Kapitel 21.2
 
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Der Held schlüpfte wie ein Schatten durch die Tür und konnte nichts als den Wind rauschen hören. Die Stadt war leer. Zumindest nahm er das an. Rutara und Raunhold befanden sich bestimmt irgendwo in der Stadt. Hoffentlich fand er sie schnell genug. Er lief zu dem Wagen und entschloss sich wieder damit herumzufahren, war besser als laufen...

Er stieg ein, startete vorsichtig den Motor und vergaß jede Zweifel bei dem, was er jetzt tun würde. Er war entschlossen, alles, was jetzt noch auf ihn wartete durchzustehen. Ich werde es schaffen, sagte er zu sich selbst. Die Welt wird wieder so sein wie zuvor, dann wenn Ganon vernichtet ist, dann wenn die Sonne wieder scheinen wird...

            Er fuhr langsam die Einfahrt heraus, unterließ es aber die Scheinwerfer anzustellen. Die Situation erschien ihm fast ein wenig realitätsfremd, da er nicht den Hauch von Angst oder Furcht verspürte. Kein Herzrasen, keine schlotternden Knie, kein Hauch von Skrupel...

Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und innerlich spürte er, dass er Zelda in wenigen Stunden wieder sehen würde. Er würde zurückkehren...

 

Nach einer halben Stunde Fahrt kam der tapfere Heroe an dem Antiquitätenzentrum an. Die Stadt war tot. Nirgendwo eine Menschenseele, nirgendwo ein Monster. Inzwischen fragte sich Link doch tatsächlich, wo die ganzen Monster geblieben waren... Eigentlich hatte er mit einem Kampf gerechnet. Er stellte das Auto direkt an der Tür des großen Gebäudes ab, stieg aus und sah noch einmal gedankenverloren um sich. Seine ozeanblauen Augen wanderten zu dem blutroten Himmel, und obwohl es dunkel war, bedeckte ein roter Schimmer alle Gebäude und merkwürdige rötliche Schatten bildeten sich auf der Straße. Er blickte in die tiefe Düsternis des blutenden Himmels und wünschte sich in dem Augenblick nichts sehnlicher, als dass der ganze Kampf gegen Ganondorf schon vorbei wäre. Bedauerlicherweise hatte das Schicksal noch viel vor...

            Link kramte seine kleine, hilfreiche Taschenlampe hervor und schlich in das Gebäude hinein.

Er bewegte sich durch den gigantischen Raum im Erdgeschoss mit seinen eigentümlichen Antiquitäten. Tatsächlich erinnerte die Atmosphäre in der Halle mit ihren Bildern, alten Tischen und Stühlen, Ritterstatuen ringsherum an einen Tempel aus der Vorzeit. Link lief aufmerksam durch den Raum und bemühte sich wachende Vasallen Ganons nicht aufzuwecken, falls diese sich irgendwo befanden. Er wollte mit dem Fahrstuhl fahren, hielt die Idee jedoch sofort wieder für äußerst leichtsinnig. Erstens wäre der Fahrstuhl zu laut und zweitens könnte dieser stecken bleiben...

            Link suchte in der Dunkelheit mit der Taschenlampe nach dem Treppenaufgang. Er funkelte hier und da, schlich in Richtung des hinteren Endes der von Finsternis eingenommenen Halle, bemüht nirgendwo dran zu stoßen.

            Nach einer Weile fand er die Tür zu dem Treppenhaus, öffnete diese vorsichtig wie ein Geheimagent und wartete noch einen Augenblick, bevor er behutsam durch die Tür gehen würde. Link atmete einmal tief ein, zog sicherheitshalber sein Schwert aus der Schwertscheide auf dem Rücken und umklammerte das Heft des Schwertes so fest er konnte. In der anderen Hand hatte er immer noch die Taschenlampe. Er leuchtete in den Treppenaufgang und konnte nichts ungewöhnliches entdecken. Langsam spionierte er in der Dunkelheit umher, versuchte jedes Geräusch zu vermeiden. Er setzte einen Fuß vor den anderen und machte nicht zu große Schritte. Einige Treppenstufen hatte er geschafft. Tap... Tap...

            Inzwischen war er im ersten Erdgeschoss angelangt, als er ein merkwürdiges Geräusch vernahm, welches aber nicht sehr nah sein musste. Er bewahrte Ruhigblut und ging weiter. Nun wurde ihm doch ein wenig unheimlich zumute... es war einfach zu leise und jedes Geräusch, das man hörte, würde den Eindruck erwecken von einem Höllengeschöpf zu stammen. Er kam im zweiten Stockwerk an und hatte nun den Eindruck beobachtet zu werden, ließ sich jedoch nicht verunsichern und lief weiter, wenn auch schnelleren Schrittes.

            Link kam im dritten Stock an, öffnete vorsichtig die Tür, leuchtete den Gang dahinter ab und trat ein. Wieder hörte er keinen Laut und ging langsam in Richtung des Raumes von Naranda. Auch in diesem Raum schien alles in Ordnung zu sein. Er schloss hinter sich die Tür und atmete erst einmal tief aus. Er blieb einige Sekunden stehen und lehnte sich an eine schwarze Wand. Dieses ,Herumgeschleiche’ machte müde und kostete Kraft. Link funkelte den Raum ab und entdeckte Narandas Geheimversteck.

            Er stellte sich davor und sah das kleine Ziffernblatt, als ihm jedoch die Nummer nicht einfiel. Wie war das gleich noch mal? 71354787? 71374589? Nein. Nein... Nein... Link fluchte über sich selbst. Hättest du dir diese verdammte Nummer nicht besser merken können, du Held, du Blödmann...

713747635? Geht auch nicht...

Und er probierte es weiter. Welch Glück, dass er es so lange ausprobieren konnte, wie er wollte.

            Dann vernahm er wieder Geräusche. Sie kamen aus einem Nachbarraum...

Link spitzte seine Ohren und hörte aufmerksamer zu. Neugierig lehnte er seinen Kopf an die dünne Wand, um noch mehr von den Tönen zu hören. Er erkannte die Geräusche als ein Weinen, dann ein leises Schluchzen. Es handelte sich um eine Mädchenstimme. Unsinn, sagte er zu sich selbst. Das war bestimmt eine Falle. Er bemühte sich das Geräusch zu überhören und gab wieder einen Code ein. 71374567? 71374576... 71374576!!! Es klappte. Juhu. Das Geheimfach öffnete sich fast magisch und Link nahm die beiden Bilder an sich. Er verstaute sie in dem Rucksack auf seinem Rücken, sodass er freie Hände hatte, falls er sein Schwert benötigen würde.

