Kapitel 55
 

Kapitel 55

 

 

 

 

„Puh... mal wieder Schwein gehabt“, stellte Link fest und half Zelda auf die Beine. Außerhalb des weißen, gigantischen Turmes schlürften weiterhin die Füße der Schreckensgestalten durch den Schnee, tobten mit ihren schiefen Stimmen, schickten ihre ledernen Peitschen gegen das robuste Glas.

Prüfend schauten die tiefblauen Augen Links nach draußen, bis sich ein ausgemachtes Grinsen auf seinem Gesicht regte und er den Schatten beinahe eine Grimasse gezogen hätte. Gerade in dem Moment spürte er einen Stups von Zeldas Ellenbogen an seinen Oberarm.

„Du brauchst sie nicht noch zu verhöhnen und ihre Wut zuschüren. Wenn wir nicht solche Glückspilze wären, hätten sie uns schon lange drangekriegt.“

„Ja, aber so ist es nicht, also beruhige dich, Zelda.“ Verliebt führte er ihre rechte Hand an seine Lippen und küsste diese.

„Du weißt, mit welchen Waffen du mich umstimmen kannst...“, murmelte sie und schenkte ihrem Helden einen kurzen verträumten Kuss.

„Mmh... und ich bin gut darin...“, entgegnete er und lachte leise auf.

            Der Innenraum des weißen Turms wirkte noch kleiner, als von außen her ersichtlich. Nichts befand sich hier, nur eine schmale, steinerne Wendeltreppe ohne Geländer, die an den weißen, rauen Innenwänden hinaufführte. Langsam tapsten die beiden Spitzohren hinauf, blickten aus den hohen Spitzbogenfenstern des Turmes, sahen weiße Hügel und Berge, die mit grünen Flecken beschmückt waren.

Der Winter verschwand, der Schnee schmolz über den mittelhohen Bergen, über den vielen Hügeln in Zoras Reich. Letzte Sonnenstrahlen fluteten den grauen Wolkenhimmel und tauchten das Reich in weiche rote Farben.

            „Sag’ mal, Zelda...“

„Was möchtest du wissen?“, sagte sie und schaute misstrauisch über die Treppenkanten in die Tiefe hinab, als sie nun schon vielen Minuten emporstiegen.

„Haben wir eigentlich den Eingang zu Zoras Reich schon passiert?“

„Ja, schon lange... aber es gibt mehrere Eingänge dorthin. Du möchtest dich dort wohl umsehen, wie?“, fragte sie schmunzelnd.

Link fing ihren Blick ein und grinste ein wenig. „Ja, das kann ich nicht verheimlichen... ich bin neugierig, wie es dort wohl aussehen mag.“ Langsam lief er weiter.

„Ich bin mir sicher, dass du irgendwann deine Erinnerungen wiedererlangst“, ergänzte Zelda. „Und wenn es dann soweit ist, wirst du dich auch an die Orte erinnern können, die du damals bereist hast.“

„War ich denn wirklich so...“ Sie unterbrach ihn: „Du warst der schlimmste Abenteurer, den ich kannte. Aber du hast es immer vorgezogen, deine Abenteuer alleine zu bestreiten.“

            Eigentlich schade, dachte Zelda. Sie hätte schon damals gerne mit ihrem Helden ferne Länder besucht, Herausforderungen angenommen und Dinge über der gewöhnlichen Vorstellungskraft hinaus erleben wollen. Aber zu jener Glanzzeit Hyrules, damals, hatte er stets Wert daraufgelegt, alleine zu sein, wenn er Tempel durchforstete, alleine zu sein, wenn er kämpfte und wenn er... tötete...

            „Wenn ich ehrlich bin...“, sagte Link und schnappte sich ihre rechte Hand. Ein wenig schneller lief er weiter. „... würde ich es auch jetzt vorziehen, das Elixier alleine zu holen, Zelda.“ Seine Worte klangen ruhig und doch war sie ein wenig verärgert darüber, obwohl sie seine Absichten verstand.

„Ich will dich nicht unnötig einer Gefahr aussetzen, Zelda... das ist der Grund. Ich sage das nicht, um dir weh zu tun, oder dich wütend zu machen.“ Aber er konnte ihr trotz allem nicht in die Augen sehen, sondern schaute entschieden nach vorne, blickte in die schwindelerregende Höhe.

„Würden die Schattengötter nicht an den farblosen Toren des Turmes verweilen, würde ich jetzt alleine hier hinaufgehen“, sagte er bestimmt und sicher.

„Hast du so wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten?“, fragte sie leise und löste betrübt ihre Hand aus seiner.

„Nein... du bist verwundet, Zelda.“

„Das ist nicht der Punkt“, sagte sie standhaft. Und Link wusste, sie hatte Recht. Ihre Verletzung war nicht der einzige Grund, dass er es vorzog, das Elixier alleine unter den Gefahren zu besorgen.

„Schon damals hast du mich bei den Kämpfen nie dabeihaben wollen. Du wolltest nicht, dass irgendjemand dabei ist, wenn du kämpfst.“ Traurig blickte er zu Boden, wissend, dass einige Funken der Vergangenheit, einige Züge seines Charakters geblieben waren, wie auch jetzt.

„Ich wollte nicht, dass jemand mit ansieht, wie ich töte. Und ich wollte sicherlich nicht, dass irgendjemand miterlebt, sollte ich einen Kampf... verlieren“, brachte er mit sehr viel Gefühl über seine Lippen.

Erschrocken blieb Zelda stehen und sah die Schattenseiten seines Abenteuersinns nun so klar und deutlich wie noch nie. Dumm, sagte sie sich, dumm von mir, dass ich diese winzige Angst in seinem Herzen nie sehen habe wollen...

            „Warum vertraust du mir in dieser Hinsicht nicht?“, murmelte sie.

„Sicherlich vertraue ich dir...“

„Du gibst mir aber gerade nicht das Gefühl, dass du dies tust“, sagte sie abschließend und humpelte zügiger weiter. 

 

Nach mehr als einer Stunde gelangten Link und seine Prinzessin an das Ende der Wendeltreppe. Ein steinerner, weißer Altar ruhte dort.

In einer kleinen, gläsernen Flasche befand sich ein schimmerndes farbloses Elixier. Das Elixier zur Verstärkung der Kräfte des siebten Weisen.

Link nahm es wortlos an sich und verstaute es in der kleinen Ledertasche, wo bereits die anderen Elixiere ruhten, das des Weisen der Geister, sowie Wasser, Wald und Licht. Nur noch Feuer und Schatten fehlten, dann wäre die Mission geschafft und der Rückweg in die neue, moderne Menschenwelt musste gefunden werden. Die Rückkehr und die Vernichtung Ganondorfs.

            Mit dem Versuch eines Lächelns blickte Link in Zeldas bekümmertes Gesicht, hatte gehofft, die Streitereien zwischen ihnen wären passe. Aber unter den Umständen, zwei völlig verschiedene Welten retten zu müssen, war die gereizte Stimmung zwischen ihnen nur zu verständlich. Es lag nicht an ihnen, dass sie beide unter diesem enormen Zeitdruck standen, mit der Angst im Nacken von Ganons Scharren gefunden zu werden. Es lag nicht an mangelndem Vertrauen...

            „Entschuldige, Link“, sagte sie leise und suchte seine Nähe. „Ich bin ein wenig angespannt. Ich weiß, dass du mir vertraust.“

Er nickte und gab ihr spontan einen Kuss auf die Wange. „Schon gut...“

            Langsam tapste das Pärchen mit leisen Geräuschen die Stufen erneut hinab. Die Nacht brach herein und der kühle Mond stand schon weit am Horizont. Einzelne Sterne leuchteten in jener kalten Frühlingsnacht, Sterne, die ihr Licht durch schwache Wolkenschwaden hindurchschickten.

            Doch Link und Zelda würden das Ende des Turmes diese Nacht nicht mehr erreichen. Umgeben von alter Magie schwanden sie, wurden hinfort getragen an einen Ort, den sie nicht einmal in ihren tiefsten, geheimnisvollsten Träumen betreten wollten. Sie waren Gäste diese Nacht, bedeutsame Gäste in den Reihen derer, die Hyrule erst zu dem machten, was es war. Nur wenige betraten einst jenes Haus hoch über dem weiten Horizont, nur wenige erwünschte, wie auch unerwünschte Gäste...

            Als Link seine Augen öffnete, fand er sich benommen in einem kleinen, dreckigen Verlies. Er musste teleportiert worden sein... Kopfschüttelnd sprang er auf seine Beine und blickte sich mit erstaunten Augen um. Schnell suchte er nach der kleinen Öllampe in seinem Besitz und brachte Licht und Wärme in die stickige Dunkelheit. Die kleine Zelle hatte ein Bettchen, ein winziges Fenster mehr einem Guckloch gleich und in der hintersten Ecke befanden sich schwere, teilweise verrostete Eisenstäbe, die gefangen hielten, wer immer hier eingesperrt wurde.

