Kapitel 4.1
 

Kapitel 4: Gefahr

 

Als Zelda aufwachte war es bereits Mittag. Sie lag immer noch in Links gemütlichem Bett. Was war gestern eigentlich geschehen?

Sie glaubte, der Erinnerung so nahe gewesen zu sein, mit jener Melodie, die im Herzen erklang.

Aber nichts kehrte wieder- nur ein Bild von ihr, wie sie in den Wäldern wandelte und eine Okarina in der Hand hielt. Sie sah selbst nur ihre Schritte und das Ende eines langen, samtenen Kleides. Dann war dieses Bild wieder weg, und sie wusste nicht einmal mehr genau, wie jener Wald aussah…

Sie kuschelte sich noch ein wenig unter die Decke. Ah, es war so gemütlich hier. Sie liebte diese flauschige Decke und das weiche Kissen, träumte vor sich hin, schwelgte in ihren geheimen Phantasien. Sie murmelte: „Nein, ich stehe nicht auf, Im…“

Mit einem Schlag überlegte sie, was sie denn gerade hatte sagen wollen. Ein Name, ja ein Name, aber von wem? Sie ahnte, dass allmählich doch einige Erinnerungsfetzen zurückkehrten…

         Plötzlich stieg ihr ein leckerer Geruch in die Nase und sie stand letztendlich noch auf. Sie quälte sich aus dem Bett heraus und folgte dem Duft. Er kam aus der Küche.

War das zu fassen, Link kochte! Als er am Herd stand, summte er, sodass Zelda lachen musste. Lächelnd drehte er seinen Kopf zu ihr und sagte:  „Nicht Lachen, das ist wirklich das Einzige, was ich kochen kann, außer Pudding natürlich.“

„Soso, dafür riecht es aber sehr gut.“ Zelda schaute ihm über die Schulter, Spaghetti also!

„Guten Morgen erst einmal…“, sagte Link dann und erhielt erneut ein Lächeln und ebenso eine Morgenbegrüßung.

Zelda schaute bewundernd in den großen Topf für die Nudeln und den kleineren mit der ketchuproten Soße. Sie schnupperte daran und grinste.

Sie war seit gestern wie ausgewechselt. Link war ein wenig beunruhigt, ob mit ihr tatsächlich alles in Ordnung war und blickte sie noch eine Weile durchdringend an.

„Kannst du dich seit gestern an irgendetwas erinnern?“

„Nein, ich glaubte zwar zuerst, die Erinnerungen kämen zurück, aber der Anflug erstarb.“

„Na dann.“

         Link drehte sich vollständig zu ihr um und meinte: „Wollen wir heute irgendetwas unternehmen. Die Geschäfte sind geöffnet. Also, wenn du Lust und Zeit hast, können wir ja in die Stadt gehen?“

„Ja, sehr gerne.“ Plötzlich klingelte es an der Haustür. „Warte ich öffne sie. Kannst du mal nach der Soße sehen?“ Ehe Zelda ja sagen konnte, war Link schon auf dem Sprint zur Tür.

Zuerst lugte er durch den Türspäher, dann erkannte er die Person dahinter und öffnete. Es war der fünfunddreißigjährige Postbote Karnelius mit dem roten Pulli, auf dessen Vorderseite ein hässliches, kindisches Motiv eines Hasen zu sehen war. Link kannte den Typen deshalb, weil er selbst eine zeitlang hin und wieder Zeitungen, Werbung und anderen Kram austrug um sein Taschengeld aufzubessern.

„Hallo“, meinte Link.

„Morgen. Die Post ist da.“ Und der Kunde reichte dem verdutzten Link einige Briefe und ein großes Paket. Nach einer Unterschrift, dass Link jenen Karton an sich genommen hatte, verschwand der Typ in Windeseile. Link schaute die Briefe durch und fand einen ohne Absender. Komisch, dachte Link und schüttelte den Briefumschlag kurz, um zu testen, das auch ja nichts verdächtiges dran war.

         Ungeduldig öffnete er das Schreiben, und entfaltete ein Blatt Papier, wo eine feine Handschrift einige Sätze geschrieben hatte.

Der Brief war an ihn adressiert und eine Warnung stand in den Sätzen. Ein ausdrücklicher Hinweis, dass er von jetzt an sehr, sehr vorsichtig sein sollte.

,Dinge werden geschehen, die mit dem Schicksal deiner Seele zu tun haben.’

Zweimal musste Link diesen Satz durchlesen, um ihn überhaupt ansatzweise zu verstehen.

Er überflog den gesamten Brief ein drittes Mal, vergewisserte sich, dass tatsächlich er gemeint war und blieb in seine Gedanken versunken im unbeleuchteten Korridor des Hauses stehen.

         Es war soweit. Jetzt gab es für Link kein Zurück mehr und die Gelegenheit, zu beweisen, was in ihm steckte, zu zeigen, was in ihm schlummerte. Alle Antworten waren nun so nah, dass Link lediglich zugreifen musste. Das Schicksal nahm seinen unbestrittenen Lauf, nun auch in dieser Welt.

         Link stellte das große Paket vor Mutters Schlafzimmertür und ahnte, eine teure Vase befand sich wiedereinmal darin. Eine Leidenschaft Meiras, denn jede Vase, die nur ansatzweise zu gebrauchen war, gehörte in ihren Haushalt. 

Der Brief landete im Papierkorb und Link tapste wieder in die Küche, wo Zelda mühevoll vor dem Herd stand und ungeschickt versuchte, das übergekochte Wasser aus dem Spaghettitopf wegzuwischen. Sie grinste unschuldig und machte Link schöne Augen, als er das verteilte Salzwasser beäugte.

„Äh…“, sagte sie, „mir ist das Wasser übergekocht… entschuldige.“ Link lachte daraufhin.

„Passiert ist passiert. Deshalb brauchst du dich nicht entschuldigen.“ Er trat näher und wischte mit einem Lappen über das Kochfeld.

„Ich glaube, für den Haushalt bist du einfach nicht geschaffen“, setzte er hinzu und kramte gleichzeitig zwei dunkelblaue Pastateller aus einem Küchenschrank.

Sie setzte sich geistesabwesend auf die Eckbank und stützte den Kopf auf ihren Armen ab, die sie einfach auf den Tisch gelegt hatte. Für einige Sekunden schloss sie ihre Augen und träumte vor sich hin. Da war ein Gedanke…

Es stimmte, sie war nie für den Haushalt zuständig gewesen. Derartige Dinge hatte sie nie getan, es war ihr sogar untersagt, sich mit solchen einfachen, niederen Arbeiten abzugeben. Eine heimliche Erinnerung, die das Gefühl des Verlorenen neu entfachte. Sie wusste es, sie verstand…

Links Stimme riss sie aus ihrem Gedankenspaziergang, als er in ihr Ohr flüsterte: „Schläfst du?“ Sie schreckte hoch und stieß fluchend mit seinem Kopf zusammen.

„Das tat weh“, sagte Link und rieb sich seinen glücklicherweise harten Schädel.  

Auch Zelda strich sich über ihren Kopf und suchte nach der Beule. „Du hast gut reden… mein Kopf ist wohl nicht so belastbar.“, murmelte sie. Aber ein Lächeln huschte ihr über das Gesicht, als Link zu lachen begann.

         „Soll ich dir mit dem Besteck helfen?“

Er schüttelte den Kopf. „Quark, bleib’ sitzen. Ich decke den Tisch.“ Doch wieder war da dieses Gefühl… sie hatte noch nie einen Tisch gedeckt, zumindest sagte ihr sechster Sinn das. Ihre Augen beobachteten jeden Schritt, den Link tat und sie war so dankbar, dass er hier war, obwohl er ein Fremder war, obwohl sie ihn nur seit zwei Tagen kannte.

Link suchte Besteck, legte es neben die Teller, welche schon auf dem Tisch standen und verschwand dann im Keller. Geschwind kam er wieder, hatte eine Flasche Orangensaft in der Hand und stellte diese zusätzlich auf den Tisch.

Dann streckte er sich und kramte nach zwei Gläsern aus dem obersten Fach des Schrankes. Zelda starrte ihn währenddessen an, musterte seinen schlanken Körper und jede Bewegung, die er machte. Ja, er war unheimlich attraktiv. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie das nicht sehen, als ob ihr jemand verboten hätte, ansehnliche Menschen genauer zu betrachten.

Verlegen wanderten ihre Augen in die andere Ecke des Zimmers, auf der Suche nach einer weiteren Beschäftigung, als seinen Körper zu bewundern. Ob er eine Freundin hatte? Sicherlich, dachte sie…

         Lächelnd nahm er ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz und belud die Teller mit den Spaghettis. „Viel oder wenig Soße?“

„Ruhig etwas mehr“, entgegnete sie und sah weiter zu, wie er ihr jeden Handgriff abnahm. Gott, es war so vertraut. Diese Situation zwischen ihnen, als ob sie seit Jahren zusammen aßen. Sie blickte lächelnd in seine tiefblauen Augen, die hypnotisieren konnten. Eine reine, dunkle Farbe, nicht verwaschen oder blass und sie mochte diese Farbe, sie stellte sich vor, darin zu versinken.

