Kapitel 59
 

Kapitel 59

 

 

 

 

Mit Entschlossenheit in den blauen Augen traten Link und Zelda Hand in Hand aus dichtem Nebel hervor. Erneut lag ein unendlich scheinendes Meer aus Schnee vor ihren Augen.

Viele weiße Hügel und ein wenig abseits ein zugefrorener See. Link wand seine Augen gen Osten und erkannte den strahlenden, stolzen Turm des siebten Weisen einige Meilen weiter. Genau studierte er seinen Kompass und deutete mit Entschlusskraft in Richtung Südwesten.

            „Das ist unser Weg“, meinte der junge Held und zeigte zu einen langen, staubigen Landweg, der sich ein wenig von dem weißen Wintergewand abhob.

Zelda nickte, blickte noch einmal zurück und dankte den Göttern erneut in ihren Gedankensphären für die wenigen, aber erholsamen Stunden in jenem Hause. Link und sie waren einander ein wenig nähergekommen und eine kleine Erinnerung an einen Abend vor dem gigantischen Kamin stieg in ihr auf. Ein wenig Romantik, Liebe und Leidenschaft erhellten ihren Geist. Und auch sie hatte sich getraut, ihrem Seelenverwandten ein wenig Liebe zugeben, so wie in keinem Moment vorher.

Geredet hatte das junge Paar ebenso. Über die Zukunft... über das Schicksal... und vor allem über sich. Denn das war es, was immer noch offen geblieben war. Einfaches Reden über bisher ungesagte Worte. Reden...

Ja, sie hatten sich ausgesprochen, auch wenn Zelda die dringendsten Worte immer noch nicht über ihre roten Lippen brachte. Die wichtigsten Worte, die endgültig sagten, was sie für Link empfand.

            „Zelda?“ Links angenehme Stimme beförderte sie zurück in diesen Teil der Wirklichkeit. „Alles in Ordnung?“, setzte er hinzu. „Du warst nur so nachdenklich...“

„Schon gut, ich habe nur über unsere gemeinsamen Stunden nachgedacht“, meinte sie und krallte sich fest in seine linke Hand.

„Gibt es denn irgendetwas, das du bereust?“, murmelte Link und lief zügig vorwärts. Daraufhin zwickte Zelda ihren Helden ungestüm in seine rechte Seite. Dieser quiekte laut auf und sah dann das aberwitzige Grinsen in ihrem Gesicht.

„Meinst du, ich könnte nur einen Augenblick der letzten Wochen bereuen? Manchmal denke ich, mein Held macht sich zu viele Sorgen, etwas falsches zu tun.“ Ihre Worte klangen vorwurfsvoll, auch wenn hinterlegt mit irrsinniger Narretei.

            Link kramte gedankenversunken nach dem Päckchen für den kleinen Kerl und lugte hinein.

„Das sind doch die Sachen für den jungen Link, oder?“

„Jep“, bestätigte Link.

„Und du bist einfach so dreist und guckst dir diese Dinge an. Glaubst du nicht, dass es etwas persönliches sein könnte?“ Link blickte belustigt auf und runzelte die Stirn.

„Dieser kleine Kerl besteht aus unseren Persönlichkeiten, meinst du nicht, wir haben das Recht dazu, mal hineinzuschauen?“ Zelda zuckte mit den Schultern und steckte ihre neugierige Hylianernase ebenso in den Beutel. Link kramte die zwei Gegenstände hervor, erstaunt über einen kleinen grünen Stofffetzen.

Zelda grinste und lachte erheitert auf. Herzlich nahm sie ein Kleidungsstück an sich, welches so typisch für Link war, egal ob nun für den Helden der Zeit, Helden des Windes oder zukünftigen Kämpfer für Hyrule.

Sie strich vorsichtig darüber und sagte erfreut: „Schau’ mal. Eine grüne Mütze für den kleinen Link. Ist das nicht toll?“

Ihr strahlender Held grinste ebenso, ein wenig enttäuscht, dass er von seiner Schutzgöttin keine grüne Mütze bekommen hatte. „Na der wird sich aber freuen, was?“

Zelda lächelte und steckte die typische Kopfbedeckung wieder in das Beutelchen, während Link ein Stück Pergamentpapier ansah. Zelda trat näher und lugte interessiert auf die Schrift. Entgeistert riss sie Link das Schreiben aus der Hand.

