Kapitel 25
 
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Kapitel 25

 

 

 

 

Weit zurück. In einer Zeit, die kaum noch jemand erinnern kann, die nicht einmal existent ist, öffnete eine elegante, junge Hylianerin ein hohes Tor in eine riesige Bibliothek.

Irgendwo dort im Erdgeschoss des Schlosses der Königsfamilie wandelte sie.

Der Ort wirkte alt, allein des Umstandes wegen, dass alte Schriften hier gebunkert waren. In der Mitte standen einige Tische, mit vielen, vielen abgebrannten Kerzen. An der runden Wand führten Treppenstufen auf eine weitere Ebene, wo man weitere Bücher fand. Von da aus führten wiederum Treppen zu einem nächsten Abteil.

In jener Bibliothek war es stockfinster. Nur spärliche Lichtstrahlen des Vollmondes spielten mit der Dunkelheit. Kaum ein Hylianer hielt sich zu jenen Abendstunden noch hier auf. Aber diese Hylianerin konnte man nicht normal nennen, nicht nur aufgrund ihres bezaubernden Äußeren, oder dem königlichen Blut, das ihre Venen entlang floss. Der eigentliche Grund für ihre außergewöhnliche Ungewöhnlichkeit war vermutlich in ihren Interessen, Wünschen oder ihrer reinen Aura zu suchen, die etwas schier Göttliches verbarg.

            Noch auf der Türschwelle stehend, entfachte sie mit einer Geste Handzauberei, welches zwar eine einfache Stufe der Zauberkunst darstellte, aber nicht viel Kraft kostete, die Fackeln an den Wänden. Und ihre Kraft bräuchte sie noch, da sie ahnte, Großes würde geschehen und Großes würde entdeckt werden. Es war wohl eher das, was sie hoffte...

Das Licht des Feuers gab die Gestalt nun endgültig preis: eine fünfzehnjährige Lady mit goldenem Haar, einem Abendkleid aus samtenen, roten Stoff mit Stickereien des königlichen Falken in das Gewebe eingearbeitet. Die Enden des Kleides schleiften über dem kalten, frisch gesäuberten Boden, als sie in Richtung eines der Regale in dem hohen runden Raum lief.

Obwohl Frühling war, stand in diesem Raum die Kälte, worauf sie leicht zitterte. Sie versuchte die Kälte zu ignorieren und leuchtete mit einer Kerze in der Hand die Buchtitel ab: Mythen der Gottheiten, Magische Eigentümlichkeiten Hyrules, Wissenswertes über Kräuter und andere Bücherschätze.

            Erneut überkam sie ein Zittern und verfluchte sich teilweise selbst bei dem Gedanken, dass sie ihren Mantel in den Gemächern vergessen hatte. Wie auch immer, sie suchte weiter und schaute sich im nächsten Abteil um. Wieder fand sie nicht das, wonach sie suchte.

Wo war dieses blöde Buch nur abgeblieben, beschwerte sich ihr jugendlicher Verstand. Vor kurzen hatte sie jenes Buch doch noch gesehen. Komisch war eigentlich die Tatsache, dass es allem Anschein nach Leute gab, die ebenso Interesse an dem Buch hatten. Vielleicht ihr Vater? Vielleicht irgendein Mitglied der Adelsgesellschaft in Schloss Hyrule? Sie schnaubte enttäuscht. Sie war auf der Suche nach einem Buch mit dem Titel: Die Alten Mächte, oder so ähnlich. Ein Buch mit erstaunlichem Inhalt, da es vieles über sehr alte Gegenstände, Siegel und Schriftzeichen Hyrules erzählte. Ein sehr altes Buch, das nicht in falsche Hände gelangen durfte.

            Sie betrachtete sich weitere Bücher, die ihr helfen würden, einiges Wissen zu erlangen, wonach sie wahrlich strebte. Seit einigen Jahren schon war in ihr ein teilweise zügelloser, zwanghafter Wissensdurst erwacht, den sie kaum stillen konnte. Zumindest kannte sie seinen Ursprung... dort zu suchen, wo die tückische Macht in ihr sich ab und an zeigte...

Mit einem Stapel Bücher ging sie wieder in die Mitte des Raumes, setzte sich an einen der alten Holztische und studierte.

            Inzwischen war es Mitternacht und das Mädchen fand nicht die Antwort, nach der sie suchte. 

Sie wollte gerade aufstehen, als sie Schritte außerhalb des Ganges vernahm. Die Schritte entfernten sich wieder und sie atmete erleichtert aus. Ihr Vater würde sich nicht freuen, wenn man sie schon wieder in der Bibliothek, erst Recht zu so später Stunde, erwischte. Nicht gut heißen würde er es, da sie, gleichgültig gegenüber ihrem Rang, andauernd ihren Dickschädel durchsetzen musste und ständig das tat, was man in ihrer Position nicht tat. Sie erinnerte sich an ihre missglückten Tanzstunden, die sie regelrecht hasste, und am Ende sich davor versteckt hatte. Bilder von einer Hofdame, die ihr das Nähen beibringen sollte, die aber unter Betteln letztlich in Tränen ausbrach, kamen ihr in den Sinn. Sie hatte sich über alles hinweggesetzt, da sie mehr Wildfang war als königliche Hoheit. Sie wollte Abenteuer erleben, wollte weg und fremde Länder bereisen, dennoch wusste sie, dass sich diese Vorhaben niemals erfüllen würden...

