Kapitel 61
 

Kapitel 61

 

 

 

 

Der König Hyrules öffnete mühsam die große Tür in Zeldas gemütlichen Saal, hielt jenes Tor offen, sodass Hyrules Held der Zeit mit der verletzten Prinzessin auf seinen Armen eintreten konnte.

            Link, der sich zunehmend hilflos vorkam, lief langsam, mit einer zitternden Zelda auf seinen Armen durch den Saal, hinaus in ihr Schlafgemach. Sachte, mit äußerst gefühlvollen Bewegungen legte er sie auf das Bett und deckte ihren verletzten Körper mit einer flauschigen Decke zu. Er strich einige von Zeldas Strähnen aus ihrem Gesicht, worauf sie ihre Augen öffnete.

Ein zaghaftes Lächeln zeigte sich auf seinem und leise murmelte er: „Hey, ich dachte, du wärst eingeschlafen, Engel.“ Aber seine Stimme klang ein wenig verzweifelt, ein wenig zittrig, sodass seine Versuche, die junge Thronfolgerin damit aufzuheitern keinen Sinn hatten.

Sie sagte nichts, wie auch. Sie fühlte sich, als wäre jedes Wort, welches sie sagte, belanglos. Dumm. Falsch. Sie sah ihn mit verweinten Augen an, erkannte die Sorgenfalten in seinem Gesicht und hatte den Wunsch, ihm alles zu erklären, ihm zu sagen, dass nicht die eine Sache geschehen war, die sie in seinem Gesicht ablesen konnte.

            Link beugte sich leicht über sie und gab ihr einen Kuss auf die lädierte Stirn. Er drehte sich um und wollte gerade aus dem Raum gehen, als Zelda ihn an seinem Arm zurückhielt. „Bitte… bitte bleib’ bei mir, Link.“ Er nickte, zog einen Holzstuhl heran und setzte sich darauf.

„Ich möchte dir erzählen, was passiert ist…“, begann Zelda. Aber der junge Held schüttelte mit dem Kopf. „Nein, du musst dich jetzt ausruhen, was immer man dir auch angetan hat.“

„Aber es ist wichtig… Link… es war Ganon.“ Auch der König kam jetzt in das Gemach, hatte mit halbem Ohr zugehört und sah drein, als stände der Sensenmann vor ihm.

            Links Atem stockte, schockiert klammerte er sich an die Stuhllehne und verkrampfte sich.

„Ganon?“ Sorgenvoll ließ Zelda ihren Blick schweifen und hielt sich eine Hand an den schmerzenden Kopf.

„Ja… sein Schatten ist frei. Oh, Link. Was, wenn er sich schon gänzlich befreien konnte?“ Zelda biss die Zähne zusammen, kämpfe mit ihren Schmerzen und den Erinnerungen an eine lange Zeit voller Schrecken, die sie als Shiekah durchmachte. Jene grausamen sieben Jahre, voller Angst, Qual und Pein.

„Warum? Warum muss er schon wieder Unheil säen. Hat er nicht endlich genug?“ Erneut packte Zelda die Verzweiflung und sie kauerte sich unter ihrer Decke zusammen. So spielte das Schicksal mit ihnen, dachte sie. Auf diese grausame, hinterhältige Weise hielt das Schicksal Überraschungen für Auserwählte bereit. Erneut näherte sich, was einem Teufelskreis glich und immer wieder würden Unschuldige in jene Kämpfe hineingezogen werden. Zelda schlug mit ihren Händen verzweifelt auf die Kante ihres Bettes, verabscheute sich selbst, da sie sich so nutzlos vorkam, und nicht einmal mehr ihre magischen Kräfte einzusetzen wusste. Erneut fielen Tränen der Verzweiflung.

            Link konnte nicht anders. Entgegen dem überraschten Gesicht des Königs, setzte er sich auf das mit weißem Bezug umhüllte Bett, umklammerte seine Prinzessin und hielt sie fest, ließ sie weinen und streichelte ihr über das blonde Haupt. Es war ihm so egal, was Harkenia dachte.

            „Zelda…“ Ein leises Murmeln des Mitgefühls, der Anteilnahme.

„Tut mir leid, Link…“ Sie entschuldigte sich für ihre Tränen, ihre Armseligkeit und Gelähmtheit. „Wie soll’ ich denn schon wieder… das Land vor Ganon schützen? Ich kann einfach nicht mehr…“ Sie hielt sich krampfhaft an seiner roten Tunika fest und weinte ihre Tränen.