Neugierig und eine Spur aufgeregt, man könnte ihn in dieser Zelle seinem Schicksal überlassen, leuchtete er umher und warf einen Schein des Lichtes in den schwarzen Gang außerhalb seines Verlieses. Doch niemand war da.

Plötzlich kam eine angenehme, warme Stimme aus der anderen, noch in Dunkelheit gehüllten Ecke des kleinen Gefängnisses. Eine Stimme, die dem Säuseln des Windes sehr ähnlich war, oder wie dem Rauschen eines Stromes, wenn das mürrische Eis taute.

„Du fandest mich?“ Und doch war jener Satz mehr eine Feststellung als eine Frage.

            Erfüllt von einer Spur Misstrauen lief Link in die Richtung jener Stimme, beleuchtete mit der Öllampe mehr und mehr Raum des kleinen Verlieses, umklammerte mit seiner anderen Hand das Heft seines Schwertes. Furchtlos, als gäbe es in dem Moment keinen Grund mehr vor irgendjemanden Angst zu haben, folgte Link dem Licht, das seiner Erscheinung vorausging.

Langsam trat Link näher, erkannte in einer Ecke eine in dunklem grün eingehüllt Gestalt.

„Wer seid Ihr?“, sagte Link und stellte die Lampe vor dem merkwürdigen Wesen ab. „Niemand, der noch Rechte besitzt in diesem Kerker“, entgegnete diese angenehme Stimme, die Link irgendwie beruhigte und einen Strom gewaltiger Energie zuführte.

Zwei verschrumpelte, alte Hände regten sich und griffen nach der Öllampe, als wäre diese etwas sehr kostbares. Wilder und wilder flackerte das kleine Feuer in jener Lampe, als jene alten Hände sich auf das erwärmte, bräunliche Glas des Gefäßes legten.

            Neugierig wagte Link einen Blick unter die dunkle Kapuze der Gestalt, sah leuchtend grüne Augen aus dem alten, narbenreichen Gesicht hervorstrahlen. Alte, weise Augen voller Zuversicht, Hoffnung.

„Wo sind wir hier?“, fragte Link wieder und schaute nach draußen, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit.

„In einer Zwischenwelt, Held“, antwortete diese unwirkliche Stimme. „Ich bin hier schon sehr lange gefangen... doch wie du hierher gelangen konntest, ist mir ein Rätsel, mehr noch als das. Dein Erscheinen bringt die Angst mit sich...“, sagte jene weise, alte Stimme.

„Ich weigere mich hier zu bleiben.“ Link hetzte auf, umgriff die kalten Eisenstäbe und fühlte das kalte, scharfe Eisen sich in seine Haut hineinfressend. Ausgerechnet jetzt war er hier gelandet. In einer Zwischenwelt...

Mit aller Gewalt rüttelte der junge, couragierte Held an den Stäben, machte immer mehr Lärm und weckte damit vielleicht sogar Tote. Wütend warf sich Link dann gegen die Vergitterungen und ärgerte sich maßlos gerade jetzt, da Zelda ihn brauchte, in diese Falle getappt zu sein.

            „Wie bist du hierher gelangt, Held?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete er kurz und versuchte sein Glück mit einer Nadel, um das kleine Schlösschen zu öffnen.

Nach einigen Minuten wurde es ihm zuviel.

„Verdammt“, fauchte Link und trat einmal kräftig gegen die kleine unbequeme Liege, die hier in dem Gefängnis stand.

„Zelda braucht mich. Ich will hier raus, verdammt“, brüllte er, aber in dem Gang außerhalb gab es niemanden, der ihn hörte. Keine Fackel. Kein Vasall seines Erzfeindes.

            Gerade in dem Moment vernahm Link eine weitere Stimme. Jemand rief ihn und er kannte diese liebliche, glockenhelle Stimme, die seinen Namen rief. Er wusste um sie und liebte diese einzigartige Stimme. Sie rief nach ihm, genauso wie damals, zu Beginn des Abenteuers, am Anfang...

„Zelda?“, rief Link in die erstickende Dunkelheit, schloss seine Augen und vernahm wieder den Klang ihrer Stimme.

            Das seltsame Wesen war inzwischen aus der Ecke gekommen, stand auf den gebrechlichen, geschundenen Beinen und wackelte in Links Richtung. Doch diesmal ging ein schwaches, aber doch auffälliges Licht von ihr aus. Ähnlich jenem Schein der Kreatur, die ihm in der Zitadelle der Zeit begegnet war oder dem silbrigen Leuchten des kleinen Kegels, der seinen Namen trug.

            „Nimm’ meine Hand, wenn du Vertrauen aufbringen kannst- mir- da ich jenes Vertrauen enttäuscht habe.“ Link zuckte kurz mit den Schultern, hatte aber dann das Gefühl, dieses Wesen würde schon wissen, was es tut.

„Du ahnst, welche Macht auch nach deiner Widergeburt noch in deiner Seele ruht... du ahnst und du wirst wissen“, meinte diese flackernde Stimme und schöpfte doch aus der Stärke in Links Seele wieder Kraft. „Diese Macht genügt, um die Fesseln dieser Zwischenwelt zu sprengen. Hab’ dank, Held. Denn mit deiner Hilfe kann ich nach draußen gelangen, wenn dies dein Wunsch ist, mir zu helfen.“

„Ich habe doch sonst nichts zu tun“, meinte Link ironisch, nun überhaupt nicht in der Stimmung dem seltsamen Gerede dieser, wenn auch mächtigen Persönlichkeit zu lauschen. „Also, bringt uns hier raus.“ Die Person ihm gegenüber nickte und in nur kurzem Bruchteilen von Sekunden leuchtete etwas goldenes aus dem schmalen Gesicht dieser älteren Dame hervor, ein kurzes, machtvolles Glühen und die Dunkelheit in dem Raum verschwand.  

 

Erneut fühlte Link wie er von magischen Schwingen getragen wurde, fühlte das Schweben durch die Luft, als würde man auf weißen Wolkenbällchen laufen und die Fußballen die watteweichen Wolken berühren. Und vielleicht befand er sich im Moment gerade dort- weit oben, in einer Dimension, die er für nicht existent hielt.

            Seine Füße berührten den Boden, sanken dann aber wenige Zentimeter hinein in das samtene Material eines Teppichs. Warmer Stoff, der sogar durch seine ledernen Stiefel fühlbar war. Überrascht über diese Empfindung öffnete Link seine Augen und stellte fest, dass er blöderweise seine Lederstiefel gar nicht mehr trug. Mehr noch...

Von oben bis unten betrachtete er sich und erschrak leicht, als er feststellte, dass er im Moment gar nichts mehr trug, weder seine waldgrüne Tunika, noch das weiße Hemd oder die weiße Hose, nicht einmal seine Unterbekleidung...

            „Oh!“, entkam es seiner Kehle, einen leichten Schmerz im Hals verspürend, als er sprechen wollte. Sein Hals tat ihm ein wenig weh, ähnlich dem Schmerz bei einer Erkältung, obwohl er doch noch nie eine Erkältung hatte. Seine Stimme war heiser, auch noch, als er hustete und erneut einige Worte vor sich hin murmelte.

            Bei dem Versuch seine Gedanken zu ordnen, blickte er sich in dem märchenhaften, gemütlichen Raum um. Das Kämmerchen war nicht besonders groß, dafür aber sehr hoch, sodass Riesen mit ihren Köpfen nicht an die Decke reichen konnten. Erstaunt reckte Link seinen Kopf in die Höhe, betrachtete sich einzigartige Malereien hoch oben, Verzierungen an der mattgelb gemalten Zimmerdecke. Sein Blick wanderte weiter zu einem riesigen Kamin, mit übernatürlich rotem Feuer, welches nicht nur Wärme, sondern pure Energie spendete.

Überall hingen riesige amarante Vorhänge, aber nicht ein Schrank befand sich hier oder ein anderes Möbelstück. Nur eine gemütliche Liege mit einigen Kissen in allen möglichen dunklen Farben und zwei drei dicke, pelzige Decken. Wo bin ich denn jetzt schon wieder, dachte Link und fasste sich an seinen trommelnden Schädel. Konnte es sein, dass er bei dem Versuch dieses mächtige Wesen aus der Zelle zu befreien, seine Kräfte verloren hatte. Das würde auch die heisere Stimme erklären...

            Tiefdurchatmend suchte Link nach einem Fenster, um hinauszusehen, sich zu orientieren, herauszufinden, wo er war. Schnell zog er die Vorhänge zur Seite, aber hatte nur mit bunten  Steinen bepflasterte Wände vor sich. Sein Blick schweifte von dem Kamin zu der einzigsten Möglichkeit aus dem Raum zu verschwinden: Eine hohe, in die Länge gezogene goldene Tür. Toll, du Held, sagte er sich. Und was dann? Sollte er etwa nackt durch dieses Gebäude watscheln? Wie peinlich.