„Schmeckt’ s denn?“, fragte Link neugierig und stopfte sich eine riesige Portion Nudeln in den Mund.

„Echt lecker“, sagte sie und grinste angesichts seiner unmöglichen Tischmanieren. Aber sie war nicht überrascht, als wüsste sie über seine Fähigkeit die Funktionen von Messer und Gabel in Frage zu stellen, sehr gut Bescheid. Er grinste ebenfalls auf seine hinterhältige, dämliche Art und Weise und wich dann ihrem aufmerksamen Blick aus.

Erst jetzt bemerkte sie den silbernen Ohrring in seinem linken Ohrläppchen. Ohne Nachzudenken oder sich selbst bewusst, was sie tat, beugte sie sich über den Tisch und berührte diesen runden silbernen Ring.

Link zuckte zurück und sah sie überrascht an. „Was ist?“, meinte er.

„Äh…“, sagte sie verlegen, „… mich hat dein Ohrring interessiert.“

„Ach der…“, und er berührte selbst das Stückchen Silber. „… Sara hat mir dieses Ding zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt, wahrscheinlich, weil sie keine Ahnung hatte, was ich gebrauchen könnte und… na ja… sie hat darauf bestanden, dass ich dieses Ding trage.“

„Es steht dir…“, sagte Zelda und trank einen Schluck des Saftes.

„Ich weiß…“, bemerkte er noch und leerte seinen Teller.

         Zelda stand mit einmal auf. Torkelnd lief sie zum weißumrahmten Küchenfenster und hielt sich an der rauen Fensterbank fest. Tief ausatmend schaute sie hinaus durch das durchsichtige Glas und fühlte ein Ziepen in ihrem Magen, dann ein Trommeln in ihrem Kopf.

Die Welt außerhalb veränderte sich für ihre Augen in dem Bruchteil einer Sekunde. Farben verschwanden, Grautöne verschmolzen mit dem Gefühl der Unwirklichkeit vor ihren eigenen Sinnen und die Gewissheit über die schöpferische Fähigkeit, hinter Dinge zu sehen, steigerte die Wahrnehmung für das Unleugbare ins Endlose.

Fast schmerzhaft sanken ihre Augenlider nieder und das Brennen in ihrem Kopf erstickte gewaltsam ihre restlichen Sinneseindrücke. Sie wand ihr schattenhaftes Gesichtsfeld vom Fenster ab und suchte nach Link in einem mit schillernden Farben ausgefüllten Raum, den sie nicht mehr als Küche wahrnahm.

Er lief auf sie zu und bewegte seine Lippen langsam, als wollte er ihren wirklichen Namen sagen, sie fragen, was los sei, aber sie hörte ihn nicht. Er lief au sie zu und Zelda erschien es, als bräuchte er Stunden für diesen Weg, als beständen Sekunden für sie aus mehreren Stunden.

Es knisterte in ihren Gedanken und ruckartig kamen Bilder der weitzurückliegenden Vergangenheit, Bilder voller Leben und doch dem Tode geweiht. Ein stechender Druck hinter ihren Augen und die Bilder wurden zahlreicher, kurz und bedrohlich strömten sie auf ihr Inneres ein, nahmen Energie, raubten Unschuld.

Sie wollte schreien, sie wollte weinen und bat diese fremde Macht, sie möge jene Bilder stoppen, möge den Alptraum beenden, in dem sie gefangen war.

Laut aufkreischend warf sie sich mit dem Rücken an die Wand, wollte nicht sehen, wollte die Erinnerung als solche nicht akzeptieren. Bilder von Toten, durch erbitterte Schlachten auf grünen Wiesen gestorben. Blut über den grünen Hügeln, Angst in den weitaufgerissenen, glasigen Augen der toten Krieger. Angst vor dem wahren Gesicht des Bösen…

         Link war von seinem Platz aufgesprungen und packte Zelda an ihren Oberarmen. Ihre Augen waren leer, ihre Haut eiskalt. Sie zitterte und schrie plötzlich hysterisch auf.

„Zelda!“, fauchte er sie an, rüttelte sie vorsichtig und wusste nicht, was hier geschah, beobachtete geschockt, wie Zelda mit einmal anfing zu weinen. Sie redete wirres Zeug, verwechselte die Wortstellung, sagte Wörter, die in seiner Sprache nicht existierten und gab schließlich ihren zitternden Knien nach. Sie wurde ohnmächtig und fiel mit dem Kopf vornüber, direkt an Links Schulter.

Er nahm ihren zierlichen Körper auf seine Arme und trug sie auf die cremefarbene Couch in der gemütlichen, warmen Stube. Er gab ihr leichte Klapse auf die schwachrosa Wangen und sagte energisch ihren Namen, bat sie, ihre Augen wieder zu öffnen.

Aber sie rührte sich nicht und blieb weiterhin bewusstlos. Auch als Link ein feuchtes Tuch auf ihre Stirn legte und sie mit der erstbesten Decke zudeckte, reagierte sie nicht.

Besorgt blieb Link einige Minuten neben dem Sofa hocken und sah ihr zu. Was tun, fragte er sich…

         Aber Link wäre nicht Link, wenn er keine Idee hatte. Wenige Minuten später hüpfte er in sein Zimmer und kam mit seiner weißen Okarina zurück. Sanfte, dumpfe Töne erklangen in dem Raum, lösten den Bann angstvoller Erinnerungen, besänftigten und streichelten die Sinne mit beruhigenden Lauten. Link versank halb in seinem Spiel, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

Er bemerkte nicht das leichte Zucken Zeldas, als sie die sanften Flötentöne vernahm, sah nicht das Blinzeln ihrer Augen und den verwunderten Ausdruck auf dem edlen Gesicht, als sie das Tuch auf ihrer Stirn bemerkte oder die Melodie der Flöte erkannte.

Zelda richtete sich auf, wusste nicht, was vor wenigen Minuten passiert war und genoss das Spiel der Okarina. Ein wenig lächelnd ließ sie ihre Beine von der Couch baumeln und strahlte Link entgegen, der so in seiner Melodie gefangen war, dass er immer weiter spielte.

         Links Augen öffnete sich und abrupt stoppte er das Musizieren, setzte sich zu Zelda auf das Sofa und blickte sie mit seinem sorgenvollen, ernsten Blick an. Dieser Ausdruck verriet, sagte zuviel und Zelda ahnte, obwohl sie nicht erinnerte.

„Was ist passiert, Link?“, meinte sie, in einer normalen Stimme, mit normalen Worten.

„Du bist in der Küche zusammengebrochen und…“ Sie verzog unverständlich ihr Gesicht, wollte es nicht wahrhaben. „… ich wollte von dir wissen, was passiert ist.“, ergänzte Link.

„Das kann ich dir aber nicht sagen. Verzeih’ aber ich kann es dir nicht sagen, weil ich nicht weiß, was ich tat…“

„Du hast keinen blassen Schimmer?“ Sie zuckte ratlos mit den Schultern und sah in das tiefe Blau seiner Augen.

„Habe ich dir Sorgen bereitet?“, murmelte sie.

„Ja, ich wusste nicht, was ich tun sollte…“

„Du hast Okarina gespielt…“

„Es hat dich aufgeweckt und…“ Gott, er kam sich so belämmert vor, wusste nicht, was er sagen sollte, wollte ihr nicht sagen, wie verstört sie vor wenigen Minuten reagierte, bevor die Bewusstlosigkeit sie überwältigte. Zärtlich nahm er ihre Hände in seine, streichelte die samtene Haut ihrer Handrücken. Sein Blick verlor sich darauf, vielleicht, weil er gerade jetzt nicht aufrichtig in ihre Augen sehen konnte.

„Jage mir bitte nicht noch einmal so einen Schrecken ein, Zelda. Ich hatte… Angst um dich“, murmelte er vorsichtig, kaum sich selbst begreifend, denn noch nie hatte Link derartige Worte zu irgendjemandem gesagt.

„Um… mich“, wiederholte sie, begriff den Sinn dieser Worte nur schwerfällig, als gab es niemals jemanden, der Angst um sie und nicht Angst vor ihr verspürte. Vielleicht machte sie gerades das so anders, jene Einbildung, andere könnten Angst vor ihr haben und deshalb vor ihrem doch übernatürlich schönen Erscheinungsbild weglaufen. 

„Ist das ein Fehler…“

„Wohl dein größter Fehler…“, murmelte sie und stand auf.

         Erneut ein Beweis für dieses trügerische Gesicht, das sie trug. Erneut eine Bestätigung für das unbezweifelbare Gefühl, sie gehörte nicht hierher, sie unterschied sich von den Menschen in vieler Hinsicht, sie brächte Gefahr diesem jungen, liebevollen Menschen neben ihr, dieser anderen, möglicherweise besseren Welt. Die Erkenntnis, etwas stimmte nicht mit ihr- sowohl in ihrer Seele lag dieses Wissen, diese trügerische Weisheit, welche sich nur im ersten Augenblick von der beschmutzten Macht eines Teufels abhob- als auch in ihren Handlungen, Entscheidungen.