„Bei Nayru, das ist ja eine Geburtsurkunde!“

„Wie die Göttinnen schon sagten. Seine Existenz ist besiegelt.“

„Verstehe. Er wird also eines Tages geboren werden, wohl dann, wenn der Kampf gegen Ganondorf vorüber ist.“

„Richtig.“

            Link lief einige Meter nach Westen und starrte scharfsinnig in den hellen, dämmernden Himmel. Die Sonne würde in wenigen Minuten aufgehen.

            Derweil besah sich Zelda die Geburtsurkunde und ein Name war darauf vermerkt, auch wenn nicht die Namen der Eltern auf dem Blatt standen. Der zukünftige Name des kleinen Kerls machte sie nicht nur stutzig, sondern nahm ihr für einige Sekunden die Luft. Harkenia VIII. von Hyrule…

Das war nun nicht mehr so witzig, dachte sie. Würde der kleine Spund nun doch noch in die Königsfamilie Hyrules hineingeboren werden? Harkenia der Achte?

            Link riss sie in dem Augenblick aus ihren Gedanken und sagte ernst: „Zeldaschatz, wir sollten uns beeilen. Wie du ja weißt, wandeln die Schatten der Götter noch um die Stätte des siebten Weisen. Ich möchte nicht riskieren, dass sie uns hier sehen.“

            Zelda nickte, packte die Geburtsurkunde wieder in die Tasche und hüpfte schwungvoll zu Link herüber. „Lass’ uns die Mission zuende bringen“, sagte sie.

            Sodann brachen sie auf und folgten einem langen Weg aus tauendem Schnee und schmelzendem Eis.

            Der sechzehnte Tag war angebrochen und sehr bald standen die Auserwählten wieder im Auge ihres Feindes, dem größten Alptraum auf Erden. Doch bis dahin war noch Zeit, bis dahin gab es noch Aufgaben zu erledigen und auch die ein oder andere Begegnung mit merkwürdigen, liebenswerten oder weniger netten Gestalten würde stattfinden…

 

Gegen Mittag machten Zelda und Link Rast in der Nähe einiger Tannenbäume, setzten sich auf einige Decken unter den dichten Zweigen und genossen ein Mittagessen.

„Was, denkst du, eigentlich ist aus Preston geworden? Mich hat es schon gewundert, dass wir ihn in der Stätte des Siebten Weisen nicht getroffen haben“, meinte Link, als er vergnügt seine Suppenschüssel leer schlürfte.

„Nun…“, begann Zelda und brach eine Scheibe Weißbrot auseinander. „So wie ich Ganondorf in Erinnerung habe, behandelt er auch seine eigenen Leute, nicht nur seine Feinde, wie niederen Abschaum. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Preston schon lange in der Hölle schmort“, endete sie kühl. Es schien, als ob es sie herzlich wenig interessiert, ob dieser Satansbraten von Ganondorf gedemütigt oder gequält wurde.

            „Du bist nicht gerade gut auf diesen Dreckskerl zu sprechen, was?“

Aufgeregt stellte sie die Schüssel neben sich und meinte erbost: „Preston ist unfähig Gefühle zu empfinden. Ich glaube, ich erzähle dir lieber nicht, wie er sich in der Schule fast jeden Tag an mich herangemacht hat.“

Daraufhin erhielt sie einen sehr tiefgründigen, beinahe wütenden Blick, der aus Links Augen Hass schickte. „Dieser Kerl hat versucht dich zu überrumpeln?“

„Nicht nur einmal…“ Man konnte Link seine teuflische Eifersucht nicht nur ansehen, nein, man spürte eine leichte Brise davon selbst in seiner unmittelbaren Gegenwart.

            „Entschuldige, ich hätte dir das nicht erzählen sollen“, sagte sie und gab ihm einen leichten Kuss auf die Nasenspitze. 

