Kapitel 62
 

Kapitel 62

 

 

 

 

Am frühen Nachmittag kamen Zelda und Link trübsinnig in der prachtvollen Stadt Kakariko an.

Aber die Schönheit des Ortes, denn die alte Stadt war geschmückt mit Blumen und Gebäck, Luftschlangen und hylianischen Zauberspäßen, die man auch jetzt noch aktivieren könnte, beschworen den beiden Heldengestalten kein Lächeln auf das Gesicht.

Denn, wenn Ganon über ihre Pläne wusste, wenn er tatsächlich nur mit ihren spielte und ganz genau erkannte, wie dringend sie ihren Hoffnungsfunken am Leben erhalten mussten, dann... gute Nacht und Ade schöne Welt.

            ,Aber vielleicht stimmte das auch gar nicht’, dachte Link. Hatte Preston andere nicht immer wieder zum Narren gehalten und versucht überall Zwietracht zusähen? Hatte er nicht ständig über die fiese Tour versucht, seine eigenen, falschen und niederträchtigen Bedürfnisse zu erfüllen?

Und was meinte er mit diesen Mächten in dem Inneren der beiden Auserwählten? Sicherlich, sowohl Zelda als auch Link selbst hatten magische, wirkungsvolle Fähigkeiten. Aber waren das denn nicht nur Überbleibsel aus einer anderen Epoche? Oder verbargen sich die geheiligten, machtvollen Fragmente, die Schlüssel zur Existenz in Hyrule, immer noch in ihnen beiden und hatten ihren Dienst in der alten Seele und nicht, so wie immer angenommen, im Elfenkörper?

            In ihre Gedanken versunken und schweigsam trampelten sie die Hauptstraße in Kakariko entlang, direkt auf dem gepflasterten Weg zu dem weiten, düsteren Friedhof, wo sich ein Hinweis für den Aufenthalt des nächsten Elixiers verbarg. Mühsam und schnaufend nahm Zelda die Karte von Hyrule aus Links brauner Gürteltasche und studierte die kleine Markierung, wo mit schwacher schwarzer Tinte ,Anhaltspunkt’ drüber stand.

„Das bedeutet, das Elixier des Schattens befindet sich an einem anderen Ort, nicht wahr?“, sagte Link nachdrücklich.

„Ja, aber ich vermute, dass dieses nicht allzu weit von Kakariko entfernt ist... wir haben doch das Recht auf ein wenig Glück, meinst du nicht?“, meinte sie zitternd.

Und Zelda schaute tief und forschend in seine anziehenden blauen Augen. Verliebt zog Link sie an sich, streichelte vor ihrem rechten Hylianerohr die honigblonden Haare beiseite, wollte ihre Hoffnung wieder stärken, wollte sie aufmuntern...

            „Ich mache mir solche Sorgen...“, sagte sie leise und drückte das Gesicht in seine robuste Leinentunika. „Was, wenn Ganondorf uns findet, bevor wir die Mission beendet haben...“, ergänzte sie schwach. Immer leiser wurden ihre Worte, belegt mit dem warmen Atem, den Link durch den grünen Tunikastoff fühlen konnte. „Und wenn Preston uns verrät?“, seufzte sie und hielt sich an ihrem Helden fest.

„Das wird er nicht“, sagte Link eindringlich und legte beide Hände auf die schwachrosa Wangen seiner Prinzessin. Er rang sich zu einem ermutigenden Lächeln, welches Hoffnung spendete, welches stärkte und Zeldas Überlebens- und Kämpferwillen forderte.

„Und wenn Ganon uns findet, dann bekommt er von mir ein paar auf sein hässliches Schweinemaul“, sagte er anspornend.

„Gut?“, meinte er, als Zeldas Augen leuchteten und halb in seinen versanken.

„Gut“, bestätigte sie nickend.