         „Ich habe Harfe gespielt…“, sagte sie, als eine erste Erinnerung, wollte die Schattenseiten des Gedächtnisses überspielen, vergessen…

„Was, du meinst, du hast früher Harfe gespielt?“

„Ja… wenn ich schlafen gehe, da überkommt mich so ein Gefühl für die Saiten jenes Instrumentes und ich stelle mir vor zu spielen und dann sehe ich mich selbst in einem kleinen runden Raum, wo nur diese Harfe steht. Überall strahlt Licht in jenen Raum, eines Turmes, so nehme ich an, und ich sitze davor und spiele eine Melodie…“

„Das freut mich für dich…“, sagte Link mit seiner beruhigenden, angenehmen Stimme und stand jetzt direkt hinter ihr. Er wollte sie berühren, überlegte aber gleichzeitig, ob er überhaupt das Recht dazu besaß.

„Ich kann nichts für meine Ungewöhnlichkeit, bitte sieh’ mich deswegen nicht mit anderen Augen…“, murmelte sie schwach, stockend und wurde in ihren Worten immer leiser. „Bitte…“, bekräftigte sie und wand ihren Kopf schräg zur Seite. Sie fühlte seine Unsicherheit, seine zunehmende Nervosität, aber auch die ehrliche Anteilnahme.

Link lief um sie herum, sah sie tiefgehend an und flüsterte aufheiternd: „Ungewöhnlicher als ich kannst du gar nicht sein, Zelda… Ich werde dich immer mit den gleichen Augen sehen…“

„Du schaffst es immer wieder jemanden zum Lächeln zu bringen…“

„Jep. Eine tolle Gabe, nicht wahr?“

„Besser als jegliche anderen…“

„Oh… heißt das, ich besitze noch mehr umwerfende Gaben?“, meinte er und grinste ein wenig. Er nahm einen Schluck einer Wasserflasche, die neben dem Sofa stand.

„Du hast sie nur noch nicht herausgefunden oder wahrhaben wollen…“, erwiderte sie eine Spur ernster.

„Genauso wie du selbst, Zelda.“

Sie stimmte zu: „Genauso wie ich…“ Und die Erkenntnis rief ihr zu, wie stark die Fäden ihrer beiden Schicksale doch ineinander verwirbelt waren… Er reichte ihr die Flasche und hastig trank sie davon, half ihrer trockenen Zunge.     

In dem Augenblick schlich Link um sie herum, musterte ihren schlanken Körper. „Weißt du Zelda, ich bin ja wirklich kein Freund von langen Einkäufen in irgendwelchen Modegeschäften, aber ich denke, du brauchst ein paar Klamotten.“ Sie blickte ihn mit großen Augen an.

„Aber wie soll ich das denn…“

Er unterbrach sie: „Ich leihe dir das Geld, ganz einfach. Auf meinem Sparbuch ist noch so einiges.“

Sie wollte ihm wiedersprechen und meinte: „Und was, wenn ich mir das einfach nicht leisten kann?“

„Dann verkaufen wir deine Tiara, die ist sicherlich ein Vermögen wert und wenn nicht, dann kannst du mir das Geld in Raten zurückgeben. Ich verlange auch keine Zinsen“, sagte er grinsend. Mit Hilfe von Links überwältigendem Charme war Zelda überzeugt.

„Danke, Link.“

„Es ist okay. Also, wie sieht’s aus? Hast du heute noch Lust irgendwohin zu gehen, wenn nicht, dann verstehe ich das und wir machen es uns hier gemütlich.“ Sie schüttelte mit dem Kopf und nahm sich den Arm, den er ihr anbot. „Also dann, Mademoiselle, könnten wir losgehen.“  

 

Ohne weitere Überlegungen liefen die beiden Jugendlichen in Richtung Stadtzentrum bis sie vor dem riesigen, mehrstöckigen Modegeschäft standen.

„Los geht’s“, sagte Link und packte Zelda an der Hand und schleifte sie in das Innere des Gebäudes.

         Zelda blickte sich erstaunt um, sah Unmengen von Kleiderständern mit farbenfrohen, sommerlichen Jacken, Tische mit Jeanshosen in allen Varianten und Farben, entdeckte hier und da Kleiderbügel mit modischen Blusen, T-Shirts, Mänteln und anderen Dingen. In langsamen Schritten folgte sie Link, der auf eine Rolltreppe zu steuerte.

Er drehte seinen Kopf zu ihr und sagte: „Ich würde sagen, wir fangen mit der Unterwäsche und dem Schlafanzug an.“ Sie lief nur unsicher hinter ihm her, sich bei der großen Auswahl fragend, wer solche Dinge überhaupt brauchte und ob diese denn tatsächlich in einen Kleiderschrank gehörten.

Sie erreichten das oberste Abteil und schnurstracks wendete sich Link zu der sicherlich hübschen Dame, die hinter der Ladentheke stand. Eine braunhaarige Frau mit einem schicken dunklen Overall. Sie regelte irgendeinen Papierkram und begrüßte Link schließlich auf eine auffallend vertraute Art und Weise und blickte zu Zelda, die sich mehr und mehr beobachtet fühlte.

Viele Leute befanden sich in dem Geschäft und stöberten in den Sachen herum und einige, vor allem Gleichaltrige, bemerkten Zelda im Vorübergehen. Einige schauten höflich weg, andere starrten sie an, als käme sie vom Mars.

         Die Dame an der Kasse lief dann mit Link in Zeldas Richtung. Mit einem netten

„Hallo“, begrüßte die Frau das augenscheinlich siebzehnjährige Mädchen, welches Link im Wald gefunden hatte.

„Zelda, darf’ ich vorstellen, das ist meine Tante Lydia, die Mutter meines Cousins. Sie wird dir helfen, passende Sachen zu finden, da ich von Mode leider keinen blassen Schimmer habe.“

Zelda nickte dankend. „Wenn irgendetwas ist, ich bin dort drüben.“ Und er zeigte auf eine rote Couch, die in der Nähe der Ladenkasse stand.

„Ist das okay für dich?“ Sie nickte. Wie oft sollte sie ihm denn noch für seine Hilfsbereitschaft danken?

„Ach… ja, noch etwas. Wenn du jemanden brauchst, der die Kleidung an dir beurteilen soll, dann komm’ einfach rüber. Ich warte so lange.“ Link lief langsam zu der Couch und warf ihr noch etwas hinterher: „Nimm’ dir soviel Zeit, wie du brauchst, wir haben doch sowieso nichts vor.“

Mit einem Grinsen machte er es sich, unbeachtet der empörten Gesichter einiger Leute, auf dem Sofa bequem und legte frech seine Straßenschuhe auf die Polsterung.

         Mit einem Schmunzeln widmete sich Zelda dann der Frau, die aufmerksam ihre Größe und Figur einschätzte. „Also, Zelda, Link hat mir erzählt, du bräuchtest ein neues Outfit.“ Die Lady hatte eine schöne Stimme, auffallend beruhigend und einfühlsam. Zelda nickte.

„Ich wusste gar nicht, dass mein Neffe Besuch hat.“

„Nun ja“, fing Zelda an, wollte aber nicht zuviel verraten. „So lange werde ich ihm wohl nicht auf die Nerven fallen, hoffe ich.“

Die Dame mit den rehbraunen Augen sah Zelda durchdringend an: „Ich will dich ja nicht ausfragen, woher du kommst und was du hier machst, aber neugierig wird man ja wohl sein dürfen…“

Zelda lächelte, aber mied die Augen der fremden Dame. „Aber egal, ich würde sagen, wir suchen erst einmal passende Unterbekleidung für dich, dürfte bei deinen perfekten Maßen ja nicht schwer sein…“

Zelda folgte der etwa vierzigjährigen Frau durch die Kleiderständer, Ablageflächen, vorbei an leblosen Schaufensterpuppen.

Sie ereichten eine Ecke, in der allerlei Kleidung für drunter, Bade- und Morgenmäntel wie auch Dessous hingen. Zerstreut schaute Zelda von einem Objekt zum anderen und fühlte wieder dieses Unbehagen. So fremd war der Anblick des Modegeschäftes mit seinen Leuten, den ganzen aktuellen Klamotten…

         Im Handumdrehen hatte Lydia einige Dessous, drei Nachtgewänder, einen schönen roten Pyjama, einen Stapel Strümpfe und allerlei anderen Kram auf ihren Armen.

„Da drüben sind Umkleidekabinen“, sagte sie und reichte der überforderten Zelda den Stapel. Seufzend schlenderte das hübsche Mädchen in die Kabine und tat sich vielleicht ein wenig zu schwer bei der Anprobe.

