Kapitel 20
 

Kapitel 20

 

 

 

 

Nach einem einfachen Tschüß zu Impa traten die beiden hylianischen Seelen aus der Haustür heraus und liefen durch die leerwerdende Stadt.

„Es hat sich wohl in den drei Wochen gar nichts verändert, was“, meinte Link, als sie am Marktplatz vorbeigingen. Inzwischen war es draußen wahrhaft düster geworden. Das brennende, erdrückende Sonnenlicht am Himmel malte die Farben eines riesigen Meeres aus Feuer und dreckiggelbem Licht. Und zwischendrin zogen bleifarbene Gewitterwolken auf.

„Nein... aber ich habe das schreckliche Gefühl, es wird sich bald einiges ändern. Nicht nur in unserer Kleinstadt, sondern auf der ganzen Welt“, meinte Zelda leise.

            Auf dem sonst so menschenüberfüllten Markplatz herrschte Totenstille, aber der Wind wehte heftiger als noch vor einigen Minuten. Die ersten bunten Herbstblätter fielen von den kahlwerdenden Bäumen. Nostalgisch blickte Zelda in die näherkommenden Gewitterwolken. Es war wie damals. Sehr bald würde sich der Himmel blutrot färben, dann, wenn rotglühende Teufelsaugen am Himmel standen. Die Nachrichten, die Unglücke auf der ganzen Welt waren Vorboten für die Dinge, die sich ereignen würden. Böses würde die Welt überziehen. Böses würde suchen, was es begehrt und sein Drang nach Macht konnte nicht gestillt werden. Böses, wie es kein Mensch kennt, würde sie alle zu Untertanen machen.

            Sie überüberquerten den Marktplatz trübsinnig, als Link bemerkte, dass sie von jemanden verfolgt wurden. Er drehte sich um und forderte Zelda auf, sich in seiner Nähe aufzuhalten. Sein Beschützerinstinkt kam mal wieder zum Vorschein.

            Ein Schatten kam aus einer kleinen Seitengasse näher. Beide erkannten den Typen als Preston.

„Aha, da bist du ja, Schätzchen“, sagte er und ging unverblümt auf Zelda zu.

„Lass’ deine dreckigen Pfoten von ihr“, drohte Link und stellte sich dem schwarzhaarigen Schüler entgegen, der schon wieder eine Zigarette im Mund hatte. Er nahm sich ein ungewöhnliches, taschenmesserartiges Feuerzeug und zündete sich den Glimmstängel an.

„Schlechtes Wetter, um hier herumzulaufen. Du gestattest Link, ich werde Zelda nach Hause bringen“, sagte er und war sich seiner Sache wohl unheimlich sicher. Er fasste das hübsche Gesicht mit seinem schmierigen Grinsen ins Auge.

„Ich hätte Lust mich zu amüsieren, Schätzchen.“

Zelda sah ihn mit einem Blick an, den Link bei ihr noch nie gesehen hatte. Ihre Augen wirkten wie die einer gefährlichen Wildkatze, die gleich angreifen würde. Der junge Held konnte ihre Wut fühlen, so gewaltig war deren Anflug. Genervt packte Link seine Zelda am Arm und schob sie vorwärts.

„Komm’, wir haben keine Zeit für so ein krankes Hirn. Lass’ uns gehen“, sprach er, ein wenig angewidert.

„Ihr bleibt gefälligst hier“, rief Preston und rannte ihnen hinterher. Er schnappte sich Zeldas Hand in Windeseile, sodass Link es nicht verhindern konnte, und zerrte sie zu sich heran. In dem Augenblick verpasste die Prinzessin fuchtig und plötzlich alles andere als harmlos dem Kerl eine Ohrfeige und schließlich einen kräftigen Tritt in seine Magengegend.

„Soviel dazu. Und hör endlich auf mich anzubackern, du Mistkerl!“

            Sie kochte nun vor respektwürdigem Wut und Link, im Übrigen geschockt, da er nicht wusste, wie gut sie sich selbst verteidigen konnte, hatte das Gefühl, es würde sofort ein Unglück geschehen. Preston ließ sich auf seine Knie sinken und krümmte sich vor Schmerzen.

„Wenn du es noch einmal wagst, meine Hand anzufassen, verpass’ ich dir noch einen Tritt an andere Stellen, die wesentlich empfindlicher sind.“ Grinsend wand sich das Mädchen zu ihrem wahren Helden und gemeinsam liefen sie weiter, achteten nicht mehr auf den Typen, der sich jedoch nicht einschüchtern ließ, wieder aufstand und nun einen blanken Dolch in der Hand hatte. In dem Augenblick sah Zelda nach hinten und sah, wie der eingebildete Schwätzer den Dolch nach ihrem Link schleuderte. Nun war alles zu spät.

Heftig drehte sie sich um und innerhalb von Sekunden wehte ein noch stärkerer Wind als vorher, welcher allerdings von Zelda ausging. Sie streckte ihren rechten Arm nach vorne und eine gewaltige Kraft wurde frei. Etwas Unsichtbares, das Zelda erschaffen hatte, stoppte den Dolch, der zu Boden fiel und der Energiestoß traf Preston mit einem gewaltigen Krachen. Er wurde meterweit nach hinten geschleudert und blieb reglos am Boden liegen. Zelda kam zur Besinnung. Die Wut in ihrem Innern hatte sie gänzlich unter eine fremde Kontrolle gebracht. Fassungslos starrte sie auf ihre Hände. Preston regte sich wieder und hatte das erste Mal den Ausdruck von Angst in den Augen. Er stand auf und lief weg.

            „Ich wollte ihm nicht weh tun... was hab’ ich nur getan?“ Link nahm sie an der Hand und meinte leise, als er ihre Hand zu seinem Gesicht führte.

„Es ist okay. Du hast ihn nicht ernsthaft verletzt, Zelda, und außerdem, hat er nicht das Recht gehabt, diese warme Hand zu halten... Hab’ ich denn das Recht dazu?“ Er küsste die Hand.

„Ja, das hast du...“, sagte sie und lächelte leicht.

„Aber was hast du denn eigentlich gerade getan?“ Er schaute zu den Fenstern der Häuser. „Ich hoffe, dass niemand sah, über welche magischen Waffen du verfügst.“

Sie liefen weiter und bogen eine kleine, abgelegene Straße ab.

„Wie kommt es eigentlich, dass du solche Magieattacken beherrscht?“

„Ich habe keine Ahnung. Ein Überbleibsel aus Hyrule? Was anderes kommt mir nicht in den Sinn.“

„Ein Überbleibsel... War das denn nicht das erste Mal, das dir derartiges passiert ist?“

            Zelda blieb stehen und schaute erneut in den wolkenverhangenen Himmel.

„Ich habe schon einige Male zuvor, diese Energie gespürt, jene Macht, die damals das Triforcefragment der Weisheit mit sich brachte. Aber ich besitze in dieser Welt kein Abzeichen der drei Göttinnen mehr. Das kann einfach nicht sein.“

Link nahm schon wieder ihre Hand, streichelte mit seinem anderen Handballen darüber und sagte daraufhin: „Ich will dir nichts vormachen. Mir geht es ähnlich. Ich habe dir und Ines doch erzählt, dass ich von Wölfen angegriffen worden bin.“

Zelda blickte ihn sanft an. „Mmh...“

„Als ich einen Wolf vernichtete, ist dieser plötzlich, als ich zu stach, wie eine Bombe explodiert. Zu diesem Zeitpunkt habe auch ich eine merkwürdige Energie gefühlt.“

„Aber wie kommt das?“ Sie folgten dem Weg durch den Park. Einige Jugendliche hielten sich dort noch auf und räumten ihre Decken, Radios und andere Gegenstände weg, da es vermutlich binnen Sekunden regnen würde.

„Sian, also Shiek, erzählte mir, das die alten Mächte, sprich das Triforce, auf irgendeine Art und Weise einen Einfluss auf uns beide haben könnten.“

„Das ist interessant, außerordentlich interessant.“ Zelda schmunzelte. „Ich bin froh, dass ich mich auf diese Art und Weise selbst verteidigen kann.“

„Ich auch...“ Link müsste sich somit nicht ständig Sorgen um sie machen. Dieses Mädchen war stärker, als er geglaubt hatte. Selbst wenn sie keine magischen Fertigkeiten besäße, mit Fäusten konnte sie sich auch gut selbst beschützen. Das war seine Zelda... Link schenkte ihr ein vielsagendes Grinsen und sie rannten nun in Richtung seines Elternhauses, um nicht von den ersten Regentropfen getroffen zu werden.