           

Ganondorf saß zu dem Zeitpunkt einmal wieder gelangweilt auf seinem selbsternannten Thron in der Kirche Schicksalshorts. Zermürbend rieb er seinen rechten Daumen gegen den naheliegenden Zeigefinger und wartete auf Berichterstattung irgendeines Idioten aus seiner Armee von noch größeren Idioten, die sich Moblins nannten. Denn vor wenigen Stunden hatte er ruckartig wahrgenommen, wie plötzlich Hunderte von Ihnen ausgelöscht wurden und das ohne Zutun irgendeines Helden...

Selbstherrlich schritt Ganondorf an eines der zerbröckelten Fenster und runzelte die Stirn.

In dem Augenblick trat ein kleiner pelzhäutiger Moblin mit schiefen Zähnen und einem beißenden Gestank in die Kathedrale ein. Neben den angefrorenen Fingern und den aufgerupften Beinen war es das Zittern, welches den Fürsten des Schreckens hellhörig werden ließ.

„Ja, was willst du, Ratte?“

„Sie sind alle tot“, sagte er piepsend und wich vor der sicherlich tobsüchtigen Reaktion seines Meisters zurück.

„Das weiß ich bereits, Dummkopf.“ Damit wand sich Ganondorf in die Richtung des kleinen Dämons und schnitt mit seinen teuflisch roten Augen durch die Luft. 

„Wie seid ihr umgekommen, rede gefälligst“, drohte er und schritt langsam und gefährlich auf den wehrlosen Dämonenknilch zu.

Schutz suchend blickte der Moblin in alle Ecken der in Dunkelheit gekleideten Kirche und dann schwankend zu seinem Herrn.

„Schneelawine“, brachte der Knilch babbelnd hervor.

„Und wie kommt es dann, dass du noch lebst, Würstchen?“, fauchte der Teufel, ohne auf diese Frage eine Antwort zu erwarten, und ließ sich deprimiert in seinen Thron zurücksinken.

            Ungläubig stand der kleine Dämonenwinzling vor dem Eingangstor und blickte verwundert zu seinem Herrn. Er hatte mit einer Strafe gerechnet, so wie es Gang und Gebe war, aber der Gebieter über Dämonenunrat hatte anscheinend heute andere Absichten.

„Was ist denn noch?“, wetterte Ganons kraftvolle Stimme umher. Damit hüpfte der Moblin schnell und flüchtend durch einen Seiteneingang und ließ einen angewiderten Ganondorf zurück.

 

Derweil erreichten eine trübsinnige Zelda und ihr Heroe den alten, riesigen Friedhof in Kakariko, wo schon seit vielen Hundert Jahren die verstorbenen Leiber des Volkes ruhten. Eine riesige Grabanlage stand vor ihnen, Hunderte zerfallene Gräber, tiefe Grüfte, monumentale Mausoleen und mit altem Gras bewachsene Totenhügel. Hylianer aus jeder Gesellschaftsschicht ruhten hier, egal ob Kriegsgefallene, frühzeitig gestorbene Kinder, oder auch die Opfer der Pest...

Und jeder kleine, aufgestreute Kiesweg, welcher den Weg zu allen Gedenkstätten ermöglichte, führte in letzter Instanz doch nur zu der steinernen, dunklen Totenhalle in der Mitte des gigantischen Friedhofs.

„Wir sollten uns vielleicht kurz in der kleinen Friedhofshalle umschauen. Möglicherweise findet wir dort einen Hinweis auf den Verbleib des Elixiers der Schatten...“, meinte Link gedämpft und blickte gleichzeitig sorgenvoll in die grauen Wolken, die tief über dem Gräberanlage hingen.

„Ja... wie du meinst“, entgegnete Zelda und war mit ihren Gedanken an einem völlig anderen Ort. Noch immer dachte sie über Prestons Worte nach, grübelte darüber nach, welche Möglichkeiten und Wege sich aufgetan hätten, wenn sie beide dem Kerl doch eine Chance gegeben und ihm geholfen hätten.

            Einzelne Tropfen fielen vom grauen Himmelszelt herab, sammelten sich in den alten Gräsern und auf den kiesigen Wegen. 

