Kapitel 24
 

Kapitel 24

 

 

 

 

In einer kleinen Stadt, die zur bedeutendsten Ortschaft in den Stunden der Dunkelheit wurde, saß eine selbstherrliche Kreatur fast gelangweilt auf ihrem Thron in einer alten Kathedrale.

Es war nicht lange her, da hatte er sich diesen Thron aus einer anderen Dimension, zu der er Dank seines merkwürdigen schwarzen Bildes, einen geheimen Zutritt hatte, beschafft.

Er hatte nichts zu tun, als abzuwarten. Er wartete auf ihn... doch diesmal würde sein Gegenspieler den Kampf nicht gewinnen können, schwor er sich.

            Mortesk kam mit wiedereinmal gebeugtem Rücken angekrochen, kniete demütig nieder und erstattete Bericht an seinen Meister.

            „Noch wissen wir nicht, was die Weisen planen... falls sie überhaupt Pläne haben.“ Der Hüne stand von seinem Thron auf und blickte hinaus aus dem Bauwerk in den Himmel, in seine selbstkreierte Dunkelheit.

            „Mortesk, wie dumm bist du eigentlich, dass du annehmen könntest, die sieben Halbklugen, das heißt die sechs gebliebenen Weisen, hätten keine Pläne. Der grünbemützte Gartenzwerg wird sich mir trotz allem stellen, auch ohne Zelda.“

            „Wie Ihr meint, mein Lord.“ Die Schreckensgestalt lief wieder zu ihrem Thron und setzte sich.

            „Mortesk! Wie laufen deine Nachforschungen bezüglich der drei Gefangenen in der alten Welt Hyrule?“ 

            „Wie Ihr uns zu Verstehen gegeben habt, ist tatsächlich eines dieser drei Wesen ausgebrochen und irrt in Hyrule umher, ohne zu wissen wohin. Doch fangen konnten wir sie nicht, noch nicht, mein Herr“, sagte er leicht fiebrig, als ob er sich vor der Reaktion seines Meisters fürchtete.

            „Dann bete zu den Geistern des Jenseits, dass ihr dies schnell tut, sonst landest du an einem Ort, der ungemütlicher ist als die Erde.“ Lachend setzte er hinzu: „Und wenn du diesen Link findest, bring’ ihn unverzüglich her.“ Mortesk verschwand und Ganondorf saß mit zornigen Augen auf seinem Thron. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass er etwas Wichtiges übersehen hatte...

 

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen traten Zelda und Link aus den gewaltigen Stadttoren heraus. Sie überquerten eine robuste Zugbrücke und erblickten von jenem Ort einen Teil von Hyrules fruchtbarer Steppe, deren grüne Gräser wie farbige Bänder im Wind wehten.

            Die weite Aussicht, der reine Duft, der zarte Wind... alles vermittelte ungetrübt das Gefühl von grenzenloser Freiheit, dem Drang nach einem Abenteuer, wie keines zuvor und sogar den ehrlichen Wunsch Herausforderungen anzunehmen und zu bestehen.

            Link konnte seine Neugier und einen nervenaufreibenden Tatendrang nicht mehr zügeln und rannte wie ein Bekloppter vorneweg, irgendeinen Weg entlang, den er für den richtigen hielt.

            Zelda blickte ihm mit einem leichten Lächeln hinterher. Manchmal konnte er so kindlich- naiv wie keine zweiter sein. Ja, sie musste sich eingestehen, dass sie gerade diese Seite an ihm einfach nur liebte. Es tat gut ihn so fröhlich zusehen, erst recht nach den letzten Tagen und den schrecklichen Erlebnissen, die ihm widerfahren waren. 

            Link rannte weiter und weiter, bis er auf einem kleinen Hügel stehen blieb und von dort aus mehr von der Reinheit der Natur in sich aufnehmen konnte. Seine tiefblauen Augen folgten einem kleinen Flusslauf in einem Tal weit im Süden. Er überlegte, was es für ein tolles Gefühl sein musste, mit einem Pferd über diese sagenhafte Landschaft zureiten. Nach einer kurzen Verschnaufpause rannte er noch ein Stückchen weiter, als Zelda ihn aber in seiner Abenteuerlust stoppte oder stoppen musste, da er drauf und dran war, den falschen Weg zu bestreiten und sich von niemandem mehr abhalten ließ, dies zu tun...

