Kapitel 48
 

Kapitel 48

 

 

 

 

Auch, wenn es früh am Morgen war, so hielt Link es für nötig ein Feuer zu machen. Aufgewühlt und nervös wühlte er zwischen den Stöcken herum, kramte nach seinem Feuerzeug, das er irgendwo hingepackt hatte, aber nun schon mehrere Minuten suchte.

Er hatte Zelda in zwei dicke, pelzige Decken eingewickelt, nachdem er ein Dutzend Mal die Wunde begutachtet hatte, nur um sicher zu gehen, dass sie auch ja dabei war zu verheilen und keine Blutung einsetzte. Er fand das Feuerzeug in einer magischen, bodenlosen Tasche. Flammen loderten wenig später munter hin und her.

            Nervös und zitternd widmete Link sich wieder seiner Prinzessin und ihrer Wunde. Er hatte die Verletzung noch nicht verbinden können, würde dies aber jetzt nachholen.

Er trug seine Prinzessin in die Nähe des Feuers und schlug die Decken auf.

„Zelda?“, sagte er leise. „Mein... Engel...“ Er strich einige blonde Strähnen aus ihrem bleichen Gesicht hinter ihr spitzes Ohr.

Es würde sicherlich noch lange dauern, bis sie ihre Augen wieder öffnete. Und doch war gerade das im Augenblick der sehnlichste Wunsch eines Helden, der für seine Prinzessin Tausende Meere übersegelt hätte.

Schmerzlich wurde Link bewusst, wie sehr er sie doch brauchte. Wenn er sie verloren hätte... dann wären mit ihr auch seine Willenskraft weiter zu kämpfen, sein Mut und seine Hoffnung gestorben. Er hätte nicht mehr kämpfen können... Er würde aufgeben, wenn sie ihn verlassen hätte und nichts in der Welt wäre ihm ein Ersatz für seine geliebte Zelda. 

            Er betrachtete sich ihr zerfetztes blaues Gewand und überlegte, wie er die Wunde am besten verbinden könnte, fühlte sich unfähig und wie ein Held, der seine Ideale verraten hatte. Denn er versagte sie zu beschützen... er versagte...

            Vorsichtig lehnte er Zelda mit dem Rücken an einen Baum, bemüht sie nicht unnötig aufzuwecken. Es war vielleicht besser, sie schlief und ertrug die Schmerzen nicht bei vollem Bewusstsein.

            Dann tauchte Navi unverhofft auf und gab Link einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Du schon wieder...“, murrte er, aber nicht verärgert, sondern eher erfreut sie zu sehen.

„Hast du die Wunde schon verbunden, Linky.“ Er schüttelte nur verlegen mit dem Kopf. Dann wurde Navis Grinsen immer breiter, und ihre Mundecken stießen beinahe an die spitzen Ohren ihres Kopfes.

Dann kicherte sie und brachte lautstark hervor: „Hahaha... ich kann mir schon denken warum. Du bist zu feige ihr das Gewand auszuziehen... hahaha.“ Belustigt zeigte sie mit dem Zeigefinger auf ihn und lachte erneut herzhaft.

            Fassungslos, dass Navi ihn schon wieder durchschaut hatte, klappte sein Mund auf. Link schaute verlegen zu Boden und fand nicht die Worte, um Navi jetzt Kontra zu bieten. Zelda war schließlich eine Lady, war der einzige Gedanke, der ihm einfiel. Es gab im Augenblick anderes als diese dummen, lächerlichen Witze. Vor wenigen Minuten noch ging es um Leben und Tod. Wie sollte Link jetzt noch auf Navis Witze antworten?

            „Ich...“, sagte er, aber fand einfach kein Lächeln. „Ich möchte mich bei dir bedanken, Navi. Wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte Zelda nicht überlebt. Ich hätte ihr nicht helfen können.“ Trübsinnig setzte sich der junge Held und zeriss vorsichtig die blaue Bluse an ihrer rechter Seite.

            „Aber Linky?“, sagte Navi irritiert. Er war niedergeschlagen, das wusste sie und sie verstand sehr wohl die Sorgen, die er sich um Zelda machte. Aber, dass seine Gefühle ihr gegenüber so tief gingen, hätte sie nicht gedacht...

            Navi hörte schlagartig auf zu kichern und setzte sich zu dem einstigen Kokirijungen an das Feuer.

„Das machst du gut. Zelda empfindet bestimmt keine Schmerzen, wenn du so umsichtig bist. Die Wunde ist nicht so tief, wie du dachtest, Linky.“ Er nickte nur. Sie wagte einen Blick in sein Gesicht und da war er wieder... sein Blick... er wirkte so mitgenommen...

Sie war doch am Leben, was wollte er mehr? Warum machte er ein Gesicht, als ob er am Untergang Hyrules die Schuld tragen würde?

            „Linky? Ist irgendetwas mit dir?“

Er schüttelte mit dem Kopf, aber eine einzelne Träne verriet ihn dann doch. Er ließ kurz von Zelda ab.

„Link?“ Er schaute Navi an, da sie das erstemal auf die überflüssige Silbe in seinem Namen verzichtete.

„Du verstehst das nicht, Navi, wenn Zelda... wenn sie...“

„Nun sag’ es endlich. Ich frage mich, warum du diese Worte nicht über die Lippen bringst.“

„Verdammt Navi, ich...“

„Ja?“ Und Navi hielt eine Hand an ihr Elfenohr, um sich zu vergewissern, dass er es jetzt wirklich sagen würde. Sie grinste und in dem Moment wirkte sie erstmalig wie ein kleines Feengeschöpf, denn ein milder Schein der Wärme und des Lichtes umgab sie.