Schweigsam stapften die Jugendlichen zwischen Gräbern und Totenhügeln hindurch, lasen ab und an die eingemeißelten Schriftzüge auf den Gedenktafeln, fanden aber auch Grabsteine vor, die nicht einen Schriftzug hatten...

„Nanu?“, meinte Link neugierig, noch immer bemüht seine Prinzessin abzulenken. „Gibt es einen Grund, warum diese Gräber keine Gedenkworte besitzen?“ Aber Zelda zuckte mit den Schultern, obwohl sie die Antwort wusste.

            Sicherlich, sie verstand ihren Helden in der Hinsicht, dass er sie ablenken wollte, aber im Augenblick war ihr jegliche Nähe und jegliches aufmunternde Wort zu viel...

Sie blieb nachdenklich stehen und löste ihre Hand aus der warmen Links. Betrübt, denn man konnte es in seinen tiefblauen Augen sehen, wand sich Link zu ihr, aber sie blickte zu dem teilweise nassen Boden.

„Zelda?“ Er wollte sie wenigstens umarmen und sie um Antwort bitten, aber sie schloss die Augen und rieb sich nur über die Stirn. Nachdenklich, als wollte sie einem alten, tiefen Geheimnis auf die Spur kommen. Sie ließ den Kopf hängen und murmelte leise: „Wir hätten länger im Haus der Götter bleiben sollen...“ Sie machte eine kleine Pause. „Wenn ich daran denke, dass wir vielleicht nur noch diese wenigen Tage zusammen haben... wenn Ganondorf uns findet... wenn er...“ Und Link schwieg, bedacht ihren Worten aufrichtig zu folgen.

„Ich will...“ Mit tränenden Augen blickte sie auf und hatte ihre Hände zu Fäusten geballt. „Ich will... dich einfach nicht wieder... verlieren...“, endete sie und wischte sich die salzige Flüssigkeit aus den Augenwinkeln. Traurig und aufrichtig blickte Link ihr entgegen und ließ sich vor ihr auf ein Knie sinken. Mit geschlossenen Augen nahm er ihre rechte Hand und führte diese an seine Lippen heran und dann streichelnd zu einer Wange.

            Währenddessen ergoss sich der Himmel immer wütender über ihnen und ein Blitz zuckte warnend über die dichten Laubkronen der alten Bäume hier und da, welche seit Jahrhunderten tief in der hylianischen Erde wurzelten.

            Link küsste ihre rechte Hand erneut, bis sich Zelda zu ihm auf das klatschnasse Gras sinken ließ. Unhaltbar drängte sich eine plötzliche Leidenschaft in ihnen beiden auf und sie küssten sich sehnsüchtig. Alles um sie herum wurde unwichtig, während der kühle Regen sich auf ihren Kleidern wiederfand und an ihren blonden Haaren hinabsegelte. 

Donner grollte über ihnen, aber sein gefahrvolles Rauschen, der Stoßatem der Götter, den er prophezeite, war so belanglos in jenem Moment.

„Ich verspreche dir... Zelda... ich verspreche dir, dass...“ Aber sie unterbrach ihn mit einem fordernden Kuss, während eiskalter Regen niederging. Fest und Wärme suchend zog sie ihren Helden an sich und lauschte seinen einprägsamen Worten.

„Wir haben noch Zeit... und wir werden es schaffen... Wir können jetzt doch nicht aufgeben, mein Engel... In jeder Legende, in jeder Generation, wenn das Böse sich zeigte und die Helden Hyrules erwachten, in jeder Epoche... immer stand der Sieg auf der Seite des Guten. Wir werden siegen... wir siegen...“ Er endete leise, bedacht, die richtigen Worte gewählt zu haben. „Ich liebe dich, Zelda... ich werde dich nie wieder alleine lassen...“

„Nie wieder?“, wimmerte sie halb.