Nach vielen Begutachtungen Lydias und sie klatschte, wann immer Zelda irgendetwas der kompletten Sammlung passte, war dieses Thema vom Tisch. Ein Berg von Kleidung ruhte auf dem Tisch der Ladenkasse und Link, der nur einen kleinen Blick riskierte, wusste, diese Dinge, würden bei seinem Sparbuch Ebbe verursachen… und es war erst der Anfang…

         Lydia schien nun in ihrem Element zu sein. Zahlreiche Jacken, Hosen, Pullover und andere Dinge musste Zelda an ihrem modelgleichen Körper vorzeigen, nur um das nächste Modeobjekt anzuprobieren und so verging die Zeit. Über eine Stunde war verstrichen und Link war auf dem Sofa fast eingeschlafen.

         Er streckte sich und blickte hinüber zu Zelda, die wieder grinsend einen Stapel T-Shirts in den Händen hatte und damit in einer Umkleide verschwand.

         Laut ausatmend lehnte er sich zurück und dachte darüber nach, was er doch alles für Zelda tun würde, obwohl er sie nicht kennen konnte, obwohl sie eine Unbekannte war. Diese Gefühle der Zuneigung… ob diese überhaupt richtig waren. Könnte es ein Fehler sein, sich so sehr auf ein Mädchen einzulassen, dessen Namen Link nicht wirklich kannte?

         Dann spürte er plötzlich zwei Hände über seinen Augen. Eine süße Stimme erklang und Link wusste, zu wem sie gehörte: „Wer bin ich?“

„Ach… Zelda, ich erkenne dich auch, wenn du nicht redest.“ Sie löste ihre Hände von seinen Augen und trat vor ihn hin. Leicht scheu murmelte sie: „Ich soll dich fragen, was du von diesem Kleid hältst, meinte deine Tante.“

Link starrte sie geschockt an. Das wunderschöne Geschöpf vor ihm trug ein knappes, schwachrosa Kleid, welches eng anlag und ihren graziösen Körper betonte. Zelda schaute mit roten Wangen an die Decke und wartete auf eine Reaktion Links. Aber er war sprachlos und schien gefangen zu sein in ihrem Anblick. Zwei geflochtene Träger hielten das teure Sommerkleid und waren die einzigsten Verzierungen daran. Ansonsten war es in Natürlichkeit belassen. Und wenn der richtige Mensch es trug, wirkte es genauso: natürlich und doch perfekt.

„Ähm… das ist…“, brachte Link hervor und stand ungeschickt auf. „Du… du solltest es nehmen, wenn… wenn du magst“, stotterte er vor sich hin und versuchte nicht den Eindruck zu erwecken, sie anzustarren. Aber Zelda lächelte, drehte sich um und hastete wieder zu Lydia.

         Link kam sich hirnlos vor, als würde jeglicher Verstand aussetzen, wenn Zelda auf diese Weise auf ihn wirkte. Warum? Warum hatte sie eigentlich diese verwirrende Wirkung auf ihn? Er war doch sonst nicht nervös, wenn er ein Mädchen ihres Alters ansah…

So in seine Gedanken versunken, bemerkte Link nicht, dass er beobachtet wurde. Zwei unechte, blaue Augen hatten ihn im Visier und lachten leise auf, als Link sich wieder auf dem Sofa breit machte. Er schloss seine Augen und gerade da setzte sich jemand zu ihm auf die Sitzgelegenheit.

„Lovely Hero“, surrte jemand neben ihm. In dem Augenblick standen Link alle Haare zu Berge. Nicht die, flehte er, bitte nicht die schon wieder. Eine Stimme, die noch unechter war, als der Rest ihres Erscheinungsbildes, verriet die nervige Person. Ilona war ihr Name. Ilona.

         Link hüpfte vom Sofa und murrte verärgert: „Was willst du?“ Ilona stand ebenso auf und sagte berauschend: „Warum bist du denn gleich so unfreundlich? Ich wollte bloß Hallo sagen, lovely Hero.“

„Lass den Quatsch!“, sagte Link und etwas Neues, Gefährliches ging von seinen Worten aus. Aber Ilona verstand nicht, was Link damit meinte und sagte in ihrer quietschend hohen Stimme: „Ich, deine Prinzessin, frage dich, ob du nicht Lust hättest, mit mir ins Kino zu gehen oder durch den Park zu laufen. Bitte Link.“ Und ihre Worte endeten in einem für manchen Trottel verführerischem Klang.

„Du bist lediglich ein billiges Flittchen ohne königliches Blut und ich sage, ich habe keinen Bock auf deine Anwesenheit.“

Eine Schnute ziehend, tastete Ilona auf ihren blaugefärbten Kontaktlinsen herum und hoffte, sich verhört zu haben. „Warum denn nicht?“

„Weil ich erstens in Begleitung bin und zweitens deine falsche Zunge nicht ertrage.“

Sie ging auf ihn zu und hauchte ihm ins Gesichts. „Bitte Link.“

„Nein. Und Basta.“ Er lief, seine Geduld allmählich am Ende, an Ilona vorbei und suchte nach Zelda in dem Modegeschäft, spürte aber, dass Ilona ihm auf Tritt und Schritt folgte.

         Zelda stand an der Kasse und beobachtete Links Tante, die mühevoll die Preisschilder der an die Hundert Kleidungsstücke abzupfte.

         Frohen Herzens und äußerst vergnügt fand Link seine wahre Prinzessin und war schneller bei ihr als es ihm lieb war.

„Das macht so einiges…“, sagte Zelda. „Ich fühle mich schrecklich bei dem Gedanken, dass du das alles bezahlen willst…“

„Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn du keine anderen Klamotten hättest, als die von Sara, Zelda.“, erwiderte er und bezahlte den ganzen Kram mit Vergnügen.

„Danke für die Hilfe, Lydia.“, meinte Link.

„Gern geschehen. Im Übrigen hat es mir Spaß gemacht, Zeldas Outfit zu gestalten.“, sagte sie lächelnd. „Aber eines hätte mich doch noch interessiert.“

„Und das wäre?“, meinte Link und schaute ab und an nach der neugierigen Nervensäge Ilona, die sich ungeschickt an die Ladenkasse heranpirschte.

„Woher kennt ihr euch beide? Als deine Tante sollte ich vielleicht wissen, könnte ich doch wissen,“ korrigierte sie sich, „mit wem du deine Zeit verbringst, oder?“ Genauso wie ihre Schwester Meira Bravery interpretierte sie die Situation zu ihrem Vergnügen...

„Ich glaube, das erzähle ich dir ein anderes Mal... Da fällt mir ein, ich habe noch etwas vergessen, wartest du ne Sekunde, Zelda?“

„Natürlich, oder hast du Angst, ich könnte verschwinden?“ Bei diesen Worten überlegte Link zweimal und fand diese nicht so spaßhaft, wie sie von Seiten Zeldas gemeint waren. Sein Blick wanderte zu der Ecke, in welcher vorhin Ilona schaulustig dem Geschehen mehr als genug Aufmerksamkeit schenkte. Aber das aufgetakelte Mädchen schien aufgegeben zu haben. Link entdeckte sie nicht mehr und erledigte sein Vorhaben. Vergnügt ließ er sich von der Rolltreppe ins Erdgeschoss transportieren, während Zelda an der Ladenkasse auf ihn wartete. 

         Aber Ilona hatte die Szene weiterhin beobachtet, nur aus einer anderen Perspektive und verzog immer mehr ihr Gesicht. Sie fragte sich, wer dieses Mädchen neben Link war und warum er mit ihr redete. Er bezahlte sogar die Sachen. Langsam wurde sie eifersüchtig und grübelte nach, was sie tun könnte…

Sie schlich zu den Beiden an die Ladenkasse und sah Link dieses fremde Mädchen anlächeln. Er packte sie sogar an ihrer Hand. Ilona schlich näher, verbarg ihr gekünsteltes, lächerliches Erscheinungsbild hinter Kleiderständern und hörte die beiden lachen und sich unterhalten.

Link verschwand dann aus ihrem Gesichtsfeld, die Gelegenheit, dachte sie.

         Auch Lydia wurde von einer weiteren Kundin abgepasst. Somit stand das unbekannte Mädchen allein, fast unsicher an der Ladenkasse. Jetzt oder nie, redete sich Ilona ein.

In dem Augenblick ergriff sie die Chance und hetzte zu dem fremden Mädchen hinüber.

Angewidert schaute Ilona in Zeldas hübsches Gesicht und hatte noch mehr Grund eifersüchtig zu werden.

Zelda begrüßte das magere Mädchen ihr gegenüber mit einem kühlen: „Hallo.“ Sie wagte einen Blick hinter die Tarnung Ilonas, die ihr wahres Gesicht verschleiern sollte. Ein abstoßender Mensch, ohne Ideale und Wahrheit im Herzen. Bilder einer zerstörten Familie, mit zermürbenden Gesprächen über das, was nicht richtig war. Und doch waren da Wünsche, tief verborgen, abgedeckt von Kälte und dem Bedürfnis andere für das eigene Elend büßen zu lassen.

„Hallo“, sagte Ilona unecht, fast erfreut, dass Zelda ihr ins Antlitz blickte. 