            „Link“, rief sie, „Warte! Wir wollen nach Südosten. Du rennst aber nach Westen.“ Nach einigen Minuten stand er außer Puste wieder vor ihr und grinste sie an.

            „Hast du einen Kompass für mich, Zelda? Sonst verlaufe ich mich noch.“ Ihre Augen glänzten mit Gewissheit.

            „Ich dachte schon, du würdest nie fragen.“ Sie kramte in ihrer Ledertasche herum und holte einen runden Kompass hervor.

            „Du bist einfach nur spitze“, sagte er erheitert. „Ich könnte dich...“ Umarmen, war das Wort, was er sagen wollte, hielt aber dann seinen Schnabel.

 

Sie folgten einige Zeit einem abgetrampelten Weg, der ab und zu mit krummen Steinen bepflastert war. Die Sonne am Horizont neigte sich in Richtung Westen. Inzwischen waren drei Stunden vergangen und der Abend nicht mehr fern. Links Magen machte sich allmählich bemerkbar und er fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie endlich diese Farm, von der Zelda sprach, erreichten.             Logischerweise hatte ebenso Zelda Hunger.

 

Gegen acht Uhr hylianischer Zeit kamen die Beiden an jener kleinen Farm an. Die Sonne verschwand mit einem letzten Glühen am Horizont und erste Abendsterne leuchteten wie Überbleibsel einer vergessenen Welt am Himmel Hyrules auf. Die kleine Farm war umgeben von hohen Zäunen und vielen, vielen alten Laubbäumen. Link schloss aus jenen, dass es sich hier um eine sehr alte Farm handeln musste.

            Sie standen beide vor einem hohen Tor, das sich nicht öffnen ließ. Link kletterte geschickt und flink, wie er eben war, darüber. Zelda stand immer noch außerhalb und grinste in sich hinein. Irgendetwas führte sie im Schilde und Link zweifelte erneut daran, ob das noch ,seine Zelda’ war...

            Sie machte eine merkwürdige Handbewegung und das Tor flog mit einem gewaltigen Krachen zurück und beinahe aus seinen Halterungen. Link glotzte seine Prinzessin schockiert an, wusste aber, dass sie ihm dafür keine Erklärung schuldig war. Sie schloss das Tor, diesmal mit wirklicher Körperkraft und winkte Link in eines der drei Häuser, die in einem Bogen angeordnet waren. Neben den Häusern entdeckte der Held mit dem grünen Basecape noch einen Schuppen, in welchem früher wohl Kühe, Pferde und andere Tiere untergebracht waren.

            Zelda war bereits in dem größeren Backsteinhaus verschwunden. Link jedoch blieb noch einige Augenblicke außerhalb und betrachtete sich die Sterne am Firmament. Nicht ein Sternzeichen konnte er ausmachen, das es in der wirklichen Welt gab. Wie auch... Hyrule gehörte zu keiner Vergangenheit der Menschenwelt... Hyrule gab es und gab es nicht...

            Es handelte sich um ein kleines Stück Realität- real für Link, real für Zelda und viele andere Geschöpfe und doch nur ein Spiel, eine Geschichte für die meisten Menschenwesen... Ob man in Hyrule überhaupt Sternbilder kannte? Gab es andere Planeten? Was war Hyrule überhaupt- eine Insel- ein Kontinent- oder nur ein kleines Land, umgeben von vielen anderen?

            Link versuchte seinen Kopf wieder frei zu bekommen und zog sein Schwert. Er hatte Lust, vor dem Essen ein wenig zu üben. Er schwang seine Waffe mal vertikal, mal horizontal, vollführte Sprünge, Saltos und warf seine Klinge in die Höhe, um es wieder elegant aufzufangen.

