Kapitel 41
 

Kapitel 41

 

 

 

 

Link tauchte aus dem Wasser auf, schwamm so schnell es ging an den Rand und kletterte auf festen Boden. Ohne weiteres zog er die bewusstlose Zelda ebenso aus dem Wasser, legte sie auf ihren Rücken und beugte sich über sie.

Zuerst spürte er nichts und nahm keinen Luftzug wahr. Er tastete ihren klitschnassen Hals ab und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

Wo verdammt war Zeldas Puls? Er wurde aufgeregter, nervöser und Angst um sie stieg in ihm auf.

„Zelda?“ Keine Antwort. Er näherte sich ihr und nahm wieder keine Atmung wahr. Er rüttelte sie sanft, worauf sie ein wenig Wasser spuckte und sich dann aufrichtete.

            „Du hast mir jetzt einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Zelda“, sagte er. „Bist du okay?“ Sie nickte lediglich und hustete weiterhin, ohne ihn anzusehen. Dann spürte sie eine warme Hand an ihrer rechten Wange, worauf sie Link schnell fragend ansah.

„Bitte... tu nie wieder etwas, dass über deine Kräfte geht, Zelda.“

Empört rechtfertigte sie sich: „Du verstehst das völlig falsch. Ich hatte genug Kraft, ich bin nur...“

Er schüttelte mit dem Kopf: „Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen, Zelda, ich weiß genau, dass du mehr Kraft hast als sonst jemand.“ Er stand auf und half ihr ebenso auf die Beine.

            Nun konnten sie sich endlich genauer in dem Raum umsehen und entdeckten ein altes Pult in der hintersten Ecke des Raumes. Das blaue Elixier des Weisen des Wassers lag ausgebreitet darauf. Link nahm es an sich, verstaute es in einer Tasche, worauf die Mission in diesem Verlies beendet war. Aber wieder keine Spur von Preston.

            Eine gute Stunde später waren sie endlich wieder außerhalb des Verlieses und ließen sich seufzend auf eine ausgebreitete Decke sinken. Es war zwar gefährlich, sich länger auf der Insel aufzuhalten, aber andererseits waren sie beide von den Strapazen so mitgenommen, dass sie keine andere Wahl hatten, als sich einige Minuten auszuruhen. Der Nebel um der Insel verzog sich zunehmend.

Link ließ sich auf seinen Rücken fallen und starrte in den herrlichen, strahlenden Himmel. Einige Wolkenschleier zogen über das blaue, hylianische Himmelreich und alles schien so friedlich.

            „Beobachtest du die Wolken?“, fragte die Prinzessin neben ihm, die sich gerade von der Schokolade bediente.

„Mmh...“, murmelte Link und streckte seine Arme aus.

Auch sie schaute in den Himmel. Ein warmer Wind wehte über dem See und wirbelte Zeldas blondes Haar auf. Im Licht der Sonne wirkte ihr Haar fast golden und ihre angenehme Aura war spürbar, wie noch nie zuvor. Gerade da fielen des Helden Augen auf sie.

Er konnte seine Augen nicht abwenden, denn gerade in diesem Moment sah Zelda einfach nur wunderschön aus, wie eine Fee oder ein Engel.

            Link richtete sich etwas auf und begann mit einem sanften Unterton ihren Namen zu flüstern: „Zelda?“

„Ja?“ Sie rutschte zu ihm und schaute nach einer Antwort wartend in seine tiefblauen Augen.

„Komm’ her“, sagte er. Entgegen ihrem verdutzten und teilweise verärgerten Gesichtsausdruck und dem überraschten: „Was?“ aus ihrem Mund, packte Link sie frech an ihren Oberarmen, sodass sie neben ihm auf der Decke landete.

Dann deutete Link auf eine große weiße Wolke.

„Sag’ mal. Was siehst du dort oben?“

„Sieht aus wie ein großes Wildschwein, oder?“

„Ich würde sagen, einen Elefanten trifft es eher“, entgegnete Link. „Zumindest hat diese Wolke dort einen großen Rüssel und vier Beine.“

„Und dort drüben, Richtung Osten?“

„Meinst du den verunglückten Baum?“

„Das ist kein Baum, sondern ein Seitenprofil. Der Haarschopf, die abstehende Nase, und da ist der Mund.“

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich...“

            Sie beobachteten weiterhin selbstdeutend den Himmel, genossen die milde Luft und den Sonnenschein.

„Und dort?“, meinte Link neugierig. Was siehst du dort?“ Insgeheim hoffte der junge Held, sie könnte dasselbe sehen wie er...

„Zwei Gestalten“, sagte sie gedämpft.

„Jep“, meinte der Heroe. „Aber nicht einfach bloß zwei Gestalten, sondern ein Liebespaar.“ Nervös kaute Zelda daraufhin an ihrer Unterlippe. Dieser Vergleich...

            Langsam und schwärmerisch drehte sich Link zu Zelda um, die neben ihm lag und ließ seine Augen wie in Trance auf ihr ruhen. Mit einer schnellen Bewegung packte er sie liebevoll an ihren Armen und zog sie zu ihm, sodass sie auf ihm lag. Seine Arme umzirkelten ihren schmalen Rücken, während seine Augen ihre trafen. Ihre Blicke befanden sich auf selber Höhe und stillschweigend sahen sich zwei Paar blaue Augen an, träumten, erinnerten das Gestern und näherrückende Bruchstücke der weitzurückliegenden Vergangenheit.

Einige Sekunden vergingen, in denen beide lediglich ihre Blicke erwiderten und keiner so recht wusste, was sie taten.

Zelda schenkte ihm ein unbeschreibliches Lächeln, welches er erwiderte. Geschah dies wirklich, fragte sich Link, als sich das Geschöpf in seinen Armen ihm noch ein Stückchen näherte und sich die Spitzen ihrer Nasen fast berührten. Seine Hände wanderten über den samtenen Stoff von Zeldas blauer Bluse, streichelten zärtlich darüber hinweg. Es war so angenehm... ihre Nähe... ihre Wärme...

Link schloss seine Augen und wartete darauf, dass sich ihre Lippen trafen.

