Kapitel 52
 

Kapitel 52

 

 

 

 

Aber es gab keine Gesteinsbrocken, die auf ihn herabsegelten. Verdutzt öffnete er seine Augen und fand sich mitten auf der gepflasterten Straße, dort wo das farbenfrohe, lustige Haus vor wenigen Sekunden stand.

            Zelda kam lächelnd auf ihn zu gelaufen und reichte ihm eine Hand.

„Hey, was ist denn geschehen, Link? Das Haus war plötzlich weg.“

„Das Haus war plötzlich weg?“, wiederholte Link und sah mehr als ungläubig um sich. Konnte es sein, dass dieses verhexte Gebäudchen tatsächlich nur mit ihm gespielt hatte und nun, da er die Steine fand, es ihm irgendwie gnädig gestimmt war?

            „Komisch“, meinte Link, nahm grinsend Zeldas warme Hand und ließ sich aufhelfen. „Aber ich habe die beiden Steine gefunden, die sich hier befanden.“

„Schön, dann können wir ja weiter. Es wird Zeit, dass wie aufbrechen.“

Link nickte und lief wieder zu dem Brunnen, schaute mit wachem Blick hinunter in die Stille und grübelte nach, wie sie beide wohl aus der verhexten Stadt verschwinden sollten. Dann jedoch hatte Zelda eine mehr oder weniger gute Idee.

„Da fällt mir etwas ein“, fing seine Prinzessin an. „Diese Stadt müsste eigentlich ein weitverzweigtes Kanalisationssystem haben. Vielleicht könnten wir über den Untergrund einen Weg hinausfinden. Und so weit ich weiß, führt dieser ausgetrocknete Brunnen in den Untergrund dieser Stadt.“ Und Zelda schaute an der rutschigen Leiter in das Brunneninnere hinab.

„Die Idee klingt gut, ich hoffe nur, dort unten gibt es keine Monster oder ähnliches“, erwiderte Link nachdenklich und prüfte mit einer Hand das Holz der Leiter, die nach unten führte.

„Allerdings“, fügte er hinzu und blickte sie eindringlich an, „frage ich mich, ob dort unten tatsächlich ein Ausgang sein wird.“ Zelda zuckte mit den Schultern.

„Aber einen Versuch ist es wert“, murmelte sie.

            Link kletterte vorsichtig die Leiter hinunter und kam wohlbehütet am Grund des Brunnens zum Stehen. Er winkte Zelda zu, die sofort folgte und fast schleppend die Leiter hinabtaumelte.

Wunderbar lächelnd umklammerte der junge Held die Taille seiner Prinzessin, um ihr auf sicheren Boden zu verhelfen.

Sie hauchte ein schüchternes „Danke“, vor sich hin und kam mit einem lauten Seufzer neben Link an. Er hielt sie immer noch fest und blickte nach den richtigen Worten suchend neben Zeldas rechtem Hylianerohr vorbei.

„Zelda... ich... du...“ Sein Griff wurde strenger und nur ein Schritt trennte ihn von ihr in der tiefen, unterirdischen Dunkelheit. Im Hintergrund plätscherte es feine Wassertropfen von der rauen Decke herab. Es zerstörte mit einem Blubb die trügerische Ruhe in dem verzweigten Kanalisationssystem.

„... es ist...“ Und Link schüttelte genervt von seiner Feigheit den Kopf. Der verdammten Feigheit ihr zu sagen, was der tiefe Grund war, sie zu beschützen, bei ihr zu bleiben, ihr zu vertrauen, wie schwierig und hürdenreich ihr weiterer Weg auch sein würde...

            Zelda aber blickte nur irritiert drein, ließ ihren hübschen Schädel auf eine Schulter nieder.

„Was ist Link?“ Rasch lösten sich seine Hände von ihr und er wand ihr den Rücken entgegen.

„Schon gut...“, sagte er trübsinnig und lauschte wieder den hallenden Geräuschen in der Tiefe.

            Ein mulmiger, nach Verwesung riechender Gestank stieg den beiden in die Nase. Trotzdem liefen sie weiter und suchten ihren Weg in der zunehmenden Dunkelheit. Wie Zelda diese Finsternis doch verabscheute! Sie klammerte ihre Finger fest in Links Hand hinein und schlich nah neben ihrem Helden durch den Untergrund. Das Licht der Öllampe war nur verschwindend hilfreich, sodass die blonde Hylianerin kurz überlegte, ihre magischen Kräfte spielen zulassen, um die Gänge zu erleuchten. Im nächsten Augenblick dachte sie aber ungewollt an ihre Verletzung und entschied sich dagegen.

Suchend wandelten die beiden in der Kanalisation herum, wurden hin und wieder von Fledermäusen belästigt, spürten kleine harmlose Schlangen an ihren Füßen vorbeizischen und stapften durch kalte Pfützen.

            „Es gibt so einige Dinge, die ich dir noch erzählen wollte, Link, weil sie wichtig sind“, erklang Zeldas glockenhelle Stimme in der Tiefe und hallte in den Gängen umher.

„Mmh?“

„Es geht um das Medaillon.“

„Du redest von seinen mysteriösen Kräften?“, fragte Link und bog an der nächsten Kreuzung rechts ab, da ein milder, frischer Luftzug von dort herrührte.

„Früher... in Hyrule... da hatte ich häufig Träume, die sich um das Medaillon rankten. Aber dummerweise erinnere ich mich nicht an diese.“

„Das ist ärgerlich.“

„Ja, vor allem, weil ich mich sonst an jeden von meinen Träumen erinnern kann. An jeden!“, betonte sie. Und das war wirklich so. Prinzessin Zeldas bedeutsame Fähigkeit, die nahe Zukunft zu ahnen, der Stimme der Göttin der Träume zu lauschen, wann immer sie zu ihr sprach. Und die einstige Königstochter erinnerte sich tatsächlich an all ihre Träume, egal ob sie guten oder bösen Ursprungs sein sollten. Beneidet werden sollte derjenige, der seine Träume nicht erinnert...

            „Soso“, meinte Link und wusste nicht, worauf Zelda damit hinauswollte.

„Damals habe ich in Büchern der Schlossbibliothek stundenlang nach Hinweisen gesucht. In einem stand einmal, das Medaillon wäre eine Art Urne zur Aufbewahrung böser Energien. Aber das kann auch ein Gerücht sein.“

„Das wäre witzlos, Zelda. Denn Ganondorf würde sicherlich auch aus diesem Gefäß einen Ausweg finden. Ich habe mir von dem Medaillon eigentlich mehr erhofft.“

„Ich mir auch“, nickte sie bestätigend. „Wenn jene Fähigkeit, böse Seelen einzusperren, alles gewesen ist, was diese Uhr kann, hätte wir uns damals das Recherchieren sparen können.“ Link schmunzelte leicht und hielt die Lampe langgestreckt von sich, für eine bessere Sicht in das Dunkel.

            „Was ist damals eigentlich genau geschehen, Zelda. Wie kam Ganon frei? Ich dachte, er wäre im Reich der Hölle eingesperrt gewesen...“

„Die Schattengötter waren daran beteiligt. Sie haben mich in einer Nacht heimgesucht, in welcher ich, wegen meinem weitsichtigen Vater“, murrte sie ironisch, „mein Fragment ablegen musste. Sie wussten von dem alten Geheimnis im Blut der Königsfamilie, welches besagte, dass sich darin Magie verbirgt. Sie wollten wohl damit das Siegel öffnen.“

„Heißt das, es hat nicht funktioniert?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und blickte zu einem Rinnsaal mit dunklem Wasser, welches sich hier ansammelte.