            Zelda stand in dem kleinen, gemütlichen Häuschen und beobachtete ihren Kämpfer von einem Fenster. Irgendwie tat es gut zu wissen, dass er in der Nähe war. Außerdem war sie beeindruckt von seiner Kampftechnik, er war gut, ja sogar sehr gut...

            Sie hätte es niemals für möglich gehalten, dass Link wieder auf diese Art und Weise ein Schwert führen konnte. Sie beobachtete ihn noch eine Weile, starrte hemmungslos seinen Körper an, wurde verlegen und zog schließlich schnell die vergilbten Vorhänge in jenem Raum zu. Sie würde nie und nimmer zugeben, dass sie ihn wirklich attraktiv fand...

            Sie nahm eine Hintertür aus dem kleinen, gemütlichen Häuschen und lief gemächlich mit einem großen Kessel aus irgendeinem Material, welches in der Nähe der Goronenheimat abgebaut werden konnte, in Richtung eines Brunnens hinter den Häusern. Sie blickte während ihres Weges in den klaren Sternenhimmel. Sie summte eines ihrer Lieder, die Melodie ihrer kleinen Spieluhr.

            Verträumt erreichte die blonde Hylianerin den Brunnen. Überall lagen Schatten, die von den alten Bäumen stammten. Zelda schöpfte ein wenig Wasser, überrascht über das Gefühl des hylianischen Wassers in ihrer Hand. Sie hatte vollkommen vergessen, wie es war, wenn Wasser aus dieser Welt die Haut berührte- es erschien ihr so anders, fast fremd, was eigentlich traurig war. Hatte sie Hyrule innerhalb einiger Monate so sehr vergessen? Ihr Zuhause? Ihre Heimat... die Welt für die sie immer gestorben wäre? Würde das Leben in einer anderen Welt ihre Erinnerungen an Hyrules Magie und Besonderheit vergessen lassen?

            Sie füllte das kristallene Wasser in den Kessel und folgte dem Weg zurück ins Haus.

            Doch urplötzlich stand jemand hinter ihr. Zelda war allerdings nicht wirklich überrascht, da es sich um eine vertraute Aura handelte.

            Mit einem warmherzigen Blick in den Augen drehte sie sich um, blickte in das freche, kleine Kindergesicht eines Wesens ohne Namen und stellte den Kessel ab.

            „Ich habe an dich gedacht“, sagte sie. Der kleine Bengel mit den grünen Klamotten lächelte aus dem niedlichen Gesichtchen hervor und erwiderte schließlich ein wenig ernster: „ Ich bin hier, um euch zu warnen. Sehr bald werden die Ableger des Bösen auf eure Fährte stoßen. Seid vorsichtig.“

            Zelda schaute das Kind erschrocken an... Ganon würde herausfinden, dass sie hier waren? Nein, das durfte nicht sein! Niemals!

            Zelda kniete aufgebracht nieder und schüttelte den Knirps an seinen Schultern.

            „Ich bitte dich. Woher weißt du das und wie können wir das verhindern? Er darf es nicht erfahren!“

„Ich fürchte, es lässt sich nicht verhindern... Geschichte wiederholt sich nun mal...“, meinte er, fast mit Tränen in den Augen.

            „Warum erzählst du mir das?“ Er blickte weg und schüttelte mit dem Kopf.

            „Gut“, sagte sie, wenn auch mit Verbitterung in der Stimme, „Ich nehme an, du darfst mir darüber nichts erzählen.“ Er blickte immer noch weg und Zelda fühlte etwas direkt in ihrem Herzen, als dieses Kind ihrem Blick auswich. Aus irgendeinem Grund tat es weh, dieses Wesen von Traurigkeit erfüllt zu sehen.

            „Schau’ mich an“, murmelte sie. Aber aus irgendeinem Grund schaffte es das Kind nicht in ihre Augen zu sehen.