            Link schloss seine Augen und formte die Worte mit seinen Gedanken, um zu testen, wie sie sich anfühlen. Dann platzte es aus ihm hervor, wie als könnte er sich selbst nicht mehr zügeln.

„Ja, ich liebe sie.“ Er stand genervt auf und wiederholte lauter: „Verdammt noch mal, ich liebe sie, schon immer, seit ich denken kann, ist sie in meinem Kopf. Und bei allen, verdammten Göttern Hyrules, ich liebe sie einfach! Ich kann mir nicht vorstellen, jemals aufzuhören, sie zu lieben! Zufrieden?“

            „War das so schwer?“ Er schüttelte den Kopf und schaute verlegen weg. „Na, dann wirst du meine Hilfe wohl nicht länger benötigen. Ruh’ dich aus, nachdem du Zeldas Wunde verbunden hast. Ich schaue später noch mal vorbei.“

„Ähm, Navi?“ Und das aller erste Mal berührte Link die Hand des merkwürdigen Kindes.

„Danke für alles...“ Sie nickte und löste sich vor seinen Augen im Nichts auf.

            Link kümmerte sich wieder liebevoll um seine Prinzessin. Er beugte sich über sie und lehnte sie nun gegen seinen eigenen Brustkorb, da er am Rücken unbedingt den Reißverschluss ihrer blauen Bluse öffnen musste. Keine Zeit für Peinlichkeiten. Navi hatte vollkommen recht. Entweder er überwand seine Schüchternheit ihr gegenüber; oder sie würde sich noch irgendwelche schlimmeren Folgen an der Wunde holen. Mit Infekten ist schließlich nicht zu spaßen.

            Er streifte vorsichtig das in Blut getränkte, zerrissene Gewand über ihren Kopf, stets bemüht sie zu keiner überflüssigen, schnellen Bewegung zu zwingen. Achtsam legte der junge Held sie mit dem Bauch auf eine dunkle Decke und kramte nach dem Verbandsmaterial.

Sorgfältig betrachtete er sich die Wunde und konnte gar nicht beschreiben, was diese seltsame Flüssigkeit der Quelle bewirkt hatte.

Die Wunde hatte nun eine silbrig-rosa Farbe, aber nirgendwo war Blut, nirgendwo der Ansatz eines Grindes... als läge eine unsichtbare Schicht über der Wunde, die nichts hinein und nicht hinaus ließ.

            Link beförderte Zelda umsichtig aufrecht und lehnte sie wieder gegen seinen eigenen Oberkörper.

Stück für Stück verband er die Wunde, legte die Bandagen abwechselnd um ihre Schulter und um ihren Bauch und schnürte diese sachte zusammen. Er bedeckte Zelda in seinen Armen gefühlvoll mit einer Decke, als sein Blick wieder zu ihrer zerfetzten Bluse wanderte. Nein, sie konnte dieses Stück Stoff nicht mehr tragen. Außerdem würden sie sehr bald in die Nähe von Zoras Reich kommen. Link nahm an, dass es dort kühler sein würde und hatte dann eine Idee. Seine Prinzessin brauchte bestimmt etwas wärmeres...

            Er wühlte in seinen Sachen herum und fand einen dunkelgrünen Pullover aus dickem Stoff mit Rollkragen. Der würde sie sicherlich warm halten, dachte Link und zog ihr den Pullover einfach an, auch wenn er einige Nummern größer war. Doch gerade das machte Zelda für ihn noch verletzlicher, noch empfindsamer. War sie in der Lage diese Schmerzen durchzustehen? Und sie musste Schmerzen haben, denn ab und an zuckte sie und stöhnte leicht im Schlaf.

            Auch Link musste sich eingestehen, dass er nun Ruhe bräuchte. Mit Zelda in seinen Armen und mit einigen unbezwingbaren Tränen in den tiefblauen Augen schlief er für viele Stunden ein.

 

Fünf Stunden später wurde er von Navi geweckt, die wie versprochen einmal mehr vorbeigeschaut hatte. Sie wunderte sich zunächst über den grünen Pullover, den Zelda trug, lächelte jedoch.

            „Und Linky, geht’s dir jetzt ein wenig besser?“

Er nickte zwar, schien aber eine Spur verbittert über ihre Wortwahl: „Solltest du nicht Zelda fragen, wie es ihr geht, statt ihren unfähigen Beschützer.“ Navi beugte sich näher, stellte fest, dass Zelda immer noch tief und fest in seiner schützenden Umarmung schlief.

„Egal, Linky, ich will mich nicht mit dir anlegen, das weißt du doch?“

Er verdrehte genervt die Augen und sagte: „Also, was willst du mir sagen?“

Vorsichtig ließ er Zeldas schlafenden Körper auf die Decke niedersinken und stand auf.

            „Das Problem liegt in der Zeit... wenn du nicht aufbrichst und aus der Stätte des Waldweisen das Elixier beschaffst, dann wird die Zeit knapp.“ Link antwortete nicht. Er konnte nicht einfach alleine losziehen. Die Prinzessin brauchte seine Anwesenheit, das spürte er. Sie brauchte ihn. Was, wenn erneute Gefahr drohte? Sie konnte sich in ihrem Zustand nicht verteidigen.

„Ich weiß, was du befürchtest. Du hast Angst, sie im Stich zu lassen.“ Er nickte.

„Und was ist mit der Welt. Willst du denn die ganze Menschenwelt im Gegenzug im Stich lassen? Ein schöner Held bist du!“

„Und wenn ich aufbreche, was wird dann aus Zelda?“ Navi deutete vielversprechend in Richtung Westen.