            Dann hörte er das Weinen wieder. Allmählich kamen ihm Zweifel, ob dieses klägliche Weinen vielleicht doch keine Falle war, sondern von einem Menschen kam, der Hilfe benötigte... Link schüttelte mit dem Kopf. Er konnte einfach nicht anders. Wenn es sich tatsächlich um einen Menschen handelte, dann müsste er ihm einfach helfen. Sein gutes Herz zwang ihn dazu nach zu sehen. Er lief leise in den Flur und dann in den Nebenraum. Wiederrum half ihm das kleine Licht seiner Taschenlampe und er leuchtete umher. Es handelte sich um eine kleine Abstellkammer und jemand saß zusammengekauert auf dem Fußboden.

            Link wollte gerade etwas sagen, als die Person unter Tränen mit zitternder Stimme schluchzte: „Du dummes Monster, bleib’ weg von mir...“ Link kannte diesen Menschen. Nun wusste er... das war keine Falle.

„Maron? Bist du das?“

„Wer... Bist du es? Link?“

Sie sah auf, glotzte Link schockiert an, hätte sich vor Freude am liebsten um seinen Hals geworfen, unterließ es aber und weinte.

            „Mein Gott, Link... Ich bitte dich... Nimm’ mich mit.“

Link rang sich zu einem Lächeln. „Also, wirklich! Denkst du, ich lasse dich hier allein? Aber was anderes, bist du okay?“

„Ja... ich habe mich hier versteckt... die ganze Zeit.“ Ihre Stimmer zitterte immer noch. Link zerrte sie auf ihre Beine, wies sie an, dicht hinter ihm zu laufen und sobald etwas nicht stimmte, ihm Bescheid zu geben.

„Ich hatte solche Angst... was passiert hier nur?“ Dann brach sie wieder in Tränen aus.

„Maron. Ich bitte dich, du musst leise sein, sonst bemerkt uns doch noch ein Monster, ja?“

„I-Ich... versuche... e-es...“

„Gut. Ich erkläre dir später alles, was passiert ist. Und jetzt: Pst!“

Sie machte ihrem Standpunkt mit einem: ,Mmh’ deutlich.

            Sie schlichen demnach unauffällig durch den dunklen Korridor, gelangten in den finsteren Treppenaufgang, durch dessen Fenster rötliches Licht schien und liefen so leise wie nur möglich die Treppen hinab. Marons Schritte wurden immer schneller und lauter, was Link zu einem weiteren: „Pst.“ veranlasste, aber es beruhigte Maron nicht.

Aus dem Treppenaufgang ertönten nun weitere Geräusche, die der Heroe nicht definieren konnte und wollte. Irgendetwas wartete hier, das spürte Link nun sehr deutlich. Maron wäre am liebsten zugerannt und hätte laut herumgeschrieen, aber Links Anwesenheit beruhigte sie nun doch noch ein wenig. Das Geräusch erklang erneut und der junge Kämpfer konnte es nun orten. Es kam von oben, vermutlich aus dem fünften Stockwerk und es würde näher kommen...

            Link drehte sich halb um und flüsterte: „Wir werden den Rest der Treppe herunterrennen, wenn ich sage jetzt.“

„O-Okay“, sagte sie und ballte ihre Fäuste. Ihr Herz raste so stark, als ob es gleich aus ihrer Brust herauspochen würde.

„Jetzt“, sagte Link, ein wenig lauter und sie stürzten gemeinsam die Treppe hinab, rannten, rannten immer schneller.

            Noch ein Stockwerk. Link hörte das Etwas hinter ihnen nun deutlicher und es musste sehr flink sein. Mit einem panischen Angstschrei stürzte Maron. Sofort half Link ihr auf die Beine und zerrte sie den Rest der Treppe mit. Hinter ihnen befanden sich nun giftgrüne Augen irgendeines Ungetüms.

            „Schneller“, fauchte Link. Maron stand derweil mehr und mehr unter Schock. Maron war nun mal nicht Zelda, die Verfolgungen wie diese kannte. Zelda war mit Ängsten aufgewachsen, Maron jedoch gehörte in die Welt der Menschen und hatte keine Erfahrungen mit Monstern...

Link schleifte Maron in Richtung Tür, trat diese auf und bevor das Monster durch die Tür schlüpfen konnte, schlug er die Tür mit voller Wucht zu und drehte das Schloss um. Die Kreatur im Treppenhaus warf sich wütend gegen die Tür und Link wusste, lange könnte die Tür nicht standhalten. Sie hetzten in Richtung Ausgang, als sie hörten, wie das Ungetüm die Tür durchstoßen haben musste.

„Schnell! In den Wagen“, brüllte Link. 

            Sie schafften es gerade so in den Wagen, als das Ungetüm aus dem Geschäft herausgerannt kam. Link startete den Motor und der Wagen sauste die Straße entlang. Er wollte nicht zurückblicken, um zu erfahren, wie die Bestie aussah. Die Kräfte des Ungetüms zollten genug Respekt, sodass man dessen Aussehen lieber nicht in Augenschein nehmen sollte.

Mehr und mehr entfernten sie sich von dem Geschäft, das Monster folgte ihnen nicht...

            Maron blickte hinaus aus dem Fenster. Die Tränen kamen erneut, als sie die schwarze Masse am Himmel erblickte. „Link, der Himmel... “, sagte sie.

„Ich weiß nicht, ob du noch wissen willst, was passiert ist?“

„Nein... bitte erspar’ mir das. Aber wo fahren wir eigentlich hin?“

„Ich muss unbedingt zwei Leute finden. Wenn das getan ist, fahren wir zu der Villa von Ines. Dort bist du sicher.“

„Weißt du, wo Rick ist“, fragte Link schließlich. Selbstverständlich wollte er wissen, wo sich sein bester Freund aufhielt.

„Er ist...“

„Was, Maron?“ Sie seufzte, schluckte dann einmal kräftig und begann zu schluchzen. Link wusste nun, dass etwas nicht stimmte.

„Er ist durchgedreht und dann haben seine Augen geglüht...“, murmelte sie und weinte erneut.

            Link sah das Bild seines besten Freundes vor sich und konnte nicht glauben, dass ein Mensch wie Rick plötzlich zu einer Kreatur des Bösen mutieren konnte. Er wollte es nicht glauben. Hass und Wut stauten sich in ihm auf. Ganondorf... du widerliches Stück Abschaum...

Link konnte deutlich fühlen, dass sich durch seine Wut eine mysteriöse Kraft in ihm ansammelte. Er hatte öfters dieses Gefühl gehabt, aber nun war es stärker als zuvor. Er würde sich diese Kraft in ihm zunutze machen... Wenn er doch nur Rutara und Richard so schnell wie möglich finden würde...

            Sie schwiegen für annähernd eine halbe Stunde. Maron fielen ab und zu die Augen zu, während Link ununterbrochen in alle Richtungen der Straßen schaute. Wie sollte er Rutara und Richard finden und wo sollte er suchen? Allmählich zerbrach er sich den Kopf darüber. Er brauchte einfach nur ein wenig Glück.