 

Aus der alten Kirche in Schicksalshort erklangen einmal wieder Orgeltöne einer grausamen Melodie, die so kalt und schief klang, dass sie keiner hören wollte. Stolz saß ein kräftiger Mann vor dem Instrument und lachte zu den Tönen, die umherschallten. Mortesk kam angekrochen und erstattete Mitteilung an seinen Herrn und Meister: „Der Held der alten Welt hat jeden Angriff in Irland von euren Untertanen gut überstanden. Er wird stärker, zu stark...“

Der niederträchtige Mann, von dem eine schier teuflische Energie ausging stand auf und stoppte sein Spiel.

„Wie kommt es, dass er trotz dem Tod seiner geliebten Prinzessin noch so stark sein kann? Was hat ihm dieses Menschsein beschert, dass er allmählich zu seiner alten Stärke zurückfindet? Und wieder habe ich dieses Balg unterschätzt. Dennoch, besiegen wird er mich niemals können... Sein Herz muss zerfressen sein, von dem Gedanken nach Rache für Zeldas Tod.“

            Er schritt wie ein König in Richtung Altar und schaute mit kalten Augen zu den zwei leeren Flecken, wo einst schwarze Bilder hingen. „Hast du inzwischen in Erfahrung bringen können, wo diese Abbilder abgeblieben sind, Mortesk und ich warne dich, enttäusch’ mich nicht schon wieder, sonst siehst du Zarna und deine schwächlichen Brüder gleich in der Hölle... haha!“

„Verzeiht mir, Milord...“ In einem winzigen Augenblick leuchteten die Augen des Ungetüms wie seine feuerroten Haare.

            „Aber heute beobachtete ich, wie er mit einem anderen Mädchen durch den Park gelaufen ist. Sie besaß braune Haare.“

Erneut spielte der Fürst des Schreckens Orgel: „Wenn dem so ist, hat er anscheinend für Zelda nicht allzu viel übriggehabt. Dabei dachte ich, die Stärke eines Helden wäre Liebe. Pah... dieses Wort vergiftet meine Zunge.“ Er spielte weiter und erinnerte sich an viele seiner Schandtaten in der alten Welt. Wie vielen Kindern hatte er die Eltern geraubt, nur um seinen Drang nach Vernichtung zu stillen? Wie viele reine Herzen ausgelöscht, um noch mehr von dunklen Kräften sein Eigen nennen zu können? Hylianer, Kokiris, Zoras, Goronen, er hatte sie alle auf dem Gewissen. Sogar Feen hatte er um ihre Kräfte beraubt und Götter. Sein abartiges, krankes Gelächter schallte durch die Halle, bei den Erinnerungen an seinen Mordtrieb, die sich wie pures Vergnügen für ihn anfühlten. 

 

Link und Zelda erreichten, doch noch durchnässt, sein Elternhaus und hörten ein wildes Kichern aus dem Gebäude. Was war denn da los? Link öffnete die Tür und sie durchquerten den dunklen Korridor. Er erkannte die Stimmen. Rick, Sara, Maron und Mike mussten sich in der Stube befinden. Was machten die denn hier? Schweigend zogen sich die beiden ihre Jacken aus und gingen unauffällig ins Badezimmer.

„Sieht so aus, als wären meine Eltern zusammen ausgeflogen. Machen die öfter... Sara hat wohl die anderen drei eingeladen.“ Link nahm aus einem hellbraunen Schrank ein grünes und ein blaues Badetuch und reichte Zelda eines davon.

„Hier. Du bist ja total durchgeweicht. Brauchst du einen Fön für deine Haare?“

„Es geht. Danke.“ Als sie beide zusammen vor dem Spiegel standen, war da schon wieder diese seltsame Atmosphäre. Allmählich wurde Link nervös, ebenso wie Zelda. Sie drehten sich zueinander und sahen sich einfach nur an.

Gedankenlos berührte der junge Held einige Strähnen ihres nassen Haares und sagte sanft: „Weißt du, die Farbe steht dir...“

„Wirklich?“

„Ja... sehr gut sogar...“

„Dann...“

„Ähm... nun...“ Links Hand wanderte zu ihrem Gesicht und streichelte die zartrosa Wange. Es erschien ihm alles wie ein schöner Traum, einmal mehr so unwirklich mit Zelda hier zu sein. Sie schloss ihre Augen und war sich nicht sicher, wie sie reagieren sollte. Ungeduldig drehte sie sich weg und ging schnell aus dem Zimmer heraus. Mit einem Seufzen folgte Link ihr in die Stube. Es würde sich zwischen ihnen wohl niemals etwas ändern...    

            In der Stube saßen Rick, Maron, Sara und zu allem Überfluss, was Link überhaupt nicht toll fand, Mike... das Grinsgesicht mit den lachsfarbenen Haaren. Hatte Sara ihn denn auch eingeladen? Zelda und Link sagten Hallo und setzten sich auf die cremefarbene Couch in der Wohnstube.

„So, was macht ihr eigentlich alle hier“, wollte der Held wissen... Eigentlich hatte er gehofft mit Zelda ein wenig allein sein zu können. Er wollte ihr schließlich noch einige Fragen stellen, die offen geblieben waren, und den Anhänger überreichen.

            „Sara hat uns eingeladen. Wir haben Lust auf einen langen Filmabend“, meinte Rick und blickte die koboldhafte Schwester von Link vielsagend an.

„So ist es“, meinte sie dann, „Unsere Eltern, mein liebes Brüderchen, sind mal wieder-“

„... ausgeflogen. Das konnte ich mir angesichts eures Kicherns schon denken. Aber was macht eigentlich Mike hier?“

Und Link fasste den Angesprochenen dabei in die grünen Augen.

„Also, ich wollte, dass er herkommt“, sagte Sara, ein wenig verlegen. Link verstand sofort die Situation und grinste wie eine Speckschwarte.

            In dem Augenblick stürmte Maron auf und nahm gierig den Telefonhörer zur Hand. „Ich nehme doch an, wir wollen Pizza bestellen, oder?“, sagte sie und wählte eine Nummer, nachdem ihr alle zugestimmt hatten.

Wie herrlich normal das Leben doch sein konnte... Zelda schwieg und lächelte leicht bei dem Gedanken, wie sehr sie sich immer ein solches Leben gewünscht hatte und nun war es in greifbarer Nähe. Dann, wenn das Böse besiegt wäre, könnte sie sich voll und ganz diesem Leben hingeben. Sie lehnte sich an die Rückenlehne der Couch und genoss jene fröhliche Atmosphäre unter Jugendlichen. Aber was sollte sie mit diesem Leben anfangen? Ihr standen alle Wege offen. Welcher davon war der richtige?

            „Welchen Film wollt ihr eigentlich sehen“, fragte Link mit einer Spur Neugier. Rick kramte drei DVDs hervor und hielt sie stolz von sich, keine anderen als Herr der Ringe... Teil1, Teil2 und natürlich Teil3... viele Stunden geballte Fantasie.

„Die habe ich heute im Sonderangebot gekauft. Das wird ein langer Abend. Ach ja, übrigens, Link, Maron und meine Wenigkeit werden heute hier im Gästezimmer übernachten. Ich hoffe, das macht dir nichts aus? Wir wollen so spät nicht erst noch heimlaufen. In letzter Zeit ist es nachts gefährlich geworden.“ Link fand das nicht so toll.

„Aber Zelda kann heute auch nicht mehr heim. Wo soll sie denn übernachten?“ Auch seine liebliche Prinzessin hörte nun zu.

„Mensch Link, in deinem Zimmer steht doch jetzt eine ausklappbare Couch“, sagte Sara mit einem Zwinkern. Sie beugte sich zu ihrem unwissenden, naiven Bruder und flüsterte in sein Ohr, so dass nur er es hören konnte.

„Das wäre doch die Gelegenheit...“ Dann kicherte sie. Link schüttelte mit dem Kopf. Diese kleine...

 

Es dauerte nicht lange und die Pizza kam. Die sechs Jugendlichen saßen gemütlich in der Stube, aßen Pizza und schauten den ersten Teil von Herr der Ringe. Link war von dem Film begeistert... einige Stunden vergingen, es war nun bereits zehn Uhr.

Trübsinnig und irgendwie ablenkt hetzte Zelda mit einem Mal auf und lief aus der Stube, alle Augen überrascht hinter ihr her. Link folgte ihr sofort und fand sie im Korridor, als sie gerade ihre Jacke von der Garderobe nehmen wollte.