„Schon gut…“, murmelte er. „Preston hat sein Schicksal selbst gewählt. Wenn er dem Bösen zugehörig sein will, dann ist das seine eigene Entscheidung gewesen. Er hat sich in Ganons Klauen sein eigenes Grab geschaufelt.“ Zelda nickte, obwohl sie dennoch eine Spur Mitleid mit Preston hatte. Sie wusste, wie gefährlich und unberechenbar der Fürst des Schreckens sein konnte. Eigentlich hatte es niemand verdient durch seine Hand zu leiden oder zu sterben…

 

Sie reisten weiter, und weiter, stapften durch hohen Schnee und blickten erleichtert zurück zu den schweren, mit Schnee bedeckten Hängen der Berge und Hügel hinter ihnen. Kein langer Fußmarsch würde mehr notwendig sein und sie könnten Zoras Reich Lebewohl sagen.

Sie gelangten vorbei an einem kleinen Wasserfall, wo viele Tropfen sich in Eis fingen und ihren Weg südwärts bahnten.

Sie wollten gerade eine kleine Verschnaufpause einlegen, als Link irgendwo, von weit her, wieder die Trommeln der Dämonenarmee vernahm.

            „Link?“ Sie konnte den misstrauischen Blick und das Bedenken in Links tiefblauen Augen ablesen. Er führte seinen Zeigefinger an die spröden Lippen und horchte dem Echo des Trommelgewirrs zu. Erneut schallte es umher und auch Zelda hörte nun den Klang. Ihre entschlossenen Blicke trafen sich und schnell hasteten sie Hand in Hand weiter.

„Diese verdammte Brut. Wenn sie weiterhin mit ihren Trommeln Krach machen, dann zeigt der Schnee letztlich doch noch seine Gewalt. Wir müssen uns beeilen, Link.“ Er wusste, dass sie die bedrohlichen, hohen mit Schnee bedeckten Berge ringsherum meinte. Eine leichte Erschütterung, ein winziger Funke, ein kleines Schneekörnchen, würde ausreichen und der Schnee könnte ultimativ hinabsinken. Ein kleiner Stein könnte eine gewaltige Lawine in Gang setzen.

            Das hetzende, beunruhigende Trommelgewirr setzte weiterhin die Luft in Schwingungen, wurde lauter. Zelda gab ihrem Heroen einen skeptischen Blick und sah aufgeregt zurück, ahnte um die näherrückende Gefahr.

„Da haben wir mal einige Wochen Ruhe und sofort stürzt die nächste Gefahr auf uns zu“, quengelte Zelda und atmete laut aus. Link drückte ihre Hand ein wenig kräftiger und stach mit seinen tiefblauen Augen zu den grauen, im Licht der Sonne mit Flecken bemalten Hänge.

„Nicht jammern, mein kleiner Jammerlappen“, sagte er aufheiternd, lächelte sie kurz an und legte einen Arm um ihre Schultern.

„Dein Optimismus in Gottes Ohr...“, murmelte sie genervt mit ihrem nur schmal geöffneten Mund. Ein wohlbekanntes Grinsen ging Link über das Gesicht und er schleifte Zelda weiter den bröckligen Weg entlang.

 

Es war nur etwa eine Stunde später und die beiden Auserwählten bahnten sich vorsichtig einen schmalen Durchlass zwischen zwei Felsspalten hindurch. Der Weg wurde von den Mauern rechts und links eingerahmt, sodass es unmöglich war, neben einander zugehen.  Sachte krochen sie an rauen, rissigen Felswänden entlang, stets verfolgt von der eigenen Anspannung und bedrängt von den nahen kalten steinigen Erhebungen ringsherum. Ein ängstlicher Blick ging aus himmelblauen Augen nach oben, sah Schneegewalten und Eiszapfen an den Felsspalten hinabragen.

„Bleib’ nicht stehen, Zelda!“, meinte Link anordnend, während er sein Tempo beschleunigte. Sie nickte und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg, während es hoch oben ab und an winzige Schneekörnchen hinabregnete.

            Und obwohl auch hier in Zoras Reich der Frühling überfällig war, so schüttete die Wolkendecke einmal mehr dichte weiße Flocken herunter. Link blickte argwöhnisch hinauf an das graue Himmelszelt, fing mit den bloßen Handflächen einige Schneeflocken auf, die durch seine Wärme in Kürze ihren Zauber verloren und sich in einfache Wassertropfen wandelten. Dann wanderte sein Blick zu dem sandblonden Haar seiner geliebten Prinzessin, die sich sorgsam an den Wänden entlang zog. Wenige Schneekörner sammelten sich in ihren seidenen Haaren, worauf Link schnell den Abstand zwischen ihnen verringerte. Er konnte nicht anders, als ihr die graue Kapuze ihres mitgenommenen Mantels über den hübschen Kopf zu ziehen. Ein Lächeln begegnete ihm, schenkte genug Kraft und Mut auch die Hürde dieser teuflischen Felsspalten zu überstehen.

