Kapitel 4.2
 
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„Für dich“, sagte Link und lief ein bisschen rot an. „Heute in dem Modegeschäft, also… weißt du, ich wollte dir einfach etwas schenken“, redete er sich unsicher heraus. Sie nahm die Ohrringel in ihre rechte Hand und strahlte fast vor Freude.

„Ich habe gesehen, dass du… Löcher in deinen Ohren hast, aber nichts darin trägst und deswegen…“

„Das ist ja süß von dir“, meinte sie und warf sich ihm ohne Nachzudenken um den Hals. Die Berührung an sich dauerte nicht lange, und doch schien sie Link etwas erzählen zu wollen… Erinnerung an Sehnsucht und gestorbene Wünsche…

„Aber das kann ich doch nicht annehmen, du hast schon viel zuviel für mich getan“, murmelte sie und löste sich verlegen aus der Umarmung.

„Keine Sorge, die waren sogar billiger als eine Packung von meinem Lieblingseis.“ Sie nickte vielsagend und hatte in Nullkommanichts das kleine Schmuckstück in den Ohrläppchen.

„So gefällst du mir besser, als ohnehin schon. Apropos Eis, hast du Appetit auf welches?“

„Willst du jetzt noch Eis essen, es ist doch schon um zwei Link.“, sagte sie, als sie nachdenklich auf das Ziffernblatt seines Videorecorders schaute.

„Jep. Ich habe immer Lust auf Eis, egal wie früh oder wie spät.“

„Na gut, aber nicht zuviel, ja?“ Damit hüpfte Link aus dem Raum, kehrte mit einer vollen Ladung Eis zurück und so verbrachten sie die halbe Nacht mit Gesprächen, schauten die Wiederholung eines Horrorfilms an, den nur Zelda gruselig fand, bis sie mit einem gähnenden Gute- Nacht- Wunsch sein Zimmer verließ.

 

Am Dienstag Vormittag klingelte es überraschend an der Haustür. Link öffnete.

„Hallo Rick. Gibt’s was Neues.“

„Du Trottel, hast du etwa vergessen, dass heute Dienstag ist.“

„Rückmeldung an den, der mich Trottel nennt, nein, hab’ ich nicht. Ist an dem Tag irgendetwas Besonderes?“

„Oh Mann, du hast wohl das Training vergessen“ Link griff sich an den Kopf und schüttelte dann.

„Sorry, hab’ ich wirklich.“ Dienstags stand immer Bogenschießen auf dem Plan. Seitdem aber Zelda da war, hatte er zugegebenermaßen nur noch sie im Kopf.

„Hör zu Rick, ich habe Besuch, sehr netten Besuch, ja, also wenn du entschuldigst. Ähm… das Training fängt doch erst in zwei Stunden an.“

„Du hast Besuch, wirklich, weiblichen Besuch?“ Links Wangen färbten sich stufenweise zu einem auffälligen Rot.

„Egal“, sagte Link. „Möchtest du nicht reinkommen?“

„Yup“, entgegnete Rick und schloss die Tür hinter sich.

         Sich wundernd, vor welchem Mädchen Link ausnahmsweise mal nicht geflüchtet war und sogar bei sich zu Hause eingeladen hatte, trat er in den Korridor, zog seine Turnschuhe aus, auch wenn er wusste, dass seine Tante Meira nicht zugegen war. Wie oft hatte er sich wegen seinen, von ihr als teuflisch bezeichneten dreckigen, Turnschuhen Ärger eingehandelt. Also zog er sich brav die Schuhe aus und ging dann in die Wohnstube. 

         Rick war neugierig, das war schließlich Link, der immerzu irgendwelche Geheimnisse hatte und Rick würde jetzt eines davon herausfinden. Der Fernseher lief und jemand, der seine Beine auf das Sofa gelegt davor saß, schaltete immer wieder zwischen den Sendern hin und her.

Rick trat näher, verwundert, wieso er plötzlich so ein leichtes Unbehagen verspürte, ein Gefühl, als würde er den größten Popstar in wenigen Sekunden treffen. Dann blieb er stehen und sah seitlich ein unheimlich wunderschönes Mädchen dort auf der Couch sitzen. Langes blondes Haar, schlanke, atemraubende Figur. Rick verschlug es halb die Sprache.

Der hat wirklich ne Freundin. Ich fass es nicht, dachte er sich. Und was für eine.

Sie drehte ihren Kopf zu ihm und lächelte leicht scheu.

„Hallo“, sagte sie verzagt. Nur unter Aufbietung allen Mutes brachte Rick ebenso ein Hallo über die Lippen.

Wer war sie, dachte er und starrte das edle, makellose Gesicht mit den feinen Zügen, der porzellanartigen Haut und den roten Lippen an, aus dem zwei blaue Augen wie Saphire hervorstrahlten.

„Hallo“, stotterte Rick und kam sich vor, als müsste er sofort eine Verbeugung machen. 

Rick trat ein wenig näher, um sich zu vergewissern, dass dieses Mädchen wirklich auf dem beigen Sofa saß und sagte: „Ähm… ich bin Links Cousin Rick. Schön, dich kennen zu lernen.“

Sie stand auf und Rick bewunderte nun noch mehr diese Anmut, welche sie umhüllte. Sie reichte ihm die Hand und sagte mit einem Lächeln.

„Man nennt mich Zelda.“ Rick musste sich daraufhin vergewissern, sich nicht verhört zu haben und grinste mit seinen rehbraunen Augen in ihr unschuldiges Gesicht.

„Zelda? Das ist ja der blanke Wahnsinn.“

Sie grinste dann und entgegnete: „Es ist nicht so, wie du annimmst, Rick.“

„Schon okay. Link wird mit die Geschichte bestimmt erzählen.“ Zelda nickte daraufhin.

 

In dem Augenblick kam Link herein. Er hatte zwei Flaschen Cola unter dem Arm und durchquerte die Stube, bis er mit einem Lächeln neben Zelda stand.

