Kapitel 30
 

Kapitel 30

 

 

 

 

Zelda öffnete verschlafen ihre Augen und wischte sich den Schlafsand weg. Sie gähnte und machte die Augen wieder zu.

Wenn es etwas gab, das sie von Link gelernt hatte, dann wohl einem unerträglichen Morgenmuffel Folge zu leisten. Als sie aber dann ihre Sinne ordnete und kapierte, dass sie sich nicht in ihrem riesigen Himmelbett befand, wagte sie erneut einen Blick.

Sie lag in einem Schaukelstuhl und überraschenderweise war es hier sogar gemütlicher als in ihrem riesigen Bett, indem man sich verlieren könnte. Sie öffnete ihre blauen Augen erneut und schaute umher. Sie befand sich in der Bibliothek. Ja, richtig, sie hatte doch gestern noch in alten Schriften nachgelesen. Ihre Gehirnzellen arbeiteten fix und nur noch ein Bild geisterte in ihrem Kopf herum.

            „Link“, sagte sie. Wo war er denn? Sie setzte sich aufrecht und erkannte seinen Mantel, der wie eine Decke über ihr lag, aber nirgendwo eine Spur von Link. Aha, er musste sie, nachdem sie eingeschlafen war, einfach in den Schaukelstuhl gelegt und mit seinem Mantel zugedeckt haben.

Mit einem Lächeln nahm sie den Mantel in ihre Hände, legte sich diesen um, auch wenn er abgenutzt war, und stand auf.

            Schleunigst packte sie die restlichen Bücher wieder in die Regale und ließ alles so aussehen, als ob niemand hier gewesen war. Die Prinzessin schlich dann leise in Richtung Tür und hörte aufgeregte Schritte, dann beunruhigte Stimmen. Sie erkannte die Stimmen als die von Impa und ihrem Vater, dem König höchstpersönlich.

            „Wo steckt diese kleine Göre nur wieder? Allmählich mache ich mir Sorgen, Impa.“

„Mein König, ich bin mir sicher, Zelda ist wohl auf. Sie hat sicherlich mal wieder ihrem Wildfang nachgegeben.“ Dann blickte Impa in Richtung der Bibliothek, als ob sie durch Türen sehen könnte. Wer wusste schon, welche Fähigkeiten Shiekah noch besitzen... 

„Impa, das mag sein, aber Zelda ist schließlich die Prinzessin von Hyrule. Es wird Zeit für sie, mehr Verantwortung zu übernehmen.“ Mehr Verantwortung? Diese Worte kränkten Zelda nun doch ein wenig. Wer hatte denn vor einigen Jahren erkannt, dass Ganondorf nur niedere Absichten verfolgte? Wer hatte sein eigenes Glück dem Wohle Hyrules geopfert? Wer hatte unschuldige Menschen dazu gebracht, einen Teil ihres Lebens wegzuwerfen, um das Land zu retten? Wer? Wer? Wer? Ihr Vater hatte gut reden... und wusste doch nichts von dem alternativen Pfad der Zeit, denn zu der Zeit hatte Ganondorf ihn getötet, kannte den Helden der Zeit nicht so wie sie. Der König selbst hatte in seiner Verantwortung für das Königreich Hyrule versagt.

            „Impa, noch etwas. Zelda ist nun bald sechzehn Jahre alt und in kürzester Zeit wird sie selbst über Hyrule herrschen. Was ich dir mitteilen will, ist folgendes, ich habe Pläne über Zeldas Zukünftigen.“

            Geschockt, nein, mehr als geschockt, blickte Impa ihren König an. Das konnte er doch nicht ernst meinen. Tickte er jetzt völlig aus? Auch Zelda, die ihr Ohr an die Tür gelehnt hatte, wirkte geschockt. Jetzt hackt’ s aus... und zwar gewaltig...

„Zelda muss sich entscheiden“, sagte er. „Selbstverständlich wird sie niemand zu einer Heirat drängen, aber sie ist die Prinzessin, sie wird regieren und sie braucht einen Gemahl von adliger Abstammung an ihrer Seite. Allein schon aus Gründen der Repräsentativität.“

Zelda wollte laut quieksen, hielt sich aber dann eine Hand vor den Mund. Sie und heiraten? Wo kämen wir denn hin? Welcher Fluch lastete auf ihrem Vater? Oder hatte das Alter ihm diese abnorme Idee eingebracht? Niemals würde Zelda mit irgendeinem dahergelaufenen, unreifen, hochnäsigen Adelsmann ein solches Bündnis eingehen. Mögen die Götter Zelda verfluchen, aber das brachte sie nicht fertig, das konnte sie einfach nicht.

            „Impa, tu’ mir einen Gefallen und nimm’ einen Suchtrupp und gehe in die Stadt. Vielleicht ist sie dort irgendwo.“

Impa verbeugte sich, schaute noch kurz in Richtung Bibliothek, mit einem fast mütterlichen Lächeln und erwiderte: „Wie Ihr befehlt, mein König.“ Sie verschwand in einer Rauchwolke und hinterließ einen besorgten König.

Zelda blieb in der Bibliothek stehen und zog eine eingeschnappte Schnute. Pah, der spinnt doch, sagte sie zu sich selbst, auch wenn derartige Worte nicht zu der gebildeten Sprache einer Prinzessin gehörten. Nicht mehr alle Tassen im Schrank, der Gute...

