Kapitel 42
 

Kapitel 42

 

 

 

 

Es war früh am Morgen, als Zelda ihre tränenden Augen aufschlug. Sie saß zusammengekauert mit einem schwarzen Mantel an dem alten Dornenbaum, der direkt am Ufer stand.

Es hatte in der Nacht erneut geregnet und selbst jetzt zogen noch dunkle Regenwolken vorüber, aber dafür hatte sie im Moment keinen Sinn. Es war ihr gleichgültig. Genauso gleichgültig wie die Tatsache, dass sie total durchnässt und durchgefroren war.

            Sie sah um sich und griff sich an ihren schmerzenden Kopf. Erneut ein Alptraum, der sich messerscharf in ihr Herz hineinbohrte...

            Sie warf einen Blick hinaus auf das weite Meer. Erinnerung. Irgendwann einmal gab es Meer in der Vergangenheit, einmal in ihren vielen Reinkarnationen. Irgendetwas war damals, aber jene Erinnerungen waren wie durchsichtige Gebilde zwischen dem Rad des Schicksals. Sie wollte sich aufrappeln, unterließ es aber bei einem Blick auf die Uhr. Erst fünf...

Ob Link schon auf den Beinen war? Wo war er überhaupt? Eigentlich wollte sie ihn suchen, aber dann kamen ihr seine Worte mit dem verletzten Klang seiner Stimme wieder in ihr Gedächtnis. Es war Schluss... das Ende ihrer Freundschaft und sie war schuld daran. Sie wollte nicht schon wieder weinen, aber es ging einfach nicht mehr. Warum war sie nur so kalt zu ihm und so kalt zu sich selbst?

Gerade als sie anfing zu schluchzen, hörte sie eine Stimme: „Mach’ nicht so ein Gesicht, Zeldalein.“

            Überrascht sprang sie auf, schaute in alle Richtungen und versuchte zu begreifen, wo die Stimme herkam.

Dann schon wieder: „Hör auf zu weinen. Linky hat das bestimmt nicht so gemeint. Es gibt doch niemanden, der ihm so am Herzen liegt wie du, Zeldalein.“ Und die anmutige Prinzessin der Hylianer wusste jetzt, wo diese Stimme herkam, die sehr vertraut schien. Es war eine Mädchenstimme. Eine freche Kinderstimme, die sie damals sehr oft in Links Anwesenheit gehört hatte. Flugs sprang die Königstochter von ihrer Seite auf die andere des Baumes. Ein kleines Mädchen hockte dort mit einem wunderbaren Grinsen auf dem Gesicht und strahlte die einstige Prinzessin Hyrules an. Zelda kannte dieses Geschöpf und brachte zuerst vor lauter Aufregung keinen Ton heraus.

„Linky wird dir vergeben, Zeldalein, und dann werdet ihr beide über eure sinnlosen Streitigkeiten lachen. Ganz sicher. Ihr braucht einander doch, wie die Feen ihren Feenstaub.“

            Zelda starrte weiterhin in das kleine runde Gesichtchen, betrachtete sich genau die roten Wangenbäckchen, die blonden Locken und die blauen Schleifen im Haar. „Unmöglich... du... du bist...“

           

Einige Meter weiter sprang Link gekonnt von dem Baum, streckte sich und kramte nach einer Wasserflasche. Er trank einen Schluck und erinnerte sich an Gestern. Ja, so hieß dieser dämliche, bescheuerte Tag: Gestern. Am besten ich vergesse Gestern wieder, dachte er und kramte nach etwas Essbaren, dass er glücklicherweise fand.

Aber noch bevor er einen Bissen von ein paar ausgetrockneten Keksen nehmen konnte, wurde er unsanft von hinten angerempelt und landete mit dem Gesicht nach vorne im kalten Matsch.

Was war das denn? Verflucht!

Link drehte sich um, begann zu fauchen und schaute in ein paar vorwitzige blaue Augen. Nicht schon wieder der Knirps, der Existenz will.

Verärgert rappelte sich der Held auf und sagte dann bissig: „Freundchen, könntest du mir freundlicherweise sagen, warum du mich angerempelt hast?“

„Ich habe dich nicht angerempelt. Du bist selbst auf die Nase gefallen!“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, du bist selbst auf die Nase gefallen“, meinte der Bengel mit den frechen Kinderaugen und grinste Link tückisch an.

Der junge Heroe setzte eines seiner drohenden Gesichter auf, die zumindest bei Moblins Wirkung zeigten und entgegnete: „Ich glaube nicht, dass deine Eltern dir beigebracht haben, so mit Erwachsenen zu reden.“

„Stimmt sicherlich. Aber du bist doch nicht erwachsen, zumindest benimmst du dich nicht so, also kann ich mit dir reden, wie ich will“, entgegnete das Würstchen. Link riss der Geduldsfaden und seine linke Faust spannte sich gefährlich an. Dieser Knirps wusste nicht mit, wem er sich anlegte.

            „Also, raus mit der Sprache, was willst du von mir? Geh’ Zelda nerven, die freut sich über deine Anwesenheit mehr als ich.“

Der kleine Kerl zog traurig seine Mundwinkel nach unten und starrte auf den Boden. Link aß derweil seine mit Matsch beschmierten Kekse.

„Was ist denn noch? Weißt du nicht mehr, wie man seine Beine bewegt. Oh, ich vergas, du existierst ja noch nicht...“

„Du bist gemein“, schimpfte der Junge und zog seine Nase nach oben. „Aber!“ Und es schien als stellte er ein böswilliges Ultimatum. „Ich bleibe, ob es dir nun passt oder nicht.“ Und protzend, mit einem breiten Grinsen setzte er sich neben Link, direkt auf die nasse, saftiggrüne Wiese.

            „Sag’ endlich, was du von mir willst, du kleiner Bengel.“

„Ich will nichts, nur existieren.“

„Das sagst du jetzt schon zum dreißigsten Mal.“

„Nein, es waren genau einhundertsiebenundzwanzig Mal, die ich das gesagt habe. Nur, die meisten Male hast du mich nicht verstanden oder hast dich, wenn ich mit dir geredet habe, nicht daran erinnert.“

„Na toll. Du hast mich wohl öfter beobachtet, als es mir in den Kram passt.“

„Tja, das musst du wohl akzeptieren. Schließlich bin ich ein Teil von dir und stets in deiner Nähe.“ Aha... so allmählich wurde Link doch schlauer. Er beugte sich zu dem Kerlchen und sah ihn eindringlich an.

„Von wem hast du deine große Klappe und dein zügelloses Temperament?“

„Das verrate ich dir nur, wenn du dich mit Zelda versönnst!“

Links noch fröhliches Gesicht verschwand, er stand auf und schaute in den düsteren Himmel. „Und wie soll’ ich das bitte schön anstellen. Sie...“ Er redete nicht sofort weiter und schüttelte frustriert dem Kopf. „Immer wenn ich versuche, zu ihr durchzudringen, wenn ich versuche ihr nahe zu sein, dann stößt sich mich weg oder erfindet ihre Ausreden. Es geht einfach nicht mehr...“

Der Kerl stand auf und hüpfte mit einem Satz, den man ihm für seine Statur und Größe nicht zutrauen würde auf Links Schultern, der gar nicht begriff, was das sollte. Aber allem Anschein nach fühlte sich der Bengel auf diesen Schultern sehr wohl.

Er flüsterte dem erwachsenen Helden leise ins Ohr: „Ich habe eine Idee. Danach wird sie dich entweder gar nicht mehr anreden, oder sie überwindet ihre Mauer um sich herum. Hör’ zu.“ Und leise brachte der Knirps Link auf eine unfassbare, hinterhältige Idee, die Link um Kopf und Kragen bringen könnte.

 

Nach wenigen Minuten hatte sich der Heroe von den Einfällen des Bengels überreden lassen, auch wenn diese nicht gerade guten Manieren entsprachen. „Ich muss sagen, du bist ganz schön dreist, mein Kleiner“, sagte der gewandte Kämpfer, während er mit dem Kerl auf den Schultern durch den Nadelwald lief. „Tja. Für mich gehört es sich, immer ein schickes, wenn auch fieses Argument auf der Zunge zu haben. Ich rede gerne mit Leuten, die sich den Mund nicht verbieten lassen, so wie mit dir oder mit Zelda.“

„Du hast einfach nur ein sehr aufständisches Gemüt. Aber das könnte dir irgendwann zum Verhängnis werden. Sagst du mir jetzt endlich mal deinen Namen?“ Und der Junge zerrte Link an beiden spitzen Ohren.

„Hey? Was sollte das denn?“ Dann begann das Kind zu lachen. Das erste Mal, dass Link wieder jemanden lachen hörte und es tat gut.

„Du...“, begann der Erwachsene, aber der Kegel zerrte ihn erneut an den Ohren. Flugs packte Link das Kind und setzte es auf den Boden der Vernunft.