„Wo willst du denn hin, Zelda“, meinte er.

„Also... ich...“ Besorgt schauten tiefblaue Augen in die ihrigen.

„Der Film hat mich an etwas erinnert... an Schlachten... Kriege, Feuer und Blut...“ Ihre Stimme wurde leiser, eine Hand wanderte an ihre Stirn und ihr Atem stockte ein wenig.

„Ich... ich sollte gehen.“

Sie lehnte sich an die Wand und schloss ihre Augen.

„Zelda, sei nicht albern. Impa ist nicht da und ich soll auf dich Acht geben. Du kannst jetzt nicht gehen. Wenn du allein sein willst, dann geh’ doch in mein Zimmer, hm?“ Er stützte eine Hand neben ihrem Gesicht an der Wand ab, worauf sie ein wenig überrascht aufsah.

„Willst du mit mir darüber reden?“ Zelda schüttelte nur den Kopf und drehte sich in Richtung Tür. Sie schob Links Hand einfach beiseite.

            „Außerdem...“, sagte der Held dann ruhig, ohne sie anzusehen. „Ich... hab’ Angst um dich.“ Zelda drehte sich wieder zu ihm, sagte aber nichts. 

„Du musst diesen Film nicht sehen, wenn er dich an Hyrule erinnert. Soll’ ich uns vielleicht einen Tee machen“ Sofort nahm er ihr die Jacke wieder ab, nahm sie an der Hand und sie gingen gemeinsam in die Küche.

„Also, was darf’s sein“, sagte er, als er in einem Schrank herumwühlte. „Wir haben: Himbeere, Hagebutte, Pfefferminze, Vanille, Winter- Tee und...“

Zelda unterbrach ihn. „Ähm, nimm’ doch irgendwas. Ist mir egal.“

„Okay.“ Zelda lief aus der Küche. Link warf ihr noch hinterher: „Aber wehe, du verschwindest, während ich den Tee koche. Wenn ja, renne ich dir nach und du bist schneller wieder hier, als dir lieb ist.“ Sie lächelte daraufhin und verschwand in seinem Zimmer.  

 

„Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich dich gefunden habe. Ich habe dir genauso wie jetzt eine Tasse Tee gereicht“, sagte Link, als er vor ihr stand.

„Ja. Genauso war es damals.“ Sie nahm ihm die Tasse ab und setzte sich auf die Couch.

„Link, darf’ ich dir eine Frage stellen?“

Er kniete vor ihr nieder und sagte charmant: „Tausende.“

Sie schwiegen für eine Weile. Link setze sich neben sie.

„Bereust du es?“

„Ist das jetzt dein Ernst?“ Unverständnis zeigte sich in seinen Augen, gemischt mit Ärgernis. „Du fragst mich wirklich, ob ich es bereue, dass ich dich gefunden habe“, sagte Link, nun lauter. „Verdammt, Zelda, warum sollte ich?“

Sie stand auf und schaute aus dem Fenster, direkt in den schwarzen Himmel, der in dieser Nacht keine Sterne preisgab. „Weil ich dich einmal mehr in die Geschehnisse hineingezogen habe...“, seufzte sie.

„Und? Denkst du etwa, das liegt an dir. Es war meine eigene Entscheidung, dich in den Wäldern zu suchen und ich bin mir sicher, dass es auch damals meine Entscheidung gewesen ist, dir zu helfen. Zelda, ich brauche meine Erinnerungen nicht, ich brauche mein Gedächtnis nicht, um dich zu...“ Sie drehte sich überrascht um, nicht sicher, ob sie ihn wirklich ansehen sollte.

Link schaute trübsinnig zu Boden und sagte leise: „Wie auch immer. Vielleicht gehe ich wieder zu den anderen und schaue den Film mit.“

            „Warte...“, murmelte sie. „Ich möchte noch etwas wissen...“

„Ja?“

„Also... Hast du an dem Tag, als ich in diese Welt kam, eigentlich schon gewusst, wer ich bin, weil du dich mir gegenüber so verständnisvoll verhalten hast? Ich meine, es war nicht normal, dass wir so vertraut miteinander umgegangen sind...“

„Ja... irgendwie verrückt, dass ich dich kannte. Doch erinnern kann ich mich bis heute an fast nichts und im nachhinein kommen mir die ersten Tage mit dir einfach nur vor wie ein schöner Traum, als wäre nichts dergleichen wirklich passiert... Und trotzdem, ich habe es genossen, bei dir zu sein...“ Seine Stimme verblasste und er ging betreten aus dem Zimmer, zurück blieb eine verdutzte Zelda.

            Sie lächelte leicht, dachte ungewollt an Links Charme und seine herzliche Art. Wie wenig er sich doch durch seine Wiedergeburt verändert hatte...

Weiterhin an ihn denkend, setzte sich die einstige Königstochter vor die Spielkonsole in dem Zimmer. Sie legte eine kleine Disc ein und spielte: Okarina of Time. Nach ein paar Minuten war es ihr einfach zuviel. Sie beherrschte das Spiel nicht sonderlich gut und schaltete lieber aus, bevor sie den Helden in den Tod stürzte. Sie konnte, wenn auch nur im Spiel, nicht mit ansehen, wie er am Boden zusammenbrach.

Ein weiteres Spiel landete in der schwarzen Konsole, diesmal Wind Waker. Sie starrte in den Bildschirm, wartete bis der Ladevorgang abgeschlossen war und hatte plötzlich für wenige Augenblicke ein ungutes Gefühl, als ob irgendetwas sie magnetisch anzog, als ob etwas sie gewaltsam wegschließen wollte. Ohne jede Vorwarnung wurde Zelda wie von Geisterhand durch die Luft geschleudert, schrie brüllend auf und landete mit dem Rücken schmerzhaft an einer rissigen Holzwand.

            Link und die anderen hatten den Schrei gehört. Panisch hetzte der Heroe ins oberste Stockwerk und riss die Tür zu seinem Zimmer beinahe aus den Angeln. Er sah Zelda am anderen Ende seines Zimmers hocken. Mit geschlossenen Augen brachte sie einen lauten Seufzer aus ihrem Mund. Sie versuchte sich aufzurichten und zeigte auf den Bildschirm. Link jedoch rannte ohne auf den Fernseher zu achten zu ihr und half ihr auf die Beine.

„Was ist denn bloß passiert, Zelda?“ Aufgebracht blickte er in ihre kristallblauen Augen.

„Ich habe gerade gespielt und...“ Sie griff sich an ihren Hinterkopf. Link schob sie in Richtung Couch und begann sie zu untersuchen.

„Tut dir irgendwas weh?“, fragte er, während er ihren Hinterkopf betrachtete.

            Im selben Augenblick standen auch schon die anderen in der Tür.

„Ist irgendwas passiert“, meinte Sara.

„Ich weiß nicht, ist irgendwas passiert, Zelda“, sagte Link leise.

„Nein, um ehrlich zu sein, bin ich nur vom Stuhl gefallen.“ Sie log ohne Hemmungen.

„Na dann, und wir dachten schon, jemand wollte dir an den Kragen, so wie du gekreischt hast. Oh Mann“, meinte Rick und ging zusammen mit Maron wieder in die Stube.

„Mike, geh’ du schon mal vor, ich will noch was mit den beiden besprechen“, sagte Sara und setzte sich auf den Drehstuhl vor Links Schreibtisch. Der häufig verdrießliche Kerl mit den lachsfarbenen Haaren tat wie ihm geheißen. „Also, was geht hier ab?“

Link achtete nicht auf seine kleine Schwester und schaute nach blauen Flecken an Zeldas Armen.

„Hallo? Noch jemand da“, meinte Sara, leicht verdrießlich. Weiterhin antwortete ihr niemand. „Link? Zelda? Ich rede mit euch!“ Jetzt brüllte sie ebenso laut, wie die einstige Prinzessin vorhin.

„Es ist nichts weiter...“ Link sah in Zeldas Augen die Spur von Angst. „Würdest du uns bitte alleine lassen, Schwesterchen... Bitte.“

„Hey, ihr zwei. Aber, dass ihr mir keine Dummheiten macht.“ Sie zwinkerte zu ihrem großen Bruder und verschwand dann.

           

„Ich habe gerade gespielt und da kam ein Energiestrahl, der mich traf und ich wurde an die Wand geschleudert.“ Link sah sie eindringlich und besorgt an.