„Sie haben mich zwar angegriffen, aber mein Blut hat nicht gereicht, um das Böse vollständig zu befreien. Allerdings frage ich mich, ob Ganon vielleicht vergessen hat, dass die Weisen an der Schaffung des Siegels beteiligt waren. Weil er sich nicht einen Deut um die Weisen scherte. Das Ziel seiner Rache waren immer nur wir beide.“

            Sie gelangten an eine weitere Kreuzung, wo die Entscheidung leider nicht so einfach war, den richtigen Weg zu finden. Sie nahmen die goldene Mitte. Ab und an erklangen morbide Laute von altem Ungeziefer, welches in der Unterwelt zu leben gelernt hatte. Manchmal klirrte etwas und schuf sich seinen Weg zu den beiden Hylianern, die lieber nicht so genau wissen wollten, was jene Geräusche zu bedeuten hatten.

„Als sie dich angegriffen haben, Zelda... ich meine, sie haben dich doch nicht ernsthaft verletzt, oder?“, murmelte Link und zerstörte die unangenehme Stille hier unten.

„Nein“, sagte sie knapp. „Aber... ein wenig später, da...“ Und Zelda suchte nach den richtigen Worten, um Link nicht zu schocken, oder zu verletzten. „Ganons Schatten bedrohte mich einige Tage später...“, endete sie schwach.

Es war ein sehr grausamer Tag für Zelda gewesen, als jener Schatten von einem der angesehenen Adelsmänner Besitz ergriff und sie bedrohte. Etwas war damals geschehen, was die innere Kälte in Zeldas Herzen möglicherweise noch verstärkt hatte.

Sie lächelte ihren Helden zaghaft an, in dem kurzen Moment der Gewissheit, dass Link diese innere Schutzmauer langsam zum Einstürzen brachte.

            „Möchtest du es mir erzählen, wenn nicht, ich verstehe das“, sagte er und wich dann ihrem Blick aus.

„Danke“, hauchten ihre roten Lippen. Und sie entschied sich für das Schweigen, um Links Willen. Vielleicht verletzte ihn das, was sie noch zu erzählen hatte nur...

In dem Augenblick begann Zelda herzhaft zu gähnen. Allmählich wurde sie müde, allmählich schwanden ihre Kräfte.

„Wir haben es sicherlich bald geschafft, Zeldaschatz“, sagte Link und drückte ihre Hand ein wenig fester. Tief einatmend blieb Zelda kurz stehen und rieb sich über ihre Stirn.

„Bist du müde?“

„Ja, ich hätte jetzt gerne ein großes, gemütliches Bett...“, gab sie zu.

„Und ich würde dieses gerne mit dir teilen“, sagte er unverfroren, wusste, dass Zelda diesen Satz genauso spaßhaft auffassen würde, wie Link ihn gemeint hatte. Er grinste sie hämisch an. Aber sie gab nur ein ausgelassenes Schnaufen von sich und stapfte weiter.

Schade, dachte Link, gerade jetzt hatte er gehofft, Zelda würde auf seine Provokationen anspringen, sich wie eine wütende Klapperschlange wehren und ihn beißen. Langsam verloren sich seine Gedanken wieder...

            Sie tapsten voran, erschraken leicht bei dem Auffinden von etwa zwanzig Hylianerskeletten, die teilweise in den pechschwarzen Pfützen lagen. Link kniete nieder und sah Sperre, Pfeile, durch die jene Leute gestorben sein mussten. Einige hatten zertrümmerte Schädel, andere wiesen überhaupt keine Verletzungen auf. Aber eines hatten diese toten Hylianer alle gemeinsam. Sie alle besaßen mehr oder weniger zerfetzte Ritterrüstungen, trugen verrostete Helme und Schwerter sowie Schilde, die neben den Toten ausgebreitet auf dem Boden lagen.

„Was diese Leute hier unten nur wollten?“, sagte Link in seine Gedanken versunken.

„Ich würde meinen, wir verweilen hier nicht länger“, entgegnete Zelda und legte eine Hand auf Links Schulter.

„Ja, du hast Recht. Vielleicht haben sie hier unten gegen irgendetwas gekämpft, Zelda.“

Sie nickte: „Gewiss.“

Und auch Link überkam jetzt ein mulmiges Gefühl. Er lief jetzt ein wenig schneller und blickte häufiger zurück als vorhin. Und jeder Schritt schallte durch die Dunkelheit, jeder Schritt hinterließ verräterische Geräusche.

            Plötzlich spürte Link ein paar Augen in seinem Nacken. Er packte Zelda fest an ihrer Hand und wirbelte sie stürmisch herum, sodass sie an der Wand lehnte und er direkt vor ihr stand.

„Link? Was ist denn?“, wisperte sie.

„Irgendetwas lauert hier.“ Dann zog er sein Schwert aus der Schwertscheide und prüfte sorgsam die Dunkelheit der Gänge. Dann hörte auch Zelda etwas klappern. Ein Tapsen, ein schlürfendes Klingen…

„Lauf weiter, Zelda, und warte nicht auf mich“, sagte Link und schob sie ein Stück vorwärts. Sie schüttelte mit dem Kopf, aber auf dieses Spielchen ließ sich der Held jetzt nicht ein. Er schämte sich dafür, sie anschreien zumüssen, aber es ging nicht anders.

„Ich sagte, du läufst jetzt weiter. Keine Widerrede!“, fauchte Link. „Mach schon.“ Und er schob Zelda weiter.

            Sie nickte, wissend, dass er diesen Kampf alleine durchstehen wollte. „Ich warte trotzdem auf dich“, hauchte sie schwach und bewegte ihre schlappen Beine so schnell sie konnte vorwärts. Link blickte ihr hinterher, bis er das Licht ihrer Öllampe nicht mehr sah.

 

In dem Moment bröckelten einige Steinchen in dem Keller der Villa von Impa an den Wänden herab. Wilde, starke Schläge gegen die dunkle Stahltür waren zu hören. Allmählich mussten die Weisen sich etwas einfallen lassen, um nicht von den Kreaturen außerhalb gefangen zuwerden. Sian trat langsam an die große, schwere Tür heran und horchte mit seinen Ohren, lauschte dem Schlürfen und Kratzen der Monster...

Seine roten Augen weiteten sich plötzlich, als sich eine Hand von hinten auf seine Schulter legte. Sara stand mit ihrem frechen Grinsen direkt hinter ihm und kicherte.

„Bei den Göttern, hast du mich erschreckt, Sara.“

„Das war ja auch meine Absicht“, meinte sie unverfroren und legte ein Ohrläppchen an die kalte Stahltür.

„Wann werden wir eingreifen müssen?“

„In den nächsten Minuten ist die Wand gebrochen.“

„Gut, ich wecke die anderen. Stell’ dir mal vor, Impa schläft endlich mal ne Runde. Die ist ja schon wieder seit drei Tagen auf den Beinen.“ Sian grinste.

„Tja, was soll’ man machen, Shiekahblut bleibt Shiekahblut, nicht wahr?“

„Sieht so aus“, lachte Sara und hüpfte in dem dunklen Gang davon. Sie wusste, wovon sie redete, denn auch Sian hatte schon mehr als fünfzig Stunden die Augen offen...

 

Frohen Herzens trat Link aus einem kleinen Ausgang hervor, der versteckt zwischen zwei Bäumen lag und mit viel Moos und hohem Gras bewachsen war. Er hatte gegen fünf Kreaturen in der Dunkelheit kämpfen müssen, die jedoch über mangelnde Schwerttechnik, keine Verteidigungsmöglichkeiten oder ein wenig Gehirnschmalz verfügten und somit einfach zu besiegen waren. Es schien der erste Kampf seit langem zu sein, von dem er keine Verletzungen von sich trug.

            Lächelnd entdeckte er Zelda neben dem schwarzen Hengst stehend. Nanu, wie kam der denn schon wieder hierher? Sie striegelte liebevoll dessen Hals und flüsterte etwas vor sich hin. Namenlos war der erste, der Link bemerkte und ein freudiges Wiehern von sich gab. In dem Moment drehte sich Zelda zu ihm, fühlte mehr als nur Erleichterung und tiefe Freude, dass ihr Heroe direkt vor ihr stand und nicht einen zusätzlichen Kratzer hatte. Sie lief lächelnd auf ihn zu und suchte seine Umarmung.