            Zelda jedoch schaute noch einmal kurz nach oben an das Ufer der Insel und ihr fiel auf, dass das Boot fehlte. Sie ließ schnell von ihrem Heroen ab, stand auf und suchte nach dem Ruderboot, aber es war verschwunden. Die Moblins mussten es sich gekrallt haben und dann damit fortgerudert sein.

            „Link, das Boot ist weg.“

Er jedoch verdrehte seine Augen, blieb liegen und zog seufzend und frustriert das Base-Cape über sein Gesicht. Wie immer kam etwas dazwischen...

            Doch das Boot fehlte tatsächlich und auch Link, der sich trotz der allbekannten, frustrierenden Gewohnheit aufgerafft hatte, wagte einen Blick und entdeckte am anderen Ufer das Boot. Doch keine Spur der Moblins.

„Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als dort rüber zuschwimmen, meine Liebe“, sagte er scharfzüngig und mit einer Spur Ironie, achtete aber nicht auf Zeldas trübsinnigen Gesichtsausdruck auf seine Bemerkung hin. Er lief hinein in das kalte Wasser und schwamm einige Meter, als er zurückblickte.

            „Was ist, Zelda? Willst du auf der Insel Wurzeln schlagen?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und schwamm ihm hinterher. Ab und an näherten sich große Schatten aus der Tiefe des Sees, die sich glücklicherweise erneut verflüchtigten.

Als sie weiter auf das andere Ufer zuschwammen, sahen sie Namenlos an dem Ufer stehen. Der Hengst stand verträumt in der Nähe einer alten Kiefer und wieherte, als Zelda und Link näher kamen. Gibt’s so was? Die Beiden waren vom nördlichen Ufer aus gestartet, wo sie das Pferd zurückließen und nun waren sie keine zwanzig Meter mehr vom südlichen Ufer entfernt und Namenlos wartete frohlockend dort auf sie. Wer hatte den Hengst bloß dorthin gebracht? Oder hatte es, als Pferd einer Göttin, vielleicht mehr Fähigkeiten als ein anderes gewöhnliches Tier von seiner Pracht?

            Nach einer Weile war das Pärchen an Land und wollte einem schmalen Pfad durch einen dichten Laubwald einschlagen. Erfreulicherweise gab es eine ausreichende Ausschilderung. Ein Weg führte zu einem südlichen Hafen von Hyrule, der andere in den Osten. Sie entschieden sich für letztere Möglichkeit.

            „So, Zelda“, fing der blonde Hylianer neben ihr an, als er die schwarze Mähne des Hengstes striegelte: „Wo möchtest du heute sitzen, vorne oder hinten?“ Sie antwortete nicht und stieg einfach auf. Link folgte und saß ausnahmsweise mal hinter ihr.

Schnell wollte der Heroe die Zügel ergreifen, als aber seine Prinzessin dasselbe vorhatte. Ihre Hände trafen sich in einem Moment der Stille.

Fest umschloss Link ihre samtenen Hände, schloss die Augen und ließ verliebt seinen Kopf auf ihre rechte Schulter sinken. Er brauchte sie und gerade in diesem Moment schien er sich dieser Sehnsucht wieder bewusst zuwerden. Nein, es war nicht nur einander brauchen. Vielmehr begehrte er sie.

Doch Zelda reagierte nicht, gefangen in seiner Nähe, die sie sich immer gewünscht hatte und doch hielt ihre eigene innere Kälte sie davon ab, mehr als nur eine Berührung zuzulassen.

            Angespannt griff sie fester in die ledernen Zügel und wich ruckartig nach vorne und beförderte Link aus seinem verträumten Schwelgen in seinen Gefühlen.

„Sorry“,  hauchte er an ihr Elfenohr und hinterließ zusätzlich ein enttäuschtes Seufzen.

„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst“, sagte sie.

„Gut, da kann ich es ja noch mal versuchen.“ Diesmal wanderten seine Hände über ihren gertenschlanken Bauch.

„Das bedeutet nicht...“ Sie hatte vor Aufregung einige tiefe Atemzüge nötig. „...dass du dir alles erlauben kannst.“

„Auch das nicht?“ Provozierend ließ er seinen Mund ganz nah an ihrer rechten Wange entlang wandern, kurz davor ihr einen lieben Kuss auf die reine Haut zu geben. Eine Gänsehaut lief über ihren Rücken, die sie einfach nicht kontrollieren konnte. Sie wollte dieses angenehme Gefühl nicht, auch wenn es sich teuflisch wunderbar in ihrem Magen, in ihrem Herzen und selbst in ihrem Kopf anfühlte.

            Verärgert darüber, wie Link sie so leicht zu überrumpeln versuchte, meinte sie schnippisch: „Lass’ das.“

            Mit dieser Reaktion hatte der Heroe nun keineswegs gerechnet. Schweigsam und enttäuscht wich er zurück und schüttelte seinen Kopf. Hatte er etwas falsch gemacht oder war sein Handeln zu voreilig gewesen? Konnte es sein, dass sie eben einfach nicht empfand, was er tat?

            Das Pferd trabte alsdann den Weg entlang. Die zwei Hylianer gelangten immer tiefer in einen einfachen Nadelwald, als langsam die Sonne unterging und der ganze Ort in warme Farben getaucht wurde. Die ganze Zeit gab es nichts zu sagen.

            Zelda starrte kopfhängerisch hinein in die zunehmende Dunkelheit des Waldes. Irgendwie hatte sie ein mulmiges Gefühl, seit vorhin. Sie war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich auf dem richtigen Weg waren. Und ihre Vorahnungen hatten sich bisher auf gemeine Art und Weise bestätigt. Ohne zu wissen stimmte wirklich etwas nicht... denn Preston hatte seine Hände im Spiel und lenkte die beiden auf eine falsche Fährte...

 

Die ersten Sterne leuchteten am Himmel auf, als die Hylianer aus dem Wald herausritten. Link wäre vor Schreck beinahe vom Pferd gefallen und starrte kopfschüttelnd zu dem Ort, den sie erreicht hatten. Das südliche Ufer Hyrules lag vor ihren Augen und nur wenige Kilometer weiter lag der Hafen, wo einige Boote, Schiffe und Jachten vor Anker lagen. Na toll. Wer beim König von Hyrule hatte diese verdammten Schilder vertauscht?