Sorgsam drängten sich die beiden Hylianer durch die enge Passage, wagten keine Blicke mehr an den bedrohlichen Horizont. Doch im Hintergrund, versunken hinter den Bergen, verschmolzen mit Schnee und Eis, erklangen die tosenden Trommeln der Dämonenarmee des Schreckensfürsten…

            Noch immer war der Ausgang aus dem bedrängenden Labyrinth der Berge nicht gefunden. Die tiefe Schlucht, in welcher beide Hylianer ihrem eisigen Weg folgten, verstärkte den aufhetzenden Rhythmus der vielen Trommeln, des Stapfen untoter Füße auf dem weißen Kleid des Winters und erzeugte ein bedrohliches Echo, das in Risse und Löcher des Mittelgebirges eingebrannt wurde.

Vor Zeldas Augen drehte sich inzwischen alles. Das todbringende Echo in den Ohren raubte ihr den Verstand. Und die nahen Felswände schienen sich weiter und weiter anzunähern, schienen zu wachsen und zu wuchern. Trübe schaute sie nach vorne und sah doch nur einen schmalen Weg, der nichts als Dunkelheit verriet. Kein Lichtpunkt befand sich vor ihnen. Sie stützte sich kurz an eine brüchige Felswand und klammerte sich mit ihren Fingerspitzen in das schmutzige Gestein.

            „Spürst du das auch?“, meinte Link hinter ihr und legte besorgt seine Hände auf ihre angespannten Schultern. „Es ist das Dröhnen der Trommeln, nicht wahr?“

Zelda wand ihren stechenden Schädel zu ihm. „Sie klopfen mit schwarzer Magie auf die pelzigen Trommeln…“, sagte Zelda. Link kniff kurz ein Auge zu, fühlte einen Schlag an seinen Hinterkopf, obwohl niemand hinter ihm dies veranlasste.

„Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Sie trampelten weiter, befühlten sich beraubt um die Kraft, die sie in der letzten zeitlosen Woche getankt hatten.

„Ich gehe nie wieder nach Zoras Reich, egal was auch der Grund ist“, murrte Link dümmlich, bemerkte aber nicht das kleine Grinsen um Zeldas Mundwinkel.

 

Wenige Meter weiter, auf einer riesigen schneebedeckten Fläche meckerten und zürnten an die Hundert Moblins aus verschiedenen Dämonengeschlechten. Einige waren nackthäutig und klein, andere pelzig und krummgebeugt. Viele der Monsterhorde hatten gewichtige Trommeln, bespannt mit Menschenhaut, um ihre missgeformten, schiefen Schultern geschnallt und schlugen jauchzend mit ihren beißenden Keulen auf die Trommeln ein. Immer wieder der gleiche, erschreckende Rhythmus begleitet von schwarzem Rauch wühlte weiße Schneeflocken auf. Vor der Meute stand der Mischling Troplox und gaffte triumphierend auf die teuflischen, giftigen Rauchwolken, die jene Trommeln des Bösen umhüllten. Er begann zu dirigieren, begleitete seine Leute in ihren lauten Trommeln und glotzte lachend, fast wahnsinnig lärmend, zu den schneeweißen Hängen, die auch das gesamte Dämonenheer umgaben.

„Schlagt weiter... bis der Berg einstürzet... auf dass der Berg den Schnee schicket...“, lachte Troplox und jubelte angesichts seines dümmlichen Wahnsinns.

            Hoch oben, auf den schneebedeckten Gipfeln aber rollten zahllose Schneekörnchen ab und an die steilen Hänge des Mittelgebirges hinab.

            Einige Moblins stoppten das selbstherrliche, kranke Musizieren auf ihren Instrumenten und blickten mit untoten Augen hinauf zu den gefährlichen, mit grauen Nebelschwaden umgebenden Hängen. 

„Herr Troplox. Herr Troplox“, johlte ein winziger Moblin mit schiefer Statur, der seinen Platz in der zehnten Reihe hatte. Troplox blinzelte mit seinen zwei verschiedenen Augen, eines ein Schlitz, das andere groß und rund, und gaffte zu dem kleinen Dämon.