„Was hast du mit Link zu tun?“ Eine abfällig klingende Frage aus ihrem Mund verriet Zelda noch mehr über einen unsympathischen Charakter hinter den in Wirklichkeit hellen, trüben Augen, wo Licht von Nebel abgelöst wurde. Und noch etwas fiel Zelda sofort auf, die seltsam hohe Stimme, wenn Ilona sprach.

„Wohl mehr, als er und ich verstehen könnten“, erwiderte Zelda mit einem standhaften Blick in Ilonas Abscheu zeigendes Gesicht.

„Lass’ ihn in Ruhe. Er gehört dir nicht.“, sagte Ilona, da sie wohl kein vernünftiges Gespräch mit Zelda anfangen konnte und wollte.

„Es ist seine Entscheidung, von wem er in Ruhe gelassen werden will und außerdem gehört er niemanden, nur sich selbst.“ Ilona glotzte trotzig an die Decke und suchte nach Worten. Sie sah sich im Geschäft um und hatte dann eine Idee. Die besten Waffen, um diese Person loszuwerden, waren Mittel der Eifersucht.

„Er ist mein Freund“, sagte sie laut und freute sich wohl schon über ihren vermeintlichen Triumph. Aber Zelda ließ sich mit keiner Silbe beeindrucken, sah hinter dem Gesicht viele Lügen und die eine Lüge, dass Ilona sich nicht einmal Selbst vertrauen konnte.

„Link ist auch mir ein Freund.“

„Aber du bedeutest ihm nichts.“

„Es genügt mir ihn zu kennen... und es genügt ihm mich zu kennen“, sagte Zelda sicher und blickte verträumt zu der Rolltreppe, darauf wartend, dass Link wieder auftauchte.

„Du eingebildetes Stück Dreck, Link gehört zu mir“, betonte sie und warf Zelda jetzt schon Schimpfwörter an den Kopf.

         Zelda drehte ihren Kopf mit einem überlegenen Blick zu Ilona um und in dem Augenblick wich Ilona zurück, sah Empörung und doch Ruhe in den Augen der Dame ihr gegenüber.

„Fordere nicht schlafende Wölfe heraus. Deine Wortwahl wird nur dir selbst schaden.“ Und Zelda starrte beinahe in den Ausdruck auf Ilonas Gesicht, welcher sich langsam von hochmütig zu respektvoll änderte. Eine Schweißperle glänzte an Ilonas Stirn, so als hätte sie nun mehr als nur Respekt vor Zelda.

„Geh“, ordnete Zelda an und Ilona schlich mit einem lauten: „Du spinnst doch“, in Richtung Rolltreppe.

         Zelda wartete über zehn Minuten auf Link, als ihr die Sache allmählich nervtötend vorkam. Ihre Lage überblickend lief sie zur Rolltreppe und schaute von dort oben aus hinunter ins Erdgeschoss, aber Link schien nirgendwo zu sein. Was trieb er denn nur die ganze Zeit? Wo bei den Göttern war er abgeblieben?

Aber unberufen erschien dann doch eine Gestalt in der Menge, die ein waldgrünes T-Shirt trug und Zelda zuwinkte. Sie winkte zurück, verstand nicht, warum sie sich so freute ihn zu sehen und lehnte sich ein wenig an das Geländer der Rolltreppe und sah Link auf der anderen Treppe nach oben fahren. Er hatte irgendeine Kleinigkeit in seiner Hand und dieses unverblümte Grinsen im Gesicht, an das sich Zelda sofort gewöhnt hatte. Die Zeit schien still zustehen und Link war fast bei ihr.

         Plötzlich ein schmerzhafter Stoß in Zeldas Rücken und sie verlor das Gleichgewicht. Schreiend drehte sie sich um und sah für einen kurzen Moment etwas erschreckend Finsteres in zwei unechten blauen Augen. Haltlos stürzte Zelda ohne die Möglichkeit sich aufzufangen die Treppe neben Link hinab. Mit Grauen erfüllt sah er zu, sprang geistesgegenwärtig über das Geländer und packte Zelda gerade so am Arm, verhinderte, dass sie die gesamte Rolltreppe hinabstürzte. Seufzend und mit wackligen Beinen kamen die beiden am Fuß der Treppe an, blickten sich erschrocken an.

         „Alles okay?“, murmelte Link, entsetzt, welche Angst er in diesem nichtigen Moment verspürte. Zelda nickte und wich seinem Blick aus. Doch so wirklich okay war nichts. Jemand hatte gerade versucht, sie umzubringen. Jemand wollte ihren Tod, so wie sie es schon seit ihrem Aufwachen in Links Elternhaus wusste. Und Zelda wusste im Moment auch wer... 

         „Bleib’ hier“, veranlasste Link und rannte mit einigen schnellen Schritten die Treppe hinauf. Auch er hatte gesehen, wer mit Zelda an der Treppe stand. Er hatte gesehen, wer Zelda das Leben stehlen wollte. Gefangen in unbeschreiblicher Wut und dieser Angst, Zelda könnte etwas zustoßen, hetzte er in der Halle umher und fand Ilona neben der Ladenkasse stehend.

Kopfschüttelnd trat Link an sie heran und schimpfte: „Was hast du getan, Ilona? Warum?“

„Was denn?“, sagte sie und blickte Link betörend an.

„Das weißt du genau. Spiel hier nicht das Unschuldslamm.“

In dem Moment kam Zelda entgegen Links beschützenden Anweisungen angelaufen und legte eine Hand auf seine Schulter.

„Was bildest du dir eigentlich ein? Du wärst beinahe zur Mörderin geworden?!“ Lautstark dröhnte Links Stimme in dem Geschäft umher. Grob packte er Ilona an ihrem Unterarm.

„Ich habe nichts Unrechtes getan“, wetterte sie.

„Du hättest Zelda beinahe umgebracht.“

„Ach Zelda heißt die...“ und Ilona zeigte mit ihrem Zeigefinger auf das hübsche Gesicht neben dem Oberstufenschüler mit dem grünen Cape. Zelda nickte nur.

„Ich könnte dich anzeigen, du Biest“, giftete Link und verstand nicht diese überwältigende Wut in seinem Inneren.

„Link, es ist doch nichts geschehen. Bitte beruhige dich...“, murmelte Zelda und legte auch noch ihre andere Hand auf seine zweite Schulter. „Bitte. Das ist es nicht wert.“

         Link entspannte sich unter ihren Händen und kopfschüttelnd ließ er Ilonas Arm los. Langsam drehte er sich zu Zelda um und kühlte seinen Ärger ab, indem er in Zeldas sanfte Augen blickte. Ilona lief einige Schritte weiter und sah dann noch einmal zurück, sah diese verträumten Blicke in zwei Gesichtern und hetzte dann, erbost über ihre eigene Dummheit hinaus.

         „Ich gebe dir wohl mehr als nur einen Grund auf mich aufzupassen, wie?“, sagte Zelda aufmunternd. Links Lippen bewegten sich zu einem geruhsamen Lächeln.

„Sehr viele Gründe womöglich...“ Er nahm zwei der großen Beutel, in welcher Zeldas neue Klamotten gepackt waren, in jeweils eine Hand.

„Ich hatte plötzlich... soviel Angst um dich...“, gab er zu und bereute seine Worte im nächsten Augenblick.

„Das...“ Er schüttelte mit dem Kopf. Besser, sie sagte nichts dazu. Und vieles, was ihren Lippen jetzt entkommen würde, wäre vielleicht unpassend und nicht richtig.

„Sie wird dafür Büße tun, ohne dass sie es will, Link.“

„Das hoffe ich...“, sagte er. Zelda nahm zwei weitere große Taschen und die Ereignisse des Tages langsam ignorierend liefen die Jugendlichen mit den vielen Beuteln in ihren Händen zurück zu Links Elternhaus in der Straße der Erinnerung.

 

Es war spät abends, als Link den Tisch in dem Wohnzimmer abräumte. Das war vielleicht ein Tag, dachte er. Nach dem Vorfall mit Ilona in dem Modegeschäft, hatten die zwei Jugendlichen noch ausführlich darüber diskutiert, grübelten über das Wenn und Aber der ganzen Situation.

Sie beruhigten sich gegenseitig mit dem Gedanken, dass nichts Schlimmes geschehen war und schnell wurde das Thema unwichtig.

Als er die Spülmaschine in der Küche in Gang setzte und das Licht ausschaltete, hüpfte Link vergnügt die Treppen ins nächste Stockwerk hinauf, zielstrebig auf das Gästezimmer zusteuernd.

         Zelda befand sich gerade in dem Gästezimmer und probierte fleißig Kleidungsstücke an, sie fand Gefallen an den Dingen jener modernen Welt, sie mochte das Neue, was ihr anfänglich so unwirklich vorgekommen war nun auf eine bemerkenswerte Weise.