„Mein lieber, kleiner Freund. Wirst du wohl mit deinen Scherzen aufhören. Du bist ja schlimmer als ich in deinem Alter.“

„Bin ich denn nicht genauso wie du in deinem Alter?“ Und dann streckte der Kleine ihm die Zunge heraus.

„Na warte. Das wirst du bereuen.“ Und auch Link begann zu lachen. Der Junge rannte davon und Link in Windeseile hinter ihm her.

            Der Held und der Bengel kamen nach wenigen Minuten an das Ufer, wo Zelda einer weiteren kleinen Person gegenüberstand. Als Link die blonde Hylianerin und das merkwürdige Mädchen entdeckte, blieb er unverhofft stehen und schaute sich nachdenklich Zeldas schockiertes Gesicht an. Es sah so aus, als kannte sie das Mädchen mit den blauen Schleifen im Haar.

Aufgeregt kniete die Prinzessin nieder und packte das Mädchen an den Armen. „Navi. Du bist es wirklich?! Navi...“ Und Zelda kamen beinahe Freudentränen. Und der Fratz nickte kaum bemerkbar. Link hatte zugehört und verstand nun, weshalb dieses Kind ihm ständig gefolgt war und stets über ihn gewacht hatte. Aber Navi hätte er sich dennoch ein wenig anders vorgestellt. Irgendwie älter...

            Er trat näher, beachtete Zelda mit keiner Silbe und sagte: „Das war es also. Du bist Navi…“ Das Mädchen schaute tief in seine blauen Augen und murmelte: „So ähnlich. Jetzt bin ich nur noch ein Kind. Einst hatte ich eine andere Gestalt, aber die Zeiten sind leider vorbei. Dennoch... kein Grund für Trübsal.“

Dann lächelte sie und begrüßte den kleinen Kerl neben dem erwachsenen Link. „Hallo. Du bist ja auch schon wieder hier“, sagte Navi und lächelte ihn an.

„Jep, man tut, was man kann, um zu existieren.“

„Mmh verstehe.“

Navi nahm den anderen Knirps in ihrem Alter an der Hand und sagte: „Also dann, Leute. Wir verschwinden mal wieder. Bis demnächst“, sagte sie und flugs lösten sich beide kleinen Gestalten in Luft auf, hinterließen nur einen feinen Silberregen, der sich verflüchtigte je länger man ihm zusah…

            Soviel dazu... es handelte sich bei diesen beiden somit nicht um die gleiche Person und allem Anschein nach kannten sie sich sehr gut. Wenigstens eine Neuigkeit...

            Link lief hinüber zum Ufer und schaute freudlos hinaus auf die weite Einöde des Meeres, weiterhin beachtete er Zelda nicht. Er atmete tief aus und sagte dann: „Es wird Zeit, dass wir aufbrechen. Wir haben ohnehin nicht mehr viel davon.“

Zelda antwortete nicht einmal mit einem einfachen: Ja. Eingeschnappt ging sie hinüber zu Namenlos, ergriff die Zügel, setzte einen Fuß auf den Stiegbügel und zog sich auf das zahme Tier hinauf.

Sie wartete auf Link, der jedoch neben dem schwarzen Hengst stehen blieb und leise, aber mit ernster Stimme meinte: „Ich laufe lieber.“

            Zelda drehte ihren Kopf in die andere Richtung und sagte erneut nichts. Jetzt hatte sie es wahrhaft geschafft. Link achtete darauf, ihr keineswegs mehr nahe zu kommen.

            Kein Lächeln. Keine Gefühlsregung. Keine Berührung.

            Stur trottete Link neben dem Pferd her und wechselte kein Wort mit Zelda.

 

Der elfte Tag in Hyrule brach nun an und die Hälfte der Zeit war um. Nur noch wenige Tage und der finale Kampf gegen den Großmeister des Bösen sollte sich entscheiden, nur noch wenige Stunden und das Schicksal würde einmal mehr seinen Lauf nehmen.

            Zelda und Link befanden sich auf dem Weg nach Nordosten und nutzten einen Flusslauf als Orientierungsmöglichkeit. Jener Fluss hatte seine Quelle in der Nähe eines Gebirges nicht weit von den Kokiri- Wäldern und mündete direkt in den Hylia-See. Da die Wälder das nächste Ziel darstellten, folgten sie einfach dem Flusslauf. Inzwischen schien die Sonne wieder und auch die Temperaturen stiegen an.

            An einem Wasserfall rasteten sie, sahen sich nicht an, redeten kein Wort miteinander und taten so, als ob es den anderen gar nicht gäbe. Wiedereinmal aßen sie irgendeine Büchsensuppe, die beiden mit der Zeit aus den Ohren quoll. Aber hatte man denn eine Wahl, um nicht zu verhungern?

            Zelda aß gerade mal zwei Bissen und schüttete den Rest ihrer Portion einfach weg. Ohne es zu wollen beobachtete der Heroe ihr Verhalten und schüttelte bekümmert mit dem Kopf.

Gegen seinen Willen bemerkte er: „Du solltest etwas essen. Es hat keinen Zweck halbverhungert und abgemagert durch Hyrule zu reisen.“

„Das ist immer noch meine Sache“, zischte sie. „Du findest also, dass ich abgemagert bin“, setzte sie gereizt hinzu.

            Er sprang auf und zankte sich schon wieder mit ihr: „Das habe ich nicht gesagt, Prinzessin, und hör’ auf mir das Wort im Maul zu verdrehen.“

Sie standen sich gegenüber und scheuten erneut ihre Blicke. Funkstille. Aufgebracht ließ sich Zelda auf den Boden sinken, während Link sich immer elender fühlte. Erneut taten sie einander weh. Erneut redeten sie aneinander vorbei.

            Dann geschah es. Die erste Gefahr seit den Erlebnissen am Hylia- See. Es wurde dunkler an jenem Ort, als ob inmitten des Tages die Nacht hereinbrach. Link blickte um sich, sah wie sich kalte, schwadenförmige Schatten über die Wiese, den Fluss und die kleinen Sträucher legten und dann wanderten seine Augen in Richtung hylianischer Sonne. Schützend hielt er eine Hand über seine ozeanblauen Augen, um nicht von dem puren Sonnenlicht geblendet zuwerden. Etwas war im Gange.

            Dann unterbrach einer der grauen Schemen die Sonnenstrahlen, die sich in Richtung Erdboden bewegten. Auch Zelda sprang auf und schaute in den grellen Himmel. Zuerst hielt sie den bleiernen Schatten für eine große Wolke, die sich über die Sonne legte. Dann wurde es immer düsterer, schwärzer und die Farben der Welt versanken in einem Meer von fahlen Wogen. Link sah nun genau zu dem glühenden Feuerball am Himmel, zwang sich hinzusehen, auch wenn seine Augen tränten und erkannte den alten Mond, der sich wie eine große Platte vor das Licht der gleißenden Sonne schob.

            „Eine Sonnenfinsternis“, sagte Zelda gefasst. Es schien, als wäre sie davon nicht beeindruckt.

„Ist das in Hyrule ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“

Doch Link erhielt erneut keine Antwort. Trotzig lief Zelda zu der Feuerstelle und machte alles für ihre Weitereise bereit. Link jedoch wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Eine Sonnenfinsternis in einer Welt mit Magie war sicherlich kein gutes Zeichen. Außerdem war es inzwischen sehr dunkel, zu dunkel.

            Zelda stieg auf Namenlos und sah Link gedankenverloren an der Kante des Flusses stehen.  Seine Augen versanken beinahe in dem reinen, fließenden Wasser, als ob er sich in einer schier mächtigen Trance befand.

Namenlos wieherte plötzlich, wurde unruhig, ließ sich nicht mehr zähmen und stellte sich auf seine Hinterhufe. Wie wild geworden schlug er um sich. Und innerhalb von Sekunden verlor Zelda den Halt, krachte schmerzhaft zu Boden und sah nur noch den schwarzen Hengst über ihr. Schützend schlug sie ihre Hände vor das Gesicht und betete, dass die Hufe sie nicht treffen mögen.

            Link reagierte schnell, rannte zu seiner Prinzessin, krallte sie sich und rollte mit ihr einige Meter weiter, sodass sie von Namenlos nicht getrampelt wurde. Nach Luft schnaubend lag der Heroe direkt neben ihr und hatte immer noch einen schützenden Griff um sie. Er rappelte sich auf, reichte ihr die Hand, die sie aber ignorierte. Sie stand alleine auf.

„Alles in Ordnung?“ Aber auch diese Frage führte zu Zank und Wut zwischen den beiden.

„Wenn du denkst, dass ich mich jetzt bei dir bedanke, hast du dich geirrt. Das hätte ich auch alleine geschafft“, zischte sie.

„Was ich mich überhaupt eingemischt habe...“, brummte Link missgelaunt.