„Hast du irgendwelche Schmerzen. Ich denke, ich werde Dar anrufen.“

Zelda reagierte schnell, bevor er aus dem Raum verschwinden konnte. „Nein“, sagte sie, auffallend laut. „Bitte bleib’ hier... es geht mir gut. Wenn du jetzt Dar anrufst und er Ines bescheid sagt, holt sie mich doch gleich wieder ab.“

Überrascht setzte sich Link wieder. „Aha... heißt das, du willst unbedingt hier bleiben?“ Er lächelte leicht.

„Ja, das möchte ich.“ Eine Pause entstand. Für Link war nun klar, dass er den Film heute vergessen konnte, obwohl er: ,Herr der Ringe’ sehr interessant fand. Es war Hyrule und seinen Eigentümlichkeiten nicht einmal unähnlich.

Das Mädchen ihm gegenüber war trotzdem tausendmal interessanter...

„Das Spiel tickt nicht ganz richtig“, meinte sie und starrte auf den Bildschirm.

„Aber du bist nicht, wie ich damals, eingenickt, oder so was?“

„Nein, ich habe ganz normal gespielt. Dann überkam mich dieses seltsame Gefühl, immer wenn etwas böses nah ist.“

„Und schließlich traf dich der Strahl?“

„Ja, genau.“

            Link setzte eine ernste Miene auf und sah sich das Spiel an.

„Besser wir schalten die Konsole aus.“ Er griff an den Schalter, aber seine Hand zuckte wieder weg.

Er fluchte: „Autsch. Das ist ja total heiß.“ Zelda stand auf und sah zu dem glühenden Schalter. „Was geht hier vor sich“, sagte Link fassungslos.

            In dem Augenblick hörten er und Zelda Stimmen von irgendwo im Zimmer, ein vielmehr dummes, dreistes Kichern, welches von zwei Personen stammen musste. Unbewusst stellte sich Link schützend vor seine Prinzessin. Sie liefen beide rückwärts, geschockt darüber, dass die Stimmen näher kamen.

„Noch ein Stückchen und wir sind aus der Zwischenwelt entkommen, hihi“, sagte eine kratzige Stimme. Link stand der Mund offen und Zelda legte vor Schreck ihre Hände auf ihren Mund.

Plötzlich baute sich eine gleißende, brennende Wand vor den beiden Jugendlichen auf.

            „Zelda, renn auf den Dachboden. Dort findest du einen Bogen und einige Pfeile, schnell!“

„Aber...“

„Nichts aber. Du kannst das, schnell.“ Er lächelte sie noch einmal an, bevor sie aus dem Raum entschwand.

            Die Hexen hatten einen Weg in die Wirklichkeit gefunden. Kotake und Koume höchst persönlich. Es gab vieles, was Link sich hätte vorstellen können, aber das übertraf das Maß gewaltig. Zugegeben, selbst im Spiel waren diese widerlichen Hexen schon hässlich, aber so, wie die aussahen, war sogar der hässlichste Mensch auf der Welt eine Schönheit dagegen. Sie ritten auf verfaulten Besenstielen, an denen sogar noch Spinnweben klebte. Sie besaßen beide graues, widerspenstiges Haar, das ihnen leicht zu Berge stand. An ihren langgezerrten Ohrläppchen hingen abscheulich große Ohrringe mit den Farben feuerrot und eisigblau. Sie schwebten nun im Raum und kicherten sich beinahe ihre Kehlen aus dem Leib.

            „Endlich, endlich sind wir zwei frei“, sagte die Hexe im blauen Gewand, „Unser Meister wird begeistert sein, wenn wir ihm mitteilen, dass die Prinzessin Hyrules noch am Leben ist, hehe.“

            Link traf der Schlag, als beide aus ihren faltigen, verschlagenen Gesichtern hervorlugten und sich an seinem bleichen Gesicht erheiterten.

„Niemals“, sagte er entschlossen. Link hielt sein Schwert von sich und sagte aufmüpfig: „Ha, denkt nicht, dass ihr hier einfach verschwindet. Bevor Ganondorf das erfährt, seid ihr des Todes.“ Sie kicherten erneut. Link nahm einen Dolch und warf ihn wütend über dieses Gelächter in die Richtung der einen Hexe. Er traf sie am Haaransatz, sodass eine fast kahle Stelle ihren Kopf zierte.

            „Erbärmlich, einfach nur erbärmlich...“, höhnte Link. „Das zahlst du mir!“ Kotake kochte nun vor Wut, und obwohl Eis ihre Stärke war, hätte sie im Augenblick Feuer speien können. Sie zielte auf den Helden, schickte eine Böe aus scharfen Eiszapfen in seine Richtung und wollte ihn in Schach halten, aber er wich spielend mit einem Rückwärtssalto aus. Das Eis schlug krachend gegen einen Spiegel und haute jenen in scharfe Stücke.

Währenddessen flog Koume aus dem Raum.

„Halt! Du miese Hexe. Bleib stehen“, rief Link verzweifelt. Kotake folgte ihr brausend auf ihrem magischen Besen. Link sputete ihnen hetzend und brüllend hinterher.

            Sara stand auf der Treppe und glotzte nicht schlecht, als sie die zwei Hexen sah. Maron, Rick und Mike standen erstarrt im Korridor. Sie schienen noch verzweifelter, als sie Link mit dem Schwert in der Hand erblickten und jener wie die Spielfigur hinter den widerlichen Xanthippen herstürmte. Entschlossen und bereit für einen Kampf.

Sara sprang gekonnt über das Geländer und wich im letzten Augenblick den Hexen aus.

            Die Dienerinnen des Bösen schufen sich ihren Weg aus Eis und Feuer und zerlegten die Hintertür. Link hetzte hinter ihnen her, rannte ohne zurückzublicken mit seinem Schwert in der Hand aus dem Haus in die Dunkelheit, welche über der Kleinstadt lag, folgte dem Kampf, folgte seiner Bestimmung.

            Kichernd schwebten die Hexen in den Garten seines Elternhauses und schienen den Waldrand anzusteuern.

Link nahm den anderen Dolch und zielte auf Koumes Besen. Der Dolch jagte durch die Luft und traf den Besen. Link hatte sein Ziel erreicht. Die Hexe kam zum Stehen, kreischte entsetzlich über den Verlust ihres geliebten Besens und sauste mit Tempo 100 auf den Boden zu. Sie landete fauchend in einem Haufen Dreck, brüllte und Dampf entstieg ihrem rauchenden Schädel.

            „Nein, nein, nein“, schimpfte sie, doch leider vergeblich.

            Kotake flog lässig weiter.

„Warte, du bist schließlich meine Schwester. Ohne mich, schaffst du nicht einmal den einfachsten Zauberspruch“, zickte sie.

„Wie bitte? Wer ist denn immer diejenige, die es nicht fertig bringt, die alte Hexensprache aus dem Buch des großen Ganondorf zu lesen?“ Sie begannen sich zu streiten, während Link kopfschüttelnd zu sah.

„Du Analphabetin!“

„Du Nichtsnutz!“ Link entkam nur ein leises: ,Ähm’, welches von ihnen aber provokant überhört wurde.

            Plötzlich schoss ein Pfeil geräuschvoll durch die Luft und beförderte nun auch die zweite Hexe von ihrem  Besen. Link blickte zurück zu seinem Elternhaus und sah eine kampfbereite Zelda mit dem Bogen in der Hand. Sie rannte schnell in Links Richtung und zwinkerte. Kotake und Koume schienen davon unbeeindruckt zu sein und zankten sich erneut.

            „Du Trottel! Hör auf, deine Schwester wie ein Stück Dreck zu behandeln!“

„Stück Dreck“, sagte sie rebellisch. 

„Einfältiger Klotz.“

„Dirne!“

„Was?“

            Zelda flüsterte, als ihr Held kurz zu ihr sah. „Was machen wir denn jetzt mit denen?“

„Keinen Plan.“ Doch dann standen die Hexen auf und wendeten sich in Links und Zeldas Richtung.

„Ihr habt unsere Lieblinge einfach kaputt gemacht“, erklärten sie gleichzeitig. 

            Der eigentliche Kampf begann.

            Links Schwester und seine Freunde standen an der eingetrümmerten Tür und beobachteten fassungslos die Szenerie.

Die zwei Hexen bäumten sich auf und schwebten nun leicht in der Luft.

„Ihr werdet büßen, was ihr mit unseren Besen gemacht habt“, meinte Kotake und schickte eine Flut aus Eis auf die beiden Auserwählten.

