Kapitel 66
 
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Kapitel 66

 

 

 

 

Hinter grünen Hügeln, dort, wo die Berge steiler und höher und die Schluchten tiefer wurden, saßen zwei junge Hylianer schweigsam vor einem kleinen Feuer. Ein Metallkessel war auf dem Feuer gestapelt und eine Kräutersuppe blubberte darin.

Heißer, duftender Dampf stieg aus dem Kessel hervor. Von ihrer Suppenschale schlürfend saß Zelda auf Links Schoß, hatte sich angelehnt und schaute kummervoll zu den bleigrauen Regenwolken am nördlichen Horizont.

In dem Augenblick setzte der junge Mann seine eigene Schale neben sich, bohrte seinen Kopf in ihre Schulter und seufzte. „Du hast Sorgen...“

„Sollte ich nicht?“, flüsterte sie traurig und wand ihr bezauberndes Antlitz ihm zu.

„Nein...“, murmelte er und küsste sie auf die Stirn, wünschte sich er könnte das Gefühl der Sorge um die Welt in ihr löschen. „Nicht so lange, ich dich festhalte...“

Sie lächelte eindringlicher und gab ihm die Geste seines Kusses zurück, schenkte ihm die Liebe, welche damit verbunden war. Schließlich stand sie auf und wühlte knisternd in ihren Taschen herum.

„Was tust du?“, meinte er und hüpfte von dem Felsen, auf welchem er saß.

„Ich möchte dir etwas zeigen.“ Sie kramte die vielen bunten Steinchen hervor und auch die bunten Elixierfläschchen. „In Kakariko habe ich des Nachts einen weiteren grünen Stein gefunden. In einer einfachen Schatulle.“

„Toll!“, meinte der junge Held und folgte dem Blick seiner Zelda.

            Ein großer roter Stein, zwei blaue und vier grüne lagen nun vor ihren zwei Nasen. Und die Elixiere der Weisen waren beinahe vollständig. Lediglich das feuerrote Elixier für Darunia fehlte noch in der Sammlung...

            Die Prinzessin nahm gedankenvoll die drei blauen Steinchen in ihre Hände achtete darauf nicht ohne weiteres Links Gedanken zu lesen und fügte sie stückchenweise zusammen. Link staunte nicht schlecht und grinste.

„Was ist das nun? Beinahe eine Pyramide?“

Zelda sah grüblerisch auf. „Ja, aber ich verstehe nicht den Sinn dahinter.“

Verwundert nahm Link den großen, meerblauen Stein in seine Hände, betrachtete ihn von jeder Seite und war sich ziemlich sicher, dass von jenem Stein fast alle Einzelteile beisammen waren. Neugierig puzzelte er auch die anderen, grünen Steine zusammen, die ein großes, pyramidenartiges Gebilde ergaben.

            „Hier sind alle Teile beisammen... eine exakte Pyramide. Bleibt nur noch die Frage nach der Bewandtnis und dem letzten kleinen roten Steinchen, welches logischerweise noch für die rote Pyramide fehlen müsste.“

„Es könnten auch zwei rote Steinchen sein“, erwiderte Zelda und löschte das Feuer. Ein hitziger, rauchiger Strahl stieg von den glühenden Holzspänen.

            Sie spähte in die schwindelerregende Höhe der gigantischen Todesberge, konnte sich nicht genau erinnern, wann sie das letzte Mal die Berge bestiegen hatte. Und sie wusste nicht mehr genau, welchen Weg sie damals befürwortet hatte. Sie erinnerte sich an einen großen Handelsweg, den Goronen mit ihren riesigen Karren für den Transport der schmackhaften Dodongofelsen verwendeten, aber sie wusste auch, dass jener Weg viele, viele irrsinnige Umwege nahm und Zeit kosen würde. Außerdem führte die breite Handelsstraße über einige, gefährliche Schluchten, die die Prinzessin lieber meiden würde. 

„Wir sollten aufbrechen, Zelda...“ Und Link trat leise an sie heran, drückte sie an sich.

„Ja...“, murmelte sie und starrte an den düsteren, grauen Horizont, wo ein kleiner, schwarzer Punkt seine Runden drehte.

„Link!“, sagte sie freudig. „Siehst du das, dort oben?“ Mit einem glücklichen Funken in den Augen richtete Zelda ihre Aufmerksamkeit vollkommen an den kleinen Punkt am grauen Himmelszelt.

            „Jep. Was mag das sein?“ Link schärfte seinen Blick und deutete den Punkt als ziemlich gigantischen König der Lüfte.

„Das ist ein Adler“, meinte sie. „Und damals, in der Vergangenheit, des zweiten Zeitpfades, besuchte er mich häufig.“

Mit Freudentränen in den saphirblauen Augen erkannte Zelda den stolzen Freund, den sie damals hatte. Wie oft hatte jener Adler sie besucht, dann, wenn sie an ihrem Schreibtisch saß und das kleine Spitzbogenfenster in ihrem Schlossflügel offen stand.

Er hatte sie aufgeheitert, dann, wenn Link nicht da war und die Pflichten des Schlosslebens unerträglich an ihr nagten. Der Adler ohne Namen... so hatte sie ihn manchmal genannt. In der Tat ein sehr eigenwilliges, und seltsames Geschöpf. Das seltsamste war wohl sein schwarzes Gewand, die dunklen Federn, die er ab und an in ihrem Gemach hinterlassen hatte...