„Ja, der Held hätte sich wegen mir nicht die Finger schmutzig machen müssen.“

„Keine Sorge, Prinzessin, darauf habe ich geachtet. Das nächste Mal kannst du ruhig von dem Hengst zermatscht werden...“ Zelda reckte aufgebracht ihre Nase in die Höhe und ging ihm aus dem Weg, während der junge Kerl vor lauter Erbitterung an einen Baumstumpf trat.

            Namenlos jedoch trabte beinahe flüchtend und eigensinnig davon.

            Noch immer lagen unnatürliche Schatten überall und auch die Gefahr von vorhin wurde wieder spürbar. Zelda studierte den Himmel, die scheinbar schwarzen, eisigen Wolken und spürte ebenso die Gefahr. Mit einem vibrierenden Summen hielt sie ihr Schwert langgestreckt vor sich.

Ein Windstoß kam auf und am Himmel zuckten Blitze vorüber, gefolgt von schweren Donnerschlägen.

Link zog sein ebenfalls Schwert, nicht wissend, dass eine gewaltige Gefahr sich näherte gegen die er fast keine Chance haben dürfte. Und Zelda noch weniger. Denn irgendwann in der Vergangenheit hatte sie schon einmal eine Begegnung mit ihr, jener Gefahr- mit gewaltigen Dämonen der Finsternis- mit Wesen ohne Herz.

            Ohne Vorwarnung, leise, schnell, wurden Link und Zelda von drei mächtigen Gestalten, allesamt in grauen, zerfetzten Umhängen gekleidet, umzingelt. Wie aus dem Nichts erschienen sie, wie Geister schwebten sie über dem grasigen Boden und hatten keinerlei Waffen in ihren verhüllten Händen, noch nicht...

            Link spürte eine neue befremdende Furcht in sich. Eine Furcht, die er noch nie empfunden hatte. Und klarerweise hatte er in seinem jungen Leben reichlich Grund für jegliche Gefühle der Angst. Link lief einige Schritte rückwärst und stieß mit dem Rücken von Zelda zusammen.

„Was sind das für Dämonen?“, rief Link ihr zu und hoffte, sie würde ihm diesmal antworten.

„Das sind jene Schatten, vor denen wir gewarnt worden sind“, sagte sie trocken. Dann wurde der Kreis, den sie um beide Hylianer bildeten kleiner und kleiner und ihre abscheulichen, knochigen Hände mit langen, schwarzen Fingernägeln wurden sichtbar. Und mit einem Schnippen hatten sie alle drei jeweils eine mit Stahl beschlagene, lederne Peitsche in der Hand.

Noch bevor der Angriff kam, kreischte Link: „Duck’ dich, Zelda.“ Und die Peitschen flogen in die Richtung der zwei Hylianer. Sie rappelten sich beide wieder auf und schauten aufmerksam zu den Gestalten, die sich immer weiter näherten, verheerend näherten.

            Sie schwebten weiterhin in einem kleinen bedrohlichen Kreis um die beiden Kämpfer. Dann erhoben sie ihre Stimmen, die so kalt und grausam klangen, wie ihre Gestalten aussahen. Kratzige Töne wurden von irgendwelchen verrosteten Stimmbändern produziert, wie die Klänge eines alten Uhrwerkes, das schon seit Jahrzehnten nicht mehr geölt wurde.

            „Gebt’ her die Macht. Gebt sie her.“ Weder Link noch Zelda erwiderten etwas darauf und traten in den Kampf ein. Link schwang zornig sein Schwert. Die Klinge wanderte furchtlos durch den Körper einer Schreckenskreatur und doch konnte sie ihr kein Haar krümmen. Die Gestalt fauchte und stieß Link mit einer gewaltigen Magieattacke zurück. Er landete rücklings auf dem Boden, rappelte sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mist, dachte er, das Schwert zeigt keine Wirkung und Magie besitzen diese Viecher auch noch.

            Zelda versuchte ebenfalls ihr Glück und stach ihr Schwert in den Leib einer der Kreaturen. Sie erreichte genauso viel wie Link und wich dann den Peitschenhieben aus. Der hitzköpfige Held gab es nicht gerne zu, aber diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen und müssten fliehen.

„Zelda, so besiegen wir diese Bestien nicht“, schrie er. „Wir müssen fliehen!“ Aber die sture Prinzessin wollte nicht. Sie hörte nicht auf Link und wollte ihm wohl ein für allemal beweisen, dass sie nicht schwach war und vor keiner Gefahr davonlief. Aber gerade in diesem Augenblick hätte sie auf ihren Helden hören sollen. Die Stimme ihrer alten Weisheit schien angesichts ihres unhaltbaren Dickkopfes nichts mehr wert zu sein...

            „Ich kämpfe!“, schallte ihre helle Stimme durch die Luft und wütend schwang sie ihr Schwert gegen die Schatten der Götter.

            „Zelda, sei nicht dumm. Du setzt dich einer Gefahr aus, die über deine Kräfte geht. Wir müssen weg!“, brüllte Link und konnte ihre unverbesserliche Sturheit nicht verstehen.

            Sie ignorierte ihn und wich weiterhin den gefährlichen Peitschen aus, kämpfte mit ihrem Schwert gegen die Diener Ganondorfs und stach ihre Waffe ab und an in die schattenhaften Leiber ihrer Gegner. Aber nichts zeigte Wirkung.

            Gerade in dem Moment ließen die Kreaturen von Link ab und alle drei griffen Zelda an, die nicht mehr wusste, wie sie der Lage Herr werden sollte. Mit einem Hieb der Peitsche nahmen sie Zelda den Boden unter den Füßen, sodass sie laut quieksend auf dem Boden landete. Eine andere Schlinge wand sich um ihren Hals, beförderte sie auf die Beine und wirbelte die wehrlose Zelda durch die Luft.

            Link spannte schnell einen Bogen, durchtrennte das Leder der Peitsche und Zelda kam schreiend, aber ohne weitere Verletzungen auf dem Boden auf. Aufgeregt rannte der Heroe zu ihr, wehrte die Hiebe mit seinem Schwert ab, zerrte Zelda auf ihre Beine und packte sie entgegen ihres Willens an der Hand. Der junge Held sprang hinein in den Flusslauf und hetzte auf die andere Seite, hoffend, dass diese Biester sich vor Wasser fürchteten. Leider folgten sie ihnen und waren zu schnell auf ihren Schattenbeinen.

            Verdammt, so hilflos hatte sich Link lange nicht gefühlt. Wie nur sollte er Bestien besiegen, denen Schwertstreiche nichts anhaben konnten, die lediglich Schatten waren? Er hetzte hinter Zelda her und ließ sie bewusst vor ihm laufen, um sie, wenn nötig zu beschützen, aber was dann? Sie erreichten, halb ausgepowert, das andere Ufer und rannten zwischen Gestrüpp und anderen Sträuchern hindurch, stets nach hinten blickend, falls ihre Feinde sie einholten.

Sie flohen weiterhin, hörten die vibrierenden, gefährlichen Stimmen der Schattengestalten und wussten weder ein noch aus.

            Schreiend stürzte Zelda zu Boden, stand aber gleich wieder auf und rannte weiter. Angst stieg in ihr hoch, genauso wie in Link. Hilflosigkeit steigerte das Gefühl des Ausgeliefertseins. Sein Puls raste, seine Hände zitterten und die Luft wurde knapper und knapper. Sie konnten nicht ewig weglaufen.

            Und noch immer stand der Mond vor der Sonne, gab nichts von ihrem milden Schein wieder und hüllte ganz Hyrule in einer widerliche Dunkelheit.

            Nach wenigen Minuten erreichten die beiden Hylianer inmitten des Waldes eine kleine Höhle. Schnell hetzten sie hinein, schwiegen und hörten lediglich ihr beides aufgeregtes Atmen.

Link drängte sie in die hinterste Ecke und blieb direkt vor ihr stehen. Wachsam sah er durch die Dunkelheit hinaus, blinzelte durch die Öffnung der Höhle und versuchte jedes kleine Geräusch und jede Bewegung außerhalb zu registrieren.

 

Währenddessen trat Ganondorf über seine selbsterschaffene Pforte in Hyrule ein. Irgendwo in der Nähe des Schlosses der Königsfamilie betrat er endlich zu seinem unbeschriebenen Vergnügen hylianischen Boden. Noch immer herrschte pure Dunkelheit in der alten Welt, die er glaubte zu besitzen. Sein Ziel war es in den Schatzkammern der Königsfamilie einmal mehr magische Relikte an sich zunehmen.

Immerhin gehörte Ganondorf einer Bande sittenloser Diebe an und er begehrte Besitz und Macht schon seit vielen Jahrhunderten. Außerdem hatte er noch eine kleine Rechnung zu begleichen. Sein eigentliches Ziel stellte das Auffinden der Okarina der Zeit und dem Taktstock des Windes dar. Alles mächtige Gegenstände, die er vernichten wollte, sodass keine von Links Nachfahren oder Reinkarnationen einen Weg fände, diese Überbleibsel vergessener Jahrhunderte gegen ihn einzusetzen.