„Also, Rick, ich denke, ich habe dir einige Neuigkeiten zu unterbreiten.“ Die drei Jugendlichen setzten sich an den Glasstisch in der Wohnstube und Link erzählte seinem besten Freund alles, was nötig war. Er erzählte ihm die ganze Geschichte, ebenso, dass sie ihr Gedächtnis verloren hatte und Zelda nicht ihr wirklicher Name war. Aber eine Sache verschwieg er ihm… nämlich die unglaubliche Tatsache, wie ähnlich Zeldas Stimme jener Stimme war, die ihn des öfteren gerufen hatte. Nein, es war nicht nur Ähnlichkeit… es war wirklich ihre Stimme…

„Und was gedenkt ihr beide jetzt zu tun?“

„Abwarten“, sagte Link.

„Abwarten“, stimmte Zelda zu und blickte Link mit einem warmen Lächeln an. Er erwiderte diesen Gesichtszug und selbst Rick erkannte die Veränderung in Link. Wie lange war es her, dass er so gelächelt hatte. Sehr lange… Rick freute sich für ihn und dankte diesem fremden Mädchen jetzt schon für ihr Erscheinen.

         Zelda hüpfte von ihrem Platz auf und holte aus einer kleinen Bar drei Gläser für die Cola. Vier Augen wanderten ihr hinterher und sie wusste das, spürte Blicke in ihrem Nacken.

„Sie ist unheimlich hübsch“, flüsterte Rick so, dass Zelda es nicht hörte.

„Ja, das ist sie…“, antwortete Link verlegen, konnte diese Tatsache jedoch nicht bestreiten.

„… hast du was mit ihr?“ Link wurde wieder ganz rot im Gesicht.

Er hustete und sagte: „Nein, wie kommst du denn darauf. Sie ist eine Freundin, nicht mehr.“

„Gut. Dann hab ich ja Chancen.“

„Wag’ es dir!“, sagte er lauter und weckte damit Zeldas Interesse. Link ballte unbewusst die Fäuste, spürte das Aufkeimen von ungeheurer Eifersucht wegen diesem Engelsgesicht und sah sie lächelnd an, als sie sich wieder an den Tisch setzte.

„Was soll sich Rick wagen?“

„Ähm… nichts von Bedeutung.“, entgegnete Link und wich ihrem durchdringenden, wissenden Blick aus. Sie grinste und hatte wohl im Gegenzug jetzt seine Gedanken gelesen…

         Die Jugendlichen amüsierten sich eine Weile, bis Mittag anbrach und Rick verschwand.

Im Korridor flüsterte er dann Link noch eine Sache zu. „Zelda sie sieht aus wie… die Zelda aus dem Spiel, Link.“ Auch das Mädchen neben Link spitze ihre Ohren.

„Zelda ist eine Spielfigur und sie hier ist ein Mensch!“ Link wurde ungemütlich, so hatte er seinen Freund noch nie angefahren.

„Tut mir leid, Link, hast ja recht, aber…“

Link sah Zelda so an, wie er dieses vertraute Engelsgesicht lange nicht angesehen hatte.

„…Sie hat zuviel Ähnlichkeit mit ihr, nicht wahr?“ Link sah zu Boden.

Zelda meinte ruhig: „Link, es macht mir wirklich nichts aus, okay. Ich trage diesen Namen mit Ehrfurcht, Stolz und Respekt. So, jetzt lass uns essen.“

„Na gut, ich mach’ mich dann aus dem Staub. Link, kommst du dann noch zum Bogenschießen?“

„Ja, das werde ich, wenn…“ Zelda las schon wieder seine Gedanken.

„Ich habe nichts dagegen. Ich kann doch mitkommen, oder nicht?“ Link lächelte ihr zu. „Wollen wir doch mal sehen, ob du gute Augen hast, hm?“ Sie nickte. Link begeleitete Rick zur Tür und trat mit ihm einige Meter auf die Straße.

         „Sag’ mal, du hast doch sicherlich was mit ihr?“ Rick wiederholte diese Worte bewusst, ahnend, dass mehr dahinter steckte, als Link preisgab. Er wusste, Link verheimlichte etwas Wichtiges, was mit ihr zusammenhing. Dieses Mädchen besaß nicht nur Anmut und Charme, wohl aber etwas viel Mächtigeres…

Link verleierte die Augen und stammelte vor sich hin, trat von einem Fuß auf den anderen.

„Ich brauche sie…“, sagte er und ließ seinen Blick durch das Wohnstubenfenster schweifen. Nachdenklich saß Zelda dort auf einem Hocker und starrte fast traurig in den Fernseher, den sie nur eingeschaltet hatte, um sich von ihren trübsinnigen Gedanken abzulenken.

„Sie sagt mir soviel… ich meine, nicht ihre Worte, sondern die Art und Weise, wie sie mit mir redet, mich ansieht und überhaupt mit mir umgeht. Es ist, als würde ich sie schon ewig kennen.“ Link lehnte sich gegen eine Straßenlampe und verschränkte seine Arme.

„Ich will dir nicht den Mut nehmen, oder deine Urteilskraft bezweifeln, aber irgendetwas stimmt hier nicht mehr. Jetzt da sie hier ist, da… habe ich einfach ein ungutes Gefühl.“

„Ich weiß… aber was soll’ ich denn deiner Meinung nach tun? Soll ich sie fortschicken und mich dann dafür ewig hassen, weil ich mir einbilde, ewig darauf gewartet zu haben, sie zu finden? Soll ich sie aus dem Haus werfen, mit der Begründung, sie bringt Gefahr in diese Stadt?“

„Nein… und doch…“

„Da ist Gefahr…“, sagte Link und lief wieder zur Haustür. Rick nickte nur.

