Kapitel 60
 

Kapitel 60

 

 

 

 

Die Sonne stand hoch im Zenit und blendete. Hier in Zoras Reich. Hier, wo einst stolze Amphibienwesen in den Gewässern schwammen und elegant ihr Leben lebten.

Nichts regte sich mehr, dort, wo Fischmenschen sangen, wo alte magische Geschöpfe wandelten und in gegenseitiger Gesellschaft Freude empfanden. Ein einzelnes Schneekorn tanzte hinab und verlor sich in der engen Passage, wo unter dicken Schneemassen zwei junge, edelmütige Hylianer begraben waren.

            Tief im Herzen der Schneemassen aber atmeten zwei Wesen im gleichen Takt, den ihre Herzen vorgaben. Sie lebten, das richtige, das Entscheidende, was sie tun konnten. Denn wenn ihr Schicksal mit dem Tod besiegelt wäre, hätte die Welt ihr Ende gefunden und das Leben sein fristloses Grab. Verborgen im Schnee atmeten sie beide...

            Es war dunkel. Nur kalte Nacht vor den Sinnen, als Link seine tiefblauen Augen öffnete. Er blinzelte, schluckte sogleich angesichts der beißenden Kälte um ihn herum und schüttelte sich. Hastig suchte er nach einem Feuerzeug, wühlte aufgebracht in der magischen Tasche herum und fand es glücklicherweise. Sogleich leuchtete der junge Held umher. Da er noch schützend über Zeldas Körper lag, brachte er sein schweres Gewicht erst einmal von Zeldas bewusstlosen Körper und richtete sich auf, so weit wie es ging. Endlich gewöhnten sich seine Augen an die sauerstoffarme Dunkelheit hier unten, hier in der engen Felsspalte, wo tonnenweise Schnee lag. Er befand sich in einem kleinen Hohlraum direkt unter den Schneemassen. Ein Hohlraum, der so nicht sein konnte. Wachsam blickte Link nach oben und fürchtete sich fast ein wenig davor, die gigantischen Schneemassen würden sich auf sie beide stürzen. In dem Augenblick flackerte das Feuerzeug und verlor seinen hellen Schein...

            Zaghaft und ein wenig besorgt, nahm Link den Körper seiner Prinzessin in die Arme, betastete vorsichtig hier in der Finsternis ihr Gesicht und murmelte leise: „Zelda? Hey...“

Als sie nicht sofort antwortete oder überhaupt reagierte, küsste Link sie behutsam und suchend auf ihre Lippen. Zu mindest war es seine Absicht in der Dunkelheit... Stattdessen erwischte er unbeholfen ein Augenlid. Brummend ließ sich Zelda aus ihrem Schlaf reißen und erschrak, als sie nur die Dunkelheit vor ihren Augen fand. Sie löste sich aus Links liebevollem Griff und atmete nervös ein und aus.

„Zelda... ich bin es... beruhige dich.“ Sie tastete langsam voran. „Link? Aber wo sind wir denn?“

„Immer noch in der Felsspalte.“ Als sie Links Hände fand, krallte sie sich in diesen fest und meinte: „Was ist mit uns passiert?“

Aber noch ehe die Prinzessin eine Antwort erwartete, platzten kleine feine Lichtfäden aus ihren Fingerspitzen und erhellten den gesamten Hohlraum hier in der Kälte, mit der knappen Luft und dem merkwürdigen Glück, welches beiden zuteil wurde.

            „Weiß nicht...“, sagte der junge Held und kam mit einem erdrückenden Gefühl in seinen Gliedern zum Stehen. Gerade so groß war der Hohlraum, dass er stehen konnte. Sein Blick fiel zu dem Weg nach vorne, der noch zu dem Hohlraum gehörte. Mit einem ermutigenden Lächeln half Link seiner Prinzessin auf die Beine.

„Kannst du dein Licht ein wenig erhellen?“, meinte Link und suchte etwas in dem eisigen Schneegebilde, wo sie gefangen waren, suchte nach einer Ursache für das Glück in diesem großen, langen Hohlraum überlebt zu haben. Doch die Frage war... wie lange noch. Wie weit würde der Weg reichen? Wie lange konnten sie beide mit diesem bisschen Sauerstoff überleben?

            „Augenblick... ich konzentriere mich“, flüsterte sie und das Licht hier unten wurde greller und sehender. Einige Lichtfunken schwebten zu der eisigen Schneedecke hier unten. Dichter Schnee, an vielen Stellen geschmolzen und gleichzeitig zu Eis erstarrt hielt vermutlich das Gewicht des vielen Schnees. Aber wie konnte das sein? Was hatte eine solche Wand vor dem Schnee gemauert. Eine stabile, robuste Mauer, die einen Weg hinaus aus dem kleinen Labyrinth erschaffen hatte.

Links entschlossener Blick, ach, wie Zelda gerade diesen Blick liebte, ging hinauf an die Eiswand und entdeckte eine weitere faszinierende Eigenheit des gigantischen Gebäudes. Dünne rote Fäden zogen sich über dem Eis entlang. Ähnlich feiner, starker Wollfäden, die ein Kleidungsstück zauberten und zusammenhielten. Link tastete vorsichtig danach und verbrannte sich beinahe an dem Material. Flüssig, und doch erstarrte es hier in dem Eis nicht. Magische Lava? Eine Art Schleim, der das Eis und den Schnee halten konnte?

„Was mag das sein?“

„Keine Ahnung. Aber...“ und Link wand sich zielsicher zu seiner angebeteten Prinzessin. „... so lange sich diese Fäden spannen, sollten wir hier versuchen herauszukommen“, endete er, nahm Zeldas rechte Hand fest in seine und folgte mit ihr dem Weg, den der Hohlraum anbot.

            Während sie hastend und mit weichen Knien den Weg fortsetzten, gab es überraschend immer wieder ein Dröhnen in dem Schneegebilde. Eine kleine Erschütterung hier, ein kurzes Beben da...

Besonders an Stellen, die nicht oder nicht mehr von dem roten Fadenspiel belagert, beschützt und gehalten wurden. Link hastete außer Puste vorneweg, spürte schlagartig eine monströse Unruhe in sich aufkommen. Es war vielleicht nur ein Irrtum des Schicksals, der sie leben ließ. Vielleicht nur ein günstiges Zusammenkommen der verschiedensten Umstände. Oder aber ein Freund, jemand, mit dem niemand mehr rechnen würde, gab sich hier durch das Stricken und Spannen feiner Feuernähte zum Vorschein, Feuer, wo auch Eis herrschte.

Doch ewig sollte dieser Schutzmauer gegen den gefahrvollen, erdrückenden Schnee nicht standhalten.

Er blickte kurz nach hinten, sah in Zeldas banges Gesicht und fühlte allein an diesem Blick, wie schmerzhaft diese große Anstrengung für sie war. Sie atmete unregelmäßig ein und aus, fühlte einen gemeinen Druck auf ihrer Lunge und hatte Angst. Nur kurz blieben sie stehen und Zelda stützte betäubt und die Kraft verlierend ihre Hände auf die zitternden Knie.

„Kannst du weiterrennen?“, meinte Link leise. „Wir haben es gleich geschafft...“ Sie nickte und ließ sich von Link hinterher zerren.

            Das Sonnenlicht am Ende des Weges kam nun zum Vorschein. Mit neugewonnener Zuversicht hetzte Link des Weges und schleifte Zelda fordernd und beinahe rabiat hinter sich her. ,Kämpf’ jetzt, dann schaffen wir es’, sagte er in seinen Gedanken. ,Nicht aufgeben...’

            Wenige Sekunden später tauchten zwei Hylianer am Rande der Felsspalte auf, kletterten an eisigen Stufen, die der Schnee erschaffen hatte, hinauf in die grenzenlose Freiheit. Erleichtert atmeten sie beide aus und Zelda ließ sich kraftlos auf den Schnee außerhalb der tiefen, gefahrvollen Schlucht fallen. Sie lebten. Bei Nayru, sie lebten. Ein Kichern entkam dem schönen Mund der Prinzessin. Ein herzhaftes Lachen wechselte das kindische Kichern ab, bis Link sie ungläubig ansah.