„Ich habe mir so oft gewünscht, ein solches, prächtiges Tier zu sein...“, gestand sie. „Dort oben in der Freiheit... wo man Hyrule und jeden Winkel davon erblicken könnte. Es war... mein größter Kinderwunsch.“ Sie drehte sich langsam um und drückte ihren Kopf an seine feste Brust, während er ihren zierlichen Rücken streichelte.

„Genau deshalb... liebe ich dich. Für deine Wünsche... für deine Friedensliebe“, meinte er gedämpft und suchte ihre zarten Lippen, schwelgte in geheimen Zuflüchten, als seine Lippen ihre trafen. Sie waren so sanft und bei jedem einzelnen Kuss überraschte ihn dies von neuem. Sie küsste immer sehr leidenschaftlich und doch behutsam, sodass sich Link manchmal fragte, ob er ein wenig zu grob war.

Aber was erwartete er denn von sich selbst? Er hatte so lange darauf gewartet, dass sie einander auf diese Weise berührten und liebkosten. Er hatte so viel riskiert und aufgegeben, nur um Zelda so innig in seinen Armen halten zu können. Entschuldigte seine Ungeduld nicht etwa seine leichte Grobheit?

            „Ähm... Schatz...“, säuselte er, während des Kusses.

„Mmh...“, erwiderte sie, halb ertrunken in dem wahnsinnigen Gefühl eines leidenschaftlichen Kusses.

„Bin ich... zu unsanft?“, sagte er behutsam und wich nur wenige Zentimeter von ihr weg. Aber sie schmunzelte irritiert und schaute beinahe belustigt in seine tiefblauen Augen.

„Was?“

„Ich meine... bin ich zu...“ Aber sie schüttelte mit dem Kopf und drückte ihren Mund wieder auf seinen. „Du Dummerchen... ich will das genauso, wie es ist... und nicht anders...“, sagte sie.

Beruhigt fuhr er fort und ließ seine Zunge in ihren Mund wandern, erkundete die Stellen, die er nun schon Hunderte Male fühlen durfte und doch war jeder Kuss neu und magischer als ein anderer zuvor.

            In dem Augenblick hörten die beiden Spitzohren ein raunendes, pfeifendes Geräusch begleitet von leisen Federschwingen. Verwundert schauten sie beide zu dem Entstehungsort des Tones und da saß mit seinem glänzenden, schwarzen Gefieder ein großer, schöner Adler auf einem Felsgestein und musizierte den beiden etwas vor, schien sogar leicht verärgert, als wollte er sie mit seiner kräftigen Adlerstimme belehren.

Grinsend streckte Link seinen Schwertarm aus, zeigte Vertrauen und lud den Adler ein, es sich auf seinem Bogenhandschuh bequem zu machen. Sofort verstand das schöne Tier die Geste und flog mit einer schnellen Bewegung auf den ausgebreiteten Arm des Heroen.

„Wie schön er doch ist“, sagte Link und er bestaunte das Tier weiterhin von allen Seiten. Zelda begann lächelnd den weichen Hals des Raubvogels zu kraulen und lachte, als er einen zirpenden Laut ausstieß, wohl weil ihm diese Aufmerksamkeit gefiel.

„Wenn wir irgendwann als Tiere wiedergeboren werden sollten, dann möchte ich auch ein Adler sein“, sagte der Held und sah gespannt in die hellgoldenen Augen des schönen Tieres. Jenes breitete seine Schwingen, stieß sich kräftig ab und glitt langsam wie auf magischen Schwingen hinauf in den weiten Horizont. 

            Das junge, hylianische Pärchen bestaunte noch lange die grenzenlose Freiheit, welches ein solches Geschöpf des Lebens von Geburt an besaß, bis es Zeit wurde, den Weg fortzusetzen.

 

Sie schlugen einen abseits gelegenen Pfad ein, der von vielen nur als Schleichweg bekannt war. Und doch schien jener Weg sicherer als die große Handelsstraße, die der Meister des Bösen vermutlich durch Moblingesocks und seine Dämonenscharen unter Kontrolle gebracht hatte.

Stundenlang marschierten sie auf einem anstrengenden Weg hinauf, hatten den riesigen Todeskrater immer wieder als Ziel vor sich, auch wenn jener Pfad noch beschwerlicher sein würde als bisher.

            Sie überquerten eine kleine Schlucht, die so tief sein musste wie jene vor dem toten Land. Mittels Seilen knüpften sie den Weg über abgetragenes Felsengestein, wo der Weg entlang einer kantigen Felswand ab und an fehlte...

            Sie erreichten schnaubend eine kleine Quelle, bedienten sich von dem Wasser. Link packte in dem Moment ein solches Durstgefühl, dass er eine ganze Flasche Wasser mit einmal leerte...

            Der Weg führte sie weiter, vorbei an einer kleinen Goronenmiene, wo man Rubine finden konnte, durch einen Wald mit dichtem Nadelgehölz, bis sie schließlich Tausende Steintreppen, die die Steinfresser vor Jahrhunderten in die Erde gerammt haben musste, hinauftrampelten.