„Nie mehr wieder... Aber jetzt müssen wir weiter. Wir müssen jetzt durchhalten und kämpfen. Nur wir können das Böse in seine Schranken weisen...“

„Ich weiß...“, sagte sie und wischte sich die plötzlichen Verzweiflungstränen aus dem Gesicht. „Entschuldige...“

„Nein. Du brauchst dich für nichts entschuldigen, Zelda.“ Link löste sich ein wenig von ihr, berührte mit seiner Nasenspitze spielerisch die ihrige und lehnte seine Stirn gegen ihre. „Mein kleiner Jammerlappen...“, murmelte er aufheiternd. Und Zelda schmunzelte leicht, obwohl sie weinte, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, sich nicht wieder so leicht zum Lachen bringen zu lassen. Aber es war anscheinend eine besondere Gabe ihres Helden, die er bezaubernd gut beherrschte.

„Mein süßer, kleiner Jammerlappen...“, wiederholte er und blickte direkt und aufheiternd in ihre schönen, blauen Augen.

„Du Idiot...“, sagte sie unter ihren Tränen und ärgerte sich heimlich, dass es für Link so einfach war, sie aufzuheitern. „Ist dir eigentlich klar, wie... toll du bist.“

Er grinste und zog seine Zelda mit den patschnassen Klamotten an sich heran. „Ich weiß ganz genau, wie toll ich bin...“ Sie lachte durch ihre Tränen hindurch, sie lachte und fühlte sich wieder ermutigt genug, den Weg fortzusetzen.

 

Als sie sich durchgeweicht in der Friedhofskapelle befanden, war die Trübsinnigkeit von vorhin passe und der junge Held stellte erneut die Frage von vorhin.

„Also, mein Schatz, warum hatten einige Gräber keine Aufschriften?“ Währenddessen kramte er in einem kleinen Regal herum, welches versteckt in einer kleinen Ecke stand. Zelda schnüffelte in dem Augenblick in einem Bücherregal herum.

„Räuber sowie Geächtete hatten nicht gerade das Recht auf Gnade, selbst nach dem Tode nicht... und daher verdienten sie nicht, dass ihr Name auf dem Grabstein steht“, meinte sie und blies den Staub von einem sehr großen, aber überraschend leichten Buch. Sie nieste herzlich, als der zentimeterdicke Staub ihre empfindliche Hylianernase kitzelte.

            Link sah mit großen Augen auf. „Was? War Harkenias Herrschaft denn so grausam?“, sagte er überrascht. Aber Zelda blickte sanftmütig zu ihm. Sie schüttelte den Kopf und widmete sich erneut dem sehr leichten Buch. „Nein, selbstverständlich nicht. Wir lebten in einem sehr fortschrittlichen Hyrule... dem gerechtesten Königreich unter der Sonne...“ Link lächelte und kramte in einem kleinen Fach herum, wo neben Scheren, alles mögliche für die Näharbeit zu finden war. Nadeln in jeder Größe, Wolle, Garn und andere Materialien...

„Zu deiner Familie, Zelda, gehörte damals noch jemand außer deinem Vater?“ Etwas, worüber sich Link zum Ärger seiner selbst noch nie Gedanken gemacht hatte. Eigentlich wusste er noch überhaupt nichts über das Leben, welches Zelda damals geführt hatte, wusste nichts über ihre damaligen Vorlieben, ihre Sehnsüchte, ihre Freunde...

            Betrübt schüttelte sie den Kopf. Sich selbst am liebsten eine Ohrfeige geben wollend, weil er seine hübsche Zelda schon wieder zum Traurigsein verführte, kramte er in einer hohen Truhe herum. Plötzlich spürte er Zeldas warmen, zarten Hände auf seinen Schultern.

„Du kannst mir ruhig ein paar Fragen stellen... über unsere Vergangenheit. Wenn du es wünschst, ich erzähle es dir gerne...“

Verliebt mit jeder einzelnen Faser seines Herzens küsste er sie und sagte leise: „Was mich wirklich interessiert, ist...“ Er brach ab. Vielleicht teilweise aus Scham.

„Ja?“

„Hätten wir uns damals... lieben dürfen?“, sagte er und suchte die aufrichtige Antwort in Zeldas Augen, die er aber nicht finden konnte. Zelda nahm ihn bei der Hand und sie setzten sich zusammen auf eine Holzbank, während sie das leichte, merkwürdige Buch auf ihrem Schoß liegen hatte.

