Kapitel 22
 

Kapitel 22

 

 

 

 

Link und Zelda saßen gelangweilt über einer riesigen Liste von allen möglichen Dingen, die sie in Hyrule benötigen würden.

Sie waren schließlich über drei Wochen in Hyrule und innerhalb der Zeit würde man unheimlich viele Dinge gebrauchen. Der Heroe hatte den Stift in der Hand und überflog noch einmal die ganzen Stichwörter... Zelt, Schlafsäcke, Waffen, zusätzliche Decken, einige Winterklamotten für Zoras Reich, leichte Klamotten für die Wüste, Zahnbürste und Zahnpasta, Büchsen mit irgendwelcher Verpflegung, einige Flaschen Limonade, Tee, Brot, Schokolade und so weiter.

„Meinst du, wir haben alles notiert?“

„Ja, ich denke, das ist das nötigste“, erwiderte Zelda auf seine Frage.

„So, dann verrate mir doch mal, wie wir das ganze Zeug mit uns herumschleppen wollen! So kommen wir doch nicht vorwärts.“

Zelda grinste ihn ein bisschen hinterhältig an. „Lass dich einfach überraschen“, sagte sie. „Ich habe da schon eine brillante Idee.“

„Gut“, erwiderte er. „Ich liebe Überraschungen.“

„Hey, das weiß ich.“

„Du kennst mich wohl besser, als mir lieb ist.“

„Besser, als mir selbst lieb ist...“ Sie lächelten sich einige Sekunden schweigend an. In seinen Augen lag etwas, dass sie gerne darin sah, etwas Unbeschreibliches, dass zu der reinen blauen Farbe darin passte. Es schien, als grübelte er nach den richtigen Worten.

„Zelda... Ich wollte mich bei dir bedanken.“ Sie musterte ihn sorgfältig.

„Wofür?“ Er bewegte sich einige Zentimeter zu ihr heran.

„Für... für dein Verständnis“, brachte er über seine Lippen, aber sah dann verlegen weg. Als sie nicht das Geringste darauf sagte und ihn immer noch anschaute, wanderten seine Augen ebenfalls wieder zu ihren. Sie näherten sich noch ein wenig, und noch ein wenig, blickten sich stillschweigend an, träumten in gegenseitigen Blicken, fühlten sich beide beschämt in ihren Häuten, rutschten gedankenlos weiter aufeinander zu, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren...

Seine warme Hand legte sich fast automatisch auf ihre rechte, samtige Wange und streichelte darüber, bis Zeldas Augenlider niedersanken und sie sich mehr und mehr an seine Hand schmiegte. „Zelda...“ Ihre Augenlider flatterten nach oben und auf ihrer Zunge hatte sie nur ein Wort...

            In dem Augenblick kam Impa in den Raum und schnell war das, was hätte geschehen können aus den Gedanken verbannt. Link wich zurück und schaute dümmlich an die Decke.

Die einstige Shiekahfrau setzte sich mit einem Seufzen zu den beiden an den riesigen Tisch. Sie sah aus, als hätte sie irgendwie die Schnauze voll.

„Ist irgendwas nicht in Ordnung“, meinte Link.

Aufmunternd blickte Impa auf: „Nein. Es ist bloß, dass wir alle total im Stress sind. Ist das eure Liste?“ Sie nahm sich einfach das große Stück Papier und überflog die Dinge. „Also, dann. Ich möchte euch beiden aber noch einiges klar machen. Wenn ihr in Hyrule seid, ist das kein Zuckerschlecken. Ihr werdet dort auf euch ganz alleine gestellt sein. Außer einigen Tieren und Pflanzen gibt es dort kein Leben...“

„Das wissen wir, Ines“, sagte Zelda, leicht verdrießlich. „Wir werden vorsichtig sein.“

„Außerdem ist uns nicht klar, ob Ganondorf vielleicht nicht doch einen Weg in das alte Land finden könnte. Es besteht die Gefahr, dass er seine Scharen auf euch hetzt.“

„Impa, bis jetzt hat er keinen blassen Dunst von unseren Plänen. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß“, sagte Link.  

„Dennoch... ich habe ein sehr ungutes Gefühl“, sagte Ines.