„Alles okay?“

„Ich denke schon...“, antwortete sie und musste erst einmal verarbeiten, dass sie beide schon wieder eine ordentliche Portion empörendes Glück erfahren hatten.

„Und du? Alles in Ordnung, mein Link?“, sagte sie und reichte ihrem Helden beide Hände. Aber anstatt sich von ihm aufhelfen zu lassen, riss sie ihn ebenfalls zu Boden und ignorierte das Fragende, Überraschte an seinem wunderbaren Heldengesicht. Sie suchte sehnsüchtig seine Nähe, seine Wärme und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Was meinst du, war das gerade, was uns rettete?“ Links Hände wanderten hinab zu Zeldas schmaler Taille und zogen sie ein Stückchen näher zu sich.

„Ich habe so einen Verdacht“, sagte er.

„Wirklich?“

„Jep“, murmelte er und streichelte über den Rücken seiner Liebsten.

„Ich hatte einen sehr harten Kampf gegen einen Drachen in Irland, weißt du noch?“

„Ja, du hast erzählt, es wäre ein Kind gewesen, welches zu einem Drachen mutierte. Aber worauf willst du denn jetzt hinaus?“

„Klein- Link oder besser gesagt, ein künftiger Harkenia, hatte damals gemeint, Molly würde sich eines Tages revanchieren, dass ich ihre Seele erlöst hatte.“

Zelda lockerte die Umarmung und sah Link eindringlich an. Sie las in seinen schönen Augen, in denen ein Versinken so leicht war.

„Bist du dir sicher?“, sagte sie und wischte ein wenig geschmolzenen Schnee von seiner Stirn.

„Nicht absolut, aber es könnte sein. Gerade hier, wo Feuer und Eis miteinander im Einklang waren.“

„Gerade, weil Drachen in unserer alten Mythologie ohnehin nach ihrem Ableben eine andere Verbindung zu den Lebenden besitzen als es Seelen der Hylianer vorbestimmt ist“, meinte sie und erklärte dem verdutzten Ausdruck ihres Helden zusätzlich: „Alte Geschichten und Legenden erzählen, dass Seelen solch magischer Geschöpfe sich in das gewöhnliche Leben einmischen könnten. Vielleicht hast du Recht und die Seele Mollys wollte sich hiermit bei dir bedanken.“

„Was haben wir doch für ein Glück, Zelda...“, murmelte Link und zog seine Prinzessin schmeichlerisch und verliebt an sich.

„Lass’ uns den Weg fortsetzen, mein Engel.“ Er gab ihr nur einen sanften Kuss, unterband die Lust auf mehr und half ihr Aufstehen. Mit einem zum Schweben gedachten Lächeln aus dem hübschen Gesicht der Prinzessin setzten sie beide den Weg fort, marschierten den gesamten Tag über durch Zoras Reich, und ließen die schneebedeckte Einöde alsbald hinter sich...

 

Spät am Nachmittag, die Sonne warf einen roten Mantel über das alte Hyrule, erreichten die Auserwählten mit knurrendem Magen eine alte Mühle, die unweit von Kakariko stand. Nur kurz wollten sie im Inneren der Mühle rasten, schnell die Augen zu machen, ein wenig schlummern und später, dann, wenn bereits die Nacht in Hyrule gekommen war, den Weg fortsetzen. Sie bahnten sich durch ein großangelegtes Weizenfeld und standen schließlich im Innenraum der alten Mühle, wo viele feste Säcke aufgereiht waren, in denen Weizen abgefüllt weilte.

            Zufrieden und laut gähnend streckte sich der junge Held, schnallte Schwert und Schild von seinem Rücken und blickte sehnsuchtsvoll zu seiner Prinzessin, die lächelnd auf einer Decke saß und sich von dem Brot aus dem Götterhaus bediente. In ihre Gedanken versunken strahlte sie hinaus auf die weiten Wiesen und Felder und dachte nur wenige Momente an altes Glück aus der Vergangenheit. Wie gerne und wie oft war sie früher einfach ausgeritten, hier in ihrer Heimat, war mit einem elfjährigen Link über Stock und Stein gestolpert und nun war aus dieser innigen Freundschaft eine starke, tiefe Liebe geworden...

            In ihre Gedanken versunken, bemerkte sie nicht Links hinterhältiges Grinsen, der sich tollkühn und streichausheckend an seine Zelda heranpirschte. Plötzlich hielt er ihr die Augen zu, riss sie mit ihm zu Boden und ignorierte das Schimpfen und Fauchen aus ihrem rosaroten Mund.

Begehrlich und fest hielt er sie in seinen Armen gefangen und meinte gefährlich, aber kokett: „Da wir die letzte Prüfung so gut gemeistert haben, will ich mir mal etwas gönnen.“ Zelda wollte einige Worte sagen, wollte ihn bitten, sie wenigstens ihr Pausenbrot beiseite legen zu lassen, aber noch ehe ein Wort des Wartens aus ihrem Mund sprudelte, erstickte er diese mit seinen Lippen und küsste sie lange und ausdauernd. Der Kuss war tief und leidenschaftlich, schickte ihr brennende Visionen von den Erlebnissen in den Mooren, während seine Zunge Eintritt forderte. Nur wenige Sekunden dauerte die Liebkosung und doch fühlte es sich für die Prinzessin an, als wären lange Minuten unter der Sündenbelastetheit des Kusses verstrichen. Traumhaft schön... soviel legte ihr Held in diese Empfindung... Zärtlichkeit... Hingabe...

            Quälend rang Zelda nach Luft, seufzte als ein angenehmes Kribbeln ihren Rücken entlang wanderte. Sie seufzte unartikuliert und beinahe bittend, er möge nicht aufhören ihr zu geben, worauf sie ewig gewartet hatte. Verträumt gelangten Zeldas Hände an seinen Hinterkopf, fuhren durch das blonde, wilde Haar und zogen seinen Kopf fordernder und näher an ihren. Erneut ein Kuss, lustbetont und gierig.

            „Wenn wir weitermachen, dann... dann verliere ich noch die Beherrschung...“, murmelte Link und saugte ausschweifend an ihrem Hals. Doch Zelda stoppte nicht und riss Link mit ihr zu Boden, sodass sie mit dem Rücken auf Korn und Dreck lag.

„Es sei dir erlaubt, jegliche Beherrschung zu verlieren, mein Link...“, provozierte sie. Dieser Satz war genug und er ließ seinen Mund hemmungslos über ihr Gesicht, über ihren Hals wandern und seufzte leise. Es war so angenehm, so unstillbar, dieses innere Bedürfnis Links, eins zu sein mit Zelda und doch... es war zu früh dafür... nicht richtig hier inmitten der Gefahr...

            In dem Augenblick stoppte Link diese anbahnende Leidenschaft und blickte ein wenig überfordert in das kristallene Blau von Zeldas Augen. Sie schien leicht verärgert, ein wenig irritiert und sogar einen Hauch besorgt, als Link mit seinen Zärtlichkeiten endete. Ihr wundersamer Blick verweilte auf seinen Lippen, bis sie einen Finger darauf legte.

„Stimmt etwas nicht?“, flüsterte sie.

Er schüttelte den Kopf, beförderte sein Gewicht von ihr herunter und kuschelte sich an ihren Rücken heran, während die Sonne mehr und mehr in feurigem Odem versank.

„Warum...“, begann Zelda, drehte ihren Schädel zu ihm und sah doch nur seine geschlossenen Augen. „Warum hast du... nicht weitergemacht...“, sagte sie und fühlte ihren Puls wieder hetzten, als ihre Gedanken etwas erzählten, was gefährlich für die Unschuld war...