„Und das Lustige ist, Rick, es ist mir egal, solange sie da ist, ist mir alles egal, die Schule, die Träume und von mir aus jedes Höllengeschöpf, das man sich vorstellen kann. Ich werde sie niemals fortschicken, ganz im Gegenteil, ich will, dass sie bleibt und ich…“ Er konnte kaum glauben, was er da sagte, aber jetzt kamen so einige Gefühle an die Oberfläche. „… ich beschütze sie, was immer auch passieren wird.“

Rick verstummte. Link kam entweder wirklich von einem anderen Stern oder er hatte einfach seinen gesamten Verstand verloren. Hatte es ihn denn so erwischt, dachte Rick.

„Rick, es war ihre… Stimme.“, sagte Link leise und drehte seinem Freund den Rücken zu.

„Was?“ Geschockt sah Rick erneut zu Zelda, die wie von Sinnen in der Stube saß.

„Ja… ich weiß es einfach. Es war ihre Stimme. Sie hat nach mir gerufen, Rick und wenn ich sie nicht gehört hätte, nicht gefunden hätte, wäre sie jetzt nicht mehr am Leben.“

Link spürte Ricks Hand auf seiner Schulter. „Schicksal, Link.“, meinte Rick aufmunternd. Und der grünbemützte Jugendliche lachte kurz auf, jedoch nicht aus Spaß oder Freude…

„Ja, Schicksal“, sagte Link und meinte schließlich: „Also, ich…“

„Mach’ dir keinen Kopf. Die Sache klärt sich bestimmt auf und dann wirst du lachen, wie stumpfsinnig die Gedanken sind, die wir uns hier machen. Und jetzt, würde ich sagen, heiterst du das feenhafte Wesen in der Wohnstube ein bisschen auf. Sie zieht so eine traurige Schnute.“ Link grinste. „Ja, du hast Recht. Danke Rick.“

„Nichts zu danken. Bis später“, sagte der braunhaarige Jugendliche noch und lief dann die Straße hinunter.

Link kam zurück in die Stube des Hauses und fand Zelda noch in der gleichen Position wie vorhin. Sie hockte im Schneidersitz auf dem weißgepolsterten Schemel und starrte ins Nichts.

„Zelda…“, murmelte er. Sie sah überrascht auf, verwundert, dass sie tatsächlich auf diesen Namen hörte. „Ist mit dir alles in Ordnung?“, meinte Link zusätzlich. Betrübt schüttelte sie ihren Kopf und suchte mit einem unbeschreiblichen sehnsüchtigen Blick seine Nähe. Er setzte sich vor den Hocker auf einen Sessel.

„Rick… er hat Angst vor mir…“, sagte sie gedämpft und mit zitternder Stimme.

„Hey, das…“, fing Link an.

„Sag’ es nicht. Ich konnte es fühlen, Link. Es ist keine wirkliche Angst, nur so ein Unbehagen, welches ihm sagt, dass er mir fernbleiben sollte…“

         Er legte eine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Na und? Du hast immer noch mich. Ich habe weder Angst vor dir, noch empfinde ich Abscheu in deiner Nähe und… du bist etwas Einzigartiges, Zelda… Wir werden schon herausfinden, was hier nicht stimmt und dann wird dich Rick auch mit anderen Augen sehen können… ja? Außerdem ist er dabei dieses mulmige Gefühl zu überwinden.“ Sie nickte und lächelte leicht.

„Ich danke dir. Habe ich schon erwähnt, dass du ein Schatz bist, Link?“

„Jep. Aber ich höre das gerne aus deinem Mund.“

„Du meinst, ich könnte das noch einige Male sagen?“

„Du könntest dir zusätzlich etwas ausdenken…“

„So etwas, wie: Du bist der beste Mensch dieser Welt?“

Link grinste: „Jep. Das gefällt mir.“ Er zog sie auf ihre Beine. „Aber jetzt kochen wir uns erst mal was Schönes, hm?“

Sie folgte Link in die Küche. „Wie wäre es mit etwas Gesundem zur Abwechslung?“

„Salat, Kartoffeln und Dinge in dieser Richtung?“

Zelda lächelte. „Ja, an so etwas habe ich gedacht.“

„Gut.“

„Gut.“ 

Zelda und Link aßen gemütlich zusammen, und machten sich im Anschluss auf den Weg zu der Trainingsarena in Schicksalshort.

 

Als sie in dem riesigen Gebäude, einer alten Turnhalle, ankamen, strahlte Zelda vor Aufregung. Bogenschießen wollte sie schon immer einmal lernen. Viele Menschen, alte und junge, waren hier und spannten die Bögen. Sie beobachtete jene Menschen mit den heiteren Gesichtern, den fröhlichen Gelächter und den freudigen Zurufen. Einige waren ganz gut, andere wiederum schafften es nicht einmal die Bögen ganz zu spannen, geschweige denn die Zielscheiben zu treffen. Zelda war begeistert, das sah Link ihr an der Nasenspitze an.

         Wenig später tauchte Rick auf. „Hallo. Da seid ihr ja. Hol’ doch mal zwei Bögen, Link. Ich werde dieses hübsche Gesicht hier einweihen.“ Link sah Rick mit strengen Augen an und verschwand dann. Rick lächelte Zelda an, trotz des Unbehagens in ihrer Gegenwart, trotz des leichten Angstgefühls.

„Zelda, also, ist wirklich schön, dich kennen zu lernen.“ Zelda freute sich, dass Rick nun doch versuchte, mit ihr ins Gespräch zukommen. Link hatte Recht, irgendwie war Rick jemand, dem man Vertrauen schenken konnte.

„Link hat viel von dir erzählt.“, sagte Rick leise.

„Wie bitte?“ Das war doch gar nicht möglich. Sie kannte ihn doch erst seit wenigen Tagen.

Zelda verstand nur noch Bahnhof. „Du weißt wohl gar nichts davon, oder?“

„Nein, das musst du mir erklären.“ Indes kam Link zurück, mit zwei schönen Bögen in der Hand.

„Ähm, ich erzähl’ dir das ein andres Mal.“ Link hielt der verdutzten Zelda einen Bogen unter die Nase.