„Du glaubst nicht, welche Angst ich um dich hatte“, murmelte sie in seine Schulter.

„Warum? So langsam müsstest du doch wissen, dass ich dich nicht alleine durch Hyrule wandern lasse…“

„Ja, so langsam müsste ich wissen, wie gut deine Schwertkunst geworden ist.“ Er gab ein amüsiertes Lachen von sich.

„Wirklich? Denkst du ich bin besser geworden. Das…“

„… gibt dir Mut, nicht wahr?“

„Mmh…“, entgegnete er und gab ihr einen verträumten Kuss auf die zarte Haut ihrer Stirn.

„Was genau ist eigentlich passiert?“

„Da waren einige Kreaturen. Ich weiß nicht genau, wie sie aussahen. Ist jetzt auch nicht mehr wichtig…“

„Richtig, nicht mehr wichtig.“

            Link half seiner leicht kränkelnden Begleiterin auf den schwarzen Hengst und setzte sich mit einem Sprung hinter sie.

Zelda lehnte sich entspannend an ihn und schloss einen Moment ihre sanftmütigen und doch entschlossenen Augen. Als Link dann noch ungemein vorsichtig seine beschützenden Arme um ihren schmalen Bauch legte, um die ledernen Zügel zu ergreifen, fühlte sich Zelda erst Recht wohlbehütet und so gut wie schon lange nicht mehr. Sie genoss wie noch nie zuvor seine Nähe und murmelte irgendetwas vor sich hin, dass der junge Mann glücklicherweise nicht verstanden hatte. Sie wollte bei ihm sein, sie wollte es endlich zulassen... von ihm geliebt werden, geküsst werden...

            „Wohin soll es jetzt eigentlich gehen, Zelda?“ Link riss sie aus ihrer wunderbaren Trance. Wie blöd, dachte Zelda und ärgerte sich, dass sie ihre allmählich zu ihr dringenden, romantischen Träume in der Minute nicht festgehalten hatte.

Mit einem Seufzen sagte sie: „Hol’ doch mal bitte die Karte hervor.“ Und Link wühlte in der kleinen hellbraunen Ledertasche an seinem Gürtel herum, bis er die abgenutzte Karte des hylianischen Königreiches in der Hand hatte. Er hielt Zelda die Karte vor den Kopf, sodass sie auf ihren nächsten Bestimmungsort deuten konnte.

„Auf zu Zoras Reich…“, sagte sie. „Es ist Frühling und um diese Jahreszeit haben wir dort noch halben Winter. Ich glaube, wir brauchen dicke Kleidung, mein Held.“

„Gut. Wozu noch warten?“ Link gab dem Pferd die Sporen und geschwind ritten sie über die weite hylianische Steppe, die in goldenen Farben erstrahlte, als der Abend anbrach und alsbald endete, dort, wo ein verwinkeltes Gebirge mit vielen Quellen, Flüssen und anderen gefährlichen Strömungen begann…

 

Kurz nach Mitternacht entdeckte ein in einer pelzigen Decke eingewickelter Link inmitten einer verschneiten Landschaft erste Hinweisschilder, die einen Weg zu Zoras Reich beschrieben. Es war eisig und schon so dunkel, dass Link nicht viel von der Umgebung sehen konnte. Hohe, mit Schnee bedeckte Bäume lagen auf seinem Weg, eine morsch- aussehende Brücke, die Link aber trotzdem passierte, vorbei an einer verlassenen Hütte, auf welcher das Dach fehlte.

Und ein schlimmer Schneesturm wehte ihm ununterbrochen kleine, beißende Schneebälle in das Gesicht. Zelda schlief bereits in seiner Umarmung, ließ sich durch die zunehmende Kälte nicht aufwecken und gab ab und an ein Geräusch von sich, das an ein schnarchendes Feengeschöpf erinnerte.

            Wenig später fand Link zwischen dem Schneegestöber den Eingang zu einer kleinen Höhle eines hohen Felsen, der ihnen beiden Schutz gewähren konnte. Die Öffnung schien so groß, dass Namenlos gerade so hineinpasste und doch wehte der Wind den Schnee nicht in das Innere der Höhle. „Ein Glück…“, murmelte der blonde, ansehnliche Hylianer und dachte kurz daran, was er getan hätte, wenn sie die Nacht im Freien hätten verbringen müssen… ein fröstelnder Gedanke, noch kälter als sich Link bereits schon fühlte…

Er trug Zelda, die auch in einer dicken Decke eingewickelt war, ein Stückchen weiter in das Höhleninnere und lehnte sie sachte mit ihrem Oberkörper gegen die Wand. Ihr Umhang bedeckte fast vollständig ihr Gesicht und nur einige blonde Strähnen fielen aus dem dunklen Kopfbezug heraus. Link legte ihre Kapuze zurück und fühlte, wie angenehm warm ihre Wangen doch waren. Ihr war bestimmt nicht kalt…

            Ein schöner Gedanke, aber Link hatte das untrügliche Gefühl, dass er sich seine Zehen halb abgefroren hatte. Zermürbend rief er sich die Hände und ging noch einmal schnell nach draußen, um einige, hoffentlich weniger feuchte Stöcke für ein ordentliches, wärmendes Feuer zusammenzusuchen.

Dem Glück noch mächtig fand er diese und bereitete alles für das Feuerchen vor. Und tatsächlich, er brachte ein kleines, aber wärmendes Feuerchen zustande und legte seinen nassen Umhang, wie auch eine durchgeweichte Jacke zum Trocknen daneben.

            Namenlos stand am Eingang der Höhle und wieherte laut, so als suchte er Aufmerksamkeit. Grinsend ging Link hinüber und streichelte dem schönen Hengst über den schwarzen, starken Hals.

„Hey, mein Guter. Du bist klasse, weißt du das?“ Und der Hengst wippte zufrieden mit seinem Kopf auf und ab. Denn irgendwie hatte nicht Link diese Höhle entdeckt, vielmehr hatte er diesen Unterschlupf dem sechsten Sinn dieses gottesgleichen Wesens zu verdanken.

            Auch Link wärmte sich eine Runde an dem Feuer, zog seine braunen Stiefel aus und stellte diese neben der hitzigen Feuerstelle ab. Er aß etwas, trank einen Schluck und kramte die Schlafsäcke von ihm und Zelda heraus. Die Minusgrade waren zu ertragen, wenn das Glück ihn nicht verließ. Und dass Link immer noch Glück hatte, bewies die Tatsache, dass es Zelda trotz ihrer schweren Verletzung wieder gut ging, dass er ihr helfen konnte, dass sie beide bereits in Zoras Reich gelandet waren und die Chance für eine erfolgreiche Mission sehr gut standen.

Zufrieden brach Link einen Happen einer Vollmilchschokolade ab und hielt diesen der neben ihm an der Wand lehnenden Prinzessin unter die Nase. Aber Link konnte sie damit nicht wecken, sie befand sich wohl schon weit in ihren Träumen. Sie wachte auch nicht auf, als Link das Stückchen leckere Schokolade über ihre roten, für ihn sicherlich teuflisch anziehenden Lippen wandern ließ.

            Schmunzelnd aß er es selbst und setzte sich mit der Decke seines Schlafsackes neben seine Zelda. Doch Link war nicht müde. Es gab Dinge in seinem Kopf, die sich einfach nicht mehr verdrängen ließen, so zum Beispiel seine Gefühle für seine Seelenverwandte, die mit jeder Sekunde, die er mit ihr verbrachte, stärker wurden. Er legte einen Arm um ihre Schulter und beobachtete die hungrigen Flammen in dem kleinen Feuer inmitten von Eis, Schneesturm und erbarmungsloser Kälte.

