Kapitel 53
 

Kapitel 53

 

 

 

 

Früh in den Morgenstunden stapfte ein schwarzer, glänzender Hengst durch hohen Pappschnee. Nur schwerlich konnten sich die beiden Hylianer fortbewegen.

Und doch war es durchaus angenehmer als selbst durch den kalten Matsch zu watscheln.

Der kleine Junge, welcher aus den Essenzen Zeldas und Links bestand, war irgendwann inmitten der Nacht verschwunden, so wie er es immer tat. Nichts Neues also...

Die Jugendlichen erreichten auf Namenlos eine weitere, gefährlich- rutschig anmutende Holzbrücke, die über eine breite Schlucht führte. Link stieg ab und half seinem Engel auf festen Boden. Zaghaft überquerten sie die Holzbrücke, die im kalten Wind von Zoras Reich unaufhaltsam hin und her schwankte. Aber die Sonne schien vom Himmel herab, ein wenig Sicherheit sendete sie aus, bescherte nicht so wie jene dunklen Wolken unaufhörlich Flocken des weißen Schnees...

            Erleichtert erreichten die beiden mit einem wiehernden Namenlos an ihrer Seite das andere Ende. Link seufzte, als er einen Fuß auf festem Boden setzte und schaute dann nachdenklich zu der in Schnee und Eis verborgenen Landschaft vor ihnen. Ein Weg führte zwischen drei größeren Hügeln hindurch und rechts wie auch links des Weges standen merkwürdige Hecken, Büsche mit weißen Früchten, ähnlich einer Kirschfrucht und doch mit spiralförmigen Mustern auf der weißen Schale.

„Ich denke, hier ist es Frühling, kann der dämliche Schnee nicht wieder schmelzen?“, murrte Link und lief voran.

            Zelda lächelte sanft. „Keine Sorge, mein Held, dass Frühling wird, sieht man schon...“ Und sie stapfte auf jenem schmalen Weg, welcher zwischen steilen Hängen versteckt lag zu einem der kahlen Sträucher. Prüfend zupfte sie einige der lilienfarbigen Beeren von den kahlen giftgrünen Sträuchern. Sie reichte eine handvoll der Früchte einem verdutzten Link, der diese merkwürdigen Beeren nur misstrauisch beäugte.

„Iss“, meinte sie und stopfte sich selbst einige der weißen Früchte in den Mund.

„Kann man das wirklich essen? Ist irgendwie seltsam mitten im Winter Früchte zu finden...“, entgegnete er und hielt eine der merkwürdigen Beeren gegen das Sonnenlicht. Sogar das blendende Sonnenlicht strahlte durch die weiße Farbe der Beere hindurch.

„Die entstehen nur im Winter hier in Zoras Reich und sind sehr gesund. Was glaubst du, wer mich darauf gebracht hat, diese Früchte zu probieren?“ Link zuckte mit den Schultern und stopfte sich die Beeren mit zusammengekniffenen Augen in den Mund. Überrascht über den wunderbaren, wenn auch fremden Geschmack öffnete er die Augen wieder und kaute zufrieden auf den Früchten herum. Süßlich und doch schmeckten sie leicht nach Fisch, aber nicht so offensichtlich. Vielleicht eine Mischung aus Sternfrucht, Orange, Zimt und anderen Dingen.

            „Du hast mich auf den Dreh gebracht. Sonst hätte ich dieses Zeug bestimmt nicht angerührt.“

Link zeigte mit seinen Zeigefinger auf seine unschuldige Miene. „Ich war das? Da hatte ich damals aber einen guten Geschmack“, meinte er erheitert. Zügellos pflückte er sich weitere Beeren und verstaute einige in seiner Gürteltasche.

            „Link, ich...“, fing Zelda an und lief die wenigen Meter zu ihm hinüber. Verlegen wich sie seiner begutachtenden Mimik aus und drehte sich seitwärts. Sie wusste ja selber nicht einmal, worauf sie hinauswollte.

„Was ist los?“, murmelte er leise und hob mit einem Zeigefinger ihr Kinn nach oben, nur damit sie seinem Blick nicht ausweichen konnte.

„Ich wollte...“ Links Blick wurde unsicherer und tiefgründiger. Aber er schwieg. Laut ausatmend drehte sich Zelda um und striegelte ein bisschen die Mähne des schwarzen Hengstes...

Wie dumm, sagte sie zu sich selbst. Wie dumm, dass sie es einfach nicht schaffte, zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag. Sie wollte es ihm endlich sagen, endlich zugeben, was sie fühlte, was sie sich von seiner Seite erwidert wünschte, und doch war sie zu feige dafür...

            „Lass uns weiterziehen“, sagte Link dann leise und hievte seine leichte Begleiterin mit einer Bewegung auf den Hengst, sodass sie die Zügel ergreifen konnte.

            „Da fällt mir noch etwas ein, Zeldaschatz.“, fing Link an. Er bewegte seinen Schädel nach vorne, sodass sein Kinn beinahe auf Zeldas rechter Schulter lag. Und auch seine Prinzessin wand sich zu ihm, sodass ihre Nasenspitzen kurz aneinander stießen. „Unser kleiner, aus unseren Essenzen bestehender Freund, sah irgendwie älter aus, als das letzte Mal, da er uns besuchte.“

„Ich verstehe, was du meinst. Als er uns in Schicksalshort besuchte, war er vielleicht fünf Jahre alt und nun sieht er aus wie zehn oder elf.“

„Ja, heißt das, die Götter sind immer noch an seiner Existenz beteiligt? Können sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen.“ Leicht verärgert gab er Namenlos die Sporen, damit dieser ein wenig schneller trabte. „Dieser Junge hat es nicht verdient, ein Spielzeug der Götter zu sein. Ich wünschte...“

„Du bist einfach zu edelmütig, weißt du das?“, murmelte Zelda erheitert und lehnte sich genüsslich an seine starke Brust.

„Liebst du das denn nicht?“, fragte Link, dessen Gehirn in dem Moment mal wieder abgeschalten hatte. Denn eine solche Frage zu stellen, war alles andere als selbstverständlich. Und beinahe hätte Zelda darauf eine eindeutige Antwort gegeben. Stattdessen schwieg sie...