„Dort hinten befindet sich eine kleine Lichtung, wo sehr alte, mächtige Bäume in die Höhe ragen. Damals hast du dich in den hohlen Stämmen jener Laubgeschöpfe verkrochen, wenn man dich gehänselt hatte. Bringe Zelda dorthin. Niemand wird sie dort jemals finden.“

 

Link folgte Navis Anweisungen und kurze Zeit später erreichte er jenen Ort, der geschützt hinter einigen Felsmauern lag. In einem der Bäume führte ein schmaler Zugang direkt in dessen Inneres.

Er verabschiedete sich von seiner Prinzessin und sagte gedämpft: „Wach’ nicht auf, bevor ich wieder da bin... ja?“ Er küsste ihre Stirn vorsichtig. Dann legte er Zeldas erschöpften Körper hinein, versperrte den Zugang durch Stöcke und Laubblätter, jedoch so, dass die Stelle nicht auffiel.

            „Ich werde so lange auf sie Acht geben, wie ich kann, Linky.“ Wiederrum nickte er und wühlte die Karte heraus: „Die Stätte ist weit im Osten, nicht wahr?“ Navi lugte mit ihren riesigen, grünen Augen auf die Karte und nickte breit lächelnd.

„Halte dich mit dem Kompass immer östlich, dann wirst du die Stätte nicht verfehlen. Noch etwas: Nimm’ einen Telepathiestein mit. So kannst du vielleicht sehen, wie es ihr geht, falls nötig. Bis später.“ Damit brach Link auf, nahm einen blauen Stein mit und traute sich nicht zurückzublicken. Und ein sorgenvoller Ausdruck in seinen Augen, verborgen hinter einem Funken Mut ließ vermuten, wie ungern er Zelda jetzt alleine ließ. Doch eine Wahl hatte er nicht. Er müsste das Elixier beschaffen, so schnell wie möglich. Denn noch gab es hier in der alten Welt Hyrule Unmengen zu tun...

            Link erreichte atemlos die Stätte eines weiteren Weisen. Ein altes mit Moos bewachsenes Verlies lag vor ihm, ein etwas kleineres Gebäude mit einer Vielzahl von hohen, grauen Säulen, die einen schweren Aufsatz abstützten. Einige der Säulen waren schon teilweise zertrümmert. Zu beiden Seiten der Stätte befanden sich flache Wasserstellen mit Springbrunnen aus seltsamen geflügelten Märchenstatuen versehen mit Blattgold. Vor Link lag ferner ein hoher Eingang ohne Tor und dahinter eine befremdende Dunkelheit. Das Verlies hatte von außen gesehen nicht ein einziges Fenster und auch sonst führte kein Lichtstrahl hinein.

„Also gut“, sagte Link zu sich selbst. Er kniete einen Augenblick nieder und nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche.

            Im Moment fühlte er sich alles andere als in der Lage dieses Labyrinth zu durchforsten. Aber jammern konnte er später. Er rubbelte sich über seine Stirn und da bemerkte er, dass sein Cape ihm fehlte. Irgendwie war ihm als bräuchte er dringend eine neue Mütze...

            Link atmete tief ein, nahm sich seine Öllampe und lief schnurstracks mit neugewonnenem Mut hinein in jene alte Stätte.

            Aufmerksam folgte er einem langen, dunklen Gang, von denen er allmählich die Nase voll hatte. Immer wieder lange Gänge, die kostbare Zeit raubten. Gänge und Gänge. Nichts als Gänge.

Der junge Held strahlte mit dem schwachen Licht seiner Lampe umher und erkannte hier und da groteske Verzierungen an den Wänden rechts und links von ihm. Steinköpfe mit fiesen, spöttischen Gesichtern, aus Stein gemeißelte Augen mit abnormen Pupillenformen, von denen Link dachte, sie könnten ihn anschauen, und vielerlei andere Figuren, die schauderhafte Geschichten erzählten. Und alle Gebilde waren umgeben von Spinnenweben, Moospflanzen und Schlingpflanzen. 

Mit der Zeit wurde der Weg steiler, ab und an fielen dem jungen Mann in der Dunkelheit Stufen auf, die ihn noch weiter in das Verlies brachten, hinein in die unterirdische Dunkelheit.

            Link, der nun schon viele Minuten unterwegs war, erreichte das Ende des Weges. Aber... Er leuchtete mit seiner Lampe umher und erkannte nur eine weitere Wand vor sich. Hatte er vielleicht irgendeine Abzweigung verpasst? Bestand der Ort nur aus einem langen Gang? Er legte eine Handinnenfläche auf das kalte Gestein der Wand und klopfte vorsichtig mit einem von Narandas Dolchen dagegen. Ja, in der Tat, es hörte sich hohl an. Dahinter befand sich sicherlich ein weiterer Weg. Aber wie sollte er diese Wand beseitigen? Schließlich hatte er keine Bomben wie die Spielfigur Link dabei...

            Frustriert latschte Link einmal kräftig gegen die rissige Wand, die daraufhin leicht bröselte. Na gut, dachte er und stellte seine Lampe neben sich ab. Wieder untersuchte er die Wand, und kleine, feine Löcher erweckten seine Aufmerksamkeit. Er rempelte die Wand einmal leicht an und wieder bröselte sie.

            Dann flackerte plötzlich das Licht seiner Lampe, was ihn irgendwie unruhig werden ließ. In jenen dunklen Gängen, wo ohnehin nichts als Schwärze herrschte und das winzige Licht einer Lampe umherleuchtete, könnten sich überall dunkle Kreaturen einnisten. Der Gedanke spornte Link abermals dazu an, die Wand mit bloßen Händen zum Einstürzen zu bringen. Und schließlich hörte der aufmerksame Hylianer viele kleine Geräusche, die vermutlich von Käfern oder Würmern stammten. Erneut fiel sein Blick zu der Lampe und entgeistert erkannte er, dass etliche Insekten, die er noch nie gesehen hatte, über die Lampe krochen, hin zu der Mauer und wie um ihr Überleben kämpfend zwängten sich die Geschöpfe durch die kleinen Ritze in der Wand. Link nahm seine Lampe und sah mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend nach hinten.