            Ihr Kopf lehnte inzwischen an seiner Schulter, was er wohl unbequem fand, denn schließlich wanderten seine Hände über ihren gertenschlanken Bauch und er drehte sie vollständig zu ihm.

Er empfand ihre unbeschreibliche Wärme, nahm ihren nach Rosen duftenden Geruch wahr und spürte ihren gleichmäßigen, beruhigenden Herzschlag, als sie in seinen beschützenden Armen lag. Sie war so zerbrechlich und doch unberechenbar stark, wenn sie jene leuchtende Kraft in ihrer Seele nach außen hin zeigte.

Vielleicht war das ihr großes Geheimnis, dachte Link. Sie wirkte gewöhnlich, wie ein hübsches Mädchen mit besonderen Idealen und doch lag etwas in ihren Augen, was, wenn man genau hinsah, so viel über Stärke und Wissen verriet. War es das, was sie für ihn so anziehend machte? Gewiss nicht, es gab mehr Gründe als diesen einen, weshalb Link so empfand, wie er empfand… weshalb er soviel für seine Seelenverwandte fühlte.

Es spielte keine Rolle, ob er wusste, wer er war, wusste, wer sie war- diese Rolle war nebensächlich. Da war etwas viel Mächtigeres zwischen ihnen- ein undurchtrennbares Band der Zuneigung, das ihre Grenzen niemals finden wollte.

            Dann bemerkte er plötzlich Wärme auf seinem rechten Handrücken, verwundert, was das bedeuten sollte. Ein Kribbeln, dass süchtig machte, ein Gefühl, das sich beinahe anfühlte, wie eine himmlische Droge…

Und so langsam verstand Link, dass jene pure Empfindung Zelda selbst als unausweichbare Ursache hatten. Verträumt sah Link dem Wesen in seinem Armen beim Schlafen zu, schwelgte in seinen Vorstellungen, und spürte das Nagen der Realität an seinen Empfindungen für seine Prinzessin.

            Unbeachtet der möglichen Konsequenzen, der erinnernden Abweisung, überschüttete er sie mit sanften Berührungen, die aber sehr beherrscht und zurückhaltend waren. Link wollte auf keinen Fall riskieren, dass sie aufwachte.

Er kraulte mit seinen warmen Händen über ihren Rücken, über ihren Bauch und dann wanderte eine seiner kühlen Hände zu ihrem Gesicht. Er streichelte über die zartrosa Wange, dann strich er einige kupfernschimmernde Haarsträhnen aus ihrem im Schlaf lächelnden Gesicht.

Er berührte mit seinen Lippen das seidene Haar, genoss wie nie zuvor, ihre Anwesenheit. Aber er stoppte seine Liebkosungen nicht und begann sie auf ihrer Stirn zu küssen, sanft und kurz, aber doch liebevoll genug, ausdauernd genug, dass er in ihrer Nähe ertrinken konnte. Er küsste sie immer wieder, aber dennoch distanziert und bedacht. Seine Lippen wanderten weiter, zu ihrer kühlen Wange und er küsste auch ihre Wange wieder, mehrmals, aber nicht aufdringlich oder hungrig, sondern mit soviel Gefühl.

Und es beflügelte ihn, stärkte die Gefühle, festigte sie. Link konnte über die Maßen umsichtig und auf seine Weise unglaublich zärtlich sein. Nur schade, dass Zelda diese Seite von ihm nicht kannte oder kennen durfte...

            „Zelda...“, flüsterte er in einem Ton, der noch liebevoller klang, als seine Berührungen ohnehin schon waren. „Ich würde sterben, um bei dir zu sein... Ich liebe dich, Zelda, Prinzessin von Hyrule.“  

Eine Träne lief an Zeldas Wange hinab, die der junge Held nicht bemerkte, oder bemerken wollte. Aber Zelda schlief, vielleicht hörte sie seine Worte trotzdem und entschied sich dafür, sie als einen Trauminhalt zu belassen…

Er zog sie fester an sich, gab ihr einen weiteren Kuss auf ihre seidige Wange und ließ sie dann los. Er umwickelte Zelda mit ihrem Schlafsack und kroch ebenso in den seinigen. Die Nacht würde nicht mehr lange dauern und allmählich müsste auch Link ein wenig Schlaf finden. Wenige Minuten später schlief er ein, träumte vieles, was niemals Wirklichkeit sein sollte.

 

Spät in der Nacht wachte Zelda dann auf. Irgendetwas hatte sie geweckt. Und ganz benommen, noch mit dem Schlafsand in ihren kristallblauen Augen erkannte sie die erstickende, kalte Dunkelheit vor ihren Sinnen. Sie schreckte hoch und fühlte dann einen beschützenden Arm um ihren Bauch, der sie davon abhielt sich vollständig aufzurichten.

Ihr Gesichtsfeld wurde klarer und sie erkannte den Ort als Höhle. Ob sie schon in Zoras Reich waren? Sie ließ sich wieder auf den Boden sinken und spürte langsam die Kälte, die Nähe von Schnee und Eis... 

Und schließlich drehte sie sich sanft lächelnd zu ihrem Helden um, der schlafend, fast schnurrend, neben ihr ruhte. Sie blickte ihn verträumt an und vergas in dem Augenblick die Zeit.

            Nach einigen Minuten, in denen das Mädchen vergeblich versuchte Schlaf zu finden, hörte sie erneut ein leises Geräusch. Ähnlich dem Stapfen von Lederstiefeln durch den Pappschnee, ein Knirschen und Knarren. Plötzlich ein lauter dumpfer Schlag und das Geräusch erstarb.

Irgendjemand war da draußen. Irgendetwas schlich durch die Dunkelheit...

Zelda konnte nicht anders. Sie mussten dem Geräusch auf den Grund gehen. Sie richtete sich wieder auf und hörte ein ärgerliches Gebrummel aus dem Mund Links. Aber anstatt seine Augen zu öffnen und sich auf zu bequemen, verstärkte er seinen Griff um sie und seufzte: „Was ist denn, Schatz?“ In dem Moment begriff die einstige Königstochter nur zu gut, dass er sich keineswegs in einem wachen Zustand, wohl aber in komatösen Wunschvorstellungen befand. Sie schnaufte angesichts der Bezeichnung ihrer Persönlichkeit und packte seinen Arm und entfernte diesen zunächst von ihrem Bauch. ,Schatz?’, dachte sie. Wie kam Link nur dazu, sie so zu bezeichnen? ,Schatz’... tz. tz. Kopfschüttelnd ignorierte sie dieses liebliche Wort.

            Dann richtete sie sich auf und rüttelte den neben ihr mit dem Schnarchen anfangenden Helden, bis er erneut Töne von sich gab, die sie jedoch mit Nichten ihrem Lieblingshylianer zugeordnet hätte.

„Link?“, summte sie mit ihrer süßen Stimme, sodass er dies als Grund nahm, seine Augen dennoch zum Blinzeln zu bringen.

„Mmh?“

„Da draußen waren Geräusche...“, murmelte sie. Aber Link tat nicht dergleichen, sondern kuschelte sich an sie heran und machte frech seine Augen zu. Sie beugte sich näher und summte wieder, summte leise ihr einzigartiges Lied, welches selbst Riesen zum Einschlafen bringen konnte. Und sie summte einfühlsam, liebevoll, wie ein verzaubernder Klang letzter Feen, die in den Nächten zu Hyrules Glanzzeiten zu ihren wundersamen Reigen so voller Leben und Sehnsucht tanzten...

            Die Prinzessin rückte näher zu ihm, und konnte ihm jetzt nicht mehr widerstehen. Und vielleicht könnte sie ihn mit einer einfachen, angenehmen Geste zum Wachwerden bringen. Grinsend beugte sie sich über sein Gesicht und selbst die goldenen Haarsträhnen, welche streichelnd auf seine Wangen fielen, rissen ihn nicht aus seinen ach so angenehmen Träumen.