„Ich möchte es dir erklären...“ Und sie schickte ihm ein wahnsinnigmachendes Lächeln entgegen. 

„Mein Vater hat dich damals schon aufrichtig und ehrenhaft respektiert, Link. Wenn es nach ihm gegangen wären, so hätte er dich gerne als einen Sohn betrachtet, aber als...“

„... als Geliebter der Prinzessin?“, sagte er für sie.

„... wohl nicht. Die alten Gesetzen haben dieses Verbot erstellt, nicht mein Vater oder ich...“ Grüblerisch sah Link drein und seine tiefblauen Augen wanderten zu den kristallblauen Zeldas.

„Und hätte es denn da keine Möglichkeit gegeben, diese Gesetzte außer Kraft treten zu lassen?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Wohl nicht... nicht einmal deine Heldentaten hätten ausgereicht...“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich nun mal... die Prinzessin Hyrules gewesen bin und in gewisser Weise bin ich sie das ja noch...“ Er legte aufheiternd einen Arm um ihre Schultern.

„Aber es gibt doch immer einen Weg. Und ich hätte bestimmt bekommen, was ich wollte“, sagte der Held. „Und ich wollte dich...“ Sie lächelte tiefgehend.

„Du gibst nicht auf, was?“

„Und ich habe damals bestimmt nicht aufgegeben.“ Er machte eine kurze, notwendige Pause.

            „Aber ich glaube, dein Vater weiß es...“ Überrascht blickte Zelda auf.

„Nein“, sagte sie laut. „Mein Vater kann nicht gewusst haben, wie ich für dich empfinde oder wie du für mich empfindest.“ Link streichelte verspielt über ihre wunderbaren Hände.

„Du irrst dich. Als ich ihm in Irland begegnet bin, da hat er bereits Andeutungen gemacht, obwohl wir noch nicht einmal zusammen waren, obwohl er dich auf der Erde noch nicht getroffen hatte und obwohl ich nicht der bin, der ich damals war.“ Zeldas rosaroter Mund öffnete sich einen schmalen Spalt, als suchte sie nach den richtigen Worten.

„Das kann aber doch nicht sein... wenn er es weiß und wusste, wieso...“ Sie brach ab. Das ergab alles keinen Sinn für sie. Oder war das vielleicht gerade der Grund, dass ihr Vater es gerne sah, wenn Link sie besuchte, oder wenn sie zusammen in die Stadt gingen? Hatte er damals mehr gesehen als sie beide? Denn sie entschieden sich in der Vergangenheit immer für das Schweigen, wenn es um gegenseitige Gefühle ging...

            „Zelda?“ Und Link brachte sie aus ihren Überlegungen, indem er sie kurz an der rechten Augenbraue liebkoste.

„Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann würde dieses Wissen einige seiner Handlungen erklären, einige seiner Entscheidungen aus einem neuen Licht rechtfertigen...“

„Und dein Vater hätte damals Recht gehabt mit uns beiden... nicht wahr?“ Sie schenkte ihm einen herrlichen Blick, der in Link jede Körperzelle in Bewegung setzte.

„Du machst mich wahnsinnig mit deinem süßen Lächeln, weißt du das?“, sagte er und küsste sie verspielt auf ihrer seidigen Wange, wanderte zärtlich hinab zu ihrem Hals.

„Du mich mit deinen Liebkosungen umso mehr...“

            Doch in dem Moment wurden sie beide von zwei dreist dreinblickenden grünen Augen unterbrochen, die aus einem kleinen Mädchengesicht vor ihnen herausragten. Eine ziemlich vorlaute Göre blickte herausfordernd und teilweise überrascht drein.

„Nanu? Habt ihr beide endlich mal was gegen eure selbstverschuldete Frustration getan?“, sagte sie mit ihrer piepsigen Kinderstimme.

„Hallo Navi“, sagte Link gelangweilt und rückte sofort einige Zentimeter von seiner Angebeteten fort, um nicht rot um die Nasenspitze zu werden. Aber die einstige Fee grinste.