            Viele weitere Krabbeltiere krochen auf ihn zu, alle vermutlich auf der Flucht vor etwas viel größerem. Da erkannte Link die Gefahr und kraftvoll warf er sich gegen die Wand, hoffte, sie würde einstürzen. Aber noch bildeten sich lediglich Risse.

Dann hörte er aus dem Hintergrund weitere, gefahrvollere Geräusche ohne Gnade. Etwas näherte sich. Etwas Monströses. Eine Höllenkreatur ohne Mitgefühl und Erbarmen.

Und die Wände vibrierten.

Der Boden bebte.

            Link warf sich weiterhin verzweifelt gegen die Wand, die zerbröselte, aber noch nicht einstürzte. Ein giftiges Zischen, ein mordlüsternes Schnalzen. Link zog sein Schwert aus dessen Schwertscheide und umkrallte den Griff fest mit seiner linken Hand. Er schöpfte Kraft, Mut und Durchhaltevermögen daraus. Kraftvoll wirbelte er die Klinge in die trügerische Dunkelheit und hörte, wie sie die stehende Luft in den uralten Gängen zerschnitt. Zu Links Überraschung sprühte die Klinge einen silbernen Lichtregen in die Schatten, wo eine bestialische Kreatur Ganons hauste und sich schrittweise unserem Helden näherte.

            Der Achtzehnjährige spitze seine Ohren und vernahm ein tiefes, geräuschvolles Atmen und im Anschluss ein flatterhaftes Geräusch, als würden irgendwelche Häute in dem Mund der Bestie beim Luftholen in Bewegung gesetzt werden. Es klang wie ein elendes Schnarchen, wie ein freudiges Schnalzen mit einer riesigen Zunge und Funken Grausamkeit erzeugten sich aus trockener, verbrauchter Luft, die Link entgegenkam.

Die Lichtfunken von vorhin trafen einen pelzigen Leib und lösten sich in Luft auf. Trotz allem konnte Link die Größe des Monstrum ungefähr einschätzen.

Und es war groß.

Es war gigantisch...

            Jetzt hieß es für Link, entweder die Wand zerschmettern oder kämpfen. Ohne weiter zu überlegen warf er sich so kraftvoll wie nie zuvor gegen die bröselnde Wand, diesmal so, dass seine Schulter aufgrund der Wucht des Aufschlags auf das harte Gestein schmerzte. Der Heroe biss die Zähne zusammen und probierte es weiter. Größere Risse bildeten sich und die Wand sprang in der Mitte entzwei. Der gewandte Kämpfer hetzte mit seiner Lampe in der rechten und dem Schwert in der linken Hand hindurch. Weitere Wege öffneten sich ihm und nur spärlich hörte er das dumpfe Grölen des Höllengeschöpfes hinter sich. Es entfernte sich weiter und weiter, bis der Heroe langsamer lief und erleichtert ein tiefes „Glück gehabt“ seiner Kehle entkam.

            Der Blondschopf erreichte erstaunt ein hohes Gewölbe, welches annähernd einer Krypta entsprach. In allen Ecken des Raumes befanden sich Särge, viele Säulen, und in der Mitte eine mit Schriftzeichen markierte Plattform. Mit dem Feuer seiner Lampe entfachte er einige Fackeln des Gewölbes, die an den Wänden aufgereiht waren. Dann las er in aller Ruhe die hylianischen Schriftzeichen, die in das Gestein der Plattform eingemeißelt waren. Ein Segen, dass er jetzt Hylianisch lesen konnte... sonst wäre er ohne Zelda verloren.

            Und wieder war er mit seinen Gedanken bei ihr. Hoffentlich ging es ihr den Umständen entsprechend gut...

            Er las die Zeichen ein weiteres Mal, nun verstand er erfreulicherweise dessen Inhalt: „Sei gewarnt, Fremder, was du suchst wirst du nicht ohne Taten des Willens erhalten. Was du begehrst, fordert dich heraus, fordert deine Kraft und Kühnheit. Verlierst du diese Prüfung, verlierst du mehr als jenen Kampf, verlierst du mehr als dich selbst und mehr als dein Leben...“ Das konnte ja heiter werden...

            Link trat vorsichtig auf die weiße Plattform, die ihm inzwischen wie eine Art Siegel vorkam. Er wartete einige Sekunden. Ein Rauschen, wie wehender Wind umspielte seine Elfenohren. Dann ein Flüstern. Plötzlich erschienen umgeben von starrem, kühlem Licht vier gespensterartige Gestalten am Rande der Plattform aufgereiht. Zugleich zog Link sein Schwert. Vier Wesen in Rüstungen erschienen ihm, aber ihre Aura war weder böse noch verräterisch. Link wusste, dass diese Ritter einst zu der guten Seite des Kräftegleichgewichts gehörten.

„Wir waren einst Ritter eines Ordens im Osten der hylianischen Steppe, getreue Diener der Königsfamilie. Doch als das Ende über uns kam, wählten wir hier unsere Ruhestätte. Kämpfe gegen uns und du sollst erhalten, was dein Begehr ist.“

            „Ich suche lediglich die Elixiere der Sieben Weisen. Ist ein Kampf wirklich nötig?“

Daraufhin hielt einer der Ritter Link das Schwert vor die Nase. „Zweifelst du an unserer Urteilskraft, Held? Ja, der Kampf wird nötig sein, um deinen Mut, deine Kraft und Geschicklichkeit zu testen. Wenn du gewinnst, gehört das Elixier dir.“

Link war überhaupt nicht nach kämpfen zumute, denn immer noch befand sich Zeldas Bild in seinen Gedankengängen und es ließ ihn einfach nicht los.