Zelda stand auf und kramte in einer Truhe zwei Rucksäcke und einige Reisetaschen hervor. „Wie auch immer. Wir müssen jetzt die Sachen packen. Die Zeit ist ohnehin schon zu knapp.“

Schließlich packten die beiden Auserwählten ihre Taschen.

 

Die Sieben Weisen befanden sich zusammen mit Sian, Zelda und Link in einem weiteren großen Raum. Leons magischer Spiegel, von wo aus er Hyrule zu jeder beliebigen Stunde beobachten konnte, thronte in dessen Mitte in die Höhe. Die Weisen saßen in einem Zirkel um jenen Spiegel. Die geheimnisvollen, schwarzen Bilder, die Link vor wenigen Stunden beschafft hatte, wurden in etwa drei Meter Entfernung in Richtung des Spiegels aufgestellt. Beide Auserwählte standen mit ernstem Blick, vollgepackten Rucksäcken, zwei zusätzlichen Taschen mit Essen und ihren Schlafsäcken vor dem großen Spiegel, blickten durch dessen nebulöses Glas, versuchten die Landschaft dahinter zu erkennen. 

Zelda umklammerte das Medaillon der Mächtigen mit ihrer einen Hand. Ja, sie war aufgeregt, konnte es nicht erwarten Hyrule zu sehen, genauso wenig wie Link.

Sie drehten sich beide noch einmal um, sahen traurig in die Augen der anderen, nicht sicher, ob sie jemals wiederkehren würden, aber mit Hoffnung im Herzen, sprachen leise Worte des Abschieds. Link nahm Zeldas rechte Hand fest in seine und lächelte ihr ermutigend entgegen.

            Der entscheidende Moment war gekommen. Die Zeiger der Uhren bewegten sich langsamer zollten Respekt, denn in wenigen Augenblicken würde eine gewaltige Kraft frei werden, die den unmöglichen Weg in ein altes Land ebenen konnte, eine Kraft des Guten, die Kraft der Sieben Weisen.

            Die sieben Personen schlossen die Augen, falteten ihre Hände und murmelten Worte, die ein Beobachter nicht verstehen konnte- es waren Worte einer anderen Sprache, die auf der Erde nicht existierte. Etwas Unsichtbares näherte sich, etwas Geheimnisvolles...

Die Sieben öffneten gleichzeitig ihre Augen und konzentrierten ihre Kräfte auf jenen Spiegel. Inzwischen standen die Zeiger aller Uhren still.

In dem Moment gaben die beiden schwarzen Bilder ein außergewöhnliches Glühen in den Farben blau und grün von sich. Jenes Licht, ebenso wie die Kräfte der Weisen, traf die matte Oberfläche des riesigen Spiegels in der Mitte des Raumes mit einem starken Summen.

            Bedacht legte Zelda eine Hand auf das raue Spiegelglas. Ihre Augen weiteten sich, da sich das Glas nun warm und im selben magischen Moment flüssig anfühlte. Ihre Fingerspitzen verschwanden hinter der Oberfläche. Sie bewegte sich näher an das Glas heran und durchquerte es halb. Link folgte ihr langsam.

Sie blickten nicht zurück, verschwanden wie zwei Geister, durchquerten die Pforte in eine andere Welt...

 

Zelda und Link befanden sich plötzlich in einer großen Küche. Gespannt blickte der junge Kämpfer um sich, erstaunt über die vielen, riesigen Töpfe auf mehreren Herden, Kochlöffel aus Holz an den Wänden, Kittel und Schürzen, erstaunlichen Schränken mit Verzierungen, abgebrannten Kerzen überall und alles wirkte sehr alt. Wo waren sie?  

„Weißt du, wo wir sind?“ meinte Link.

„Ja, wir befinden uns in einer der Schlossküchen.“

„Wir sind also im Schloss von Hyrule? Echt krass... “

Link sah um sich und fragte sich, wieso sie beide ausgerechnet hier gelandet waren.

„Wenn alles gut läuft, sollten wir hierher zurückkehren.“

„Ja, aber da will ich lieber noch nicht dran denken...“, äußerte Link ironisch und blickte Zelda dann, ein wenig geschockt an. Seine Augen wurden größer, er schluckte einmal kräftig, bevor er endlich sagen konnte, was er wollte. Sein Zeigefinger wanderte zu Zelda, dann zu ihren Ohren.