         „Pass genau auf“, sagte Rick. „Wir haben hier einen Profi unter uns!“ Und sein Zeigefinger wanderte zu Link. Er stattdessen lief gemächlich auf die Schießvorrichtung zu, spannte geschmeidig den Pfeil, fühlte die Spannung in der Sehne und die Kraft dahinter, wartete noch ein wenig, und der Pfeil sauste blitzschnell auf die Mitte der Zielscheibe zu. Einige Leute beobachteten Link und waren verblüffter als Zelda es jemals sein konnte. Sie hatte von ihm nichts anderes erwartet.

         Link winkte Zelda zu, sie solle es auch einmal probieren. Sie trat neben Link und hielt den Bogen mit hoffentlich einer geeigneten Zugkraft für sie vor sich. Zelda probierte es und war, wie Link fand, unheimlich gut darin. Link setzte sich auf eine Bank und beobachtete einige von den Leuten.

         Eines der Gesichter kam ihm irgendwie bekannt vor- es war Maron. Das Mädchen, von welchem Rick so fasziniert war. Sie besaß eine kleinere Gestalt als Zelda, war nicht so perfekt, obwohl sie eine schöne Figur hatte, und anmutig wie sie, und Link kannte sie.

Es war lange her, da hatte sie Link ihren Prinzen genannt, weil er vor damals in der siebten Klasse ihre Katze vom Baum geholt hatte. Wochen später war Link regelrecht vor ihr geflohen… denn jede Begegnung mit ihr endete damit, dass sie ihn doch unbedingt bei sich zu Hause einladen wollte.

Dazu hatte Link nun wirklich keine Lust gehabt. Sie war ja ganz nett, aber das, was sie von ihm wollte, konnte Link nicht erwidern. Dem Himmel sei Dank waren diese naiven Schwärmereien niemals ein grund gewesen, sie ernst zu nehmen.

         Alles, was Link jemals für irgendjemanden empfand, gehörte zu seinem großen Geheimnis, von dem lediglich Rick, sein bester Freund, mehr oder weniger durch Zufall, erfahren hatte…

         Link wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Sorgsam sah er um sich, erblickte hier und da kichernde Leute, sah so viele, die lachten und sich an ihrem Hobby erfreuten. Aber etwas war da. Irgendetwas stimmte hier nicht, er konnte es spüren.

Etwas Kaltes legte sich auf sein Herz. Er sah auf seine Hände, besonders seine linke Hand zitterte. Sie zitterte so stark, dass er sie mit der anderen Hand festhalten musste. Er fühlte eine boshafte, dunkle Energie zunehmen. Kälte. Nichts als eisige, trockene Kälte.

Tiefausatmend hob Link seine Hand, die immer noch zitterte, als würde jemand sie steuern. Link atmete wieder aus und sah Nebelschwaden aus seinem Mund vor ihm aufsteigen. Die Kälte war nicht nur in seinen Gedanken, sondern bereits außerhalb, sammelte sich in der Luft, beherrschte eines der Elemente, nur um sich weitere Elemente Untertan zu machen.

Link stand unsicher auf und blickte um sich. Er sah Rick, der ihm irgendetwas zurief. Doch dafür hatte er keine Zeit. Etwas sagte ihm, es blieb keine Zeit. Als ob die Zeit sich mit der dunklen Energie verbündet hätte, die sich hier herumschlich.

         Link griff sich schlagartig an den Kopf. Etwas brannte in seinen Gedanken, ein unheimlicher Druck legte sich auf seinen Kopf. Da war Schmerz. Bilder aus seinen Träumen zerrten an seinem Willen, erschienen, ohne das Link es wollte. Alpträume. Kreaturen der Dunkelheit, Blitze, Donner, Blut und pechschwarze Nacht ohne Lichtpunkte. Es tat höllisch weh. Dieser Druck in seinem Kopf.

         Dann bildete er sich ein, eine widerliche Stimme spräche zu ihm. Kälte. Ein Zischen. Worte, gesprochen mit genauso viel Kälte wie sie jetzt in dem Raum zunahm.

         „Diesmal wirst du sie nicht beschützen.“

         Link erschauderte. Noch einmal sah er um sich, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken, unterdrückte und bekämpfte jene Stimme in seinen Gedanken, mit der er doch verbunden war, ebenso wie mit Zeldas Stimme.

In langsamen Schritten lief er auf Zelda zu. Wieder blickte er umher. Aber da war nichts.

         „Diesmal wirst du sie nicht beschützen…“

         Erneut dieses widerwärtige Murmeln einer tiefen, grausamen Stimme, die zu einer noch grausameren Gestalt gehörte.

Link näherte sich Zelda, wusste nun, die Gefahr ging nicht von ihr aus, sondern von jemanden, der auf der Suche nach ihr war.

Er blickte wieder um sich. Da sah er etwas, was er nicht glauben konnte. Es war mehr als entsetzlich.

         Maron spannte den Bogen und zielte genau auf Zelda. Für Link gab es jetzt nur noch ihn, Zelda und den Pfeil. Die Welt um ihn herum versank, wie die Sonne am Abendhimmel. Sein Schrei schallte durch den Raum: „Zelda, lauf’ weg. Zelda!“

Einige Personen drehten ihre Köpfe zu der Stimme, die jene Worte erschuf. Aber Link reagierte nicht auf sie, nur Zeldas Wohlbefinden war jetzt noch wichtig. Erneut ein Schrei aus Links Kehle und auch Zelda schaute sich zu ihm um.

         Link rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten, sah den Pfeil, sah wie er mit hoher Geschwindigkeit auf Zelda zuschoss. In Millisekunden wandelte sich Zeldas Blick und sie sah mit Entsetzen zu, wie der Pfeil mörderisch auf sie zuraste.

Link sprang und riss Zelda zu Boden. Der Pfeil sauste über ihre Köpfe hinweg. Schützend lag Link über ihr und hörte nur sein eigenes aufgeregtes Atmen. Er lächelte sie kurz an und richtete sich auf.