            Gedanken an einen kleinen Jungen mit tiefblauen Augen, blonden Haaren und dem unschuldigsten Lächeln, das sie jemals gesehen hatte, kamen ihr in den Sinn. Wieder einmal gestand sie sich ein, dass sie ihn wahrhaft vermisste. Vor drei Jahren war er zu neuen Abenteuern aufgebrochen, der sogenannte: ,Held der Zeit’, den niemanden so kannte wie sie... Was er wohl gerade tat? Ob er gefunden hatte, wonach er suchte? Sie wünschte sich in diesem Moment eines seines kindlichen Lachens zurück...  

            Von draußen her schallten leise die Töne des Windes, der ein kleines Ständchen in die Nacht hinausträllerte. Bei genauem Hinhören jedoch klang es nicht mehr wie der Wind, sondern wie das feine Spiel einer Flöte. Unsinn, sagte sie sich, die Geister im Schloss spielen dir einen Streich. Sie drehte sich um und wollte aus dem Tor heraustreten, als aber die Töne eine bekannte Melodie annahmen. Diese Melodie... Sie hetzte zurück, warf den Stapel Bücher beinahe um und blickte zu allen Fenstern in dem Gewölbe. Sie hörte die Töne nun deutlich, als ob sie näher kamen. Sie kannte die Melodie, sie liebte die Melodie und das Instrument, welches sie spielte. Sogar die Hände, die sie spielten...

Sie hastete die wenigen Treppenstufen hinauf und erkannte eine dunkle Gestalt mit einem grauen Mantel, die außerhalb auf einem Fensterrahmen saß. Er hatte eine Okarina in der Hand. Sie stand vor dem Fenster wie erstarrt, nicht sicher, was sie sagen oder tun sollte. Vielleicht wäre es ja ein Anfang, das Fenster zu öffnen...

            Er beendete sein Spiel, blickte sie durch die Glasscheibe an und grinste angesichts ihrer fast bleichen Miene. Er klopfte an die Scheibe, noch immer ein Lächeln im Gesicht, was ihr sagte, dass er sich freute, sie wieder zusehen.

„Willst du mich nicht hereinbitten“, fragte er leise und blickte dann mit rosa Wangen auf den Boden. Hastig öffnete sie das Fenster. Er trat ein und blickte sie an, nun ein wenig verunsichert, da sie einfach nicht auf ihn reagierte. Wusste sie vielleicht nicht mehr, wer er war und hatte ihn vergessen? Er stand ihr einfach nur gegenüber, mit seinem unschuldigen Engelsgesicht, den ernsten, blauen Augen und seiner grünen Tunika, die aber ziemlich mitgenommen aussah und an manchen Stellen Flicken aufwies. Er schluckte einmal kräftig und schaute dann auf seine Füße.

„Ähm... Hallo, ich meine... Seid gegrüßt, Prinzessin Zelda“, sagte er stotternd und wollte sich gerade vor ihr verbeugen.

Schnell zerrte Zelda ihn an seinen Armen zurück auf die Beine und sagte: „Du bist der letzte, der sich vor mir verbeugen sollte, Link.“ Sie blickte nun ebenso ein wenig scheu weg und zupfte mit ihren Händen an dem Stoff ihres königlichen Kleides.

Dann aber hielt sie die Spannung zwischen ihnen nicht mehr aus. Sie ging einen Schritt auf ihn zu, drückte sich an ihn und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Willkommen zurück in Hyrule, mein Held.“ Er erwiderte die Begrüßung, nun ein wenig sicherer als noch zu Beginn und mit der Gewissheit, dass Zelda ihn keineswegs vergessen hatte. Es fühlte sich so angenehm an, eine Geste der Zuneigung, die er bis jetzt in seinem teilweise einsamen, jungen Leben nicht kannte. Es war eines der ersten Male, dass er von jemandem umarmt wurde. Er fühlte etwas kaltes seine Wange hinabtropfen und wischte sich diese Träne gleich wieder weg.

            Helden kennen keine Tränen...

            Doch auch Zelda weinte Freudentränen, da ihr klar wurde, wie sehr sie ihn doch vermisst hatte. „Ich habe sehr oft an dich gedacht, Link“, meinte sie leise, worauf er sie noch ein wenig mehr an sich zog. „Nicht so oft, wie ich an dich“, murmelte er, äußerst verlegen. „Lass’ dich ansehen.“

Er löste sich aus ihrer Umarmung und blickte sie nun genau an. „Nicht mehr lange und du siehst genauso aus, wie in der Zukunft, die vergessen wurde, Prinzessin des Schicksals.“ –„Du aber auch. Besonders deine Stimme hat sich verändert, Held der Zeit.“

Sie lehnten ihre Stirnen aneinander, blickten sich tief in die Augen und kicherten, bis sie in schallendes Gelächter ausbrachen, das beinahe die ganze Schlossgesellschaft wecken konnte. Es war pures Glück, das beide nun empfanden, allein weil sie sich wieder sahen, während immer noch kindliches Gelächter in den alten Mauern des Schlosses umherschallte.

 
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