Spielerisch berührte Zelda mit ihrer Nasenspitze diejenige von Link und musste sich selbst zusammenreißen, um nicht mit dem Lachen anzufangen. Sie berührte seine Nasenspitze weiterhin, wie ein kleiner Hund, der mit seiner kalten Nase an einer anderen schnupperte.

Erstaunlicherweise hielt es der Schönling dann doch für nötig einen Blick zu wagen und sah ein wunderschönes Gesicht, an dessen Mund sich gemeine Lachfalten bildeten, direkt vor ihm.

            „... Zelda?“, sagte er sanft und wartete wohl in dem Augenblick auf eine weitere liebevolle Geste, die ihm Zelda aber nicht geben würde.

„Link, bitte, wir müssen nachsehen, was da draußen ist.“ Er gähnte und wollte sich gerade umdrehen, als seine himmlisch hinterhältige Prinzessin aber schnell reagierte und ihn in seine rechte Wange kniff.

„Link“, und ihre Aussprache hatte sich gewandelt, von einem Liebsäuseln zu sturer Warnung.

„Okay, okay... ich werde nachsehen“, sagte er endlich und krabbelte mit einem Fluchen aus seinem Schlafsack.

„Aber du bleibst hier, ja?“ Zelda nickte und reichte ihm sein Schwert.

Doch da wusste Link noch nicht, dass er es draußen nicht benötigen würde...

 

Einige Minuten später kam der Held Hyrules zurück in die zugeschneite Höhle, aber er war nicht mehr allein. Er trug etwas auf seinen Armen.

„Zelda. Wir brauchen Licht, sofort“, sagte er beinahe befehlend. Sie nickte und leuchtete mit ihren magischen Kräften in der Höhle umher- ein kühles, bläulich- schimmerndes Licht durchzog den Raum und fiel auf Link, der niederkniete und preisgab, was sich auf seinen Armen befand. Erst jetzt fiel auf, dass der junge Held seinen Umhang nicht mehr trug, sondern etwas Kleines darin eingewickelt hatte.

„Link, was...“, entkam es einer entsetzten Zelda, als er vorsichtig den grauen Umhang aufdeckte und ein vielleicht zehn Jahre alter Junge mit blondem Haarschopf und einer kleinen, edlen grünen Tunika zum Vorschien kam. Zelda krabbelte schnell aus ihrem Schlafsack und legte eine Hand auf die Stirn des kleinen Kerls, beugte sich näher, um seine Atmung zu hören. Seine kleine Stirn glühte...

            Während sich Zelda um den kleinen Mann kümmerte, schürte der junge Mann ein kleines Feuer, damit sie den Knirps nun besser sehen konnten. Der blonde Hylianer wuselte mit einem Stock in den Flammen umher, als Zelda panisch aufschrie und nach Link rief. Überstürzt schnellte er auf und war mit einem Sprung bei Zelda und dem Bengel.

„Was ist denn los?“, entkam es Link. Und als er schließlich in Zeldas Augen sah, konnte er nichts als Angst und Hilflosigkeit darin ablesen, fühlte im nächsten Moment dieses Ungewisse, wenn Dinge geschahen, die er nicht wahrhaben wollte.

„Link... er ist verletzt.“ Und auch Link prüfte den kleinen Kerl nun eindringlich. Eine große Wunde zierte seine rechte Seite, knapp neben seiner Brust.

„Verdammt“, fauchte Link und wurde nervös. Es war nicht nur die Tatsache, dass er den Kleinen sehr gut leiden konnte und sich Sorgen um ihn machte, nein, vielmehr beunruhigend war, dass er eine Wunde an der gleichen Stelle wie Zelda besaß.

Link brachte den Kleinen näher an die Feuerstelle und legte ihn auf eine Decke. Im Anschluss erhitzte er Wasser in einem grauen Kessel über dem Feuer.

Schnell und ohne wertvolle Zeit zu verlieren, zog Zelda dem Kerlchen die grüne Tunika aus und das kleine weiße Hemdchen, dass er darunter trug. Sein Wunde sah alles andere als gut aus... ähnlich einem Pfeilschuss, dachte sie. Und so blass wie der Junge war, musste er eine Menge Blut verloren haben…

„Link, wo haben wir das Heilwasser?“, sagte sie energisch und sah ihren Helden sofort in seinen Taschen herumstöbern.

            Aus irgendeinem Grund machten sie sich beide beinahe höllische Sorgen um den kleinen Bengel und dies, ohne zu wissen, dass er sehr viel mit ihnen beiden zu tun hatte...

            Zelda riss Link die Flasche ungeduldig mit dem Wasser aus der Hand und schüttete langsam, tropfenweise, das wertvolle Gut über die tiefe Wunde des kleinen Wesens, welches im Moment mehr als wirklich erschien.

Link konnte sich daraus keinen Reim machen. Hatte der Junge nicht immer wieder betont, dass er keine Existenz besaß und nun war er verletzt, besaß Blut in seinen Venen, als ob er doch mehr war, als man vermutete und als er selbst mit seinem Unschuldsgrinsen preisgegeben hatte?

            Zelda drehte den kleinen Kerl dann sachte auf seinen Rücken und bemerkte eine weitere für sie, mehr als unheimliche Tatsache. Knapp unter seiner Brust, nur wenige Zentimeter von seiner Wunde entfernt, zierte ein kleines, aber auffälliges Muttermal seine sonnengebräunte Haut. Ein Muttermal in Form eines Dreiecks, welches in der Königsfamilie Hyrules von Generation zu Generation an den nächsten Thronfolger weitervererbt wurde.

Ihre Augen wurden groß und sanft strich sie darüber, fühlte die merkwürdig raue Haut des Mals und legte vor Schreck eine Hand über ihren Mund. Dieser Junge... er besaß dasselbe Muttermal wie sie selbst. Er besaß das Mal, welches ein über die Maßen bedeutsames Mitglied in der Königsfamilie auszeichnete. Er trug einen unleugbaren Beweis... er war...

Nur schwerlich konnte Zelda ihre Gedanken ordnen und schaute abermals diesen dreieckförmigen Fleck an, vergewisserte sich über dessen Echtheit und sah dann fassungslos in Links nachdenkliches Gesicht.

            „Zelda? Was ist los?“, sagte der Held und verfolgte ihren Blick, der immer noch auf jenem Mal gerichtet war. Auch Link bemerkte jenen Fleck und prüfte dann fast streng den Ausdruck auf dem schönen Gesicht seiner Prinzessin. Aber sie schwieg. Zu entsetzt. Zu verzweifelt. Link packte Zelda an ihren Oberarmen und näherte sich ihrem Gesicht so weit wie er konnte.

„Was ist mit dem Mal?“ Denn der Held der alten Welt hatte aus irgendwelchen Gründen jenes Muttermal bei Zelda noch nicht gesehen, oder sehen wollen, auch dann nicht, als er ihre Wunde versorgte. Die blonde Hylianerin wich seinem Blick aus und schüttelte mit dem Kopf. Dann stand sie auf und ballte die Fäuste. Mit einer einzelnen Träne, die über ihre Wange lief, begann sie sagen: „Er besitzt mein Muttermal...“

            „WAS?“ Auch seine Augäpfel wurden riesig und sein Blick verlor sich auf dem Knirps. So viele Gedanken gingen im Augenblick durch Links Kopf. Aber vieles davon sollte sich nicht bewahrheiten...

„Heißt das...“ ergänzte er, aber Zelda nickte nur. Auch wenn sie nicht genau wusste, ob Link eine Verbindung des Bengels zwischen ihm selbst und Zelda meinte... Aber allem Anschein nach hatte der Junge auf jeden Fall eine Verwandtschaft zu der einstigen Prinzessin Hyrules. Und wenn Link die Sache richtig interpretierte und das Aussehen des Kerls mit seinem verglich, so konnte man ohne Umschweife annehmen, er hatte ebenso eine klare Verbindung zu Hyrules einstigem Helden der Zeit. Unheimlich...