            „Link? Sag mal, ist Zelda okay?“

„Ja, es geht ihr bestens.“

„Jetzt mal ehrlich: Liebst du sie?“ Link bekam beinahe einen Herzkasper. Er trat auf die Bremse und würgte vor Schreck den Motor ab. Sein Gehirn hatte total abgeschalten und das einzigste Wort, welches er noch hervorbrachte war ein einfaches, stotterndes: „Also...“

Maron lachte das erste Mal seit sie in den Wagen gestiegen war und meinte: „Schon gut. Du brauchst mir nicht zu antworten.“

Das hätte Link auch so nicht geschafft...

            Plötzlich wurde die interessante Unterhaltung von merkwürdig klingenden Geräusche unterbrochen. Dutzende Alptraumkreaturen mussten sich nun auf dem Weg in ihre Richtung befinden. Link startete wieder den Motor und fuhr ein wenig schneller, ohne wirklich zu wissen, wohin... Er kam an dem Park vorbei, an einem Einkaufszentrum, sogar an der Schule...

Aber nirgendwo ein Anzeichen von den verbliebenden Weisen. Was, wenn sie gar nicht mehr in der Stadt waren?

            Link und Maron fuhren nun zum zweiten Mal die Straßen von Schicksalshort ab. Drei Stunden waren sie unterwegs, aber es brachte nichts. Inzwischen war Maron eingeschlafen. Link ahnte, dass sie seit mehr als zwölf Stunden wach gewesen sein musste und wunderte sich dahingehend nicht. Vielleicht war es besser für sie zu schlafen, denn jedes Erwachen in der Realität würde nur Angst und Zweifel bringen...

            Dann hielt Link den Wagen an. Er erkannte auf der Straße jemanden, der sich wackelnd in seine Richtung bewegte- eine einzelne Person, mit schlürfenden Schritten folgte sie dem Weg. Die Person kam näher und näher. Link schaute gespannt durch die widerliche Dunkelheit und erkannte das Aufblitzen gefährlicher roter Augen. Er hatte gehofft, einen weiteren Menschen zu finden, aber leider handelte es sich auch hier um einen Abgesandten Ganons.

Doch mit jeden Schritt, den das Geschöpf machte, erschien es Link vertrauter. Ohne nachzudenken hielt der gewandte Kämpfer den Wagen an und stieg aus. Er hatte eine Vermutung, die sich bestätigte. Entsetzt und ruhig zugleich sah der einstige Held der Zeit auf, hatte Mitleid und leise Furcht in seinem traurigen Blick. Sein bester Freund stand vor ihm- mit einem widerlichen Grinsen auf dem Gesicht. Dann begann er besessen, in unmenschlich hohen Tönen zu kreischen, brach auf die Knie und das braune, zerzauste Haar stand in alle Himmelsrichtungen.

            Maron, die bis jetzt ahnungslos im Wagen saß, wachte auf und schaute durch die gebrochene Windschutzscheibe. Sie stürzte aus dem Wagen und rief verzweifelt den Namen ihres Freundes: „Rick!“ Aber er reagierte nicht darauf, sondern lief langsam in die Richtung, wo Link stand.

Ungewissheit stand in ein paar tiefblauen Augen und er wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Er konnte Rick doch nicht so wie andere Kreaturen zuvor umbringen... Er konnte doch seinen besten Freund nicht töten!

„Rick, komm’ zur Besinnung“, rief Link dem gesteuerten Sklaven des Bösen entgegen, aber wiederum lachte Rick nur. Dann hatte er plötzlich ein gezacktes, rostiges Schwert in der Hand und Link sah nur zu, wie er sich damit auf ihn zu bewegte.  

„Rick. Bitte nicht“, sagte Link, völlig gelähmt von dem Anblick, der sich ihm bot. Glaubenslos ließ er das Schwert in seiner Hand fallen. Es ging nicht. Er konnte nicht gegen Rick kämpfen. Er weigerte sich.

            „Na, du Held, bist wohl unfähig, dich mir entgegenzustellen... haha...“, sagte Rick mit kalter, ausdrucksloser Stimme und hielt Link das Schwert vor dessen Kehle. In Links Augen stand nun noch etwas anderes: Mitleid...

„Du sollst gegen mich kämpfen und nicht so tun, als ob du ein Feigling wärst, Held“, sagte er und spuckte einmal auf die Klinge, die neben Link auf dem Boden lag.

„Nimm’ verdammt noch mal dein Schwert und kämpfe, du Flasche!“

Aber Link reagierte nicht auf seine wahnwitzigen Ideen. Dann blitzten die rehbraunen Augen in Ricks Gesicht erneut glühend auf.

            Maron stand nur daneben und konnte nicht glauben, was geschah. Sie schluchzte und stürzte auf ihre aufgeschürften Knie.

„Rick, bitte komm zu dir“, flehte sie, aber er ignorierte sie immer noch. Sie stand wieder auf und lief die wenigen Schritte auf ihn zu.

Er blickte sie kurz an und sagte: „Komm’ nicht näher!“ Aber Maron bewegte sich auf wackligen Beinen weiterhin auf ihn zu. Sie hatte nun Tränen im Gesicht.

„Maron, bleib’ weg. Er wird dich töten. Er ist nicht mehr Rick“, sagte der gewandte Kämpfer und krallte sich erneut sein Schwert.

„Das will ich nicht glauben. Rick, ich bin es, Maron, erkennst du mich denn nicht?“

Rick zuckte zurück und rief: „Bleib, wo du bist, oder ich schneide dir die Kehle durch.“ Aber sie lief weiterhin auf ihn zu.

            Link wusste nicht, ob Maron mit Mut und Entschlossenheit handelte oder einfach nur leichtsinnig und verstört war. Sie war nun keine fünf Meter mehr von ihm entfernt, als Rick sich auf sie stürzte und ihr das Schwert an die Kehle hielt.

„Haha... Wie dumm doch die Menschen sind. Nur gut, das ich keiner mehr bin“, dröhnte Rick und erfreute sich wohl an Marons verängstigtem Gesicht. Maron liefen heiße Tränen die Wangen hinab. Zu entsetzt war der Anblick Ricks, der ihr das Schwert an die Kehle setzte.

„Weißt du was, Maron, ich hasse dich“, sagte das Ungetüm und wollte gerade zum Todesschlag ausholen.

            Link mischte sich ein und sagte: „Lass sie gehen und ich kämpfe gegen dich.“ Er umkrallte fest das Heft seines Schwertes, obgleich er doch unsicher war, ob er diesen Kampf so wie die anderen zuvor, einfach so durchstehen konnte...