„Wir sollten einfach nicht...“, meinte er und drückte sie sachte an sich. „Du weißt schon... es ist nicht richtig...“

„Noch zu früh? Nicht der richtige Ort...“, sagte sie sanft und schnurrend.

„Jep, nicht der richtige Ort...“

„Aber beinahe hätten wir uns geliebt, ohne es zu wissen...“, sagte sie und klammerte sich an seine warmen Hände.

„In den Mooren... ich weiß“, meinte Link und erinnerte sich an die rätselhaften Geschehnisse dort. Es entsprach der Wahrheit. Beinahe waren sie viel weiter gegangen, als sie es hätten verstehen können. Genau dann, wenn sie sich aus den Klauen der Moorgeschöpfe nicht hätten lösen können.

            „Ich kann mich nur an einige Bruchstücke erinnern, wie weit sind wir denn gegangen?“, setzte Link hinzu und hauchte einen leichten Kuss an Zeldas Stirn.

„Nur zu ein paar Küssen und einem verräterischen Saughämatom am Hals, das ich dir zu verdanken hatte, mein Link.“ Beschämt und seine Stimme verlierend starrte Link an den blonden Hinterkopf seines Zeldaschatzes und hatte doch wahrlich das Gefühl sich dafür entschuldigen zu müssen.

„Sorry...“, sagte er schläfrig.

„Kein Problem, mein süßer Held...“, erwiderte sie.

„Wie spät ist es eigentlich?“

„Schon sieben...“, murmelte Zelda, mit der unanständigen Überlegung, ihren Helden zu bitten, das süße Verführen doch zu wagen. Aber sie entschied sich für das Schweigen.

„Ich würde meinen, wir schlafen ein wenig. Ich wecke dich dann, wenn wir weiterziehen sollten, okay?“

„Okay...“, schnurrte sie, drehte sich in seinen Armen und umklammerte seine Taille. Sie suchte seine Nähe, selbstverständlich, immerhin waren sie nun endlich ein Paar. Und doch war es mehr als diese Nähe und das Wärmesuchen. Es war ein Festhalten, der Wunsch nach Schutz und Sicherheit, welcher sie antrieb.

„Halt mich ganz fest...“, murmelte sie noch und schlief dann wenige Stunden ein...

 

Umgeben von Licht und Wärme stand Zelda in einem kleinen, runden Raum eines Turmes und alles schien so warm, so angenehm...

Pure Freude empfand sie angesichts der reinen, machtvollen Wärme, die sich über ihre nackten Arme legte. Es war nur ein hylianisches Sommerkleid, welches sie trug, versehenen mit der typischen Tracht der königlichen Familie. Sie fühlte sich frei, entspannt und glücklich... Farben schillerten ununterbrochen in dem Räumchen. Helle, warme Farben des Lichts.

Eine kleine schokoladenbraune Wiege stand vor ihrem Antlitz und nur um zu sehen, was sich darin verbarg, trat sie näher. Ein helles Kinderweinen drang durch den kleinen, runden Raum und irgendwie fühlte sie sich, als müsste sie das kleine Kind darin beruhigen, mit Worten und Berührungen besänftigen. Sie trat näher und näher, schaute in ein Gesicht, welches sich bei ihrer plötzlichen Nähe erhellte. Das Kindergeschrei erstarb und wandelte sich in ein herzliches, ohrenverwöhnendes Lachen. Auch Zelda lachte, während sie sich über das kleine Baby beugte. Sie lachte, angenehm und zufrieden...

 

Als Zelda aus ihrem Schlaf erwachte, lag eine angenehme Kühle, Frische in der alten Mühle, wo der Geruch nach Mehl in der Luft hing. Der Mond stand bereits am Himmel, aber Link war nirgendwo zu finden. Sie murmelte seinen Namen, aus leichter Beunruhigung, dass er nicht hier war.

„Link?“, klang es ruhig aus ihrem Mund. Warum sollte er sie alleine lassen? Gerade jetzt? Seufzend stand Zelda auf, suchte mit ihren weitsichtigen Augen nach den tiefblauen Links und doch ahnte sie, dass er nicht in ihrer Nähe war...

            Sie stolperte aus der Mühle, stets umfangen von einer leichten Beunruhigung...

Es wäre ratsam weiterzuziehen, dachte sie, während sie eine Gestalt auf dem Weizenfeld auf sie zu laufen sah. Zuerst nahm sie an, Link wäre es, der sich ihr annäherte und doch war der Gang der Gestalt so schleppend, so mühsam, ganz und gar nicht wie Link, der Schwäche niemals zeigen würde. Als schließlich ein rotes Funkeln aus einem dunklen Augenpaar inmitten der Nacht leuchtete, wich die Prinzessin erschrocken zurück und stolperte über eine kleine Kante. Sie fiel rücklings zu Boden und blickte angsterfüllt drein, ein Dämon oder Diener Ganons könnte hier sein Unwesen treiben. Sie fühlte sich eingeengt, blickte nach rechts und links und wünschte sich in dem Augenblick nichts sehnlicher als die Anwesenheit ihres Liebsten. Sich selbst ermutigend drehte sie sich um, krabbelte wenige Meter und zwang sich auf ihren zitternden Knien zu gehen.

,Link, wo bist du?’

            Die Angst fuhr ihr ins Mark, als sich die schattenhafte Gestalt immer weiter näherte. Schritte schleppend und verräterisch.

Sie nahm aufgeregt ihre Beine unter die Arme und rannte zurück in die Mühle, versperrte in der Finsternis die Tür und den Riegel. Ein unechtes Gesinge dröhnte von außerhalb. Dann ein widerliches Schnalzen: „Zelda... oh Zelda...“, sang eine kratzige Stimme, die sie kannte... und anwiderte.

„Oh Zelda... lass’ mich zu dir... Schrecken und Traum meiner dreckigsten Träume...“ Ein Lachen hallte über das gigantische Weizenfeld. Dann war es ein Schmerzstoß, den der Kerl aussendete und schließlich ein Würgen aus seinem kranken, vergifteten Mund.

Stille...

            Einige Sekunden wartete Zelda mit hetzendem Puls und einem sehr gespenstischen Gefühl in der dunklen Mühle. Allein. Denn noch immer wusste sie nicht, wo sich Link befand. Aufgeregt kaute sie an ihren Nägeln, versuchte die Spannung in ihrem Inneren wegzuschieben, versuchte sich wieder Mut zu machen und betete in Gedanken zu der Göttin des Mutes, sie könnte ihr jene Eigenschaft zuführen, die sie im Augenblick benötigte.

Ruhig, sagte sie sich. Ganz ruhig, Zelda. Das ist nur einer von Ganons Leuten. Lediglich einer... mit dem wirst selbst du fertig...

Aber das Unheimliche schien, die plötzliche Stille. Ein sachtes Windrauschen war alles, was von draußen hereindrang. Langsam und vorsichtig näherte sich die Prinzessin der ungenügend versperrten Verriegelung, fühlte Zittern, Herzrasen und die maßlose Wut auf ihre eigene Ängstlichkeit.

            Zelda stieß einen grellen Schreckensschrei aus, als jemand die Tür öffnen wollte und dann wuchtig gegen das splitternde Holz klopfte. Sie ballte ihre Fäuste aufgeregt, machte sich bereit ihre geheime Magie einzusetzen, bis mit einem Schlag alle Zweifel davongetragen wurden.

„Zelda? Was ist los? Mach’ die Tür auf“, sagte eine vertraute Stimme eindringlich. Sie liebte diese Stimme, egal, ob sie aufgeregt klang oder trübsinnig.

Ohne weiter Nachzudenken öffnete sie die Tür schwungvoll, fiel in die Arme ihres Helden, der nicht wusste, was in seine Zelda gefahren war.

„Hey, was ist denn, Schatz?“, sagte er und nahm ihr aufgelöstes Gesicht in beide Hände. Ein kurzer Blick reichte aus und Link erkannte die Angst und Sorgen darin.