 

Sie reisten weiter, vorbei an übernatürlich und gespenstisch wirkenden Stromschnellen von gigantischer Größe, in der Nähe von riesigen Wasserfällen vorbei, bis sie beide schließlich einen gefrorenen, in die Länge gezogenen See unter aller Vorsichtsmaßnahmen und sehr langsam überqueren wollten. Sorgsam blickte Link an den steilen Felshängen hinauf, die den See fast schützend einnahmen. Nirgendwo ein Ufer oder eine Brücke. Es gab keinen anderen Weg, außer eine Umkehr... Links tiefblauen Augen wanderten weiter, erblickten die weißen Hänge in tausend Metern Höhe und allmählich wurde ihm ein wenig mulmig zumute. Aber, wie gesagt, einen anderen Weg gab es nicht. Und Umkehren wäre eine schlechte Idee, da sie ohnehin unter Zeitdruck standen.

            „Was hältst du davon, Zelda?“

„Vielleicht sollten wir dennoch umkehren“, meinte sie. In dem Moment hörten die Beiden ein merkwürdiges Geräusch, etwas Dumpfes, das sich ihnen näherte. Ähnlich Schritten oder einem in wohlgeordneten Rhythmus schlagendem Stapfen auf den kalten Boden. Beunruhigt sprang Link von Namenlos und blickte mit seinen scharfen Augen zurück, erkannte weit in der schneeweißen Landschaft Unmengen von dunklen Punkten, die sich unaufhaltsam in ihre Richtung bewegten. Ergriffen von Hast sprang der Heroe wieder auf das Pferd und ergriff die Zügel.

            „Wir können nicht umkehren“, sagte er und machte Zelda damit unmissverständlich deutlich, dass sich etwas näherte. „Eine Dämonenarmee Ganons ist bereits hinter uns.“ Vorsichtig führte Link das Pferd am Rand des Sees entlang, während das Eis unter ihnen sich bog und leise Splittergeräusche von sich gab.

Langsam tapste der schwarze Hengst voran und nur seine Hufe, die auf der kalten Eisschicht aufschlugen waren hörbar. Erneut ein Splittern und hastig brachte Link das Pferd zum Stehen, blickte über den zugefrorenen See und dessen rauer Oberfläche. Riss um Riss bildete sich auf der gefrorenen Oberfläche, wo Schnee den See bedeckte und nur ein guter Beobachter überhaupt einen See wahrnehmen konnte.

„Link, beeil dich“, sagte Zelda aufgeregt. Und Namenlos galoppierte sachte über den See.

            Inzwischen drangen Trommelgeräusche mit unverkennbarem Moblingesängen an die Ohren der beiden Hylianer. Trommeln auf einer Wüste aus Eis, die ein mattes und doch gefährliches Echo über die Weiten des Zorareiches schickten und von Mordlust, Wahnsinn und Herzlosigkeit erzählten. Töne, die noch mehr Elend heraufbeschwören konnten.

„Wie haben die uns bloß gefunden?“, sagte Link laut, als Namenlos zunehmend schneller über das Eis preschte. Zelda antwortete nichts darauf und starrte angsterfüllt hinauf zu den Hängen, wo sich die Trommelwirbel in puren Naturgewalten niederschlagen konnten. Nicht nur das Eis und der zugefrorene See machten ihr Angst, wohl eher die mit Schnee bedeckten, steilen Hänge rechts und links von ihnen. War das vielleicht die Absicht der Moblins? Die Erschaffung von Schneelawinen, anstatt sie beide endgültig einzuholen?

            Die Trommelgeräusche näherten sich, wurden wilder, stürmischer und riefen nach einem Sieg des Bösen, der doch nicht allzu weit entfernt sein konnte. Erschreckende Laute, angereichert mit Missgunst für gute Seelen.

            Ein Splittern und das Eis brach auf. Ein Riss breitete sich aus wie Blut, welches über gestorbenen Erdboden entlang sickerte. Und Namenlos kämpfte weiter, hetzte so schnell er konnte über den See, doch das Ufer würde es nicht mehr erreichen. Ein greller Schrei aus Zeldas Kehle erklang, als Namenlos den Halt verlor und mit den Hinterhufen im gnadenlos kalten See versank.

„Spring ab!“, brüllte Link und riss seine Prinzessin ruckartig mit ihm hinab. Nur schwerlich fanden sie beide liegend Halt auf einigen Schollen des Sees. 

Entsetzt schaute Link zu dem hilflosen Pferd, dass halb unter der Wasseroberfläche versank und kämpfte. Ein aufgeregtes Wiehern, ein kläglicher Laut, den es aussendete, fast einem Hilferuf. Wassertropfen wurden aufgewirbelt und weitere Laute des Pferdes schallten umher.

„Verdammt!“, brüllte Link fassungslos, als der Pferd plötzlich sich nicht mehr wehrte, endgültig unter ging und sich nicht mehr zeigte. Es hatte den Kampf mit dem kalten Eiswasser absichtlich verloren.

            „Es ist unsere Schuld“, setzte Link hinzu uns schlug mit einer Faust auf das Eis ein. Zelda tastete nach Links eisiger Hand und schenkte ihm einen tröstenden Blick.

„Wir können es doch nicht einfach ertrinken lassen“, sagte er energisch. Link krabbelte näher an die Stelle, an welcher Namenlos versank und blickte in die tiefe, stumme Dunkelheit des Sees.

„Mist“, brüllte Link erneut und schaute hinab, wünschte, er könnte irgendetwas tun. Schon fast dabei in das eisige Wasser zuspringen, fühlte der Heroe plötzlich einen Stups von Zelda an seine Schulter.

„Du wirst es nicht glauben, aber schau doch mal nach vorne“, meinte sie. Und Link erhielt beinahe den Schock seines Lebens. Zufrieden stand Namenlos am Ufer des Sees und wartete auf die beiden zur guten Seite gehörenden Hylianer.