Seine Augen, erfüllt von blanker Machtgier beschmutzten mit einem seiner erniedrigenden Blicke den hylianischen Himmel, der genau das widerspiegelte, was in Ganondorf verborgen war- erdrückende Dunkelheit- vergessenes Elend- übertriebene Feindseligkeit gegen alles und jeden. Er begann abartig zu lachen und grunzte, wie es sich für einen Dämon von schwarzem Blut gehörte: „Soso... die Schatten der Götter sind unterwegs.“ Selbstverständlich freute ihn diese Tatsache, denn gerade er hatte sie aus der Schattenwelt befreit. Seitdem wandelten sie durch Hyrule- immer auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit.

            Der Mistkerl mit Namen Ganondorf wie er im Buche stand, kam mit einem weiteren selbstherrlichen Gelächter in der alten Schatzkammer, die tief in den Kellern des Schlosses verborgen war, an. Doch eine Sache hatte selbst er nicht bedacht...

Die Königsfamilie hütete erstaunliche magische Schutzvorrichtungen, denn gerade das hylianische Volk war für Magie in jeglicher Hinsicht berühmt, wie auch in der Art und Weise, wie es sie anzuwenden wusste. Und das Schloss besaß so einige Tücken, die Ganondorf nicht überwinden würde. Mit drohenden Funkeln in den feuerroten Pupillen stand er vor einem gewaltigen Problem. Die Schatzkammer wurde von einem gewaltigen, komplizierten Sicherheitsmechanismus versperrt, welcher durch einen Schlüssel und eine weitere Form der Magie aufrechterhalten wurde. Ganon schmetterte zahlreiche Energiebälle gegen jenes hohes Tor mit den vielen Ketten, Schlössern und Rätseln. Aber jeder Angriff endete mit einer Rauchwolke.

            Nach vielen Versuchen gab er schließlich auf und verließ Hyrule erneut, da er den blutenden Himmel in der wirklichen Welt wesentlich, und seinem kranken Hirn entsprechend, für sehenswerter, amüsierender und ästhetischer hielt.

 

Link und Zelda hatten immer noch mit den grauenhaften Schatten zu kämpfen und hielten sich geschickt in der Höhle versteckt, benahmen sich so leise wie nur irgendwie möglich. Sogar das eigene rasche Atmen versuchten sie zu unterbinden, das schnelle, aufgeregte Herzklopfen zu überhören.

Zelda fürchtete, die Schattengötter könnten sie allein durch das laute Pochen ihres Herzens hören. Sie zitterte. Sie hatte Angst. Sie wollte nicht mehr. Dann wollte sie sich am liebsten selbst eine Ohrfeige geben, da sie sich nur noch beschwerte und jammerte. Schon seit einigen Tagen war ihr alles zuviel.

Dabei gab es nur einen, der wirklich das Recht besaß sich zu beschweren... aber diese Person ließ sich von Angst, Mutlosigkeit und Müdigkeit mal wieder nichts anmerken. Aufmerksam stand Link in der Höhle, hielt sein Schwert fest in der Hand und achtete auf jede Kleinigkeit. Dann trat er leise zu Zelda heran und kniete vor ihr nieder. „Du kannst ruhig ein wenig schlafen. Ich... ähm... pass’ schon auf dich auf.“

Und Zelda konnte mal wieder nicht verstehen, wie er sich nach all’ den Diskussionen, die sie hatten, noch so liebevoll ihr gegenüber verhalten konnte.

„Ich kann gut selbst auf mich aufpassen“, sagte sie stur, noch bevor sie über den Sinn dieser Worte ernsthaft nachdachte.

            Link schüttelte frustriert den Kopf und machte es sich jetzt bequem. Mit geschlossenen Augen, nachdenklich, lehnte er sich an die kalte Wand der Höhle.  

            Einige Minuten verstrichen. Schweigen. Taube Worte…

            „Ich gehe mal nachsehen“, sagte Link zögerlich und wartete auf eine Bestätigung seiner Handlung von Zelda, die jedoch nicht kam. „Bleib’ in der Höhle, egal, was passiert, ja?“

„Nun geh endlich’!“, meinte sie mürrisch. Damit verschwand Link verärgert und tonlos.

            Schon wieder hatte sie ihn angeschrieen, schon wieder hatte sie sein Vertrauen enttäuscht. Es waren Worte, nur dumme Worte aus ihrem Mund, die sie ohne Anhalt von sich gab...

Und im nächsten Augenblick keimte unwiderrufliche Sorge um ihren Helden im Inneren der stolzen Hylianerin auf...

            Zelda überkam mehr und mehr ein mulmiges, stechendes Gefühl in ihrem Magen bei dem Gedanken daran, dass Link diese Biester alleine besiegen wollte. Sie sprang auf und wagte sich wenige Schritte aus dem Versteck heraus. Ungewissheit und Angst stiegen in ihr hoch. Das beunruhigende Gefühl in ihrer Magengegend wurde schlimmer. Dann überkam sie zusätzlich ein Stich auf ihrem rechten Handrücken. Auch das noch, murmelte sie in sich hinein und blickte zaghaft nach draußen.

            Die Dunkelheit außerhalb schien sich immer mehr auszubreiten und noch immer stand der Mond wie eine kalte Hand vor dem Licht von Hyrules Sonne. Diese Sonnenfinsternis dauerte länger als eine gewöhnliche- ein Zeichen unnatürlichen Ursprungs.

            Plötzlich ein Knacken. Ein berstender Ton. Weitere Geräusche. Zelda stieg wieder die Angst ins Mark. Ihren gesamten Mut aufwendend wagte sie sich nach draußen und blickte durch den grauen Wald, durch Bäume und Gestrüpp. Wo war Link nur? Vorsichtig tappte sie voran, lief immer zögerlicher, mit schwankenden Schritten an der rechten Felswand entlang.

Jeder Schritt hinterließ einen verräterischen Abdruck in Form von kleinen Geräuschen. Jede Bewegung könnte ihr zum Verhängnis werden und sie zu einem Festmahl der näherkommenden Gefahr machen. Zeldas Hand brannte, der Schmerz wurde schlimmer und schlimmer.

,Geh’ zurück’, sagte sie zu sich selbst. ,Verschwinde wieder.’ Aber es war zu spät. Sie konnte sich einfach nicht mehr rühren, stand wie erstarrt an der Felswand und hörte nur noch auf den Schmerz. War es nicht genau das, was Macht mit sich brachte? Elend und Harm, in allen Formen?

            Zelda rührte sich nicht mehr und brach erschöpft auf die Knie. Was war das? Sie fühlte sich, als ob man ihr die Energie nehmen würde, als ob sich irgendetwas an ihr laben würde- etwas teuflisches- bestialisches. Der Schmerz kam regelmäßig, mit jeder Sekunde gewaltiger, gieriger...

Vor Pein stiegen ihr Tränen in die Augen. Heftig presste sie mit ihrer linken Hand auf ihren schmerzenden rechten Handrücken, betend, der Schmerz würde verschwinden.

            Ein weiterer Laut schallte durch die Luft und Zelda erkannte ihn als Schrei von Link. Sie stand abrupt auf ihren Beinen und hetzte in die Richtung aus der jener Hall kam. Sie erreichte ein großes Stück Wiese und ihr Held stand mit dem Rücken an die Felswand gelehnt. Auch er musste Schmerzen in seiner Hand haben, sein Gesichtsausdruck verriet es. Geschockt blickte er zu Zelda.

„Du solltest doch in der Höhle bleiben!“, fauchte er.

„Warum? Damit ich von dort deine Schreie höre? Soll’ ich zu hören, wie sie dich umbringen?“ Er schwieg dann und schaute weg. Auch die Prinzessin brachte dann keinen Ton mehr heraus. Zaghaft lief sie zu Link und lehnte sich ebenfalls an die Wand.

            „Sind sie weg?“

„Weiß nicht“, meinte er stockend. „Der Stich in der Hand sagt mir jedenfalls nichts Gutes.“

            Kaum hatte Link sein letztes Wort ausgesprochen, kam ein Zischen, ähnlich dem einer Schlange aus dem Unterholz. Schnell sprangen die beiden Hylianer auf und sahen geängstigt in Richtung Wald. Innerhalb von Bruchteilen schlugen drei Peitschen aus der Dunkelheit hervor, die jedoch kein Ziel hatten.

Schützend stellte sich Link vor Zelda, die nur noch seinen Körper vor ihr und die kalte, kantige Felswand hinter ihr wahrnahm. Beaufsichtigend nahm der Heroe ihr die Sicht. Die Schattengötter jedoch standen aufgereiht vor ihnen, bereit auf ihre Opfer einzuschlagen. Unverhofft, noch ehe Link reagieren konnte, schlugen sie ihm mit einem heftigen Peitschenhieb das Schwert aus der Hand. Schockiert sah Link der Waffe hinterher, die sinnlos ein Stück weiter auf dem Boden lag.