         Einige hatten dem Geschehen fassungslos zugesehen, begriffen nicht und blickten angsterfüllt zu Maron. Das Mädchen mit den braunen Haaren spannte erneut einen Pfeil und schien nicht mehr bei Sinnen zu sein.

„Maron, komm’ zu dir“, rief Link und stellte sich schützend vor Zelda.

         Doch die Verfluchte begann nur abartig zu kichern und spannte weiterhin den Bogen mit Mordgier, Hass und hinterhältiger Feindseligkeit. Sie lachte und ließ den Pfeil los. Das Geschoss raste direkt auf Link zu, verfehlte nur knapp sein rechtes Ohr und landete in einer Wand. Plötzlich ging der Pfeil in Flammen auf.

         In dem Augenblick begriffen einige Leute, wie ernst die Situation war. Kinder hasteten mit ihren Eltern aus der Halle. Schüler ließen alles stehen und liegen und rannten aus dem hohen Eingangstor.

         Feuer brach in der Halle aus, von dem niemand wusste, wo es her kam... Kleine Flammen tanzten in den Ecken des Gebäudes und Marons Gelächter schallte in dem Raum umher.

         Ein wildes Angstgeschrei zeriss die Luft und fast jeder rannte in Windeseile aus der Halle.

         Nur Link und Zelda würden nicht weglaufen. Denn das, was dabei war zu geschehen, passierte ihretwegen. Aus Rache und Blutdurst.

Link ergriff den Bogen, den er selbst benutzt hatte, nahm Zelda an der Hand und schleifte sie hinter sich her. Er zerrte sie hinter eine Bar. Vorsichtig blickte Link über die Tischkante. Rick war der Letzte, der hinaus lief.

Maron hatte den Verstand verloren, was war bloß in sie gefahren? Links Frage wurde schnell beantwortet, als die glühenden Augen Marons seine kreuzten.

         „Link, mein Gott, was…“ Zelda stand unter Schock. Ihre Augen standen starr und zitternd lehnte sie an der Theke. Rauchwolken tanzten nun im Raum umher.

„Verdammt!“ Er keuchte: „Was sollen wir nur tun, ich kann sie doch nicht umbringen.“ Link schaute auf den Bogen in seinen Händen und dann in Zeldas verängstigtes Gesicht.

„Kommt raus, ihr Narren.“ Marons Stimme klang unheimlich tief. War sie besessen?

„Wir müssen irgendwie hier rauskommen, das heißt, du musst hier unbedingt herauskommen.“ Zelda wollte nicht glauben, was er da sagte.

„Ich will, dass du zum Ausgang rennst, wenn ich sage jetzt, okay?“ Zelda schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht. Nicht ohne dich.“

Link kniff seine Augen zusammen und fuhr sie an: „Das hast du jetzt nicht zu entscheiden. Du verschwindest hier, sagte ich!“ Dann setzte er leise hinzu. „Ich will nicht, dass dir irgendetwas zustößt.“ Zelda stiegen Tränen in die Augen. „Also. Wenn ich sage, Jetzt!“

         Link sprang auf und sah, wie Maron, oder der Dämon, der sie beherrschte mit einer einfachen Handbewegung einige Tische umwarf. Das war nicht mehr Maron. Das war ein Monster! Als das Wesen Link im Visier hatte, nahm es den Bogen und spannte. Doch Link war schneller

„Jetzt“, rief er und feuerte einen Pfeil ab, sodass der Bogen in der Hand des Mädchens weggeschossen wurde. Link sah, wie Zelda in Richtung Ausgang rannte und verschwand. Sie war sicher. Eine schwere Last fiel von ihm ab.

         „So, jetzt zu dir! Maron, hörst du mich?“ Er appellierte an den Menschen, der sie doch war, an ihr Herz. „Maron!“

„Maron, ist nicht mehr hier, kleine Made.“

„Wer bist du?“ Link ließ sich nicht einschüchtern.

„Du hast mir mein Schicksal genommen und weißt nicht, wen du vor dir hast.“ Wenn Link nicht so entsetzt gewesen wäre, über das, was dieses Etwas von sich gab, hätte er angefangen zu lachen.    „Du sagst, ich hätte dir dein Schicksal genommen. So jämmerlich, wie du aussiehst, kann ich kaum glauben, dass du jemals eins hattest.“ Die Gestalt bekam drohende Augen und brüllte.

„Was, du wagst es, mich zu beleidigen, meine Bestimmung in Frage zu stellen.“ Link starrte gelassen in die nun schwarzen Augen dieses Ungetüms, welches Marons Körper benutzte.

„Wenn dem so wäre, würdest du nicht andere deine Rachegelüste für dich ausführen lassen.“ Link verstand selbst nicht einmal, was er da sagte.

„Du unverschämter, kleiner Dummkopf. Du weißt ja nicht, wer dir gegenübersteht und du ahnst nichts von dem, was du einmal gewesen bist.“

„So, aber du Scheusal, weißt das ja… dann weißt du auch, dass ich dich zur Strecke bringe.“

         Die Kreatur lachte hämisch, grausam, dass jenes Lachen Link lähmte wie Ketten, die man um seinen ganzen Körper gelegt hatte. Die Dunkelheit in dem Raum nahm zu und aus Marons Körper schlüpfte ein riesiger, kalter Schatten.

         Plötzlich zielte er mit einer Art Energieball auf Link, der nicht so schnell verstehen, reagieren oder auch ausweichen konnte und schützend seine Hände vor das Gesicht schlug.

Er schrie auf, fühlte den Aufprall von feuerartigen Wurfgeschossen und Wunden zierten nun seine Hände. Der Schatten allerdings kroch die Wände entlang und verschwand lachend unter der Türschwelle.

         „Ich werde euch irgendwann beide finden und solange quälen, bis ihr vor Verzweiflung und Angst lieber sterben würdet. Das war erst der Anfang…“

Das Böse verschwand aus der großen Halle. Marons Körper lag wehrlos auf dem Boden, wie ein Stück Bekleidung, das man weggeworfen hatte.