„Was ich mir überhaupt Sorgen gemacht habe...“, grummelte Link und schüttelte den Kopf.

„Eben das Pferd einer Göttin. Es ist sicherlich nicht sterblich...“, meinte Zelda und atmete tief ein, angesichts der Kälte und Nässe ringsherum.

            Damit krochen die beiden liegend über den See, hoffend, die Risse in dem See würden sich nicht noch vervielfältigen. Und weiterhin schallten Trommelgeräusche durch die Luft, brachten die Schollen in dem See zum Vibrieren, erzeugten weitere Risse. Zelda verlor langsam die Geduld, zog sich nur unter Aufbietung aller Kräfte vorwärts. Das Rauschen in ihren Ohren wurde schlimmer, ihre Atmung gezwungener und pfeifender. Ihre Wunde brannte erneut, was sicherlich mit dieser Anstrengung zu tun hatte. Aber sie wollte kämpfen, sie wollte stark sein und krabbelte weiter, zog sich über das glatte rutschige Eis und blickte Link hinterher, der sich immer weiter von ihr entfernte. Ihre Arme wurden tauber und ein ungewolltes Zittern überkam sie.

            Die einstige Prinzessin Hyrules hielt an und schnappte nach Luft. Kleine Nebelschwaden bildeten sich vor ihrem Gesicht, die sie nur noch verschwommen wahrnahm. Zelda blickte zu Link, erkannte ihn nur noch verblichen vor sich und hörte fortwährend die beunruhigenden Trommelgeräusche. Sie schloss ihre Augen und blieb mit einem Schlag erschöpft liegen.

In dem Augenblick splitterte das Eis erneut und Link sah wie sich die Risse verteilten, sah, wie die Risse länger wurden. Dann wanderten seine Augen erschrocken zu seinem Engel, der sich nicht mehr rührte.

            „Zelda!“, fauchte Link und hastig zog er sich auf seinen Armen abstützend in ihre Nähe. Aber sie reagierte nicht und Link sah zu, wie sich das Eis um sie herum stückchenweise von dem restlichen Eisbrocken ablöste. Link krabbelte schneller und brüllte ihren Namen, aber Zelda schien endgültig das Bewusstsein verloren zu haben.

            Ein berstender Ton, ein weiteres Splittern und das Eis unter ihrem mitgenommenen Körper gab nach. Mit einem Schlag zerbrach die Stelle, auf der Zelda ruhte. Entsetzt sah Link zu, wie auch Zelda langsam in dem See verschwand. Link sprang auf, kümmerte sich nicht darum, dass nun auch der Rest des Sees splitterte und hetzte zu ihr, sprang in das eisige Wasser hinein. Link versuchte den Schmerzeffekt zu unterdrücken, als das kalte Wasser sich um ihn legte. Ein Gefühl, als ob jede Körperzelle aufhören wollte zu leben, ein Gefühl, wie als ob das Herz stehen bleiben wollte, begleitet von Qual und Lähmung. Link tauchte in der erbarmungslosen Kälte, spürte des Schlagen der Kälte in sein Gesicht, an seinen bloßen Händen, das Schockgefühl, und sah Zelda langsam nach unten gleiten. Sie rührte sich nicht. Ihre blondes Haar umhüllte wie ein Schleier ihr Gesicht und mit jeder Bewegung bewegten sich die goldenen Haarsträhnen in dem Wasser zu einem stummen Rhythmus. Kleine und große Luftbläschen stiegen von ihren blassen Lippen nach oben.

            Link schwamm so schnell er konnte, packte sie unter ihren Schultern und zerrte sie nach oben.

            Viele Minuten später brach ein erschöpfter, zitternder Link mit Zelda auf seinen Armen am Ufer des Sees auf seine Knie. Er hatte sich durch die Kälte und die Eisschollen hindurchgekämpft und kein Gefühl mehr in seinen durchgefrorenen Gliedern. Hastig tankte er Luft und fror am ganzen Leib. Aufgewühlt gab er Zelda sanfte Ohrfeigen an ihre eisigen, schwachrosa Wangen, bis sie blinzelte und Wasser spuckte. Sie sah ihn an, erblickte einige Schürfwunden an seiner Stirn und sah, wie fertig er sich fühlte.

„Entschuldige...“, brachte sie Wasser spuckend hervor und spürte die Kälte und Nässe ihrer durchgeweichten Kleidung. In dem Moment versagten jegliche Kräfte, die Link noch hatte, und er fiel rücklings auf den kalten Schnee, schloss seine Augen und versuchte nicht an die bittere Kälte zu denken.

            Und im Hintergrund erklangen die gefährlichen Trommeln, kamen näher, bis in etwa fünfzig Vasallen Ganons am anderen Ufer des Sees standen und hämisch zu Link und Zelda gafften. 

Doch sie wagten sich nicht über den See, blieben, wo sie waren, schlugen todbringend mit ihren Waffen auf den mit Schnee bedeckten Boden ein, stapften mit ihren eisenversehenen Lederstiefeln auf dem Boden herum und trommelten, was das Zeug hielt.

            Mit letzter Kraft stiegen die beiden bis auf die Knochen durchgefrorenen Hylianer auf das Pferd, rieben sich die Hände, zitterten und hofften auf Wärme in der Nähe des anderen. Ohne einen weiteren Blick zu den Vasallen Ganons verschwanden sie in der grauen Wüste aus Schnee und Eis

 

Mit Eiszapfen in den Haaren, rotgekühlten Nasen und frostigen Beinen und Armen trampelten Link und Zelda die Tür zu einer kleinen, alten Schmiede ein. Zwei Stunden waren sie ziellos umhergeirrt, auf der Suche nach einem Häuschen oder einer anderen Möglichkeit sich aufzuwärmen, bis sie schließlich diese aus Holz gebaute Hütte, mit einem kaputten Stall und einigen eingeschlagenen Fensterscheiben fanden.

Zelda hetzte auf den Kamin zu, wedelte mit ihrer Hand in der Luft herum, schnitt Kreise bis eine gewaltige Stichflamme aus ihren Fingerspitzen brodelte und das gesamte Kaminloch in Feuer setzte.