„Du fühlst dich nicht bereit für diesen Kampf?“ Und der junge Held war ehrlich mit sich selbst. Elegant führte er das Schwert zurück in dessen Scheide. Er konnte so nicht kämpfen. Nicht, wenn er ständig an Zeldas Wohlbefinden denken musste. Er würde an seiner Unaufmerksamkeit kläglich verlieren.

Er schüttelte mit dem Kopf.

            Zu Links Überraschung nahmen die vier Ritter alle ihre starken Stahlhelme ab und lächelten aufmunternd in seine Richtung. Sie alle hatten einige Narben in ihren Gesichtern und wildes, ungestümes Haar. Einer der vier Soldaten hatte plötzlich ein Päckchen in seiner Hand. Rasch warf er den kleinen Beutel in Links Richtung und dieser fing ihn auf.

„Nimm’ ihn. Wir wissen auch so, dass du diesen Test bestehen wirst. Dein Herz ist rein, dein Mut beispiellos und deine Absichten edel. Du bist ein wahrer Held, vielleicht einer der letzten in einer grausamen Welt. Geh!“

            Link schaute sich die Reihe von Rittern unglaubwürdig an. „Danke...“, sagte er leise. Er hüpfte von der Plattform und hetzte zum Ausgang, blickte noch einmal nach hinten und erkannte zufriedene Gesichter. „Aber irgendwann werden wir dir erneut begegnen, Held, dann wird es einen Kampf geben.“ Link nickte und verschwand.

            Erleichtert und zufrieden durchquerte er die Stätte bis zum Beginn, kam an der zertrümmerten Wand vorbei, rannte weiter, bis er am Tor herauskam. Er schaute beruhigt hinauf zu dem blauen Himmel. Er kramte den blauen Telepathiestein heraus und versuchte Zelda darin zu orten. Aber er sah sie einfach nicht. War die Entfernung zu groß? Oder gab es einen anderen Grund?

Link versuchte es erneut, doch er konnte Zelda nicht fühlen oder sehen. Als Folge dessen wurde der Blondschopf unruhiger und zunehmend staute sich Spannung in ihm auf. Warum konnte er Zelda nicht ausmachen? Stimmte vielleicht etwas nicht mit ihr?

Leichtsinnig und unaufmerksam rannte der Heroe in Richtung Westen, dorthin, wo die alten Bäume mit den hohlen Stämmen standen, wurde sich aber der Gefahr, die sich ihm näherte, nicht bewusst.

            Das einzigste Geräusch kam von Links Stiefeln, die sich durch hohes Gras bewegten. Der Schwertkämpfer schaute nicht zurück, schaute nur nach vorne und sprintete, inzwischen außer Atem, durch den Wald. Im Hintergrund bewegten sich viele, riesige Beine eher lautlos vorwärts, hatten ihre Beute schon im Ziel und schlichen, auf einen günstigen Moment wartend an Link heran, pirschend, suchend, schmeckend.

            Der junge Elf blieb kurz stehen, hatte ein seltsames Gefühl, das er jedoch verdrängen wollte. Er dachte immer noch an Zelda und ihre Sicherheit. Er wollte so schnell es ging bei ihr sein, wünschte sich, sie würde ihre unbeschreiblichen Augen wieder öffnen, ihn anlächeln.

            Er lief einige Schritte und blieb erneut stehen. Schnell drehte er sich um und suchte den ganzen Wald nach der sich nähernden Gefahr ab. Doch er konnte nichts ausmachen.

Kurzum hielt er jene merkwürdige Wahrnehmung für Einbildung und folgte wieder kopfschüttelnd seinem Weg.

            Doch hinter ihm kroch eine Bestie der Dunkelheit durch die alten Kronen der altehrwürdigen Laubbäume. Es verzerrte sich nach Frischblut, genoss den Geruch von jungem Hylianerfleisch in der Luft und krabbelte leise vorwärts.

Erneut blieb Link stehen und erspähte den moosigen Waldweg. Dann packte ihn ein enormer Stich auf seinem linken Handrücken. Überall wanderten seine Augen hin, zu den Kronen der Bäume, zurück, nach vorne, doch er konnte nichts sehen, was jene Vorahnung als wahr erweisen würde. Link lief einige Schritte rückwärts und stolperte über eine aus dem Boden herausragende Wurzel. Er krachte auf seinen Rücken und blieb regungslos liegen. Sorgsam erblickte er den Ort, an welchem er sich befand. Denn trotz der Tatsache, dass es erst gegen Mittag war, herrschte in den Tiefen jener Wälder eine erbarmungslose Dunkelheit und das Licht der Sonne wurde von dicken Laubschichten gehemmt.

            Link kam sich kläglich vor, wohl weil in seinen Gedanken nur Zelda herumgeisterte. Seine Prinzessin. Sein Licht...

Er setzte sich gemächlich aufrecht und beobachtete jede Bewegung im Unterholz. Er war sich nun sicher, dass etwas falsch war. Kurzer Hand stand der Heroe auf und rannte hinter einen breiten Baumstamm, dann wartete er und hörte ab und an ein Rascheln irgendwo da draußen in den Wäldern.

            Das Rascheln näherte sich, wurde lauter, gefahrbringender. Link tappte leise zur Seite, schaute um die Ecke und versuchte die Bestie zu erkennen. Aber nichts war da.