            „Wer bist du nur, dass du mir so vertraut erscheinst, obwohl ich dich nicht kenne“, sagte sie sanft. Wiederrum wich das Kind ihrem Blick aus und Tränen sammelten sich in seinen blauen Augen. Dann schüttelte er mit dem Kopf und wimmerte vor sich hin. Zelda konnte nicht anders und umarmte den kleinen Bengel, um ihn zu trösten. Er zog seine Nase hoch und murmelte: „Danke...“

            „Konnte ich dir denn helfen, da ich an dich gedacht habe?“ Er schüttelte mit dem Kopf und sagte leise, kaum vernehmlich: „Ich werde vielleicht nicht existieren... trotzdem danke...“

            Seine Worte waren kaum verklungen, als er sich aus heiterem Himmel in Luft auflöste. Zelda sah um sich, aber sah nur die Schatten der Bäume, hörte das Säuseln des Windes in den Blättern...

            Nachdem sich die einstige Prinzessin aus Hyrule gefangen hatte, ging sie in das Häuschen und stellte den Kessel auf einen kleinen Kamin. Wenige Minuten später trat Link in das Häuschen und blickte sich erst einmal gespannt um. Das Gebäude hatte nicht sehr viele Räume und bloß zwei Stockwerke, aber trotz allem war es hier unglaublich gemütlich.

            Im Erdgeschoss befand sich ein großer Raum mit einem Holztisch, einigen Stühlen, einem kleinen Bett in der hintersten Ecke, einem alten Kamin mit Kochstelle, von woher ein kleines Feuer Wärme spendete.

            Zelda saß vor dem Kamin und rührte in dem Kessel herum. Sie machte ein komisches, nachdenkliches Gesicht, was Link dazu veranlasste, sich zu ihr zusetzen.

            Er versuchte es mit einem: „Hey...“ Zelda antwortete nicht. Tick. Tack. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie ihn wahrnahm?

            Frustriert startete er seinen zweiten Anlauf: „Hey!?!“

            „Ich habe dich gehört.“

            „Was ist los“, meinte er. Ihre Augen verrieten sie.

            „Ich habe den kleinen Kerl wieder getroffen.“

            „Ach den kleinen komischen Kauz, der Existenz will.“ Zelda blickte ihn verärgert an.

            „Er ist nicht komisch und ein Kauz erst recht nicht. Wieso urteilst du so über diesen Jungen?“, meinte sie mürrisch. Und schon wieder hatten die zwei einen Grund sich zu streiten. Seit sie in Hyrule waren, stimmte ihre Kommunikation nicht mehr. Woran es lag, wusste keiner...

            „Er sagte, dass Ganondorf bald Wind von unseren Plänen bekommt... Aber da ich mit dir ja wohl nicht darüber reden kann, ist es anscheinend besser, wir essen etwas und gehen dann schlafen.“

            Schluss. Aus. Fertig.

            „Was zum Kuckuck habe ich denn nun schon wieder falsch gemacht?“ Gemäß Zeldas kleiner Standpauke hatte auch der Heroe jetzt schlechte Laune. Allmählich wurde die Stimmung zwischen ihnen nicht nur mies, sondern unerträglich.

            „Du hast ihn beleidigt“, hob sie aufgebracht hervor.

            Zelda sprang auf.

            Link sprang auf.

            Sie funkelten sich mit Empörung in den Augen an.

            „Ich habe ihn nicht beleidigt“, schimpfte er.

            „Doch das hast du“, erwiderte sie mit Wut im Bauch. „Dieser Junge wird uns vielleicht den Hals retten, du Dummkopf.“

            „Ach, jetzt bin ich sogar schon ein Dummkopf. Weißt du, was ich denke?“ Er ging einen Schritt auf sie zu und packte sie grob an den Armen. „Ich glaube, es geht gar nicht um diesen Jungen, sondern um dich und mich. Was zum Teufel habe ich dir eigentlich getan, dass du mich, seit wir in Hyrule sind, wie Dreck behandelst? Ist es die Vergangenheit? Habe ich damals irgendetwas falsch gemacht?“ In seinen tiefblauen Augen lag nun Wut, welche aber von weiteren Gefühlen verdrängt wurde: Kummer und Niedergeschlagenheit. Er ertrug es nicht, wenn Zelda ihn so herablassend behandelte. Das war nicht die Zelda, die er brauchte, die er mochte, jenes Mädchen, das ihm soviel bedeutete.