            „Warte, Link. Können wir nicht eine Pause machen?“, sagte Zelda, griff sich unter ihre rechte Brust und fühlte neben ihrer flachen Atmung die Schmerzen wieder zunehmen. 

„Zelda, du weißt, wir haben einfach keine Zeit...“

„Ja, ich weiß...“ Sie schnaubte. Ohne weiteres schnallte der Held den Schild der Götter vom Rücken und ließ ihn in einer magischen Tasche verschwinden.

Link stand mit dem Rücken zu seiner Liebsten, griff unter ihre Knieskehlen und Zelda landete auf seinem Rücken. Link nahm sie einfach Huckepack. Völlig perplex ließ die Prinzessin die Sache über sich ergehen.

„Halt’ dich fest“, forderte er sie auf.

„Ähm... okay.“ Sie legte ihre zarten Arme fest um seinen Hals.

„Du musst das nicht tun, Link“, sagte sie reuevoll und konnte aufgrund der Edelmütigkeit ihres Helden wieder nur sanft lächeln.

„Ich weiß.“

„Das ist wirklich sehr lieb von dir.“ Er blieb plötzlich stehen.

„Ich kann noch weitaus lieber sein...“ Sie schmunzelte daraufhin und kniff ihn mit den Zähnen ganz sanft in das linke Ohrläppchen. „Das möchte ich doch gehofft haben...“, murmelte sie.

Grinsend lief er weiter.

„Danke, mein Held“, sagte Zelda leise. Ihre Wunde brannte wohl ein wenig, doch auch diesmal behielt sie den Schmerz für sich und wollte ihren Liebsten damit nicht belasten.

            „Wir haben bald die Hälfte des Weges geschafft. Dort suchen wir uns einen kleinen Unterschlupf. Sieht nach Regen aus.“

„Mmh. Ja, sieht so aus.“ Sie begann zu gähnen und legte ihren Kopf auf seine feste Schulter.

„Alles in Ordnung, Zelda?“

„Ja, ich bin nur müde. Danke noch mal, Link.“

„Ich bin eben ein Gentleman und hör endlich auf dich bei mir zu bedanken. Das macht mich ganz wahnsinnig.“

„Mmh. Du bist aber auch edelmütig heute.“

„Was? Nur heute?“ Er neigte seinen Kopf zur Seite und grinste. Zelda hatte ihre Augen wahrlich geschlossen und war wirklich dabei auf seinem Rücken einzuschlafen.

 

Als die ersten Regentropfen mit sanftem Blubb niederfielen, erreichte Link ein schönes, mit grünen, langen Gräsern überwuchertes Plateau hier oben. Und obwohl sich dichte Regenwolken um die majestätischen, riesigen Berge zogen, konnte er mit seinen scharfen, blauen Augen durch die Wolkenrisse einen Bruchteil der uralten Steppe Hyrules erkennen. Von hier oben wirkte alles fast enttäuschend klein, dachte er. Viele grüne Hügel, kleine Punkte, die Dörfer und Städte darstellen mussten, und viele Wälder...

            Anhand des Sonnenstandes schätzte Link die Uhrzeit auf nach acht, was ihn noch mehr in der Absicht verstärkte mit Zelda die Nacht auf dieser schönen, übersichtlichen Ebene zu verbringen.

Dort, wo die Treppenstufen sie morgen weiter aufwärts führen würden, war nur wenige Meter weiter ein Hohlraum in das feste, kantige Felsengestein geschlagen.

Mit Zelda, die tief und fest in seinen Armen schlief, folgte er dem Weg durch das hohe, lange Gras zu dem Felsen und ließ ihren erschöpften Körper davor in das sattgrüne Gras sinken. Er breitete schnell einige Decken aus und wärmte ihren Körper damit, gab ihr einen süßen Gutenachtkuss und widmete sich beruhigt seinem Vorhaben.

            Vorhin schon, als er von weitem das Plateau ausgemacht hatte, war in ihm der Drang erwacht, sein Schwert zu schwingen, den Klang zu hören, wenn es den Wind trennte...

Elegant führte er die Klinge durch kühlen Wind und leichten Regen, trainierte im Auge des Sturmes, fühlte Macht in sich strömen, Energie, die er bisher nur selten fühlte. Er lernte der Sprache des Schwertes zu lauschen, noch mehr als er es bisher wollte. Es flüsterte. Die Klinge in seiner Hand flüsterte, schwang sich von selbst, als ob sein Körper bereits mit dem Stahl verschmolzen war.

            Nach einer Stunde, Unmengen von Wirbelattacken, neuen Kombinationen und einer ausgefeilteren Kampftechnik, ließ sich der gewandte Kämpfer auf den Boden sinken, fühlte sich durchgeschwitzt und trotzdem irgendwie... mächtiger als bisher.

Vielleicht wollte das alte Ich in ihm doch erwachen und das früher als er dachte. Vielleicht war Hyrules legendärer Held der Zeit tatsächlich dabei seine Erinnerungen zurückzufordern...

            Er streckte sich, gähnte laut, und spürte für einen kleinen Moment ein Jucken und Brennen an seinem Rücken, etwa in Steißnähe. Überprüfend wanderte eine Hand dorthin, kratzte darüber, aber nichts schien dort zu sein...

            Dann wanderte sein Blick zu seiner schlafenden Zelda, die träumend in dem Hohlraum ruhte, und dann zu den Taschen. Nur eines kam ihm in den Sinn. Hunger.