„Und ich dachte schon, das wird nichts mehr mit euch beiden. Ist euch eigentlich klar, wie oft ich versucht habe, euch zusammenzubringen? Vor allem während des Zeitkriegs und nun sitzt ihr hier und beknabbert euch.“ Doch die beiden Hylianer blickten nur verlegen zu Boden und wussten nicht, was sie sagen sollten. Sie gab Link eine kleine Kopfnuss und fuhr fast beleidigt fort.

„Na sag’ schon, wer von euch beiden hat den ersten Schritt gemacht, du verlegener Möchtegernheld ja bestimmt nicht, oder?“

„Doch Navi“, schimpfte Link und protzte gleichzeitig. „Ich war das!“ Angeberisch und stolz auf seine Handlung zog er die Nase nach oben.

„Tatsächlich? Das erste Sinnvolle, was du in deinem achtzehnjährigen Leben getan hast“, neckte sie und wanderte mit ihren giftgrünen Augen zu Zelda, die nur schamhaft wegblickte.

„Hey, Zeldalein, er ist gut in allen möglichen Dingen, nicht wahr?“ Doch so rot, wie die beiden Verliebten nun wurden, hatte man das Gefühl sie hätten sich beim Sonnenbaden in der Zeit vertan und ihre Haut angesengt.

„Ach nun seid doch nicht so schüchtern, wurde ja langsam Zeit, dass ihr mal richtig über einander herfallt. Selbst die Liebesgöttin konnte euren Ausweichmanövern und Zankereien nicht mehr zu sehen“, sagte sie belustigt und begann hin und her zu tänzeln, sodass ihre zwei blonden Zöpfe in der Luft pendelten. 

            „Kannst du endlich mal den Schnabel halten, Navi!“, knurrte Link wütend.

Doch die einstige Fee wanderte grinsend zu Zelda und meinte: „Warum sollte ich?“, neckte sie und nahm das Buch in die keinen Kinderhände, welches gerade noch auf Zeldas Schoß ruhte. „Das ist ein interessantes Buch, und so leicht, was?“, sagte Navi belustigt und schlug das Buch in der Mitte auf, hatte genau die Seite aufgeschlagen, die sie haben wollte und hielt die Schrift der weisen Prinzessin Hyrules unter die Nase.

„Was ist das?“, meinte Zelda und besah sich eine kleine Abbildung eines sehr hohen mit den eigentümlichsten und unbekanntesten Schriftzeichen versehenen Grabes.

„Euer Hinweis“, sagte Navi frech und tänzelte wieder um die Holzbank herum, während Link und Zelda verwundert die Abbildung studierten.

„Heißt das, dies ist der Hinweis auf den Verbleib des nächsten Elixiers?“ 

„Ganz genau! Du bist ja doch schlauer als ich dachte, Linky.“ Und sie gab ihm schon wieder einen harten Klaps auf den Kopf. Aber noch ehe Link die kleine Nervensäge zu fassen bekam, war sie schon außer Reichweite. „Fang’ lieber deine Prinzessin anstatt mich!“, lachte sie.

            Zelda las währenddessen die Erklärungen zu dem hohen Grabstein durch, der, wie es in dem Textabschnitt hieß, eine alte Gruft verborgen hütete und in einem gefährlichen Labyrinth zu finden wäre. Na prima, dachte Zelda. Ein großes, schwieriges Stück Arbeit wartete auf sie und ihren Helden...

            Sorgsam las die Prinzessin der Hylianer die Schrift durch, als sie kurz aufblickte und der erwachsene Held der Zeit aufgebracht hinter der kleinen Navi herstürmte. So hitzköpfig und leicht auf die Palme zu bringen, wie er im Augenblick war, würde sie sicherlich nicht auf den Dreh kommen, diesen verrückten, aber lieben Hylianer als den einstigen, scharfsinnigen Helden der Zeit zu bezeichnen...