Geistesgegenwärtig stieß Link Zelda zur Seite und wich im letzten Augenblick der Attacke aus. Zeit, das neue Schwert auszuprobieren, dachte der Heroe. Er rannte mit einem wilden Kampfschrei auf Kotake zu und stieß ihr das Schwert in den Leib. Sie sah direkt in das mutige Antlitz ihres Vernichters, spuckte Blut und begann dann zu kichern.

„So einfach besiegst du uns nicht, kleiner Held“, meinte sie und richtete sich wieder auf. Link wollte das Schwert erneut aus ihrem Körper ziehen, aber es steckte fest, als ob sich ihre schwarzen Sehnen in den Stahl hineingebohrt hatten. Koume schickte währenddessen loderndes Feuer, das aus der tiefsten Hölle entsprungen sein musste, auf den unbewaffneten Helden. Er ließ sein Schwert los und wich dem Feuer aus. Verdammt, ohne Schwert, bin ich machtlos, dachte er und wusste, ihm blieb nichts anderes übrig als wegzulaufen. Er sprintete zu Zelda, zerrte sie mit sich und verschwand hinter einem Baum.

            „Verflixt... was machen wir denn jetzt“, schnaubte Link.

„...“ Zelda überlegte krampfhaft, aber ihr fiel nichts ein. Der Baum stand inzwischen unter unnatürlichem Feuer. Den Göttinnen sei Dank, dass es so spät war, sonst würden etliche Schaulustige zu sehen. Link kniff ein Auge zusammen und lugte hinter dem Baum vor.

„Haha... sie denken wohl wirklich, sie könnten sich verstecken... diese zwei hirnlosen hylianischen Seelen... hihi. Er weiß anscheinend nicht, dass wir ihm vor nicht allzu langer Zeit fiese Qualen bereiteten. Unterkühlungen und Verbrennungen sind schließlich unsere besten Fähigkeiten... hihi...“

Link wurde einiges klar. Aber ja doch, diese Hexen waren für jene seltsamen Wunden verantwortlich, die er sich damals beim Zeldaspielen zugefügt hatte...

            Die eine Hexe hatte das Schwert nun aus ihrem Leib gezogen und warf es wie ein Stück Dreck zu Boden. Rick, Maron, Sara und Mike mischten sich ebenso in den Kampf ein, wofür Link sie am liebsten geköpft hätte. Sie hatten mit diesem Kampf nichts zu tun und riskierten stumpfsinnig ihre Leben. Rick warf mit Messern aus der Küche und traf beide Hexen damit, während Sara und Mike Tomaten warfen und Maron Gläser benutzte.

„Verschwindet!“, brüllte Link. „Das ist nicht euer Kampf. Verschwindet!“ Er schickte einen vorwurfsvollen Blick zu seinen Freunden und wand sein Aufmerksamkeit wieder den Hexen zu.

            Die Gegenstände aus der Küche zeigten Wirkung. Zumindest schwebten die Hexen nicht mehr über dem Boden und Link hatte die Chance sein Schwert zu ergreifen. Zelda spannte abermals den Bogen und ein Pfeil sauste durch die Luft und durchbohrte das Herz von Koume. Doch selbst dadurch schien die widerliche Hexenbrut nicht an Kraft zu verlieren. Woher schöpften sie nur ihren Überlebenswillen?

            Kotake und Koume griffen nun gemeinsam an und bündelten ihre Kräfte. Hinterhältig blickten sie zu Zelda und schleuderten ihre Kräfte auf sie.

            Link rannte, er rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten, doch es nützte nichts. Er würde Zelda nicht mehr erreichen. Sekunden kamen ihm vor wie Stunden. Die Geschehnisse der letzten Monate liefen wie ein Film vor seinen Augen ab. Er sah Zelda direkt vor sich. Sie lächelte ihn mit ihren himmelblauen Augen an. Sein Schrei hallte durch die Luft, als die magische Attacke Zelda vollkommen umhüllte. Das durfte nicht sein... er hatte versagt, sie zu beschützen, versagt... Link schien wie in Trance zu sein. Ein Spiel... es war doch nur ein Spiel... In seinen tiefblauen Augen schien etwas zu erlöschen, als er der Brut aus Feuer und Eis zusah, die Zelda vollständig umhüllte. Sie rief um Hilfe, flehte...

Sara und die anderen standen ergriffen am Eingang des Hauses.

            „ZELDA“, schrie Link. Er rannte immer noch zu ihr, als sich die Energieattacke auflöste und sie am Boden zusammenbrach. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie damit auf der kalten Straße lag. Er ließ sich vor ihr auf die Knie sinken und drehte ihr schönes Antlitz zu ihm. Noch immer war Link nicht bei Bewusstsein.

            „Zelda...“, murmelte er, als er ihre braungefärbten Haarsträhnen aus dem Gesicht wischte. Er kniete lange Augenblicke vor ihr nieder, als er endlich erkannte, dass Zelda zwar ohnmächtig war, aber nicht einen Kratzer hatte. Er streichelte über ihr Gesicht und wusste einfach nicht, was hier los war. Der glückliche Umstand, dass seine Prinzessin lebte, ließ ihn vergessen, dass Kotake und Koume noch immer hier waren und keinen Gedanken daran verschwenden, weshalb Zelda unversehrt war. Es war ihm egal. Er nahm das bewusstlose Mädchen auf seine Arme, noch immer einen leeren Blick in den blauen, ernsten Augen.

            Was daraus entschwunden war, kehrte jedoch wieder zurück, nur doppelt so ausgeprägt. Mut, Entschlossenheit, Stärke und die Bereitschaft zu töten. Seine Augen bebten vor Hass und waren dennoch beherrscht. Er schaffte die bewusstlose Zelda zu den anderen. Link aber war nicht mehr er selbst und folgte nur noch diesem Drang, den Kampf zu beenden. Er umgriff sein Schwert, fester als vorhin. Dann lief er zielstrebig, mit standhaften Schritten auf die zwei Hexen zu, die begriffen, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Nun würden sie Link nicht mehr so leicht besiegen können. Seine tiefblauen Augen hatten sich vollkommen gewandelt. Sie klagten Koume und Kotake an, ohne das Link redete. Sie lähmten die Hexen, ohne dass sie wussten, wie das möglich war.

            „Tu’ etwas Kotake.“

„Tu’ du doch was, Koume.“

„Ich bin schlauer als du, also musst du ihn aufhalten. Ich muss Ganondorf Bericht erstatten.“

„Schlauer? Eine Analphabetin wie du, will schlau sein?“

„Du wagst es, du Nichtsnutz?“

            Link ließ sich von ihnen nicht beeindrucken. Inzwischen konnten sie sich abermals bewegen, zielten mit magischen Attacken auf den kampfbereiten Helden. Aber aus irgendeinem Grund trafen sie ihn nicht. Er erreichte beide Hexen und ließ seine scharfe Klinge durch die Luft sausen. Er schnitt durch ihren Leib und nun klebte schwarzes Blut an der Klinge.

„Nein, das darf nicht sein! Lord Ganondorf...“, röchelte sie, brach am Boden zusammen und löste sich in Asche auf. Link ging, immer noch wie verwandelt auf die zweite Hexe zu. Sie lief weg, aber der Heroe war schneller, obwohl er nicht wirklich rannte. Er stieß ihr die Klinge in den Rücken, worauf auch sie verschwand in den Nebeln der Erinnerung.

            Link ließ das Schwert fallen und stand einfach nur da. Eine ungewöhnliche Aura ging von ihm aus, die seine Freunde spüren konnten. Und diese Aura war stark, unheimlich stark...

Der junge Held blickte in den Himmel. Einzelne Regentropfen fielen. Das Licht der Straßenlampen versagte und der Strom fiel in Schicksalshort aus. Blitze zuckten über den Himmel. In dem Augenblick ließ sich Link auf den Boden sinken und atmete schwer auf. Er wusste nicht, was er getan hatte. Langsam kam er zur Vernunft und blickte um sich.

Sein Kopf schmerzte wie wild und sein Puls raste. Er kam sich vor, als hätte man ihm einen Adrenalinschub verpasst. Dann zitterte er. Plötzlich riss ihn eine bekannte Stimme aus seinen Gedanken und er fühlte eine warme Hand auf der Schulter. Sara sah ihn aufmunternd an und reichte ihm die Hand.

            „Es gibt wohl einige Dinge, die du uns erklären musst.“ Er stand auf und erinnerte sich daran, dass Zelda getroffen wurde.

„Wo ist Zelda“, war das erste, was er sagte. Sie verschwanden im Haus.