Schmierig grinsend stellten sich die drei Gegner vor Link und Zelda in einem Halbkreis auf, bereit zuzuschlagen. Wieder riefen sie mit ihren kratzigen Stimmen: „Gebt uns die Macht, gebt’ sie her.“

            Erneut erwiderten beide Hylianer nichts darauf.

            Die Sekunden wurden immer länger. Zeit spielte im Augenblick keine Rolle mehr... und es geschah in diesem Moment, dass Link das erstemal dachte, es war vorbei...

Nichts als Worte, aber sie sagten alles aus, alles und doch gerade das Hoffnungslose. Es war vorbei. Die Rettung der Welt. Die Rettung Hyrules. Vorbei... Drei Peitschen setzten bereits zum Schlag an und sollten ihr Ziel nicht verfehlen.

Gerade da wurde Link seine Verantwortung gegenüber seinem eigenen Schicksal bewusst. Was, wenn er versagte? Was, wenn er derjenige sein sollte, der aufgab?

            Mit einem leichten Lächeln drehte er sich um, ein standhafter, ehrlicher Blick und Zelda begriff allmählich, aber entgeistert, was er vorhatte. Er lehnte sich an sie, umarmte sie und würde als lebendiges Schutzschild für Zelda dienen. Noch immer schmerzten ihre beiden Handrücken, sodass die Hylianerin ihre magischen Kräfte nicht nutzen konnte. Entschlossen stützte der junge Kämpfer seine Hände am kalten Gestein ab, wartete mit zusammengekniffenen Augen darauf, dass die Peitschen sich in seinen Rücken hineinfraßen. Und die Zeit schien still zu stehen.

            Zelda stand einfach nur da, zusammengedrängt, mit geweiteten Augen. Sie war nicht einmal in der Lage etwas zusagen. Geschockt blickte sie in Links Gesicht, der nicht mit der Wimper zuckte. Sie konnte es nicht verstehen, sie wollte es nicht begreifen. Warum tat er das? Sie war zu entsetzt, als noch klar zudenken oder ihn davon abzuhalten, sich für sie zu opfern.

            Und zornig glitten die Peitschen durch die Luft. Mit Stahl besetztes Leder traf auf grünen robusten Stoff und bohrte sich dennoch mit unglaublicher Wucht hinein in braungebrannte Haut. Ein markerschütternder Schrei hallte umher, endete in einem hastigen Atmen und Schnauben nach Luft. Noch ein Schlag, erneut ein Schrei. Und Zelda blickte mit Tränen in den Augen in ein erzwungenes Lächeln aus jenem Gesicht eines treuen Freundes, der alles für sie aufgeben würde...

            „Link...“, wimmerte sie, während tobende Schläge auf ihn niederprasselten und ihn dafür folterten, dass er jemanden beschützen wollte, den er wie nichts anderes auf der Welt brauchte. Zaghaft öffnete er seine tiefblauen Augen in einem Moment der Stille, stets bereit die nächsten Hiebe auf sich zu nehmen. Ein Schlag und ein Schrei, tief aus der Kehle eines Kämpfers ohnegleichen.

Und Link steckte weitere Schläge ein, ließ alles über sich ergehen. Inzwischen war seine Stimme heiser und die Folter kostete alles. Kraft, Willen und Luft. Sein gesamter Rücken brannte und immer wieder krachten die Peitschen auf ihn. Immer wieder wurde er bestraft für sein reines Herz, für seine Ehre und Edelmütigkeit.

Zelda blickte während der ganzen Folter in sein Gesicht, und nur schwerlich begriff sie den Sinn, fühlte mit jedem Schlag seine Schmerzen, fühlte, wie Links Körper bei jedem Aufprall zuckte. Sie sah Schweißperlen in seinem Gesicht glänzen, gefangen von dem leiderfüllten Ausdruck seines Gesichtes, welcher das vorher so friedvolle Lächeln abgelöst hatte. Seine Haare hingen zerstreut in den unergründlichen blauen Augen, die er sogleich wieder schloss.

            Die Peitschen stoppten und der Held brach einfach auf seine Knie. Unbewusst zerrte er auch Zelda mit sich.

„Oh... Link...“, schluchzte die einstige Königstochter und umarmte ihn dann innig, als er sich endgültig nicht mehr halten konnte. Aber er war noch bei vollem Bewusstsein, lediglich die Schmerzen nagten an seiner Kraft.

            Am Himmel gab es endlich einen Hoffnungsschimmer. Ein kleiner Riss bildete sich am Rand des Mondes. Eine Spur Licht durchbrach die Dunkelheit, als der Mond sich von der Sonne wegbewegte. Verärgert über das angenehme Licht zogen sich die Schatten der Götter zurück, verschwanden in dem Element, dass sie doch selbst waren...

            Sanfte Sonnenstrahlen bedeckten Links Gesicht, der inzwischen mit seinem Kopf in Zeldas Schoss lag. Seine Atmung beruhigte sich allmählich und der Schmerz auf dem Rücken klang ab. Noch hielt er seine Augen geschlossen, blinzelte aber, als er einen Wassertropfen auf seiner rechten Wange spürte. Eine Träne?

Wärmend blendete ihn das Licht der reinen Sonne, die ihm nun so kostbar erschien.

Er fühlte Zeldas sanfte Hände, die zärtlich durch seine Haare streichelten, dann über seine Stirn, zu seiner Wange. Er sah in Zeldas Gesicht, wo nur Tränen standen. Sie sagte nichts, sondern streichelte weiterhin über seine Wangen. Einmal mehr schloss er die Augen und ließ sich von Zeldas sanften Berührungen hinfort tragen. Die Blessuren am Rücken waren eigentlich zu dulden, wenn ihn diese sanften Hände verwöhnten...

            „Kannst du dich ein wenig aufrichten?“ Überrascht öffnete er seine Augen nach einer Weile und wäre doch beinahe auf Zeldas Schoss eingeschlafen. Er nickte, bemüht sich vorsichtig zusetzten und ließ seine Prinzessin nach den Schrammen schauen. Ohne weiteres knöpfte sie seine grüne Tunika auf und hob das blassgraue Hemd, welches seinen Rücken bedeckte, nach oben.

Die Striemen schienen nicht allzu tief zu sein. Dennoch waren die rötlichen Kratzspuren, da sich die Peitschen hinein in seine Haut gefressen hatten, kein schöner Anblick. Links ganzer Rücken war übersät von den Striemen. Zelda strich vorsichtig darüber und hörte sofort ein leichtes Stöhnen aus Links Mund.

            „Verzeih’...“, murmelte sie, da sie vielleicht zu grob war. Dann wühlte sie in ihren Taschen herum, vermutlich auf der Suche nach Verbandsmaterialien oder anderen Pflastern.

            „Zelda...“, meinte er dann. „In meiner Tasche sind noch Verbände.“ Aber sie hörte nicht auf ihn und durchkramte abermals die magische Tasche.

„Danach suche ich nicht, Link.“ Dann holte sie eine kleine bräunliche Schatulle heraus, die aus sehr merkwürdigen Holz bestand.

„Was ist das?“

„Eine Schatulle aus dem Holz des Dekubaumes angefertigt. Leg’ dich auf deinen Bauch.“ Link blickte sie verständnislos an. „Hey, du kannst mir ruhig vertrauen“, entgegnete Zelda leise angesichts Links fast ängstlichem Getue. 

            Mittels Zeldas Überredungskunst ließ er sich überzeugen und spürte dann etwas kühles, feuchtes auf seinen Wunden. Trotz der kalten, cremigen Masse war es angenehm und, womit Zelda auch die Schwellungen betupfte, es beruhigte das Brennen. Außerdem waren ihre Hände auf seinem Rücken ein weiterer Grund die Prozedur über sich ergehen zu lassen.

„Danke... das ist lieb von dir“, flüsterte der Held.

 „Nein... ich muss mich bei dir bedanken, Link. Du hättest mich nicht beschützen müssen, nach allem, was ich zu dir gesagt habe und was ich...“ Sie brachte es nicht über die Lippen.

„Schon gut. Ich habe mich auch wie ein Vollidiot benommen. Verzeih’ mit bitte, Zelda“, sagte er, richtete sich auf und knöpfte seine Kleidung wieder zu. Er drehte sich um und blickte in ein Paar traurige, blaue Augen.

            „Was ist das eigentlich für eine Salbe, die du da hast?“ Eine gute Frage, die jene beklemmende Situation zwischen ihnen wieder auflösen sollte.

