Kapitel 57
 
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Kapitel 57

 

 

 

 

In der hylianischen Welt, einem Land, das weit abseits des Hauses der Götter ruhte, war nicht eine Sekunde vergangen und immer noch tanzten die Schatten der Götter mit ihren kräftigen, beißenden Stimmen vor den Toren des weißen Turmes.

            Zelda und Link jedoch verbrachten so viel Zeit miteinander wie nur irgendwie möglich. Das Paar, welches endlich zu einander gefunden hatte, wandelte hier im Haus der Götter, in den Gefilden einer anderen Dimension. Sie genossen zahlreiche erholsame Stunden in den Gärten des Lebens, einem schier mächtigen Ort am Rande der Wirklichkeit in der Gastfreundschaft machtvoller Wesen, die doch in der Schuld der beiden Hylianer standen. 

            Offen erzählte Zelda ihrem Helden Dinge aus der Vergangenheit, vieles, was sie damals nie über ihre Lippen gebracht hätte. Sie teilte ihm mit, wie ähnlich er mit jeder Sekunde, die vorüberrannte, seinem wahren Ich wurde. Auch erzählte sie ihm viele Momente, die sie für immer in ihrem Herzen aufbewahren würde…

            Nach über drei Woche in jenem zeitlosen Himmelsgebäude entschieden sie sich aufzubrechen. Link packte gerade seine Sachen für die Weiterreise in dem kleinen, hohen Raum, in welchem sie beide die letzten Wochen nächtigten.

Zelda kam mit einem zufriedenen Grinsen in den Raum und meinte zwinkernd: „Ich habe den Gnomen Bescheid gegeben. Sie sagen unseren Gastgebern, dass wir aufbrechen wollen.“ Link nickte stumm und blickte zu den vielen einfachen, ledernen Beuteln, wo Nahrungsmittel vonseiten der Gnome gelagert waren. Schnell ließ er die Sachen in den magischen Taschen verschwinden.

„Ein Glück, dass wir jetzt wieder besser versorgt sind. Unsere Lebensmittel waren schon knapp“, sagte er und schnallte sein Schwert geräuschvoll auf den Rücken. Zelda ließ sich derweil rücklings auf das kleine rote Schlafsofa sinken und blickte nachdenklich an das archaische Deckengewölbe.

„Das waren so schöne Wochen…“, murmelte sie und blinzelte träumerisch zu Link hinüber, der seine Arme kurbelnd in der Luft rudern ließ. „Ja, schön und viel zu erholsam. Ich wusste gar nicht mehr, wie schwer sich meine Waffe auf dem Rücken anfühlte.“

„Du musst dich wohl erst wieder daran gewöhnen, was?“

„Ein bisschen“, meinte er und lief langsam zu ihr hinüber.

            „Haben wir auch alles eingepackt?“, fragte Zelda und richtete sich wieder auf. Link kniete vor ihr nieder und legte seine warmen Hände auf ihre Knie.

„Ja, alles fertig für die Abreise. Aber bist du denn schon bereit dafür?“

„Ich wäre gerne noch geblieben…“, gab sie ehrlich zu. „Wir hatten so viele schöne, gemeinsame Stunden und…“ Ihre Wangen erhitzten sich ein wenig. „…ich wünschte, wir  hätten hier in der Idylle noch ein wenig mehr Zeit miteinander verbringen können.“

„Du kannst wohl nicht genug von mir haben, was?“

„Als ob ich etwas dafür könnte, dass du nun so unwiderstehlich bist, wie du eben bist“, meinte sie schmunzelnd und ein Glitzern strahlte aus ihren Augen.

„Du musst gerade reden. Du hast mich doch dazugebracht, so unwiderstehlich zu sein…“

„Ach, ich war das?“, sagte sie grinsend. „Wenn das so ist, sollte ich vielleicht irgendetwas tun, um diese Schuld wieder zu begleichen…“

„Ja, du hast die unweigerliche Pflicht, diese kleine Schuld wieder gut zu machen.“

Zelda ließ sich langsam von dem Sofa auf ihre Knie sinken, sodass sie mit Link fast in Augenhöhe war.

„Und was strebt dir da so vor?“

„Wie wäre es mit einem Kuss?“ Lächelnd legte Zelda ihre Arme um seinen Hals und fuhr liebevoll mit ihren Fingerspitzen durch die blonden, frischgewaschenen Haarspitzen an seinem Hinterkopf.

„Gute Idee…“, murmelte sie sehnsüchtig.