Sie setzten sich wieder schweigend zu dem kleinen Kerl und kümmerten sich in der eisigen Kälte um ihn, auch wenn jetzt durch sein Erscheinen einige große Fragen aufgeworfen wurden. 

            Link legte eine Hand hinter den Rücken des Knirps und richtete ihn auf, damit Zelda ihm etwas des kristallenen Heilwassers einflößen konnte. Er seufzte etwas und kippte seinen kleinen Kopf zur Seite, als ob ihm das Wasser nicht mundete, aber schließlich zwangen die zwei Hylianer ihm mehr als genug von der Flüssigkeit in seinen kindlichen Magen.

Der Heroe verband wortlos die Wunde des Jungen, ahnte, in welcher Verbindung dieser Knilch mit Zelda und ihm stehen könnte und fand diesen Gedanken zwar überraschend, aber keinesfalls unangenehm... Auch die blonde Hylianerin schwieg. Was gab es jetzt schon zu sagen? Eine Diskussion könnte falsch sein, voreilige Schlussfolgerungen könnten gezogen werden und vielleicht alte Wunden aufreißen oder neue entstehen lassen.

            Also entschieden sie sich für das Schweigen, trauten sich im Moment nicht einmal einander anzusehen und taten so, als wäre nichts. Das Spiel des Ignorierens spielten Zelda und Link schon so lange, dass es nicht unbedingt etwas Neues war. Nicht zu ertragen war es... ja, ignorieren, das konnten sie beide gut, besonders, wenn es um das Thema Liebe ging und die starken Gefühle zu einander. Und sowohl Zelda als auch ihr Held sahen den Jungen nun mit anderen Augen, in etwa als Beweis für die gegenseitigen Gefühle der Zuneigung...

„Was machen wir jetzt?“, meinte Zelda nach einer Weile, die das Schweigen nicht mehr ertrug.

„Warten. Du kannst schlafen, wenn du möchtest. Ich bleibe wach und kümmere mich um ihn.“

„Du hast ihn wohl liebgewonnen?“ Das allerdings war ein sehr unpassender Kommentar... „Entschuldige“, setzte sie hinzu und verkroch sich in ihrem Schlafsack, der nun so einkalt wie eine Kühlbox aus der modernen Zeit war. „Bei Din, ist das kalt“, zitterte sie. Sie krabbelte wieder heraus und setzte sich mit einer Decke direkt an das wärmende Feuer, vielleicht ein wenig zu nah...

„Zelda, sei vorsichtig, du verbrennst dir deine wunderschönen Haare sonst noch daran.“

            Sie lächelte ihn an, wusste, es gab eigentlich genug Gründe, welches ein Ausbrechen der Gefühle für Link begünstigen konnte. Seine beruhigenden Worte, sein besorgtes Gemüt, dann diese hypnotisierenden tiefblauen Augen und die fesselnde Macht einer Berührung von ihm... und nun, da sie diesen Jungen mit anderen Augen sah, bestärkte auch das ihre Gefühle und den Wunsch, ihm alles zu sagen... 

Sorgsam und vorsichtig umwickelte Link den kleinen Kegel, von dem er leider nicht ahnte, dass er eben seinen Namen trug in eine dicke Decke und setzte sich mit dem Kleinen in seinen Armen zu Zelda an das Feuer.

Nur der blonde Schopf des kleinen Wesens ragte schlapp aus der nachtgrauen Decke hervor. Ein winziges Anzeichen seiner Existenz, die doch nur eine Lüge war, ein Experiment vielleicht, ein unleugbarer Beweis des Einmischens von etwas Mächtigerem in die Geschehnisse.

            „Wie geht es eigentlich deiner Wunde?“ meinte Link leise und beobachtete die hungrigen Flammen lodern. Zelda zog ihre Knie zu sich heran und legte ihre Arme darauf. Sie erwiderte: „Es geht… so einigermaßen.“

„Sag’ einfach, wenn ich danach schauen soll…“

„Mmh…“, murmelte Zelda leise und ihr Blick verlor sich wieder auf dem nur halb aus der Decke hervorlinsenden Gesicht des Knaben ohne Namen. Er sah ihrem unwiderstehlichen, charmanten Helden wirklich ähnlich, bedenke man die markanten Gesichtszüge, hohen Wangenknochen oder die eher spitze Nase und seine Augenbrauen, die zu dem oftmals ernsten Blick Links beitrugen. Nur seine Augenfarbe war eine andere, das wusste Zelda, seine kleinen blauen Augen waren nicht so ozeanblau wie die Links, gingen eher in etwas leuchtenderes über und funkelten stärker…

Die blonde Hylianerin beugte sich über das kleine Etwas in dem Schoß ihres besten Freundes und vergrößerte den Spalt, in welchem sein kleiner Kopf ansatzweise herauslugte. Zelda fing unbewusst an zu grinsen, und sah erstmals, wie ähnlich dieser kleine Junge jenem Link war, der einst unverblümt und frech in dem Schlossgarten vor ihr stand. So ungeheuer ähnlich, als wäre es ein und dieselbe Person…

             „Zeldaschatz, vielleicht musst du mir erst einmal beweisen, dass auch du dieses Muttermal besitzt“, fing Link an, dem das Schweigen reichte und der Lust auf ein wenig feine Ablenkung hatte. 

„Was soll das denn heißen?“

„Nichts…“, betonte er und drehte seine Augen an die Decke. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Kopfschüttelnd bekräftigte er das einfallslose ,Nichts’ aus seinem vorlauten Mund.

            In dem Moment zuckte der Bengel in Links Armen und bewegte rudernd seine Arme hin und her. Er japste und schien erschrocken, als ob er zur Besinnung kommen wollte, aber es nicht sofort schaffte. Wortfetzen kamen aus seinem Mund, Bruchstücke in Althylianisch, dann ein undeutliches Goronisch, schließlich Worte in einer Abwandlung der Zorasprache, die jene Fischmenschen, welche am Rande Hyrules lebten, benutzten und einige bei den Shiekah geläufige Redewendungen. Zelda strich mit der Außenseite ihrer Hand über seine blasse Wange und murmelte etwas, wollte ihn bitten, seine Augen zu öffnen und summte ein altes Lied aus der Überlieferung der Königsfamilie, mit der stillen Hoffnung, er würde das Lied kennen. Seine Augenlider schnellten nach oben, sofort stürzte er auf, zog sein aus teuersten Stahl bestehendes Kurzschwert aus der reichlich blau-gold verzierten Schwertscheide und hielt es langgestreckt vor sich. Seine Atmung kam flach und kurz und doch hielt er sich auf den Beinen, berief sich auf seinen edlen Willen und Kämpfermut und brauchte einige Sekunden um zu begreifen, dass er sich nicht in Gefahr befand.

            „Hey…“, sagte Zelda ruhig und stand auf, um zu ihm zu gehen, „Wir sind es…“ Er blinzelte aus seinem tränenden Blickfeld, erinnerte sich an seine Wunde und an die beiden Gesichter, die er kannte. Die einstige Prinzessin Hyrules kniete nieder und umschloss mit ihren Händen beide seiner Arme. Er blieb stumm und ließ sein Schwert zurücksinken. Sein Blick kreuzte den von Link und dann Zeldas, bis er schließlich einen lauten Seufzer von sich gab und sich auf den Beinen nicht mehr halten konnte.

Ganondorf entkam seinen Lippen. Leise, ungewollt, als stände jener Teufel direkt vor ihm. 

„Er…“, stöhnte der Knirps, beendete aber das Sprechen wieder.