            „Oh... das ging schnell“, murmelte Link und vergaß für einen kurzen Augenblick, wie kalt er sich doch fühlte. Seine Prinzessin rieb sich über ihre Oberarme, fühlte die unangenehme, schwere Nässe des dicken moosgrünen Pullovers, den sie trug und ignorierte Links Kommentar. Mit einem lauten Seufzer hockte sie sich vor die munter vor sich hin lodernden Flammen, begann zu zittern und fror sich halb die Seele aus dem Leib.

            Link war da mutiger. Es gab keinen Grund in dieser Situation irgendetwas peinlich zu finden. Also ließ er das Schwert mit einem lauten Schlag von seinem Rücken fallen, rasch lösten seine kalten Hände die kupferne Gürtelschnalle, eilig riss er sich die waldgrüne Tunika über den Kopf, entledigte sich des weißen Hemdes, das er trug und beließ nur noch seine Stiefel und die weiße Hose. Mit einem Sprung landete er neben Zelda vor der Wärmequelle.

Zeldas Schädel wanderte auffallend langsam zu dem halbnackten Hylianer neben ihr. Unabsichtlich biss sie sich auf ihre Lippe und starrte Link mit roten Wangenbäckchen an, der gerade seine Stiefel von den nassen Füßen zog.

            „Was ist?“, fragte jener unschuldig, der Zeldas genauen Blick nicht zu deuten wusste. Ihr Kopf zuckte in die andere Richtung und erneut begann die Schöne zu bibbern.

Der junge Heroe zwinkerte kurz mit den Wimpern und holte sich die erstbeste Decke aus seiner magischen Tasche.

„Worauf wartest du eigentlich?“, sagte er dann und verschwendete keinen Gedanken daran, dass es Zelda vielleicht ungeniert fand, vor ihm ihre Kleidung abzulegen.

„Du holst dir noch den Tod in diesen nassen Klamotten.“

„Du Rüpel, ich kann mich nicht einfach vor dir ausziehen. Das hättest du wohl gerne!“, giftete sie. Link verleierte die Augen und drehte sich um.

„Mach schon, ich guck’ auch nicht hin.“

„Nein“, sagte sie kühl. Und ihr Held schüttelte mit dem Kopf, drehte sich zu ihr und packte sie fest an ihren Oberarmen. Seine Augen bahnten sich einen zuvor versteinerten Weg zu Zeldas geheimsten Gedanken vor, rückten näher und näher und hypnotisierten.

„Hast du Angst vor mir?“, sagte seine tiefe Stimme in nie da gewesenem Klang.

„Nein...“, flüsterte sie schwach und konnte nicht vor diesem Blick fliehen, den er ihr schenkte.

„Also... worauf wartest du? Oder soll ich dir vielleicht dabei helfen?“ Und der fast melancholische Blick wandelte sich zu purer Abenteuerlustigkeit und Dreistigkeit.

„Deine Impertinenz schlägt noch hoch bis zum Himmel, du Lausbub.“ Verlegen und extrem fuchtig riss sich Zelda von seinen inzwischen warmen Händen los, während Link lediglich lachte. Er streckte sich, ließ seine starken Arme ausdauernd in der Luft kurbeln, fühlte das Spannen seiner Muskeln und gähnte dann.

            Und die blonde Hylianerin fühlte erneut die durchgeweichten Klamotten, ekelte sich ein wenig vor ihrer eigenen durchgeweichten Haut. Sie seufzte und meinte bestimmend: „Aber du wagst es nicht zu schauen, sonst...“ Links tiefblauen Augen wanderten genüsslich zu ihrer schlanken Figur.

„Sonst?“

„... sonst belege ich dich mit einem Fluch“, sagte sie protzend und schnallte ihr Schwert und sonstigen Waffen von dem zarten Körper. Aber Link blickte sie immer noch halb schmachtend an. Vernehmbar räusperte sich Zelda und legte beide Hände an ihre Hüften, klapperte mit den Absätzen ihrer teuren Stiefel auf dem steinigen Boden herum.

„Willst du jetzt schon den Fluch auf dem Hals haben?“, fragte sie spielerisch.

„Kommt darauf an, was der Fluch zu bieten hat“, erwiderte er gehässig.   

„Stehst du auf Schmerzen, mein Held?“

„Das wiederum kommt auf die Betrachtungsweise und die Definition der Schmerzen an.“ Zelda zog die Nase hoch und brach ab. Sie kannte diese Art der Gespräche, die sie mit Link führte... sie kannte diese Geschichten zwischen ihnen und die Tatsache, dass sie nicht einfach nur mit ihm redete. Schon damals, in Hyrules Vergangenheit lebten sie beide in diesen Worten ihre Gefühle aus... sie mochte dieses Hin und Her. Sie liebte es, sich so mit ihm zu unterhalten. Und doch stoppte sie sich selbst dabei, wissend, sie konnte diese Wortgefechte mit ihm nicht weiterführen, ohne nicht irgendwann... die Wahrheit über dieses unabsichtliche Flirten zu verraten. Sie blickte traurig lächelnd zu Boden.

            „Habe ich was falsches gesagt, Zelda?“, meinte er leise und wendete sein Gesichtsfeld den Flammen zu, sodass er Zelda nun nicht mehr im Blickfeld hatte und sie sich ohne Scham ihrer Kleidung entledigen konnte.

„Ja... und ich ebenso“, flüsterte sie zögerlich.

„Sorry...“, entkam es seinen erkalteten Lippen. Ein schwacher Trost. Ein Stückchen Sehnsucht, so ohne Bedeutung. Es sollte einfach nicht sein... 

            Langsam entkleidete sich Zelda ebenso und umhüllte sich sogleich mit einer braunen Baumwolldecke, fühlte wie die Wärme und das Leben in ihren Körper zurückkehrte. Sie ließ sich mit einem zufriedenem Lächeln auf den Steinboden sinken, saß neben Link, der immer noch in das knisternde Feuer blickte als würde er dort etwas suchen, als wollte es ihn verschlingen.