„Du hinterhältige Fee“, schimpfte er, während er hinter dem wehrlosen Kind her rannte und dieses ihm bloß die Zunge herausstreckte und kicherte. Es dauerte nicht lange und Link hatte seine einstige Begleiterin eingeholt. Erbost platzierte er sie auf der Holzbank neben Zelda und hielt sie an den kindlichen Armen fest.

„Du solltest dich entschuldigen, du freche Glühbirne“, murrte er.

„Wofür?“

„Für das letzte, was du gesagt hast!“

„Und was habe ich denn über meine Lippen gleiten lassen? Meinst du das, was Zelda glücklicherweise nicht gehört hat?“ Geräuschvoll einatmend schürte sich eine unermessliche Empörung in Links tiefblauen Augen. „Jep, genau das!“

            Aber Navi grinste wie eine Speckschwarte zu der unwissenden Prinzessin herüber. „Soll ich dir verraten, was die größte Peinlichkeit des Helden der Zeit in seinem früheren Leben gewesen ist?“

„Gibt es denn etwas noch Peinlicheres, als das, was Shiek gesehen und erfahren hat?“, sagte Zelda tückisch und sie brachte Link nun ebenfalls auf die Palme. Und plötzlich lachte Navi so laut auf, dass sie sich ihre kleinen, klumpigen Kinderhände an den Wanst halten musste.

„Das Peinlichste, was Shiek nicht einmal wusste, war, dass ich den armen einstigen Kokiri mit seinen achtzehn Jahren aufklären musste.“ Rotwerdend drehte sich Zelda zu Link, der nur gedemütigt zu seinen Stiefeln glotzte.

„Angefangen hatte alles damit, dass der arme, unwissende Held mich fragte, warum die eine Frau so einen dicken Bauch hatte. Und als ich ihm erklärte, was sich in dem dicken Bauch befindet, hat er mich nur gefragt, wie denn ein Kind überhaupt dahinein schlüpfen kann.“ Link schluckte heftig die Spucke in seinem Hals herunter und schüttelte bloß den Kopf. Himmel, war das peinlich für ihn. Nicht einmal aufgeklärt war der arme einstige Kokiri, als er den Wald verließ. Dass er so wenig wusste, hätte er nun wahrlich nicht vermutet...

            Munter erzählte Navi weiter: „Und als ich ihm dann abstrakt erklärt habe, wie das ganze denn überhaupt funktioniert, da hat Link mich doch glatt gefragt, ob man so was mal irgendwie beobachten könnte, weil er wissen wollte, wie genau das funktioniert, und ob Zelda denn einwilligen würde, so etwas mal mit ihm auszuprobieren, nur weil er keinen blassen Dunst davon hatte, dass an so etwas viel mehr geknüpft war, als bloß eine Erfahrung! Bei den Drei Göttinnen, hab’ ich gelacht.“

            Zelda hielt sich nur schockiert eine Hand vor den Mund und stellte sich diese Szene peinlich genau im Damals vor... Was hätte sie denn gesagt, wenn der arme, unwissende Held der Zeit sie um solch einen Gefallen gebeten hätte? Sie konnte ihm ja nicht einmal böse sein, weil er absolut unwissend war...

Grinsend wand sie sich zu Link, der bei einem genauen Blick schon halb im mit Holzplatten belegten Boden versunken schien. ,Der Ärmste, dachte Zelda, hat keine Ahnung von den Tücken seiner früheren Persönlichkeit...’

            „Und wenn ich nicht gesagt hätte, dass man jemanden schon lieben und heiraten sollte, um so etwas zu tun, da wären noch größere Peinlichkeiten passiert. Er hat mich nur ungläubig gemustert und gemeint: ,Ist das so schlimm oder warum heiraten die Hylianer denn extra dazu?’“ Navi lachte nicht schlecht und Link schüttelte bloß den schamroten Kopf. Auch Zeldas grinste und begann heftig mitzulachen. Denn allein die Tatsache, dass es etwas Peinlicheres gab, als die kleinen Missgeschicke, die Shiek beobachtet hatte, war einfach nur zum Grölen.