„Ist etwas passiert?“, meinte er ruhig.

            Sie nickte haltsuchend. Sie verschluckte sich beinahe vor Aufregung. „Da war eine Stimme, draußen in dem Weizenfeld. Bei Din... wo warst du denn?“

Er führte sie zurück in die Mühle. „Nur kurz die Beine vertreten... Entschuldige. Aber nun bin ich ja da.“

„Lass’ uns sofort weiterziehen. Dieser Ort ist mir unheimlich... er verbirgt das Böse“, erklärte Zelda und legte die Decken vom Boden zusammen, ließ jene schnell und schmerzlos in der magischen Tasche verschwinden.

„Was sagt die Zeit?“

„Zwölf Uhr. Ich glaube, wir haben lange genug gefaulenzt.“ Link nickte, wusste doch um die wenigen Tage, die ihnen noch blieben, hier in der alten Welt. Denn in wenigen Stunden stand der Vollmond in Schicksalshort blutrot an dem garstigen, stinkenden Himmel, der die gesamte Welt unter sich begraben würde.

Der siebzehnte Tag brach nun an in jener alten Welt, die trotz ihrer Realität so unwirklich erschien. Die Luft. Die Tiere. Selbst die Natur...

            Sie liefen Hand in Hand weiter, kämpften sich durch weitere Weizenfelder, die so hoch standen, dass sie ihnen bis zu den Köpfen gingen. Ein heller Mond leuchtete ihnen des Weges, warf seinen stahlblauen Schein kühlend über die Welt, erschuf dichte Schatten am Rande der weitentfernten Wälder und inmitten der Weizenfelder, welche sich im Wind wogen.

Ab und an spähte Link zurück, wurde das Gefühl nicht los, dass sie schon seit längerem verfolgt wurden. Als Link erneut einen ernsten Blick nach hinten wagte, drückte Zelda ihre in seine geschlungene Hand und nahm an seinem entschlossenen Ausblick teil.

            „Link?“ Plötzlich wieder zur Besinnung kommend, schwang er seinen Schädel zu ihr und meinte: „Was? Hast du etwas gesagt?“

Sie boxte ihn maulend an seinen Arm. „Bin ich so langweilig, dass du dich nur unter Umständen von mir bei deinem Tun ablenken lässt?“ Link gab ihr ein reumütiges Grinsen und wollte sie gerade zu sich heranziehen, als sich Zelda aber sträubte.

„So willst du dich also bei mir einschmeicheln, was?“, sagte sie und drohte ihm mit einem Zeigefinger. „Also, was ist der Grund für deine Unaufmerksamkeit.“

„Entschuldige... aber seit geraumer Zeit habe ich den Eindruck etwas verfolgt uns.“

„Wirklich?“ Überrascht wanderten Zeldas schöne blaue Augen über das hohe Weizenfeld. „Wir würden unsere Verfolger ohnehin nicht sehen“, meinte sie. „Besser wir beeilen uns aus diesem Feld herauszukommen.“ Link nickte.

            Sodann rannten sie hinaus aus dem Feld und landeten auf einer sandigen schmalen Straße. Rechts und links des Weges ragten zunehmend hohe Laubbäume. Knorrige Wurzeln, die sich wie Schlangen auf dem Weg krümmten.

            Und ohne, dass sie es wussten, beobachtete ein kleiner, schwarzer Vogel sie die gesamte Zeit. Ein Geschöpf, welches ein Teil des Lebens in Hyrule darstellte.

            Sie eilten zügig voran, schauten auf den Kompass, kamen an einer Wegmarkierung vorbei und es dauerte nicht lange, da bildete sich am Rand des Mittelgebirges im Osten ein schmaler Riss rot. Die Morgensonne kam aus ihren dunklen Schlupflöchern und marschierte mit träger Gelassenheit über das alte Land und die traumhafte Steppe.

            „Wenn unser lieber Namenlos doch nur hier wäre...“, maulte Zelda, ließ ihre Schultern hängen. Sie stoppte kurz, streckte sich und gähnte laut. Wie schön es wäre, gerade jetzt, die Füße mal nicht zu benutzen. Das Wandern durch Hyrules saftige Grassteppe, das Stolpern über Gestein, das Watscheln durch dichte Weizenfelder und viele andere mit dem Laufen belastete Tätigkeiten raubten Kraft und quälten die Fußsohlen aufs Übelste.

„Ja, wenn Namenlos hier wäre...“, bestätigte Link.

„Ich frage mich schon länger, was wohl der Grund sein mochte, dass die Götter diesem Pferd keinen Namen gegeben haben. Meinst du, er hat bereits einen?“

„Bestimmt. Aber ist dir eigentlich mal was aufgefallen?“

„Und was?“ Zelda zwinkerte Link entgegen, der stehen blieb und zu einem kleinen Baumhaus blickte, das nicht weit von ihnen am Rand eines etwas größeren Waldes stand.

„Ich hatte manchmal das Gefühl Namenlos würde uns mehr verstehen, als wir glauben.“

Zeldas blaue Augen wurden ein wenig größer. „Das ist nicht dein Ernst. Namenlos ist doch nur ein Pferd.“

„Ja, Zelda“, sagte Link scherzhaft, nahm ihre rechte Hand und küsste diese verliebt. „Und der Held der Zeit ist nur eine Spielfigur, nicht wahr.“ Sie schüttelte mit dem Kopf und neigte ihr Haupt. Sie dachte, ihr Held hätte sein Schicksal akzeptiert, hätte sich selbst verstanden. Aber dieser Satz...

„Link, möchtest du mit mir darüber reden?“, fragte sie sanft und legte eine Hand auf seine rechte Wange. Seine Augen erzählten soviel Dankbarkeit, unterstützt mit einem brilliantem Lächeln. Ach, sie liebte diese Lächeln. Er schüttelte bloß den Kopf, vielleicht ein wenig unsicher mit sich selbst, vielleicht nur ein wenig zu verzaubert von Zeldas Verständnis. Verträumt biss sich Link auf die Lippe und nahm seine Zelda auf die Arme.

„Ich könnte dann noch eine kleine Mütze Schlaf vertragen“, sagte er und trug sie zu dem kleinen Baumhäuschen, welches zwar am Rande des nahen Waldes stand und damit nicht gerade sehr viel Sicherheit bot, und doch ein günstiger Ort für einige ruhige Momente darstellte.

            Es war nur ein kleines, klappriges Baumhäuschen mit geringem Platz, aber es erinnerte Link an das kleine Baumhäuschen in den Wäldern Schicksalshorts. Sorgen kamen in ihm auf, Sorgen um Sara, Sorgen um seine Eltern und Rick schlich wieder durch seinen Kopf.

            Zelda stieg vor ihm die Leiter hinauf und machte es sich auf einer Decke in dem Miniinnenraum bequem. „Also, ich muss sagen, dein Baumhaus bei den Kokiri ist wesentlich größer als dieses hier.“ Link folgte und ließ sich neben Zelda müde auf der Decke nieder.

„Jep, aber wir beide passen gerade so hier rein, da geht das schon.“ Schön gesagt, Link... In so einer Situation würde der Held der Zeit sicherlich alles schön reden. Denn im Grunde genommen war die Hütte so klein, dass Link sich mit seinen einsachtzig nicht mal strecken konnte. Regelrecht eingequetscht fühlte er sich im Moment, obwohl diese aberwitzige Sache auch ihr gutes hatte. Aufgrund des engen Innenraums lagen die beiden Verliebten so dicht aneinander gedrängt, dass die fehlende Räumlichkeit ganz gewiss nicht störend war...

Mühevoll wollte sich Link lediglich zu Zelda umdrehen, konnte dies aber nicht anders bewerkstelligen, als sich halb über sie zu beugen.

