bestaunens des Abendhimmels, fragte Zelda: „Meinst du, er hält ewig, meinst du, das Blau des Himmels wird immer bleiben?“

„Ich denke, es wird immer jemanden geben, der dafür sorgt, dass es bestehen bleibt.“

„Das ist eine zuversichtliche Sichtweise.“

„Ja, und wenn nicht, übernehme ich den Job.“

„Job?“ Sie lachte über diesen Gedanken. Wie könnte ein Siebzehnjähriger schon dafür sorgen, dass die Sonne am Himmel scheinen würde, besonders einer, der die Rettung des Himmels als Job ansah. Sie schüttelte über ihren kleinen Gedankenspaziergang den Kopf. Warum machten sie sich jetzt Gedanken um das Ende der Welt? Als ob der Teufel von der Hölle aufgestiegen wäre. Wie weit die beiden Jugendlichen vom Thema abgekommen waren, bemerkte das fremde Mädchen nun und wunderte sich ein bisschen.

„Jep. Nächste Woche sind Schulferien, also habe ich Zeit für das ein oder andere Abenteuer.“

Sie grinste ihn an. „Ich bin also bei einem Abenteurer gelandet.“

„Erstens hätte dich ein Langweiler niemals gefunden und zweitens erlebst du in der Gesellschaft eines Abenteurers mehr.“

„Da bin ich aber froh, Link“, sagte sie grinsend.

„Und ich erst…“, murmelte er, nicht sicher, wie genau er das meinte. Er war froh, dass sie hier war, obwohl er sie nicht kannte. Ja, in der Tat, aber war das die volle Wahrheit?

         Link tapste zu dem Schreibtisch und knipste gleichzeitig seinen Fernseher aus. „Ich habe eine Idee. Sara hat mir zwar verboten, den Gamecube anzurühren, aber ich könnte dir ein Gameboyspiel zeigen, welches sich um Zelda dreht. Und du wolltest doch etwas darüber wissen, nicht?“

„Doch“, sagte sie und hüpfte ebenso von der Couch. Link erklärte ihr daraufhin einige Dinge über ein wissenswertes Spiel mit dem Namen: ,Minish Cap’. Zelda zeigte Begeisterung und verliebte sich sofort in das Spiel. Es besaß etwas, das sie erinnern wollte. Etwas rüttelte an ihr, als sie den Sinn des Spiels verstand…

         Nach einer Weile schaltete Link das Spiel aus und ließ sich auf sein Bett sinken. Fast automatisch fielen ihm die Augenlider zu.

„Zelda“, sagte er, bemüht seinen Zustand zu verheimlichen. Sie kniete vor ihm nieder, so wie er es getan hatte, als sie aufwachte.

„Mmh?“

„Ich weiß, ich wollte dir etwas über diese Welt erzählen, aber…“

„… es geht dir nicht gut“, beendete sie für ihn. Er sah sie wieder an, erkannte so etwas wie Gewissheit in ihren Augen und Verständnis. Er nickte bloß.  „Soll ich dich alleine lassen?“

„Bitte…“, meinte er. Nun gut, sie respektierte das. Wenn er sie darum bat zu gehen, dann hatte er sicherlich seine Gründe. Sie legte kurz eine Hand auf seine Wange und murmelte noch: „Danke noch einmal Link und schlaf’ schön, damit es dir bald besser geht.“

         Link sah ihr hinterher, als sie das Zimmer verließ und für einige Sekunden erneut einen Blick zu ihm wagte. „Gute Nacht“, sagte Link schwach. Dann war sie verschwunden und Link war allein mit seinen Problemen, so allein wie eh und je. Aber vielleicht wusste Zelda schon lange, was nicht stimmte… vielleicht konnte sie irgendwann zu ihm durchdringen und ihm helfen, so wie er ihr geholfen hatte.

         Link krabbelte erschöpft unter seine Decke und machte ohne weitere Bewegungen oder Gedanken die Augen zu. Noch ganz in seiner Bekleidung schlief er ein, wünschte sich, es gäbe diese Nacht keine Träume in seiner Welt… keine Monster… keine fremden Gesichter. Niemand durfte jemals Zutritt zu dem Link haben, der er in Wirklichkeit war, niemand durfte jemals sehen, was sich hinter dem jugendlichen Gesicht Links verbarg.

Nicht seine Eltern. Nicht Sara oder seine Freunde. Auch nicht Zelda…

         Sie durften niemals herausfinden, was in ihm vorging. All die Dinge, die Begegnungen mit dem Bösen in seinen Träumen, die unheimlichen Wunden, würden sie vergessen lassen, dass immer noch Link- ihr Sohn vor ihnen stand. Er wollte nicht zugeben, wie schlecht es ihm ging. Es war ganz leicht mit den Schmerzen fertig zu werden… doch, das würde schon irgendwie funktionieren.

Von Kindesbeinen an redete sich Link ein, er könne nur stark sein, wenn er Ängste, wahre Empfindungen… nicht zugab. Er bezahlte den Preis für die Wanderung an die Grenzen seiner eigenen Kräfte. Doch wofür? Wofür ging er denn die ganze Zeit durch die Hölle? Er war sich selbst eine Erklärung schuldig.

 
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