Jetzt erst begriff Link langsam, dass dieses Etwas für alles Übel verantwortlich sein musste, welches auf ihn herabgefallen war. Erschöpft ließ er sich auf den Boden sinken...

         Link kam mit der bewusstlosen Maron auf seinen Armen aus der Halle und sah einige Leute um das Gebäude stehen. Polizeiwagen kamen herangefahren, sogar die Feuerwehr wurde allarmiert. Link sah Zelda, die sich mit Rick unterhielt. Sie weinte.

Sie blickte zu Link, der nun so blass aussah wie eine Leiche und rannte auf ihn zu. Sie wollte ihm um den Hals fallen.

Doch Link war unfähig jetzt irgendetwas zu fühlen. Er wies sie ab, sagte kein Wort, nicht einmal, als Zelda entgeistert auf seine blutenden Hände starrte.

Einige Polizisten und Feuerwehrleute rannten in das Gebäude. Auch das Feuer wurde gelöscht. Link war mit seinen Nerven total am Ende, er hatte so die Schnauze voll, von irgendwelchen unsinnigen, schmerzenden Erfahrungen… es war genug.

         Maron wachte einfach nicht auf und wurde ins Krankenhaus geschafft. Rick begleitete sie und sagte nicht ein Wort zu Link oder seinem Gast.

Die Befragung auf dem Polizeirevier brachte nichts, denn Link war im Moment nicht ansprechbar. Auch die wissbegierigen Reporter konnten dem Jugendlichen keine Informationen entlocken.

         Mit hängenden Gesichtern traten Link und Zelda aus dem Gebäude des Präsidiums hinaus. In Link herrschte ein reinstes Gefühlschaos mit hinterhältiger Verwirrtheit gemischt. So durcheinander, wie er sich im Augenblick fühlte, so hatte er noch nie empfunden, nicht bei dem Rufen jener Stimme, nicht bei dem Erscheinen des merkwürdigen Kerls in der unbeleuchteten Gasse und auch nicht, als irgendetwas ihm diese Wunden zufügte…

         „Link. Komm’ lass uns heim gehen.“ Zelda schleifte ihn hinter sich her. Er sagte die ganze Zeit kein Wort, auch nicht, als sie endlich in das Haus eintraten. Link war gar nicht mehr bei Sinnen.

Als Zelda mit einem Verbandskasten ins Wohnzimmer trat, starrte er nur in ihre himmelblauen Augen. Zelda konnte diesen Blick nicht definieren. Link machte keine Anstalten, dass ihm irgendetwas weh tat, nicht einmal die aufgeschürften Hände. Selbst als sie niederkniete und seine Hände verband, reagierte Link nicht so wie sie ihn kennen gelernt hatte. Sein Zustand schien eine Art Trance oder Wachschlaf zu sein.

„Link, so sag doch was.“ Aber er sah sie nur an, gerade so, als wäre er nicht hier und auch nicht an einem anderen Ort.

„Link…“ Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Was war da drin nur geschehen? Link sah aus, als hätte er dem Tod ins Antlitz geblickt.

„Link“, Zeldas Stimme wurde lauter und stimmgewaltiger als sonst. Aber Link tat so, als hörte er sie nicht… Zelda schien so verzweifelt, dass sie keine andere Lösung hatte, als… Sie stand auf, ballte ihre Faust und gab Link dann eine gewaltige Ohrfeige. Link zuckte zur Seite und rieb dann mit einer Hand die Stelle, auf der Zeldas Handabdruck zu sehen war.

Link schloss die Augen und redete endlich wieder mit ihr: „Zelda, verzeih’ mir.“

„Was?“

„Ich habe dich in schreckliches Elend gestürzt.“

„Du… Du hast mir das Leben gerettet. Ich danke dir.“

„Es wird weitergehen…“

„Link, ich verstehe nicht…“

„Etwas wartet da draußen nur darauf uns fertig zu machen, unser Leben zu zerstören, er wird uns finden…“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht.“ Zelda blickte in Links Augen, die nun wieder ganz normal schienen. Ja, langsam kam seine Kraft und der Mut, der in seinen Augen verborgen lag, zurück. Sie setzte sich neben ihn und er erzählte ihr alles, was in der Halle vorgefallen war.

         „Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte Link und rieb sich immer noch die Wange. „Du hast einen ganz schönen Schlag drauf, weißt du das?“ Anstatt darüber zu lachen, lächelte sie und bewegte sich auf ihn zu. Sie lehnte ihre Stirn gegen seine und sah ihm fest in seine Augen.

„Sag’, hat mein Lebensretter mir nicht irgendwelche Dinge verschwiegen?“ Link konnte sich nicht herauswinden. Es gab vieles, was er ihr noch nicht erzählt hatte- einerseits um sie zu schützen- andererseits, weil er einige Dinge noch niemanden erzählt hatte.

„Ja, das habe ich.“ Da Zeldas Augen so nah waren, hatte es keinen Zweck weiterhin irgendetwas verheimlichen zu wollen.

„Rick erzählte mir, du…“

„Rick?“

„Du hättest von mir geträumt, lange, bevor wir uns überhaupt begegnet sind…“

         Link wies sie ab, stand auf und lief ans Fenster. „Nun… Es war vor zwei, drei Jahren. Unser Kurs machte gerade Exkursion. Ich musste mir mit Rick ein Zimmer teilen. Damals hatte er mir auch von einem Spiel erzählt, das ich unbedingt spielen müsse, weil… der Held in der Legende genauso heißt wie ich. Ich sah mir Illustrationen an und wollte nicht wahrhaben, dass jene Figur so aussieht wie… ich. Und ich sah mir Bilder der Prinzessin an, von der ich mir irgendwie einbildete, ich hätte sie schon einmal gesehen. Ich wollte das Alles nicht verstehen und ignorierte es. In der Nacht in jener Jugendherberge wachte Rick in der Nacht auf, da ich im Traum redete… Am nächsten Morgen hat er mich dann diesbezüglich zur Rede gestellt. Ich erzählte ihm alles, restlos alles. Dass ich fast jede Nacht mit einem Schwert in der Hand durch irgendwelche Tempel krieche, auf der Suche nach irgendetwas Wichtigem. Ich sagte ihm, welche Monster ich getötet hatte, welche Dämonen sich mir in den Weg stellten, die ich alle… mit diesen Händen… kaltblütig und grausam… hingerichtet hatte.“