„Ruhig… Du brauchst vor mir nicht Rechenschaft ablegen“, sagte Link leise und nahm ihre Gesicht in beide seiner Hände. Er blickte tief in diese kristallblauen Augen, aber sie wich dem Blick aus.

            Harkenia sah nur zu, ein wenig verdutzt, wie nah sich die beiden waren, teilweise sogar neidisch auf Link, da der König selbst seiner Tochter nicht so nah stand, oder stehen konnte aufgrund seiner Aufgabe für das Königreich und seiner Feigheit ihr emotional näher zu sein. Er ging leise aus dem Raum und ließ die beiden alleine.

            Draußen auf dem hellerleuchteten Gang traf er eine aufgeregte Impa, einen Heiler, ein junges Mädchen und Caldrian. Harkenia meinte leise: „Ich denke, wir sollten die beiden jetzt in Ruhe lassen…“

„Aber mein König? Was ist denn nur geschehen?“, sagte Impa hysterisch.

„Zelda wurde übel zugerichtet… ich weiß nicht genau, was geschah. Aber sie redete von Ganondorf…“ Impas Augen platzten vor Fassungslosigkeit beinahe aus den Höhlen.

„Wenn Ganondorf etwas damit zu tun hat, dann… dann würde das ja bedeuten, er hat sich befreien können. Heilige Din, wenn dem so ist, dann bleiben uns nur noch Gebete…“

            Caldrian sah schockiert drein und drehte sich zu dem Mädchen um, welches sich schon seit vorhin in Impas Begleitung befand. 

 

Link lag eng umschlungen neben einer fiebernden Zelda, die Angst davor hatte, Ganondorf würde in der Lage sein, die gierige Rache in seinem kranken Hirn auszuführen. Und seine Rache würde an Grausamkeit die Vorstellungskraft weit übersteigen. Er könnte Hyrule erneut zu einem Ort machen, an welchem Dämonen ihr Unwesen trieben, ein Land geschaffen für das Böse.

            Der junge Held richtete sich langsam auf, als Zeldas Augen geschlossen waren und legte die weiche, kuschelige Decke erneut über. Er schaute hinaus aus dem Fenster, stellte sich vor, wie es sein würde, wenn der Himmel nicht mehr blau leuchtete, wenn die Bilder der Vergangenheit erneut lebendig wurden. Finsternis. Tod.

            „Link…“

„Mmh…“, antwortete er und beugte sich wieder über sie, streichelte ihre blassrosa Wangen, wollte, dass die Wunde an Zeldas Stirn verging, wünschte sich, ihre aufgeplatzte Lippe wäre wieder heil und das blauumrandete Auge verschwunden…

„Glaubst du… an ein Leben in einer anderen Welt?“

„Wie meinst du das?“ Auch Zelda richtete sich ein wenig auf. Ihr zerrissenes Gewand kam über der Decke zum Vorschein.

„Manchmal wünschte ich, dieses Volk wäre in einer Welt zuhause, in der es kein Triforce gibt. Ein Land, in welchem Magie nur in Geschichten ruht und es niemanden gäbe, der seine Klauen über eine Macht legt, die man als Segen bezeichnete… Vielleicht wäre das Leben dann leichter… Glaubst du, es gibt so eine Welt, Link?“

„Ja, ich verstehe. Aber fehlt den Geschöpfen, die das Licht der Welt erblicken, dann nicht etwas?“ Er streichelte leicht über Zeldas offene Lippe.

„Wenn sie die Macht, das Schicksal, die Götter, nicht kennen, gibt es möglicherweise keinen Grund, jene zu vermissen und man lebt sein Leben auf eine andere Art und Weise.“ Ein verstecktes Lächeln umspielte Zeldas Lippen. Dann griff sie sich ruckartig an ihren Kopf und stöhnte leise: „Verflucht…“

            Link lehnte seine Stirn gegen ihre und lächelte eindringlich. Beruhigt stellte er fest, dass Zelda den schlimmsten Schock überstanden hatte.

„Willst du mir immer noch erzählen, was passiert ist?“ Sie nickte und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

„Ich hatte ein Gespräch mit Vasard bezüglich seiner Einstellung dir gegenüber.“

„Erzähl’ weiter. Ich höre dir zu…“ Zelda schmunzelte leicht. Sie wusste, dass er ihr stets zu hörte. Eines der Dinge, die ihn so außergewöhnlich machten… seine Fürsorge, sein Verständnis für die Menschen in seiner Umgebung. Eine Eigenschaft, die man lieben musste.