Geschwind hüpfte er näher, kramte allen möglichen Proviant aus den Taschen und aß soviel, wie sein Magen im Moment aufnehmen konnte.

Nach einigen Scheiben Brot, Beutelsuppen, die er kalt hinunterwürgte, einigen Tafeln Schokolade, einem Eimer Milch und vielen anderen Dingen hatte sein Magen jeden Platz für weitere Nahrungsmittel aufgebraucht und Link fühlte sich mampfsatt.

Kopfschüttelnd lehnte er sich an den Felsen neben Zelda und ärgerte sich im nächsten Moment über diese komische Fressattacke...

            Sein verträumter Blick fiel wieder zu der wunderschönen Zelda, die so himmlisch in ihren reinen Träumen schwelgte. Ob sie von ihm träumte? Verliebt beugte er sich über sie und drückte kurze, leichte Küsse auf ihre Wangen, an ihre Nasenspitze, und stoppte an ihren roten, begehrenswerten Lippen...

Oh, er liebte sie so sehr. So über die Maßen, dass er nicht aufhören konnte, daran zu denken, wie es wohl sein würde, wenn er sie das erste Mal nach allen Regeln der Kunst verführen würde.

Manchmal im Haus der Götter, sofern er nachts wach gelegen hatte, überkam ihn dann der Gedanke daran, und seiner Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Er hatte sich ausgemalt, wie er es tun würde, was er tun würde...

Und er sehnte diesen Moment irgendwie herbei. Immerhin waren sie schon sehr lange ineinander verliebt. Link, so lange er sie kannte... Und Zelda wohl bereits seit einigen Jahrhunderten. Er durfte ein wenig ungeduldig sein, was dieses Thema anbelangte, das wusste Link.

            Plötzlich riss ihn ein kleines Stiefelklappern aus seinen Gedanken. Hastig sah er sich um und erblickte einen fettgrinsenden, etwa elfjährigen Knirps mit grüner Tunika wenige Meter weiter auf der Grünfläche. „Habe ich euch bei was Intimen gestört?“, sagte er belustigt, sah aber im selben Moment, dass die Prinzessin der Hylianer tief und schön schlief.

Er hüpfte näher und strahlte die schlafende Zelda mit einem süßen Lächeln an, was auch so etwas wie Eifersucht bei Link hätte hervorrufen können.

„Sie ist so wunderschön...“, sagte er leise und streichelte daraufhin über ihre linke, schwachrosa Wange.

„Ja, sie ist das Schönste, was Hyrule jemals besessen hat“, stimmte der erwachsene Heroe zu.

„Wirst du dein Leben mit ihr teilen wollen?“, sagte der Kleine und setzte sich im Schneidersitz neben den Größeren.

„Wenn sie es möchte...“

„Würdest du wollen?“ Link lächelte tief und angenehm.

„Auf jeden Fall“, endete er und wühlte in seiner Gürteltasche nach den Gegenständen aus dem Götterhaus.

„Ich möchte dir etwas überreichen, Kleiner“, meinte der Erwachsene, worauf jener aus Essenzen erzeugter Knilch überrascht aufsah.

„Hier!“ Bereitwillig und neugierig schaute sich der junge Link die Sachen an, nur, dass er sehr bald nicht mehr mit dem Namen Link angesprochen werden sollte. Er ließ einen kindlichen Überraschungslaut verkünden, der die bezaubernde Prinzessin beinahe aus dem Schlummer gerissen hätte. Sie seufzte und drehte sich in die andere Richtung.

            „Das ist ja eine grüne Mütze. Echt krass!“, jubelte er und dann las er sich aufgeregt die Geburtsurkunde durch, wobei seine spitze Name so nah an die Zeilen rutschte, dass das Blatt ihn absorbieren hätte können.

„Endlich weiß ich, dass ich eine Zukunft haben werde. Endlich weiß ich, dass ich existieren werde!“ Er hüpfte einige Runden im Kreis und fiel dem erwachsenen Link vor Freude um den Hals. Überraschenderweise war diese Umarmung für den einstigen Helden der Zeit ausgesprochen angenehm, auch wenn er es nicht verstehen und zu deuten wusste.

„Danke“, sagte der Bengel. „Du hast mir geholfen real zu sein“, freute er sich, worauf der Heroe dem Kleinen auf den blonden Schopf klopfte. Auch er hatte ein Grinsen im Gesicht und freute sich ungemein für den Kleinen.

„Jetzt, da du weißt, dass du existieren wirst, hast du dann vielleicht Lust auf eine Runde Schwertkunst?“, sagte Link, so als wollte er dem Knilch tatsächlich kämpfen beibringen. Er nickte und grinste so breit, als ob man seinen Mund mit Zangen auseinandergezogen hätte.

            Alsdann übte der erwachsene Heroe vergnügt, ausgelassen und heiter mit dem kleinen Kerl, der jedoch ganz und gar nichts von fair- kämpfen hielt. Ab und an trat er dem Erwachsenen auf die Füße und verpasste ihm einen unfairen Kick ans Schienbein. Trotz allem musste sich Link irgendwie eingestehen, dass es Spaß machte, mit dem kleinen Bengel, wenn auch auf sehr eigensinnige Weise, zu kämpfen.