Wie immer, wenn er nachdachte, fuhr er sich durch seine blonden Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht baumelten, bemerkte, dass diese durchgeweicht waren und grübelte nach einer Idee. Na gut, dachte Link und lief hinüber zu der Liege, ließ sich darauf niedersinken und krabbelte unter die Decke, harrte der Dinge, die da kommen mögen.

            Und tatsächlich. Es dauerte nicht lange und jemand riss Link aus seiner Geduld, den rot bis violett sprühenden Funken der tanzenden Flammen zuzusehen. Jemand klopfte an die hohe, pergamentfarbene Tür. „Sir, seid Ihr aus dem Schlummer erwacht?“, schallte eine piepsige Stimme, ähnlich der eines Kobolden. „Ja“, brachte Link hustend hervor. Doch niemand öffnete die Tür.

„Sir?“, schallte die Stimme wieder durch die Tür und verlieh ihrem Klang eine noch morbideren Ton und erneut nervige Klopftöne.

Link würgte ein weiteres „Ja?“ hervor, sich nicht sicher, ob man dieses verstehen konnte angesichts des heiseren Lautes aus seiner belegten Kehle.

            Dann wurde die Tür geöffnet und etwas kleines Humpelndes trat in den Raum. Die unglaubliche Höhe der Tür und die noch unglaublichere Größe des Geschöpfes standen im perfekten Widerspruch zueinander, machten das kleine Wesen, welches ein silbernes Tablett auf zwei riesigen, schwabbeligen Händen hatte, noch kleinlicher.

Link glotzte blöde, fixierte das sicherlich schon viele Jahre alte Geschöpf und fragte sich, ob er so etwas in irgendeinem Phantasiefilm schon mal gesehen hatte. Graue, dünne Haare schmückten einen großen Kopf, wobei einige kahle Stellen hervorstachen. Faltige Haut, auffallend große, dunkle Augen und ein breiter zu einem Grinsen verzerrter Mund. Spitze, kantige Ohren und eine übertrieben lange Nase. Die gebuckelte Gestalt humpelte näher, trug nur eine  ausgewaschene braune Schürze, ein paar verboten aussehende rot und weißgestreifte Strümpfe und zwei linke Schuhe.

            „Sir, der Tee ist serviert“, sagte es und stellte das Tablett mit einem großen aus braunem Ton bestehenden Krug und einer gläsernen Tasse vor ihm ab. Link war so erstaunt von dem interessanten Winzling, dass er ganz vergaß zu fragen, wo er sich im Namen der Götter befand, was geschehen war und viel wichtiger, wo Zelda im Augenblick verweilte.

„Sir“, fing das Geschöpf an, als es sich rückwärts aus dem Raum bewegte, stets mit dem großen Kopf auf den jungen Helden gerichtet. „Sir, Euer Liebchen wünscht euch zu sprechen.“ Links tiefblauen Augen waren zu fasziniert von jenem Wesen, dass er den Sinn jener Worte nur schwerfällig verstand.

„Sir?“

„Äh... dann bitte sie herein“, sagte Link mit seiner rauen Stimme, sich ärgernd, wie bescheuert seine Stimme klang. Liebchen? Der meinte doch hoffentlich Zelda, dachte Link im Anschluss. Mit einem Klack war die Tür zugefallen. Wieder blickte Link um sich, schaute, ob auch ja jedes Detail seines Körpers von der Decke bedeckt wurde und wartete.

            Genüsslich trank Link einen Schluck des heißen Tees, eine scharfe Kräutermischung, die beruhigend seine Kehle hinabfloss. Gerade als er die außergewöhnlich große, cremefarbene Tasse wieder auf das metallene Tablett stellte, wurde die Tür aufgezerrt und eine junge Hylianerin stand auf der Türschwelle.

Links Augen wanderten auffallend von ihren halb entblößten Beinen zu dem goldenglänzenden Bademantel, den sie trug, zu ihren hochgesteckten, nassen Haaren, und dann zu dem angenehmen Lächeln in ihrem Gesicht. Das Blau ihrer Augen leuchtete, schimmerte, als sie erkannte, dass ihr Held sich wieder bei vollem Bewusstsein befand.

            Leise lachend rannte sie mit wenigen Schritten zu der bequemen Couch und stürzte sich haltlos auf Link, der gar nicht wusste, wie ihm geschah.

Beinahe sehnsüchtig drückte sie sich an ihn und schlang regelrecht aufdringlich ihre warmen Arme um seinen Hals.

Der junge Held war zu perplex, um nur irgendetwas zu sagen und starrte überrascht an die Decke.

„Den Göttinnen sei Dank, du bist aufgewacht“, murmelte sie und küsste Link, der sich immer noch nicht zu rühren wusste, liebevoll auf seine Lippen. Überwältigt von ihrer plötzlichen Attacke der Zuneigung umklammerte auch der Heroe jetzt seine Prinzessin.  

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht... wie fühlst du dich?“, meinte sie leise und stemmte ihren Oberkörper auf ihre Arme, sodass sie Link mustern konnte. Fürsorglich streichelte sie über die sonnengebräunte Haut seines Gesichtes.

Womit hatte er solche angenehmen Aufmerksamkeiten bloß verdient, fragte er sich. Zelda war so überaus fürsorglich im Augenblick... war irgendetwas geschehen, von dem er nichts wusste?

            „Link?“, fragte sie gedämpft und spielte verliebt mit den blonden Haarsträhnen, die ihm halb in seine tiefblauen Augen fielen.

„Mir geht’s gut... so einigermaßen“, krächzte er wie ein mürrischer Rabe, der auf dem Bahnhof in Schicksalshort herumgeisterte. 

Sie blickte mit einem überraschten Ausdruck in seine Augen, hielt ihren Blick bei und meinte: „Deine Stimme ist heiser... kein Wunder“, setzte sie hinzu und legte ihren Kopf zufrieden auf seine Schulter, die halb aus der dicken Decke hervorstach und wanderte mit ihren Fingerspitzen seinen Hals entlang.

„Wo sind wir hier eigentlich?“ Seine Worte klangen so quietschend und matt ähnlich einer alten Schranktür, die geöffnet wurde. 

Zelda blickte auf, schenkte ihm wieder ein schönes Lächeln und entgegnete: „Du wirst es nicht glauben, aber wir sind im Haus der Götter.“

„Im Haus der Götter?“, wiederholte Link leise und doch verrieten seine Worte blankes Erstaunen.

„Mmh...“, surrte Zelda, schloss ihre Augen und blieb weiterhin auf ihrem Helden liegen, der leicht fassungslos zu den violetten Funken im gigantischen Feuer blickte.

            Im Haus der Götter... Sie waren beide tatsächlich dort gelandet, wo Götter über mächtigen Wolken zu ihrem Schaffen hinabblickten, dort, wo noch kein Menschenleben Zutritt hatte. Ein sehr alter Ort, wo Unvergängliches, ja Unsterbliches verweilte...

            „Du bist so warm...“, murmelte Link dann leise und lehnte sein Kinn an ihre hübsche Stirn.

„Das kommt dir doch bestimmt nur so vor, weil du halb durchgefroren warst...“, erwiderte sie.

„Ich war durchgefroren? Wie das denn?“, meinte Link sachte und spürte mit einem Mal einen nagenden Schmerz in seinem Kopf. Fast reflexartig griff er an seinen trommelnden Schädel, fühlte sich, als ob dieser zerspringen wollte.

„Du erinnerst dich nicht?“, sagte seine Prinzessin sanft und suchte seinen Blick. Er wollte mit dem Kopf schütteln, entschied sich dagegen, als er sich auf den üblen Kopfschmerz besann.

„Nein...“, meinte er und schloss seine Augen. Er spielte mit seinen Gedanken, legte seine Arme wieder um seine Seelenverwandte und küsste ihre Stirn zärtlich. „Erzähl’ es mir.“

            „Vor etwa zehn Stunden waren wir noch in dem großen, weißen Turm“, fing sie an. Voller Entrüstung richtete sich Link so weit auf, dass die Decke bis über seine Brust und die Narben an seinem Bauch rutschte. Himmel, die Zeit. Zehn Stunden? Sie hätten schon lange in Kakariko sein müssen. Vorwürfe packten ihn. Es musste an seinem Zustand liegen, dass sie noch nicht weitergereist waren. Er war daran schuld, dass sie so viel wertvolle Zeit verloren hatten.

            „Verdammt“, meinte Link lauter. „Wir müssen sofort weiter. Die Zeit, Zelda.“ Aber sie schüttelte nur mit dem Kopf und drückte ihren Helden entgegen seines Willens wieder zurück auf das amarante Schlafsofa.