            Zelda lief zu den hintersten Regalen der alten Bibliothek, ständig begleitet von einem Kopfschütteln. Sie schob ein kleines Buch zur Seite und das Regal vor dem sie stand, gab einen Geheimgang frei. Tja, das Wissen um des Schlosses Geheimgänge machte sich eben bezahlt. Erfreulicherweise kannte nicht einmal ihr Vater diese Gänge...

Sie folgte einem langen Gang, bis sie im Schlossgarten herauskam. Sie ließ sich in das Gras fallen, tat so, als wäre sie schon seit den frühen Morgenstunden hier und hatte keine Schuldgefühle, noch die Spur von etwas, was man Reue nannte.

 

Inzwischen rückte der Abend an. Zelda hatte sich einen langen Vortrag über die Manieren und das Benehmen einer Prinzessin anhören müssen, auch wenn sie nur mit halbem Ohr hingehört hatte und war zu der Einsicht gekommen: einer nächsten kleinen Davonlaufaktion stand nichts im Wege...

            Sie befand sich in ihrem Zimmer und wusste, dass Link wahrscheinlich das Land erneut verlassen hatte. Er war nicht hier und würde es wohl in Hyrule niemals länger als einige Tage, einige Wochen oder Monate aushalten...

Er war ein Held, ein Abenteurer, ständig auf der Suche nach dem ultimativen Thrill. Was sollte ihn schon dazubewegen, ein Leben in Hyrule zu führen? Dann ereichten sie seine Gedanken und Zelda kam in den Sinn, das ihm trotz seinem unstillbaren Abenteurerherzen irgendetwas fehlte. War das womöglich der Grund für sein Schweigen in der gestrigen Nacht in der Bibliothek? 

            Plötzlich klopfte es an der Tür zu ihrem Schlafgemach. Impa trat herein und sah sie fragend an.

„Was ist los, Impa“, sagte Zelda, die wusste, dass irgendetwas am Blick der stolzen Schikah verdächtigt war.

„Es geht um Link“, erwiderte Impa. Leicht entsetzt sprang Zelda auf, sodass der Stuhl auf dem sie saß mit einem Schlag umgeworfen wurde.

„Was ist mir ihm? Ist er in Schwierigkeiten? Ist er verletzt?“, Impa schüttelte mit dem Kopf und lächelte leicht.

„Zelda, Liebes, allmählich frage ich mich, ob ihr Euch nicht zu viele Gedanken um ihn macht.“

Verständnislos blickte Zelda ihr Kindermädchen an und wiederholte noch einmal ihre Frage: „Sag’ schon: Was ist mit ihm?“

Impa lief einige Schritte auf Zelda zu und überreichte ihr einen Brief. „Es geht ihm ausgezeichnet. Ich bin nur hier, weil ich Euch das von ihm geben soll. Er sagte mir übrigens auch, dass ihr Euch letzte Nacht in der Bibliothek aufgehalten habt.“ Zelda nahm den Brief an sich und sagte leise danke.

Impa legte eine Hand auf Zeldas rechte Schulter. „Habt’ Ihr mir etwas zu sagen, Prinzessin?“ Zelda wusste, was sie andeutete... es ging um das Medaillon...

Impa ahnte, dass Zelda irgendeinem Geheimnis auf der Spur war, einer Sache, die für Hyrule wichtig sein würde...

Bisher hatte Zelda vor Impa fast nichts, um ehrlich zu sein, gar nichts verschwiegen, aber heute hatte sie nicht mehr den Wunsch, ihr dieses Geheimnis auf die Nase zu binden. Impa verstand dieses Verhalten sicherlich...

Sie lächelte und sagte: „Es ist in Ordnung, Prinzessin. Ein Geheimnis zwischen Euch und Link, nehme ich an?“ Zelda lächelte mit einem ihrer vielsagenden Blicke, erfreut über Impas Art, die Dinge zu sehen. Dann nickte sie, ein leichtes Rot auf ihren Wangen. Zelda lief zu dem Balkon und öffnete den Brief. Währenddessen verschwand Impa aus dem königlichen Gemach. 

 

„An die schlaftrunkene Prinzessin von Hyrule,

verzeih’ mir bitte, aber du sahst so niedlich aus, dass ich dich nicht wecken wollte. Na egal, ich habe während du schliefst in einer Ecke auf einem Regal (jawohl: auf dem Regal, nicht in dem Regal!) ein merkwürdiges Buch gefunden, dass schon sehr verstaubt war. Darin standen einige Hinweise bezüglich des Medaillons, denen ich nachgehen werde. Wundere dich bitte nicht, dass ich schon wieder verschwunden bin, aber ich wollte mich nicht bei dir verabschieden. Ich nehme an, dass ich in einigen Wochen oder Monaten wieder in Hyrule bin und wenn die Göttinnen mir Glück wünschen, werde ich das Medaillon gefunden haben. Vergib’ mir, falls ich nicht zurückkehre...                             

Bis irgendwann, Link“

 

Zelda faltete den Brief wieder zusammen und blickte mit bangem Blick hinaus aus dem Spitzbogenfenster ihres Zimmers. Der Satz: ,Vergib’ mir, falls ich nicht zurückkehre’ machte ihr Sorgen... 

 
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