            Sie schlug seine Arme weg, sodass es schmerzte.

            Link schüttelte den Kopf, verstand die Welt und Zelda nicht mehr. Er hatte sich darauf gefreut mit ihr durch Hyrule zu wandern und ein weiteres Abenteuer zu bestehen, aber nun wollte er eigentlich nur noch, dass alles so schnell wie möglich vorbei war.

            Gekränkt ging er ins obere Stockwerk. Auf der Treppenstufe meinte er noch verdrießlich: „Ich brauche nichts zu Essen. Ein Dummkopf ist dafür gewiss zu blöd. Iss’ deinen Fraß alleine!“ Seine Hände waren zu Fäusten geballt und sein Kopf rauchte vor Rage. 

            „Hau’ doch ab. Ich komme auch alleine klar“, schnaubte Zelda und setzte sich wieder vor den Kamin. Sie füllte eine Tasse mit der Kräutersuppe, die sie aus irgendwelchen Kräutern hervorgezaubert hatte und setzte sich ohne eine Spur Schuldbewusstsein vor das Feuer. 

            Der junge Mann rannte, erbost und teilweise fassungslos wegen Zeldas letzter Bemerkung die letzten hölzernen Treppenstufen hinauf. Außerhalb des Hauses stand der kleine Bengel mit den grünen Klamotten, schaute durch das blasse Glas des Fensters, blinzelte mit den blauen Kinderaugen, schüttelte enttäuscht den kleinen Kopf und verschwand vielleicht für immer...

            Link lehnte sich an eine Wand in einem kleinen Gang des Obergeschosses und starrte trüb in die Dunkelheit. Was war nur los mit ihr? Wieso fingen sie beide an, sich wie Trottel zu benehmen, wenn sie etwas Wichtiges diskutieren mussten? Nie hatte er Zelda so behandelt und nie hatte Zelda ihn auf diese Art und Weise weh getan. Ihre Worte brannten in seiner Seele wie Gift. Er ließ sich auf den Boden sinken, lehnte sich an die Wand und legte seinen Kopf auf seine Arme. Er wollte mit ihr reden... er wollte sie beschützen... er wollte einfach nur bei ihr sein...

            Aber Zelda ließ es einfach nicht zu, sie wies ihn wieder ab und ignorierte ihre Gefühle. Sie ging sogar noch einen Schritt weiter. Um ihre Empfindungen zu betäuben, prasselten gemeine Anschuldigungen und Beleidigungen auf Link herab. Er versuchte sie zu verstehen und ihr Verständnis entgegenzubringen, aber irgendwann konnte er dies nicht mehr. Link konnte nicht ewig auf sie warten...

            Er machte die Augen zu und realisierte in dem Moment, wie müde er doch war. Nun ja, es kostete Kraft durch Hyrule zu reisen, genauso wie es Kraft, Geduld und Nerven kostete, Zeldas merkwürdige Sinneswandel zu ignorieren.

            Link gähnte und ging wieder in den großen Raum, wo seine Seelenverwandte sich aufhielt. Sein verletztes Ego und seinen beschädigten Stolz vergessend, tapste er leise die Treppenstufen hinab.

            Zelda schlief bereits in dem kleinen Bett, hatte ihren Rücken aber zu ihm gedreht. Daraufhin nahm der Held sich eine Decke und legte sich mit dieser vor die glühenden Kohlen des Kamins. Ihm fielen die Augenlider zu und er schlief früher ein, als er es für möglich hielt.

 

Mitten in der Nacht öffnete der Held mit der grünen Kopfbedeckung jedoch wieder seine Augen. Er blinzelte direkt in die Dunkelheit des Raumes und versuchte den Grund auszumachen, weshalb er mit einem Schlag wach war. Normalerweise konnte er durch nichts so leicht aufgeweckt werden- der Held hatte wohl einen ziemlich festen Schlaf.