„Link, an diesem Ort läuft die Zeit nicht weiter. Hier, wo wir sind, gibt es dieses mächtige Gesetz nicht, gibt es die meisten Gesetze Hyrules nicht... Die Wirklichkeit belügt sich in diesem Haus. Also bitte, beruhige dich.“ Verwirrt schaute Link abermals umher, verstand nun langsam, wieso dieser Raum keine Fenster hatte und suchte das Funkeln in Zeldas Augen. Jene  Sanftheit, welche von ihr im Augenblick ausging, war überwältigend. Sie war im Augenblick so einfühlsam, so unglaublich behutsam in ihrem Umgang mit Link, wie noch nie.  

            „Wir liefen gerade die weißen Marmorstufen hinab, als du wie versteinert stehen geblieben bist. Ich habe dich gerüttelt, dir sogar eine Ohrfeige gegeben, nur damit du aufwachst... und dann bist du immer kälter geworden, als ob du in Eis gefangen wärst und zusammengesunken.“

„Bei Farore... das klingt wie ein übler Scherz“, sprach Link geistesgegenwärtig. Verrückt. Hatte er wieder einen seiner Blackouts?

„Es ist aber kein Scherz“, sagte sie ernster.

„Ich weiß. Hast du nach mir gerufen?“ Überrascht richtete sich Zelda auf und spielte mit den warmen Fingerspitzen an seinen Lippen, worauf Link leicht lächelnd und verschmitzt drein sah. Mit Genugtuung in den Augen nickte Zelda.

            „Ich befand mich mit einer merkwürdigen Person, eine von diesen gefangenen Gottheiten, in einem dreckigen Verlies. Dann hörte ich deine Stimme... und schließlich hat uns diese Gottheit aus der Zwischenwelt hinausbefördert, indem sie...“ Aber ja, nun wurde alles irgendwie klarer und logischer. Kein Wunder, dass Link die Körperwärme verloren hatte und mit ihr seine Energie. „... sie hat die Kraft aus meinem Körper gezogen, um uns beide aus dem Verlies zubringen. Das würde Sinn ergeben.“

„Ich verstehe“, meinte Zelda leise. „Bei Nayru, weißt du, wie besorgt ich war. Du bist schon blau angelaufen“, setzte sie hinzu und ließ sich wieder beruhigt und sicher niedersinken.

„Und dann?“, meinte ihr Held seufzend, als seine Prinzessin die Decke wieder über seine glatte Brust zog.

„Dann wurden wir beide teleportiert und an diesen Ort gebracht. Eine der Gottheiten erklärte mir, was vor sich ging. Und schließlich habe ich mich um dich gekümmert.“

„Danke“, meinte Link mit einem beruhigenden Lächeln, spielte mit seinen Fingern in Zeldas feuchtem, weichem Haar und schnupperte daran den unvergleichlichen Duft nach Jasmin.

„Gern geschehen...“, sagte sie schmunzelnd. Gerade als Link auf ihr dreistes Kichern reagieren wollte, klopfte es an der reichlich mit Steinchen besetzten Tür.

            Flink sprang Zelda auf und öffnete die schmale, hohe Tür. Erneut trat ein seltsames kleines Wesen, ähnlich dem von vorhin in den gemütlichen, mit Wärme ausgefüllten Raum. Das Wesen schien weiblich zu sein und trug neben einer grauen, weißen Schürze mit vielen Rüschen eine weiße Haube auf dem kleinen Kopf, wo lange silbrigschimmernde Haare hinabfielen. Die kleine Gestalt hatte einen Stapel Wäsche auf ihren viel zu kurzen, schlabberigen Ärmchen, sodass der Kopf angesichts dessen beinahe zu übersehen war.

„Milady und Milord, die Kleidung wurde gesäubert und um magische Fasern ergänzt.“ Link fixierte jenes Geschöpf genauso erstaunt wie jenes, das den Tee brachte und bemerkte nicht, wie er jenes Geschöpf anstarrte. Mit den dunklen Augen beäugte jene Gestalt nun auch Link und wich dann verlegen zurück.

„Milady, die Großen Drei wünschen mit Euch zu speisen“, quiekte das Wesen und fürchtete sich fast vor dem Blick Zeldas.

            Zelda nahm ohne Weiteres den Stapel Kleidung und sagte mit einem Lächeln: „Danke, du kannst jetzt gehen.“ Scheu lief das Wesen rückwärts aus dem Raum, stets darauf bedacht, den fremden Gästen seinen Rücken nicht zu zuwenden, bis es in der Dunkelheit außerhalb verschwand und die Tür mit einem Klacken geschlossen wurde.

„Wer war das denn?“, begann Link, korrigierte sich aber: „Ich meine, was war das?“

Mit einem milden Lächeln hockte sich Zelda wieder zu Link auf das Sofa und sortierte ihre Kleidung von dem Stapel, auf dem sich auch Links Tunika befand.

„Das waren die Diener unserer Götter, alte Gnomen.“

„Ach so...“, entgegnete Link und blickte zu dem Stapel Klamotten. Sachte richtete er sich auf und packte seine Prinzessin an den Armen, zog sie so flink zu sich heran, dass die gesamte Kleidung von der Schlafgelegenheit herunterfiel und zerstreut auf dem Boden lag.

Er umarmte sie und murmelte in ihr spitzes Ohr. „Sag’ mal, wo warst du vorhin, als ich aufwachte?“

„Im Badesaal.“  

„Und könntest du mir freundlicherweise verraten, warum ich überhaupt keine Klamotten trage?“

            Eine Spur verlegen wich Zelda zurück und blickte verstohlen an das verzierte Deckengewölbe. „Sag’ schon, wieso habe ich meine Klamotten nicht an?“, wiederholte Link energischer.

„Du warst nass und durchgefroren, als du von der Zwischenwelt zurückgekommen bist.“

„Erzähl’ mir nicht, du hast...“ Sie nickte, mit einem bedeutungsvollen Rot unter ihren blauen Augen. Link stand kurz vor dem Herzinfarkt. Jede einzelne Faser seines Herzens spannte sich. Jede einzelne Körperzelle kochte. Halbtot vor Scham ließ er sich zurück auf das Sofa sinken, zog ein Kissen über sein Gesicht und ignorierte Zeldas durchdringenden Blick. Bei den Göttern war das vielleicht peinlich. Nie wieder würde Link jetzt sein Gesicht wahrend in Zeldas Augen sehen können.

            „Ach komm schon, du hast mich auch schon halb nackt gesehen.“

„Das war ja wohl eine ganz andere Situation. Du hattest eine tiefe Wunde, Zelda. Außerdem habe ich wenigstens deine Unterwäsche verschont“, fauchte er aufgeregt und fuchtelte mit seinen Armen zur Unterstützung in der Luft herum. Seinen Mut zusammennehmend schaute er sich Zeldas grinsendes Gesicht an. Beim Heiligen Triforce, sie strahlte über beide Ohren. Sie grinste, hatte ein so außerordentliches Feixen in ihrem wunderschönen Gesicht, dass Link sich fragte, ob sie ihre Magie für diesen Blick eingesetzt hatte. So hämisch, herausfordernd und anziehend war dieser Blick...

            „Guck nicht so, ich bin ganz nackt, das ist ja wohl ein gewaltiger Unterschied.“

„Hast du Hemmungen vor mir?“ Link scheute beschämt ihren Blick, und war endgültig sprachlos. Ein wenig verärgert schweiften seine Augen zu dem breiten Kaminloch und verharrten dort.

„Deine Kleidung war so klamm... ich musste irgendetwas tun“, rechtfertigte sie sich.

„Du wagst dir ja so einiges...“, sagte Link gedämpft und nahm sich wieder die Tasse mit dem heißen Tee. Die Reue stand Zelda nun ins Gesicht geschrieben, obwohl sie sich bei ihrem Handeln nicht viel gedacht hatte.

Sie sprang fix auf ihre Beine und ein klares: „Entschuldige“, entkam ihren weichen Lippen. In ihrem Umgang mit Link hatte sich eben einiges geändert. Derartige intime Handlungen und Reaktionen kannten sie beide voneinander nicht, vielleicht war das ein Grund, weshalb sie sich als Folge ein wenig unwohl in ihren Häuten fühlten. Merkwürdig, wie einfach es geworden war, die Dinge zwischen ihnen, laufen zu lassen und sich selbst nicht mehr hinsichtlich ihrer gegenseitigen Zuneigung im Wege zu stehen.

            Hastig und ohne Link in seine hypnotisierenden Augen sehen zu können, sortierte sie die Kleidung auf dem Boden, legte den Stapel mit Links Klamotten auf das bequeme Sofa und war dabei sich ohne weitere Worte aus dem Raum zu begeben. Aber Link umfasste in dem Moment ihr Handgelenk, als sie aus dem Raum gehen wollte.

            Ein kurzer aussagekräftiger Blick. Ein sanftes Lächeln. Und ein verstecktes Gefühl.