Zelda ergriff die Initiative und schleppte ihn wieder zu dem Feuerchen und reichte ihm die Flasche mit dem Heilwasser. Gierig nahm er sie entgegen und wusste sofort über deren Inhalt Bescheid, trank und trank wie eine verhungernde Pflanze, die in der trockensten Wüste stand.

„Du warst bei Ganondorf?“, fragte Link und packte den Kleinen an seinen Schultern. Schüchtern nickte er und wendete seinen Kopf zur Seite, dass er nicht in die anklagenden Augen Links sehen musste.

„Hatte ich dir nicht untersagt, dich dort ein weiteres Mal blicken zu lassen!“, fauchte Link plötzlich und konnte sich nicht mehr beherrschen. „Er hätte dich töten können!“

„Link!“, warnte Zelda scharf. „Halt’ deinen Mund. Er hat genug durchgemacht, dass er nicht noch deine Predigten gebrauchen kann. Also bitte, beruhige dich.“ Und die Prinzessin legte eine Hand auf seine Schulter.

„Unterstützt du das etwa noch?“, meinte er gekränkt und war mit einem Satz aufgesprungen.

„Nein, Link. Aber du weißt nicht, was passiert ist, also urteile nicht so voreilig über Dinge, die du nicht wissen kannst.“ Eingeschnappt, aber dennoch einsichtig ging Link zu Namenlos und unterhielt sich zähneknirschend mit ihm, führte seine Selbstgespräche und fand es nur recht, wenn der Hengst ab und an mit dem großen, schmalen Kopf wackelte.

            „Was ist geschehen, Kleiner Mann?“, sagte Zelda eindringlich und machte ihm mit einem Blick klar, dass sie jetzt alle Antworten haben wollte. Restlos alle. Er würde sich nicht mehr herauswinden können, erst Recht nicht wegen seines königlichen Muttermals.

„Ich wurde verletzt und konnte mich danach nicht mehr… unexistenziell fortbewegen.“

„Wie wurdest du verletzt?“ Seine hellblauen Augen blickten trotzig zu Boden, als ob es dort auf dem eisigen Gestein eine Fluchtmöglichkeit gäbe.

„Bilde dir nicht ein, du könntest, dich um diese Frage herummogeln. Ich kenne diesen unschuldigen Blick nur zu gut, aber das wirkt bei mir nicht.“ Aber er druckste fortan herum und verzog seine Lippen.

„Du bekommst eine Schüssel Eintopf, wenn du deinen Mund aufmachst.“ Zelda hatte ihre Techniken… Der Bengel blickte auf und begann nervös an seinem linken Daumennagel zu kauen. Linkshänder, dachte Zelda… Auch vorhin schon, hatte er sein Schwert in die linke Hand genommen.

Er nickte und suchte dann mit seinem Blick die Taschen durch, als hätte er so etwas wie einen Röntgenblick, damit er ja die erstbeste Büchse erblickte.

            Link setzte sich wieder zu den beiden, wenn auch mit einem strengen Ausdruck, und half Zelda bei der Vorbereitung des Eintopfes. Sie stapelten einen Kessel über dem Feuer auf, öffneten mit einem modernen Öffner zwei drei Büchsen und schütteten den Inhalt in den Kessel. Nach einigen Sekunden fing es fröhlich in dem schwarzen, runden Topf an zu blubbern und die spitze Nase des Kegels rutschte soweit in das Behältnis, dass er beinahe selbst hineingefallen wäre.

„Wie geht es dir?“, fragte Zelda, als sie ihm einen Teller gefüllt mit Kartoffelstückchen, Erbsen, Möhrenstückchen und Bohnen reichte.

„Lecker.“ Nur Link wusste wohl, wie man sich fühlte, wenn das Wort lecker dem Gemütszustand entsprach. Und er stopfte sich das Essen in den kindlichen Bauch, als gäbe es in ganz Hyrule nichts Besseres, aß einen Teller voll nach dem anderen und schaute nur verdutzt, als Link und Zelda seinen Essmanieren beschämend zusahen.

„Warum bist du verletzt?“, meinte die Prinzessin einfühlsam und startete ihren zweiten Versuch.

„Du bist auch verletzt“, entkam es seinem vollen Mund, der wohl alles lecker fand und schaufelte mit dem Löffel Möhren in sich hinein.

„Ja, aber das beantwortet meine Frage nicht.“ Er sah auf und funkelte Zeldas blaue Augen an, sagte aber nichts, sondern blickte überlegend in jenes kräftige Blau ihrer Augen.

            „Meine Verletzung war ja nur ein… Unfall.“, sagte sie abtuend. Daraufhin packte Link Zeldas rechte Hand und sprach warnend ihren Namen.

„Okay… kein Unfall…“, ergänzte sie. 

„Ja, du hast deinem Helden das Leben gerettet, und nichts anderes“, betonte der erwachsene Held und gab Zelda ein kleines Lächeln.

„Du bist verletzt, das war mein Problem“, schmatzte der Knilch, ohne zu registrieren, dass er sich halb verraten hatte.

„Du wurdest verletzt, weil ich es wurde?“ Und ein besorgter Blick sprach Bände…

„Jep“, meinte der Bengel und genoss die letzten Bissen des Eintopfes.

„Wer zum Kuckuck bist du?“, sagte Link laut. „Rück’ endlich raus damit, sonst können wir dir auch nicht helfen.“ Und Zelda gab dem quarrigen Unruhestifter einen Klaps auf seinen Hinterkopf. Jetzt hatte sie fast geduldig die Worte aus dem Knilch herausgelockt und nun machte Link mit seinem Tatendrang alles wieder zunichte. Manchmal wünschte sie, sie könnte ihren Schatz mit einem ordentlichen Ich-kann-nicht-mehr-reden- Fluch belegen, damit er sein vorlautes Mundwerk nur ansatzweise hielt. 

            „Wofür war das denn?“, schimpfte er und rieb sich den Kopf.

„Das weißt du ganz genau“, erwiderte Zelda giftig und hielt ihm ihren Zeigefinger unter die Nase. In dem Augenblick begann der Winzling zu lachen, freute sich an dem dummen Gezänke der zwei und gähnte.

„Moment mal, Kleiner Mann, du schläfst jetzt nicht ein“, wetterte Zelda, als er sich die erstbeste Decke suchte und sich darin einwickelte. Link folgte desinteressiert seinem Beispiel und krabbelte zufrieden in seinen Schlafsack.

„Link“, zischte Zelda. „Du kannst doch nicht so tun, als ginge dich die Sache nichts an!“ Aber jener winkte mit seiner Hand und schloss vergnügt und Zelda auf die Bohne bringend die Augen.

„OH, na warte!“, fauchte sie und hüpfte zu ihren Heroe mit hochrotem Kopf herüber. Die beiden Taugenichtse ignorierten sie einfach, machten ihre Augen zu und taten als wäre sie Luft. Sie beugte sich über Link, zog an seinen blonden Haarsträhnen und grölte ein lautes Aufstehen in sein Ohr.

Aber er fluchte nicht, sondern drehte sich zu Zelda und murmelte leise: „Ach, mein Engel, kriech’ in deinen Schlafsack und dann können wir immer noch reden.“ Und der kleine Bengel in der dicken Decke, welcher inzwischen neben Link ruhte, nickte nur bestätigend.

Sie zog die Nase eitel nach oben: „Hoffentlich!“

            Nach einigen Minuten, und auch Zelda ruhte jetzt in ihrem dicken Schlafsack, begann der Junge dann, ein wenig ernster, mit seiner unglaublichen Geschichte.

            Beide Achtzehnjährigen lagen umgeben von dem Kerlchen, als müssten sie ihn behüten.

„Als der Pfeil dich traf, traf er auch mich“, meinte er leise. Zelda drehte sich auf ihre rechte Seite und sah dem Bengel damit genau in seine immer noch vorwitzigen, charmanten blauen Augen. Sie lächelte mitfühlend.