Es platzte aus ihm heraus: „Zelda. Du hast... du hast spitze Ohren!“

            Sie faste sich an ihre Ohren und es schien sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie zuckte teilnahmslos mit ihren Schultern und deutete dann auf Links Ohren. Aber nicht nur ihre Ohren waren verändert. Zelda hatte ebenso wieder ihre honigblonden, langen Haare.

Link fasste sich an seine eigenen Ohren und stellte mit Entsetzen fest, dass auch er jetzt spitze Ohren besaß. Er konnte es nicht glauben. Er hüpfte an die Decke, und landete dann endlich wieder auf dem Boden der Vernunft. Langsam fuhr er sich an seinen Ohrläppchen entlang- eine interessante, merkwürdige, und doch unheimliche Erfahrung.

„Ich dachte, du liebst Überraschungen?“ sagte Zelda, erfreute sich noch kurz an Links verdutzten, ratlosen Gesichtsausdruck, lachte dann und meinte: „Komm’ hier entlang.“ Sie ging flugs voraus, in Richtung der steinernen Treppenstufen.

Zögernd und unauffällig schlichen sie beide nach oben, während Link immer wieder an seine Ohren fasste. Er würde sich niemals daran gewöhnen...

            Unzählige, schmale Treppenstufen geleiteten sie ins Erdgeschoss. Link folgte Zelda, stieß in dem engen Gang beinahe immer wieder mit seinen Ohren an die Wände.

            Sie gelangten ins Erdgeschoss und folgten mit ihrem ganzen Gepäck einem hellerleuchteten Gang mit rotem Teppich. Link blieb stehen und blickte nach oben, sah reine Lichtstrahlen, die durch die Spitzbogenfenster fielen. Einzelne Staubkörner funkelten im Licht. Es war einige Zeit her, dass er das Licht der Sonne gesehen hatte... Er blieb so lange stehen, bis Zelda am anderen Ende des Ganges angelangt war.

„Link... wir müssen weiter.“ Er kam wieder zur Besinnung und sagte: „Oh... ja, ich komm’ schon. Es ist nur...“ –„... das Licht. Nicht wahr?“ Zelda blickte nun auch in Richtung der Fenster. Ein sanftes Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, da sie wusste... irgendwann würde Hyrule, genauso wie die Erde wieder in weißem Licht erstrahlen...

Sie wollte es wissen, sie glaubte daran, hoffte, es würde eines Tages wieder ein Hyrule geben, in dem Geschöpfe lebten, in dem eine gerechte Königsfamilie herrschte, in dem das Licht über die Dunkelheit regierte...

            Sie verschwanden aus dem hellen Gang, gelangten in einen sauberen Saal mit roten Vorhängen, riesigen Balkonfenstern und der Erinnerung...

Zelda durchquerte den Saal und winkte Link zu, der vor Erstaunen nur um sich sah und jedes Detail im Schloss betrachtete. Schließlich folgten sie den Stufen einer steinernen, zerklüfteten Wendeltreppe ins nächste Stockwerk.

            „Wohin gehen wir eigentlich“, sagte Link, der in jenem dunklen Aufgang verwundert auf die brennenden Fackeln blickte.

„In meine Gemächer. Ich benötige von dort noch etwas und vor allem ein bequemeres Outfit...“ 

„Was? Sind deine Jeanshosen und dein T-Shirt nicht bequem“, meinte er mit einem Schmunzeln.

„Na ja... Es ist nur zum Kämpfen ein wenig unbequem. Da fällt mir ein...“ Sie blieb stehen und musterte ihn von oben bis unten.

„Was?“, sagte Link, dem es gar nicht gefiel, wenn Zelda ihn auf dies Art und Weise anstarrte. Was versprach sie sich denn davon, seinen Körper in dieser Weise zu begutachten?

„Ich habe noch eine grüne Tunica für dich, wenn du Lust hast dein altes Outfit mal anzuprobieren.“

„Äh... lass mal lieber. Ich denke nicht, dass ich mich damit besonders wohlfühle...“

„Wie du meinst“, sagte Zelda und drehte sich um.

            „Ähm Zelda?“

„Ja“, sagte sie, als sie weiterhin den unzähligen Treppenstufen folgte.