Rick lachte erneut, ließ jedoch nicht von Maron ab. In seinen Augen stand Wahnsinn und die Lust zu töten. In dem Augenblick wusste der Held, dass er Maron nicht verschonen wollte.

            Mit einer heftigen Sturzattacke trat Link in den Kampf ein. Er stürzte sich auf das Geschöpf, welches irgendwann einmal Rick gewesen war, und brachte ihn zu Fall. Maron ergriff die Gelegenheit und rannte schnell zurück in den Wagen.

            Zwei Gegner standen sich nun gegenüber, von denen einer die Szenerie nicht lebend verlassen würde. Link bemühte sich seine letzten Zweifel herunterzuschlucken, aber trotzdem... Er kannte Rick nun schon sein ganzes Leben und er war alles in allem sein bester Freund seit den Sandkastentagen. Und nicht, weil er zufälligerweise sein Cousin war, verstand er sich so gut mit ihm, nein, Rick war schon immer etwas Besonderes gewesen. Dass er jetzt einer von Ganons Vasallen war, verstand Link so wenig, wie die Tatsache, dass er nun gegen ihn kämpfen sollte. Rick griff an und schlug auf Link ein, der dessen Schläge mit dem seinem Schwert abwehrte.

Link blockte jede Attacke, war aber nicht dazu in der Lage, ebenso eine Attacke zu starten.

            „Du bist schlecht, Held. So wirst du meinen Meister nicht schlagen können.“

Link schwieg und konzentrierte sich auf das Schwert seines Gegners, er schwang sein Schwert gelassen, bemüht, Rick in keiner Weise Schaden zuzufügen. Aber ewig würde er nicht kämpfen können, die Zeit war nicht gegeben und im Hintergrund tummelten sich gewiss weitere Höllengeschöpfe.

            Link kämpfte nur mit halber Kraft- ja, in gewisser Weise war er Rick überlegen... aber das half ihm nichts. Allmählich müsste er sich etwas einfallen lassen. Sie duellierten sich weiterhin. Die Klingen klirrten mit einem schrillen Summen aneinander...

            Kalter, fröstelnder Regen hämmerte inzwischen auf die Straße, aber die Kontrahenten kümmerte der Regen nicht. In dem roten, düsteren Licht, das den Himmel gelegentlich erleuchtete, wirkte der Regen wie Blut, dass auf der Straße entlang strömte- wie Blut in den Venen eines Menschen.

            Rick kämpfte wie besessen und Link verlor langsam die Nerven. Er wollte, das der Kampf zuende ist, sein Herz rief danach- aber es war kein Ende in Sicht. Er kämpfte mit Zweifeln, kämpfte mit Angst, so wie noch nie in seinem Leben. Langsamer und schwächer kamen die Attacken von Links Seite, je mehr sich die Fesseln der Angst um seinen Körper legten.

            Rick holte kräftig aus. Link blockte und wurde durch die Kraft der Attacke nach hinten geworfen. Er landete auf der klatschnassen Fahrbahn und blickte zu Rick, der mit einem schmierigen Grinsen vor ihm stand. Jetzt hatte Link keine Wahl mehr...

            Rick setzte ihm das Schwert langsam und schneidend an die Kehle.

            „Ich wollte dich leiden sehen, aber nun wirst du wohl kurz und schmerzlos sterben, Held.“

Link sah mitleidig in das Gesicht seines besten Freundes. Rick lachte, jauchzte über seinen Triumph. Er hatte den Helden Hyrules geschlagen...

Link blickte todesbleich weg, schien wie verwandelt, und sah Maron im Wagen sitzen. Entsetzen stand in ihren Augen.

Seine Gedanken wanderten zu den Ereignissen der letzten Wochen, zu seinen Freunden, zu seiner Familie...

Wenn er jetzt versagte, wer sollte dann noch gegen Ganondorf kämpfen? Wer sollte die Welt retten? Und das erste Mal seit langem wurde ihm die Verantwortung, die auf seinen jugendlichen Schultern lastete, bewusst.

            Er war derjenige, der das Böse stoppen müsste.

Er war derjenige, der kämpfen müsste.

Er durfte nicht versagen, nicht aufgeben.

            Zeldas Stimme erklang in seinen Gedanken und er wusste, sie war stets bei ihm, egal wo er sich befand, welchen Kampf er überstehen müsste und welche Schmerzen er ertragen würde...

Er hatte keine Wahl mehr.

            Rick stand immer noch vor ihm, mit einem siegessicheren Ausdruck auf der Fresse, die mehr und mehr unmenschlich erschien. Link blickte noch einmal zu Maron, nickte und in dem Augenblick wusste das Mädchen im halbzertrümmerten Wagen, was der Schwertfechtende jetzt tun müsste... dass er keinen anderen Ausweg sah. Rick ließ das dreckige Schwert bedrohlich an der Schlagader an Links Kehle entlang laufen, während Links rechte Hand an seine Wade wanderte. Der Heroe schloss verzweifelt seine Augen, als eine Träne an seiner Wange entlang lief...

            Keine Zweifel mehr, kein Ausweg.

            Ein Dolch blitzte auf, der sich tief in der Brust von Rick vergrub. Rick brach zusammen und röchelte leise. Link kniete zu ihm und drehte seinen sterbenden Körper zu ihm um. Ricks Augen verwandelten sich und nahmen nun wieder das helle, angenehme Braun an, das sie immer besaßen. Maron stürmte aus dem Wagen und brach auf ihre Knie.

            „Es... tut... mir so... leid. Verzeih’ mir... Link, mein... Freund...“, seufzte Rick. Blut tropfte von seinen Mundwinkeln. Link brachte keinen Ton hervor und nickte nur, mit Tränen in den Augen. Ricks rechte Hand wanderte zu Marons Wange, ein letztes Mal. Er versuchte zu lächeln und sah sie an.

„Maron...“, war sein letztes Wort, dann sank sein Kopf leblos zur Seite. Maron schrie laut auf und weinte bittere Tränen.

            Link blickte weg und ballte die Fäuste. Er ertrug Ricks Anblick nicht mehr und drehte sich um. Wie wild geworden schlug er mit seinen Fäusten auf den Erdboden ein, immer und immer wieder... Nur ein Wort kam ihn in den Sinn, ein Gefühl, eine Tat: Rache. Ganon, sagte er zu sich selbst, dafür zahlst du...

Maron saß bei Rick, hielt seine rechte Hand in ihrer und murmelte Worte, die sie noch nie zu ihm gesagt hatte. Im Hintergrund hörte man nun deutlicher Stimmen, widerliche, kalte Stimmen von Moblins und anderen Dämonen. Undeutliche Schatten in der Ferne waren nun sichtbar...