            Komisch, dachte Link, obwohl sie beide keinerlei Grund mehr hatten sich bei Berührungen zu genieren, verlegen zu werden, wenn sie einander näher kamen, so stieg ihm immer wieder verräterisches Blut in die Wangen, wenn er Zelda so vor sich hatte. Vielleicht war es einfach nur ihre rätselhafte Fähigkeit, das Blut in seinen Venen zum Kochen zu bringen, vielleicht war es einfach nur das Neue an ihrer tiefen Zuneigung für einander. Link wusste es nicht. Aber es interessierte ihn im Moment auch nicht. Denn sein umwerfender Engel sah so verführerisch schön aus, wenn sie auf die Weise strahlte wie in diesem Augenblick, wenn sie ihm mit stummen Worten geben konnte, wonach er sich sehnte. Ihre Augen glitzerten in nie da gewesenem Zartgefühl. Und möglicherweise wollte sie gar nicht, dass Link dieses Aneinandergedrängtsein unterband. Er stützte sich leicht mit den Ellenbogen neben Zeldas göttlichem Gesicht ab und blickte sie minutenlang an, eher er die Stille brach.

            „Zelda?“, flüsterte er leise und fühlte sich auf Wolke sieben. Noch immer lag er halb auf ihr und stützte sich leicht ab, sodass er sie mustern konnte.

„Mmh?“

„Als du noch nicht wusstest, wer du bist... ich meine unsere erste Woche in Schicksalshort“, sagte er umständlich und musterte ihr angenehmes Lächeln.

„Ja?“, fragte sie langsam.

„Was dachtest du von mir, ich meine, wie hast du mich gesehen...“ Zeldas Wangen wurden ein wenig röter und sich wich hilfesuchend seinem Blick aus. Sich diese Frage reiflich überlegend starrte sie an die gesprenkelte, braune Häuschendecke.

            „Also... wenn ich ehrlich bin... ich habe...“ Sie kratzte sich kurz an der Wange und begann von vorne. „Ich habe dich gerne bei den einfachsten Tätigkeiten beobachtet, weißt du...“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Zum Beispiel, wenn du ein paar Gläser aus dem Schrank geholt hast, oder wenn du vor dem Fernseher saßt.“ Sie machte eine kurze Pause, in welcher sie seinen verträumten Blick wieder suchte. „Du warst so... attraktiv... ich weiß nicht genau, aber vielleicht war das eine Seite meines Gedächtnisses, die sich unbedingt an dich erinnern wollte.“ Link begann zärtlich ihre Wange streicheln. „Ich glaube, ich war total begeistert von dir...“

„Das, was du empfindest, Zelda... du hättest mir das bereits in dieser Woche sagen können.“

Sie nickte.

„Und du hast das früher, ich meine damals, in Hyrule schon gefühlt, stimmt das?“ Erneut ein kleines aussagekräftiges Kopfnicken.

„Ich habe so oft von dir geträumt...“

„Sehnsucht?“

„Ja, Sehnsucht...“ Ihr Held küsste sie daraufhin zärtlich und genießend. „Sehnsucht und Liebe...“ Er gab ihr wieder einen Kuss und rollte sich ein Stückchen, sodass seine schlanke Prinzessin nun auf ihm lag.

„Ohne dich hätte ich das alles niemals durchstehen können, Zelda. Die Wahrheit... Ricks Tod...“

            Sie legte einen Zeigefinger auf seine Lippen und sagte leise: „Pst...“ Sie fuhr verträumt über seine Lippen. „Du wirst ihn wiedersehen, mein Held der Zeit. Daran glaube ich und bitte glaube auch du daran.“

Er schloss die Augen und sagte trübsinnig. „Was macht dich da so sicher?“

„Rick hatte in seinem Inneren keine irdische, gewöhnliche Seele...“ Links Gesicht wurde ernster und er sperrte die Augen munter auf.

„Zelda?“, sagte er nachdrücklich.

„Hast du mir schon wieder etwas verschwiegen?“, meinte er bitter. Schon wieder... Die gesamte Zeit hatte Link gehofft, Zelda wäre ihm gegenüber endlich offener. Aber sie schien immer noch ihre Geheimnisse aus der Vergangenheit mit sich herumtragen. Sie nickte lediglich. Daraufhin rutschte Link abweisend weg von ihr und schüttelte bloß mit dem Kopf.

            „Zelda... warum kannst du mir nicht endlich vertrauen?“, sagte er, ein wenig betreten und trübsinnig. Sie kuschelte sich entgegen seines Willens an ihn heran.

„Link, wenn ich dir nicht vertrauen würde, hätte ich bestimmt nicht mit dem Thema angefangen. Ich wollte es dir schon erzählen... seit...“

„Seit dem Pfeilschuss?“, meinte er leise und spürte seine Liebste, die sich an seinen Rücken schmiegte.

„Verzeih’ mir bitte. Aber ich möchte es dir jetzt erzählen... weil ich dir vertraue...“

„Okay...“, meinte er leise und spürte das Nagen von Zweifeln an sich. Vielleicht gab es noch ganz andere Dinge, die sie ihm verschwiegen hatte. Vielleicht gab es in der Vergangenheit ja doch jemanden, der nicht nur das Schloss und den Tag mit Zelda geteilt hatte...

„Rick war schon damals etwas Besonderes und wenn Hyrule nicht verblasst wäre, dann wäre er damals schon dein bester Freund gewesen...“, sagte sie leise und fühlte das leichte Stechen in Links Gedankengänge, das Drücken in seinem Herzen.

„Er war Hylianer?“, sagte Link leise und kämpfte mit der stillen Verzweiflung. 

„Ja, aber er stammte von einem nahegelegenen Königreich, Calatia genannt.“ Überraschend drehte sich Link wieder um und drückte sachte sein Gesicht an ihres. „Erzähl’ mir noch ein bisschen mehr darüber.“

            „Wir hatte ein großes Fest, als er Hyrule besuchte. Wir haben mit ihm den Tag verbracht. Und ich erinnere mich daran, dass du eine Zuckerwatte bestellt hattest. Du warst ein Fan von süßem, weil es solche Leckereien in den Kokiriwäldern nicht gab.“

Link krallte sich die Decke, legte sie über sie beide und umarmte sie daraufhin. „Und was noch?“

„Du und Rick hattet ein freundschaftliches Duell gegeneinander...“ Sie stoppte die Worte und ahnte, dass jene Link an den schrecklichen Kampf in Schicksalshort erinnerten.

„Bitte sag’ mir nicht, wer gewonnen hat...“

„Okay“, meinte sie sanft.

„Danke“, entgegnete Link traurig und wünschte sich doch so sehr, er könnte vieles der Geschehnisse einfach wieder rückgängig machen. Zelda streichelte über sein Gesicht und es dauerte nicht lange, da war der erwachsene Held Hyrules wie ein kleines Kind, umarmt von seiner Prinzessin eingeschlafen.

 

Als er nach zwei Stunden Schlummer mit den Wimpern zuckte, spürte er sofort ein paar weiche Lippen an seiner rechten Augenbraue. Lethargisch blieb der einstige Held der Zeit liegen, brannte aber im selben Augenblick innerlich, verursacht durch das Wandern von jenen teuflisch zarten Lippen an seine Wange, an sein Kinn, an seinen Mund.

„Link?“, flüsterte es. „Wir sollten weiterziehen...“ Aber stur und verliebt blieb er in seiner Position. Er wollte noch nicht weiter. Nur ein paar Minuten, raschelte es in seinen Gedanken. Ein paar Minuten...

            Erneut schenkte Zelda ihm einen liebevollen Knutscher auf die Lippen und doch ließ sich Link davon nicht beeindrucken.

„Was muss ich noch tun, damit du aufwachst?“

,Na, schön’, sagte sie sich. Der Held der Zeit hatte es ja nicht anders gewollt...