Nur die Nachttischlampe leuchtete und machte das Zimmer noch gemütlicher, als es für sie ohnehin war. Langsam entledigte sie sich der roten Bluse und der Jeans von Sara und des unbequemen Korsetts, welches sie die ganze Zeit anhatte. Kichernd trat sie vor den Spiegel und begutachtete ein schwarzes fesselndes Dessous an ihrer schlanken Figur, war überaus zufrieden mit sich selbst und dachte kurz an die Person, der sie das alles zu verdanken hatte. Ob es nicht doch etwas gab, was sie für ihn tun könnte?

Sie kramte ein veilchenfarbenes Top aus einer Tüte und hielt es sich vor den Oberkörper.

         In dem Moment öffnete Link einfach die Tür, rechnete nicht damit, dass Zelda mit sich selbst beschäftigt war und trat gedankenlos in den Raum. Mit einem Quieksen drehte sich Zelda vom Spiegel in seine Richtung, ließ beinahe das schützende Top, mit welchem sie gerade so ihren Oberkörper bedecken konnte, fallen.

Links Mund klappte auf. Wie versteinert sah er sie an, ehe er sich besann, was er hier tat. Stotternd sagte er: „Ich sollte… das nächste Mal klopfen…“ und mit einer täppischen Bewegung drehte er sich um. Schnell zog sich Zelda ihren Pyjama an und setzte sich, noch völlig geschockt, auf die Bettkante. Verdammt, war das peinlich…

         Link stand immer noch mit dem Rücken zu ihr und murmelte verlegen: „Ich wollte dich bloß fragen, ob du noch Lust hättest, einen Abendspaziergang zu unternehmen oder vielleicht einen Film aus der Sammlung meines Vaters zuschauen?“

„Gerne. Gibst du mir einige Minuten, dann können wir ruhig noch ein wenig herumlaufen…“ Die Möglichkeit für Zelda ihre neue Kleidung einem Test zu unterziehen. Eine dunkelblaue Stretchjeans, einen langärmligen weißen, aber nicht zu weiten Pullover und eine modische Nickijacke waren ihre erste Wahl.

„Sicher“, sagte er und ging aus dem Zimmer, ohne noch einmal in ihre Richtung zu sehen, was für seinen gesunden Menschenversrand vielleicht von großem Nutzen wäre.  

 

Im Schein der alten, blutrot untergehenden Abendsonne liefen die beiden am Waldrand entlang. In der Nähe alter Laubgeschöpfe, die tief an geheiligten Orten, Verstecke für die letzten Rätsel der Erde hüteten.

„Machst du das öfters, ich meine, abends noch in der Nähe des Waldes herumlaufen.“

„Jep“, sagte Link und schaute neben Zelda hinein in die tiefe Dunkelheit, die erschreckend geheimnisvoll, Dinge verbergen konnte, die noch nie jemand gesehen hatte.

„Hast du denn keine Angst vor der Dunkelheit der Wälder, wenn du so ganz alleine dort herumwandelst?“

„Nein, ich sage mir einfach, die Tiere in den Wäldern haben mehr Angst vor mir, als ich vor ihnen haben könnte.“ Zeldas Schritte beschleunigten sich, sodass sie einige Meter vor ihm war und ihn beäugen konnte.

„Aber ich rede nicht von den Tieren, Link.“ Sein Blick wurde ernster.

„Dort in der Dunkelheit, meinst du nicht auch, dass es dort Dinge geben könnte, die sie sich zunutze machen könnte“, sagte sie leise und hoffte, ihre Worte wären nicht zu weit hergeholt.

„Zelda… in unserer Welt gibt es keine Ungeheuer oder Dämonen. In der Schwärze der Nacht liegt absolut nichts, vor dem du dich fürchten müsstest und wenn, wären diese Dinge schon lange entdeckt worden. Diese Jahrhunderte dienen der Wissenschaft, dem Fortschritt. Märchen haben hier auf der Erde keinen großen Stellenwert mehr.“ Langsam liefen sie weiter und hörten ab und an die Laute einer Eule am Waldrand herumkreisen oder ein Rascheln, tief in Finsternis verborgen.

„Link?“, sagte Zelda und blieb erneut stehen. „Du würdest dir aber wünschen, dass es anders wäre, nicht wahr?“ Sie suchte seinen Blick, aber er tapste voran.

„Manchmal schon, aber das ist eben keine Alternative… Realität ist und bleibt Realität. Märchen, Wunder und Dämonen gibt es eben nur in den Träumen.“ Das war sein abschließendes Statement. „Du denn nicht?“, ergänzte er.

„Oh, ich habe das Gefühl, ich bräuchte diese Dinge nicht unbedingt zu vermissen…“ Link machte große Augen, erstaunte über ihre Worte und erwiderte neugierig: „Wie darf’ ich das verstehen?“

Doch Zelda gab ihre Gedanken nicht preis, aus Ungewissheit und teilweise Scham über die Dinge, die sie für selbstverständlich hielt. Und zu dieser Selbstverständlichkeit gehörten nun mal Dämonen mit jeglichem Erscheinungsbild, als auch den Kräften, die sie besaßen. 

         Sie ereichten eine kleine Kreuzung und entschieden sich für einen Weg, der sie zwar in die Dunkelheit der Wälder steuerte, aber nach nur wenigen Minuten über viele grüne Wiesen führte. Inzwischen war die Sonne endgültig untergegangen und der Schleier der Nacht legte sich über Schicksalshort.

Zelda spähte ab und an in die Dunkelheit, fühlte sich nicht unbedingt sehr behaglich bei dem Gedanken, dass dort in den alten Wäldern mehr lauern könnte, als einfach nur ein paar wilde Tiere.

„Wenn es dich beruhigt, ich habe eine Taschenlampe dabei.“, sagte Link, der Zeldas Unbehagen fast fühlen konnte.

„So allmählich finde ich die Idee bescheuert diesen Waldspaziergang zu machen…“, murmelte sie.

„Tut mir leid, Zelda. Vielleicht hast du Recht…“, entgegnete er gedämpft. „Aber ich bin ja da und ich übernehme jegliche Verantwortung, sollte sich vor uns ein raffgieriger Dämon mit einer riesigen Axt und schweren Rüstung auftürmen.“ Zelda stupste ihn mit ihren Ellenbogen an den Arm.

„Beschrei’ es nicht noch...“, sagte sie leise. Aber Link schien diese Warnung nicht ernst zu nehmen und lachte ein wenig zu laut auf.

„Sei doch leiser, Link“, meinte Zelda und kam sich immer hilfloser in seiner Gesellschaft vor. Fehlte ihm vielleicht irgendein Gen, welches für Angstempfindungen zuständig war? Oder arbeitete ein Teil seines Kortex verkehrt?

„Ach Zelda…“, sagte er und legte kurz einen Arm um ihre Schulter. „Nimm’s doch nicht so schwer. Du wirst sehen, es gibt hier nichts, vor dem man Angst haben muss.“ Sie wollte ihm wirklich glauben, aber bei seinem merkwürdigen Abenteuersinn, war das eine unlösbare Aufgabe…

         Sie folgten weiter dem Weg, welcher in der Dunkelheit nur noch schwer zu erkennen war. Link holte seine kleine Taschenlampe aus der Hosentasche, als ihm einfiel, dass er blöderweise, die leeren Batterien nicht gewechselt hatte…

         Plötzlich ein eigensinniges Rascheln aus dem Unterholz und Zelda machte einen großen Satz vorwärts, begleitet von mehr Unbehagen als zuvor. Ungewollt krallten sich ihre Finger in Links Hand fest. Er sagte nichts, und ließ ihre Hand dort, wo sie war: in seiner. In gewisser Hinsicht, war dieses Gefühl für ihn sogar sehr angenehm…

„Können wir vielleicht ein wenig schneller laufen?“

„Wenn es dich beruhigt…“, sagte er.

         Es dauerte nicht lange und die beiden traten aus der Finsternis des Waldes hinaus. Zelda atmete tief ein und aus, als sie die grünen Wiesen entdeckte, von denen Link vorhin gesprochen hatte. Einen abgetrampelten Weg entlang laufend, löste sich Zeldas Unbehagen in Luft auf.

Der Mond strahlte am Himmel und warf sein kühles Licht besinnlich über die weiten Wiesen. Zelda blieb stehen, nahm mehr von diesem Bild auf und schaute lächelnd über die weite Landschaft. Ihr Blick wanderte zu einem Tal, welches umgeben von einem schützenden Ring aus Bergen, eingehüllt in Nebel, von dem Mondlicht abgeschirmt wurde.

Sie breitete ihre Arme aus und genoss die unendliche Natürlichkeit, die rufende Freiheit und spürte in sich den Wunsch nach einer Herausforderung.

Sie drehte sich lächelnd zu Link um, der ebenso einen schwachen fröhlichen Ausdruck auf dem Gesicht hatte. „Ich dachte mir, du würdest diesen Ort lieben, Zelda“, meinte er und trat noch einen Schritt näher zu ihr heran.

„Hast du mich deshalb durch diese unerträgliche Dunkelheit geschleppt?“, sagte sie erheitert.