            Langsam setzte er sich aufrecht und konzentrierte sich auf sein Gehör. Alles war so ruhig. Vielleicht zu ruhig. Durch die Stille der Nacht vernahm er lediglich Zeldas Atmen, was ihm mitteilte, dass sie sich weit in ihren Träumen befand.

            Er setzte sein Basecape ab, das er wohl beim Einschlafen vergessen hatte und fuhr durch seine blonden Haare.

Sein Blick wanderte zu dem Kamin. Es war unangenehm kalt in Raum, da das Glühen der Kohlen verschwunden war.

Schließlich versuchte er wieder Schlaf zu finden, aber es funktionierte einfach nicht...

Er drehte sich von einer auf die andere Seite, bis er aufstand und zu Zelda hinüberging. Sie lag zusammengekauert in dem einfachen, kleinen Bett, fast wie ein Baby schlief sie dort. Link beugte sich über sie. Warum nur behandelte Zelda ihn so herablassend, so unfair... dabei... waren seine Gefühle von Anfang an aufrichtig...

            Link beobachtete sie eine Weile. Sein verliebter Blick weicher und melancholischer als jemals zuvor. Ohne nachzudenken streichelte er ihre Wangen, und berührte fast fiebrig ihre schönen Lippen. Sie waren so sanft und Zelda hatte ihre sanften Seiten, die sie aber aus irgendeinem Grund niemandem zeigen wollte. Sie war rein und unschuldig, das wusste Link. Hatte sie vielleicht einfach nur Angst, sich fallen zu lassen, sich zu verlieben, sich einfach gehen zu lassen?

Verzaubert beugte sich der junge Held näher und hätte so ziemlich alles getan, damit er durfte, was er sich ersehnte. Nur ein Kuss. Mehr wollte er doch nicht...

Er rang damit seinen Begehr in die Tat umzusetzen, als sein Engel plötzlich anfing im Traum zu... schluchzen. Sie zitterte und begann zu wimmern.

Heiße Tränen perlten sich über ihren Wangen. Sie murmelte irgendetwas und zitterte dann heftiger. Hatte sie etwa Alpträume? Warum erzählte sie ihm nichts davon?

Verdammt noch mal, Zelda... dachte er.

            „Link... bitte... nicht...“, schluchzte sie, „Mach’ deine Augen... wieder auf...“

Was zum Teufel träumte sie? Ob es gut wäre sie zu wecken? Lieber nicht, dann behandelte sie ihn wieder wie Abfall und wäre beleidigt, weil er sie geweckt hatte.

            Dann war da aber in der Stille ein weiteres Geräusch. Irgendein Zischen, Knirschen, das von draußen hereindrang. Ob dieses Geräusch ihn geweckt hatte?

Link ging so leise wie nur irgendwie möglich zu dem Fenster. Er schob den Vorhang einen Spalt zurück und blickte angespannt heraus. Zuerst konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Der Mond stand hoch am Himmel und erhellte mit einem kühlen Schein die kleine Farm. Wahrhaft ein Wunder, dass es in Hyrule einen Mond gab...

Eine böse Vorahnung beschlich ihn, worauf er seinen Bogen nahm, sein Schwert auf den Rücken streifte und lautlos das Haus verließ.

            Ein Zittern überkam ihn, überrascht, da der Wind eisiger war, als er vermutet hatte. Wachen Auges schaute er umher, wissend, dass sich irgendetwas hier aufhielt. Vielleicht ein Monster oder mehrere, vielleicht nur einige Späher Ganons...

Link lief um die Häusergruppe herum, an dem Schuppen vorbei, aber entdeckte immer noch keine verräterischen Kreaturen der Nacht.

Dann fühlte er einen kleinen Stich auf seiner linken Hand, den er aber sofort wieder zügeln konnte und ignorierte. Nun ahnte er endgültig, dass sich Monster auf der Farm aufhielten. Moblins, Knochengänger und anderer Mist, den niemand benötigte. Wie auch immer, er musste diese Kreaturen beseitigen, bevor sie Ganon Mitteilung machen konnten... 