Ein heimtückisches Grinsen formte sich auf dem engelsgleichen Gesicht Zeldas. Auch wenn man bei einem genauen Blick das Gefährliche, beinahe Teuflische in ihren Augen erkennen konnte. Sie beugte sich sehnsuchtsvoll näher, küsste ihren unwiderstehlichen Helden erneut, wurde dann ein wenig forscher und zügelloser, bis sie schließlich an seinen Hals wanderte.

Immer noch unbeeindruckt, aber schon mit einem Grinsen um seine Mundwinkel ließ sich der Mädchenschwarm verwöhnen. Zelda war plötzlich überaus leidenschaftlich, auch etwas, was er in dieser Form nur selten erlebt hatte. Der junge Held erinnerte kurz ein Erlebnis in dem Haus der Götter, in den magischen Gärten des Lebens, wo sie sich beide ein wenig zu sehr aufeinander eingelassen hatten. Es war ein warmer Tag gewesen, so am Rande der Zeit, am anderen Ufer des Lebens, als Zelda ihm einen wunderbaren Vorschlag gemacht hatte, den Link annahm, worauf er sich einließ... ein seelisches Berühren... Hatte sie im Moment etwa genau das vor? Wollte sie mit ihren Küssen ein geistiges kleines Vergnügen vorbereiten? Ausgerechnet hier, wo jeden Moment eine Gefahr drohen könnte? 

            Doch urplötzlich, nicht damit rechnend, biss Zelda ihm ein wenig in die sonnengebräunte Haut seines Halses. Er quiekte auf und riss seine Augenlider erschrocken nach oben.

„Herrgott, Zelda!“, meinte er empört, während seine Prinzessin nur schmunzelte. „Was sollte das denn?“ Und Link richtete sich auf, sodass er die kleine Verräterin beäugen konnte. „Werde ich jetzt immer so aufgeweckt?“, sagte er schimpfend und betastete begutachtend die angeknabberte Stelle an seinem Hals. Zelda aber lachte lauthals los, wusste doch, es war nicht einmal der Rede wert, was sie gerade veranstaltet hatte und presste ihren lieben Held der Zeit gegen die robuste Holzwand an seinem Rückrat. Sie küsste ihn zur Entschuldigung und bei jenem verliebten Zungenspiel war Links Ärger schnell wieder verflogen.

            Versunken in ihrer beider Zärtlichkeit achteten sie zunächst nicht auf das Stiefelgeklapper außerhalb, ignorierten das Seufzen und leichte Kichern aus dem Maul einer angetrunkenen Person, die schwankend die Straße hinablief.

„Zelda, oh Zelda, so schön bist du, so herrlich erotisch, so üppig an den rechten Stellen, so zart an den anderen...“ Ein schiefer, lustbetonter Gesang drang von außen in das Baumhäuschen. Erschrocken ließen die zwei Verliebten voneinander ab und funkelten eindringlich und besorgt aus dem schmalen Zugang.

„Wer ist das?“, flüsterte Link, als er mit seinen tiefblauen Augen einen Blick hinaus wagte. Zelda schmiegte sich an seinen Rücken und klammerte sich mit ihren Händen an seiner starken Brust fest.

„Weiß nicht...“, entgegnete sie gedämpft. „Aber vorhin bei der Mühle war er bereits hier...“

„Diese Stimme kommt mir bekannt vor...“, wisperte Link.

„Mmh...“, hauchte sie und schielte besorgt über Links Schulter hinaus.

Sicherlich, sie glaubten die Stimme schon einmal gehört zu haben, aber wussten im Moment diese nicht ihrem Besitzer zu ordnen zu können.

            „Zelda... herrliche Prinzessin Zelda. Lass’ mich dein Kammerdiener sein...“, schnalzte es widerwärtig aus einer mit hylianischen Gebräu belegten Kehle.

Links tiefblaue Augen verzogen sich zu Schlitzen und das Gebrabbel brachte sein gesamtes Blut in Wallung. Furchtbare, herausfordernde Gefühle der Eifersucht zogen sich von seinen Herzfasern in jedes einzelne Körperglied. Er tänzelte am Rand, spürte Gefahr von sich selbst ausgehend angesichts dieser brodelnden Gefühle. In der Dunkelheit wanderten seine Augen zu den sanften Zeldas, in der Hoffnung, sie könnten diese Todeswut irgendwie lindern. Aber aus irgendeinem Grund fühlte er mit jedem Moment mehr und mehr Eifersucht und kein Funken seines rationalen Verstandes tat Abhilfe...

            „Zelda, der Körper einer Göttin, das Haar eines Engels und das Temperament einer Hexe. Oh, du verruchte Göttin der Lust.“

„Das reicht jetzt!“, knurrte Link plötzlich, denn sein Geduldsfaden war am Ende.

Verärgert wand er sich zur Leiter und war im Begriff daran hinabzuklettern, als Zelda mit dem Kopf schüttelte und einen ernsten Ton anschlug: „Link, bitte lass’ dich nicht provozieren. Bleib’ hier.“

„Nein“, sagte er schroff und kletterte stur die Leiter nach unten.

,Warum bist du nur so hitzköpfig...’, dachte die Prinzessin still, folgte ihrem Helden nur widerwillig.

            Es war kühl außerhalb. Der kühle Morgenhimmel hing wie ein Tuch über dem Land und viele Nebelfelder zogen sich südwärts. Die glühendheiße Sonne stand nur knapp über dem östlichen Mittelgebirge und konnte durch den frühmorgendlichen Dunst und die Kälte scharf und genau ausgemacht werden. Als hätte sie nicht mehr die Chance den Nebel sowie die Nacht zu besiegen...

            Murrend sprang der junge, blonde Hylianer die letzten Treppen des Baumhauses hinab und überblickte den abgetrampelten Warenpfad, sowie die weiten goldenen Weizenfelder rechts von ihnen. Geräuschvoll folgte Zelda, knöpfte ihren grauen Umhang zu angesichts der beißenden Kälte und krallte sich Schutz suchend Links warme Hand.

            Tonlos wurzelte jemand unbeeindruckt an einem alten, abgestorbenen Baum angelehnt. Die dürre Gestalt, bekleidet von einer dunklen, teilweise zerfetzten Dämonenrüstung, hing mit schmerzverzerrten Gesichtszügen an einem Ast abstützend. Einige Wunden schimmerten durch die aufgerissene Stoffhose, Schürfverletzungen und dunkle Flecke an den Armen und im Gesicht. Ein langer Blutstrahl floss von dem einen Auge der Gestalt hinab.

Ein abscheuliches Grinsen im hochnäsigen Gesicht und eine Schnapsflasche in der rechten Hand stand er einfach nur da, gaffte zu Link, zu der Prinzessin, und zu den beiden ineinander verhakten Händen.

Die blonde Hylianerin machte einen kleinen Schritt weiter in Links Nähe, suchte seine Entschlossenheit und Furchtlosigkeit, in der Hoffnung, ihr würde ein Funken davon zu teil.

            „Preston?“, rief Zelda überrascht, legte eine Hand auf ihren roten Mund und hatte nur einen kleinen Funken Mitleid in ihren sanften Augen, während Link mit ernstem Blick zu dem verletzten Jungenkörper schaute.

 

Es war einst in der Schule, zu dem Zeitpunkt, als Link schwerverletzt in dem Krankenhaus Schicksalshorts lag. Trübsinnig und mit vielen Sorgen saß Zelda, allein, wie eh und je in der Schulcafeteria. Sie hatte eine Plastiktasse Tee in ihrer Hand und war mit ihren Gedanken bei Link, ihrem Freund, den sie in den letzten Tagen und Wochen aus dem Weg gehen musste, nur um ihn nicht noch mehr zu verletzen als ohnehin...

Letzte Nacht war sie heimlich ins Krankenhaus aufgebrochen, war lange Zeit auf einem Stuhl neben ihrem Helden sitzen geblieben, bedacht, dass er keineswegs aufwachte und ihre Anwesenheit bemerkte. Sie erinnerte sein Gesicht, die Schnittwunden, die Beulen und stützte als Folge dieses Bildes, welches ihr in ihrem Herzen Stiche versetzte, ihren schweren, müden Kopf in die Hände.