            Plötzlich aber wurde der üble Schmerz auf seiner linken Hand stärker und er riss erschrocken die Augen auf. Langsam drehte Link seinen Kopf zur Seite, erkannte aus seinen Augenwinkel etwas direkt hinter ihm. Mit stockendem Atem wirbelte er herum, griff gleichzeitig reflexartig nach dem Heft seines Schwertes und erkannte eine mörderische, riesige Gestalt vor ihm. Tapfer hielt er das Schwert in der Hand und studierte seinen Gegner.

            Es handelte sich um eine spinnenähnliche Teufelei mit vergleichsmäßig geringem Bauch und Kopfteil aber einer Art Horn, die den verhältnismäßigen kleinen Kopf verschönerte. Respekt zollten erstaunliche muskelbepackte, lange Beine mit gefährlichen reißzähneartigen Klauen. Und der gesamte gigantische Körper der Riesenspinne wurde umhüllt von Spinnenweben, eine Art Schleim und einem pelzigen Panzer. Link schluckte einmal kräftig. Die Bestie war ein Alptraum schlechthin und... gewaltig.

            Es setzte zum Angriff an. Vier gefährliche Riesenbeine stürzten sich auf Link. Ohne weiter nachzudenken, rollte sich der mutige Kämpfer zwischen den acht Beinen der Bestie hindurch und hörte nur noch das schnelle, aufgeregte Schlagen seines eigenen Herzens, welches ihm lauter erschien als das krachende Geräusch der Klauen, die sich tief in den Erdboden hineinfraßen. Link kam hinter dem Höllengeschöpf zum Stehen und versuchte gelassen zu bleiben, die aufkommende Furcht in ihm zu bezwingen, wie die Bestie, die er niederringen würde.

            Das Spinnenwesen kroch rückwärts, direkt in Links Richtung. In Windeseile rannte der Kämpfer davon, in genau die Richtung aus der er kam, zwischen Sträuchern und Ästen hindurch, die in sein Gesicht schlugen und Kratzer hinterließen, ständig begleitet von dem todbringenden Geräusch vieler Beine, die sich hinter ihm herbewegten und ihre Klauen in sein eigenes Fleisch senken wollten. Der junge Mann rannte schneller, hetzte nach Osten, wich nach Westen aus und krallte sich dann mit aller Kraft einen stabilen Ast und beförderte sein gesamtes Gewicht nach oben. Er blickte weit genug über dem Erdboden zurück und plötzlich war wieder Funkstille und das Geschöpf blieb unerkannt.

            Tief in den Wäldern jedoch lauerte es, das mordlüsterne Ungetüm, wartend bis Link seine Vorsichtigkeit ablegte. Und auch der Held wartete- auf die Gelegenheit dem Diener des Bösen den Gar aus zu machen. Seine tiefblauen Augen wanderten. Bei jeder Bewegung wurde Link umso aufmerksamer. Ein Rascheln drang an seine Ohren, so trügerisch wie die Morgendämmerung in der alten Welt Hyrule. Ein Knistern irgendwo in den Gehölzen.

Er folgte dem Geräusch, entdeckte einen Rosenstrauch, den er vorher nicht bemerkte, der sich bewegte und das Geräusch verursachte. Ein Rosenstrauch? Hier im Kokiriwald?

            Link sprang vom Baum herab, landete mit einem dumpfen Schlag mit seinen Fußballen auf dem Boden und lief zu dem Strauch mit den weißen Rosen hinüber. Er berührte eine der Blumen, erstaunt über den feinen Duft, den sie aussendeten und ihn irgendwie an Zelda erinnerten. Er pflückte gerade eine Rose, als der Strauch erneut wackelte. Link trat einen Schritt zurück und kreischte laut auf, als ein Geschöpf mitten aus dem Strauch herausgesprungen kam und in sein Gesicht hüpfte. Link fiel zu Boden, richtete sich aber hastig wieder auf und sah ein einfaches Kaninchen davon hoppeln. 

Erleichtert stand der junge Kerl auf und blickte wieder mit dem Schwert in der Hand um sich. Allmählich reichte ihm dieses Katz- und Maus- Spiel. Ja, in der Tat... sein Gegner spielte mit ihm, lauerte ihm auf, ohne das Link es sehen konnte.

            Es wurde ruhig, noch ruhiger, sodass Link seine eigene Atmung hören konnte. Nicht einmal der Wind wehte mehr. Sinnlich schloss der Held seine Augen und hörte auf den Schmerz seiner linken Hand, der sich durch die Anwesenheit dunkler Kreaturen nährte und ausbreitete. Es war nah, es bereitete sich auf einen Angriff vor.

            Von einer Sekunde auf die andere wurde Link der Boden unter den Füßen hinweggezogen. Krallen senkten sich tief hinein in die Haut seiner Beine und beförderten ihn auf seinen Bauch. Sein Gesicht landete schmerzhaft auf bloßem reißenden Erdboden und nur schwerlich konnte Link sich der Schwärze vor seinen Augen entziehen. Er kämpfte, versuchte sich umzudrehen und fühlte einige weitere Spinnenbeine, die seine Arme gefangen hielten.

Er zappelte, fluchte, spürte, wie seine Beine schlapp wurden. Waren die Klauen der Bestie auch noch vergiftet? Mühsam, zitternd, tastete Link nach dem Dolch, welchen er an seinem braunen Ledergürtel befestigt hatte. Er umgriff ihn und warf ihn einfach nach hinten, hoffte, er würde sein Ziel finden.

            Link atmete laut aus, als einige Klauen ihn losließen und er sich umdrehen konnte. Seine Kräfte verließen ihn mit fordernder Gemeinheit, als er einige Meter nach hinten krabbelte. Die Bestie hatte den Dolch mitten in das eine Auge bekommen, welches über dem Horn angebrachte war.

