Kapitel 49
 

Kapitel 49

 

 

 

 

Die Zeiger der Uhren in der alten Bibliothek des Königsschlosses bewegten sich auf zwölf Uhr zu, an jenem Abend kurz vor dem gigantischen Fest des Friedens auf das sich jeder Bürger Hyrules freute.

Nur Zelda nicht…

            Niedergeschlagen trat die Prinzessin in ihrer ärmellosen, weinroten Nachtgewandung und einem einfachen, gefütterten Mantel um den Schultern in die alte Bibliothek herein. Alles war so ruhig, so friedlich, aber bald würde es das nicht mehr sein. Sie war vor weniger als einer Stunde schwitzend aus ihren Träumen aufgewacht und erinnerte sich mit bangem Herzen an einen weiteren Alptraum. Ganon kam darin vor, die drei Schreckensgestalten und eine andere Welt. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie umklammerte unbewusst das machtvolle Medaillon, welches lässig um ihren Hals lag.

Mit einer Kerze in der Hand folgte sie einem roten Teppich, der zu einem kleinen Tisch mit Sessel führte. Sie setzte sich, legte das Medaillon vor sich selbst auf den Tisch und starrte es vertieft an. Der Baum in der Mitte des seltenen Stückes trug grüne Blätter und Sterne leuchteten wie kleine Scherben aus einem dunklen Hintergrund hervor. Ja… Scherben… und ein Trümmerhaufen, vollgepackt mir unschönen Erinnerungen. So kam ihr jenes Dasein vor, welches das königliche Blut in ihr mit sich brachte. Scherben…

            Sie strich vorsichtig über das verschnörkelte Ziffernblatt der Uhr, besann sich auf Gestern, wo sie noch als kindliche Prinzessin frech auf dem Marktplatz zwischen den Leuten herumgestromert war. Aber diese Zeiten waren vorbei, endgültig vorbei…

Hin und hergerissen zwischen den Gedanken an die näherkommende Gefahr und ihrer baldigen Hochzeit mit jemanden, den sie noch nicht einmal kannte, schloss Zelda ihre Augen und begann zu weinen. Schon wieder war sie so erbärmlich, so kläglich, ganz und gar nicht wie eine zukünftige Königin. Aber hier in der Bibliothek konnte ihr sicherlich niemand deswegen einen Vorwurf machen.

            Eine weitere Person erschien in der Bibliothek. Es war Impa. Sicherlich hatte sich die stolze Shiekah mit ihrem sechsten Sinn mal wieder Sorgen um Prinzessin Zelda gemacht und suchte daher das gesamte Schloss nach ihr ab.

Sie fand Zelda zutiefst traurig vor und kniete vor ihr nieder. „Prinzessin?“

„Impa?“, sagte Zelda leise und sah auf.

„Ist mit Euch alles in Ordnung?“ Und das junge Mädchen schüttelte nur den Kopf. „Wollt Ihr darüber reden?“

„Nein… eher nicht. Es ist bloß eine dumpfe Angst vor der Zukunft, die ich nicht gewählt habe.“ Damit stand Zelda auf und lief zu einem großen, hohen Fenster mit dunklen Mustern. Trübsinnig starrte sie hinaus auf die Steppe mit der Gewissheit, dass Hyrule nicht ewig bestehen könnte. Sie liebte diese Welt, sie verehrte diese Welt und hatte all’ ihre Kraft in ihre Erhaltung gegeben. Aber nun… nach den Träumen, den Prophezeiungen, den Visionen… wusste sie zunehmend, wie sinnlos der Gedanke eines ewigen Hyrules gewesen war.

            „Impa… die Dinge werden sich ändern. Es wird etwas geschehen, dass niemand erklären könnte, verhindern könnte. Ich habe Angst um Hyrule.“

            Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. „Habt ihr mit Link schon darüber gesprochen?“

Diese Bemerkung rief Zelda einen noch traurigeren Ausdruck auf das Gesicht. „Ich glaube… die Wege des Helden der Zeit und jener der Prinzessin des Schicksals trennen sich in diesen Stunden.“ Eine stumme Träne rollte an ihrer zartrosa Wange hinab. Und Impa runzelte lediglich ihre Stirn.

„Aber Link ist Euer treuester Freund, Prinzessin.“

„Das hält ihn nicht davon ab, mir fern zu bleiben.“

„Es hat bestimmt einen Grund, dass er sich nicht mehr hat blicken lassen. Warum sollte er Euch fernbleiben?“

„Weil er erkannt hat, wie dumm es ist, eine Prinzessin als Freundin zu haben. Weil er verstanden hat, wie töricht es ist, für Prinzessin Zelda da sein zu wollen.“ Die Lady schlug ihre Hände vor ihr Gesicht und weinte so, dass Impa es endgültig bemerkte.

„Prinzessin?“ Damit umarmte sie die Jugendliche wie eine Mutter und strich ihr über den Kopf. „Er war mir noch nie so fremd wie jetzt… Was ist bloß der Grund, dass er tut, als würden wir uns nicht kennen…“, murmelte sie unter Tränen.

„Weiß er von Eurer baldigen Verlobung?“

„Nein, woher denn?“ Zelda wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht und löste sich aus Impas Umarmung.