Wut stieg in Link und in Zelda auf und beide würden sich erneut ungerecht behandeln.

            „Ich hab’s schon geahnt“, sagte sie, hörbar schlecht gelaunt.

„Schön. Und warum hast du nicht eher was gesagt, Zeldaschatz.“

„Bin ich jetzt an der Situation schuld? Und außerdem sollst du mich nicht Zeldaschatz nennen“, entgegnete sie verstimmt.

Sein Griff um ihren Bauch wurde plötzlich fester. Und er murmelte direkt in ihr Ohr: „Hast du was gesagt, Zeldaschatz.“

„Link, jetzt reicht’s aber. Ich habe wirklich keine Lust auf deine dummen Spielchen.“ Er ließ sie los, sprang vom Pferd und zog verärgert seine Mundwinkel nach unten. Dumme Spielchen? Er hatte doch nur versucht sie aufzuheitern... Soso... seine Spielchen waren also dumm.

„Gut“, sagte er und ballte seine Fäuste. „Dann weiß ich endlich mal Bescheid. Es ist also ein dummes Spielchen für dich, wenn ich versuche dir zu helfen oder... dir nahe zu sein.“ Er war gekränkt, nein, nicht nur gekränkt, ernsthaft verletzt und die Eifersucht auf Preston keimte wieder in ihm auf. „Dann frag’ doch Preston, ob er seinen Hals für dich riskiert oder dir hilft, die Erde zu retten. Ich bin mir sicher, seine Spielchen sind nicht dumm.“

            Auch Zelda war vom Pferd gestiegen und konnte nicht glauben, was er da sagte. Ihre Augen standen vor Entrüstung weit offen. Doch der Streiter des Guten erwiderte keinen Blick von ihr.

„Link. Das ist nicht fair.“

„Ach nein?“ Erneut stritten sie sich wie zwei gackernde Hühner und fielen sich gegenseitig ins Wort.

„Warum bist du dann so abweisend zu mir?“

„Das stimmt nicht“, sagte sie und schüttelte drohend mit ihrem Zeigefinger. „Also, was beim heiligen Triforce erwartest du von mir?“

            Beschämt wanderten seine tiefblauen Augen zu seinen braunen Lederstiefeln.

„Daher weht der Wind, nicht wahr? Bist du aus auf ein schnelles Abenteuer?“, fauchte sie gekränkt.

„Das ist nicht dein Ernst. Wag es ja nicht, mich in irgendeiner Weise mit Preston oder sonst jemanden zu vergleichen und mir so etwas zu unterstellen. Das ist nicht nur verletzend, gemein und hinterhältig, sondern einfach nur dumm.“

„Du bezeichnest mich als dumm?“ Blanke Enttäuschung und Zorn blitzten in ihren Augen auf. „Dann suche dir doch jemanden, der dumm genug ist für deine Annäherungsversuche.“

Link schüttelte den Kopf. Sein Blick wurde verletzlich weich und die Wut und der Ärger wurden von blanker Traurigkeit abgelöst. „Ich wollte dir einfach nur nahe sein...“, sagte er leise. „Das war alles. Ich brauche dich nun mal. Was ist falsch daran, dass ich deine Nähe brauche?“

            Zelda lachte gefährlich und amüsiert auf. „Meine Nähe? Hör dir mal zu, du Idiot. Weißt du, was du da sagst?“

„...“

„Du machst dich von mir abhängig? Jemanden, der nicht einmal ein Mensch ist?“ Es war nicht nur Wut, die ihre Worte erschaffen ließ. Es war Verzweiflung und Hass auf die eigene für sie ungerechtfertigte Wiedergeburt.

„Du bist genauso ein Mensch wie ich und die anderen. Hör auf, dir einzubilden, anders zu sein. Ich dachte, wir hätten diese Schwierigkeiten hinter uns, Zelda“, sagte er und wurde in seinen Worten immer leiser.

„Es gibt nichts, dass jemals ausgestanden ist, das weißt du besser als ich. Also denk’ gefälligst das nächste Mal ein wenig weiter, du Held.“ 

            „Zelda, jetzt hör endlich auf mit deiner Streitsucht. Ich ertrag’ das nicht länger.“

„Ich fange ja nicht an, du Held.“

„Ach nein, und ich war mir sicher, es läge an deinen verfluchten Geheimnissen, die du ja aus irgendwelchen Gründen nicht mit mir teilen kannst“, sagte er, grinste unecht und hielt Zelda fest an den Armen.

„Meine Geheimnisse?“, fragte sie erstaunt und riss sich empört und miesepeterig aus seinen Händen los.

            „Ja, Zeldaschatz, ich weiß etwas. Etwas, das mich betrifft. Und ich frage mich, warum du es mir verschwiegen hast“, sagte Link laut und erwartete eine ungenießbare Antwort.

„Dann lass doch mal hören, du Held.“ Und Zelda reckte ihm aufgebracht ihren Kopf entgegen, kniff ihre Augen zusammen und streckte dem ohnehin ungerecht behandelten Helden die Zunge heraus. Was zuviel war, war eindeutig zufiel und es platzte aus Link heraus: „Ich weiß genau, was du jede Nacht träumst, Zelda. Und jede Nacht frage ich mich, warum du so unaufrichtig zu mir bist und es mir nicht erzählst.“ Sie war baff. Er wusste von ihren Träumen? Wie das?

            „Das ist nicht dein Ernst?!?“ Erstaunt weiteten sich ihre Augen. „Wie hast du...?“

„Ich habe die Telepathiesteine verwendet?!?“

Schock stand nun in ihren saphirblauen Augen geschrieben. Sie wollte es nicht wahrhaben... Seit langem schon trug sie diesen Traum mit sich herum, hatte gebangt, gefürchtet und geweint, wann immer sie Link kalt und leblos vor ihren eigenen Füßen vorfand. Und nun wusste er es, konnte nicht verstehen, dass sie es nur aus Schutz und Besorgnis um seinetwillen verschwiegen hatte. Es war doch nur ein Traum... und doch schmerzte er.

            „Warum hast du das getan?“, sagte sie verzweifelt und ballte aus Wut ihre Fäuste.