            Maron verabschiedete sich mit einem Kuss auf Ricks kalte Lippen. Sie packten Ricks toten Körper in den Kofferraum. Sie konnten ihn nicht einfach hier liegen lassen. Dann stiegen sie beide schweigend in das Auto, noch immer mit Tränen in den Augen, wie gesteuert von fremden Mächten, traumatisiert und unwirklich, und fuhren weiter.

Der Heroe fuhr wie in Trance die Straße hinunter, während Maron mit Tränen in den Augen eingeschlafen war. Immer wieder schallte ein einfaches ,Warum’ in seinen Gedanken umher.

            Warum?

Warum musste Rick sterben?

Warum musste das passieren?

            Link stoppte den Wagen und stürzte seinen Kopf in seine Arme. Es war genug. Er wollte nicht mehr. Wozu das alles? Nichts wird wieder so sein, wie zuvor, das Leben würde nie wieder so sein wie zuvor. Ohne Rick kam ihn alles so sinnlos vor, so leer...

            Er verschnaufte einige Minuten, inzwischen war ihm alles egal... Ich wünschte, es wäre nie etwas geschehen, sagte er zu sich. Ich wünschte, ich wäre Ganon nie begegnet. Aber würde das nicht auch bedeuten, dass er Zelda niemals hätte finden dürfen? Er hätte Zelda niemals kennen gelernt. Wollte er selbst das für eine heilere Welt aufgeben? War es ihm Wert? Ohne Zelda wären einige Dinge nie passiert. Vielleicht würde er auch jetzt noch ein gewöhnliches Alltagsleben führen. Link konnte nicht abstreiten, dass sie für viele Dinge den Grund darstellte...

Er sah sie in seinen Gedanken genau vor sich. Dann zerbrach ihr Bild, wie Ricks Leben.

            Der gewandte Kämpfer stieg aus, mit dem Schwert in der Hand, und blickte in den finsteren Himmel. Regentropfen bedeckten sein grünes Basecape. Wie wild geworden schwang er seine Hiebwaffe, schrie aus Leibeskräften den Namen seines Freundes in die Luft und reagierte sich ab. Er stach die Klinge wütend in den Erdboden und ein lautes, verzweifeltes: ,Nein!’ zerriss die Stille. Link hätte niemals geahnt, dass soviel Hass in ihm steckte, Hass auf Ganon, Hass auf sein eigenes Schicksal. Ganon würde dafür teuer büßen müssen...

            Er setzte sich neben den Wagen und lehnte sich gegen die Autotür. Es war alles so ungerecht... Dann blickte er auf seine eigenen Hände. Das unsichtbare Blut an ihnen würde sich nie wieder abwaschen lassen.

           

Einzelne Regentropfen fielen noch vom rauchig flammendroten Himmel, als irgendwo in der Nähe von Schicksalshort ein weiteres Auto angefahren kam. Zwei Personen saßen in dem Wagen. Der eine steuerte, während der andere aufmerksam eine Karte von Schicksalshort studierte.

„Jetzt links und anschließend rechts“, sagte der Beifahrer, und lugte dann vorsichtig hinaus in die Dunkelheit. „Wenn alles glatt läuft, müssten wir in zwei Stunden an unserem Zielpunkt sein.“

„Ja, ich hoffe, wir kommen nicht zu spät.“ Der Beifahrer beäugte die Gestalt am Steuer.

„Denkst du wirklich, das Schicksal gewährt uns dieses Stück Hoffung nicht?“

„Ich weiß nicht recht, ob ich noch an das Schicksal glauben kann...“, sagte der ältere Mann am Steuer und trat aufs Gas.

 

Link saß immer noch auf dem Boden, direkt neben dem Wagen. Inzwischen war er total durchgeweicht, aber es beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Er hatte seine Augen geschlossen und riss sich sein grünes Basecape herunter. Denkwürdig lag das Stück Kopfbekleidung in seinen Händen. Er öffnete seine Augen und schien irgendwie nicht bei Sinnen zu sein. Er drehte das grüne Cape in seinen Händen hin und her und betrachtete es sich von jeder Seite. Er verfiel mehr und mehr seinen Erinnerungen...

            Plötzlich schallte eine Stimme durch die Luft- ein erster Lichtpunkt an jenem Tag. Eine tiefe, männliche Stimme, die Link nur zu gut kannte. Er stand auf und blickte durch die Dunkelheit in Richtung der Stimme. Ein Paar alte Füße bewegten sich in seine Richtung und Link blinzelte leicht verstört drein.

„Link. Schnell in den Wagen. Sie kommen!“, rief die Person, aber Link war jetzt unfähig den Wagen zu steuern.

Die Gestalt kam näher und ahnte, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Richard Raunhold, der Schulpsychologe, stand vor dem Jugendlichen und blickte mit seinem analytischen Instinkt in Links trauriges Gesicht.

„Soll ich fahren“, war sein erster Satz, als er endlich außer Puste Link beäugte. Richard war nun mal ein alter Mann und hatte keine Kondition mehr in seinem alten Körper.

            Link nickte nur, anstatt irgendetwas zu sagen. Sicherlich, er war erleichtert und beruhigt den ersten Weisen gefunden zu haben, aber an dem schrecklichen Ereignis vor weinigen Minuten konnte selbst ein Weiser oder ein Psychologe nichts ändern... Rick war tot. Sein bester Freund war tot...

            Link setzte sich auf die Rückbank und stellte Raunhold keinerlei Fragen, ebenso wenig machte er sich einen Gedanken um den Aufenthalt Rutaras. Es war ihm alles so egal...

Nach einer Weile meinte Raunhold ruhig: „Ich denke, es hat keinen Sinn noch länger nach Rutara zusuchen. Wir sollte zu Ines fahren, okay?“

Ein schwächliches: „Ja“ erklang von hinten. Link wunderte sich, woher Raunhold etwas von dem Plan wissen konnte.

„Ich weiß zwar nicht, was geschehen ist, aber... Link. Dir bleibt jetzt nichts anderes übrig, als stark zu sein. Mag sein, dass meine Worte absurd klingen, mag sein, dass ich nicht in deiner Haut stecke, aber egal, was es ist, das Leben geht weiter...“

„Rick ist tot... Ich musste ihn töten...“, murmelte Link, überrascht, wie schnell ihm diese Worte abhanden kamen. Dann schaute er aus dem Fenster.

Raunhold drehte sich halb um: „Kopf hoch. Es gab immer Hoffnung, und es gibt sie noch. Das hatte Zelda uns eingetrichtert und vielleicht siehst du Rick eines Tages wieder. Und... vielleicht solltest du mit dem Geschehen über Zelda reden, wenn wir bei der Villa sind.“

„Ähm... Sagen Sie, woher wissen Sie eigentlich etwas über den Plan?“

„Ines hat mir alles telepathisch mitgeteilt. Wir waren selbst alle überrascht, dass wir diese Fähigkeit noch hatten. Ein Funken Hoffnung, nicht wahr.“

„Das heißt, Rutara ist ebenso verständigt worden?“

„Ja, möglicherweise ist sie bereits auf dem Weg in die Villa.“

„Gut“, sagte Link und schaute wieder hinaus in den Regen.