            Links Mundwinkel bebten dann. „Hat es sich denn wenigstens gelohnt?“ Zunächst verstand sie seine Worte nicht und starrte Link fragend an. Sein Blick erhellte sich. Und im nächsten Moment ließ er seinen Kopf ratlos auf eine Schulter sinken. „Ich meine das, was du gesehen hast“, feixte er spaßhaft.

            Schlagartig, als hätte sie eine gemeine Erleuchtung, verstand sie seine Worte. Und nun war sie sprachlos. Und die Erleuchtung rief ihr zu, wie unverfroren dieser freche Hylianer ihr gegenüber doch war. Seine falsche Zunge. Diese beinahe teuflischen Gemeinheiten und das knisternde Funkeln in seinen tiefblauen Augen, wenn er sehen konnte, welche Wirkung seine Worte hatten. All das zusammen ergab das Bild eines unreifen Hylianers, der mehr Glück hatte als Verstand, der jedoch wusste, wie man einen Menschen aufheitern konnte und ein so rechtschaffenes Herz wie kein anderes Wesen besaß.

Ein leicht verzweifelter Blick regte sich auf Zeldas Gesicht, da sie nicht wusste, was sie jetzt sagen oder tun sollte. Ihr Mund stand halb offen, die sanften Wangen kochten...

Und alles, was Link tat, war hinterhältig zu grinsen, dann zu kichern und schließlich lauthals zu lachen.

            „Du bist mir nicht böse?“, sagte sie leise, als ob das, was sie getan hatte nur ansatzweise falsch gewesen wäre.

„Quatsch, natürlich nicht, Zelda. Aber du könntest das irgendwie wettmachen“, meinte Link. Ein wenig verlegen setzte sich seine Prinzessin wieder auf das Sofa und spielte mit dem um magische Fasern ergänzten weißen Seidenhemd ihres Helden. Der Stoff war so weich und doch fest und dicker als vorher. War jener Stoff ergänzt worden durch Drachenschuppen, Engelshaare oder etwa Phönixfedernspuren?

            Link war indes aufgestanden und zog sich hinter Zeldas Rücken einen Teil seiner Kleidung an, streifte die lange weiße Hose über, sowie ein paar warme Strümpfe. Zelda spielte derweil immer noch mit dem weißen Hemd und hielt es einmal rasch gegen das Licht des violetten Feuers, nicht überraschend funkelte es in silbrigen Tönen. Wohl doch Engelshaar, dachte Zelda und erinnerte sich an einige Worte Impas. Damals hatte sie ihr erzählt, wie kostbar und stark doch Engelshaare wären. Sogar von lichtspendenden Fähigkeiten jenes Haares hatte Impa ihr erzählt.

            Ihre Gedanken wanderten von der weitzurückliegenden Vergangenheit, zu dem heutigen Schicksalshort, wo Impa, ihr Vater, Sian und all die anderen warteten. Sie wusste und fühlte es ging den heiligen sechs Weisen gut, aber wie lange noch. Nachdenklich stütze sie eine Hand an ihren Kopf. Link bemerkte ihr Verhalten, spürte das Nagen der Hoffnungslosigkeit an ihr und die wachsende Angst vor der Begegnung mit Ganondorf...

            Mit ernstem und doch verständnisvollem Blick krabbelte er über das Sofa bis zu der Stelle, wo Zelda saß, setzte sich wärmend hinter sie und streichelte mit seinen Händen über ihren Bauch.

„Sorgen?“, murmelte er.

„Nur ein wenig.“

Aufheiternd meinte er: „Ich habe die ultimative Idee, wie du dich bei mir entschuldigen könntest, mein Engel.“ Verträumt liebkoste ihr Helden die anziehende, sanfte Haut an Zeldas Hals. Sofort ein süchtigmachendes Kribbeln auf ihrer Hand und ein kühler und doch milder Schauer, der ihren Rücken entlang wanderte.

„Was ist es?“, meinte Zelda mit süßer Stimme und drehte sich in seiner Umarmung ein wenig, sodass sie den Funken Hinterlistigkeit in seinen Augen wieder erkennen konnte. Gedankenlos ließ er sich mit ihr auf das weiche Sofa fallen und träumte vor sich hin, träumte, phantasierte das schönste, was er jemals erlebt hatte. Die Begegnung mit Zelda... und schließlich die Tatsache, dass sie einander endlich so nah waren...

            Ungewollt entkam seinem Mund ein liebsäuselndes: „Lass uns miteinander schlafen...“ Doch nun hatte er zu viel gesagt und sich um Kopf und Kragen geredet. Sein Mund hatte andere Worte hervorgebracht, als seine Gedanken erschaffen hatten. Er richtete sich ruckartig auf, achtete erst gar nicht auf das schockierte Gesicht Zeldas und griff sich an seine Schläfen. Bist du noch ganz dicht?, fragte er sich. Hab’ ich das wirklich gesagt? Bei allem, was mir lieb und teuer ist, ich wollte das nicht sagen, rechtfertigte er sich und bezeichnete sich in Gedanken als den größten Tölpel Hyrules.

„... ich meine, hier.. auf dem Sofa… zusammen einschlafen“, korrigierte er sich, noch ganz benommen von dem, was sein vorlautes Mundwerk hervorgebracht hatte.

            Zelda biss sich unbewusst auf die Unterlippe und fing dann laut an zu lachen. Bei solchen Peinlichkeiten war Lachen vielleicht der beste Ausweg, das wusste sie. Und Links Worte brachten nichts als Peinlichkeit mit sich...

„Du schockst mich immer wieder, mein Held.“

„Und das, obwohl es nicht meine Absicht ist, Zeldaschatz.“

„Das musst du mir erst einmal beweisen“, erwiderte sie herausfordernd. Ohne Umschweife nahm Link diese Herausforderung an. Er wäre schließlich nicht die Reinkarnation von Hyrules wahrem Helden, wenn er vor einer solchen Kampfansage weglaufen würde. Vergnügt drückte er Zelda zurück auf das Sofa und kraulte sie ohne Anhalt unter ihren Armen, wusste sehr genau um ihre empfindlichen Stellen und brachte sie zu mehr und mehr Lachkrämpfen.

            „Können wir nicht liegen bleiben, es ist gerade so schön...“, meinte Link nach wenigen Minuten, die sie beide auf dem Sofa lagen und sich gegenseitig verwöhnten. Er küsste seine Prinzessin zärtlich, spielte mit ihren roten Lippen und genoss die Empfindung der puren Zuneigung. 

„Die Großen Drei warten auf uns, wir können doch später noch kuscheln.“

„Wir werden also wirklich mit den Gottheiten speisen?“, fragte Link, sichtlich nervös nur wegen der Vorstellung an sich.

„Bist du aufgeregt deswegen?“

Er nickte leicht. „Das sind immerhin Götter. Und du weißt doch, was ich für Tischmanieren habe. Das kann ich nicht!“

„Als ob die Großen Drei das interessieren würde...“, meinte Zelda.

„Ich glaube, sie wissen nicht, was Menschsein bedeutet und können somit auch nicht über deine Manieren urteilen.“

            Zelda hatte vollkommen recht. Gottheiten wussten nichts vom sterblichen Leben, kannten vielleicht keine Liebe, erfuhren noch nie Trauer. Und doch war die Götterdreiheit in Hyrule vielleicht menschlicher als es den Anschein hatte.

„Aber durch meine Manieren könnten sie einen sehr schlechten Eindruck von der Menschheit bekommen“, erwiderte er prompt. Leicht lächelnd schloss Zelda ihre Augen kurz und warf dann einen Blick zu den flammenden kleinen Schauspiel im Kamin. Dann hüpfte sie auf ihre Beine, begutachtete die feine Bluse, die sie als Geschenk der Gottheiten erhalten hatte. Auch Link war nun auf seinen Beinen und nahm Zeldas rechte Hand in seine beiden.

            „Wir müssen endlich reden“, sagte er gedämpft und einfühlsam. Seine Stimme war so warm, und das kränkelnde Kratzen schien sich zu verflüchtigen.

„… über uns“, setzte er hinzu.

Langsam und zufrieden legte Zelda ihren Kopf an seine nackte Brust. Nur ein leises „Ja…“, aus ihrem Mund erklang, denn auch sie wusste, dass noch einige Dinge offen geblieben waren, einige Dinge, die nur um sie beide ging. Gefühle. Ungesagte Worte…

            „Wie geht’s deiner Wunde?“, meinte Link nach langem Schweigen.

„Es brennt ein wenig ab und zu… aber nicht schlimm“, sagte sie. „Wir sollten uns jetzt fertig machen“, meinte sie rasch und drückte einen Kuss auf Links Wange. Sie bereiteten sich langsam auf die Speisung mit den Göttern vor.