„Wie kommt es eigentlich, dass du eine grüne Tunica besitzt?“ Mit dieser Frage hatte Zelda keineswegs gerechnet und sie musste zugeben, dass sie die Antwort darauf lieber für sich behalten wollte. Sie blieb stehen, starrte in das Feuer einer Fackel und suchte nach einer Ausrede. Sie besaß eine grüne Tunica, die sie persönlich von Hyrules bestem Schneider herstellen ließ. Die Wahrheit war, dass sie immer mit einem Notfall gerechnet hatte. Das bedeutete, sollte Link irgendwann einmal etwas zustoßen, hätte sie sich selbst um seine Pflege gekümmert. Es war in der Tat unausweichlich... In diesem Fall hätte er sicherlich ein Paar frische Klamotten nötig gehabt.

            „Also... Ich weiß gar nicht mehr so genau, weshalb ich eine grüne Tunica in deiner Größe besitze...“

„Na dann.“ Link wusste, dass sie log. Ließ es aber dabei, sie deswegen auszufragen. Vor ihm konnte sie sich jede mögliche Ausrede erfinden, er würde sie durchschauen. Er wusste einfach um Zeldas Gefühle und Gedanken.

            Sie ereichten das Ende der Wendeltreppe und kamen in einen Gang mit goldenverzierten Vorhängen. Viel Licht erleuchtete den Korridor von etlichen Fenstern zu der rechten Seite. Link blieb stehen, schaute aus dem Fenster und erblickte außerhalb grüne Wiesen soweit das Auge reichte. Er hatte davon geträumt einmal Hyrules Steppe zusehen, aber dass diese so riesig und märchenhaft schön sein würde, konnte er sich selbst in seinen wildesten Phantasien nicht vorstellen. Er war schlichtweg verzaubert von dem Anblick, welcher sich ihm bot. Grenzenlose, grüne Wiesen, Berge im Hintergrund und blaue Flüsse, die sich durch Täler schlängelten. Ein solches Bild hatte er auf der Erde noch nie zu Gesicht bekommen. 

„Link?“ Zelda riss ihn aus seinen Gedanken.

„Das Bild ist der absolute Wahnsinn.“

„Es gibt noch viel bessere. Warte erst einmal, bis du den Hylia -See gesehen hast. Der ist soooo groß.“ Zelda streckte ihre Arme auseinander, lächelte und wirkte in Links Augen einfach nur glücklich.

            Sie gingen weiter und erreichten das Ende des langen Wandelganges. Sie standen vor einer reichlich verzierten, dunkelbraunen Tür, die goldene Griffe besaß.

„Was ist dahinter?“

„Mein eigenes Reich...“, sagte Zelda und öffnete die Tür.

Sie traten ein und befanden sich in einer großen Stube. Link stand festgemauert am Eingang und war fasziniert. Der Raum war riesig und teuer eingerichtet.

            In der Mitte befand sich ein runder Tisch mit einem Triforcezeichen, welches in das Holz der Tischplatte eingearbeitet war. Vier Stühle standen darum, Stühle mit hohen Lehnen und roter Polsterung. In der rechten Ecke befand sich eine weitere Tür. Linker Hand führte ein roter Teppich zu einem großen Balkon. Er sah Unmengen von Details, die sein Kopf so schnell nicht verarbeiten konnte: ein Schaukelstuhl, ein Pult mit Spiegel, ein Kamin, eine Bar...  Der Raum war durch eine feine Glaswand mit goldenen Symbolen und Mustern im Glas von einer kleinen Bibliothek abgetrennt. Link blickte durch das Glas und entdeckte mit seinen scharfen Augen Bücher mit seltsamen Schriftzeichen in den Regalen.

Zelda durchwühlte währenddessen eine alte Truhe, nahm Kleidung daraus hervor und eine Karte von Hyrule.

„Hier. Nimm’ du sie. Ich habe die Stätten der alten Weisen darauf markiert, dort, wo wir die Elixiere finden werden.“ Sie reichte dem verblüfften Link, der allmählich seine Sinne wieder unter Kontrolle hatte, die Karte von Hyrule.

„Vielleicht kommen wir an dem ein oder anderen Tempel vorbei. Mach’ es dir gemütlich. Ich bin gleich wieder da“, ergänzte sie und verschwand durch die Tür am Ende des Zimmers.