            „Habt Ihr zwei euch endlich über mich ausgelacht?“, sagte Link bitter, lehnte sich eingeschnappt an eine Wand und verschränkte die Arme. „Haha...“, sagte Link trocken und fühlte sich mehr als gedemütigt.

„Also, du Nervensäge, warum bist du nun hier? Nur wegen dem Hinweis für das nächste Elixier oder gibt’s noch einen anderen Grund?“

„Warum bist du denn so unfreundlich zu mir?“, meinte Navi und hüpfte frohlockend, sich im Übrigen der Gefahr eines beleidigten Links nicht bewusst, zu dem unwissenden Helden hinüber. „Hast du mit Zelda noch was Unanständiges vor, weil du mich rausschmeißen willst?“ Link schien zum wütenden Stier zu mutieren.

Zornkochend entkam seinem Mund ein lautes: „Navi!“

Doch sie kicherte bloß. „Is ja schon gut. Genug mit diesem Thema“, meinte sie und zog ihren rosa Mund in die Breite. „Ich bin hier wegen Klein- Link. Eigentlich sollte ich euch etwas von ihm ausrichten, aber das hat sich, denke ich, erledigt, weil er euch beide eher gefunden hat als ich.“

            Zelda hüpfte auf die Beine und lief in kurzen eleganten Schritten näher. „Ich möchte dennoch wissen, was du uns von ihm ausrichten solltest.“ Die einstige Fee grinste nun nicht mehr so hämisch und herausfordernd, sondern hatte eine Spur Sanftheit in ihren giftgrünen Augen. „Er hat euch beide lieb, das sollte ich euch sagen.“

            Doch gerade das brachte Verwirrung unter die beiden Hylianer, die sich daraufhin nur verwundert anblickten. „Vielleicht sieht er euch beide trotzdem als Eltern an, wenn auch auf eine andere Art und Weise“, sprach Navi, nun außerordentlich ruhig und ernst. Kein Funken der Dreistigkeit von wenigen Minuten ließ sie durchschimmern.

„Und nun solltet ihr euch wieder auf den Weg machen. Die Zeit hält nicht wegen euch beiden an...“ Link nickte und kniete daraufhin nieder. Sachte und doch bemüht, Navi festzuhalten umschloss er ihre kleinen Mädchenarme.

            „Navi?“

„Ja, warum bist du denn auf einmal so ernst?“

„Ich möchte, dass du dich entscheidest“, sagte er knapp, blickte durchdringend in ihre leuchtenden Feenaugen und sah darin das Wissen um seine Worte. Navi hatte klar verstanden, was seine nachdrücklichen Standpauken im Sinn hatten.

Sie wich trotzig zurück. Ihr kindlicher Kopf wackelte starrköpfig hin und her. „Nein!“, sagte sie stur. Und auch Zelda ließ sich auf die Knie sinken und blickte Navi eindringlich an.

„Die Götter haben es euch erzählt, was?“, sagte sie trotzig und voller Unvernunft.

Verständnis begegnete der einstigen Fee in Gestalt der schönen Prinzessin Hyrules. „Navi, du kannst nicht ewig zwischen zwei unterschiedlichen Welten hin und her schaukeln. Auch du brauchst ein Heim, einen Halt, Freunde und Liebende... dein Seelengleichgewicht zerbirst eines Tages an deiner Sturheit...“

„Gerade du musst mir das sagen, Prinzessin Zelda. Du bist doch auch in Hyrule geblieben! Ich will mein Wissen nicht hergeben, ich will nicht wiedergeboren werden.“

„Aber entgegen deines Unvermögens endlich eine Entscheidung zu treffen, hatte ich mich für Hyrule entschieden und du wandelst zwischen den Welten hin und her, wie ein Tänzer zwischen dem Höllenfeuer und den reinen Himmelswolken.“ Zelda rutschte näher: „Deshalb triff’ endlich eine Entscheidung... für dein Herz und deinen Seelenfrieden.“

Auch Link mischte sich wieder ein. „Bitte Navi...“

Sie schüttelte trotzig wie eh und je den Kopf und löste sich verärgert in einen Regen aus feinen Lichtfunken auf...

 
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