„Ich habe das nur... für dich getan, Zelda. Ich musste es wissen...“, meinte er rechtfertigend.

„Oh nein!“, sagte sie laut und stur. Ihre Augen blitzten auf und gaben Link einen vorwurfsvollen Blick. „Du hast dabei einzig aus egoistischen Motiven gehandelt. Du hast mir nicht länger vertraut!“, brüllte sie halb. Tränen standen in ihren Augen. „Du hattest kein Recht diese Bürde zu wissen. Du hattest niemals das Recht dazu.“

            Link blickte trübsinnig weg und starrte auf den Boden.

„Ich verstehe dich nicht. Damals hättest du dir niemals gewagt meine Geheimnisse auf diese Weise ausfindig zu machen“, fauchte sie lauter, sodass in den Bäumen ringsherum die Vögel in die Lüfte stiegen.

„Du hast absolut keine Ahnung, wie verletzend es ist, dass du dich einfach in meine Träume eingeschlichen hast“, sagte sie bitter.

„Und du hast absolut keine Ahnung, wie verletzend es ist, dass du mir nicht mehr vertraust. Denn gerade das ist unser Problem, Zelda. Du vertraust mir einfach nicht mehr...“, entgegnete Link.

            Aufgeregt breitete der junge Held seine Arme aus und fuhr energischer fort: „Glaubst du, es macht mir Spaß, mit anzusehen, wie du dich immer mehr vor mir verschließt? Mit jeder Minute, die wir in Hyrule verbringen, wirst du mir gegenüber kälter. Ich wollte dir helfen, dich verstehen. Ich hatte niemals vor, dir in irgendeiner Weise weh zu tun. Verdammt, Zelda.“ Er legte beide Hände auf ihre Wangen und zwang sie dazu, in seinen tiefblauen Augen zu lesen. „Zelda, ich würde... alles für dich tun. Restlos alles.“

Aufgebracht drehte sich Zelda weg.

„Ich würde... mein Leben für dich aufgeben“, flüsterte er und schaute trübsinnig zu den langen Grashalmen an seinen Füßen.

            Doch gerade dieser Satz tat Zelda mehr weh als alles andere. Sie ertrug es nicht, dass jemand ihr gegenüber so edelmütig handelte wie Link. Schon lange zuvor hatte sie ihren Selbstwert weggeworfen. Seit Hyrule damals verblasste, verblasste auch sie innerlich und der Schatten über ihren Augen überdeckte das einstige Leuchten ihrer Augenfarbe mehr und mehr.

Mit vor Zorn kochenden Wangen sah sie auf, hob langsam ihre Hand und konnte nicht anders als ihrem selbstlosen Heroen dafür eine Schelle zu verpassen.

            Link zuckte zur Seite, legte eine Hand an seine wunde Wange und verstand die Welt nicht mehr. Vor wenigen Minuten noch waren sie einander so nah gekommen wie nie zuvor und nun behandelte Zelda ihn wie den letzten Idioten, wie das dümmste Häufchen Dreck, wie einen dämlichen Versager. War es etwa nie anders gewesen? Hatte sie ihn von Anfang an nur aus eigenem Nutzen in die Dinge hineingezogen?

            „Sag’ das nie wieder. Ich bin es nicht wert, dass du dein kostbares Leben für mich wegwirfst“, brüllte sie und ihre Wangen wurden feucht. „Du bist dumm, wenn du wegen der Prinzessin Hyrules leiden willst. Wage dir nie wieder so etwas zu mir zu sagen.“ Ihre Worte wurden schwächer und der laute Tonfall wandelte sich in verzweifeltes Flüstern.

„Wag’ dir nie wieder... Dinge wie diese zu sagen“, murmelte sie und rümpfte ihre Nase angesichts seiner Worte.

„Lass’ mich einfach in Ruhe. Verschwinde! Bitte lass’ mich allein... und verschwinde!“ Sie trampelte mit ihren Füßen auf dem Boden herum, als Link den Versuch machte, sie zu berühren. Als wären seine Hände teuflisches Gift für sie, fuhr sie zurück und versteckte ihre eigenen Hände hinter dem Rücken. „Hör auf, mein Beschützer zu sein...“

            „Schön...“, sagte er leise und warf ihr den Beutel mit den magischen, roten, blauen und grünen Steinen vor die Nase. „Es ist genug, Zelda. Du behandelst mich wie Dreck, wenn ich versuche, dich zu verstehen. Es macht dir wohl Spaß, mich auszunutzen. Aber damit ist heute Schluss.“

            Er drehte sich um, verbarg den aufkommenden Schmerz vor ihr, denn, was er jetzt sagen würde, könnte das Ende ihrer Freundschaft sein. Ein für allemal. Und er sagte noch einmal, aber leiser. „Es ist Schluss damit. Ich will nichts mehr von dir hören. Lass’ uns diese verdammte Mission zuende bringen, damit sich unsere Wege wieder trennen können. Ich ertrage deine Anwesenheit nicht mehr.“ Damit lief er ans Ufer und setzte sich auf die Grünfläche. Trübsinnig starrte er hinaus in die endlose Düsternis des Meeres und wünschte sich teilweise, es würde ihn verschlingen.

            Zelda blieb erstarrt in der Nähe des Pferdes stehen. Er wusste es, hatte das grausame Geheimnis am eigenen Leib erfahren. Warum konnte er sie dann nicht verstehen? Sie hatte es nur verschwiegen, um ihm seine Hoffnung nicht zunehmen.

„Link...“, murmelte sie leise. Eine Träne rollte ihre Wange hinab, als sie seine letzten Worte wieder in ihr Gedächtnis rief. Es ist Schluss? Meinte er damit ihre Freundschaft?

            Zelda nahm den kleinen Beutel an sich und rannte vor Wut über sich selbst einige Meter zurück in den Wald, ließ sich einfach an einen alten Baumstumpf nieder, stützte ihre Arme darauf ab und weinte bitterlich.

Warum taten sie einander nur so weh? Es konnte nicht nur an der Situation liegen oder daran, dass sie beide schon viel zu lange aufeinander hockten.

            Vielleicht wäre ein wenig Abstand gut.