            Link ging der Aufforderung nach und machte es sich bequem. Er setzte sich auf eine rote Couch und lehnte sich entspannt zurück. Er wünschte sich, er hätte Hyrule unter anderen Umständen kennen gelernt... Hyrule war einfach phantastisch...

Link sah sich weiterhin um. Er ging leise in die kleine Bibliothek und betrachtete sich die Unmengen von Büchern. Zelda las wohl sehr viel. Eigentlich war es schade, dass er trotz allem nur so wenige Seiten von Zelda kannte. Er fragte sich, was sie früher gerne getan hatte, welche Hobbys hatte eine Prinzessin? Wie hatte Zelda ihre Abende verbracht? Er durchquerte die Reihen der Bücherregale und entdeckte am hinteren Ende ein sehr altes Buch, welches äußerst mitgenommen aussah. Neugierig blätterte er ein wenig, entdeckte fremde Abbildungen, die ihm dennoch vertraut vorkamen. Er stellte es wieder zurück und wollte schnell wieder aus der Bibliothek verschwinden. Doch er lief ein wenig zu schnell und stolperte über eine Kante. Er blickte zurück und entdeckte etwas unter der Kante. Nanu? Was war das denn? Er sah sich die Stelle genauer an und schob eine große Steinplatte zur Seite. Darunter befand sich ein kleines Fach. Neugierig öffnete er auch das Fach.

Darin wiederum ruhte eine kleine Spieluhr und ein Büchlein mit Schnalle und einem Triforcezeichen.

Link war zu wissbegierig, um es einfach wieder wegzulegen. Vorsichtig öffnete er die Schnalle und warf einen Blick herein. Es handelte sich um etwas Selbstgeschriebenes, aber er konnte diese Schrift nicht lesen, obwohl sie wunderschön war. Ob es sich etwa um ein Tagebuch handelte? War das Zeldas Tagebuch?

Zelda stand plötzlich hinter ihm. Als sie sah, was er in der Hand hatte, zerrte sie ihm das Buch verärgert aus der Hand. Link sah in ihren Augen den Anflug von Wut und Empörung.

„Das geht dich nichts an“, sagte sie laut. Aufgebracht steckte sie das Buch in eine kleine Ledertasche an ihrem Gürtel, wie auch die Spieluhr.

Link bestaunte dann ihre Kleidung. Sie trug eine weinrote, enge Hose, lange braune Stiefel und trug einen Gürtel, der eine Schnalle in Form eines Dreieckes besaß. Ihren Oberkörper bedeckte ein dunkelblaues Gewand mit goldenen Stickereien. Zusätzlich trug sie eine dunkle, schwere Weste als eine Art Rüstung und auf dem Rücken einen Mantel.

            „Sorry, Ich wollte nicht...“, fing er an.

Aber sie unterbrach ihn. „Wühl’ nie wieder in meinen Sachen herum“, fauchte sie ihn an. Link erkannte an ihrem gekränkten Gesichtsausdruck, dass sie sich verletzt und verraten fühlte.

„Zelda, ich wollte nicht in deinen Sachen herumschnüffeln. Es tut mir leid...“

„Das ändert nichts daran, dass du es getan hast.“ Sie drehte sich um und ging aus der Bibliothek heraus. Offenbar hatte sie ihre gute Laune von vorhin verloren. Sie kramte in einem Schrank herum, als Link in das riesige Stubenzimmer trat und reichte ihm verdrießlich eine kleine Tasche.

„Befestige diese Tasche an deinem Gürtel. Diese Tasche wird dir sehr nützlich sein.“

„Gut.“

            Sie kramte dann in den Taschen herum, nahm sich einen Bogen und legte sich diesen auf ihren Rücken. Dann befestigte sie noch ein Schwert an ihrem Gürtel.

Link stand vor einem Rätsel, als seine Augen zu den ganzen Dingen wanderten. Wohin mit den Schlafsäcken? Wohin mit den Nahrungsmitteln?

„Ähm... und was machen wir nun mit dem ganzen Zeug?“

„Schau’ her“, sagte Zelda. Sie nahm eine schwere Tasche mit Flaschen, und öffnete ihre kleine Ledertasche an ihrem Gürtel. Als sie den großen Beutel davor hielt, geschah allerdings etwas Verrücktes. Mit einem Schlag verschwand der große Beutel. Was war passiert? Hatte die komische Ledertasche etwa den Beutel verschluckt?