Link lief dann nervös in dem Raum auf und ab, kniff seine Augen zusammen und fluchte leise vor sich hin. Warum hatte er ihr diese ganze Geschichte jetzt erzählt, obwohl er sich einst schwor, diese Sache niemandem mitzuteilen, es sei denn es wäre…

         Zelda beobachtete ihn nur und wusste nicht, wie sie ihm sagen sollte, was er in ihr erweckte. Es erschien ihr unbeschreiblich. Die Art und Weise, wie sie sich von ihm angezogen fühlte. Die Art und Weise, wie er sie ansah… diese tiefblauen Augen. Kannte sie ihn vielleicht doch in ihrem wahren Leben?

         „Ich erzählte ihm, dass ich den Eindruck hatte, eine Stimme rief nach mir und das ich mir einbildete, verrückt zu werden. Nur dadurch verschwand diese Stimme nicht. Eine Mädchenstimme- zuerst im Traum, dann in der Realität. Und dann bist du aufgetaucht... und... ich fand...“ Er suchte ihren Blick, erkannte Zweifel und Furcht darin. „... ich fand die Stimme, die mich rief in deiner...“

Stille. Was sollte jetzt auch gesagt werden, nun, da Worte weh tun konnten. Zelda ließ sich auf das Sofa sinken und stützte entsetzt ihren Kopf in ihre Hände. Sie sah auf, begegnete seinen Blick, und las noch mehr Unsicherheit darin, als sie bisher verspürte. Link lief langsam auf sie zu, so trügerisch waren seine Schritte, als könnte er sofort in entgegengesetzter Richtung laufen. Er kniete vor ihr nieder und murmelte, während er versuchte ihrem Blick standzuhalten, forderte Ehrlichkeit und Vertrauen.

„Ich wollte… dich damit nicht verletzen, Zelda“, begann er und rechtfertigte, was er ihr offenbarte mit dem Wunsch, ihr niemals zu schaden.

„Du hast mich nicht verletzt, nur… verunsichert, Link.“

         „Manchmal… hatte ich das Gefühl, ich wäre das Monster, das…“ Sie legte ihren rechten Zeigefinger auf seine Lippen. Er sah sie an, erst überrascht, dann verträumt.

„Du bist kein Monster… Du bist…“ und sie ahnte nicht, welche Folgen es haben könnte, würde sie hier ihre Gedanken preisgeben und ihm davon erzählen, was er auf seine Weise für sie war. Ein wunderbarer, fürsorglicher Freund. Der beste Freund, den man nur haben konnte. Und dennoch… aus welchem Grund sollte sie ihm verschweigen, was sie dachte. Murmelnd gab sie preis: „Du bist der liebste und selbstloseste Mensch, der mir jemals begegnet ist und, den ich kenne… Link.“

Sie lächelte scheu, stand auf, kam sich nun ziemlich dumm vor und drehte sich weg. Sie legte ein wenig schockiert über sich eine Hand auf ihre, für sie wohl gefährlich- offenbarende Klappe.

Die Art und Weise, wie sie seinen Namen sagte, erinnerte ihn erneut an jene Stimme... es war ihre Stimme. Wie konnte das sein? Ihre Stimme hatte nach ihm gerufen... ihre Stimme...

         Link begriff nicht, was hier dabei war zu passieren. Zelda, wenn dies tatsächlich ihr Name war, vertraute ihm und er vertraute ihr… Wie konnte das sein? Immerhin kannten sie einander nicht.

Diese ganze Gefühlswallung in ihm, die Gedanken, die er hatte, wenn sie in der Nähe war… noch nie war ihm so etwas in der Gegenwart eines Menschen passiert. In ihm schlummerte dieser stille Wunsch, sie festzuhalten, damit sie nicht mehr weglief. Aber warum? Warum vernebelte sie seine Sinne in dem Maße? Seine tiefblauen Augen waren wie gefesselt von ihr, und ließen sie nicht aus dem Blickwinkel.

Sie verstand ihn… und als ob es das erste Mal wäre, dass Link wirklich von jemandem verstanden worden war, gehrte in ihm der Wunsch, ihr dafür zu danken, dass sie zuhörte, dass sie ihn beruhigen konnte und in sein jugendliches, aber mit Sorgen belastetes Herz gesehen hatte. Er wollte ihr irgendwie dafür danken, mehr als nur mit Worten…

         Tief einatmend und sich selbst ein wenig Mut fassend, lief Link zu ihr und legte sanft seine Hände auf ihre Schultern. Nur mühsam und unter Aufbietung alles erdenkbaren Selbstvertauens, sagte Link: „Danke, du weißt nicht, wie sehr du mir geholfen hast. Danke, Zelda…“ Sie drehte sich um und lächelte verlegen.

Link erwiderte das Lächeln, versuchte seine zunehmende Aufgeregtheit zu überspielen, das Gefühl der Anspannung zu verdrängen und seinen schneller rasenden Puls zu überhören. Sie machte ihn zappelig, unzurechnungsfähig, ließ ihn zu einem gehirnlosen Trottel werden und brachte ihn dazu, das Unmögliche zu tun. Was zum Henker tat sie und wie im Namen des Himmels brachte sie seine gesamte Existenz so zum Wanken?