 

Etwa eine Stunde später klopfte ein weiterer kleiner Gnom an die pergamentfarbene Tür und geleitete das junge Pärchen auf einen langen mit schillernden Farben ausgefüllten Gang, wo Kerzen nicht nötig waren, hinab zu einer hohen, sehr merkwürdigen Tür. Die Tür glich mehr einer alten Pforte, verziert mit einer alten Geschichte, die in dunkles Holz eingebrannt war und jenes Tor vollständig ausfüllte. Eine Geschichte über die weitzurückliegende Vergangenheit Hyrules. Der kleine Gnom, welcher in grünblauem Kleidchen gekleidet war, reckte sich mühsam in die Höhe, nur um seine verschrumpelten Finger auf eine geflügelte Türklinke zulegen. Mit der anderen pochte er auf dem verzierten Holz herum, als wollte er das Tor damit zum Leben erwecken. Plötzlich öffneten sich die hohen Tore wie von Geisterhand und gaben Schleier in violetten Farben preis. Ein Luftzug gesendet von magischer Hand schwang die losen Vorhänge zu den Zimmerseiten und schenkte den Anwesenden die Sicht in einen glänzenden Raum.

            Eine lange Tafel nahm den Raum fast vollständig ein und nur Kerzenständer und alte Ritterrüstungen standen verschönernd und beschützend in den Ecken des Saales. Aber die Tafel war gedeckt. Beschmückt mit den leckersten Speisen, die man erspähen konnte. Duftende Fleischplatten, Braten über Braten, dampfende Suppen, allerlei Obstteller, Salate mit hylianischen Gemüsesorten und Getränke nach Wahl. Link fielen angesichts so guter Köstlichkeiten beinahe die Augen raus, während Zelda bis über beide Ohren grinste. Doch außer dem gedeckten Tisch gab es niemanden in dem Raum, der den beiden Hylianern Gesellschaft leisten wollte.

Der Gnom wies die beiden an, sich an das vordere Ende der Tafel gegenüber zu setzen. Langsam tapste das Pärchen zu den mit rotem Samt gepolsterten Stühlen.

            „Pst“, meinte Zelda warnend. „Stoße bitte nicht an die Ritterstatuen.“

„Warum denn nicht?“, sagte ihr Held leise, während er den Stuhl für Zelda nach hinten schob, sodass sie Platz nehmen konnte- so ein Gentleman aber auch…

Link setzte sich ihr gegenüber und blickte sie neugierig an.

„Wenn du daran stößt, wirst du unsanft merken, dass diese Statuen lebendiger sind, als du denkst.“

„Wachen also.“

„Genau“, endete sie und musterte ihren goldenen, riesigen Teller, schließlich wieder die gesamten Speisen auf dem Tisch.

            Sie hatte ungeheuren Hunger und allein bei diesem Duft der gesamten Dinge, die sie an das Essen im alten Hyrule erinnerte, lief ihr das Wasser regelrecht im Munde zusammen.

„Ob es uns die Gastgeber übel nehmen, wenn wir schon anfangen?“, sagte sie und wanderte mit ihren Blick zu den guten hylianischen Kartoffeln, die so anders schmeckten als jene in der realen Welt. Kein Wunder, hylianische Kartoffeln wurden eben auch grundlegend anders angebaut, und hatten einen Hauch eines anderen Geschmackes. So wie es gang und gebe war, umrahmte eine Schicht eines süßlichen hylianischen Gewürzes die gesamte Kartoffel und verlieh ihr einen glänzenden Anblick.

„Ach, bestimmt nicht“, sagte Link und blickte sehnsüchtig zu einer Schüssel mit Karottensalat. Sein Lieblingsgemüse und schon lange hatte er es nicht mehr essen können.

            Nur kurz kreuzten sich die vielsagenden, grinsenden Blicke Links und Zeldas, bis sie ohne Manieren aufsprangen und ihre Teller vor lauter Hunger mit bloßen Händen füllten. Hastig rannten sie um den gesamten Tisch und bedienten sich, beluden ihre Teller bis diese randvoll waren. Doch damit nicht genug. Die beiden Vielfrasse schnappten sich sogleich weitere Teller für Suppen und nahmen sich dreist einige Schalen mit Pudding, Quark und anderen Süßspeisen. Ohne Scheu stopften sie sich heißhungrig das Essen in ihre Münder, tranken Saft, Wein und heißen Kakao, aßen und aßen, fielen über das Obst her, leerten die Schale mit den Brötchen und räumten das riesige Hähnchen auf, welches verschönernd in der Mitte der Tafel stand.

            Nach nur einer halben Stunde war die geschmückte Tafel nicht wiederzuerkennen und die beiden lehnten sich zurück, fühlten sich so gut wie schon lange nicht mehr und lachten einander zu. Kichernd hielt sich Zelda ihren Bauch fest, hatte in ihrem gesamten Leben noch nie so zugeschlagen und fühlte sich, als ob ihr Magen explodieren wollte. So mampfsatt war  sie, beinahe schlecht fühlte sie sich jetzt und atmete tief ein und aus.

            Link jedoch rang immer noch damit, die wunderbare Platte mit den Steaks und der leckeren, gut gewürzten Soße darüber endgültig zu verschlingen, aber sein Magen spielte wohl nicht mit…

„Himmel, war das gut“, sagte er und streckte seine Arme in die Breite.

            Zelda, die sich genießend anlehnte, gähnte schließlich laut auf, eine Hand vor ihren Mund haltend. Ihre andere Hand, die immer noch auf einer weißlichen Tischdecke lag, wurde plötzlich von der linken ihres Helden umschlossen.

„Bist du müde?“, meinte er leise.

„Ja, immerhin habe ich nicht so lange geschlafen wie du“, entgegnete sie.

„Da wird’s aber Zeit, dass du ein wenig Ruhe findest.“ Sie nickte bloß und wischte sich den zunehmenden Schlafsand aus den Augen.

Derweil hüpfte Link zu ihr hinüber, schob einen der hohen Holzstühle mit den langen Rückenlehnen näher an ihren und nahm Platz. Zelda verstand seine Absicht und ohne ein weiteres Wort lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter, schloss die Augen und ruhte ein wenig.

 

Nur wenige Augenblicke später sammelte sich eine unnatürliche Energie an dem anderen Ende der Tafel. Lichtfunken erhellten drei Plätze an jenem Tisch, begleitet von einem schönen, melodischen Frauenchor. Vergessene Stimmen einer alten Welt, erschaffen für deren reinstes Licht. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen bildeten sich drei magische Gestalten in dem Raum, eine an der Spitze der Tafel, die anderen beiden rechts und links von ihr. Zelda hob ihren Kopf von Links Schulter und blickte ehrfürchtig nach vorne.

            Drei alte Wesen saßen nun an jener Tafel, eines mächtiger als das andere. Eines mit der Macht über Flüsse, Seen und Wälder, Wiesen und Berge, eines mit der Macht über Leben, und eines, das Gesetze, Liebe und Wissen in die Welt bringen konnte. Silbernes, langes Haar fiel über die in Gewänder gehüllten Schultern jener Wesen. Alle drei hatten sich von Ganons Folter erholen können, alle drei waren umgeben von einem goldenen Hauch des Lichtes.

Schöne Gewänder trugen sie, Kleider, die ihre perfekten Körper ganz umhüllten. Ein dunkles, schimmerndes rotes Gewand, ein frühlingsgrünes Kostüm und ein tiefblauschillerndes Kleid mit langen Ärmeln. Und das silberne Haar jedes der Gottheiten besaß einen anderen Schnitt, obwohl doch die selben Gesichtszüge aus jedem Gesicht die beiden Hylianer musterten. Tatsächlich waren es drei Schwestern, Drillinge, erschaffen von einem Wesen, welches vielleicht das Schicksal selbst sein mochte.

            „Seid gegrüßt, ihr, da Euch unser Dank gebührt.“, säuselte sie Stimme jener in grünen Gewändern umhüllten, mächtigen Persönlichkeit, die sich anhörte wie das feine Rauschen des Windes.

            „Ähm... hallo“, sagte Link und schluckte den Knoten in seinem Hals hinunter. Himmel, war er vielleicht nervös...

Sofort erhielt er einen Stups von Zeldas Ellenbogen in seine rechte Seite. Sie flüsterte leicht erzürnt: „Götter begrüßt man nicht mit: ,Ähm... hallo.’“ Link verzog sein Gesicht und brabbelte Zeldas verärgerten Tonfall herunter.

Doch überraschend, wie es so mächtigen Persönlichkeiten eigentlich nicht zustand, legten sie alle drei ihre Hände über die Lippen und kicherten leise. Zelda war so erstaunt, dass ihr jegliche Begrüßungsformeln, die sie damals im hylianischen Königshaus gelernt hatte im Halse stecken blieben. Sie kicherten. Die Götter lachten über sie und ihren Helden. Aus Scham vergrub Zelda ihre Hände im Schoss und blickte stumm nach unten.

Doch die Mächtigen an dieser Runde lachten ihre Gäste nicht aus, sondern erfreuten sich wohl an ihrem entzückenden menschlichen Verhalten.