„Wollen wir...“, fing er an und starrte immer noch mit seinen ozeanblauen Augen in die gelbe Funken sprühenden Flammen. Etwas funkelte in seinem Blick, ein warmer Hoffnungsschimmer in Begleitung der Flammen, die sich in seinen Augen spiegelten. Ein Glühen, ähnlich dem inneren Feuer und der Leidenschaft, die er mit sich brachte.

Er wendete seinen Blick zu der anmutigen Prinzessin, die halb darin versank, so anziehend war dieser Blick in der Minute, fast verführerisch. Erneut dieser Blick, den sie bisher so selten gesehen hatte. Sie wollte wegsehen, begriff aber nicht wie. Sie versuchte zu fliehen, aber es gab keinen Fluchtweg und je langsamer die Sekunden über das Ziffernblatt des mächtigen Medaillons um ihren Hals rannten, umso durchdringender wurde dieser Blick. Aber Link stoppte diesen Blick nicht, unbeherrschte Sehnsucht, Gefühle der Zuneigung.

            Verwirrt strich Zelda sich eine goldene Haarsträhne hinter das Elfenohr, fühlte Anspannung und ein aufgeregtes, ruheloses Schlagen ihres Herzens. Fast ängstlich schaute sie höflich weg, verschränkte ihre Arme vor sich, da sie nicht wusste, wohin damit. Sie wich dem verlangenden, sicheren Blick aus, fühlte einen gemeinen Knoten in ihrem Hals und im nächsten Moment ein gleichförmiges Kribbeln... zuerst auf ihrer Hand... dann in ihrem Magen...

Sie kannte dieses wunderbare Gefühl, wie oft hatte sie sich danach gesehnt, dann, wenn sie in den lauen Nächten in Hyrules Frühling bei offenem Balkonfenster von ihrer Sehnsucht und Liebe träumte...

            „Wollen wir... nicht endlich...“, sprach Link leise. Fast begierig glitt er näher, suchte ihren verletzlichen Blick, dem sie ihm doch in jener Sekunde nicht gewillt war zu geben. Streichelnd fühlte sie eine warme, raue Hand an ihrem Kinn und fast ein wenig grob hob er ihr Kinn in seine Richtung.

„Du hast Angst vor mir...“, murmelte er, als sie seinen vielsagenden Blick wieder traf. „Du hast... Angst vor... deinen eigenen Gefühlen.“ Er ließ seine Hand von ihrem wohlgeformten Kinn gleiten und hinab zu ihrem Hals wandern, streichelte über die weiche Haut, fühlte ein erregtes Zittern, die leichte Gänsehaut, die über ihren Hals lief, nur weil er ihr eine Berührung schenkte. Genießend schloss sie ihre Augen und fürchtete sich doch vor dem, was als nächstes folgen könnte.

            Erneut seine ruhige, ein wenig raue Stimme. „Wollen wir... es nicht endlich zu lassen?“, sagte er leise. „Wollen wir nicht endlich... aufgeben, uns voreinander zu verstecken...“, ergänzte er träge. Schwachblinzelnd hoben sich ihre Augenlider, zeigten das leuchtende Blau ihrer Augenfarbe und doch die Spur nichtssagende Furcht vor dem, was passierte. Unwiderstehliche Augen mit der Farbe des weiten, unbeherrschten Ozeans darin näherten sich ihr und noch ehe sie begriff, was geschah, löste Link ihre Arme aus der abweisenden, verschränkenden Haltung. Langsam führte er ihre kühlen Arme um seinen eigenen nackten Oberkörper.

„Lass’ es zu“, sagte er zärtlich. Er näherte sich ihr, mit Wunsch, ohne Verstand und Vernunft, ließ sich hinfort tragen von den Gefühlen für seine Seelenverwandte, dem Menschen, der ihm mehr bedeutete als sein eigenes Leben. Das Kribbeln wurde stärker, zwingender und ruheloser. Zelda seufzte und nahm an der Empfindung einen nötigen Atemzug. Sorgsam, unheimlich liebevoll legte Link eine Hand an ihren Hinterkopf, streichelte durch das goldene, im Feuer kupfern schimmernde Haar, konnte nicht in Worte fassen, wie einzigartig und magisch dieser seltene Augenblick doch war. Ein vertrautes Gefühl und doch nie geschehen...

            Sich nähernd fühlte sie überraschend seine tiefen Atemzüge in ihrem Gesicht, wartete so voller Ungeduld, wusste nun, wie unentbehrlich sie sich diesen Moment immer gewünscht hatte- gebetet hatte sie für jene hemmungslose Liebkosung ohne Sinn und Verstand. Und sie ließ es zu, wehrte sich nicht gegen ihre stets unter Verschluss gehaltenen Gefühle, legte soviel in diese leidenschaftliche Empfindung, wie sie nur konnte. Ihre Hände um seinen Hals wurden stärker, fesselnder. Mit ihren Fingerspitzen formte sie Muster auf der Haut seines Halses und in nur wenigen Sekundenbruchteilen geschah, was sie niemals erwartet hatte.

            Überschäumend, fast quälend war das rufende Gefühl in ihrer empfindsamen Magengegend nun, etwas, was sie noch nie empfunden hatte, was Zelda nicht kannte. Ein erster wahrer Kuss in Hyrules Realität für sie. Eine erste Empfindung so voller Liebe.

            Links andere, warme Hand bahnte sich seinen Weg unter die braune, strubbelige Decke zu Zeldas schmalen Rücken, streichelte sanft darüber hinweg, steigerte das bedrängende Gefühl fast bis ins Unerträgliche. Ihre Nasenspitzen berührten sich leicht. Ein kurzes Kichern aus Zeldas Mund, gefolgt von einem kleinen Auflachen aus Links. Wie einfach es im Moment schien, einander so nah zu sein...

            Erneute Stille und nur das Knacken des Feuers in dem Kamin gab den Rhythmus eines sanften, wiegenden Liedes vor. Bedächtig bewegten sich zwei paar Lippen aufeinander zu, sehnten sich nach einem sündenlosen Kuss. Langsam näherten sie sich, offenkundig über die Echtheit ihrer jugendlichen Liebesgefühle.