„Eine magische Salbe für Wunden.“

„Cool. Hilft sie denn bei jeder Schramme aus?“

„Vielleicht.“ Sie durchwühlte wieder die magische Tasche, packte die Schatulle zurück, aber holte einen weiteren Gegenstand heraus. Ein Gegenstand so voller Erinnerungen. Link glotzte nicht schlecht, als sie eine blaue Okarina in der Hand hielt. Eine feine Triforcegravur zierte das Mundstück. Ein Blick und man hatte das Gefühl in der blauen Farbe, die ähnlich dem weiten, faszinierenden Himmel schien, zu versinken.

„Die Okarina der Zeit?“ Zelda nickte.

„Sie hat ihre Macht verloren, aber... ich konnte sie nicht einfach im Schloss lassen, da ich immer noch soviel mit ihr verbinde. Und Ganondorf würde sie vernichten, wenn ich sie einfach im Schloss lasse, das heißt, wenn er sich hier in Hyrule aufhalten sollte. Den Taktstock des Windes besitze ich auch. Möchtest du ihn dir anschauen?“ Aber noch verweilte Links Blick auf dem merkwürdigen Instrument in Zeldas Händen. Er war wie in Trance und hatte ein unnatürliches Funkeln in den Augen.

            „Link?“, betonte Zelda dann.

„Ähm...“ und, wie als wäre er aus einem Traum erwacht, ergänzte er: „Kann ich mal?“ Sie reichte ihm das Instrument. Er führte es an seine Lippen und spielte einige Töne. Der Klang war unglaublich und wunderschön... Link hatte noch nie einen solchen reinen, fast traurigen Ton gehört.

„Nimm’ sie ruhig. Sie hat sowieso immer dir gehört und niemandem sonst.“

„Wirklich? Ich kann sie haben? Ach, ich weiß.“ Er kramte seine eigene Okarina hervor, reichte sie ihr und sagte: „Lass’ es uns als Tausch sehen, ja?“ Sie nickte, ohne ihn anzusehen  und nahm im Gegenzug seine in ihre Hände. Dann spielten sie zusammen und ohne es richtig zu verstehen, spielten sie ein und dieselbe Melodie, einer die erste und der andere die zweite Stimme. Die Töne schallten durch die Luft, während in der Nähe von Link und Zelda auf den grünen Wiesen Schmetterlinge umhertanzten.

           

„Preston, Mortesk, habt ihr Informationen bezüglich der Weisen in Schicksalshort?“ Ganons Stimme wetterte mit ungeheurer Wucht in der Kirche herum. Er hatte im wahrsten Sinn des Wortes schlechte Laune, da er die Okarina der Zeit und den Taktstock des Windes noch nicht vernichtet hatte und ließ seinen Frust nun an seinen Untergebenen aus. Ja, seine hirnlosen Untergebenen, die mehr Angst als Respekt vor ihm und seiner dämonischen Seite hatten. Stirnrunzelnd ließ sich der Schreckensfürst in seinen selbsternannten Thron fallen.

„Nein, leider nicht, mein Lord... Es scheint als hätten die Weisen unter der Führung des verfluchten Shiekahweibsbildes die Flucht ergriffen und die Stadt verlassen.“ Ganon verengte seine feuerroten Augen zu Schlitzen und ließ seine geladene rechte Faust auf die Armlehne niederkrachen, sodass Holz splitterte.

„Wie dumm bist du eigentlich, Mortesk?“ Aber der Skelettritter schaute nur schmollend und vor Furcht, Ganondorf könnte kurzen Prozess mit ihm machen, zu Boden.

„Ich habe eine Aufgabe für dich, du nutzloses Häufchen Knochen. Rufe die flammenden Tornados herbei. Ich habe das Gefühl der grünbemützte Gartenzwerg befindet sich auf dem Weg nach Osten, in seine alte Heimat. Es sollte für ihn ein Vergnügen sein, zu sehen, wie Hyrule und Kokiri in Feuer aufgehen... haha...“ Einmal mehr schallte Ganons abartiges Gelächter durch die Kirche und die Wände erzitterten.

            Preston, der die gesamte Zeit über kein Wort verloren hatte, und immer noch das Geheimnis über Zeldas Leben vor seinem Meister verbarg, drehte sich gerade um und lief in Richtung Ausgang, als sein Herr und Gebieter die alte Holztür mit einem magischen Schlag zuschmetterte. 

„Ich habe dir nicht erlaubt dich zu entfernen, du Verräter“, drohte Ganondorf und zwang den Jugendlichen mit einer Handbewegung auf seine Knie. Dann bewegte sich Preston fast von alleine zurück zum Thron des angeblichen Gottes dieser Welt...

Der Schweiß trat Preston über die Stirn, als Ganon erneut das Wort Verräter in seinen schleimigen Mund nahm. „So nennt man Dummköpfe, die mich zu hintergehen glauben.“ Er stand auf, breitete seine Arme. Sein dunkler Mantel wallte sich schwungvoll aus. Dann konnte sich Preston nicht mehr rühren, als ob Ketten um seinen ganzen Körper lagen.

Ganon lief schmierig grinsend auf ihn zu: „Gesindel wie du es bist, ist schwach. Ihr Menschen seid alle schwach. Ohne Magie bist du nichts und ohne Leben noch viel weniger, Verräter.“ Dann schlug der Schreckensfürst dem Schüler der Oberstufe direkt ins Gesicht, sodass seine Lippe blutete. Ohne weitere Vorwarnung wurde Preston durch die Luft befördert, landete schreiend an einer kalten Steinwand und spürte die Spitze eines scharfen Gegenstandes, der sich in sein Rückrat bohrte. Blut tropfte von seinen Mundwinkeln und von seiner Nase. Gelächter aus dem Munde eines Bastards schallte umher und es war alles, was Preston noch hören konnte.

            Verräter... ja, das war Preston in der Tat. Denn Ganon wusste letztlich doch um die Existenz Zeldas. Jene Schatten, die er persönlich mit Macht ausgestattet hatte, brachten ihm die Neuigkeiten vor wenigen Minuten.

            Der Meister der Dunkelheit lachte erneut, erfreute sich daran, wie Preston litt und empfand pures Vergnügen bei dem Gedanken daran, dass es nur noch eine Frage der Zeit war und er Zelda in seiner Gewalt hatte. Einmal mehr in seiner Gewalt und diesmal würde er ihr jene Kraft rauben, die immer noch in ihrem Blut steckte- jene Magie des königlichen Blutes von Hyrule.

            Preston schaute mit verschwommenem Blick nach oben, sah Ganon, der ketzerisch lachte und seine muskelbepackten Arme in die Höhe hievte. Der junge Oberstufenschüler spuckte Blut, aber hatte immer noch ein Grinsen auf dem Gesicht.

Dann flüsterte er: „Seid ihr euch wirklich sicher, das jenes Mädchen, welches Link begleitet, Zelda ist?“, hustete Preston und  unnatürlicher Schleim tropfte von seinen Mundwinkeln. Ganondorf zwinkerte kurz und schaute zu dem Jugendlichen hinauf. „Schweig’ oder du bist endgültig des Todes.“ Aber Preston lachte dann ebenfalls. Ganon ergriff einen Dolch und schickte Preston diesen direkt in sein Gesicht. Die scharfe Klinge traf dessen rechtes Augen, wanderte tiefer hinein in Prestons Kortex... Und er schwieg endgültig, stöhnte ab und an, während Blut an der kalten Wand der Kirche entlang wanderte... 

 

Bei Impa und den anderen Weisen war alles in Ordnung. Sie saßen alle nachdenklich mit ernsten Gesichtern an einem runden Tisch. Inzwischen hatte Sian nach weiteren Überlebenden gesucht, die allesamt in den Kellern von Ines Zuflucht gesucht hatten, auch einige Freunde, Familienmitglieder von Richard, Naranda, und den anderen waren anwesend, und sie unterstützten ihre Angehörigen so gut es ging.

Ines hatte trotz allem einen sehr besorgten Ausdruck auf ihrem stolzen Gesicht. Rutara bemerkte dies und gab ihr einen Stups. „Hör auf’ dir Sorgen um Zelda zumachen. Soweit ich weiß, gibt es jemanden, der sie bis in die tiefste Gefahr hinein beschützt.“

„Das ist mir klar... aber was, wenn er zuviel riskiert?“ Auch Rutara schaute dann trübsinnig weg. Ja, sie wusste genauso wie Impa und allen anderen, dass Link vielleicht eines Tages wegen Zelda zuviel aufgeben würde. Genauso wie Sara, die aufstand und ihre aufkommenden Tränen verbarg. ,Komm bitte heil zurück, mein Brüderchen’, sagte sie in ihren Gedanken...

 

Und es schien als ob Link ihre Worte in seinen Träumen gehört hatte. Es war spät. Mitternacht war lange vorbei und Nebel lag über der Steppe. Nach einem langen Fußmarsch, da Namenlos nicht wieder aufgetaucht war, gelangten Zelda und Link in die Nähe einer alten Ruine. Sie hatten es sich in einer alten Scheune inmitten von Heu bequem gemacht.