Link traute seinen Augen nicht. Aber er war ja schließlich in Hyrule. Gehörte es nicht zu dieser Welt, dass hier merkwürdige Dinge geschahen und es seltsame Gegenstände gab?

Zelda ließ den ersten Schlafsack verschwinden. Link kapierte den Trick allerdings immer noch nicht und glotzte dumm aus der Wäsche.

„Diese Taschen hier wurden von Goronen aus seltenem Material hergestellt. Sehr effektiv für lange Reisen, da man unendlich viele Gegenstände darin aufbewahren kann“, sagte sie missmutig mit ernster Miene. „Beeil’ dich. Wir haben keine Zeit“, fuhr sie ihn an. 

            Brrrr... Link wurde sich seines Fehlers von vorhin wieder bewusst... Zelda war nun so eisig wie ein Winter in Zoras Reich...

            Wie auch immer, Link versuchte sein Glück mit der Tasche, nahm seinen Schlafsack und schaffte es tatsächlich diesen in der kleinen Tasche verschwinden zu lassen. Innerhalb von Sekunden befanden sich alle Gegenstände in den magischen Taschen.

„Den Trick zeige ich Sara, wenn wir wieder zuhause sind“, meinte er. Zelda verrollte die Augen und ging schnellen Schrittes wieder durch die kleine Tür in dem Zimmer.

Link folgte ihr mit einem unüberhörbaren Seufzen.

            Der junge Held erkannte den Raum als ein Schlafzimmer. Moment mal... er kannte diesen Raum. Er war hier schon einmal- in seinem Traum in Irland, als er mit Zelda das schicksalhafte Spiel spielte, als er Zeldas weiche Lippen auf seinen spürte, als er sich eingestand, dass es mehr war, was sie beide verband, mehr als er im Moment besaß.

Das war es... auch das Spiel der Sieben Weisen stand auf einem kleinen Holztisch.

Er blickte sich um und wollte den Eindruck machen, dass er den Raum jetzt das erste Mal vor seinen Augen hatte- und dies gelang ihm glücklicherweise.

„Kannst du dich endlich mal beruhigen? Mag sein, das du das Schloss toll findest, aber du übertreibst mit deinem geschauspielerten Interesse“, sagte Zelda kalt.

Brrrr... fehlen nur noch die Eiszapfen... Zelda konnte sehr gemein sein, wenn sie wollte.

Link stand hinter ihr und schüttelte mit dem Kopf. War das überhaupt noch die Zelda, die er vor einem halben Jahr in den Wäldern gefunden hatte? Er zweifelte langsam daran...

Er sagte nichts dazu und schluckte die Worte herunter. Sie kamen an einem spitzen Ohr an und gingen im anderen wieder raus...

            Zelda öffnete eine kleine Geheimtür in einem ihrer Schränke.

„Wohin führt dieser Weg?“

„Wirst schon nicht verloren gehen“, sagte sie mit Sarkasmus in der Stimme.

            Link blieb noch eine Weile gedankenverloren in dem Zimmer stehen und träumte vor sich hin.

„Kommst du endlich mal. Wenn du die ganze Zeit so trödelst, haben wir mehr als ein Problem.“

Und erneut erhielt Link seinen Anpfiff. Inzwischen fragte er sich, ob Zelda das Spaß machte, oder ob sie ihn provozieren wollte. Aber Link war schließlich Link und konnte durch solche Bemerkungen nicht aus der Fassung gebracht werden. Am Ende würden sich seine Geduld und Lässigkeit auszahlen. Das wusste er...

Mit einem vergnügten Grinsen sah er Zelda an, die den Göttinnen sei Dank sein hinterhältiges, aber gutmütiges Grinsen nicht sah. Dann begann er zu pfeifen. Er drehte den Spieß rum und provozierte nun Zelda.

„Was soll das denn bedeuten?“ Er pfiff vergnügt irgendein fröhliches Lied, das Zelda nicht kannte.

„Link. Hör auf damit“, schimpfte sie, da sie die Fröhlichkeit in dem Musikstück nicht ertrug. Seine Augen wanderten an die Decke. Aber er unterließ das Pfeifen nicht, sondern begann von vorne.