            „Link... es tut mir so leid...“, wimmerte sie und ärgerte sich selbst über ihre eigene Feigheit, ihm zu sagen, was er ihr bedeutete und was er für sie war. Aber Zelda konnte ihre innere Kälte einfach nicht ablegen, sie ließ es einfach nicht zu und wehrte sich gegen Links Nähe. 

Und irgendwann würde er sich von ihr abwenden oder er hatte es bereits getan...

 

Zelda lief Minuten später mit ausgeheulten Augen zurück zu dem Ufer. Zutiefst traurig über ihr Unvermögen einfache Zärtlichkeiten von Links Seite zuzulassen, suchte sie in der Dunkelheit das Ufer ab, aber noch hatte sie den jungen Hylianer nicht gefunden. Dann sah sie eine Klinge in der Dunkelheit aufblitzen. Sie trat näher, aber versteckte sich noch hinter einem knorrigen Dornenbaum, die es so zahlreich in der uralten Steppe gab. Sie hörte seine angenehme Stimme und ein eher wildes Kampfgeschrei aus seinem Mund.

Die Klinge zerschnitt die Luft, selbst der rauschende Wind konnte das Schneiden der Waffe nicht übertönen. Sie lief noch einige Meter und sah ihn dann trainieren. Er führte einige Kombinationen durch, holte aus zu einer seiner Wirbelattacken und stach das Schwert im Anschluss in den Boden. Sie konnte den aufhetzenden Zorn beinahe fühlen, der von ihm ausging...

            Wieder geschah es. Gerade als Zelda sich zurückziehen wollte, da er ihre Anwesenheit sicher nicht gebrauchen konnte, da sie ihm weh getan hatte und er bestimmt alleine sein wollte, spürte sie es wieder. Ihr Handrücken, wo sich einst das Triforcefragment der Weisheit verbarg, sendete eine angenehme Wärme aus und eine Art Kribbeln. Zugegeben, sie hatte damals schon häufig seltsame Wahrnehmungen, die das Triforce als Ursache hatten, aber ein solches Gefühl war ihr noch nie geschehen. Sie mochte das Gefühl.

            In ihre Gedanken versunken trat Zelda auf einen kleinen, brüchigen Ast und ein flüsterndes Rascheln führte dazu, dass Link überraschend stehen blieb, seine Ohren spitzte und genau in ihre Richtung sah. Im Bruchteil einer Sekunde zog er das Schwert wieder aus dem Boden, rannte blitzschnell zu ihr herüber und griff sie an.

Wahrscheinlich hatte er sie in der Dunkelheit noch nicht erkannt und hielt sie für irgendeinen Feind. Die Prinzessin wich zurück, landete mit dem Rücken knackend an dem Baum und ehe sie sich versah, spürte sie eine kalte, gefährliche Klinge an ihrer Kehle. Zelda schwieg und starrte durch die Dunkelheit in Links leuchtende Augen. Wie blankpolierter, heller Stahl blitzten seine Augen vor Enttäuschung und Wut.

Langsam führte er die Klinge von ihrem Hals weg und schien ebenso dabei, in der Düsternis in ihre Augen zusehen, versuchte sie immer noch sich selbst ärgernd zu verstehen und in ihr Herz vorzudringen.

Er trat einen Schritt zurück und sagte nichts anderes als: „Zieh dein Schwert!“ Sie wollte ihm zuerst wiedersprechen. Im nächsten Augenblick dachte sie aber, es wäre sowohl für ihn, als auch für sie eine Möglichkeit den Frust der letzten Stunden aus dem Weg zuräumen.

            Langsam führte sie ihre schimmernde Waffe aus der einfachen, braunen Schwertscheide und stellte sich Link an den Ufern des hylianischen Landes kampfbereit entgegen.

            Das Licht des hellen Mondes fiel auf das schattige, steile Ufer, wo zwei Kämpferherzen sich gegen überstanden und darauf warteten, wer den ersten Schritt wagen würde, kurz bevor jene Himmelskörper wieder hinter dichten Wolken verschwand und der gesamte Ort noch dunkler erschien als zuvor.

            Link startete den ersten Angriff und führte seine schwere Hiebwaffe langsam, verwendete nicht zuviel Kraft, testete aus, wie gut Zeldas Kampfstil war. Wie er erwartet hatte, konnte sie sehr gut kämpfen, hatte zwar ihren eigenen, vielleicht ein wenig ungewöhnlichen Stil, aber parierte sehr gut und setzte im Gegenzug kraftvolle Attacken durch. Dann wurden die sauberen Bewegungen des einstigen Helden der Hylianer schneller und seine charakteristischen Schwertstreiche stärker. Allmählich kam Zelda ins Schwitzen und sie sah Links rüstige Attacken nicht mehr so leicht kommen wie vorher.

            Er war dabei ihr seine wahren Fähigkeiten teilweise vor Augen zuführen. Spielend schickte er ihr die Kraft seines Schwertes entgegen und drängte sie immer weiter an das hohe, gefahrvolle Ufer.

Zelda konnte nur rückwärts gehen, es gelang ihr nicht mehr ihn zurückzudrängen. Link war einfach zu stark, zu talentiert, zu gut. Die Schwertkunst schien seine Materie zu sein, sein Element, als ob es in seinem Blut läge oder in seiner Seele. Es war wohl sein Schicksal, das Schwert wie kein anderer zu beherrschen.

            Lautlos wirbelte er um Zelda herum, sodass er schnell hinter ihr stand und setzte ihr eine scharfe Seite der Waffe vor das anmutige, verblüffte Gesicht. Auch diese Attacke hatte sie nicht kommen sehen. Erneut lag ein Stück Metall auf sanfter Haut.

            „War’s das schon?“, reizte er sie.

            Aber auch Zelda hatte ihre Geheimtechniken, verpasste dem Kämpfer mit dem Ellenbogen einen gemeinen Stoß in den Magen und gleichzeitig mit ihrem Fuß einen harten Tritt ans Schienbein. Überrascht kreischte Link auf, ließ das Schwert sinken und schaute entschlossen auf. Zelda drehte sich um und rannte wenige Meter aus seiner Reichweite. Der Held lächelte leicht in sich hinein. Er hatte Zelda wohl gewaltig unterschätzt.