Sie murmelte sehnsuchtsvoll: „Link...“, vor sich hin, leise und irgendwie unwirklich, fühlte sich, als ob sie die Schuld an seinem Zustand trug, fühlte sich schuldig und verantwortlich...

            Außerhalb lachte die Sonne und die meisten glücklichen, fröhlichen Schüler saßen draußen, so wie Sara Bravery, die mit ihrer überdrehten Clique auf der Wiese vor der Schule hockte. Zelda aber saß in der großen Cafeteria, allein, und es machte den Raum in dem sie saß noch größer, hier alleine zu sein...

Sie bemerkte in ihrem Schwelgen, ihren trübsinnigen Gedanken, nicht die neugierige Gestalt Prestons, die einen schmunzelnden Blick zu der Schönheit warf, die alleine und traurig auf einer Bank saß und Tee schlürfte. Er selbst stand ebenso an dem Kaffeeautomaten, grinste tollkühn und warf die klappernden Geldmünzen für einen Kaffee ein. Ein heißer Strahl des Getränks floss in die Plastiktasse, als Zelda erstmalig aufsah und verwundert zu dem Kerl mit rabenschwarzen Haaren blickte. Es war ein verächtlicher Blick, den sie aussendete und doch schien jener Preston erst recht zu animieren, dieser Schönheit gegenüber anzüglich zu werden.

„Nanu? So ganz alleine hier, Schätzchen?“, sagte er gehässig und stapfte mit seinen schwarzen Lederstiefeln zu ihr heran. Er bemerkte den bekümmerten Ausdruck in ihrem Gesicht, hielt es aber nicht für nötig nachzufragen und stützte sich aufdringlich auf dem Tisch vor Zelda ab.

Doch die junge unerkannte Prinzessin wendete ihren schönen Kopf weg und sagte kühl: „Was willst du?“ Abweisung erklang aus ihren Worten. Aber Preston hatte schon immer die unverbesserliche Ignoranz, sich einzubilden, dass junge Damen vor allem dann dominant und selbstsicher auftraten, wenn sie etwas von ihm wollten.

            Er fuhr sich eitel durch den kurzen Bart an seinem Kinn und meinte: „Eine Nacht mit dir, Püppchen.“ Angewidert und erschrocken richtete sich Zelda auf und zog die Nase angeekelt nach oben.

„Halt’ deinen Mund, du dreckiger Kerl.“, giftete sie und nahm ihren Tee in beide Hände. Sie wollte gerade aus dem Raum gehen, als Preston hinter ihr her rannte und den Weg blockierte.

„Was ist, du Trampel?“, fauchte sie.

„Du bist die Freundin von diesem Link, was?“ Irritiert wich Zelda zurück und blickte in die verräterischen dunklen Augen aus seinem blassen Gesicht.

„Hab’ ich deinen wunden Punkt getroffen, Puppe?“ Der Gedanke an Links Zustand fühlte sich an, wie ein unerträglicher Virus in ihrem Herzen.

„Stimmt es, dass der blonde Blödmann beinahe gestorben wäre?“ Zelda umkrallte fester und fester die glühend heiße Teetasse in ihren Händen.

Doch Preston lachte nur: „Wer immer das getan hat, hätte es mal lieber richtig machen und uns von diesem Heldchen befreien sollen.“

            Zeldas Augen standen weit aufgerissen angesichts dieser Worte. Zügellos packte sie die Plastiktasse und pfefferte Preston das heiße Getränk in das hochnäsige Gesicht. Ein heftiger Schrei wurde in der Cafeteria hörbar, zwei Hände rieben erschrocken auf dem verbrühten Gesicht.

            Nur wenige Sekunden später hatte der schwarzhaarige Jugendliche sein Gesicht mit einem Taschentuch gesäubert und packte erbost und sauer die Oberarme Zeldas, hielt sie fest und grinste nicht die Spur eingeschüchtert aus seinem halbverbrühten, rotglühenden Gesicht hervor.

„So widerspenstig?“ Seine Zunge flatterte ekelerregend über seine bleichen Lippen. „Das gefällt mir an dir, Schätzchen.“

Empört zappelte Zelda herum und fauchte: „Lass’ mich in Ruhe, du Dreckskerl, sonst...“ Aber zu Prestons Vorstellungen einer geglückten Anmache gehörte das zänkische Verhalten eines Weibs, so wie er Mädchen nannte, einfach dazu. Es stachelte ihn irgendwie an, wenn junge Dinger sich so wehrten.

            In dem Augenblick packte ein weiterer Jugendlicher Preston an beiden dürren Armen, riss ihn schnell und mitleidlos herum, sodass er auf dem Boden aufschlug.

„Verzieh’ dich Preston“, sagte eine bekannte Stimme und zwei rehbraune Augen funkelten bedrohlich aus einem schönen Gesicht. Preston spuckte genervt auf den Fußboden und trampelte murrend aus der Cafeteria hinaus.

Der Jugendliche legte eine Hand auf Zeldas Schulter und meinte freundschaftlich: „Alles in Ordnung?“ Zelda nickte nur und blickte trübsinnig zu Boden.

„Möchtest du uns nicht vielleicht Gesellschaft leisten, Maron und Sara warten da drüben?“, sagte er. Doch Zelda schüttelte abtuend den Kopf. „Danke Rick... du bist wirklich ein Prinz.“, sagte sie und lief wieder zu dem Kaffeeautomaten, um sich einen neuen Tee zu holen...

 

Unschöne Erinnerungen machten sich in Zeldas Gedankengängen breit, als sie Prestons Gestalt hämisch grinsend an dem Baum angelehnt anblickte, hier in Hyrule. Aber was hatte Preston in Hyrule zu suchen und warum war er ihnen gefolgt und in diesem mitleiderregenden Zustand. Vor allem das eine ausgestochene Auge sprang den beiden Hylianern ins Gesicht.

„Guten Morgen ihr zwei Hübschen, hattet ihr ein wenig Spaß zusammen, wie?“, muckte er belustigt auf und trank aus seiner langhalsigen Schnapsflasche einen großen Schluck.

„Was willst du, Preston?“, sagte Link und stellte sich halb schützend vor seine Prinzessin. Geschmeidig und vorbereitet auf einen Kampf wanderte der Schwertarm des Helden zu dem Griff, während er in der anderen Hand fest diejenige Zeldas hielt.

            Der Schwarzhaarige aber lachte kollernd und schnippte mit den Fingern. „Denkst du ich bin so blöd und lege mich in meinem Zustand mit dir an, Heldchen?“, schwatzte er scherzend.

„Was ist mit deinem Auge passiert?“, meinte Link ohne auf jene herausfordernde Frage einzugehen. Preston torkelte wenige Schritte näher, als aber Link drohend sein Schwert in die Länge streckte und ihm unmissverständlich klar machte, dass er erstens nicht auf sein falsches Spielchen einging und zweitens eine nähere Gesellschaft von ihm nicht brauchte.

            „Ach das Auge... das war zu verräterisch... haha...“, lachte er und nahm wieder einen heftigen Zug von der Flasche. „Es wollte wohl nicht mehr bei mir sein...“ Dann wanderte sein hungriger Blick, wo Gier gemischt mit Verrat so viel über ein krankes Herz denunzierte, zu der blonden Hylianerin, die sich leicht an Link anlehnte.

„Ich habe gedacht, das Heer des Bösen hat dich gefunden und getötet, Prinzeschen?“ Links wütender und doch verletzlicher Blick streifte den Prestons, während jener nur das hängende Gesicht Zeldas prüfte.