Zelda ballte die Fäuste: „Du sollst aufhören. Dein abscheuliches Gepfeife nützt dir hier auch nichts. Was bildest du dir eigentlich ein?“ Immer noch pfiff er. Dann trieb er sein Spielchen noch weiter. Er tanzte wie ein Blöder in dem Zimmer; umher und stellte sich als einen der dämlichsten Trottel dar, die jemals in Hyrule das Licht der Welt erblickt hatten.  

„Du bist einfach nur bescheuert“, sagte Zelda, aber immerhin in einer normalen Stimme. Sie stampfte inzwischen mit ihren Absätzen auf dem Boden hin und her. Links Blödsinn kostete Nerven. Sie griff sich an die Stirn und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

            Plötzlich spürte sie seine Hände, die einen festen Griff unter ihren Armen hatten.

„Bist du noch ganz dicht!?! Lass mich runter“, schnaubte sie, als Link sie in die Höhe hievte und sich mit ihr durch den Raum drehte. Er lachte froh und munter und ließ sich von ihren Gemeinheiten nicht beeindrucken.

„Du Mistkerl, lass’ das. Ich wünschte, ich wäre alleine hier“, fauchte sie, wie eine giftige Schlange, aber Link lachte nur.

Nach einer halben Ewigkeit des vergnüglichen Lachens, setzte er Zelda einfach auf eine Couch in dem Raum, kniete ritterlich vor ihr nieder und sagte: „Verzeiht mir Eure Majestät, aber Link wusste nicht, was er tat, als er Euer Buch entdeckte. Gebt ihm eine Aufgabe, sodass er dafür Buße tun kann, aber bitte verzeiht ihm seine Unverfrorenheit.“ Er küsste ihren rechten Handrücken.

            Zelda verdrehte ihre Augen und schüttelte mit dem Kopf: „Link“, sagte sie. „Tu’ mir einen Gefallen und benimm’ dich wie ein Mensch und nicht wie ein hirnloses Häufchen Elend.“

„Okay“, sagte er.

„Und hör auf, dieses Lied zu pfeifen.“

„Okay.“

„Und... sei du selbst.“

„Okay“, sagte er und setzte hinzu: „Aber nur, weil du’s bist. Du bist doch Zelda, oder?“ Er beugte sich nach vorne und blickte ihr direkt in ihre kristallblauen Augen, mit einem entschiedenen, sanftmütigen Blick. Sie waren keine fünf Millimeter voneinander entfernt und sahen sich nur schweigend an. Sie hielt seinem Blick stand und bereute nun die Worte, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte.

            „Es tut mir leid, Link“, sagte sie. „Ich war wohl nicht ganz ich selbst.“

„Das habe ich gemerkt“, meinte er. Er zog sie auf ihre Beine. „Zelda. Ich respektiere deine Privatsphäre, das weißt du doch, oder? Und wenn es dich beruhigt, ich konnte nichts aus dem Buch lesen, da ich keine Erinnerungen an die hylianische Sprache habe.“  

Sie blickte beschämt zur Seite. Was war bloß in sie gefahren? Link meinte es nur gut. Sie hatte ihn noch nie auf diese Art und Weise angefahren und verachtete sich selbst nun ein wenig dafür.

„Es liegt nicht an dir. Es ist nur...“

„Du bist ein wenig verzweifelt. Ich sehe es in deinen Augen, Zelda.“ Sie nickte leicht und gab dem verdatterten Link einen Kuss auf die Wange.

„Entschuldige...“ Sie ging dann in Richtung des Geheimgangs.

Link stand mit roten Wangenbäckchen im Raum und rieb sich die Stelle, an der Zelda ihn küsste.

„Dieser Weg führt direkt in den Schlossgarten“, sagte sie, „So müssen wir nicht durch das ganze Schloss laufen... es sie denn, du möchtest das ganze Schloss sehen.“

„Ich denke, der Schlossgarten interessiert mich eher.“

Er folgte ihr, beruhigt, dass Zeldas schlechte Laune verflogen war, drehte sich dennoch ein weiteres Mal um und blickte in Richtung des Kamins.