Schwachrote Lippen trafen auf die weichen, roten Zeldas. Kurze Küsse. Ein Herantasten.

Link intensivierte den Kuss nach kurzer Dauer und nur zögerlich küsste Zelda ihn zurück, unerfahren, vielleicht eine Spur Ungewissheit und Ungeschicklichkeit verratend. Aber Link störte dies nicht, genüsslich trank er weiterhin von ihren weichen Lippen, schenkte ihr feine Leidenschaft und Liebe, ließ ihr kaum Luft zum Atmen, küsste sie immer wieder, tiefer und inniger. Berauscht stöhnte Zelda leise auf, stoppte die Liebkosung für einen Moment und öffnete schwach ihre Augen, sah etwas Funkeln in seinen tiefblauen, lächelte dann und schenkte ihm wieder feurige, heftige Küsse, als ob sie niemals genug von ihm bekommen konnte.

            Nach wenigen Minuten lagen die beiden Hylianer Arm in Arm vor dem Kamin und schauten in die hungrigen Flammen. Leicht verlegen und schweigsam stand Zelda mit der pelzigen Decke um ihre Schultern geschlungen auf und schaute, ob ihre Kleidung bereits wieder getrocknet war. Irgendwie konnte sie nach jenen ungestümen Küssen ihrem Seelenpartner nicht mehr in die Augen sehen. Wie konnte es nur dazukommen? Überwältigt von dem Gefühl seiner Lippen auf ihren, jenem Kribbeln im Bauch, hatte sie es einfach zu gelassen...

Aber war das richtig? Sie legte aus Scham über die feurigen Küsse, die soeben geschehen waren, eine Hand über ihren Mund. Sachte fuhr sie sich über ihre feuchten Lippen und stand weiterhin mit dem Rücken zu Link.

            Auch er brauchte Zeit zum Nachdenken... Es war geschehen, einfach so... Warum nicht schon früher, fragte er sich. Er konnte Zelda jetzt irgendwie nicht in die Augen sehen und war vielleicht sogar froh darüber, dass sie ihm den Rücken zuwendete.

            Einige Minuten vergingen und die Prinzessin zog, diesmal ohne Scham von Link beobachtet zu werden, ihre Kleidung an. Auch Link machte sich bereit für die Weiterreise und war gerade dabei seine Tunika über den Kopf zu ziehen, als Zelda ihn davon abhielt. Ohne ihm in die dunkelblauen Augen blicken zu können, reichte sie ihm ein Kleidungsstück, welches ihm noch sehr helfen sollte.

„Ein Kettenhemd?“, sagte er leise und blickte auf das silbrig- glänzende Kleidungsstück.

„Mmh... ich finde, das schützt dich besser.“

„Danke...“, murmelte er leise und suchte ihren Blick, sah ein paar leuchtend blaue Augen, deren Farbe von dem Rot von Zeldas Wangen intensiviert wurde.

Sie blickte scheu zur Seite und sagte rasch dazu: „Ich habe es in dem Schrank dort drüben gefunden...“ Link nickte, ebenso verlegen, sich fragend, weshalb er jetzt wieder so nervös war. Zelda vernebelte seine Sinne, seinen Verstand und sein Herz... und nur ein Blick, ein Lächeln reichte aus...

Sie nahm seine Hände in ihre und flüsterte: „Ich...“ Doch Link schüttelte mit dem Kopf, gab ihr schnell einen Kuss an ihre rechte Augenbraue und umarmte sie liebevoll.

„Ich brauche ein wenig Zeit...“, hauchte sie an sein spitzes Elfenohr.

„Du hast alle Zeit der Welt... für deine Gefühle, Zelda“, erwiderte er, löste sich von ihr und packte seine restlichen Sachen zusammen.

 

Spät am Nachmittag galoppierte der schwarze Hengst einer Göttin über weiße Feldern in Richtung Norden. Gleißendes Rot schickte seine Ausläufer über die winterliche Märchenlandschaft. An den kahlen Bäumen purzelten pausenlos kleine Wasserperlen hinab. Eiszapfen an den kleinen Häuschen eines Dorfes, welches Link und Zelda passierten, verschwanden durch das warme Sonnenlicht. Der Frühling kehrte ein in Zoras Reich...

Irgendwo am Rande jener Hügellandschaft, knapp an der Grenze zu einem weiteren Land befand sich versteckt in einem hohen Turm ein weiteres der Elixiere, das fünfte der Suche nun.   

            „Es ist angenehm warm hier, wenn das Eis wegschmilzt“, meinte Zelda, die sich hinter Link sitzend fest um seinen Bauch schmiegte. Den Kopf an seine feste Schulter gelehnt, hatte sie ihre Augen geschlossen.

„Mmh...“, murmelte er und blickte entschieden nach Norden, erkannte von weiten etwas steil in die Höhe ragen. Eine dunkle Flake an der Spitze gehisst, das goldenfarbige Abzeichen des königlichen Adlers auf schwarzem Untergrund.

„Zelda, siehst du das?“ Und Link deutete mit einem Arm in die Richtung jenes Bauwerkes, das vielleicht einen Kilometer in der Höhe thronte.

„Ja“, meinte sie erfreut. „Wir haben die Stätte des siebten Weisen erreicht. Wunderbar!“, jubelte sie.

„Leg’ einen Zahn zu, Namenlos“, meinte Link und klopfte den Hengst an den starken, schönen Hals.

            Doch hoch oben, dort, wo nicht einmal mehr dunkle oder weiße Wolken vorbeizogen, krochen drei Kreaturen aus ihren ruhenden Verstecken hervor. Der Tag war ihre Nacht, die Sonne ihr Feind, denn jeder Lichtstrahl bohrte sich in ihre Verderben bringenden Körper wie drahtige Gestelle, wie eiserne Klingen. Und so verabscheuten sie den Morgen, liebten den Abend, der jetzt seine tägliche Neuankunft feierte. Schwarze Stofffetzen segelten hinab, durchbrachen Nebel und Gewölk, auf der Flucht vor dem Licht des Mondes. Dunkle Mäntel umhüllten geisterhafte Gestalten, die nicht mehr waren als Schatten, Hass und Siechtum.