         Zelda flüsterte dann: „Du hast mir noch etwas verschwiegen, nicht wahr… etwas, dass nur dich betrifft.“

„Ja, weißt du es etwa?“

„Mmh… ich fühlte es.“ Link war verblüfft, sie kannte ihn und schien sogar seine tiefsten Geheimnisse zu kennen. Link wurde adoptiert. Seine Eltern starben als er noch ein Baby war in den Flammen eines Hauses. Man hatte von Brandstiftung gesprochen und Link hatte sich geschworen, die Schuldigen zu finden. Und Zelda hatte es irgendwie herausgefunden, ob sie nicht vielleicht doch seine Gedanken lesen konnte, oder an Orte seiner Seele gelangt war, von denen Link nicht einmal wusste, dass sie existierten.

         „Du sag mal, diese Frau, die wir am See getroffen haben, glaubst du, sie weiß irgendetwas über diese dunkle Energie?“

„Du meinst Naranda Leader?“ 

„Ja, genau. Sie hat solche seltsamen Bemerkungen gemacht, als du das Kind gerettet hast.“

„Stimmt! Ich denke, wir werden ihr Morgen einen Besuch abstatten, was hältst du davon?“

Link grinste und Zelda, überglücklich, dass es ihm wieder besser ging, strahlte ihn an: „Okay, wir werden sie morgen mal aufsuchen!“

„Und heute? Was wollen wir heute noch machen? Es ist zwar schon fünf Uhr, aber der Abend ist noch lang.“

 „Wenn ich ehrlich bin…“, sagte sie und machte es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich. „… dann würde ich viel lieber faulenzen.“ Sie legte ihre Beine hoch und ließ ihren Kopf auf einer Lehne niedersinken. Nach solch einem Tag war Faulenzen die beste Medizin.

„Klingt gut. Ich schließ’ mich dir an.“, entgegnete er und setzte sich auf den freien Platz des Sofas, der noch übrig war. Auch Link streckte alle viere von sich, genoss die Ruhe, genoss Zeldas Anwesenheit. Sie hatte ihre Augen geschlossen. Wollte sie jetzt etwa schlafen und ihre Ruhe haben? Wie langweilig, dachte Link.

Selbst nach einem solchen, schrecklichen Tag, ließ er sich seine Laune nicht verderben. Die schrecklichen Erlebnisse des Tages versanken langsam in den Gebilden der Erinnerung.

         Link hatte eine Idee… Zeldas zarte Füße waren in unmittelbare Reichweite. Er kroch auf dem Sofa ein wenig näher an sie heran und ließ seine Fingerspitzen spielerisch über die empfindlichen Stellen ihrer Fußballen wandern. Zelda kreischte auf und lachte dann.

„Bist du kitzlig, Zelda?“, sagte er. Aber sie antwortete nicht sofort, sondern kicherte weiter. Sie wusste, vor seiner niederträchtigen Gemeinheit konnte sie nicht entkommen.

Sie zog ihre Füße weg und richtete sich ebenso auf. Aber Link stoppte seine Späße nicht. Grinsend bewegte er sich auf sie zu und kitzelte sie unter ihren Armen.

Zelda lachte weiter, vergnügte sich in gegenseitigen Kitzelattacken und im Gegenzug ärgert sie jetzt Link.

Hinterhältig zwickte sie ihn in seine rechte Seite und hörte eine Art Fluchen aus seinem Mund, das sich gleich wieder in munteres, erfreutes Lachen wandelte.

Inzwischen lagen sie auf der Couch nebeneinander, Zelda rechts von Link, und ärgerten sich gegenseitig, kniffen sich, lachten und genossen die Nähe des anderen.

 

Nach vielen Minuten, was eine Ewigkeit schien, hörte Link auf, die neben ihn befindliche, kichernde Zelda noch mehr in ihre ausweglose Situation zu bringen und stoppte seine kleinen Gemeinheiten.

Leicht über sie gebeugt, blickte er in jenes kristallfarbene Blau ihrer Augen und meinte: „Gibst du auf?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und lächelte so wunderbar wie noch nie.

Link piekte sie frech in ihre wohlgestaltete Nase und ließ seine linke Hand sanft an ihrer Wange, bis hin zu ihrem rechten Oberarm hinabwandern.

Ein wenig fester umfasste er ihn und murmelte: „Und jetzt?“ Sie wendete ihren Kopf zweimal von links nach rechts und schmunzelte. Daraufhin packte Link auch ihrem anderen Arm und hielt ihn fest.

„Aber jetzt musst du aufgeben, Zelda“, sagte er grinsend. Sie konnte sich zwar nicht mehr rühren, doch wieder lachte sie nur.

Sie begann herumzuzappeln und quietschte, als Link sie wieder unter ihren Armen kraulte. Sie zappelte solange, bis sie mit Link auf dem Fußboden landete.

„Ich gebe auf“, hauchte sie mit ihrer herrlich süßen Stimme unter ihren Lachkrämpfen und drehte sich zu Link um, der neben ihr mit dem Gesicht auf dem Teppich lag und nichts mehr sagte.

„Link?“ Sie richtete sich auf und legte es drauf an. Sie zwickte und piekte ihn nun an seinem gesamten Oberkörper.

Kreischend bewegte er diesen aufrecht und drückte Zelda sachte gegen das unterste Couchteil und saß direkt vor ihr, sah in ihr makelloses Gesicht und fühlte soviel, allein durch einen Blick in ein ausdrucksvolles Gesicht, ein Lächeln, welches ihm soviel sagte.

Ein angenehmes Gefühl durchströmte ihm, etwas, was er noch nie empfunden hatte und ohne jegliche Vernunft legte er seine starken Arme um sie und zog sie an sich. Perplex standen Zeldas Augen weit offen. Ein wenig fassungslos rührte sie sich nicht mehr und ließ die Umarmung einfach über sich ergehen. Was geschah hier? Wieso passierte das?

So vertraut. So angenehm… fast erinnernd…

Link löste sich von ihr und stand abrupt auf. Ein leises „Entschuldige“ aus seinem Mund änderte jedoch die Situation nicht, machte nicht rückgängig, was er sich gerade eben erlaubt hatte.

Noch einmal sagte er: „Entschuldige…“ und ging schnell, ohne zurückzublicken aus der Wohnstube hinaus.

 
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