„Aha“, meinte er und zupfte an dem kurzen Bart seines Kinns herum. „Da scheine ich ja den Pfeil ins Schwarze getroffen zu haben. Wärst du beinahe gestorben, Schätzchen? Wie scheußlich. Das muss deinem Heldchen ja unheimlich weh getan haben.“ Preston lachte wieder rumorend, fühlte Genugtuung angesichts des weichen Blickes in Links Augen, der plötzlichen Angst, die sich allmählich von der Wut darin besiegen ließ, als ob eine Flut die stolzen Klippen an Hyrules Hafen einnahm. 

            „Lass’ dich nicht reizen...“, sagte Zelda leise und drückte seine Hand in ihrer ein wenig. Link schüttelte bloß den Schädel und tobte dann erneut: „Also, was willst du? Geh’ zurück zu Ganondorf. Dort bist du besser aufgehoben als hier.“

„Ach Ganondorf...“, sagte Preston und blickte schmerzverzerrt zu Boden. „Der Fürst des Schreckens findet euch beide sowieso. Ihr werdet niemals gewinnen. Keiner kann gegen ihn bestehen.“ Und Preston ließ die Schnapsflasche aus seiner Hand sinken, sodass sie in einem Scherbenregen zu Boden krachte.

„Ihr habt ja keine Vorstellung von seiner Macht.“ Aufgeregt und plötzlich alles andere als widerlich, fuhr der Jugendliche mit dem einen Auge fort: „Ich kenne seine Pläne und ich weiß, was er alles noch tun könnte, um euch endlich auszumerzen. Ihr denkt, ihr hattet bisher Glück ihm noch nicht begegnet zu sein? Hier in Hyrule. Genau das ist ja seine Absicht. Er will euch in Sicherheit wiegen. Denn er wird euch finden, früher oder später, und dann holt er sich die Macht in euch, an die er immer noch ein Interesse hegt.“

            „Bist du uns gefolgt, um uns das zu sagen? Um uns zu verunsichern?“, fragte Zelda hysterisch. Sie riss sich aus Links Hand los und stürmte erbost zu Preston, der sich wieder an einen hartschaligen Baum anlehnte. „Ist das alles, was du in deinem verdammten, kranken Hirn hast? Willst du uns die letzte Hoffnung nehmen.“ Aufgeregt breitete die Prinzessin ihre Arme aus und sagte laut und eindringlich: „Wir wissen, wie gering die Chancen sind, wie schlecht es um die Welt bestellt ist, aber wenn wir gleich aufgeben würden, wie du, dann wäre Hyrule schon in der aller ersten Schlacht gegen das Böse gestorben. Du hast kein Recht unsere Hoffnung ins Grab zu bringen. Also verschone uns mit deinem billigen, angetrunkenen Gefasel und geh’!“

            Link lief näher und zog Zelda mit seiner freien Hand an ihrem Bauch an sich, und hielt Preston das Schwert vor die Nase. „Rück’ endlich raus mit der Sprache. Was willst du von uns?“

Doch diese liebevolle Reaktion von Link, der seine Prinzessin in die starken Arme zog, hätte der verräterische Preston mit keiner Silbe erwartet. Irritiert beurteilte er die beiden strahlenden Verliebten, schaute sich das plötzlich so sanfte Gesicht einer zukünftigen Königin Hyrules an, die sich zu dem blonden Hylianer drehte und sich an seinem entschlossenen Blick ein Beispiel nahm.

„Da haben sich ja zwei gefunden, was?“, maulte Preston und bedecke mit einer Hand das blutende Auge. „Hast du’s ihr wenigstens ordentlich besorgt?“, setzte er gaffend hinzu. 

            Mit offenem Mund stand Link einfach nur da und fühlte sich auf jede erdenkliche Weise erniedrigt. Teuflisch und makaber sauste dieser Satz in seinem Kopf umher. ,Hast du’s ihr wenigstens ordentlich besorgt.’ Seine Hand, die sich um das robuste, lederne Schwertheft wand, schien plötzlich explodieren zu wollen. Hitze und unhaltbare Energie strömte von seiner Hand in das einfache Kampfschwert hinein, bereit zu töten, bereit sich zu rächen...

            Puderrot um die Nase wedelte Zelda mit einer Hand und beförderte Preston mit einigen wilden Streichen in die kalte Luft, bis er knackend und bewusstlos auf der Straße aufschlug. Zeldas Körper vibrierte beinahe vor Macht. Ihre blonden, langen Haare standen zerzaust in alle Richtungen und ihre blauen Augen glühten teuflisch. Sich zurücknehmend und ihre magischen Kräfte zurückfahrend, atmete sie hastig ein und aus, legte den Tränen nahe ihre Hände auf den weichen Mund. Sie wollte die Kontrolle nicht verlieren, aber dieser Satz hatte jeglichen funktionierenden Verstand zum Aussetzten gebracht. Erschrocken und beschämt über sich selbst torkelte sie einige Schritte rückwärts und suchte die Nähe ihres Helden.

„... ich wollte das nicht...“

„Es ist in Ordnung, er hätte uns nicht so demütigen müssen...“, sagte Link, fühlte seine eigene Energie wieder in den Nebeln seiner Erinnerungen versinken, drückte einen Kuss auf ihre zarte Wange und lief vorsichtig zu Preston hinüber.

Lachend richtete der Kerl sich wieder auf, spuckte einen lila Schleim aus seinem Rachen und blickte beinahe erfreut zu der Prinzessin, die sich für sich selbst schämte.

            „So ist’s richtig, Schätzchen. Genau das will Ganondorf...“

„Wie meinst du das?“, sagte Link und richtete sein Schwert gefährlich nahe an Prestons aufgeriebene Kehle. „Er glaubt noch an die alte Macht in euch beiden und will um alle Mittel, dass ihr die Kontrolle verliert, denn dann wird er euch finden, dann wird er zuschlagen und dann wird er töten und sich holen, was sein Begehr ist.“

„Warum erzählst du uns das? Und was versprichst du dir davon?“

„Hilfe“, sagte Preston frei heraus.

„Wie bitte?“, murrte Zelda und trat neben ihren Helden. Wie zwei stolze Richter standen die beiden hylianischen Seelen vor dem am Boden liegenden Körper Prestons.

            „Ich will wieder in die wirklich Welt. Ich will wieder ein Mensch sein.“

„Und du denkst, wir würden dir dabei helfen?“ Diesmal war es Zelda, die lachte und ihre hübsche Nase in die Höhe reckte. „Wir sollen Mitleid mit dir haben, nach allem, was du sagtest, was du getan hast?“

Diesmal schwieg Preston und sank mit dem letzten lebenden, schwarzen Auge zu dem sandigen Pfad, auf dem sie standen.

Auch Link stimmte zu, kein Funken Mitleid, kein Funken Güte aus seinem edlen Herzen.

            „Immer wieder hast du andere gedemütigt, dich am Leid anderer erfreut, andere ausgelacht. Denkst du, ich könnte nach allem, was geschehen ist, noch den Versuch wagen wollen, dir zu vertrauen?“, pfiff Link und setzte das Schwert gefährlich nahe an Prestons Kehle. „Wie viele Menschen in deiner Umgebung hast du verletzt, allein in der Schule? Und nun erwartest du Mitleid?“

Preston lachte wieder, stand auf und schüttelte den Kopf. „Ich habe gleich gewusst, dass ihr nicht bereit seid, eure Hände für mich ins Feuer zu legen. Selbst, wenn ihr beide die besten, edelmütigsten und herzensgütigsten Menschen des gesamten Planeten seid... Aber...“ Und Preston zog seine lila Mundwinkel nach oben. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen...“

            Damit drehte sich der Verräter Preston um und marschierte hinein in das rote Farbenmeer im Osten, verschwand in einer violetten Kontur, bis sowohl Zelda als auch Link ihn nicht mehr ausmachen konnten...

            „Glaubst du, wir haben das Richtige getan?“, sagte Zelda, während sie verschwommen in das strahlende Rot der Morgensonne blickte, ihre Augen zukniff und wieder öffnete. Link legte einen Arm um ihre zierlichen Schultern und sagte gedämpft.

„Ich hoffe...“

 
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