Nach einer Weile hatte der Knirps dann keine Lust mehr mit der Waffe zu spielen und ließ sich von dem erwachsenen Helden der Zeit fangen. Im Nu hatte Link den kleinen Quälgeist und Frechdachs eingeholt und packte ihn leichtfertig unter einen Arm.

Sie lachten zusammen, führten sich auf wie zwei beste Freunde, wie zwei Brüder, als sich der Mantel der Nacht über die Welt legte...

 

Es war früh am Morgen. Ein weißes, dickes Nebelgewand trug der Berg des Todes. Der Ort, der vor Hunderten von Jahren, noch bevor Goronen sich hier ansiedelten, von einem widerlichen Dämonenvolk behaust wurde.

            Zelda gähnte laut, blinzelte und öffnete zufrieden ihre kristallfarbenen, blauen Augen. Es war so warm hier... und sie wusste angesichts der angenehmen Wärme und des Geruches, dass es nur Link sein konnte, der sie so beschützend vor der Kälte abschirmte. Ihr Heroe... nur ihrer... Kurz besann sie sich auf ihre Träume, die sie ihm lieber nicht mitteilen wollte. Sie hatte nur von ihm geträumt, von einer hemmungslosen Form der Leidenschaft, die sie beide in dieser Form noch nie zugelassen hatten. Und sie fühlte sich ein wenig... unpässlich deswegen.

            Immerhin hatten sie eine wichtige Mission zu erfüllen. Und das einzige, woran die Prinzessin im Moment denken konnte, war die Tatsache, wie schön es sein könnte, wenn sie sich ihrem Heroen körperlich anbot...

,Verdammt, Zelda’, dachte sie. Kannst du nicht an etwas anderes denken? Sie wollte sich am liebsten eine Ohrfeige geben, als sie aber endlich registrierte, dass es nicht nur Link war, der sich an sie herangekuschelt hatte.

            Im trüben Morgenlicht erkannte die Prinzessin dann überrascht, dass es zwar Link war, der vor ihr lag und an dessen Brust sie sich schmiegte, es aber noch jemanden gab, der sich mit kleinen Kinderhänden an ihrem Rücken festhielt.

„Nanu?“, murmelte sie schläfrig und rieb sich den Schlafsand aus den Augen.

Sie wand sich um und da lag tatsächlich jemand... Ein kleiner Kerl, vielleicht elf Jahre alt, hatte sich wie ein Kind an seine Mutter an sie gedrückt und suchte anscheinend ihre mütterliche Wärme. Zelda war im ersten Augenblick sehr überrascht, hatte aber nicht den Hang oder die Ärgernis, den Kleinen um seinen Schlaf zu bringen. Er war so niedlich, so süß mit seiner kleinen Stupsnase, den hellblonden Haarsträhnen, die über seine Augenlider fielen und den kleinen Kinderhänden, die sich an Zelda Taille festhielten.

            Ihre zwei Jungs lagen also beschützend um sie, als müssten sie ihre Zelda- das wichtigste Präsent überhaupt- vor jeglichen anderen Händen bewachen.

            Schmunzelnd führte sie die kindlichen Arme von ihrer Taille und reckte und streckte sich nach Liebeslaune. Sie nahm einige Scheiben hylianisches Mischbrot, welches die Gnome in ihren riesigen Backöfen zauberten, in ihre Hand, knabberte daran und lief freudig über das grasbewachsene Plateau. Sie konnte die grünen Hügel der Steppe von hier oben nicht ausmachen. ,Wie schade’, dachte sie. Die dichten zuckerweißen Nebelschwaden bedeckten jegliche Sicht. Aber ein kühler Wind pfiff um ihre Ohren und vielleicht könnte er die störenden Schleier wegtragen...

            Ihr Blick fiel dann auf ihren rechten Handrücken, verwundert, dass sie ihr Fragment zwar spürte und seine Macht kribbelte, es aber nicht materialisieren, geschweige denn auf ihrer Haut erkennen konnte... Vermutlich, so dachte sie, lag es an Hyrules momentanen Zustand, dass die goldene Macht sich nicht zeigen konnte und anscheinend gleich einem lebendigen Wesen ebenso unter dem Verblassen jener Welt gelitten hatte...

            Zaghafte Schritte näherten sich ihr und als sie sich umdrehte, fühlte sie sich für einen schwindenden Augenblick zurückversetzt in jene Zeit, als sie im Schlossgarten auf den Helden der Prophezeiung wartete.

Das mittlerweile elf Jahre alte Götterkind näherte sich mit munteren, himmelblauen Augen. Die Hände hinter den Rücken gesteckt schabte er mit seinen kupferbraunen Lederstiefeln auf dem Boden herum. Die gleiche Angewohnheit wie der elfjährige Held der Zeit damals... das gleiche Entzücken, welches es bei Zelda auslöste...

Und noch etwas begünstigte diese immense Ähnlichkeit... er trug seine grüne Baumwollmütze. Das unverkennbare Zeichen des Helden der Zeit. Er sah nur kurz auf und blickte wieder zu Boden, worauf Zelda übermäßig grinsen musste.

Sie kniete nieder und sagte aufmunternd: „Nanu? So schüchtern?“ Tatsächlich waren seine Wangen auffällig rosa...