„Was ist, Witz?“, zischte der Mutant und summte daraufhin seinen unmelodischen Reigen.

„Wenn der Schnee herunterrollt, trifft er auch uns. Sollten wir nicht wegziehen?“ Troplox setzte ein zerstreutes Gesicht auf, so als ob er den Versuch unternahm, wahrhaft nachzudenken. Aber es sollte bei dem Versuch bleiben.

Ein dümmliches: „Wieso...?“, entsprang seiner staubigen Kehle. „Na, weil uns der Schnee trifft, wenn wir hier bleiben“, antwortete ein weiterer nackthäutiger Kerl, an dessen schmieriger Haut unablässig Schweiß hinabtropfte. Troplox schüttelte abtuend mit einer Hand und gaffte mit wahnsinniger Dummheit hinauf. Tatsächlich zeigte sich hoch oben bereits die erste kleine Lawine.

„Zu spät... hehe... wohl schon spät zu“, sagte er lallend. Alle Moblinhäupter schnellten zu dem gigantischen Berg, der hinter ihnen lag. Und dort weit oben, rasten in etwa drei Schneelawinen hinab, die sich auf ihrem selbstgewählten Pfad vom weißen Kleid des Winters nährten.

„Oh Oh...“, sagte Troplox und lief stolz und eigenwillig hinter den fliehenden Moblins hinterher. Er schien nicht einmal genügend Gehirnschmalz für ein wenig Angst zu besitzen und trottete lachend, die Gefahr nicht begreifend, über den Schnee, während viele gebuckelte und auch muskulöse Moblins mit angstverzerrten Lauten vor den Lawinen wegstürmten.

 

Und das wilde Geschrei nach Rettung drang auch an die Ohren der beiden Hylianer, die noch unwissend, langsam und sicher, ihren Weg zwischen zwei Felswänden fortsetzten.

„Hörst du das auch?“, meinte Link.

Zeldas blaue Augen wanderten umher: „Was mag das sein?“ Sie hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, als sie beide ein tobendes Donnergeräusch vernahmen. Ein Vibrieren setzte ein und schließlich ein Summen. Links entschlossener Blick ging hinauf an die Felswände, wo unzählige, kleine Steinchen bröckelten und an den eckigen Wänden hinabregneten.

„Weiter!“, fauchte Link und schob Zelda weiter. Die beiden Hylianer begannen zu rennen, mit der Hoffnung, das Ende der dünnen Felsspalte rechtzeitig zu erreichen.

„Diese Idioten. Durch ihre Trommeln haben sie sicherlich einige Steine ins Rollen gebracht. Diese Hornochsen!“, rief Link Zelda entgegen, die vor ihm lief. Sie blickte kurz zu ihm und rannte schweigend weiter.

            Das gefährliche Donnergeräusch wurde lauter. Krachend stürzten sich drei Lawinen hinab und begruben alles unter sich, sowohl das Gute als auch das Böse. Die hohen Felswände und der schneebedeckte, rutschige Boden bebten. Und noch immer kein Ende des Weges in Sicht.

Angsterfüllt blickte Zelda hinauf und allmählich regnete es kleine Schneewölkchen in die hohe Schlucht, wo die beiden Hylianer hastend ihrem Weg folgten. Das Donnergeräusch und das Schlagen wurden lauter. Und auch das Beben des Bodens entsetzlicher. Nur ein Blick nach oben genügte und die beiden Hylianer erkannten, wie sich eine weiße Schicht über den Himmel zog, der nur spärlich zu erkennen war.

            Und plötzlicher stürzte mit krachendem Krawall eine riesige Ladung dichter Schnee hinab, hinein in die kleine Schlucht, wo die letzten beiden Hylianer jener alten Welt ihrem Weg folgten.

Das letzte, was Link tat, war sich nach vorne fallen zu lassen und Zelda mit seinem Körper zu beschützen, während das unbändige Echo des grellen Entsetzensschreis der Prinzessin durch die Luft schnitt.