 

Es war nun fünf Stunden her, seit der Heroe aufgebrochen war, als das Auto, von den Händen Richards gesteuert, in die düstere Einfahrt hereinfuhr. Link weckte Maron, die gähnte, und der Tränen in die Augen stiegen, als sie bei Sinnen war und die schrecklichen Ereignisse sie wieder einholten.

„Jemand muss Rick begraben... Wir können ihn doch nicht im Wagen lassen... Rick hat... Rick...“

Raunhold half ihr aus dem Wagen, und führte die geschockte Maron in das Haus. Ines empfing sie an der Haustür, ließ sie beide eintreten und wartete, dass Link zum Eingang lief. Er stand vor dem Kofferraum wie ein Häufchen Elend, bis Ines die Initiative ergriff und ihn ins Haus schleifte.

            Wenig später befanden sie sich alle im Aufenthaltsraum, alle außer Link, der in einem Nebenzimmer gedankenversunken ins Nichts starrte. Raunhold erzählte ihnen, was vorgefallen war, alles, was er wusste. Maron, die sich wieder so gut es ging gefangen hatte, ergänzte, was er nicht wissen konnte. Zelda und Dar standen mit einem Schlag auf.

„Ich werde mal nach Link sehen...“, sagte Zelda leise, auch wenn sie nicht wusste, wie sie ihm jetzt helfen konnte. Aber es kam auf einen Versuch an.

            Dar entschloss sich Rick in der Nähe des Hauses zu begraben. Das mochte makaber klingen, aber sein toter Körper konnte nicht ewig in dem Kofferraum liegen. Raunhold half ihm kurzerhand dabei. Sie verschwanden.

            Ein Wagen befand sich gerade an dem Ortseingang Schicksalshorts und stellte seine Scheinwerfer ab. „Es dauert nicht mehr lange. Vielleicht eine halbe Stunde. Dann sind wir da“, sagte der Beifahrer.

„Ja, genau. Ich freue mich, Zelda zu sehen, auch wenn ich sie gerne unter anderen Umständen getroffen hätte“, sagte der Fahrer.

„Mir geht es noch viel schlimmer. Ich frage mich, was sie tut, wenn sie mein Gesicht sieht. Und ich frage mich, was Link tut, wenn er uns schon wieder sieht.“

Der Fahrer lachte. „Na ja, ich hoffe doch, dass er sich freuen wird.“

„Ja, ich auch.“

            Plötzlich fuhren sie an jemandem vorbei- es war eine Person in einem blauen Regenmantel auf einem Fahrrad. Der Fahrer sah bestürzt hinaus und wunderte sich, dass es allen Anschein nach noch Menschen in dieser Stadt gab. Er hielt verdutzt den Wagen an. Der junge Kerl auf dem Beifahrersitz kurbelte die Glasscheibe herunter und meinte: „Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“ Er erkannte die Person auf dem Fahrrad als eine Studentin, die vor nicht allzu langer Zeit ihr Abitur in Schicksalshort gemacht haben musste. Sie stieg von dem Fahrrad, bedankte sich und öffnete die Wagentür.

„Auch wieder mit von der Partie, Rutara von Wasserstein? Oder sollte ich dich mit deinem wahren Namen ansprechen?“ Sie wunderte sich nicht und meinte zynisch: „Genauso wie Ihr? Nicht wahr?“

Der Fahrer lachte und meinte: „Scheint so. Unser Bestimmungsort ist das Haus von Ines. Ist dies auch dein Ziel?“

„Allerdings“, sagte sie kühl.

Dann fuhr der Wagen, bei dem es sich um einen teuren Schlitten handelte, in Richtung Stadtzentrum.

            Zelda klopfte an die Tür in das Nebenzimmer und fragte leise: „Darf ich reinkommen?“ Es antwortete ihr niemand. Sie öffnete leise die Tür, und stellte fest, dass Link fast kein Licht in dem Raum eingeschaltet hatte. Zelda wartete einige Sekunden, kam sich mittlerweile unsicher vor und sah Link, der sich mit seinem Rücken an die wärmende Heizung gelehnt hatte. Diesmal war es ihre Aufgabe ihn zu trösten und wieder Mut zu machen, so wie er es viele Male für sie getan hatte. Die junge Schönheit atmete einmal tief ein und wusste nicht wirklich, was sie sagen sollte. Die Stille in dem Raum wurde immer unangenehmer und trügerischer.

            „Wünschst du, dass ich gehe“, sagte sie einfühlsam. Wieder sprach sie gegen eine Mauer. „Ich möchte, dass du weißt, dass ich für dich da bin... ja?“ Erneut keine Antwort. Schlief Link etwa? Zelda war dabei sich umzudrehen und wollte gerade aus dem Raum verschwinden, als er aufstand, ohne ein Wort in ihre Richtung lief und sie fest an sich zog. Sie erwiderte die Umarmung und fühlte Links stumme Tränen an ihrem Hals, als er sein Kinn auf ihre Schulter legte. Zeldas Hände wanderten und streichelten über seinen Rücken. Sein T-Shirt war total durchgeweicht und sie fühlte deutlich, dass er zitterte. Ihre rechte Hand wanderte zu seinem Haaransatz, auch sein Haar war klatschnass. Er sagte kein Wort. Er brachte keines hervor...

            Zelda unterbrach die Umarmung und führte ihn zu der kleinen Couch, wo vor wenigen Stunden der kleine Kerl erschienen war. Er setzte sich. Sie setzte sich neben ihn, nun ein wenig aufgewühlter und nervöser, als vorhin. Sie setzte sich dann im Schneidersitz gegenüber ihres Helden und versuchte ihn durch die Dunkelheit anzublicken, in seine Seele zu sehen, in sein Herz... Es war nicht nötig, dass er etwas sagte. Sein Schweigen sagte ihr mehr, als Worte es hätten tun können und sie wusste, er brauchte sie jetzt mehr als jemals zuvor.

Zelda stützte sich nach vorne, sodass sie ihm so nah war, wie zuvor und griff mühsam von ihrer Position aus an den Schalter der Heizung. Sie drehte den Schalter auf die höchste Stufe, hörte das Wasser in der Heizung plätschern, der einzigste Laut in dem Zimmer. Dann lehnte sie sich wieder zurück, nicht sicher, ob sie etwas sagen sollte, oder ob es das beste wäre ihn jetzt alleine zu lassen. Zelda vergaß den Gedanken, so schnell er aufgekommen war, näherte sich ihm und nahm ihm das nasse Basecape ab. Link ließ es einfach geschehen und ließ seine Prinzessin vollkommen die Kontrolle übernehmen. Sie stand auf und lief in kurzen, langsamen Schritten  in die andere Ecke des Zimmers, wo eine dicke Decke lag. Sie nahm die Decke, berührte deren weichen Stoff und ging dann wieder zu Link. Sie stand vor ihm, während er zu ihr aufblickte und ein merkwürdiger Blick in seinen Augen lag. Irgendwie unwirklich, irgendwie melancholisch.