„Du bist ein kleiner Prinz“, meinte sie und schaute erwartungsfroh in die Augen, die ihren so unhaltbar glichen. Er verschränkte die Arme und begann zu schmollen.

„Du willst gar kein Prinz sein, kleiner Mann?“, lachte sie. Er schüttelte den Kopf und spielte mit dem Zipfel seiner Mütze.

„Ich will ein Held werden“, sagte er überzeugend, auch wenn Zelda darauf hin schmunzeln musste. „Das ist kein Scherz. Ich will genauso sein wie er.“ Und der Arm des kleinen Kerls schwenkte zu dem schnarchenden Link, der gerade mit seinen Armen unbewusst nach Zelda neben ihm suchte.

„Er ist dein großes Vorbild, nicht wahr?“ Der Bengel grinste wieder und lachte. Sein Lachen war so mitreißend, dachte sie. So herzlich...

            In Zeldas Augen funkelte ein Schimmer Listigkeit und sie rutschte näher zum jungen Götterkind. Nervös wich er zurück, genauso wie Link damals im Schlossgarten. Die gleiche Angst vor Mädchen. Die gleiche lächelnzaubernde Schüchternheit...

Zelda kicherte und packte den Kleinen an beiden Wangen. Verspielt zerrte sie seinen Mund auseinander und schien ihn zu testen. „Weißt du, ich glaube, aus dir könnte ein sehr großer Held werden, du...“ Sie biss sich auf die Unterlippe und suchte nach einem lieblicheren Kosenamen.

„Du... süßer Fratz!“, lachte sie. Der Kleine griff sich beschämt an den Hinterkopf und lachte ebenso.

            Und es geschah in dem Augenblick, dass die junge Prinzessin neben der einstigen Verbundenheit noch weitaus mehr fühlte, wenn es um diesen kleinen Spund ging. Es war Wärme und Liebe...

            Sie rückte näher und überwand den letzten Abstand. Der Kleine wurde puderrot um die Nase, als Zelda ihn endgültig umarmte.

„Wenn ich irgendwann wieder in Hyrule bin, denke ich an dich...“, sagte sie leise. Und der Kleine spielte derweil verblüfft mit den langen, goldbraunen Haarsträhnen auf Zeldas Rücken.

„Anders als beim letzten Versprechen?“, sagte er scheu.

„Ja, genau. Anders als im Gestern“, meinte sie und ließ den jungen Kerl endlich wieder aus der innigen Umarmung.

„Abgemacht!“, murmelte er.

„Abgemacht!“ Und zur Bekräftigung schüttelte Zelda die Hand des Bengels.

„Und nun? Meinst du, wir sollten Link wecken?“

„Jep. Der hat doch lange genug geschlafen“, erwiderte er und schaute in die nebulöse Tiefe von der Plattform herab. 

            Mit leisen Schritten lief Zelda zu ihrem Heroen hinüber, während Klein- Link erstaunt in die Tiefe schaute.

            Ausgebreitet lag der einstige Held der Zeit auf seinen Rücken und murmelte irgendetwas in seinen Träumen. Verliebt und schelmisch grinsend rückte Prinzessin Zelda näher, berührte zunächst seine Nasenspitze mit ihrer und streichelte schließlich seine Lippen mit ihren. Sie küsste ihn kurz und behutsam, bis Link zwinkerte und den Kuss erwiderte.

Sie stoppte die Liebkosung und flüsterte: „Guten Morgen, mein Held...“ Er zwinkerte und endlich hoben sich seine Augenlider.

„Morgen, meine Prinzessin“, sagte er, griff aber im selben Augenblick an ihre Schultern und zog sie zu sich herab. Ihrer Kehle entkam ein Überraschungslaut, ein wenig quietschend, sodass der junge Link weitentfernt verwundert aufsah.

            „Hey, du Träumer. Wir sind nicht allein“, murmelte Zelda und gab ihm einen kleinen Schmatz auf die Lippen.

„Wie?“ Und er drückte sie näher an sich.

„Du hast richtig gehört. Unser kleiner Freund ist hier.“

„Ach so...“, nuschelte der Heroe, obwohl er diesen Satz anscheinend nicht richtig verstanden hatte. Zu seinem Unverständnis trug die Tatsache bei, dass er die Augen wieder schloss und seine rechte Hand über ihrer Rücken, zur Hüfte und noch ein Stückchen weiter hinab wanderte. Zeldas Augen waren nun ein Spektakel aus Scham und Schock. Es kribbelte entsetzlich in ihrem Magen, obgleich sie wusste, dass sie derartige Berührungen nicht unter den Augen des kleinen Bengels zulassen konnte. Sie packte seine Hand hinter ihrem Rücken und führte jene fort, bevor sie sich noch unartigere Dinge erlauben konnte als ihren Po zu streicheln, und richtete sich auf.

„Hm?“, säuselte Link und öffnete verwundert ein Auge.

„Du bist ziemlich ungehobelt heute“, murmelte Zelda und brachte ihn mit ihrer morgendlichen Schönheit dazu, das andere Augen auch noch zu öffnen. Link packte ihre Handgelenke und wollte sie wieder zu ihm hinabziehen und sich endlich einen langen Kuss mit ihr gönnen, aber Zelda hüpfte auf die Beine und sagte eindringlich: „Bitte steh’ auf... Wir müssen den Weg fortsetzen.“ Link brummte etwas, ließ sich aber überzeugen und kroch aus seinem Schlafsack.