            „So leicht bin ich nicht zu besiegen“, erwiderte sie bissig und hielt ihr Schwert wieder gestreckt vor sich.

„Gut, dann zeig’ mir, wozu du fähig bist.“ Und erneut prallten zwei Schwerter aneinander. Kampfgeschreie schallten erbarmungslos durch die Luft. Auch Link fühlte allmählich einen schnelleren Puls und rang nach Luft.

            Der Mond kam ein letztes Mal zum Vorschein, bevor er endgültig hinter dunklen Regenwolken verschwand. Einige Tropfen fielen, aber weder Link noch Zelda kümmerten sich jetzt um den kalten, grausamen Regen. Sie waren beide wie in Trance und wollten sich gegenseitig beweisen, welche Kraft in ihnen steckte.

Sie kämpften verbissen und hartnäckig direkt am steilen, kantigen Ufer.

Mit jeder Attacke schmerzte das Leder des Schwertheftes mehr in den Händen, mit jedem Schlag verloren sie an Kraft, an Ausdauer und mit jeder Bewegung wurden die Schritte schwerer. Aber keiner von beiden gab auf. Keiner wollte aufgeben.

            Sie rannten beide aufeinander los, fühlten die Klingen vibrieren, als sie sich trafen und schauten sich kurz mit ernsten Gesichtern in die Augen. Sie hüpften außer der Reichweite des anderen und schnappten heftig nach Luft.

Link nutzte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit von Zelda, rannte geschwind auf sie zu und schlug ihr schmerzhaft das Schwert aus der rechten Hand. Es landete in der Nähe des einzelnen Baumes.

Überrascht blickte die junge Königstochter durch die Dunkelheit auf die Klinge und erkannte diese noch gerade so.

            Kalt hielt der Held das Schwert in ihre Höhe und sagte tonlos, als wäre er kein Mensch: „Deine Unaufmerksamkeit ist ein Zeichen von Schwäche.“ Seine Wortwahl tat weh. Gerade Link hatte ihr klarmachen wollen, sie sei nicht schwach. Doch in diesem Moment brach er mit seiner Ehrlichkeit zu ihr.

            „Und deine Gutgläubigkeit kommt dir teuer zustehen.“ Zelda hatte schließlich noch andere Waffen. Flugs hob sie die Hand und entzog Link mit einer magischen Attacke den Boden unter den Füßen. Schreiend landete er auf seinem Rücken und spürte einen Dolch an seinem Hals, blickte kalt und ohne Reue in ihre Augen. Verschwunden war die anziehende Wärme, der Hauch von Liebe und Vertrautheit.

Zelda stand vor ihm, keuchte und sah leicht traurig, vielleicht verletzt, da sie gegen einander kämpften in seine Augen, wo ihr ein giftiger Ausdruck entgegenschleuderte. Keine Spur mehr von Verständnis und der einstigen Zuneigung für seine Prinzessin, die sie so gerne darin sah...

            Inzwischen regnete es in Strömen, aber der Kampf war noch nicht zuende. Die durchnässte und durchgeschwitzte Kleidung interessierte niemanden, ebenso wenig der Matsch unter ihren Füßen oder die triefenden Haare, die schlapp herunterhingen.

Links Mundwinkel zogen sich hinterhältig nach oben.

Er schlug Zeldas Dolch mit dem Schwert zur Seite, rollte sich rückwärts ab und startete erneut einige Kombinationen. Zelda kämpfte währenddessen mit zwei Dolchen in ihren Händen- eine Technik, die Impa liebte und ihr persönlich beigebracht hatte. Aber wieder konnte sie lediglich seine scharfen Attacken abwehren, sah kaum die Möglichkeit ihn ebenso anzugreifen. Link war einfach zu schnell, zu stark. Abermals drängte er sie zurück, bis sie in der Nähe des Waldrandes stand.

            „Bist wohl außer Puste und doch nicht so stark, wie du anderen gern glauben machst“, sagte er gemein, sodass sich Zelda fragte, ob sie tatsächlich gegen Link kämpfte. „Schlag’ endlich zu!“, brüllte er dann.

Die Prinzessin erkannte nun die ungeheure Wut in ihm, die sich seit ihren ersten Streitereien in Hyrule angestaut hatte, sie erkannte den Schmerz… die Zweifel…

            Links Angriffe kamen schnell und überraschend und beide Dolche von Zelda flogen in hohen Bogen schräg zur Seite, blieben dann in einem breiten Baumstamm stecken. Hastig sah die junge Lady in ihrer gegenwärtigen Situation um sich, entdeckte ihr Schwert, rannte so geschwind wie sie konnte dorthin und hörte Links Stiefel hinter ihr im kalten Matsch.

Sie krallte sich ihre Waffe, wirbelte sie im Eifer des Gefechtes herum und traf den hinter ihr zum Stehen kommenden Heroen damit quer über die Brust.

Entsetzt wich er zurück, aber es floss kein Blut, nur die grüne, klatschnasse Kleidung war total zerfetzt. „Gut so. Aber noch nicht gut genug“, forderte er sie heraus. „So besiegst du die Kälte in dir nicht.“ Dann fauchte er sie an, gedemütigt, gebrandmarkt: „Schlag endlich zu. Das willst du doch. Schlag zu mit allem, was du hast.“

Und Zelda kamen beinahe die Tränen. Sie wollte nicht mehr. Es war genug. Nein, sie wollte nicht länger gegen Link kämpfen, gegen jemanden, der ihr soviel bedeutete.

            Doch dieser Kampf war noch nicht ausgestanden und Link führte sein scharfes Schwert erneut gegen sie.

            Er machte einige wilde, neue Streiche, die Zelda bei ihm noch nie gesehen hatte und flink packte er die Waffe an der Klinge, brachte die Kämpferin mit dem Schwertheft zu Fall, und zum dritten Mal saß die scharfe Klinge an Zeldas Hals.

Link blieb angewurzelt vor ihr stehen, atmete hastig ein und aus, aber zeigte sonst keine weitere Gefühlsregung. Verzagt starrte sie ihn an, wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus.