 

Der Tod persönlich, gemischt mit Plagen des Bösen, kroch und stapfte selbstherrlich in unterirdischen Gängen entlang. Ein hetzendes, sattes Augenpaar, nicht menschlich, sondern umzogen mit violetten und roten Splittern in der Regenbogenhaut leuchtete aus einem alten, grünschimmernden Gesicht hervor. Es war Kälte und Abscheu, die aus seinem Gesicht stierte. Denn jenes Böses kannte die Gesetze der Liebe nicht, verstand nicht den Sinn und die Erfüllung, welche Liebe geben konnte.

Der schwarze Todesschatten, so wie ihn Schriften nannten, lag über ihm und es erfüllte sein unverständliches Gehirn mit genügend Nährsalzen Tausende von Jahren zu überstehen. Er hasste und dies schien sein Gesetz, seine Materie. Er hasste, kannte und schätzte dieses Wort als die verderbenbringende, gewaltigste Kraft, die ihm zuteil wurde. Nur ihm. Denn nur er konnte hassen wie niemand sonst. Hassen auf seine erniedrigendste, abscheulichste und kränkste Weise...

            Es war finster in den Gängen und doch sah gerade ein Dämon wie jener Fürst des Schreckens, der, so seine Annahme, der Kaiser jeder Welt sein konnte, alles. Er sah durch die Finsternis, durch Nacht und Tod, nicht fähig die Wahrheit und Besonderheit des Lichts zu erkennen, die seine Gegenspieler verehrten. Vielleicht war es dieser Punkt, dass der ewige Teufelskreis der Kämpfe in Hyrule niemals enden konnte. Das Gesetz, dass jede Welt Licht und Schatten haben musste. Der ewige Teufelskreis, in welchem sich die Triforceträger des Mutes und der Weisheit dem letzten und stärksten Fragment der Kraft entgegenstellten.

,Es konnte nicht enden’, dachte und wusste der Diener des Bösen. Nicht so lange, das Triforce auf seine Weise existierte und dass jene Macht noch irgendwo hauste, das fühlte das Böse, das beflügelte das Böse und trieb es an...

            Lachend wollte der Todesengel sich den kleinen Bengel mit Namen Link vorknöpfen, hatte Glücksgefühle bei dem Gedanken, den Kleinen zu foltern, zu quälen. Viele abscheulichen Dinge entsprangen seinem Geist, wie die Vorstellung, dass er die Pest erneut ausbrechen lassen konnte, um die letzten Menschen zu unterwerfen. Die Vorstellung den kleinen Link mit allen Mitteln der Kunst zu foltern. Daumenschrauben. Die eiserne Jungfrau. Ein magischer Qualenfluch. Oder auch die Streckbank würden sein Vergnügen anstacheln und ihn erheitern. Nur noch wenige Schritte durch die Dunkelheit und er könnte dem kleinen Kerl zeigen, wie grausam und elend das wahre Gesicht des Bösen sein konnte.

            Ein markerschütterndes Lachen schnitt durch die leeren Gänge, worauf das Feuer der letzten Fackeln ausging...

 

Weit entfernt löste sich der Schneewirbel langsam auf und meterhoch stand der weiße, dichte Schnee in der schmalen hohen Schlucht. Kein Laut erklang mehr, nicht von innerhalb der Felsspalte oder von der großen Fläche, wo die Dämonenarmee Ganons erst die mörderischen Schneegewalten beschworen hatten. Stille...

           

Zu zweit saßen Maron und die Direktorin am Tisch, während Maron einen Tee schlürfte und schon wieder an Rick dachte. Er ging ihr nicht aus dem Kopf. Ununterbrochen hatte sie sich die letzten Stunden die Augen wegen ihm ausgeweint, hatte von ihm geträumt und wollte einfach nicht glauben, dass er nicht mehr da war. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie ihn mit seinem Grinsen durch die Tür laufen sah. Er würde ihr erklären, dass alles nur ein dummer Fehler war und er nicht tot sei. Er würde ihr sagen, dass alles nur ein Traum war und dass es keinen Teufel auf Erden gab, der den Weltuntergang vorbereitet hatte. Sie sah sein typisches Lächeln, blickte in seine rehbraunen Augen und wünschte sich so sehr, seine Wärme zurück…

            Eine Träne fiel, die Impa bemerkte.

„Maron?“

„Es ist nur… Rick… Ich will ihn verdammt noch mal wiederhaben… schnief...“, schluchzte sie und kramte nach einem Taschentuch.