„Jep.“

„Ich muss sagen, es hat sich durchaus gelohnt.“ Und ihr verträumter Blick verlor sich an dem dunklen Nachthimmel, wo Sterne wie kleine Funken glitzerten.

„Danke, Link. Du ahnst nicht, wie viel mir ein solches Bild bedeutet.“, flüsterte sie. Link sah ein wunderbares Funkeln in ihren Augen, ein Licht, welches vielleicht den Schatten darüber ein wenig verblassen lassen könnte. Nach einigen Minuten, in denen sie sich stillschweigend anstarrten, gingen sie weiter, bis sie schließlich wieder an einem Waldrand entlang tapsten.

Zelda suchte erneut Links Hand, was er himmlisch fand, und blickte ehrfürchtig über die in Dunkelheit gehaltene Welt.

„Link.“

„Mmh?“

„Du bist wunderbar, weißt du das?“

„Jep, vor allem, weil du das jetzt zum zehnten Mal sagst.“

Sie lachte leise auf: „Ja, ich weiß, aber dir kann man das nicht oft genug sagen.“

Auch Link gab ein fröhliches Lachen von sich. „Seitdem du da bist, da…“, fing er an und lächelte ihr entgegen. Auch, wenn sie in dieser Nacht nicht viel von seinem Gesichtsausdruck sehen konnte. „… es geht mir besser.“

„Ich weiß…“, sagte sie überlegen und folgte wieder dem Weg.

Von weiten sahen sie die ersten Lichter der Stadt Schicksalshort. Schweigsam liefen sie nebeneinander, erfreuten sich an der frischen Luft und den Geräuschen der Tiere in der Nacht.

Schließlich brach Zelda die Stille zwischen ihnen mit einem lauten Gähnen.

„Schon müde?“

„Ja, so ein Spaziergang macht eben schläfrig…“

„Wir sind ja bald daheim. Siehst du dort hinten den großen Komplex?“ Und Links Zeigefinger wanderte zu einem unbeleuchteten Ort ein wenig entfernt von den ersten Lichtern.

„Das ist unser Friedhof. Wenn wir dort lang laufen, sind wir schneller in der Straße der Erinnerung, als wenn wir erst nach Osten laufen und dann durch die ganze Stadt watscheln.“

„Ein Friedhof?“, sagte Zelda, bemüht die daraus resultierende Furcht zu unterdrücken.

„Was machst du mit mir? So was wie Schocktherapie?“, meinte sie spaßhaft.

„Nun ja, du musst dich wohl an Schocks gewöhnen, wenn du in meiner Gegenwart bist.“ Und Link dachte an so einige seltsame Geschehnisse der letzten Wochen, die vielleicht ein anderer nicht so gut weggesteckt hätte wie er…

„Dass du so gefährlich bist, hätte ich nicht vermutet…“

„Es gibt vieles an mir, was niemand vermuten würde…“

„Vielleicht macht dich das zum Anziehungspunkt in der Umgebung“ , murmelte sie und blickte entschieden weg.

„Zu einem gefährlichen Anziehungspunkt, nicht wahr, Zelda?“, nuschelte er gedämpft in ihr Ohr, sich der Tatsache bewusst, wie viel Spaß es ihm machte, sich bei Zelda auf Glatteis zu begeben… 

„Also gut, du hast mich überzeugt. Gehen wir am Friedhof vorbei. Aber, du musst mir versprechen, dass wir dort nicht verweilen werden.“ Link grinste und sagte nichts dazu, als wollte er nicht auf dieses Versprechen eingehen.

         Der Mond verschwand gebändigt hinter dichten Wolken, die das letzte Licht über den Wiesen in Schwärze verwandelten. Sie näherten sich mit jedem Schritt mehr dem alten Friedhof Schicksalshorts, der von einem hohen Eisenzaun umgeben war. Viele hohe Laubbäume standen in dem Inneren von der Außenwelt abgeschnittenem Komplex und eine alte Friedhofshalle, wo immer noch Beerdigungen stattfanden. Der Weg führte nah an der hohen Umzäunung vorbei und manche erzählten sich, dass, wenn sie hier entlang wandelten, die Stimmen der Toten flüsterten, als sollte sie jemand aus ihren Gefängnis befreien.

Link nahm nun bewusst Zeldas Hand in seine, denn selbst jemand wie er, hatte an Orten des Todes immer noch Ehrfurcht.

Plötzlich hielt Zelda an und zeigte mit ihrer freien Hand auf das Innere des Friedhofs. Ein Licht drang von dort innen heraus.

 „Was mag das sein?“, nuschelte sie einem überraschten Link zu, der das Licht ebenso bemerkte. Es war dem Licht einer Fackel sehr ähnlich, sah nicht aus wie ein kleines Licht einer Kerze oder einer Taschenlampe.

„Keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden.“ Zeldas Augen weiteten sich. Tickte er jetzt völlig aus? Abrupt ließ er Zeldas Hand los und marschierte auf die Umwallung zu und kletterte daran hinauf. „Rühr’ dich nicht vom Fleck, ich bin gleich wieder da.“ Mit einem zweifelnden Nicken lehnte sich Zelda an die Mauer und blickte nervös von einer Ecke in die andere, während Link der Sache auf den Grund ging.

         Langsam schlich er zwischen alten Bäumen in die Nähe des kleinen Feuers, schaute ab und an zurück und konnte Zelda in der Dunkelheit nicht mehr ausmachen. Einerseits wollte er herausfinden, was dort im Gange war, andererseits wollte er Zelda nicht alleine lassen…

Aber was sollte schon passieren, redete er sich ein. Seine Schritte wurden schneller, das merkwürdige Licht kam näher.

Der junge Mann mit dem grünen Basecape versteckte sich hinter einer dickstämmigen Eiche und schaute mit seinen Augen knapp neben der Rinde vorbei, entdeckte eine niedergebeugte Gestalt umzingelt von Gräbern. Jene Gestalt hatte tatsächlich eine Fackel in der Hand und murmelte etwas vor sich hin, eine Art Fluchen…

Die rätselhafte Person stellte die brennende Fackel direkt neben sich ab und setzte sich auf das tote Gras hier auf dem Friedhof. Link schlich unbemerkt noch ein Stück näher und betrachtete sich jene Gestalt genauer. Es war ein Mann, sah in etwa so aus wie ein Mönch, denn er trug eine dunkelbraune Kutte und hatte eine Halbglatze, umgeben von ein paar letzten grauen Haaren. Link kannte den Typen nicht, hatte die Gestalt auch sonst noch nirgendwo gesehen und ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Der Kerl wirkte aus irgendeinem Grund nicht so harmlos, wie das Erscheinungsbild eines Mönches sein sollte. Nein, etwas Bedrohliches ging von ihm aus, etwas, was Link dennoch sehr vertraut erschien. Erschreckend vertraut.

Die Gestalt grub in der Erde herum, als suchte sich nach etwas, oder als schaufelte sie sich ihr eigenes Grab.

„Dem törichten… immer dem törichten Drokon…“, entkam es der Person in einer übernatürlich kratzigen Stimme, wie das Reiben zweier Schiefertafeln aneinander.

„Diene dem Meister…“, schleimte er vor sich hin, und schlug dann mit der Faust auf den wehrlosen Erdboden ein.

„Böser Lord… immer strafst du den armen Drokon, der nichts schafft, der doch dem Herrn immer treu, so treu, bemüht treu zu sein.“

Link hörte gespannt zu, konnte das verrückte Faseln dieses Kerls nicht verstehen. Aber irgendetwas ließ Link nicht los, als müsste er jenen Worten lauschen, um seiner selbst Willen… um Zeldas willen.

„Hoho… der Lord wusste, der Lord hasste, der Lord mordete…“ Dann fing die Gestalt krankhaft an zu lachen und schnalzte mit den Fingern.   

„Und der böse Lord… straft immer den armen Drokon…“, wimmerte die Gestalt nun. Aber Mitleid konnte Link nicht empfinden. Vielleicht Abscheu, oder Antipathie, aber niemals Mitleid oder etwas Ähnliches.

         Mit einem Schlag legten sich zwei Hände über Links Mund. Das Herz in seiner Brust blieb fast stehen und mit Schock in den Augen drehte er sich um. Eine bekannte Gestalt befand sich vor ihm. Ja, Link kannte dieses Typen. Es war Josh, einer der Zwillinge aus der Oberstufe. Er führte seinen Zeigefinger zu seinen Lippen und Link verstand. Josh hatte wohl zufälligerweise ebenso auf dem Friedhof herumgelungert- mit der Betonung auf zufälligerweise…

         Plötzlich ein Knacken von Joshs Schuhwerk und die merkwürdige Person zischte: „Wer stört die Stunde des Meisters? Wer stört den armen Drokon, wenn er doch der Stunde des Meisters dienen muss?“ Drokon stand auf und ein Glühen kam aus seinen kleinen Augenschlitzen. Er sah genau in die Richtung, wo Link und Josh standen und hämmerte mit seiner unechten, quietschenden Stimme: „Der Lord tötet, wer ihm im Weg steht! Der Lord mordet… haha.“ Seine Worte endeten in einen kranken Gelächter und mit knackenden Gelenken lief er auf Link und Josh zu.