„Sie ist okay. Rick hat sie in dein Bett gelegt. Es ist, als hätte sie eine Barriere aufgebaut und sich selbst gerettet. Aber was ist mit dir? Was hast du denn getan?“

„Ich weiß nicht. Sind die beiden Hexen denn vernichtet?“ Er wusste tatsächlich nichts von dem, was er getan hatte. Unverständnis zeigte sich in seinen Augen, die wieder ganz normal waren.

Link ging schnell in sein Zimmer und sah nach Zelda. Sie schlief ruhig und friedlich in seinem Bett und hatte wahrhaft keine Verletzungen. Was habe ich nur getan, fragte sich Link.

            Er verließ das Zimmer und setzte sich den fassungslosen Gesichtern der anderen gegenüber. Er erzählte ihnen alles, restlos alles, was in seinem Wissensbereich lag. Dies waren seine Freunde, er konnte ihnen vertrauen. Sie schwiegen und hörten zu, begriffen und verstanden dennoch fast nichts... Es hatte keinen Sinn mehr irgendetwas verschweigen zu wollen. Die Wahrheit ließ sich nicht betrügen. Link wollte sich nicht mehr verstecken und alles geheim halten. Die Zeit dafür war vorbei. Seine Freunde erklärten ihm im Gegenzug, was er vor wenigen Augenblicken getan hatte und Link verstand die Welt nicht mehr. Blackout. Das einzige Wort, was er für sinnvoll hielt... Blackout.

            Link hatte sich in seinen Freunde nicht getäuscht. Sie hörten verständnisvoll zu und begriffen den Ernst der Lage. Sie ermutigten ihn, halfen ihm und Link wusste, mit ihrer Unterstützung konnte er rechnen. Sie grübelten noch eine Weile über die Geschehnisse nach und Link fand inzwischen sein Lächeln wieder. Auch wenn es ihm schwer zu schaffen machte, dass wohl irgendetwas die Kontrolle übernommen hatte, so war er dankbar, denn einfach so hätte er die Hexen nicht besiegen können...

 

Es war spät nach Mitternacht. Rick und Link bauten so gut es ging die Tür wieder zusammen, während Sara, Mike und Maron die Wohnung säuberten. Es war soviel passiert, dass die Meute einfach kein Auge zu machen konnte. Link gegenüber hatten sich Sara und die anderen nicht verändert. Sie behandelten ihn noch genauso wie zuvor. Möglicherweise wussten sie es schon lange, wollten sich aber nicht eingestehen, dass Link... und... Zelda...

            Der trübsinnige Held hatte gerade einen Schraubenzieher in der Hand, als seine Prinzessin die Treppen hinuntergestolpert kam. Er sah sie besorgt an, legte den Schraubenzieher ab und ging auf sie zu.

„Dass du mir nur immer so viele Sorgen bereiten musst, du Dummerchen...“, sagte Link leise und lächelte schwach.

„Dass du dich nur immer in solche Gefahren bringen musst, du leichtsinniger Taugenichts...“, erwiderte sie.

Sie blickte nervös zu Rick, worauf Link meinte, als würde er ihre Gedanken lesen: „Sie wissen bescheid, Zelda, über alles...“

„Wirklich alles?“

„Ja, alles und jede Einzelheit...“ Sie ging auf ihn zu und sah ihn nun ebenso besorgt an.

„Ist mit dir alles in Ordnung? Du siehst erschöpft aus.“

„Ich bin okay“, sagte Link und wendete sich ab. Er wollte ihr nicht erzählen, zu welcher Kampfmaschine er mutiert war, als er glaubte, ihr wäre etwas zugestoßen. Er hätte es sich niemals mehr verzeihen können, wäre etwas passiert.

„Als ich sah, dass die Hexen mich treffen wollten, habe ich meine Kräfte genutzt. Du brauchst dir wegen mir keine Sorgen mehr zu machen, Link.“ Sie lächelte ihm entgegen, aber er machte ein Gesicht, als stünde der Weltuntergang ins Haus.

„Link?“ Zelda musterte ihn und spürte deutlich, dass ihn etwas bedrückte.

„Ich werde mir immer Sorgen um dich machen...“, murmelte er und half dann Rick wieder bei der Tür.

 

Den Herr der Ringe Abend konnten die Jugendlichen wohl vergessen. Inzwischen war es ein Uhr morgens und sie legten sich schlafen. Ruhe kehrte ein im Hause der Braverys. Noch immer zuckten Blitze über die Stadt. Donner grollte in der Ferne. Leicht entmutigt stand der einstige Held der Zeit am Fenster in seinem Zimmer und blickte hinaus in die schwarze Nacht. Nun wussten Sara und die anderen endgültig Bescheid. Es war gut so... redete er sich ein. Länger hätte er ihnen seine heile Welt nicht vorspielen können. Der Kampf kam näher. Der entscheidende Kampf und Link fühlte Angst in sich aufsteigen. Angst vor Ganondorf, die er bis jetzt unterdrückt hatte. Angst vor sich selbst, da er nicht wusste, wozu er fähig war. Er stützte verzweifelt seine Hände auf der Fensterbank ab und versuchte wieder einen klaren Kopf zu gewinnen, was schwer war.

            Da der Strom ausgefallen war, hatte Link einige Kerzen angezündet. In ihrem flackernden Licht tanzten Schatten umher, den Raum voll einnehmend. Er stand immer noch kopfhängerisch am Fenster, als Zelda in den Raum eintrat. Sie verharrte einige Sekunden an der Zimmertür und schloss diese schließlich leise. Er spürte, dass sie ihn beobachtete, tat aber so, als würde sie nicht anwesend sein. Sie stand plötzlich neben ihm und starrte ebenso hinaus in die Dunkelheit der Nacht… es war soweit…

„Es ist soweit, Link“, sagte sie und er wusste, was sie meinte. Das letzte Gefecht rückte näher. Er schwieg. Was sollte er dazu sagen?

„Vielleicht sollten wir jetzt schlafen gehen, hm“, sagte Zelda wieder, um ihn endlich in ein Gespräch zu verwickeln. Doch Link schwieg abermals.

            Stattdessen drehte er sich um und klappte die kastanienbraune Couch aus. Aus dem Bettkasten holte er einige Kissen und eine dicke, kuschelige Decke.

Zelda wollte sich gerade auf die Schlafcouch setzen, als Link mit dem Kopf schüttelte und meinte: „Nichts da, du schläfst in dem Bett. Ich nehme die Couch. Du bist schließlich mein Gast.“

Verblüfft sagte sie daraufhin: „Link, ich bin wirklich zufrieden mit der Couch, okay?“

„Darf ich dir etwas verraten?“ Er setzte sich neben sie und grinste dann. Seine Fröhlichkeit ging ein wenig auf sie über.

„Was denn?“

„Das Bett ist mir zu weich.“

„Wie?“

„Du hast richtig gehört.“ Er drehte sich zu ihr und konnte nicht anders, als sie einfach nur anzusehen, seine Augen nicht abwendend.

„Ich bin wohl ein Schlafwandler… na ja… manchmal zumindest und am Morgen wache ich dann meistens auf dem Fußboden auf.“ Zelda grinste nun auch und lachte dann.

„Ich weiß...“, spaßte sie. Es tat so gut sie lachen zu hören. Mit einem Sprung war Link an seinem Bett und nahm seine Decke und sein Kopfkissen.

„Du bekommst die andere Decke, die ist dicker.“ Er übertrieb mal wieder mit seiner Fürsorge um sie, aber in gewisser Weise, war sein Handeln einfach nur goldig.

            Er ging kurz aus dem Raum und kam wenig später in einem blauen Schlafanzug zurück. Er wollte gerade die Kerzen ausblassen, als Zelda ihn davon abhielt.

„Kannst du eine Kerze anlassen, nur eine…“ Sie nahm eine rote, etwas größere Kerze in beide Hände: „Das Licht einer Kerze hat immer so etwas warmes…“

„Aber sicher können wir das, wenn es dich beim Einschlafen nicht stört?“

„Nein, damals…“ Link nahm ihr die Kerze aus den Händen.

„Deine Hände sind kalt, frierst du? Besser wir schlafen jetzt.“ Zelda krabbelte zufrieden unter die flauschige Decke des Bettes, während Link es sich auf der Couch bequem machte.