            Schelmisch blickte Link zu den Großen Drei empor und kam sich mehr als nur unterbemittelt und kindisch vor.

„Ihr braucht nicht verlegen zu sein... nicht aufgrund Eurer Menschlichkeit...“, flackerte die warme Stimme der Dame an der Spitze der Tafel, die mächtigste und älteste der drei Geschwister, die Hüterin des Feuers, die Wächterin der Kraft.

„Gut, und ich dachte schon, ich bin unten durch.“ Ein böser Blick streifte Link von seiner Prinzessin, die wegen seiner natürlichen Wortwahl schon wieder rot anlief.

„Wie könntest du, nach allem, was deine Seele für Hyrule getan hat.“ Nun blickte Link mit einem Seufzen weg. Sicherlich hatte er vieles getan, aber die Dinge lagen nicht innerhalb seines Zugriffsbereiches. Er durfte nicht erinnern... noch nicht.

„Ich verstehe...“, sagte jene Persönlichkeit, die grüne Gewänder trug, hochgestecktes silbernes Haar besaß und links der Anführerin jenes Schwesternbundes saß. Sie war die letzte, die er befreite, aus ihrem dunklen Verlies in einer Zwischenwelt herausholte. Seine Schutzgöttin. „...du fühlst dich zu unrecht gelobt, da die Erinnerungen an jene Heldentaten dir nicht beschieden sind.“ Sie las es in seinen ernsten, dunkelblauen Augen, in dem leicht schwermütigen Blick. „... doch verzage nicht. Es wird einen Weg geben, für dich und deine Erinnerungen, Held“, meinte sie im Rascheln ihrer Stimme, ähnlich den Laubblättern, die eine Windhose in die Luft wirbelte. „Doch noch ist diese Zeit nicht gekommen.“

            „Und doch wählt ihr den Pfad der Antworten?“ sagte die dritte der Schwestern, die nun erstmalig ihre Stimme erhob. Eine warme Stimme, die sich anfühlte wie eine Umarmung, wie Schutz und Liebe. Es war mehr eine Aufforderung, als eine Frage.

Zelda nickte, übernahm das Wort mit solcher Klarheit, solcher Entschlossenheit, wie man es nur von einer zukünftigen Königin erwartete. Sie stand auf und blickte den Großen Drei entschieden in ihre alten, weisen Gesichter: „Wir ersuchen jene Antworten. Sagt mir, mit welchem Recht ihr in den Lauf der Dinge eingegriffen habt. Sagt mir, warum Hyrule aufhören musste zu atmen. Erklärt mir, welche Gründe es gab, diese einzigartige, magische Welt sterben zu lassen.“ Noch nie hatte Link sie so deutlich, mit Nachdruck, aber auch feinfühlig reden hören. 

            „Auch wir hatten Aufgaben, wie jene Verantwortung gegenüber dem ungeschriebenen Weltgesetz, gegenüber dem Schicksal. Das Böse, welches in Hyrule geboren wurde, durfte nicht in die Welten gelangen, die folgten und die, welche davor lagen. Es gab immer nur den einen steinernen Weg für Hyrule, egal in welcher Zeit. Hyrule hatte seine Vorzüge, aber auch seine vielen Schattenseiten“, sagte die Älteste. Die Gestalt mit den vielen blauen Schleiern fuhr fort und blickte mit den leeren glasigen Augen in Zeldas Antlitz. „Doch die Schattenseiten brachten das goldene Gleichgewicht in Gefahr, Prinzessin Zelda. Dies wisst ihr ebenso gut wie es die meinige Substanz tut. Ihr habt damals gesehen und Ihr werdet wieder sehen, wie es immer Euer Schicksal war.“

            Die letzte der Drei beendete jene Geschichte, die Zelda das Herz zeriss. Sie wusste es und doch hatte sie jene Wahrheit nie verstehen wollen. Die Stimme des Windes säuselte: „Wir schufen die Grabstätte Hyrules und errichteten eine Mauer gegen das gnadenlose Böse, nicht begreifend, wie es uns nun doch besiegen konnte. Hyrule hörte auf existent zu sein. Hyrule endete, in jedem der Zeitpfade, da es sein Schicksal war. In jedem der Zeitpfade, einmal durch Verblassen, einmal durch die große Flut... da es Schicksal war...“

            „Nein das war es nicht“, fauchte Zelda. „Dazu hattet ihr nicht das Recht“, brachte sie argumentierend hervor. „Ihr habt den Völkern ihr Zuhause genommen, ihr habt ihnen ihre Familien, ihren Zusammenhalt, ihre Schicksale und Bestimmungen gestohlen, wegen dem uralten Bösen, welches wir alle schon einmal zu bekämpfen wussten. Ich kann diese Entscheidung einfach nicht verstehen. Worte. Nichts als Worte, gefolgt von leeren Taten...“ Sie war den Tränen nahe, das spürte Link und das konnte er in ihren traurigen Worten hören. Sie blickte beschämt weg und ballte die Fäuste. „Was seid Ihr? Götter? Und doch schwach, nicht fähig einen Dämon zu besiegen, der doch nur existiert, da ihr seine Macht erschaffen habt.“ Ihre Worte waren lauter und sie brüllte beinahe. Tränen benetzten ihre Wangen. „Ihr habt Hyrule einfach sterben lassen. Ihr habt es getötet und im Stich gelassen. Ihr warte es. Ihr!“ Sie blickte weg und drehte den Gottheiten den Rücken zu.

            Link stand auf, legte schnell, aber einfühlsam seine Arme umschließend um sie, konnte sie leise weinen hören. Und gerade in dem Moment zeigte sich erneut Zeldas Liebe für das blühende Land Hyrule, welches sie auf ewig beschützen wollte. Sie liebte Hyrule abgöttisch, verehrte jenes Land, welches man ihr doch genommen hatte.

„Verzeih’”, sprach sie leise, riss sich los und rannte aus dem Saal hinaus, zurück in den Raum, wo Link vorhin erwachte.

            Ihr stolzer Held blickte dem Mädchen hinterher, als sie das hohe Tor kraftvoll mit magischen Kräften zuschmetterte. Sie brauchte Zeit, das wusste er und doch hatte er Angst, sie könnte wieder dicht machen und der Schatten über ihren Augen könnte sich erneut einnisten...

            Rennend folgte sie dem schillernden Gang, hatte Tränen in den Augen, wegen ihrer einstigen Heimat, über deren Verlust sie nie hinweggekommen war. „Hyrule...“, entkam es ihren Lippen flüsternd. „Hyrule...“.

 

Vorwurfsvoll drehte sich Link zu den drei machtvollen Wesen um, die die Reaktion der Prinzessin Hyrules einfach nicht verstehen wollten. Geräuschvoll ließ er sich in einem der Stühle nieder und stützte seinen Arm auf die Tischkante.

„So und was wollt Ihr jetzt von uns? Es wird wohl einen Grund geben, dass Ihr uns eingeladen habt, oder nicht?“

„Dank ist unser Grund“, meinte Links Schutzgöttin. „Wir wissen um die Loyalität Zeldas gegenüber ihrem Land, aber sie muss endlich loslassen.“

Link seufzte und fuhr mit seinen Händen durch das wilde blonde Haar. „Ich weiß...“, sagte er.

„Uns blieb keine andere Wahl, als Hyrule schlafen zulegen. Weder wollten wir eure Gefühle verletzen, noch unsere Entscheidungen rechtfertigen. Denn unsere Entscheidungen bedürfen keiner Rechtfertigung.“ Sie missbilligte Zeldas Verhalten anscheinend mehr als genug. Energisch schlug Link mit der Faust auf den Tisch, sodass die beschmutzten goldenen Kelche und Gläser wackelten.

„Gut. Das ist eine Sache“, sprach Link bestimmend. „Doch es gibt eine weitere Sache, die Ihr getan habt, ohne jegliche Konsequenzen abzusehen.“ Nun redete Link in Rätseln. „Von wem kam die Idee ein kleines Kind in die Welt zusetzen, es aus den Essenzen von Zelda und mir zu machen und jenen unwissenden Sprössling auf Ganondorf loszulassen.“ Die Großen Drei schwiegen.

            „Fein”, sagte Link ironisch. „Ich hätte mir ja gleich denken könne, dass es nicht Eurer Lebensphilosophie entspricht, einem Erdenbürger derartige Geheimnisse anzuvertrauen.“ Spott lag in seinen Worten und doch konnten die Götter jenen kaum begreifen.

„Es war noch bevor das Böse sich in deiner Welt ausbreiten konnte“, sagte die jüngste der Schwestern, seine Schutzgöttin. Sie stand auf und schwebte über den Boden in Links Richtung. „Wir sahen uns gezwungen, einen Helden zu erschaffen, der die Stärke Zeldas und jene des wahren Helden in sich trug, um gegen das Böse zu bestehen. Er sollte weder in der Lage sein, menschliches zu fühlen, was er nun doch tut und er sollte wesentlich reifer sein.“ Sie blieb direkt vor Link stehen und blickte mit echten grünen Menschenaugen, die sich aus dem Nebel der Augenhöhlen preisgaben zu ihm. „Aber das beantwortet meine Frage nicht.“, sagte Link launisch.