            Währenddessen starrte der junge Knirps mit der grünen Mütze beeindruckt in den Abgrund, wo sich einige Nebelschwaden langsam auflösten...

„Morgen!“, rief Link von Weiten und der Bengel ließ sich für einen kurzen Moment aus seiner Trance reißen in die schwindelerregende Tief zu blinzeln. Er winkte dem erwachsenen Heroen zu und pflanzte sich dann auf die Wiese, wartete geduldig, dass sich die Sicht lichtete und er Hyrules traumhafte Steppe von hier oben bewundern konnte.

            Link streckte sich nach Liebeslaune, gähnte kräftig und grinste seiner Prinzessin erwartungsfroh entgegen, die sich gerade auf eine Decke hockte und das Frühstück aus den Taschen holte.

„Du führst doch irgendetwas im Schilde“, neckte sie. Und Links vielsagendes Grinsen wurde breiter. Er krabbelte über die kratzige Decke zu ihr hinüber und überrumpelte sie einfach. Er drückte eine überraschte Zelda mit seinem eigenen Körpergewicht nieder, und seufzte bloß in ihrer Wärme.

Sie streichelte mit beiden Händen über seinen Rücken und sagte leise: „Was wird das?“

„Mmh... ich hatte nur Sehnsucht nach deiner Wärme...“ Ihre Augen strahlten bis sie jene schloss und die kostbaren Sekunden in der Nähe ihres Heroen genoss.

„Manchmal...“, fing er an, brachte sein Gewicht von ihr herunter und kuschelte mit ihr auf der pelzigen Decke.

„Ja?“

Er rollte mit den Augen und rückte die Wahrheit heraus. „Ich wünschte, es wäre alles ausgestanden und wir würden endlich...“ Er richtete sich auf, nahm die rechte Hand seiner Prinzessin in beide Hände und drückte mehrere, kleine Küsse an ihre Fingerspitzen, auf den Handrücken...

            „Du weißt, dass ich dich liebe...“, sagte er leise. Sie nickte und funkelte mit den schönen blauen Augen in einer verstandsabsorbierenden Weise. Da war Gewissheit in ihrem himmelblau. Liebe. Hingabe...

„Du wünschst dir mehr als das, was jetzt ist?“, murmelte sie zaghaft. Seine Augenlider sanken nieder und er erwiderte zaghaft und doch aufrichtig.

„Ja... ich will dich.“ Zelda zwinkerte hilflos und wand den Blick ab. Sie richtete sich ebenso auf und schaute zu dem Kleinen Mann drüben auf der hohen Grasfläche. Als Zelda weiterhin schwieg, setzte Link rasch hinzu: „Aber ich will dich zu nichts drängen...“

Ihr hübscher Kopf wand sich zu ihm. „Du brauchst dich nicht rechtfertigen...“

„Also wo liegt das Problem?“, murmelte er. Sie suchte seine Umarmung und legte den Kopf auf seine Schulter. Sicherlich... sie wollte ja eigentlich auch... aber da war immer noch diese winzige Angst... Angst vor Innigkeit und Leidenschaft... und die Erinnerung an jenen Tag als Prinz Vasard versuchte ihr die Unschuld zu nehmen. Vielleicht war gerade das jenes Problem. Die Tatsache, dass sie Link einfach nicht sagen konnte, welche dreckigen Gelüste ein Dämon wie Ganondorf mit sich führte...

Sie küsste ihn zur Entschuldigung und sagte leise: „Okay... ich habe eine Überraschung für dich... aber du musst dich gedulden, bis wir im Todeskrater bei den heißen Quellen angelangt sind.“

Link zuckte mit den Schultern und nickte. „Okay.“

            In dem Augenblick schaute der junge Held hinüber zu dem kleinen Bengel, welcher gemächlichen Schrittes näher trat. Er hatte ein ausgemachtes Feixen im Gesicht und verbarg hinter seinem Rücken eine weiße Blume, die er in der Nähe des Abhangs gepflückt hatte. Sein Kindergrinsen galt nur der Prinzessin Hyrules, die er schon seit er sie das erste Mal beobachtet hatte, in sein junges Herz geschlossen hatte.

Er erinnerte sich daran, dass er einmal klammheimlich in die Villa der stolzen Direktorin geschlichen und neugierig in das Zimmer der anmutigen Zelda gestiefelt war. Sie hatte ihn zu dem Zeitpunkt nicht wahrgenommen, vielleicht auch bloß, weil sie ihn nicht bemerken wollte. Das goldene, lange Haar offen saß sie vor ihrem Schreibtisch. Ihre Hände verkrampft. Ihr Gesicht verweint... und alles nur, weil sie zu diesem Zeitpunkt die Nähe Links nicht zulassen konnte. Natürlich hatte der kleine Bengel keine ihrer Tränen verstanden. Er war zu jung und zu unwirklich für das Wissen um Liebe, für gebrochene Herzen und die Opfer, die das Schicksal verlangte. Aber er fühlte sich damals zu lebendig und zu wirklich als die Prinzessin des Schicksals nicht irgendwie zu trösten. Und so war er geblieben, beobachtete sie bei allen Kleinigkeiten. Beim Bürsten ihrer seidigen Haare. Beim Harfespielen und sogar beim Umziehen. Gerade da erwachte in ihm die Faszination für Zelda, obgleich er aus ihren Essenzen bestand. Er hatte das Bedürfnis sie zu trösten, vielleicht für das Schicksal auf ihren Schultern. Und so fand die junge Prinzessin gelegentlich eine weiße Blume, manchmal eine Rose, eine Tulpe oder ein Vergissmeinnicht in einer kleinen, schmalen Vase auf ihrem Nachttisch...