            „Kämpf’ endlich und hör’ auf, dich vor dir selbst zu verstecken“, schrie er sie an und Zelda konnte nicht glauben, wie er sie behandelte. So hatte Link sie noch nie angeschrieen. Warum tat er das? Ja, sie hatte ihm weh getan, nicht nur einmal. War das seine Rache? Und fast hätte sie gesagt: ,Link, bitte hör auf, es tut mir leid...’, aber sie sagte nichts, stand auf und stellte sich ihm einmal mehr kampfbereit entgegen.

            „Na, bitte, die Prinzessin schafft es wohl doch noch weiterzukämpfen.“

„Der Held sollte seine Zunge hüten, er könnte sie verlieren“, sagte sie gefährlich und griff ihn an. Doch erstaunlicherweise wehrte Link ihre Attacken lediglich ab, unternahm aber keine Angriffe, sondern ließ sie bewusst auf ihn einschlagen.

„Ach ja. Die Prinzessin bildet sich ein, sie könnte mir die Zunge mit ihrer schwächlichen Schwerttechnik abschneiden. Wie dumm.“ Und der Heroe wurde immer fieser ihr gegenüber, stimmte sogar schon Verachtungen an, beleidigte Zelda ohne Mitleid, sodass ihr allmählich doch Tränen in die Augen stiegen.

Sie verstand langsam mit jedem Schlag, den sie ausführte wie belastend es für Link gewesen sein musste, dass sie ihm aus dem Weg gegangen war, und sie genau solche Gemeinheiten an seinen Kopf geworfen hatte.

            „Link, bitte, ich will nicht mehr gegen dich kämpfen“, sagte Zelda dann leise, als sie die Klinge stoppte und diese krachend zu Boden fiel. Der Held jedoch war mit diesem Ausgang nicht zu Frieden und erwiderte kalt: „Fragt dich Ganondorf, ob du noch gegen ihn kämpfen willst? Fragt er mich das?“ Er nahm ihr das Wort und fauchte: „Nein. Also kämpf’ gefälligst. Ich höre nicht auf, bis der Kampf entschieden ist.“

Zeldas Augen standen weit geöffnet vor Schreck und nur schwerlich konnte sie seine Worte begreifen. Kämpfen bis zum Ende? Wie weit wollte Link gehen?

            Dann nahm er zu Zeldas Fassungslosigkeit sein Schwert, holte aus und die Klinge wanderte auf sie zu. Sie schloss entsetzt ihre Augen, hielt schützend die Hände vor ihr Gesicht und hörte nur noch ihren eigenen, aufgeregten Puls.

            Nach wenigen Sekunden wagte sie wieder einen Blick, aber der junge Held der Zeit stand einfach nur da, hielt sein Schwert langgestreckt vor sich, direkt auf ihr Herz, aber machte sonst keine Bewegung.

Leise flüsterte Zelda: „Es hatte seinen Grund, dass ich dir von meinem Traum nichts gesagt habe.“

Sie versuchte einen Anfang zu machen, aber Link schüttelte den Kopf und brüllte: „Das will ich nicht hören. Es ist alles, bis auf die Sache mit dem Schwert, geklärt. Es ist vorbei. Endgültig.“

            Er meinte ihre Freundschaft... vermutlich. Er hob Zeldas Schwert auf, nahm es an der Klinge und spürte, wie der kalte Stahl in seine Haut wanderte. Blut tropfte aus seiner Handinnenfläche, doch Link spürte den Schmerz im Moment einfach nicht. Die Schmerzen in seiner Seele hatten in vollkommen eingenommen…

Er hielt Zelda das Heft vor die Nase. „Nimm’ das Schwert, wenn du nicht schwach sein willst.“ Sie umgriff das Heft und schlug weiterhin zu, aber sie wurde unkonzentrierter, nahm an Kraft ab und fühlte, wie ab und an ihre Augenlider sanken. Dann kam noch ihr hungriger Magen dazu. Aber dieser Kampf würde niemals entschieden werden, nicht so lange Link seine schürende Wut unter Kontrolle brachte, nicht so lange, Zelda aufhörte ihre wahren Gefühle zu verheimlichen…

            Auch Link startete wieder einige Angriffe, entfachte eine ungeheure Masse an schlagkräftigen Kombinationen und Zeldas Schwert flog aussichtslos und in hohem Bogen davon.

            „Du bist schwach. Merkst du es endlich? Genauso hilflos und schwach wie ich gegen Ganondorf sein werde, wenn ich ihm gegenüber stehe. Aber du konntest ja nicht aufrichtig mir gegenüber sein und mir wenigstens, fairerweise, deine lächerliche, stupide Prophezeiung mitteilen. Habe ich es verdient, von dir belogen zu werden?“

Link kochte nun vor Wut und warf entzürnt sein Schwert irgendwo auf die Grünfläche.

„Es geht in deinem Traum schließlich um mich, Zelda, um mich, deinen Freund, der nicht merkt, dass er einer deiner Freunde ist.“ Und Link hörte nicht auf mit seiner Anklage. Er wollte nicht auf diese Weise ausrasten, aber es ging einfach nicht mehr. Er konnte nichts mehr in sich hineinfressen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Er hatte die Schnauze voll, genug von Zelda und ihren Beleidigungen, genug von ihren Ausreden. Auch ihm stiegen nun Tränen in die Augen, die er aber nicht zugeben wollte.

            „Es ist genug...“, sagte er. Hastig drehte er sich um und rannte davon, direkt hinein in den tiefschwarzen Wald und suchte sich einen trockenen Unterschlupf.

            Zelda ließ sich weinend zu Boden sinken und krallte ihre Fingernägel aus Hass auf sich selbst in die Haut ihrer Unterarme. Und es war das erste Mal, dass sie etwas in ihrem Herzen zugab.

            „Ich liebe dich, Link...“, wimmerte sie vor sich hin, als auch der Regen endlich stoppte.

            Sie sah hinauf zu dem hellen Mond, der sich in wenigen Tagen zu einem Vollmond wandeln könnte und auf der Erde würde er ein rotes, gefährliches Licht aussenden. Der Name ihres besten Freundes entkam ihren Lippen flüsternd. Sie liebte ihn. Sie liebte ihn schon immer...