            „Er könnte auch jetzt noch irgendwann existent sein.“, sagte jene Dame, die blaue Gewänder trug und inzwischen am Fenster stand.

„Wollt ihr mich damit aufheitern oder bei Laune halten?“

„Nein, es ist nur ein Schlüssel zu einem Wunsch in deinem Herzen, Held.“ Link lachte amüsiert auf. „Als ob ihr Götter nur einen Funken des Menschseins verstehen könntet, das in mir ruht.“

            Die Älteste, welche immer noch am Tische saß, erhob erneut die Stimme, lauter und energischer. Kein sanftes Flackern des Feuers in ihrem inneren mehr, nein, vielmehr glich ihr Gesäusel nun einem brünstigen Flammenmeer. Sie stützte ihre Arme auf dem Tisch ab, was menschlich aussehen mochte und doch begann ihr Körper in die Höhe zu steigen, geführt von unsichtbaren Schwingen.

„Die Absicht, der Plan, entkam meinem Wissen“, sagte sie deutlich. „Denn meine Macht wurde Opfer des Bösen, nicht die, die du oder jene Prinzessin des Schicksals in sich trugen.“ Ihre Augen wurden lebendiger, genauso wie die ihrer einen Schwester. Rot waren sie, glühende Augen aus schmalen Augenritzen.

„Und vergiftete mich“, ergänzte sie. Eine ungewöhnliche Stärke brach empor, so gewaltig, dass Link einen Schub davon abbekam und sich plötzlich fühlte, als ob er Berge auseinandernehmen könnte oder ganze Städte versetzen konnte.

„Der Plan, der nun doch scheiterte“, fuhr die Älteste fort.

„Warum? Er wird immer noch älter!“, sagte Link aufgeregt und sprang auf.

            Doch dieser Satz brachte eine merkwürdige Verwirrung selbst unter jene, die doch glaubten, mehr zu wissen, als es ein Mensch tun konnte. „So scheint seine Existenz besiegelt.“, sagte jene Dame, die am Fenster stand und mit hellblauen Augen zu Link blickte. „Er hat die Liebe erhalten, die für seine eigentliche Existenz unabdingbar war. Deine und Zeldas menschliche Zuwendung.“ Link nickte und verstand langsam die Zusammenhänge, konnte aber nicht anders, als diesen Groll gegen die Götter zuhegen. Denn wer schon konnte verantworten ein kleines Kind auf das Schlachtfeld zu schicken. Nicht einmal Götter besaßen seiner Meinung nach dieses Recht. Eine Pause entstand, in der die menschlichanmutenden Augen der Gottheiten wieder in den Nebeln ihrer Augenhöhlen verschwanden...

Die Älteste der Drei verschwand in silbrigem Licht, hatte gesagt, was sie sagen musste und verabschiedete sich mit folgenden Worten: „Hüte die Kraft in dir, Held.“ Eine weitere lange Pause...

            „Unsere Schatten wandeln noch immer auf schneeweißem Grund vor dem alten Turm, der dein letzter Aufenthalt war, Held.“ Link lief hinüber zu dem Fenster, wo die Hüterin des Wissens und der Gesetze, Wächterin der Weisheit, stand und wagte einen Blick hinaus, konnte nur weiße Wolkenschleier erkennen, die ihm nicht sagen konnte, ob Tag oder Nacht hier vorherrschte.

„Wie kann ich sie besiegen?“, meinte Link leise.

„Dieses Wissen ruht schon lange in dir“, sagte die Gestalt mit freundlichen Worten neben ihm. „Doch nun seid ihr geschützt und ihr werdet es von heute an immer gegen jene dunklen Kreaturen sein.“ Erneute Rätsel in den Worten. Diese Geheimnistuerei ging Link langsam oder sicher auf den Geist...

„Schön, und wie sind wir geschützt?“

„Durch Licht und Wärme“, entgegnete die Dame am Fenster, blickte in das Spiegelglas und schenkte Link einen Hauch ihrer gigantischen warmen Macht, den er genauso unsichtbar in Empfang nahm wie die Kraft der Ältesten. Befreit und selig fühlte sich der Heroe jetzt, sodass er sich strecken musste.

„Beschütze dein Licht und deine Liebe, Heroe.“ Allein durch diesen Satz wusste Link, dass es für diese Dame Zeit wurde zu gehen und so verschwand sie ebenso in einem unwirklichen Licht, stolz und erhaben.

            Nur noch seine Schutzgöttin leistete ihm Gesellschaft und schwebte langsam zu ihm hinüber. Sie war die Hüterin des Lebens, Wächterin des Mutes.

„Sie wartet auf dich“, säuselte die Stimme des Windes in ihr. Ein Lächeln zuckte über Links Gesicht, als er an Zelda dachte.

„Und doch lausche meinen Worten noch für einige Augenblicke.“ Er erwiderte ihren Blick, schaute in das kräftige Grün ihrer Augen und nickte. „Ruht Euch beide solange aus, wie es der Wunsch ist. In eurem Zeitbegriff Minuten, Stunden, Monate. Sobald ihr weiterzuziehen gedenkt, sagt einem der Gnomen Bescheid und sie werden euch hinaus geleiten, werden euch die Geschenke übermitteln, die wir für Eure letzte Schlacht vorgesehen haben.“ Geschenke? War in Hyrule jetzt so was wie Weihnachten?, dachte Link überrascht. Trotz allem freute er sich darüber. Was Götter wohl Schönes zu verschenken hatten?

            Auf dem Gesicht der mächtigen Persönlichkeit, die Link tausendmal sympathischer war als die anderen beiden, zeigte sich ein starkes, zufriedenes Lächeln.

„Ich bin menschlicher, als ich es zeigen kann, Link“, sagte sie. „Das habt Ihr mir bereits bewiesen“, erwiderte er, irgendwie wohlig der Gedanke, dass gerade sie seine Schutzgöttin war. „Noch etwas. Ein Gnom wird dir etwas von mir persönlich überreichen. Gib diesen Gegenstand an den Jungen, der aus Euren Essenzen besteht.“

 „Klar mach’ ich das“, sagte Link und lief an der Tafel entlang auf die hohen beschriebenen Holztüre zu, als er sich ein weiteres Mal umdrehte.

„Mir fällt noch etwas ein, das mich beschäftigt“, begann er und schaute zu der Gottheit am Fenster.

„Es geht um Navi.“

            Die weise Frau nickte und sagte langsam und leise: „Sie hatte sich geweigert ein Mensch zu werden, ihr altes Wissen als Fee abzulegen und doch verblasste Hyrule. Entgegen der Prinzessin Hyrules, die in Hyrule blieb, da sie sich für jenes altes Land entschieden hatte, war Navi uneins mit sich selbst und wusste nicht, was sie sein oder bleiben wollte. Nun befindet sie sich zwischen dieser Welt und der Erde und hat gerade soviel Kraft einen Mädchenkörper aufrechtzuerhalten.“

Diese Worte stimmte Link zunehmend traurig. Immerhin hatte Navi ihn stets begleitet und war auch damals ein Freund für ihn gewesen.

„Wenn sie sich entscheiden würde, könnte sie in deiner Welt wiedergeboren werden, deshalb obliegt es dir, ob du sie darauf ansprichst, endlich ihren Weg zu gehen.“

Einen entschlossenen Ausdruck in dem Gesicht, nickte Link und begab sich gen Ausgang.

            Doch einen Kommentar konnte er sich nicht verkneifen. „Übrigens... das Essen war toll.“ Ein typisches, beinahe heimtückisches Grinsen auf dem Gesicht verließ er den Raum, hörte im Hintergrund des raschelnde: „Bis bald, Link“ aus der Kehle jener mächtigen Gestalt.

 

Als Link jenen Raum betrat, in welchem der riesige Kaminschacht für unermessliche Wärme sorgte, fand er Zelda schlafend an der Bettkante sitzen. Ihre Wangen waren feucht von den heißen Tränen, die sie für Hyrule vergossen hatte. Er murmelte verträumt ihren Namen, aber sie schlief tief und fest.

Vorsichtig nahm er sie auf seine Arme, ließ ihren ruhenden Körper langsam auf das bequeme Schlafsofa nieder, schützte ihre schlafende Form mit einer Decke vor der Kälte und stieg zu ihr auf jene gemütliche Liege.

Er gab ihr nur einen leichten Kuss auf ihre Lippen, streichelte über ihre Wangen und legte schließlich seine Arme vollständig um sie. „Ich liebe dich, Zelda...“, flüsterte er leise, mit der Gewissheit, dass sie diese Worte von ihm noch nie gehört hatte und auch im Moment nicht hören konnte...

 
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