„Er griff mich zuerst mit Worten an. Erzählte mir von einem Recht, das er zu besitzen glaubte. Er wollte Hyrule und er begehrte mich…“

„Das tun viele, Zelda, ich meine, dich begehren…“, sagte er leise. Doch die Prinzessin Hyrules glaubte, sich verhört zu haben. Diese Worte aus dem Mund von Link?

„Erzähl’ mir nicht, du bist einer von ihnen…“, sagte sie stur. Als Link darauf nicht antwortete, versuchte sie eine Verbindung zu seinen Gedanken herzustellen und erschrak ein wenig, als sie nichts als Zuneigung fühlte, die sehr stark war.

            „Aber unwichtig…“, meinte sie, versuchte zu überspielen, was sie eben an Liebe wahrnahm und erzählte weiter: „Dann blockierte er meine Kräfte, Link. Und ich sah einen Schatten hinter Vasard. Ich erkannte, dass er gesteuert wurde. Wie ein willenloser Sklave stürzte er sich auf mich und versuchte…“ Sie brach ab. Ihre Worte erstaken in einem Gefühlschaos. Sie legte ihre Arme fest um Links Hals und ihr Ohr an sein Herz- wie gut es tat, dem gleichmäßigen, wenn auch sehr hetzenden Rhythmus seines Herzens zu folgen.

Links Hände streichelten über Zeldas zerfetztes Kleid, massierten sanft ihren Rücken.

„Hat er…“ Und Zelda wusste, was er wissen wollte.

„Nein… es kam nicht dazu, du warst rechtzeitig bei mir… Als er deine Stimme hörte, stürzte er sich aus dem Fenster“, erwiderte sie.

„Den Göttinnen sei Dank…“, murmelte er sanft in Zeldas blondes Haar, blinzelte kurz und schloss seine Augen.

            Er hätte es nicht ertragen können, wenn Ganon Zelda tatsächlich geschändet hätte. Links Durst nach Rache wäre gefährlich gewesen, nicht nur für Ganon, sondern besonders für sich selbst und seine Seele. Denn Rachegelüste konnten Dinge tun, die jegliche Ketten sprengten. Und Link hätte sich gerecht- bis zum Blut- bis zum Tod.

            „Weißt du schon von Rauru, was am Siegel vor sich ging?“ Zelda schüttelte betrübt mit dem Kopf.

„Das Siegel hat Risse, Zelda. Eigentlich wollte ich dir das jetzt aber gar nicht sagen…“

„Ich verstehe, hat Rauru die Weisen schon verständigt?“

„Nicht alle…“

„Die Risse müssen ohne weiteres beseitigt werden.“ Link nickte.

„Außerdem erzählte Rauru von einer Art schwarzen Rauch, der aus den Rissen drang. Vielleicht war das Ganons Schatten?“

„Ja, das ist möglich“, bemerkte Zelda. „Nur gut, dass es lediglich Ganons Schatten ist… er wird, meiner Meinung nach, nicht lange ohne seinen Meister überleben…“

„Mmh…“, murmelte Link, genoss Zeldas nach Jasmin duftende Haare und bemühte sich die Kontrolle nicht zu verlieren…

Zärtlich nahm er ihre Hände in seine, schloss seine Augen, berührte langsam mit seinen Lippen ihre Finger und küsste diese mit ausdauernder Ergebenheit. Und er würde alles tun, damit Zelda die Grausamkeit der letzten Stunde vergas.

            „Zelda… ich…“, fing Link an und schaute in ein Paar verwirrte Augen, die nicht verstanden, was es mit seinen liebevollen Berührungen auf sich hatte.

„Warum bist du mir die letzten Wochen aus dem Weg gegangen, Link? Lag es an mir“, entgegnete sie leise. „Habe ich etwas Falsches gesagt? Habe ich einen Fehler gemacht“, meinte sie, ein wenig niedergebeugt und versuchte Links Gedanken zu verstehen.

Er schüttelte nur mit dem Kopf. „Nein, es war nur…“

„Ja?“

„Zelda, du wirst heute deine Entscheidung treffen, nicht wahr?“

Sie versuchte den Schmerz in seiner Stimme zu überhören. Sie konnte sich nicht eingestehen, und wollte nicht sehen, warum es Link so zusetzte, dass sie irgendeinen Prinzen ehelichen würde.