Das Biest wich wütend zurück, die Beine schlugen gewaltsam nach allem, was sich in der Nähe befand. Gerade so wich Link den Hieben aus, rollte sich über den Boden und kroch mit dem Gewicht seiner tauben Beine in die Nähe eines Baumstumpfes. Er lehnte sich mit dem Rücken dagegen und spannte mühevoll einen Pfeil auf seinem Bogen. Er traf den pelzigen Leib des Höllengeschöpfes, aber noch brach es nicht in sich zusammen. Weitere Pfeile zischten durch die Luft, die sich alle in den Bauchteil hineinbohrten. Aber es brachte nichts- bis Link die Pfeile ausgingen. Die mörderische Brut bewegte sich auf ihn zu, obwohl sie nichts sah und schlug nach ihm. Der Held zog sich vorwärts, drehte sich um und sah im letzten Moment eine gefährliche Kralle auf ihn zurasen. Er kniff die Augen zusammen, dachte kurz an Zelda, und fragte sich, ob sie sein letzter Gedanke sein sollte. Dann spürte er einen unangenehmen Schmerz auf seiner Brust und schrie aus Leibeskräften auf. 

            Mit letzter Kraft packte Link sein Schwert und wirbelte es einige Male herum, traf einige Klauen der Kreatur, die er abtrennte. Zischend warf sich die Bestie zurück, sendete klägliche Laute aus, die Links Ohren betäubten. Der Heroe biss die Zähne zusammen, stützte sich auf seine Knie und im Anschluss auf sein Schwert. Seine Beine zitterten unter dem Druck seines Gewichtes und dem inneren Druck jenes Giftes, welches er nicht zu neutralisieren wusste.

            Link lief in langsamen Schritten auf die Spinne zu, humpelte vorwärts und hob sein Schwert leicht an. Er stach zu, mitten hinein in den widerlichen Kopf der Kreatur Ganons. Schwarzes Blut spritzte und verteilte sich auf dem grünen Gras der ehrwürdigen Kokiriwälder.

Ein weiterer Stoß und die Kreatur löste sich auf, als wäre sie nie hier gewesen. Nur Link brach zusammen und blieb auf seinem Rücken liegen. Das Licht der Sonne blendete ihn und seine Augenlider wurden immer schwerer.

Er führte seine bleischweren Arme zu seiner Brust und betastete die hässliche, aber nicht allzu tiefe Wunde. Eine abgebrochene Kralle steckte dort, die er mit letzter Kraft aus seiner Haut herauszog. Dann fielen ihm die Augen zu und er blieb ausgebreitet auf dem Waldboden liegen.

            Nach der kurzen Verschnaufpause lief Link auf wackeligen Beinen zurück in die Nähe der alten Bäume, wo Zelda schlief. Ab und an wurde ihm schwarz vor Augen, aber er klammerte sich in dem Moment an irgendwelche Äste oder stützte sich kurz auf seinem Schwert ab.

Der Kampf gegen dieses Killerinsekt hatte ihm irgendwie den Rest gegeben. Es waren nicht nur die Schürfwunden überall und die Schnitte an seinen Beinen, die ihm zusetzten, sondern auch das Gift in seinen Wunden. Aber er lief weiter, wollte zu Zelda, wollte bei ihr sein und sehen, wie es ihr ging. Er schöpfte ungeheure Kraft aus einem Gedanken an sie.

            Es dauerte ewig bis Link den Ort erreichte. Mit einem leichten Lächeln in dem verschwitzten Gesicht humpelte er zu dem hohlen Baum, in welchem sie schlief. Doch als er näher trat, erkannte er schockiert, dass die Äste und Laubblätter davor verschwunden waren und sich Zelda nicht in dem Innenraum befand.

Er ließ sich kraftlos und entsetzt auf die Knie sinken und fühlte immer mehr seine Kräfte schwinden.

„Zelda?“, rief er hinein in den Wald, aber keine Antwort. Einige wenige Vögel flogen aus den Kronen der Laubbäume, aber von seinem Engel keine Spur. Link lehnte sich an einen Baum, unterdrückte den Gähnzwang, blinzelte durch sein verschwommenes Blickfeld, aber niemand war hier.

„Navi?“, rief er, nun mit heiserer Stimme. Doch niemand antwortete ihm. Seufzend und schwer atmend verlor der junge Kämpfer für wenige Augenblicke das Bewusstsein.

 

Das Kratzen an der großen Stahltür zu Ines Keller verschwand nicht. Irgendetwas wartete da draußen, irgendetwas wollte sich Zugang beschaffen und bereitete sich auf die Gelegenheit vor, das letzte Leben in dem unterirdischen Lager auszurotten.

Sian stand mit wachen Augen vor der großen Stahltür und fragte sich, wie lange diese wohl noch bestehen würde und wie viele Bestien Ganons, von welcher Größe, dahinter auf ihn lauerten. Er hatte die Beschützerrolle der Weisen übernommen und würde so lange kämpfen wie es nötig war, um seine Aufgabe zu erfüllen. Er saß an einer Wand angelehnt und schliff seine beiden Dolche, seine Lieblingswaffen. Trotz der beunruhigenden Situation merkte man dem rotäugigen Jugendlichen seine Nervosität nicht an.

            Wenig später tauchte Impa neben ihm auf. Wie sie sich mal wieder so unbemerkt hatte heranschleichen können, ist fraglich und doch war sie aus der Dunkelheit in dem dunklen Gang erschienen. Sie hatte eine Tasse Suppe für Sian in der Hand und setzte sich.