„Wie meinst du das?“

„Ich verstehe das auch nicht so sehr.“ Und das Kind kannte sich selbst nicht, verstand den Grund nicht, warum es existierte, kannte nur seine Geschichte, aber nicht deren Sinn.

„Also warst du nicht bei Ganon?“, meinte Link und drehte sich auch auf eine Seite, sodass er in Zeldas Augen sehen konnte. Das kleine Ebenbild Links schüttelte mit dem Kopf.

„Doch, aber nicht freiwillig. Dieser Dreckskerl hat mich eingesperrt, in einem Keller, mit lauter Ratten und dann habe ich mich wieder unsichtbar gemacht und bin abgehauen. Blöder Idiot, der denkt, er bekommt alles. Böser Mann“, schimpfte er.

„Ja, das denkt er…“, stimmte Zelda zu und erinnerte sich an einige unerfreuliche Begegnungen mit ihrem Erzfeind. „Aber er wird niemals alles bekommen, dafür sorgen wir.“ Und Zelda warf ihrem Helden einen tapferen Blick zu.

„Wir kämpfen, egal, was auch der Preis ist“, meinte Link entschlossen und strahlte sehnsüchtig Zelda an.

            Der kleine Kerl zwischen ihnen schaute von einem lachenden Gesicht zum anderen und fand das mehr als interessant, sich diese zwei Gestalten anzusehen, aus deren Essenz er im Grunde bestand. So interessant, dass er sich witzige, oder weniger witzige Bemerkungen erlauben konnte und wollte. Sein schmaler Mund zog sich in die Breite und die dämlichdreinblickenden Augen leuchteten in einem erstaunlich aufmerksamen, hellen Glühen.

            „Ihr könnt euch ruhig küssen, ich schau’ auch nicht hin.“ Zeldas Mund klappte entgeistert auf und Links Augen wurden riesig. Entsetzt schauten sie beide in das grinsende Gesicht des kleinen Bengels. Er war nicht nur dreist, er hatte ein erstaunlich unverschämtes Gemüt, bedenke man seine unverfrorene Wortwahl.

            „Du Schlingel!“, zürnte Zelda. „Ich gebe dir gleich ,küssen’. Wie alt bist du Dreikäsehoch überhaupt, solche Wörter in den Mund zunehmen?“, murrte sie verärgert.

„Ja, genau, du kleiner Unhold. Wie konntest du nur?“, setzte Link ironisch hinzu.

„Ich bin im Augenblick stolze zehn Jahre alt. Das reicht doch, oder?“

„Du wirst auch noch frech? Ich verbiete dir…“ aber Link unterbrach Zelda.

„Oh ja… wie konntest du nur?“, meinte er erneut und nun verstand auch die hübsche Hylianerin, dass diese zwei sie zum Affen machten.

„Link, fang’ jetzt bloß nicht mit mir an, ich habe keine Lust auf deinen Humor.“ Er rutschte näher und hauchte ihr frech ins Gesicht: „Oh ja, wie konnte ich nur.“ Der kleine Gast fing herzhaft an zu lachen und Zelda drehte sich wütend um. Sie war sprachlos. Das war eindeutig zuviel und sie war sauer. Pah, sagte sie zu sich selbst. Das habe ich nicht nötig. Sie machte trotzig die Augen zu und zog die Schlafsackdecke über ihren Kopf.

            „Nimm’s ihr nicht übel, Kleiner Mann. Sie tut nur manchmal so, als ob es ihr keinen Spaß machen würde, sich mit mir abzugeben.“

„Schauspielerin.“

„Jep. Schauspielerin“, ergänzte Link und konnte beinahe fühlen, wie Zeldas Wut wuchs und wuchs.

„Und stell’ dir mal vor. Oft tut sie dann noch so, als ob sie mich nicht leiden könnte und ich sie um Kopf und Kragen bringe. Und wenn sie dann ihre Fäuste anspannt und ihre Stirn runzelt ist das ein erstes Anzeichen, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen. Ihre Wutattacken hacken alles kreuz und klein.“

„Ist das eine Warnung?“, meinte der Bengel mit seiner glockenhellen Stimme und prüfte mit seinen Augen die neben ihm ruhende Zelda.

„Jep, aber…“ Und auch Link betrachtete sich den Rücken seiner Seelenverwandten. „… wenn es anders wäre, würde mir sicherlich etwas fehlen.“ Sein Satz endete mit einem Schmunzeln, angesichts der Erinnerungen vergangener Tage.

„Hehe…“, eiferte der Kleine. „warum holst du dir dann nicht, was du haben willst? Also euch Erwachsene soll’ man erst einmal verstehen… grummel… grummel.“

Link blickte den Kleinen in seine himmelblauen Augen und erkannte in dem Augenblick Zeldas Augenfarbe darin. Sein Blick wurde ernster.

            „Du hast Zeldas Muttermal und ihre Augenfarbe, wie kommt das?“

„Also...“, begann er leise. „... die Götter  waren es.“

„Die Götter?“ In dem Moment hörte man Zeldas leises Atmen. Sie befand sich wohl endgültig in ihren Träumen.

„Jep. Die haben mich aus euren beiden Essenzen gemacht. Ich weiß gar nicht, wieso, oder wann. Ich glaube, die wollten mich älter machen, das konnten sie aber nicht, da Ganon sie um ihre Kräfte beraubt hat, dieses eklige Schwein.“ Link hörte mit Erstaunen zu.

„Deshalb besitzt du Zeldas Muttermal, siehst aber nicht ihr, sondern mir ähnlich. Aha. Und ich dachte schon…“ Link atmete laut und erleichtert aus. Der Knirps war doch kein Nachfahre von ihm und keiner von Zelda. Wäre ja auch peinlich gewesen…

„Und ich sollte mich Ganon entgegenstellen, das kann ich aber mit dieser Gestalt nicht.“ Link starrte an die dunkle Höhlendecke und versuchte sich in das Schicksal dieses kleinen, nichtexistierenden Wesens hineinzuversetzen.

„Ich hätte gekämpft, wirklich.“ Link legte eine Hand auf seine kleine Schulter und setzte hinzu: „Ich weiß. Überlass uns das, ja?“ Und ein grinsendes Nicken sagte dem Helden wie dankbar der Kegel ihm war, wohl auch, weil er und Zelda sich so rührend um ihn kümmerten.

„Ich erinnere mich daran, dass du irgendwann einmal sagtest, dein Vater würde dir diesen Dolch schenken, den du mit dir herumträgst. Wie ist es möglich, dass du einen Vater haben könntest, wenn du doch von den Göttern erschaffen wurdest.“

„Es ist nur ein Wunsch…“, meinte er sachte und verzog sein Gesicht. Etwas trauriges, bekümmertes stach aus seinen Augen hervor.

            „Du hast niemanden, oder?“, fragte Link. Der Winzling nickte schwerfällig und scheute Links Blick wieder. Was hatten die Götter diesem unschuldigen Kind bloß angetan?

„Aber weißt du was?“

„Nein…“

„Du hast doch uns, ich meine mich und Zelda… auch, wenn sie zur Zeit in ihren süßen Träumen schwelgt.“ Seine Kinderaugen strahlten wieder.

„Du kannst uns so oft besuchen, wie du möchtest“, sagte Link und gab ihm einen Stups. Aufheiternd und frech rubbelte Link dem Kerlchen über den blonden Schopf.

„Danke“, murmelte er und machte seine kleinen Augen mit einem lauten Gähnen zu.

„Aber bevor du schläfst, möchte ich eine weitere Sache wissen.“

„Ja?“

„Wie heißt du?“

„Im Moment genauso wie du… gähn.“

„Oh… na dann.“ Link akzeptierte auch diesen Umstand und verkroch sich ebenso in seinem Schlafsack, um noch einige Minuten Schlaf zu finden.    

 
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