            Ihre Hände wanderten zu seinem grünen, feuchten T-Shirt, das sie ihm mit einem Ruck einfach über den Kopf streifte. Sie legte die Decke um ihn und setzte sich wieder. Mit einer fast zärtlichen Bewegung legte sie ihre Arme sanft um seinen halb durchgefrorenen Körper und lehnte ihre Stirn gegen seine, die ganze Zeit in seine tiefblauen Augen blickend, wissend, dass sie ihm nur durch ihre Anwesenheit wirklich helfen konnte. In dem Moment zitterte auch sie ein wenig, da sie nicht erwartet hatte, dass Links Haut so nass und kalt war. Inzwischen getraute sie sich nicht mehr irgendetwas zu sagen, denn so nah, wie sie einander im Augenblick waren, so nah, waren sie einander noch nie.

Ein Beobachter würde die beiden sicherlich für Liebende halten, aber so romantisch war die Situation bei Weitem nicht. Link brauchte einfach ein bisschen Wärme und diese erwartete er zu jenem Zeitpunkt von niemandem anderen als seiner Zelda.

Nach einer Weile drückte Zelda ihn auf die Couch, umarmte ihn fortwährend und schenkte ihm ihre Wärme. Sie fuhr liebevoll über sein Gesicht, bis ihre rechte Hand zu seinem Haar wanderte. Schließlich krabbelte sie zu ihm unter die Decke, kuschelte sich an ihn und streichelte erneut über sein Gesicht. Das Gefühl auf diese Art und Weise bei ihm zu sein, war das schönste, was Zelda bis jetzt in ihrem Leben erfahren hatte. Einfach nur bei ihm sein, nichts denken, vergessen, was bisher war und nur seine Anwesenheit fühlen und ihn trösten, erschien ihr das größte Glücksgefühl, nach das ein Mensch wie sie in einem Leben streben konnte.

            Sie umarmte ihn noch ein wenig fester, inniger, und näherte sich ihm so, dass sein Kopf unter ihrem, nur knapp über ihrer Brust ruhte. Sie erwartete nichts von ihm, und er erwartete nicht mehr von ihr, als nur eine Schulter, an der er ohne Worte sein Leid anklagen konnte. Zelda hob leicht den Kopf und versuchte zu erkennen, ob Link schlief. Er drückte sie als Reaktion fester an sich und zuckte kurz mit seinen hellbraunen Augenbrauen. Zelda küsste ihn langsam mit viel Empfinden auf seine Stirn und genoss das Gefühl ihrer Lippen auf seiner Haut.

Sie schenkte ihm in diesem Augenblick noch mehr als Wärme und Trost, mehr als eine liebevolle Berührung... Sie schenkte ihm einen Teil ihres Herzens, einen Teil ihrer Liebe...

 

Die anderen brüteten noch einmal im Aufenthaltsraum über den schier unmöglichen Plan nach. Ob er funktionieren würde? Gab es denn keine Alternative?

„Wo bleibt Rutara nur so lange?“, fragte Naranda schließlich mit einem unüberhörbaren Seufzen. „Wenn sie nicht bald auftaucht, dann ist die Zeit um und Ganon findet uns...“

„Ja, es wird langsam Zeit, dass sie erscheint...“, sagte Dar. „Außerdem hoffe ich, Link erholt sich so schnell es geht von seinem Schock, sonst haben wir alle ein Problem.“

„So einfach ist das nicht... Rick war immerhin sein bester Freund“, meinte Richard. „Er wird es niemals ganz verkraften.“ Sie blickten alle nach diesen Worten schweigend auf die runde Tischplatte und auf ihre Kaffeetassen. Plötzlich hörten sie ein Poltern aus den oberen Stockwerken des Hauses. Irgendwer musste sich dort herumtreiben. Dann waren da schon wieder Geräusche...

„Was jetzt“, wisperte Sara.

„Ich werde nachsehen“, sagte Ines und schnappte sich ihr Kurzschwert. Naranda nahm ebenso ein Schwert aus einer Schublade und folgte ihr. Sie schlichen leise ins Erdgeschoss und leuchteten mit ihren Taschenlampen umher. Nach einer Weile blieben Ines und Naranda stehen. Sie blickten sich durch die Dunkelheit um und zuckten ratlos mit den Schultern, da sie allen Anschein nach, niemanden fanden. Aber woher kamen dann die Geräusche?

            Sie durchquerten die große Empfangshalle. Ines warf einen Blick auf die Eingangstür und stellte mit Entsetzen fest, dass diese aufgebrochen wurde. Die Situation wurde gefährlicher, als sie es beide annahmen. Sie tasteten sich vorsichtig an die Tür zu ihrer rechten heran, welche offen stand. Hinter jener Tür lag das Arbeitszimmer von der Direktorin. Sie schlichen in den Raum und versuchten durch die Dunkelheit etwas zu erkennen. Unerwartet stürzte sich jemand auf Ines. Sie konterte die Attacke mit ihrer Shiekahtechnik und musste feststellen, dass, wer immer sie auch angegriffen hatte, über dieselbe Technik verfügte. Sie sprang einige Meter nach hinten und rief in die Dunkelheit: „Wer bist du? Gib dich zu erkennen!“

            Das Gesicht eines jungen Mannes mit blonden Haaren und roten Augen stand vor ihr.

„Hallo, Impa“, sagte eine weitere Gestalt, die sich aus der Dunkelheit preisgab.

„Ihr? Leon Johnson? Seid Ihr es wirklich?“

„Ja, Impa. Und nun, nimm’ deine Waffe herunter. Du auch, Naranda...“, sagte der ältere Herr. In dem Augenblick gab sich auch Rutara preis, die sich bisher zurückgehalten hatte.

„Ich bin froh, euch beide zu sehen“, sagte die Studentin zu Ines und Naranda.

„Gut, dass du da bist. Wir haben schon auf dich gewartet.“

„Ja, ich schlage vor, ihr erzählt uns dreien erst einmal genau den Plan und was eigentlich passiert ist...“ Demnach folgten die drei Personen Naranda und Ines, die schnurstracks in Richtung der Kellerräume liefen.