Doch wie sollte eine Zukunft, eine Beziehung, mit ihm aussehen, denn sie würde immer Zelda, Kronprinzessin Hyrules bleiben, egal, ob sie sich versteckte, egal, ob sie ihren Namen wechselte. Sie liebte ihren Helden und doch wollte sie nie verstehen, nie glauben, dass er ihre Gefühle erwidern könnte. Eine Prinzessin zu lieben, war dumm. Eine Prinzessin lieben zu wollen, brachte Unglück und Leid mit sich und diese Dinge wollte sie ihm einfach ersparen...

            Sich die Tränen aus dem rotgefärbten Gesicht wischend, schaute sie auf das Medaillon und kramte dann die gesamten Steine heraus, die sie mitführte. Es waren jetzt insgesamt vier kleinere rote Steine, ein größerer blauer Telepathiestein und ein grünlicher. Das Medaillon um ihren Hals glühte dann abwechselnd in allen drei Farben und irgendwie beruhigte es sie. Auf eine Art und Weise tat es gut. Doch Macht schützt nicht vor Einsamkeit, das hatte sie damals schon bitter erfahren müssen. Einsamkeit, die sich mit Link verflüchtigen könnte. Einsamkeit...

            Während sie vor sich hinbrütete und auf die Steine blickte, bemerkte sie aber noch eine interessante Kleinigkeit. Die vier roten Steine ließen sich irgendwie... zusammensetzen. Und Zelda begann zu puzzeln. Ein pyramidenförmiges Gebilde kam heraus, allerdings fehlten wohl noch ein oder zwei Steinchen, damit der Stein perfekt war.

Als die blonde Hylianerin die Steinchen dann wieder wegräumen wollte, musste sie aber feststellen, dass sich der rote, fast vollständige Stein nicht wieder zerlegen ließ und die Bruchstücke wie sehr starke Magneten zusammenhingen. Auch gut, dachte sie und packte die gesamten Stücke weg.

Aber blöderweise hörte das Medaillon nicht auf grün zu glühen. Zelda verstand und suchte in der Dunkelheit mit ein bisschen Magie aus ihren Fingerspitzen den Boden ab. Sie sah etwas funkeln und entdeckte etwas. Sie nahm die bloßen Hände und buddelte in dem kalten Matsch herum. Dann hielt sie einen weiteren grünen Stein in den Händen und räumte diesen in die ihre kleine schwarze Ledertasche und dachte fortwährend an Link...

 

Link rannte immer noch tief hinein in den Wald, mit zusammen gekniffenen Augen und einer ungeheuren Wut im Bauch. Er schob die Tränen in seinen Augen einfach auf den Wind, der ihm ins Gesicht blies und rannte weiter. Seine Schritte wurden langsamer und er blieb augenblicklich stehen. Was habe ich nur getan, fragte er sich. Er lehnte sich an einen Baum, schlug mit der Faust auf das alte Holz ein, bis sie blutete und ließ sich zu Boden sinken.

„Ich bin ein solcher Idiot“, murmelte er. Er blickte hinein in die Krone des Baumes und hatte eine Idee, wo sein Schlafplatz sein sollte. Flugs sprang er auf den Baum, suchte sich einen großen, breiten Ast und machte es sich dort oben bequem. Minuten vergingen und je mehr Zeit verfloss, umso mehr stauten sich Groll und Kummer in ihm auf. Wut auf sich selbst, da er Zelda so angeschrieen hatte, Hass auf sich selbst, da er sie nicht einfach verstehen konnte und einmal mehr auf sie wartete.

            Er stützte seinen Kopf in die Arme, versuchte einen klaren Kopf zubekommen, aber selbst der Versuch scheiterte. Warum nur war Zelda so kalt, so unleugbar abweisend? Lag es nur an ihrer schrecklichen Prophezeiung, an welcher er zweifelte, die er einfach nicht als wahr erachten konnte? Und je länger er allein auf seinem alten Ast hockte, umso größer wurde die stille Sehnsucht jetzt, gerade jetzt, bei ihr zu sein, sich zu entschuldigen, sie zu trösten und zu bitten, dass sie diese Streitereien vergessen konnten. Er brauchte sie doch, egal, wie verletzend seine Worte auch waren.

            Es würde niemals genug sein...

            Dann fühlte er etwas auf seiner linken Hand- erneut das angenehme Gefühl, eine unbeschreibliche Empfindung wie Wasser, das die Hand umspült oder ein lauer Wind, der die Haut streift. Einfach wohlig. Dann irgendwann schloss er seine Augen und träumte einen jener Träume, die nur Verwirrung mit sich brachten...

            „Meinst du, es ist genug, Held?“, sagte eine sanfte Stimme, die mit einem milden Hauch die Sinne vernebeln konnte. Er befand sich in der Zitadelle der Zeit und eine alte Frau in einem dunkelgrünen Umhang mit goldenem Kragen saß neben ihm auf einer Bank und sprach zu ihm, aber Link konnte sich einfach nicht rühren und lediglich zu hören.

„Du musst aufwachen, noch bevor die Zeit beginnt zu schweigen, noch bevor sich die Fäden des Schicksals zu einer Schlinge zusammenziehen.“ Link verstand jedes Wort, aber er konnte einfach nicht folgen.

Dennoch war die Aura der Person angenehm, stark und vor allem fühlte jene sich zuversichtlich an, als ob diese Dame die Hoffnung persönlich wäre.

Mit einem Male spürte Link eine Art Energie in sich und auch bewegen konnte er sich, aber irgendwie steuerte er selbst seine Bewegungen nicht wirklich. Er legte seine Hände auf das alte Holz der Bank, faltete sie und spürte eine weitere Hand auf seiner, eine raue Hand, die dennoch warm war und unbegreiflich wohlig.

            „Es ist noch lange nicht genug, Link.“, sagte diese merkwürdige Stimme, die nun klang wie das Rascheln von Blättern im Wind. Er blickte in das Gesicht des weisen Wesens und sah nur noch helles Licht um sich. Der Traum verschwamm wie Tinte auf Papier...  

            Der Mond zog mit einem hellen weißen Schein vorüber und versank am Horizont. Die Morgendämmerung brach an und verhieß neue Hoffnung.     

 
  Insgesamt waren schon 112726 Besucher (404559 Hits) hier!