„Gute Nacht, mein Held“, sagte Zelda sanft. Ihr fielen die Augenlider zu und sie wurde sich nicht mehr gewahr dessen, was sie, schon halb in ihrer Traumwelt wandelnd, murmelte, welche Dinge sie preisgab…

„Gute Nacht, Zelda und träume süß.“

„Ja, von dir…“ Binnen von Sekunden stand Link auf seiner Couch. Dodom… Hatte er richtig gehört?

„Ähm… Zelda?“

„Was denn, mein Held?“, murmelte sie schlafsüchtig.

„Ach nichts weiter… gar nichts…“

            Er ließ sich seufzend zurück in die Federkissen sinken und grübelte über die Geschehnisse der letzten Zeit nach. Dann beobachtete er das Wachs, welches an den Hängen der Kerze entlang floss. Er konnte einfach nicht einschlafen, und glaubte, es gab keine besonderen Gründe dafür. Aber vielleicht lag es an Zelda, dass er einfach nicht einschlafen wollte. Sie war hier, in seinem Zimmer, wie schon lange nicht mehr. Sie hatten lange schon nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht. Gähnend stand der Heroe auf und suchte nach dem goldenen Anhänger für die unergründliche Schönheit, die leise atmend in seinem Bett ruhte. Noch immer hatte er nicht den Mut gefunden, es ihr zugeben… Er überlegte und ihm fiel ein, dass er es im Bad abgelegt hatte.

            Tapsend ging der junge Kerl aus dem Zimmer hinaus, durchquerte einen dunklen Korridor und folgte der Treppe nach unten. Plötzlich hatte er das Gefühl beobachtet zu werden und hielt inne. Er wusste genau, wenn sich eine andere Person in seiner Nähe aufhielt, ohne sie sehen zu müssen.

Nun erkannte er eine kleine Gestalt auf der Treppe. Ein schwaches silbernes Licht ging von ihm aus, einem Jungen mit blonden Haaren und hellblauen, leuchtenden Augen. Er grinste ihn an, als wollte er ihm etwas erfreuliches mitteilen. Link erkannte diesen Wicht. Einige Male zuvor war er ihm begegnet, dieser Bengel. Erst in den Träumen, dann auf Bildern, sogar im Spiel und nun in der Wirklichkeit.

            „Was willst du denn schon wieder?“

„Nichts besonderes, nur Existenz…“

„Schön. Ich kann nichts dafür, dass du ein… Gespenst? Geist? Optische Täuschung? Einbildung? … was auch immer bist.“ Link verschränkte seine Arme vor sich.

„Also, ich weiß, dass du nicht bösartig bist. Keine Ahnung wieso, aber ich weiß es eben. Dennoch würde ich gerne wissen, wer du bist oder was.“

            Der Knirps mit den grünen Klamotten wollte gerade antworten, als eine weitere Gestalt in der Dunkelheit auftauchte.

„Link? Bist du hier“, sagte eine liebliche Stimme, für deren Klang er wirklich alles getan hätte. Link sah zu dem Kind, das lächelte und dann verschwand.

„Link?“ Zelda kam im Schein der roten Kerze die Treppe hinab und blickte ihren Helden lächelnd an. Ja, er blickte sie an, mit einem wahrhaft verliebten Ausdruck in den Augen. Im schwachen Licht jener Kerze sah sie überwältigend schön sah. Sie trug ein langes blaues Nachtgewand. Es erinnerte Link einmal mehr an seinen Traum in Irland.

„Ich habe nur etwas vergessen. Sorry, hab’ ich dich geweckt?“

„Vor einigen Augenblicken hörte ich Stimmen… nicht nur deine… Hast du mit jemandem gesprochen?“

Link wollte es nicht zugeben und schauspielerte. Er hob eine Hand hinter seinen Kopf und log: „Ich, nein…“

            Irgendwie komisch, dass er diesen kleinen Kerl geheim halten wollte. Macht nichts. Zelda sah ihn argwöhnisch an und Link wusste, dass sie ihn durchschaut hatte.

„Wie auch immer… ich bin müde.“

„Warum bist du dann wieder aufgestanden?“

„Weil… du nicht im Zimmer warst.“

„Hä? Aber wenn du schläfst, wie willst du dann wissen, dass ich nicht da bin?“ Aha, daher wehte der Wind. „Du hast wohl nur so getan, als würdest du schlafen.“

„Nein“, meinte sie und blickte betreten zur Seite.

„Was dann?“

„Ich fühle deine Anwesenheit, auch wenn ich schlafe…“

„Oh!“ Link spürte, wie der Rhythmus seines Herzens anstieg. Dodom... dodom...

„Und deswegen…“ Zeldas Knie wurden weich, als sie ihn durch das schwache Licht der Kerze ansah und diesem liebevollen Ausdruck in seinen Augen nicht mehr widerstehen konnte. Dodom…

„Ja, also…“

„Ähm…“ Die Situation artete aus. Es begann wieder von vorne, die Nervosität von Seiten Zeldas und Links.

Schamrot drehte das Mädchen sich um und spazierte ins Zimmer. Mit einem Seufzen ging Link ins Badezimmer, um das Medaillon zu holen. Erneut wich sie ihm aus…

            Zelda saß auf der Couch und hatte die weiße Okarina in der Hand, als Link mit dem Medaillon hinter seinem Rücken sich ebenso auf die ausgeklappte Couch setzte. Er legte die Kette schnell und unauffällig unter ein Kopfkissen.

„Du findest wohl jetzt auch keinen Schlaf mehr, was“, wollte der junge Mann wissen, obgleich er doch sehen konnte, dass Zelda keine Anstalten machte einzuschlafen.

„Spielst du ein wenig Okarina?“ Es war mehr eine Bitte, als eine Frage.

„Ich tue alles für dich…“, sagte er mit einem Wink, aber sie ging nicht darauf ein. Link nahm das Instrument und führte es an seine Lippen. Er spielte eine traurige Melodie, die er sich in Irland ausgedacht hatte. Man konnte nicht wirklich sagen, ob die Melodie nicht mehr war, als bloße Erfindung. Vielleicht gehörte sie zur Vergangenheit, einer Vergangenheit, über die sich nachdenken nicht mehr lohnte?

            „Das ist eine sehr schöne Melodie“, sagte sie leise und genoss die Töne. Sie beobachtete Link gerne, während er spielte… wie früher in Hyrule. Alles war wie damals und doch so neu. Link lehnte sich zurück und spielte weiter. Er spielte und spielte, so wie damals… Die einstige Prinzessin beobachtete ihn immer noch, als sie wieder in Gedanken an die Vergangenheit verfiel, an Hyrule. Die Fröhlichkeit von vorhin war verschwunden. Zelda stand auf und kuschelte sich in das gemütliche Bett. Aber Schlaf finden war einfach nicht möglich. Sie starrte an die Decke, dann wühlte sie im Bett hin und her. Link beendete sein Spiel und machte ebenso die Augen zu, was nichts brachte.

            „Oh Mann, ich glaube das wird heute nichts mit dem Schlaf“, sagte er und setzte sich aufrecht. „Gib es zu, du bist auch noch wach.“

„Ja, bin ich…“, sagte sie zerstreut. Link hörte einen komischen Unterton in ihren Worten, und hüpfte, frech und kindlich wie er eben war, auf Zeldas Bettdecke.

„Tickst du noch ganz richtig? Wieso erschreckst du mich so?“

„Ich? Wie könnte ich dich erschrecken? Und außerdem ticke ich richtig in einem exakten, wohlgeordneten, wunderbaren Takt.“

„Ach ja?“

„Ach ja!“ Link grinste und lehnte sich an die Wand. „Habe zwar gelegentlich Blackouts und kein Gefühl mehr für die Zeit, aber ticken tue ich trotzdem noch ganz gut.“ Zelda setzte sich nun auch aufrecht und schlang die Decke um sich.

Sie lächelte: „Ich bezweifle, dass wir beide noch richtig ticken.“

Verdutzt sah Link in ihre sanften Augen, die sich schnell wieder abwendeten.

„Wenn wir normal wären, ich meine, wenn wir ganz normale Jugendliche wären…was glaubst du, würden wir jetzt tun? Welche Ziele hätten wir? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten in dieser Welt, etwas sinnvolles zu tun, zu leben. Aber…“ Zelda blickte zur Seite und schloss ihre Augen. Link kannte diese anmutige Art, wenn sie dabei war, etwas zuzugeben. Dieses Wesen einer Prinzessin konnte sie nicht ablegen…

„… so zu leben wie andere, ist wohl niemals möglich. Schau’ dir doch Maron an, oder Rick, Sara und Mike. Wir werden immer anders sein als die anderen…“ Link rutschte zu ihr und suchte nach ihrem Blick. Sie wich aber wieder aus.