            Mit neuem Mut erreichten Link und seine Prinzessin jenen hohen Turm. Drei Eingänge führten in das Innere des überwältigenden Bauwerkes, drei hohe, gläserne Tore, die weder Griffe noch sonst etwas zum Öffnen besaßen.

Der Mond stieg auf, begann seine Kreise und versank halb hinter weißen Schneebergen. Der junge Held warf einen Blick hinauf zu den felsigen, grauen Grundmauern des runden Turmes, blickte angestrengt hinauf, aber konnte das Ende nicht ausmachen. Sorgsam legte er eine Hand auf das glattpolierte Glas und versuchte in das Innere des Turmes hineinzusehen. 

„Meinst du nicht, wir sollten die Nacht abwarten und morgen früh den Turm besteigen?“, meinte Zelda, die mit einem Stapfen durch den hohen Pappschnee neben Link trat und ebenso in die schwindelerregende Höhe starrte. Mit einem fast gefährlichen Lächeln drehte er sich um, schnappte sich seine Zelda unter ihren grazilen Armen und hievte sie ein Stückchen nach oben, sodass sie sich mit ihm auf selber Höhe befand. Sanft drückte er sie gegen die fugenlose Mauer. Noch ehe Zelda verstand, was geschah, fand sie seinen Mund leidenschaftlich auf ihrem und ungestüm raubte Link ihr jegliches Gefühl für Raum und Zeit.

            „So...“, flüsterte Link hauchend in ihr Elfenohr und ließ sie los, sodass sie wieder mit den Füßen auf dem Boden stand, auch wenn sie den Boden im Augenblick nicht wahrnahm. Fast flatterhaft fühlte sie sich nach jenem Kuss, ihre Knie schlotterten, das Herz in ihrer Brust gab beinahe Stromstöße von sich, so aufgeladen war es im Moment und sogar in ihren Ohren rauschte es. „... das war ein Ja“, ergänzte er und blickte schließlich zu einem kleinen Felsvorsprung, unter dem sie vielleicht die Nacht verbringen konnten.

„Machst du das jetzt immer so?“, sagte sie und folgte ihm galant zu dem Felsen.

„Was?“, sagte er überrascht.

„Deine Art und Weise ,Ja’ zu sagen“, grinste sie überschwänglich und warf ihrem Helden ein bezaubernd schönes Lächeln zu.

            Seine Augäpfel wanderten schmunzelnd in die Höhe: „Wenn du möchtest.“ 

„Du bist ein kleiner Lustmolch“, meckerte sie wie eine kleine Ziege. Link war baff. Mit fragendem Gesichtsausdruck ließ er seine tiefblauen Augen an Zeldas Lachfalten entlang wandern und wusste weder ein noch aus. Verlegen und mit einem bedeutungsvollen Rot an seinen Ohren sah er sich den Felsspalt an.

„Aber...“, erklang ihre verführerisch verspielte Stimme. „Eigentlich... gefällt mir das ganz gut“, murmelte sie leise.

„Und du bezeichnest mich also als Lustmolch?“, entgegnete Link. „Ich glaube, meine liebe Zelda, du bist keinen Deut anders als ich...“

„Deshalb passen wir ja auch so gut zusammen, nicht wahr?“

„Jep, mein kleines, wollüstiges Prinzeschen.“

            Nun war es Zelda beschämt drein zu gucken: „Jetzt hast du’s geschafft“, schnaubte sie mürrisch. Wenn Link mit seiner Argumentationsstrategie anfing, hatte auch Zelda manchmal das weite zusuchen. Vielleicht war gerade das einer der Gründe, weshalb sie sich doch so ähnlich waren, einander so vertrauen konnten. Sie kniete flink nieder, schaufelte ein wenig Schnee in ihre Hände und formte einen Ball, den sie Link auf den Pelz schickte. „Lustmolch!“, rief Zelda in die Lüfte. „Lustmolch.“

            Lachend rannte Link vor dem Geschoss weg, das Zelda mit ihren magischen Kräften steuerte. Der Schneeball wurde schneller, jagte mit hoher Geschwindigkeit hinter einem wehrlosen Jugendlichen hinterher, der nicht mehr lange fliehen konnte. Gackernd hetzte er mit seinen Armen in die Höhe gestreckt abwechselnd nach rechts und links. Mit einem lauten Schlag traf der Ball den dunkelblonden Helden am Hinterkopf. Fluchend rieb er sich die Stelle und schleuderte Schneebällchen nach Zelda. Und so bewarfen sich zwei jugendliche Hylianer in den Gefilden von Zoras Reich mit weißem Zauber, begannen einander zu fangen und wirbelten lachend in dem weißen Kleid des Winters herum.

            Ausgelassen und vergnügt bemerkten sie nicht die vielen dunstigen, unreinen Augen, die sich ihnen annäherten, vom Himmel herabstiegen und sich zu Schlitzen verengten, als sie die Beute vor sich hatten. Ein Zischen hoch vom Himmel herabdröhnend, ähnlich einem Kampfschrei. Dunkle Stofffetzen tanzten auf den kaminrotgefärbten Wolken, die am abendlichen Himmel standen. Schwarze, lederne Peitschen schufen sich den Weg durch das Gewölk und blickten zähneleckend zu den beiden vergnügten Hylianern im Schnee.

            Link lag mit dem Rücken im Schnee und Zelda saß kopfschüttelnd auf seinem Bauch. Grinsend hielt sie seine Arme fest in den Schnee gedrückt und thronte siegessicher auf dem Verlierer der kleinen Spaßaktion.

„Du hast dich mit Absicht treffen lassen, oder?“, sagte sie.

„Mmh... ich wollte nur wissen, was passiert, wenn ich dich gewinnen lasse.“

„Und?“, fragte sie, hielt seine Hände immer noch in den kalten, nassen Schnee gepresst.

„Und?“

„Weißt du nun, was du wissen wolltest?“

„Jep. Du hast mich voll in deiner Gewalt“, gab er grinsend zu.