Impa blickte hoffnungsvoll auf. „Jeder von uns hat etwas, das er zurück haben möchte… Und ich weiß nur eines: Link wird Ganondorf seine Suppe schon versalzen. Ganondorf bekommt sein Fett weg, für alles Grausame, das er getan hat.“

„Ja“, murmelte das Mädchen mit den kastanienbraunen Haaren leise.

„Link wird ihn besiegen“, setzte sie hinzu. „Meinst du, es gibt eine Chance für Rick?“

„Das kann ich dir nicht sagen, Maron…“, meinte Impa ernst und sah zu ihrer Kaffeetasse mit der Aufschrift: ,Für unpassende Ereignisse.’

„Ich möchte dir etwas erzählen, Maron“, sagte Impa dann und hatte einen aufmunternden Gedanken aus der Vergangenheit Hyrules.

Überrascht sah die Schülerin auf und wartete auf Impas Worte.

            „Es war einst in Hyrule“, begann sie. „Ich kannte ein junges Mädchen, das sich immer gewünscht hatte, einem Ball beizuwohnen. Ständig träumte sie davon, ihrem eigenen Prinzen zu begegnen und gelegentlich erfreute sie sich an Links Anwesenheit. Bis Link dann eines Tages die schlaue Idee hatte, er könnte seine gute Freundin irgendwie zu einem der königlichen Bälle einladen. Ich erinnere mich, dass er Zelda überredet hatte und das junge Mädchen die Gelegenheit erhielt, einen Einblick in das Schlossleben zu haben.“ Schmunzelnd trank Impa einen Schluck ihres kalten Kaffees.

„Und?“, sagte Maron, die sich endlich ein wenig von Rick ablenken konnte.

„Ein junger Königssohn aus Calatia, einem Nachbarland Hyrules, nahm ebenfalls an den Feierlichkeiten teil. Ein wunderbarer Mensch, mit genauso edlen Idealen, wie es jene Links waren.“

„Eine Liebesgeschichte?“, meinte Maron traurig und putzte sich bekümmert mit dem Taschentuch ihre Nase.

„Ja, aber nicht nur irgendeine Liebesgeschichte“, fuhr Impa fort. „Das junge Bauernmädchen hatte ihren Prinzen gefunden, einen braunhaarigen jungen Mann… mit rehbraunen Augen…“, beendete Impa leise. In dem Moment blickte Maron leicht schockiert auf.

„Rick?“ Und alles, was die einstige Shiekah zusagen vermochte, war ein nickendes: „Ja, so ist es.“

Eine Träne tropfte aus Marons Augenwinkeln. Und Impa legte verständnisvoll eine Hand auf diejenige des jungen Mädchens vor ihr.

„Maron… behalte deine Hoffnung bei. Denn ich bin mir sicher, du wirst ihn wiedersehen. Du hast ihn einmal wiedergefunden und du wirst ihn auch ein zweites Mal wiederfinden.“

„Danke!”, quiekte Maron vor Aufregung und setzte einen entschlosseneren Blick auf.

„Ich werde ihn wiedersehen! Irgendwann…” Damit verschwand Maron erneut in einem Nachbarraum und dachte still und heimlich wieder an ihren Prinzen… 

 

Zurück in der Kirche Schicksalshorts.

Endlich war die keimende Brut des Bösen an der Zelle des kleinen grüngekleideten Bengels angelangt. Ein violetter Energieball sammelte sich in Ganons rechter Faust und brachte ein furchtvolles Glimmen in die eisige Dunkelheit, während Ratten und Schlangen vorbeizischten und ihre tierischen Laute eine kleine Orgie anstimmten. Und doch sollte Ganon im nächsten Augenblick keinen Funken der perversen Freude empfinden können, nach der er gierte. Denn, und es musste das Schicksal sein, welches am Werk war, denn... die Zelle war leer.

Ungläubig fixierten blutige, glühende Augen das Verlies. Aber keine Seele weilte in dem Innenraum. Kein Hylianer. Kein Kind mit dem vorersten Namen Link...

            Ein tiefes Grölen und Fauchen brachte die gesamte Kirche Schicksalshorts zum Beben. Aus Wut schmetterte der Fürst des Schreckens zahllose Energiebälle umher, giftete über diese Demütigung und fand in seinem Kreuzzug gegen diese bodenlose Frechheit kein Ende...

 
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