„Bist du denn nicht müde?“

„Ich... nein...“, sagte er und blickte in Impas Augen, die seinen unvorstellbar ähnelten. „Noch nicht.“

„Es wird nicht mehr lange halten.“

„Du meinst das Tor? Ja... es ist nur eine Frage der Zeit bis Bestien hier hereingestürmt kommen.“ Er nahm einen Schluck von der Suppe und schaute Impa dann nachdenklich an.

Er sagte das, was die stolze Direktorin schon die ganze Zeit vermutete: „Zelda leidet... sie ist verletzt, Impa.“

„Ja, ich weiß...“, entgegnete sie, „und sie hat Angst... aber nicht um sich selbst, Sian.“

Impa legte eine Hand auf Sians. „Ich bin froh, dass du hier bist... du bist ja schließlich wie ein Sohn für mich.“ Er nickte lächelnd und sah Impa hinterher, als sie den dunklen Korridor verließ.  

 

Link wurde plötzlich gerüttelt und sah dann Navis aschblonde Locken mit den blauen Schleifen im Haar vor sich.

„Navi?“

„Ja, Link. Ich bin es. Was ist denn mit dir passiert?“ Jener strich sich über seine Augen und hielt eine Hand schützend vor sich, um von dem Sonnenlicht nicht geblendet zu werden.

„Ich wurde von einem Rieseninsekt angegriffen... und ich denke, dessen Stacheln waren vergiftet...“, sagte er leise und fühlte sich wie gelähmt.

„Link, nimm’ einen Schluck von dem Heilwasser aus der Quelle, das müsste dir helfen.“

„Nein, das Wasser ist für Zelda... Wo ist sie?“ Und Link stand urplötzlich auf seinen Beinen. Navi glotzte nicht schlecht, dass er dazu so unverhofft in der Lage war, aber bei dem Helden Hyrules sollte man sich wohl nicht wundern, wenn er plötzlich übermenschliche Kräfte entwickelte.

            „Es sind Monster hier vorbeigekommen und da ist sie aufgewacht. Dann lief sie kraftlos zu der alten heiligen Lichtung, wo der Dekubaum wachte. Ich wollte dich eigentlich bloß abholen.“

„Zelda ist wach? Wirklich?“ Und Link lächelte vor Freude. „Ich muss sofort zu ihr.“ Er lief wenige Meter und klappte zusammen, war aber noch bei Bewusstsein.

„Siehst du, du Trottel, du musst dir einen Schluck von dem Wasser gönnen. Hörst du?“

„Ja, Navi.“

„Und hör’ auf, so zu tun, als ob es dir gut ginge, du Holzkopf.“

„Ja, ich hab’s kapiert.“

„Und steck’ wegen Zelda nicht immer zurück, du Idiot.“ Erneut spielte sich Navi genauso auf, wie Links Mutter, doch diesmal wusste Link nicht, wie er sich dahingehend zur Wehr setzen sollte.

„Ja, Madam“, entgegnete Link und nahm einen Schluck Wasser um sich auf den Beinen halten zu können. Und Navi lachte vor lauter Rechthaberei. Dann folgte er der einstigen Fee, um endlich wieder bei Zelda sein zu können und sie zu berühren. 

            Link lief langsam, beleitet von brennenden Wunden zu der alten Lichtung, als er plötzlich Wiehern hörte. Er folgte dem Geräusch und erblickte Namenlos, der wieder einmal aus dem Nirgendwo angetrabt kam. Der junge, mitgenommene Held stieg auf, ergriff die Zügel, Navi sprang auf und Link gab dem Pferd die Sporen um so schnell wie möglich in Zeldas Nähe zu sein.

Sie erreichten gemeinsam den Hain des Dekubaumes und stiegen vom Pferd. Link erblickte erleichtert seine Prinzessin in der Nähe des alten, riesigen Baumes. Er torkelte benommen in seinem eher schlechten Zustand zu ihr. Sie hatte ihre Augen geschlossen und lag zusammengekauert an den Dekubaum angelehnt. Link schlich näher, spürte den Wunsch sie jetzt einfach nur in seine Arme zunehmen und sah sie wie versteinert an, als er näher trat...

Doch nicht aus Angst um sie verweilte sein Blick auf ihr, sondern aus tiefster Freude, dass sie hier war. Er kniete nieder und erkannte, dass sie schlief. Er streichelte über ihre Wangen, beruhigt, dass diese wieder einen leichten roten Schimmer hatten und nicht mehr so eisigkalt waren wie zuvor. Ja, Link begriff beruhigt, dass Zelda über dem Berg war. Der Heroe nahm den schlafenden Körper der blonden Hylianerin einige Sekunden in seine schützende Umarmung, zog sie vorsichtig an sich und unterdrückte wenige Tränen, die aus seinen Augen quellen wollten. Ohne Scheu gab er ihr einen langen Kuss auf ihre rechte Wange, bevor er sie auf Namenlos packte, sich hinter sie setzte und mit ihr den Kokiriwald verlassen wollte.

            In dem Moment schaute der junge Held erstaunt in die riesige Baumkrone, betrachtete sich die großen grünschillernden Blätter an den starken Ästen und spürte ein Gefühl der Ehrerbietung in sich aufsteigen.

Der Dekubaum... Er wusste nicht, wie er das Bild jenes Baumes beschreiben sollte. Er war riesig und besaß ein so altes, gutmütiges Gesicht, auch wenn seine Augen geschlossen waren. Ob er noch lebte?

Namenlos wieherte plötzlich und begann stur und eigensinnig, den Weg fortzusetzen. Link vergas den alten Baum und fühlte allmählich einen marternden Erschöpfungszustand.

            Navi jedoch war wie vom Erdboden verschwunden...

 
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