            Daraufhin küssten sie sich leidenschaftlich und vergasen in dem Moment, dass sie doch eigentlich ein Ziel hatten. Denn es gab einen Grund, nicht länger in der stehenden Zeit dieses Hauses zu verbleiben. Sie hatten immer noch eine Mission und so lange diese nicht ausgestanden war, schien auch die gemeinsame Zeit an manchen Stellen zu unwirklich. Dann aber, wenn alles vorbei sein würde, wenn Ganon in der tiefsten aller Höllen schmorte, dann könnten sie endlich abschalten und die Zeit miteinander wäre nicht mehr besetzt von Sorgen des Morgens.

            Außer Puste ließen sie voneinander ab und Link half seiner Prinzessin auf die Beine. Zufrieden legte sich Zelda den Gürtel mit ihrem Schwert um die Hüfte und streifte ihren Umhang über. Auch der Heroe war bereit für die Abreise.

            Wenig später kam ein kleiner, vorwitziger Gnom in den Raum und wies die beiden Auserwählten an, ihnen zufolgen.

Es dauerte nicht lange und das Paar wurde in eine riesige, alte Halle geführt, wo viele goldene Platten unter ihren Füßen schillerten. Ein Saal ähnlich einem Ballsaal, groß, mit vielen offenen, hohen Fenstern, die bei einem Blick hinaus jeweils einen anderen Teil Hyrules preisgaben. Und nichts als ein hohes, funkelndes Tor rückte in das Aufmerksamkeitsfeld. Keine Sitze, keine Kerzen, kein anderes Mobiliar in dem Raum, nur diese hohe Tür.

            Ein matter Luftzug streifte Link und plötzlich erschienen in silbrigem Licht die alten Göttinnen vor ihnen, blockierten alle drei bewusst das gewaltige Tor.

            Links Schutzgöttin, Hüterin des Mutes, trat vorwärts und legte ihren Umhang zurück. Ihr Bildnis, welches vorher noch an eine alte Frau erinnerte, wurde menschlicher, wärmer und jünger. Dunkles Haar fiel an ihrem schmalen Kopf hinab und dunkelgrüne Augen strahlten aus dem blassen Gesicht hervor. Sie lächelte und legte ihren Zeigefinger auf die Stirn Links.

Sachte schloss er die Augen und hatte doch das Gefühl, diese mächtige Person würde ihm erneut einen gewaltigen Strom Energie zuführen.

Ein nebenan befindlicher Gnom humpelte mit einem großen, in schwarzem Tuch eingewickeltem Gegenstand heran und hatte Mühe, mit dem grandiosen Gewicht auf seinem kleinen Gnomenrücken stehen zu bleiben und nicht vor aller Augen zusammenzubrechen.

Das Geschenk an Link verbarg sich darunter und wegen der riesigen Last fiel es dem koboldartigen Wesen trotzdem herunter. Die weise alte Göttin in dunkelgrünem Samt hob es auf und entfernte das Tuch.

            Link glotzte nicht schlecht, als er einen wunderbaren, glitzernden, neuen Schild als das Geschenk erkannte. Es war ein typisches Hylianerschild und doch war es verzierter. Das Abzeichen des königlichen Falken darauf oder die Farben… alles war edler als bei einem einfachen Soldatenschutzpanzer. Links Augen drückten nur einen Teil der überschwänglichen Überraschung aus, die er fühlte. Gerade so etwas hatte er unbedingt noch gebraucht.

Lautstark entkam es seinen Mund: „Das ist echt krass. Wahnsinn.“ Er nahm das Schild, verwundert darüber, dass es nicht so schwer war wie er dachte, an sich.

„Vielen Dank!“, sagte er und hätte seine Schutzgöttin dafür am liebsten umarmt. Dann reichte sie ihm ein weiteres Päckchen, in welchem zwei unleugbar wichtige Dinge für den kleinen Kerl, der erwachsener sein wollte, als er aussah, verborgen war.

„Hier, gib’ das deinem kleinen Freund. Es wird ein Hinweis für seine Existenz sein“, ergänzte das säuselnde Windgeräusch, welches der Kehle der mächtigen Persönlichkeit entkam.

Auch das nahm Link an sich und verstaute es in seiner ledernen Tasche.

            Die in blauem Samt gekleidete Frau schritt näher und legte Zelda ebenfalls einen Zeigefinger auf die Stirn. „Du besitzt etwas viel mächtigeres, als dir jegliches Geschenk geben könnte. Du besitzt endlich die Fähigkeit Liebe zugeben, zuzeigen“, murmelte das Rauschen einer fließenden Stromes.

„Habt Dank“, sagte Zelda ehrvoll und verbeugte sich nach ihrer Prinzessinnenart. Es war das erste Mal, dass Link diese höfische Geste von Zelda sah. Hübsch, dachte er und kämpfte schon wieder mit dem Gedanken, Zelda einfach in seine Arme zu reißen. Es mochte verrückt sein, dachte er, gerade jetzt, da sie einander so nah waren, kostete es ihn unglaubliche Mühe, nur eine Sekunde ohne ihre Nähe auszuhalten. War er etwa schon süchtig nach Zelda geworden? Es war wohl diese Sucht nach ihr, die die letzten Tage noch schlimmer geworden war… unheimlich angenehme Tage, in welchen sie sich beide einfach gegenseitig verwöhnt hatten.