Link hielt sein Schwert bereit und wusste, der Angriff von irgendeinem Vieh, welches er nicht beschreiben wollte, war nicht mehr fern.

In der Dunkelheit blitzten kleine, aber viele rotglühende Augen auf- unzählige...

Das widerliche Knirschen und das ekelhafte Gezische kamen nun näher. Link kannte die Monster nicht- eine neue Teufelei seines Erzfeindes? ,Schön Ganon, du willst wissen, was wir vorhaben’, dachte Link, ,komm’ gefälligst persönlich vorbei und schick’ nicht deine einfältigen Handlanger.’ Die kleinen Biester schlichen näher, wie Würmer mit rotglühenden Augen auf dem Boden. Sie besaßen keine Gestalt, sondern bestanden aus purer Dunkelheit, die die Sinne betäubte.

            Link ging in Angriffsposition und überblickte siegessicher seine Lage. Die Monster kamen näher, noch immer konnte Link nicht erkennen, welche Gestalt sie besaßen, sie waren einfach nur kleine schwarze Punkte inmitten der ohnehin schon dunklen Szene.

Einige starteten ihren Vernichtungsdrang, doch wurden durch einen einzigen Schwertstreich von Link ins Jenseits geschleudert. Aus der Dunkelheit erwuchsen mehr und mehr der Kreaturen, und Link schwang sein Schwert schneller, zorniger. Er schnitt Kreise in die Luft und tötete dieses Gesindel eher aus Wut über sich selbst, als aus Tapferkeit. Er schickte diese Monster in den Tod, um sich abzureagieren, da er die Stimmung zwischen ihm und Zelda einfach nicht mehr aushielt.

            Rücksichtslos und ohne Mitleid tötete er jenen Abschaum, der ihm eigentlich gerade Recht kam. Warum tust du das, Zelda? Bin ich dir im Weg? Ein Dorn im Auge? Mehr und mehr wurden seine Attacken unkonzentriert. Mehr und mehr verlor er den Überblick und seine Aufmerksamkeit.

Dann schloss er seine Augen und fuchtelte nur noch mit der Waffe herum. Die Kreaturen setzten zum Sprung an. Link erkannte die Gefahr nicht rechtzeitig. Einige stürzten sich zähnefletschend auf ihn. Er wehrte ihre Attacken gerade so ab.

Ein Ungetüm allerdings klammerte sich todesmutig an seinen rechten Oberarm, dann senkte es seine Klauen in Links Haut, biss tiefer bis zum Fleisch. Ein Schmerzschrei schallte über die kleine Farm. Der junge Kämpfer wehrte das Vieh ab und stürzte auf die Knie, fragte sich, warum er so dumm und unkonzentriert gekämpft hatte...

            Unerwartet kam Zelda mit einer Fackel angerannt, worauf die Wesen fluchtartig in der Dunkelheit verschwanden, aus der sie gekommen waren. Sie verkrochen sich in dem Schatten der Bäume, bis ihre kleinen roten Augen nicht mehr leuchteten. Zelda stand enttäuscht vor Link, der es nicht für nötig ansah, sie zu beachten. Sie wollte ihm auf stehen helfen, aber er stieß sie leicht zurück und ging ins Haus.  

            „Warum hast du mich nicht geweckt“, fragte sie aufgeregt. Ihre Augen ließen Besorgnis erkennen. Er antwortete ihr nicht und setzte sich vor den Kamin. Er dachte, sie würde seine Anwesenheit fühlen, auch wenn sie schlief. Aber heute wohl nicht...

Sie kramte einen Erste-Hilfe- Kasten hervor und wühlte darin herum. Als es ihr zuviel wurde, schüttete sie den ganzen Inhalt heraus und er landete mit einem Sirren auf dem Boden. Da erkannte Link ihre Nervosität.

„Zelda, ich habe nur eine einfache Bisswunde. Mach’ nicht so einen Stress.“ Links Augen wanderten zu ihren zitternden Händen. Sie war total fertig mit den Nerven, das konnte Link nun deutlich erkennen. Aber wieso?