            Auch jetzt hatte er wieder eine Blume in der Hand und wollte sie der schönen Lady schenken, die ihm das Herz gewärmt hatte, und die ihm helfen würde, irgendwann wirklich zu sein. Seine himmelblauen Augen leuchteten, als er langsam zu den beiden verliebten Hylianern hinübertrat.

            Grinsend wand sich Zelda von ihrem Helden der Zeit ab, der im Moment nicht aufhören konnte sie zu ärgern. Andauernd packte er sie unter ihren Armen und wann immer sie sich abwenden wollte, zog er sie wieder an sich. Sie lachte und blickte lächelnd zu dem kleinen Kerl, der beinahe neidisch das herrliche Liebesglück begaffte.

Doch dann standen Zeldas Augen plötzlich starr. Ihr Gesicht verzog sich; und sie kreischte, schrie panisch auf. Auch Link blickte erschrocken hinüber zu dem kleinen Jungen, der nicht wusste, dass ihm in jenem Augenblick seiner Menschengestalt üble Gefahr drohen konnte. Ein Verhängnis seiner körperlichen Existenz.

So schnell wie er konnte, rannte der erwachsene Link auf den Jungen zu, der nur seine Augenbrauen verzog. Er wusste es nicht. Er spürte es nicht.

            Wie angestochen hetzte Link mit gezücktem Schwert und Schild näher und fauchte lauter und lauter. „Link! Lauf’ weg!“, rief der Heroe, sprach den Kleinen bewusst mit seinem eigenen Namen an. Aber der Bengel blinzelte bloß und schaute abwechselnd zu dem aufgeregten Hylianer und der entsetzten Zelda, die hinter Link herrannte.

„Lauf!“, rief sie. Verzweiflung und Angst in ihren himmelblauen Augen, welche schreien würden, wenn sie könnten.

            Wie in Zeitlupe drehte der Knirps den Kopf nach hinten. Seine grüne Mütze schwang im Wind, tanzte mit seinen Bewegungen und sein kleiner Körper erstarrte in dem Moment, da er die Gefahr endlich erkannte. Die weiße Blume in der Hand fiel geräuschlos zu Boden.

            Nur wenige Meter hinter ihm standen sie, jene teuflischen Boten, die viel zu lange nach den Auserwählten der Macht suchten. Drei schwarze Gewänder zerrupft und hässlich tanzten in der Luft. Zankend und zischend schwebten sie über den saftiggrünen Gräsern des Plateaus. Und lederne, mit Stahl besetze Peitschen wirbelten todbringend über ihren umhüllten, hasserfüllten Köpfen.

Der kleine Bengel stolperte einige Schritte rückwärts, blieb mit den Kinderfüßen an einer Kante hängen und fiel.

            Noch immer hasteten Zelda und Link näher, wollten ihn beschützen, mit allen Mitteln, koste es, was es wolle. Aber je näher die alptraumhaften Gestalten schwebten, je näher sie ihm kamen und der kleine Kerl sich nicht rührte, umso eher spürte und wusste der Heroe, dass er ihn nicht mehr erreichen würde.

            Wie erstarrt blickten himmelblaue Kinderaugen, so unschuldig und weltfremd sie doch waren, zu den Kreaturen, die zischten und sich an der Angst zu laben schienen, die den Kleinen einnahm. Im Hintergrund schrillte Zeldas tosender Entsetzensschrei umher, als sich die ledernen Peitschen um die Fußknöchel des Jungen wanden, der sich nicht rührte. Schmerzhaft wurde er durch die Luft befördert, landete auf seinem Bauch und blickte angsterfüllt und doch hoffnungsvoll zu den beiden Hylianern, die seine einzigste Zuflucht darstellte. Nun wusste er was Angst war, und auch die Hoffnung auf Rettung und Schutz bohrte sich in sein Herz. Ein neues Gefühl... ein entfesselndes Gefühl. Endlich... menschlich... endlich lebendig...

            Er versuchte zu grinsen, ein erstes und letztes Mal im Auge der Angst.

Einer der dunklen Drei zischte lüstern und gespenstisch, schwang den knöchernen Arm genießend nach hinten. Der schaurige Schrei des Götterkindes schallte durch die Luft, hell und stark war sein Klang, und dröhnte weiter mit dem Schwinden der Dunklen, die sich in die Tiefe fallen ließen und den Jungen mitrissen. Und der Schrei ertönte lange noch, hallte, als die Kreaturen der Nacht in dem Nebel der unendlich scheinenden Tiefe der Todesberge verschwanden, erlosch träge, erlosch in einem schicksalhaften Moment...

            Die weiße hylianische Blume auf den grünen Gräsern des Plateaus - zuvor noch in den Händen des Götterkindes- verwelkte in Sekundenschnelle und zerfiel zu Staub...

 
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