„Das findest du wohl unheimlich spannend, wie?“ Ohne es zu wollen, kaute sie auf ihre Unterlippe und wartete auf eine Reaktion ihres unwiderstehlichen Helden.

„Mehr als das...“, murmelte er und richtete sich auf. Nur kurz schaute Link an das dunkler- werdende Himmelszelt und erblickte drei schwarze Punkte weit oben. Drei rauchfarbige Gewänder schwebten wie wütende Schlangen um den langen Schacht des Turmes, bereit zu töten.         

            Stürmisch hetzte Link auf, nahm Zelda fest an ihrer rechten Hand und rannte so schnell er konnte ohne ein Wort zu einem hohen, schmalen Eingang der insgesamt drei Eingänge des Turmes. Zelda begann zu schreien, als sie hinauf in den Himmel blickte und die drei Schreckensgestalten mit ihren todbringenden Peitschen identifizierte. Sie kamen näher, beschleunigten ihr Tempo. Die Luft wurde kälter, gefror, wie das Blut in den Adern, wenn sich diese Schatten breit machten...

            Den farblosen, gläsernen Eingang im Visier stapfte Link geräuschvoll darauf zu. Mit seinen Fäusten dagegen schlagend, versuchte er in das Innere des Turmes zu gelangen, mit der Hoffnung so vor den Schattengöttern fliehen zu können. Zelda schlich nervös um den Turm herum, suchte nach einer Möglichkeit die Tore zu öffnen, suchte nach Erinnerungen, nach einem Hoffnungsschimmer. Welches Rätsel verbarg sich hinter diesen Wänden? Wie gelangte man durch das robuste Glas?

            Wutentbrannt trat Link mit dem Fuß dagegen, wurde zurückgeschleudert und humpelte mit einem schmerzenden Fuß in der Gegend herum. Bei Farore und ihrem göttlichen Mut, würde das Glück sie jetzt im Stich lassen? Geschockt beobachtete Link die drei Gestalten, wie sie näher kamen, gefährlich nahe. Ihre verrosteten Stimmbänder vibrierten, kratzen, wann immer ein Laut aus ihren langen, kreidebleichen Hälsen strömte. Ausgebleichtes, dünnes Haar stach aus den dunklen, das Gesicht halb verdeckenden Kapuzen hervor. Knochige Hände umkrallten zerrüttete Hefte von langen Peitschen. Link ließ die Schatten der Gottheiten aus den Augen und sauste zu Zelda hinüber, erblickte Zweifel und die vertraute Angst in ihren sanften Augen.

            „Zelda, kannst du nicht deine magischen Kräfte nutzen, um eines der Tore zu öffnen?“, fragte Link aufgeregt und stellte sich schützend vor seine Begleiterin.

„Ich versuche es...“, meinte sie zitternd, schickte wellenförmige Energiestöße gegen die robusten Tore, solange ihr rechter Handrücken noch nicht durch die Anwesenheit des Bösen schmerzte. Stoßweise prellte Kraft und Stärke gegen die durchsichtige Blockade, wurde aufgesaugt, aber legte keinen Weg frei. „Es klappt nicht“, kreischte sie verzweifelt. „Es klappt einfach nicht“, wiederholte sie und schmetterte weiterhin unsichtbare Kraftfelder gegen die farblosen Scheiben, bis sie vor Kraftverlust zitternd auf ihre Knie sank. „Verdammt!“, brüllte sie und schlug mit ihren Fäusten auf den Schnee.

            Zornige Peitschen glitten nieder, schlugen auf das raue Mauergestein, hinterließen Spuren im Schnee. Und in Sekundenbruchteilen standen drei mit einer kalte Aura umgebene Kreaturen vor den zwei jugendlichen Hylianern. Schutz  suchend klammerte sich Zelda immer fester in Links Hand und wich auf sein Kommando zurück.

            „Gebt sie her, jene Macht unter den Sternen. Wir wollen sie haben.“, zischten jene grausamen Stimmen gleichzeitig. Näher und näher schwebten sie auf ihren schwarzen Fußsohlen. Der Schnee schmolz in ihrer Gegenwart und erstarrte sogleich zu rutschigem Eis. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen starben ringsherum alle Bäume, jeder kahle Strauch- jegliches Leben in ihrer Gegenwart wurde zu Asche, verschwand, so als ob es seiner Existenz entfliehen wollte, um der Grausamkeit jener Schreckensgestalten zu entgehen.

            „Zelda...“, sagte Link leise. „Ich möchte dich wissen lassen, dass...“, setzte er noch leise hinzu und beobachtete mit einer Spur Mutlosigkeit die Peitschen jener dämonischen Kreaturen. Die einstige Prinzessin Hyrules schüttelte das Haupt, wollte nicht, dass er es jetzt sagte. „Nicht“, sagte sie. „Nicht jetzt!“, sagte sie energischer, teilweise befehlend. Auch ihre Augen wanderten zu den drei Kreaturen und unabsichtlich lehnte sich die blonde Hylianerin gegen das Glas, spürte jedoch keinen Druck, keinerlei Kälte oder Widerstand in ihrem Rücken. Immer weiter lehnte sie sich zurück, bis sie fast vollständig hinter der Glasoberfläche verschwunden war. Fest hielt sie Links Hand in ihrer rechten umklammert und zerrte den überraschten Helden hinter sich her.

            Verblüfft landeten sie beide auf dem mausgrauen Steinboden im Innenraum des hellen, fast weißen Turmes und schauten unsicher zu den Kreaturen außerhalb. Eine der in dunkle Mäntel gehüllten Bestien setzte zum Sprung an, knallte mit einem hässlichen Knacken an die Scheibe und wurde meterweit zurückgeschleudert. Schrilles Geschrei schallte umher. Gezänke. Wütende Rufe und Flüche. Die Peitschen schossen lautdröhnend an das robuste Glas, und doch gewährten die Scheiben ihnen kein Eindringen. Der Weg in das Innere des weißen Turmes war wieder geschlossen- versperrt für dunkle Seelen, aber offen für all jene, die reine Absichten verfolgten und Hilfe benötigten...

 
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