„Zelda. Sag’, waren wir...“

„Was?“

„... damals... waren wir da...“

Zeldas Augenbrauen verzogen sich verwirrt, denn sie wusste nicht, worauf er hinauswollte.

„... was war damals...“

„Möchtest du jetzt die gesamte Geschichte wissen?“

„Nein... nur ob wir damals...“ Damit brach er ab und hatte das Gefühl, er müsste das Herz in seinem Körper herausreißen, da es so heftig Blut in seine Adern pumpte. Alles nur wegen dem Gedanken, dass er und Zelda damals vielleicht eine intimere Beziehung geführt haben könnten. Aber Zelda schien seine Neugierde und Scham nicht unter den Hut zu bringen.

            Er schüttelte mit dem Kopf, hatte Bammel sie danach zu fragen, wie nah sie sich einst standen und folgte ihr schließlich, nachdem sie schon viel zuviel Zeit im Schloss verbracht hatten.

            Zelda nahm eine Fackel in die Hand und ging vorneweg, ging hinein in einen kleinen engen Gang, der das Licht ihrer Fackel fast vollständig absorbierte. Link wunderte sich, dass sie über derartige Geheimgänge in ihren Gemächern verfügte. Wie viele Geheimgänge führten eigentlich in Zeldas Zimmer? Link vergaß derartige Grübeleien und lief ihr hinterher.

            Sie gelangten in den traumhaften Garten mit seinen wohlgeordneten Wegen, sauberen Wiesen und Zelda fühlte sich fast so wie damals, zurückversetzt in alte Zeiten. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Link, als er damals in Gestalt eines kleinen unreifen Jungen vor ihr stand. Seine grüne Kleidung, die blauen, unergründlichen Augen. Link hatte sich in seinem Erscheinungsbild durch seine Wiedergeburt nicht verändert, ebenso wenig wie im Charakter...

            „Hier sind wir uns das erste Mal begegnet...“, flüsterte sie. Ihre Worte ein wenig unwirklich, ein wenig trübsinnig. „Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen kennen gelernt...“ Link legte seine Hände auf ihre Schulter und drückte ihre Haut ein wenig. „Und auch auf der Erde sind wir uns nur begegnet, weil der Kampf bevorsteht“, meinte er.

„Es ist eben Schicksal, Link“, meinte sie leise, kniete nieder und strich erinnernd über einige saftiggrüne Grashalme.

„Unser Schicksal...“, bestätigte er, kniete ebenso nieder und hatte das sehnliche Bedürfnis Zelda jetzt in seine Arme zu nehmen.

„Aber selbst das Schicksal scheint nicht alles vorhergesehen haben, scheint nicht gewollt haben, dass die Dinge nun so sind wie sie jetzt sind. Selbst das Schicksal hätte Hyrule nicht sterben lassen wollen...“, meine sie leiser und leiser. Daraufhin nahm Link ihre rechte Hand in seine beiden und suchte ihren Blick.

„Aber in diesem Moment lebt Hyrule doch. So lange wir hier sind, lebt es... und ich weiß, dass irgendwann...“ Sie legte einen Zeigefinger auf seine Lippen und brachte ihn zum Schweigen.

„Nicht...“ Dann schüttelte sie mit dem Kopf und stand auf.

            Das Schicksal des Bösen schien so stark an das der beiden Auserwählten geknüpft zu sein, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als sich gegen ihr Schicksal zu stellen. Ein Schicksal, welches sie beide nur zusammenführte, wenn der Krieg gegen das Böse von neuem begann. Ein Teufelskreis, denn das Böse gehörte zu Hyrule genauso wie das Triforce. Und wollte man das Böse vernichten, so müsste man die Essenz der Welt, das Triforce, welches die Welt zusammenhielt, ebenso zerstören. Erst dann könnte Friede sein, der aber den Preis einer Vernichtung der einzigartigen Welt Hyrules fordern würde...

            „Es ist Zeit“, sagte sie und lief vorneweg.

Es dauerte nicht lange und sie befanden sich an den hohen Schlosstoren. Mit einem letzten Blick zurück entfernten sie sich von dem königlichen Schloss von Hyrule. Ein letzter Blick zurück. Das Abenteuer in Hyrule sollte nun beginnen.

 
  Insgesamt waren schon 114916 Besucher (411120 Hits) hier!