„Ich muss, Link. Versteh’ doch, es gibt keine andere Möglichkeit. Ich habe keine Wahl.“

„Genau. Deshalb wollte ich dir aus dem Weg gehen.“

„Aber du bist mein bester Freund.“ Sie klammerte sich wieder fester an ihn.

„Und das werde ich auch immer bleiben, Zelda. Nur…“

„Du wirst Hyrule verlassen, habe ich Recht?“, fragte Zelda leise und spürte einen inneren Druck aufsteigen. Es rüttelte an ihr, ein Gefühl der Verlustangst ohnegleichen. Link nickte, auch wenn es ihm das Herz zerriss, Zelda verlassen zu müssen. Auch, wenn dieser Entschluss langsam ins Wanken geriet.

„Bis dahin ist noch Zeit“, sagte er, um von der traurigen Situation ein wenig abzulenken.

„Mmh… ein wenig“, sagte sie schwach, kämpfte schon wieder mit den Tränen.

„Ich will dich wissen lassen, dass ich sehr oft an dich denken werde, Zelda.“

„Ich auch an dich…“

            Sie akzeptierten, dass sich, wie immer in jedem Spiel, irgendwann die Wege der Prinzessin von Hyrule und ihrem Helden kreuzten und wieder trennen würden, wie die Pfade, die das Schicksal auf einem steinigen Weg nahm. Es gab kein Zurück und kein Später. Es war Schicksal auseinander zu gehen. Es war an der Zeit…

            Endlich löste sie sich aus Links Umarmung und stand auf. Sie kramte in ihrem Schrank nach einem Umhang und fand den alten, abgenutzten von Link, den sie sich mit einem Lächeln um die Schultern legte. Link glotzte nicht schlecht, teilweise betreten und blickte suchend nach einer Ausrede für seine erröteten Wangen in dem Gemach umher.

„Weißt du… die Sache hatte irgendwie auch etwas Gutes an sich“, sagte Zelda dann.

„Wie bitte?“ Und Link wollte sichergehen, sich nicht verhört zu haben. Was sollte schon gut an Zeldas blauem Auge sein, an ihren Tränen und an der Angst in ihren Augen?

Sie lächelte aus dem blassen Gesicht hervor: „Wir reden endlich wieder miteinander…“, meinte sie.

            Link sagte nichts, lächelte nur ein wenig und blickte Zelda besorgt in die Augen. Er sah etwas darin, eine Spur Dunkelheit, Graue, direkt auf dem Blau ihrer Augen. Etwas, das ihm Angst machte, nicht Angst vor Zelda, sondern Angst um sie… und dieser Schatten wurde immer dichter, nebulöser, als ob er nichts mehr zu Zeldas Seele gelangen lassen wollte.

            Dann klopfte es und Link sprang ebenso vom Bett auf. Impa kam herein und schaute sich Zeldas Wunden genau an. Die Prinzessin erzählte ihr dann alles im Schnelldurchlauf. Alle Ereignisse. Auch die Dinge, die mit dem Siegel geschahen. Restlos alles.

            „Gut. Dann mache ich Euch jetzt eine Mixtur, die die Verletzungen lindert, dann schließen wir die Risse im Siegel, verdoppeln dort die Wachen und dann…“ Impa sah zu Link und dann wieder zu Zelda. „… dann erhielt ich vorhin einen königlichen Befehl, der mich anweist dafür zu sorgen, dass Prinzessin Zelda mit ihrem treuen Freund Link das Fest genießt.“

Zeldas Mund klappte auf. „Das hat mein Vater gesagt?“ Impa wippte zufrieden mit dem Kopf auf und ab.

„Ich würde sagen, damit will er Link danken, dass er Euch half und seinen eigenen heimlichen Wunsch erfüllen.“

„Heimlicher Wunsch?“

„Der Wunsch, dass seine Tochter wieder lachen kann.“ Ein einzelne Träne tropfte von Zeldas Wange. Heute hatte sie wahrlich genug geweint…

„Danke Impa. Aber wie bekomme ich das blaue Auge weg?“

„Keine Sorge, ich habe da schon grandiose eine Idee.“

            Zelda versuchte zu lächeln. Zum Teufel mit Ganon. Wegen dem durfte man sich das Fest des Friedens nicht verderben lassen… Die Prinzessin drehte sich zu Link und nickte.

 
  Insgesamt waren schon 112726 Besucher (404581 Hits) hier!