            Die Großen Drei wanden sich dem Tor zu und öffneten die alte Pforte, die in den gewöhnlichen Fluss des Lebens zurückführte. Nebel lag dahinter, der endlich wieder in die Wirklichkeit führte…

            „Lebt’ wohl, Auserwählte“, sagten die Göttinnen sanft und lächelten ihnen entgegen.

Auch die beiden Hylianer grinsten: „Lebt’ wohl“, sagten Link und Zelda abwechselnd. Damit schritten sie Hand in Hand durch das gigantische Tor, verschwanden dahinter, bis sie fühlten, dass auch die Zeit wieder zuticken begann…

 

Gerade in dem Augenblick gab es in den Kellerräumen von Impa einen lauten zerberstenden  Schlag. Das hohe gewichtige Stahltor prallte mit aller Wucht zurück und etwa zwanzig kahlgesichtige Moblins mit gezackten Schwertern standen davor. Sie grunzten, wieherten mit ihren rostigen Stimmen und stürmten mordlüstern in den langen Gang. Furchtlos stürzte sich Sian mit seinen Dolchen in die Meute aus Abschaum, hetzte zwischen ihnen hindurch und seine Dolche wanderten wie Butter durch die pelzigen, stinkenden Leiber. Er musste sie aufhalten, so lange, bis die Weisen in dem Raum mit dem alten Spiegel eine neue Barriere errichten konnten.

Er musste Ganons Brut beseitigen, noch bevor sie ihrem Lord Mitteilung erstatten konnten. Heftig führte Sian seine Waffen gegen sie, wirbelte in dem Haufen bestialischer Kreaturen umher, spielte mit ihnen wie ein Schatten, der ihnen folgte oder ihnen vorausging.

            In einem nahen Raum hörte Sara die bedrohlichen Laute, konzentrierte sich mit Impa und den anderen auf die verbliebenen Fähigkeiten der Sieben Weisen, sammelte Kraft, sammelte Macht, nur um eine weitere Tür zu errichten, die den hier befindlichen Abschaum daran hinderte, die Kellerräume zu verlassen, und im Gegenzug weitere sich an Blut labende Schrecken fernzuhalten.

In wenigen Sekunden breiteten sich unzählige Regenbogenfarben in dem Schutzbunker aus. Sanfte Strahlen des Guten strömten in den Gängen umher, vernichteten die Brut, mit welcher Sian gerade noch gerungen hatte und vereinigten sich mit gnadenvoller Einzigartigkeit dort, wo einst eine robuste Eisentür stand. Ein stabiles Schutzschild wurde produziert, reine Farben, die zu Licht und Wärme verschmolzen und lebendig schienen. Wie ein Lebewesen vermischten sich die verschiedenen Farben einer Palette ständig, unentbehrlich in der undurchdringbaren Wand. Wellenartig. Strömend, wie ein kleiner Bach.

            Sian lief ungläubig darauf zu und berührte die Farbwand. Kühl und vibrierend. Und doch fest, sodass sie nicht leicht zu durchstoßen sein würde.

            In dem Moment kamen die Sieben aus einem weiteren Raum und bestaunten ihre umwerfende Kreation. „Wow. Wir sind ja doch noch in der Lage, unsere Mächte einzusetzen“, meinte Sara, die geschwind zu der Wand hüpfte und eine Hand auf das glasige Material legte. Naranda meinte entschlossen mit ihrem englischen Akzent: „Na bitte, und ihr habt euch schon Sorgen gemacht.“

            „Es hätte ja auch leicht ins Augen gehen können“, meinte Leon. „Immerhin habe ich nicht Zeldas Gewandtheit als siebter Weise.“ Impa nickte und blickte zu dem Schutzschild. Sie war in ihren Gedanken versunken und dachte einmal mehr an ihren Schützling. Vorhin noch hatte sie beinahe das Gefühl gehabt, sowohl Link, als auch Zelda wären nicht mehr in Hyrule. Aus irgendeinem Grund fühlte sie ihre Anwesenheit nicht mehr. Besorgnis stand in ihren Augen, da sie erstens fühlte, dass Zelda mit Schmerzen rang und zweitens für Bruchteile von Sekunden keinen von beiden mehr ausmachen hatte können.

            Sie starrte mit ihren blutroten Augen zu Sara, die endlich wieder ein Lachen zustande bekam und dann nachdenklich in die Reihen der letzten Überlebenden.

 
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