            „Zelda?“ Sie kniete vor ihm nieder, krempelte seinen Ärmel nach oben und legte ihm Stück für Stück einen Verband um seinen Oberarm. Doch sie konnte nicht aufhören zu zittern, sondern wurde von Sekunde zu Sekunde aufgeregter. Irgendetwas stimmte einfach nicht mehr, weder in der Freundschaft zwischen Link und Zelda, noch innerhalb Zeldas Selbst. Sie wirkte abgelenkt, teilweise verängstig, zurückgezogen. Dabei hatte Link anfänglich geglaubt, seine Prinzessin hätte sich ein wenig gewandelt, seit sie in Hyrule waren. Link wusste, sie verschwieg etwas vor ihm- etwas Wichtiges. Ob es mit ihren Träumen zu tun hatte?

„Danke“, sagte Link, „Das ist ein guter Verband.“ Sie sah ihn nicht an und flüsterte fast, so als brächte sie ihre Worte nicht über die Lippen.

„Hast du... starke Schmerzen?“

„Nein, ist in Ordnung.“

            Sie setzte sich neben ihn und wuselte mit einem Holzstab in den soeben entfachten Flammen herum.

„Möchtest du nicht vielleicht doch eine Tasse von der Suppe“, fragte sie ihn, unschuldig, als wäre vor einigen Stunden nichts gewesen. Link allerdings fand die Situation hochgradig unecht und ihr Verhalten wirkte geschauspielert.

„Ich habe keinen Appetit“, meinte er. „Mach’ dir wegen mir keine Umstände“, setzte er mit einem gekränkten Unterton hinzu.

            „Fein.“

Er blickte sie herausfordernd an und erwiderte: „Ja, alles fein. Du tust, als ob ich ein Schwerverbrecher wäre, redest nicht vernünftig mit mir, beleidigst mich und stellst die Dinge, die ich sage auf eine herabwürdigende Art und Weise in Frage. Aber bei dir ist ja alles fein...“

Sie blickte beschämt zur Seite, stand dann auf und sah aus dem Fenster. Sie reagierte nicht auf seine Anschuldigungen und schwieg.

Link blickte in das kleine Feuer des Kamins und sagte dann, um vom Thema ein wenig abzulenken: „Wegen diesem kleinen Jungen... Er ist mir schon sehr oft begegnet- in den Träumen, in der Realität und sogar im Zeldaspiel. Ich glaube ihm, auch wenn du den Eindruck hattest, dass ich mich über ihn lustig gemacht habe.“

Zelda schwieg weiterhin, teilweise betreten und reuevoll. Link hatte Recht, sie war diejenige, die an ihrer mangelnden Kommunikation schuld war. Es tat ihr nun aufrichtig leid, aber mit einer einfachen Entschuldigung war die Sache nicht abgetan.

            Link stand auf und blieb nur wenige Zentimeter hinter ihr stehen. „Hast du... Alpträume“, flüsterte er beinahe. Unsicher blickte er auf seine Füße und wartete auf eine Antwort, die jedoch ausblieb. Zelda ging ihm schnellen Schrittes aus dem Weg. Sie ertrug es nicht, wenn er zu nah bei ihr war und marschierte auf ihr Gepäck und ihre Waffen zu.

            „Wir sollten keine Zeit vertrödeln. Jetzt da einige Kreaturen wissen, dass wir hier sind, müssen wir sofort weiterziehen.“ Link nickte stumm und schüttelte innerlich mit dem Kopf. Sie beachtete ihn nicht. Immerhin, einen Versuch war es wert, redete er sich ein, um sich besser zufühlen.

Auch Zelda schüttelte innerlich ihren Kopf. Es tat ihr leid. Warum nur, war sie so kalt zu ihm? Ausgerechnet zu Link? Sie verstand sich selbst nicht und verfiel in Gedanken an eine Zeit, die weit zurücklag, die sie schon gar nicht mehr für real hielt... Damals war alles so einfach zwischen ihr und Link gewesen... sie hatten sich besser verstanden... oder etwa nicht?

 
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