Josh wurde die Situation zu gefährlich, er wich zurück und brüllte Link entgegen: „Lauf!“ Geschwind hasteten die zwei Jugendlichen auf die Umzäunung zu, kletterte so schnell wie noch nie in ihrem Leben daran hinauf und sprangen fieberhaft auf die andere Seite. Link schaute zurück und suchte nach dem Schurken auf dem Friedhof, blieb furchtlos stehen und nutzte eine weitere seiner Ungewöhnlichkeiten, die eine oder andere Personen spüren zu können, um den Typen in der Dunkelheit ausfindig zu machen. Aber er sah nichts, fühlte nichts. Nach einer Weile lief er dorthin, wo Zelda sein musste und fand sie genau an der selben Stelle, wo er sie zurückgelassen hatte. Zwei weitere Personen standen neben ihr, und einer davon musste Josh sein, so weit Link das einschätzen konnte. Sie lief nervös hin und her und sagte laut: „Und wo ist Link?“

„Weiß nicht“, entgegnete Josh. „Er ist einfach stehen geblieben.“ Vermutlich hatte Josh ihr die unheimliche Geschichte sofort unter die hübsche Nase gerieben. Link trat in der Dunkelheit näher und hörte Verzweiflung aus Zeldas Stimme. Dann rief sie nach ihm, aber Josh packte sie gleich am Arm.

„Bist du verrückt? Wenn uns der Kerl hört, sind wir bestimmt fällig.“

„Das ist nicht möglich. Der Mönch ist wie vom Erdboden verschluckt“, sagte Link und trat aus der Dunkelheit zu den drei Leuten heran. Zelda trat vor ihn und gab ihm eine kleine, aber wirkungsvolle Ohrfeige. Entgeistert sah Link in ihr besorgtes Gesicht.

„Zelda?“

„Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe. Tu’ das nicht noch einmal!“, fauchte sie. Sie mied seinen Blick und sah trübsinnig hinaus auf die weiten Wiesen.

„Sorry“, entgegnete er, und sah langsam ein, wie unvernünftig er gehandelt hatte.

„Josh hat dir schon alles erzählt, nehme ich an.“, meinte Link dann und betrachtete die andere Person neben Zelda. Nickend bestätigte sie seine Vermutung.

„Hendrik ist aufgetaucht, kurz nachdem du darüber klettern musstest.“ Daraufhin mischte sich der zweite Zwilling in das Gespräch.

„Link, wir haben vor etwa einer Woche hier auf dem Friedhof Brandspuren bemerkt und sind dann abends hier umher geschlichen, weil irgendetwas verdächtig war. Von unserem Wohnhaus haben wir Lichter gesehen und dann sahen wir diesen Kerl, der jeden Abend hier vor sich hin flucht.“ Ja, richtig, Link wusste, dass jenes Wohnhaus am Rande der Stadt eine gute Sicht zu den Vorgängen auf dem Friedhof gewährte.

„Jeden Abend?“

„Genau“, stimmte Josh zu. „Und heute haben wir Zelda und dich in die Nähe des Friedhofs laufen sehen, da wollten wir euch warnen. Zelda kennen wir ja schon.“

Link erinnerte sich, dass Zelda ihm erzählt hatte, wie nett die beiden ihr beim Einkaufen geholfen hatten… 

„Wir wussten ja nicht, dass Zelda bei dir wohnt. Seit wann hast du denn diesen netten Gast bei dir?“

„Noch nicht lange“, sagte Link ehrlich.

„Du hast es echt gut“, erwiderte Josh mit einem Wink. „So einen netten Gast hätte ich auch gerne.“ Oh ja, Zelda hatte wieder mal eine atemberaubende Wirkung auf die Menschen in ihrer Umgebung…

         „Diese Friedhofssache ist echt unheimlich…“, meinte Hendrik schließlich. „Seitdem kann ich kein Auge mehr zu tun, und muss ständig darüber nachdenken.“

„Dann frage ich mich“, meinte Link mit seinem überdrehten Mut, „warum ihr jedes Mal abhaut. Stellt den Kunden doch einfach mal zur Rede.“

Josh trat näher an Link heran und sagte; „Verrückt bist du, kannst dich dem Kerl bei seinen Ritualen ja gleich anschließen, du hast ja keine Ahnung, was der schon alles gesagt und getan hat…“ Link verzog sein Gesicht und konnte nicht begreifen, warum die beiden ein solches Geheimnis daraus machten.

„Wenn wir dir das erzählen, glaubst du uns kein Wort mehr.“

         „Wie auch immer, wie spät ist es eigentlich?“, fragte Link. Zelda klammerte sich an Links Arm und gähnte.

„Schon zwölf“, antwortete Hendrik. „Vielleicht sollten wir zurück in die Stadt gehen…“

Die Jungendlichen nickten nur zustimmend.

„Und was machen wir mit diesem Spinner?“, meinte Zelda.

„Auf jeden Fall nicht die Polizei rufen…“, sagte Hendrik. „Der Kunde hat nämlich vor denen nichts zu befürchten…“

         Mit diesem mysteriösen Worten verschwanden die Zwillinge in entgegengesetzter Richtung von Link und Zelda. Und auch die beiden Auserwählten liefen nach Hause, bis sie schließlich ein Uhr morgens vor Links Haustür standen.

 

Link befand sich gerade in seinem Zimmer, trug bereits eine knielange, dunkelgrüne Schlafanzughose und schaute einmal wieder nach seiner Wunde. Sachte nahm er den Verband ab und überprüfte die merkwürdige Verletzung. Endlich hatte sich ein gewöhnlicher Grind über den Schrammen gebildet. Seufzend tupfte er mit seinen Fingerspitzen über die Blessuren und schloss seine Augen bei dem kurzen Schmereffekt.

In dem Moment trat Zelda in ihrem roten Pyjama in sein dunkles Zimmer, wo lediglich die Lavalampe seines Nachttisches brannte. Ihr langes golden schimmerndes Haar hatte sie zu einem Zopf verbunden und über ihre rechte Schulter gelegt.

„Hey“, murmelte sie und ihr Blick schweifte hinab zu seinem Bauch. Sie trat zu ihm und fragte: „Wie geht es dir?“

„Äh… gut.“, sagte er aufrichtig.

„Möchtest du, dass ich dir einen frischen Verband umlege?“

„Das wäre lieb“, entgegnete er und ließ sich auf die Bettkante sinken. Zelda setzte sich hinter ihn und begann mit der Prozedur.

„Ist das in Ordnung?“

„Mmh“, flüsterte er sanft. „Danke.“

„Wegen vorhin…“, begann Zelda, „Entschuldige die Ohrfeige.“

„Ich denke, ich habe sie verdient.“, sagte Link und drehte seinen Kopf mit einem Grinsen in ihre Richtung.

„Ich war wirklich besorgt, Link.“

„Du glaubst, was Josh und Hendrik erzählt haben, nicht wahr?“

„Sicher.“

„Ich auch, Zelda. Die beiden hätten gar keinen Grund uns anzulügen.“

„Ja, Hendrik erzählte mir, der Mönch selbst nennt sich Drokon und hätte magische Kräfte…“

Zelda hatte den Verband vollständig um Links Bauch gelegt und stand auf. Zufrieden und mit einem heiteren Gähnen ließ sie sich in den Sessel neben Links Schreibtisch sinken und streckte ihre Arme in die Luft. Erst jetzt sah sie Links leicht fassungslosen Ausdruck in dem ansehnlichen Gesicht.

„Magische Kräfte… und das sagst du so einfach?“ Zelda zuckte ratlos die Schultern. Wieder eine Selbstverständlichkeit in ihren Augen… Warum sollten Menschen nicht irgendwelche besonderen Fähigkeiten besitzen?

„Meine Güte, Zelda…“ Link war mit einem Sprung bei ihr, kniete nieder und legte seine Hände auf ihre Knie. „In dieser Welt ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand derartige Begabungen besitzt und diese auch noch einsetzt.“

„Ach so…“, meinte sie und rieb sich den Schlafsand aus den Augen. „Und was tun wir jetzt, nachdem wir wissen, welche mysteriösen Dinge dieser Kerl auf dem Friedhof veranstaltet?“

„Weiß nicht, aber vielleicht bringt die Zeit Antworten, Zelda.“

„Mmh vielleicht.“

Und die Zeit würde Antworten bringen, auch wenn diese dann noch mehr Fragen aufwarfen…

         Plötzlich schoss ein Geistesblitz durch Links Kopf und er kramte in einer Schublade nach einem Gegenstand. Er hielt Zelda ein paar silberne, einfache, aber hübsche Ohrringel unter die Nase. Verdutzt beäugte sie ihn und dann die Ringel.

„Was ist damit?“


 
  Insgesamt waren schon 112726 Besucher (404544 Hits) hier!