            Nach einer fast ewigwährenden Begrüßungszeremonie in dem Aufenthaltsraum, erklärte der Rest der Meute den neuen Ankömmlingen die Situation und den erdachten Plan. Leon würde an Zeldas Stelle die Funktion des siebten Weisen einnehmen, er war schließlich Zeldas Vorgänger, während Sian für den Schutz der Weisen sorgte.

            Einige Zeit später kam Link in den Raum. Er bemühte sich nicht länger über die schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden nachzudenken und begrüßte Sian und Leon freundschaftlich.

Zelda ist eingeschlafen. Aber wenn du sie unbedingt sehen möchtest, Leon, kannst du sie doch aufwecken...“, sagte Link, der dennoch ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter machte. Er wollte stark sein. Das wurde immerhin von ihm erwartet. Er wollte nicht als Schwächling dastehen. Aber trotzdem... je länger er wach war, umso häufiger überkamen ihn nun Zweifel, Vorwürfe und das Gefühl an allem Schuld zu sein.

„Lass mal gut sein, ich möchte sie wirklich nicht wecken...“, sagte der ältere Herr. Link blickte weg und setzte sich vor den Kamin. Er brütete weiterhin über die Dinge der letzten Stunden nach.

            Sara legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Hey, Brüderchen...“, murmelte sie.

„Hey...“, meinte Link nachdenklich und kniff seine Augen wieder zusammen.  

„Link?“

„Ja, was ist?“

„Also, jetzt hör mir mal zu.“ Er blickte sie an, nicht sicher, was er jetzt von ihr hören würde.

„Du bist ein Waschlappen, wenn du hier verzweifelst“, sagte sie, äußerst energisch.

„Willst du dir das von dem Bösen gefallen lassen? Genau das will er doch, genau das will Ganondorf! Er will, dass du in der Ecke sitzt und vor dich hinbrütest. Willst du ihm diesen Gefallen tun?“ Link setzte eine sehr ernste Miene auf.

„Du weißt doch wer du bist und zum Teufel mit der Verantwortung auf deinen Schultern. Reiß’ dich zusammen und stell’ dich dem Bösen, wie du es bis jetzt immer getan hast. Wo ist der Mut und die Zuversicht meines Bruders geblieben?“ Link blickte sie an und lächelte das erste Mal, seit dem Vorfall, zwar nur ein wenig, aber immerhin... Er nickte, bis seine kleine Schwester ebenfalls lächelte und stand auf.

„Danke, Sara.“

„Und nun müssen wir unsere restlichen Vorbereitungen treffen. Wirst du kämpfen?“

„Jep, das werde ich!“ Link sprang auf. Zum Henker mit Ganon. Er würde für all’ seine Verbrechen bezahlen. Er würde leiden für seine abscheulichen, niederträchtigen Machenschaften und für die Dinge, die er dieser Welt angetan hatte. Ganon würde für Rick bitter zahlen...

           

„Link“, murmelte Zelda, noch im Halbschlaf. Sie setzte sich aufrecht und blinzelte durch die Dunkelheit.

„Link“, sagt sie erneut. Sie hatte wieder schlecht geträumt und nun geriet sie ein wenig in Panik, da er nicht hier war. Sie gähnte, stand auf und streckte sich, betätigte den Lichtschalter und stellte fest, dass sich Links grünes T-Shirt und sein Basecape nicht mehr im Raum befanden. Er war sicherlich schon aufgestanden. Ob Rutara schon da war? Wie spät war es eigentlich? Sie lief schnellen Schrittes aus dem Raum und hörte von Weiten schon vertraute und fremde Stimmen, die eifrig diskutierten. Auch Links Stimme erkannte sie. Zelda stand mit zerzaustem Haar in der Tür zu dem großen Aufenthaltsraum. Als der Heroe in ihre Richtung blickte, tat dies auch der Rest der Gesellschaft und innerhalb von Bruchteilen von Sekunden schwieg jeder Anwesende. Zeldas blaue Augen wanderten zu dem Erscheinungsbild Leon Johnsons. Sie konnte es einfach nicht glauben. Sein Gesicht, seine grauen Haare und der rote Mantel. Dieser Mensch- er war tatsächlich die Wiedergeburt ihres Vaters- des Königs von Hyrule.

            Sie starrte lange Momente in sein väterliches Lächeln, nicht sicher, was sie tun sollte... Leon stand auf und hetzte auf sie zu. Er nahm ihr Gesicht in beide seiner Hände und murmelte: „Meine Kleine, ich hatte ganz vergessen, wie wunderschön du doch warst... meine Tochter...“ Er nahm sie in eine herzliche Umarmung, während Zelda es immer noch nicht glauben konnte und nur schockiert drein sah. Eine Träne rollte über ihre schwachrosa Wange- ja, sie hatte ihren Vater vermisst- selbstverständlich hatte sie das...

            „Ich bin glücklich, dass du da bist“, sagte sie.

„Und ich bin glücklich darüber, deine Stimme zu hören...“ Er musterte sie nun noch eindringlicher.

„Du siehst wirklich gut aus, mein Schatz. Wie hast du es nur geschafft, all’ die Jahrhunderte deine Schönheit zuwahren?“

„Du bist noch der gleiche Sülzkopf wie damals, Vater, überschüttest deine Tochter mit Komplimenten wie eh und je, weil du so stolz auf sie bist.“

„Ja, du hast Recht. Ich sollte meine Zunge hüten.“ Sie lächelten sich eine Weile an, bis Zeldas Blick auf die Gestalt von Sian fiel.

            Sian erwiderte ihren Blick. Einige Momente später standen sich die beiden gegenüber und sahen sich nur an. Auf den ersten Blick könnte man sie für Zwillinge halten- dieselbe Größe- ähnliche Gesichtszüge- gleiche schlanke Gestalt.

„Wie ist das nur möglich? Du bist eigentlich ich“, sagte Zelda.

„Verrückt oder?“

„Ja, echt abgefahren...“ Sians rote Augen wanderten an die Decke.

„Also... respektierst du mich?“

Zelda hätte ihm am liebsten einen Klaps gegeben. Sicherlich respektierte sie ihn.

„Ich würde sagen, wir sind so etwas wie Bruder und Schwester. Was meinst du dazu?“

Sian nickte, erfreut, dass Zelda ihn nicht einfach als einen Schatten ansah, der nur existierte, da er von ihrer wahren Person abgespalten wurde.   

„Es ist schön dich kennen zu lernen, Sian...“

„Ganz meinerseits...“

            Zelda wand sich dann den anderen zu, mit mehr als einem entschlossenen Blick auf dem edlen Gesicht.

„Gut, damit sind alle Vorbereitungen getroffen. Es ist soweit.“ Allerdings, die Zeit war gekommen. Der Kampf gegen Ganondorf rückte näher und näher. Der Weg nach Hyrule würde geöffnet werden und das größte Abenteuer sollte erst noch beginnen.

 
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