Sicherlich hätten sie ebenso in den Ruinen übernachten können, aber einladend sahen diese nicht aus und wer wusste schon um die möglichen Geister, die dort vergangenen Zeiten nachhingen.

            Zelda war früh eingeschlafen, lediglich Link wurde ab und an wach. Er fand einfach keine Ruhe, wälzte sich hin und her und wurde zudem schmerzhaft an seine Wunden erinnert. Mühsam  entfachte er das Licht seiner Öllampe und wagte einen Blick zu dem schlafenden Engel neben ihm. Der traurige Morgen kam wieder in sein Gedächtnis zurück und ihr Verhalten nach dem... Vorfall...

Er hätte soviel mehr aufgegeben, um sie zu beschützen... Sachte richtete sich der junge Held  auf und entledigte sich seiner Oberbekleidung, da der Stoff auf den Wunden sich immer unangenehmer anfühlte, brannte und kratzte. Link stand auf und schlich hinaus in die pure Dunkelheit, um ein wenig herumzulaufen.

Vielleicht könnte er danach endlich Ruhe finden.

Der Nebel außerhalb war äußerst verdächtig, aber nicht zu dicht.

Link konnte deutlich die verfallenen Türme der Ruine erkennen und lief einige Schritte darauf zu. Als er einen genaueren Blick zu dem einen hohen Turm warf, sah er ein Leuchten aus dem obersten Stockwerk. Nanu? Wer konnte das sein? Was konnte das sein? Einer von Ganons Vasallen oder ein Gespenst?

            Link zog sich einen weiten waldgrünen Pullover über und schlich unbemerkt durch die Nacht, hinauf zu dem alten Turm. Irgendetwas zog ihn wie magisch an. Jemand wartete da oben auf ihn, das spürte er... aber wer? Und wieso?

            Link trottete langsam irgendwelche, einsturzgefährdeten Treppen hinauf und gelangte in einen großen Schlossinnenhof. Von dort aus wirkte das Licht in dem Turm noch heller und mysteriöser. Er fand einen Eingang, wo es keine Tür mehr gab. Tiefe Dunkelheit erwartete ihn, aber er lief hinein. Er leuchtete umher mit seinem winzigen Licht, entdeckte viel Unrat, allerlei Spinnweben und durchquerte eine alte Halle. Dort führte eine aus Holz bestehende Wendeltreppe hinauf in den Turm, wo das Licht herleuchtete. Link folgte seit geraumer Zeit den Wendeltreppen und sie nahmen einfach kein Ende, aber er hatte das Gefühl, jemand erwartete ihn, jemand, der sehr viel mit ihm zutun hatte.

            Link erreichte das oberste Stockwerk und stand vor einer weiteren Holztür, die aber keinen Türgriff besaß. Sie war jedoch nur angelehnt und ein milder Kerzenschein warf sein Licht hinaus zu dem Treppenaufgang, hinaus zu Links Gestalt. Vorsichtig schob er jene grifflose Tür ein Stückchen in das Innere des Raumes.

„Tritt ein, Held. Ich dachte schon, du würdest nicht mehr erscheinen... nicht mehr an diesen Ort finden, wo doch so viele Antworten auf dich warten.“ Eine fremde und doch angenehme Stimme erschallte, die fast klang wie das Rauschen des Windes. Und doch klang sie standhaft, zuversichtlich, tapfer...

Link trat ein und schob die Tür hinter sich wieder zu. Auch wenn es merkwürdig klang, er fühlte sich, als ob er sich hier vor nichts und niemanden fürchten bräuchte, nicht einmal vor Ganondorf. Angst und ihre vielen Gesichter schienen hier keine Macht mehr zu haben.

            Bedächtig schaute er sich um. Der Raum war äußerst gemütlich und geschmackvoll eingerichtet. Ein Bett, ein Schrank und erstaunlich viele rote Vorhänge an den fünf gleichgroßen Fenstern, die in dem runden Raum an jeder Wand einen Blick nach draußen gewährten. In der Mitte stand ein etwas größerer Tisch, auf dem eine Glaskugel stand. Bin ich bei einer Wahrsagerin gelandet, fragte er sich und nahm dann Notiz von einer Person, die einen dunkelgrünen Umhang trug. Sie stand an einem der fünf Fenster und schaute genau zu der Heuhütte, wo Zelda schlief.

„Diese Nacht droht für sie keine Gefahr, Held.“ Und wieder fühlte Link jenes merkwürdige Gefühl in sich, etwas trauriges, aber angenehmes.

„Nicht diese Nacht...“ Und es schien, als ob das Feuer der Kerzen in dem Raum bei ihren Worten zuflackern stoppte, als ob kein Wind mehr wehte, allein, wenn sie die Stimme anhob.

„Nimm’ Platz, Held, es gibt Dinge, die du wissen musst. So lausche meinen Worten, wenn du gewillt bist zuzuhören...“

„Ich bin gewillt“, sagte Link leise und fühlte sich so unwirklich, als ob er lediglich eine Figur wäre- wie jener Link aus dem Zeldaspiel. Aber war er denn jener Link?

            Der junge Hylianer setzte sich an den Tisch auf einen der alten Holzstühle mit ihren hohen Lehnen und blickte zu der Dame mit dem grünen Umhang. Dann drehte sie sich um und setzte sich zu ihm an jenen Tisch. Sie legte ihr Kapuze ab und Link erkannte dieses Wesen nun aus einem seiner Träume. Sie besaß Augen ohne Pupillen, ohne Regenbogenhaut, ein blasses Gesicht und ein goldenes Dreieck zierte ihre schmale Stirn.

„Glaubst du, du lebst in einem Traum, Held?“ Und obwohl Link nicht wusste, ob sie ihn ansah, da ihre Augen alles ansehen konnten, schaute er zurück und sagte ehrlich: „Ich bin mir nicht mehr sicher...“

„Oder lebst du nur, weil du annimmst eine Spielfigur zu sein?“ Erneut dieses Rauschen, das Link aber ungemein beruhigte. Er wollte nicht unhöflich sein und diese ältere Frau um ihren Namen fragen, aber neugierig war er eben immer.

            „Auch das... weiß ich nicht mehr.“, meinte er dann und unterband seinen Wissensdurst. Er schaute zerstreut in die Glaskugel.

„Zeit und Schicksal, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in Hyrule nicht das, was dir die Welt glauben macht zu sein. Selbst ein Spiel kann auf seine Weise wirklich sein... und was du für Wirklichkeit erachtet hast, erachten wirst, gibt sich nur als Spiel preis. Deine Geschichte, Held, ist sie denn jemals mehr als ein Spiel und doch wirklich für dich, wirklich für Zelda und viele andere?“ Link schüttelte mit dem Kopf und schaffte es irgendwie nicht, dieser Dame eine Frage zustellen, als ob er viel zuviel Respekt vor ihr hatte. Dabei hatte er doch sonst vor niemandem Respekt... 

            „Du möchtest wissen, was geschah, du willst erfahren, was es mit Hyrules Geschichte auf sich hat... ich kann es in deinem Herzen sehen.“

Link nickte. „So höre, was du niemals mehr vergessen wirst...“

Und dieses mächtige Wesen begann zu erzählen: „Einst, als die Macht zerbrach, wuchs Streit in den alten Herzen jener Götter, die die Macht erst erschufen. Krieg unter den Göttern, da nicht der, der Kraft erhaben war, auserwählt sein sollte, diese zu tragen. Nur Nutzen er aus seinem Fragment zog und jene Macht ausbeutete, sodass eine der Göttinnen selbst nicht mehr dieselbe war. Streit unter denen, die Hyrule zum Leben erweckten...“

Link verfolgte aufmerksam ihre Worte.

            „Nach Hunderten von Jahren, die ins Land zogen, verging jener Streit, Schwesterliebe trat an ihre Stelle und ein neuer Plan wurde erschaffen. Doch das Böse, auf der Spur, dass die Göttinnen ihm seine vermeintliche, ungerechtfertigt erhaltene Macht stehlen wollten, zurückforderten, erweckte die Schatten der Götter. Jene verfolgen nun euch, da ihr noch Macht besitzt, jene Macht von Mut und Weisheit, die sie sich einverleiben bedürfen, um die wahren Götter, nicht länger jene Schatten, zu sein. So hütete euch vor unseren Schatten, denn sie verbergen sich im Feuer, im Wind und sogar in der Zeit...“ Link war sprachlos. Es schien, als würde diese alte Dame seine Gedanken lesen, weil er genau dieses Wissen haben wollte.

            „Die Augen des Schattens von einer jener Gottheiten begegneten dir bereits in deiner Welt und du konntest nicht gegen sie kämpfen, noch wusstest du, um die Gestalt hinter dem Feuer.