„Wer weiß… vielleicht versucht er nur, das zu tun, was richtig ist, Zelda. Und hat irgendwie erfahren, dass Ihr heiraten werdet. Vielleicht schmerzt ihn der Gedanke und er will es sich nicht anmerken lassen.“ Und Zelda versuchte standhaft zu wirken.

„Aber warum sollte es ihn interessieren, ob ich nun heirate oder nicht...“ Impa schüttelte mit dem Kopf.

„Ihr wollt es nicht sehen, Prinzessin... oder habt Ihr Angst den Grund in seinen Augen zu sehen?“ Zelda blickte schockiert in Impas Gesicht.

„Du willst doch nicht andeuten, dass...“ Doch ihr Kindermädchen von Kindertagen zuckte nur mit ihren Schultern. 

            „Gibt es einen weiteren Grund, dass es Euch so sehr belastet, wenn Link nicht hier, sondern bei Malon von der Ranch ist?“ Zelda sah erstaunt auf. Was wollte Impa jetzt schon wieder in Erfahrung bringen?

„Wie soll’ ich das jetzt interpretieren?“

„Nun, ich wollte lediglich wissen, ob Ihr nicht möglicherweise, und das ohne Grund, eifersüchtig seid?“

„Ich und eifersüchtig? Auf wen? Auf Malon?“

„Ja, genau.“ Zelda schüttelte den Kopf. „Nein ich glaube, dass man dieses Gefühl nicht so nennen kann.“

„Nein? Wie dann?“ Und beinahe hätte sich Impa ihren großen Mund verbrannt.

„Impa“, sagte Zelda leicht zornig, „Ich denke, das Gespräch sollte hier enden.“

„Wie Ihr meint, Prinzessin.“

„Und danke für dein Verständnis“, sagte Zelda noch. Impa lächelte leicht, nickte und löste sich in einer Rauchwolke auf.

            Und wieder verlor sich Zeldas Blick auf der Steppe Hyrules, die von einem hellen Mondschein angestrahlt wurde. Dann kramte sie Bücher heraus, las bis in die Puppen irgendwelchen sinnlosen Kram, bis sie schließlich eine weitere Entdeckung machte.

Sie öffnete ein Buch, das von einem starken Lederband zugeschnürt wurde und blättere darin herum. Jedoch waren alle Seiten leer. Merkwürdig, dachte Zelda und legte ihre Hände auf das alte Papier. Nichts passierte. Sie aktivierte ihr Triforcefragment, auf dass es ihr die Weisheit geben möge, ungeschriebene Schrift zu verstehen. Weiterhin ließ sie ihre Hände auf den alten pergamentfarbenen Seiten liegen und wartete. Nichts geschah.

            Sie klappte das Buch erneut zu und erkundete den Titel auf der Vorderseite. Jedoch war dieser aus irgendeinem Grund ausgebrannt. Hatte irgendwer dafür gesorgt, das Wissen, welches in dem Buch stand, geheim zu halten? Konnte es sein, dass es einen Verräter in der Schlossgesellschaft gab?

Sie biss sich unbewusst auf ihre Unterlippe und grübelte weiterhin nach. Erneut schlug sie irgendeine leere Seite auf und konzentrierte sich auf ihre Magie. Ihr rechter Handrücken erwärmte sich, gab ein leichtes, goldenes Leuchten von sich, das über die leeren Buchseiten fiel.

            „Erhört mich, Ihr Götter Hyrules“, flüsterte sie und starrte auf die Buchseiten.

            In goldenem Licht, welches auf den leeren Buchseiten tanzte, bildete sich zunächst ein feiner Rahmen, dann eine außergewöhnliche Schrift, die jedoch nicht aus Tinte bestand, sondern aus einer metallfarbenen, lilaschimmernden Substanz, die wie Feenblut aussah und sogar ein silbernes Funkeln von sich gab. Nach und nach bildeten sich Worte in Althylianisch und Zelda las mit Bedacht, blätterte weiter und las, bis erste Sonnenstrahlen in die Bibliothek fielen.

Sie schlug die letzte Seite in jenem Buch auf und las erstaunt die letzten Worte: „Und jene Macht, die aus dem Schicksal geboren wurde, scheint selbst nicht mehr zu sein als Zeit, als Telepathie, Kraft und eine Form der Energie, scheint nicht mehr zu sein, als ein Siegel, eine Urne, die böses Blut, bestialische Seelen, für immer verschließen konnte. Die Energie eines Symbols, eines Gegenstandes, der so machtvoll, dass er schon Leben in sich birgt. Und möge denen geholfen werden, die wie niemand sonst, von Macht kosteten, Böses kannten und die Zeit um ihre Existenz betrogen. Möge denen das Medaillon der Mächtigen helfen, die selbstlos, ehrvoll an ein friedvolles Hyrule glauben können.“

            Zelda schlug das Buch zu und noch ehe sie es erneut in ihre Hände nehmen konnte, löste es sich in Luft auf, als wäre es nie hier gewesen. Und all das Wissen, welches es verbarg, sollte künftig nur noch einer Person gewidmet sein. Nur die Prinzessin Hyrules wusste, was sonst niemand Wissen nennen konnte.

 
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