„Und? Hält uns das etwa davon ab, ein normales Leben zu leben. Wir müssen doch gar nicht normal sein, um ein solches Leben zu führen, oder?“ Zelda sagte nichts darauf, mal wieder… Mit einem Sprung war sie auf den Beinen und blickte auf die durchgeschmorte Nintendokonsole. Als sie vorhin ins Zimmer kamen, stieg eine kleine Rauchwolke davon aus.

            „Warum weichst du mir aus…“, flüsterte Link und blickte hinaus aus dem Fenster. Sie seufzte, brachte aber kein Wort hervor. Dodom… Erneut raste ihr Herz, jetzt erst Recht, da Link ihr diese Frage gestellt hatte. Es gab eine Antwort zu der Frage, die aus einer nervenaufreibenden Hemmschwelle bestand, ihm nah zu sein…

„Zelda?“

„Ähm… nichts.“

„Nichts?“

„Ja… genau.“

Sie wollte ihn wirklich ansehen, aber je länger sie in seine Augen blickte, umso stärker wurde das Gefühl, bei ihm sein zu wollen. Sie würde sich verraten…

            „Wenn du mir nicht sagst warum, dann bleibe ich hier sitzen, sodass du dich nicht mehr hinlegen kannst.“

„Pah, da nehme ich eben einfach die Couch.“ Link verleierte die Augen. Bei ihr konnte er seinen Willen nicht durchsetzen, obwohl er das sonst spielend schaffte, zum Beispiel bei Sara… Zelda ließ sich auf die Couch fallen und rückte die Kissen zurecht.

„Nanu… was ist das denn?“ Als sie unter das Kopfkissen griff, um es in ihre Richtung zu zerren, bemerkte sie einen Gegenstand. Sie holte es hervor und sah drein, als hätte Link einen gewaltigen Fehler gemacht. Zumindest sah sie ihn an… Auch, wenn nicht lange…

„Wo hast du das her“, seufzte sie. Ihre Stimme verriet einmal mehr den Hauch von Traurigkeit. Link krabbelte zu ihr herüber, was ulkig aussah, da er sich nicht die Mühe machte aufzustehen. Endlich war er bei Zelda angekommen. Endlich… nach einer halben Ewigkeit…

„Sorry… Ich wollte dir das Medaillon schon die ganze Zeit geben, aber ich habe mich einfach nicht getraut…“

            Er nahm es ihr aus den Händen, die eisigkalt waren. Er öffnete den Verschluss mit einem kleinen Knacken und legte es ihr um den schönen Hals. Seine Arme ruhten auf ihren Schulter. Wie gerne hätte er sie nicht mehr gehen gelassen.

Zelda aber lehnte sich zurück, löste sich unheimlich schnell von ihm, als wäre seine Umarmung Gift. Ihre Augen waren gläsern.

„Du kennst dieses Schmuckstück. Erzähl’ mir davon“, meinte Link und setzte sich neben sie, sodass sie ihn nicht ansehen musste. Aber selbst seine Nähe war wieder zuviel. Zelda fühlte sich angespannt und zapplig zugleich, als säße sie auf glühenden Kohlen. Link drehte sein Gesicht von ihr weg und spürte eine gewisse Wärme in sich aufsteigen. Ich bin echt schlimm dran, murmelte eine Stimme in seinem Kopf, als sein Puls zu rasen begann. Warum nur macht sie mich so wahnsinnig?

            Nach vielen Sekunden der Stille begann Zelda ihm die ganze Geschichte zu erklären.

„Ja, ich kenne es. Man nennt es das Medaillon der Mächtigen…“

„Aha, dann ist es wohl wirklich aus Hyrule, wie?“

„Mmh…“ Link drehte sich zu ihr, sah aber gleich wieder weg.

„Und ist es sehr alt?“

„Ja, allerdings. Aber es war kein Erbstück der königlichen Familie. Ich habe in alten Schriftrollen immer davon gelesen. Diesen zufolge besäße es eine außergewöhnliche Macht, die wir aber damals nicht entdeckt haben.“

„Wir?“ Dann drehte sie sich zu ihm, sah ebenso gleich wieder weg. Zum Verrücktwerden mit den Beiden.

„Ich erzählte dir davon… du konntest es nicht lassen und hast dich in ganz Hyrule danach auf die Suche begeben. Es war damals, als wir in Hyrule ein Fest zu Ehren des langjährigen Friedens feierten. Wer weiß, was du wieder beweisen musstest.“ Link wirkte ein wenig verletzt. ,Wer weiß, was ich wieder beweisen wollte…’

            „Nach einigen Monaten kamst du wieder, mit einem frechen Gesichtsausdruck, und hast es mir vor die Nase gehalten.“ Zelda schmunzelte bei den Erinnerungen, die in ihren Geist rückten. Ja, es gab auch schöne Augenblicke in der alten Welt…

„Du hast es mir geschenkt und gesagt: ,In einem anderen Leben werde ich es dir wieder bringen.’ Und nun hast du es mir gebracht, ohne das du es wissen konntest, ohne dass du mir sagen könntest, was du damals beweisen wolltest, ohne das du…“ Sie drehte sich zu ihm und Link, der lange brauchte, um zu begreifen, was sie gesagt hatte und noch länger brauchte, um zu registrieren, dass Zelda ihn ansah, stotterte vor sich hin: „Also… nun…“ Dodom.

            Inzwischen war es drei Uhr morgens und Link gähnte. Zelda saß schweigend neben ihm und betrachtete sich das Geschenk. Sie öffnete das Medaillon und erkannte, dass die geheimnisvolle Uhr im Inneren nicht mehr arbeitete.

Ihr Blick wanderte zu Link, der irgendwo ins Leer starrte, ein Blick, so entschieden, so vertieft und irgendwie melancholisch…

            „Warum weichst du mir aus…“, sagte er, nun eine Spur trübsinniger als vorhin.

Sie sagte nichts dazu, nun aber blickte sie in seine tiefblauen Augen und fragte sich, ob man in ihrem Gesicht sehen konnte, dass sie so aufgeregt war. Sie bildete sich ein, ihre Wangen waren so feuerrot, als wären sie in Blut getränkt.

„Bei Farore, du machst mich eben nervös“, sagte sie frei heraus und sprang auf.

            Link stand ebenso auf, schien ganz ruhig und kramte in einem Schrank herum. Er holte einen alten, unmodernen CD- Spieler hervor, der von Batterien gespeist wurde. Der gewandte Kämpfer war froh zu hören, dass er sie im Gegenzug wohl auch hinsichtlich ihres Blutdruckpegels beeinflusste. Er grinste…

„Hier, das ist instrumentale Musik, die beruhigt… zumindest beruhigt sie mich immer.“

„Bist du denn wegen mir auch aufgeregt?“ Zelda legte sich vor Schreck ihre Hände über den Mund. So genau wollte sie das eigentlich nicht wissen.

„Ja, ich denke, es liegt an dir…“, meinte er und reichte ihr die Kopfhörer. Oh… Na dann.

Zelda schüttelte den Kopf und sagte: „Wir können uns die Musik doch zusammen anhören?“

Damit setzten sie sich auf die Couch, jeder einen Ohrstöpsel und sie lauschten.

            Zelda verstand nicht, was sie tat, aber sie wollte jetzt in der Nähe ihres Helden sein und näherte sich ihm. Sie überwand jene nervtötende Hemmschwelle und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.

Er ließ den CD- Spieler fallen, als Zelda plötzlich in seinen Armen lag. Sie hatte ihre Augen geschlossen und atmete ruhig.

„Zelda?“, flüsterte Link, aber sie reagierte nicht. Er wollte sich nicht bewegen, da er dieses Engelsgesicht sonst aufwecken würde und wartete einige Minuten, während die Kerze knackend herunterbrannte.

            „Tut mir leid…“, sagte sie sanft, als sie aufstehen wollte.

Doch er hielt sie am Arm zurück. Er fragte nicht nach dem Grund, wusste aber was sie meinte. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie ihn so überrumpelt hatte. Link zog sie einfach wieder an sich, um Worte überflüssig werden zu lassen.

„Bleib hier…“

            Das Licht erlosch. Link legte die dicke Federdecke wärmend um ihn und Zelda und schloss ebenfalls die Augen.

Jetzt würde er bestimmt einschlafen können, während er seine Prinzessin in den Armen hielt und ihre Wärme fühlte, jene Wärme, nach der er sich so lange gesehnt hatte…

 
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