Jetzt hütet euch, denn sie begehren eure Kräfte, eure Mächte, die nur euch zustanden, die rechtmäßig euch zustanden. Und ihr fühlt ihre Anwesenheit wie jene des Bösen mit den Überbleibseln einer Macht, die immer noch teilweise in euch steckt. Ein Brennen. Ein Stechen, gerade dort, wo die Macht einst ruhte...“

„Das hat es also mit dem Schmerz auf dem Handrücken auf sich... und was ist mit dem angenehmen Gefühl?“ Die Dame hatte für einen kurzen Moment echte grüne Augen, bevor diese wieder in den Nebeln verschwanden.

„Das ist mir nicht bekannt. Ein angenehmes Gefühl bringt Macht wohl nur denen, die sie begehren... wohl scheint diese Empfindung unabhängig von der alten Macht zu sein...“ Link fand sich damit ab und wich dem Blick des Geschöpfes aus.

            „Hyrule und die Erde sind sich gar nicht einmal so unähnlich. Wer weiß, ob nicht auch du als gewöhnlicher Jugendlicher einer Oberstufe nur eine Spielfigur bist. Kannst du es mir sagen? Kannst du es dir selbst sagen, ohne Zweifel? Höre...“ und ihre Stimme wurde lauter: „Hyrule ist kein Traum, nicht hier, Hyrule ist keine Illusion, nicht hier, und Hyrule ist keine Vergangenheit... es ist stets da und doch nirgendwo... vielleicht am Ende des Universums, wenn es doch nicht so unendlich ist, wie die Menschen annehmen.“ So allmählich verstand Link kein Wort mehr von dieser Dame...

            „Die Geschichte Hyrules zu verstehen, bedarf eines Menschen Lebenszeit und ich könnte dir noch weitere Antworten geben, wenn du nach ihnen streben wolltest. Doch wisse, es könnte tausend mehr Fragen in deiner Seele entstehen lassen, Link.“

Er schüttelte unbewusst mit dem Kopf und sagte leise: „Bin ich denn derselbe?“

„Nein... du wirst so gut wie nie derselbe Link sein und Zelda fast nie dieselbe Zelda und doch verbindet ein starkes Band die Auserwählten, die Kinder des Schicksals. Ein Band der Zuneigung, das sich nicht erklären lässt, vielleicht ein Band der Freundschaft oder ein Band der Liebe...“

Link sah weg und scheute den tiefgründigen Blick dieser allmächtigen Persönlichkeit. Hoffentlich erkannte sie nicht die wirkliche tiefe Zuneigung, die er nun mal einfach für Zelda empfand, egal, wie sehr sie ihn verletzte, egal, wie sehr sie sich distanzierte.

            „Wird es für Hyrule noch einmal eine Zukunft geben?“

„Hyrule trägt immer ein Gesicht und egal, wie weit die Wiesen sind, wie groß die Gebirge, wie rein die Seen und Flüsse, wie tief die Täler und wie froh die Menschen... ja, sicher wird auch Hyrule eine Zukunft haben, die du vielleicht erleben kannst.“ Hyrule war eine ewige Geschichte, keiner weiß genau, wann sie begann und wann sie endete... so langsam verstand Link, was man ihm mitteilen wollte.

Er könnte Hyrule in Frage stellen, er könnte diese Welt wieder vergessen, aber sie würde dennoch existieren, ob nun als Spiel oder als eine Wirklichkeit für Spielfiguren. War es denn so wichtig, zuwissen, warum Zelda in seine Welt gelangte? War es noch von Bedeutung zu wissen, warum es auf der Erde Sieben Weisen gab? Nein, vermutlich nicht. Es war nun mal geschehen und Link war der nächste Auserwählte in der Blutlinie des Helden. Es schien nicht mehr von Wichtigkeit die Vergangenheit bis ins Detail zukennen...

Link lächelte leicht und erkannte daraufhin auch die Spur eines Lächelns in dem Gesicht der merkwürdigen Gestalt ihm gegenüber. „So wie ich sehe, konnte ich dir die Antworten geben, nach denen du verlangst.“

„Ja, so langsam verstehe ich...“

            Link stand auf und lief zu einem Fenster und schaute jetzt auch auf die kleine zerrüttete Hütte, wo Zelda schlief. „Sie wird in Gefahr sein... habe ich Recht?“

„Ja, die Prinzessin Hyrules wird leiden, Link.“

Er drehte sich um und sagte lauter, mit voller Entrüstung: „Aber das hat sie nicht verdient. Hat Zelda nicht schon genug gelitten? Was...“

Und plötzlich bildeten sich wahre, grüne Augen in den weißen Glaskörpern, die vorher weder Pupille noch Regenbogenhaut aufwiesen. „Es tut mir leid, Link, aber nicht einmal ich, als deine Schutzgöttin, könnte ihr Schicksal aufhalten.“ Schutzgöttin, soso, Link begriff nun, weshalb er dieser Person sein Vertrauen entgegenbrachte und er sie so gut leiden konnte. Links Blick wandelte sich und Kummer lag darin. „Ich wünschte, ich könnte ihr irgendwie helfen...“

„Das tust du bereits... du hast ihr schon mehr geholfen, als du es für möglich hältst und sie ist dir sehr dankbar, Held...“ Link nickte stumm und ein sanftes Lächeln zeigte sich auf seinem charmanten Gesicht. Auch das Goldene Dreieck auf der Stirn der Göttin verschwand und nun wirkte sie wahrhaft menschlich.

            „Ich... empfinde zuviel für sie“, murmelte er, sicher, er dürfte jenen starken Gefühle für sie nicht nachgeben.

„Ja, du empfindest... du fühlst... “ Auch die Gestalt stand auf und legte eine Hand auf seine Schulter. „Gerade das macht eure Verbindung noch stärker. So höre... es ist kein Fehler so zuempfinden.“

Link schloss seine Augen und sagte leise: „Ich...“ Ein Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht der Person, bevor sie ihre Kapuze wieder über ihren Kopf zog. Es war nicht ihre Aufgabe, dieses Wissen zu besitzen.

„Noch etwas, Held, ich danke dir und Zelda für die Rettung meiner Schwester... nun bleibe nur noch ich übrig. Auch ich bin noch gefangen gerade dort, wo ich beginne unwirklich zu sein. Was du hier siehst, ist nicht meine wahre Gestalt.“ Himmel, träumte Link etwa schon wieder? „Es wird Zeit für mich zugehen. Denn da du verstanden hast, kann ich erneut dorthin zurückkehren, wo ich nicht wirklich bin...“

            „Wir werden auch Euch helfen“, sagte Link dann. Jetzt, da dieses weise Wesen in sein Herz gesehen hatte und ihn beruhigen konnte, wollte er ihr als Gegenleistung ebenso helfen.

„Das obliegt nur dir, Link. Hab’ Dank.“ Und der junge, gutmütige Hylianer nickte.

„So ist denn Zeit für mich, mein Schicksal anzunehmen.“ Und langsam verblasste ihr Bild vor Link. Die Kerzen gingen aus und das gesamte Zimmer besaß nicht länger die Einrichtung wie vor wenigen Minuten. Die Vorhänge verschwanden, der Tisch, die Stühle und sogar der samtige Teppich auf dem Boden.

„Wartet!“, rief Link, bevor das Wesen sich ganz in Luft auflöste, „Ich habe noch eine Bitte! Wie können wir die Schatten der Götter besiegen?“ Das Wesen bewegte ein letztes Mal seine Lippen, ein Rauschen kam hervor, doch es waren keine Worte der Wirklichkeit, ebenso wie sie es prophezeit hatte. Sie verschwand dorthin, wo sie unwirklich zu sein schien...

Link stand nun in einem völlig leeren Raum, leise wehte der Wind über die geöffneten, alten Fenster hinein, während noch immer Nebel über der Ruine lag.

 

Ganon verteilte zu jenem Zeitpunkt an einem anderen Ort als der Kirche Aufträge an seine Untergebenen, sie mögen Zelda so schnell wie möglich zu ihm bringen. Lebendig wohlgemerkt, da er mit ihr noch etwas vorhatte. Einige Moblins, geflügelte Späher, Skelettritter unter Führung von Mortesk und gekreuztes Gesindel schickte er sogleich los, auf das sie ganz Hyrule nach Link und der Prinzessin absuchen würden.

            Prestons Wunden waren inzwischen durch seine dämonische Kraft geschlossen, aber sein rechtes Augen hatte er verloren. Zusammengekauert saß er in einer Ecke in der Kirche Schicksalshorts und würgte violetten Schleim aus seinem Körper.

Ein Ableger dessen, was Ganon ihm angetan hatte, sodass er zu einer Kreatur des Bösen mutierte. Er stand auf und lief schwankend aus der Kathedrale heraus. Er hatte ein Ziel. Er wusste nun, was er tun würde. Auch er betrat eine Pforte nach Hyrule auf der Suche nach Zelda und ihrem Helden.

 
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