Kapitel 67
 

Kapitel 67

 

 

 

 

Ungeduldig wartete der junge Held auf seine Prinzessin, die in ihre Gedanken versunken ihr Kinderlied sang. Ihre in vertrauter Melodie gestalteten Worte, sie sang Althylianisch, brachten dem jungen Helden ein angenehmes Lächeln auf das Gesicht.

Vielleicht das letzte in jenen Tagen...

            Was würde geschehen? Würde das Schicksal seiner Grausamkeit wieder huldigen und Ganondorf die Flucht aus der Hölle gewähren? In seine Gedanken versunken trat auch Link an jenes kleine Spitzbogenfenster mit dem steinernen Fensterbrett und dem bemalten Rahmen. Sein Blick wurde ernster, melancholischer und für einen ungewissen Augenblick spürte der junge Heroe, dass die Zeit erneut gekommen war... dass die Zeit vielleicht um war...

            Das widerwillige Lächeln auf seinem ansehnlichen Gesicht, kniff er seine Augen zu und strich sich einige blonde Strähnen von der Stirn. Genieße den Frieden, solange er existiert, schallte es in seinen Gedanken. Genieße die Ruhe, solange nicht die Stimmen hunderter Moblins und scharenweise anderem Dämonenzeugs durch die Lüfte gellen...

            Mit einem Seufzen ließ sich Link in Zeldas bequemen, knatternden Schaukelstuhl fallen, wiegte sich zufrieden darin und schloss alle viere von sich streckend die tiefblauen Augen. Er konnte Hyrule jetzt nicht mehr verlassen, auch wenn er diesen Entschluss bis vor wenigen Stunden versucht hatte aufrecht zu erhalten. Aber nicht unter diesen Umständen. Ja, vielleicht war er ganz froh darüber, hier zu bleiben, an der Seite der zukünftigen Königin, vielleicht würde er, nachdem alles durchgestanden wäre, die Möglichkeit haben, am Hofe zu bleiben...

Der Entschluss nun vielleicht doch ein Ritterleben zu führen, manifestierte sich immer stärker in seinen Gedanken. Er würde in die Fußstapfen seines Vaters treten, einem Ritter, das einzigste, was er von ihm wusste- dann, wenn hier in Hyrule wieder alles beim alten war. Dann, wenn die Macht des Triforce wieder im Gleichgewicht weilte und wenn der Riss im Siegel des Schreckensfürsten in Vergessenheit geriet.

            Er konnte Zelda nicht verlassen... so einfach erschien der Gedanke jetzt. Hatte er wahrhaft gedacht, er könnte ohne sie leben, sie vergessen? Link schüttelte seinen Kopf und nahm eines der kuscheligen Kissen mit samtenem Stoff, und den farbigen Stickereien in seine Arme und gähnte herzhaft. Sein Herz würde sehr einsam sein, egal, ob er irgendwann ein neues Leben, in einem neuen Land anfangen wollte, wenn Zelda nicht da wäre...

            „Ich verlasse dich nicht...“, sagte er gedämpft und wartete auf die anmutige Prinzessin Hyrules.

            Mit großzügig geflochtenen Haaren, einem olivengrünen langen Kleid um ihre zarte Figur, welches ihre Schultern beinahe offen ließ und nur halblange Ärmel besaß, trat die Prinzessin in den Raum und nahm an sich hier alleine zu befinden. Sie bemerkte nicht den blinzelnden Hylianer in ihrem Schaukelstuhl, oder das knackende Geräusch, als er aus dem Schaukelstuhl aufstand. Stattdessen regte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie erneut aus dem Fenster schaute. Langsam schloss sie das Fenster, verriegelte das kleine, halbverrostete Schloss und legte einige Fingerspitzen auf das durchsichtige, schwach bräunlich gefärbte Fensterglas und atmete tief aus. Sie fühlte sich ein wenig aufgeregt, dem Fest beizuwohnen und ärgerte sich bei dem heimlichen Angstgedanken, das Siegel könnte in jenen Stunden zerreißen... das Siegel des schier übermächtigen Bösen... doch genug davon, befahl sie sich.

,Du bist heute hier, um dich zu amüsieren’, sprach sie zu sich selbst. Wo Link so lange blieb?

            So weit sie wusste, wollte er sie abholen, sie zu dem Fest begleiten. Denn alleine, als Prinzessin Hyrules, durch die Menschenmassen zu wandeln, wäre unangenehm. Sie brauchte Gesellschaft und da sie nur einen einzigen Freund hatte, hoffte sie inständig, er würde es nicht als Last empfinden mit ihr das Fest zu genießen. Mit seiner Anwesenheit fühlte sie nicht die vielen unmissverständlichen Blicke, wenn sie irgendwo vorüberlief. Und die Blicke des gemeinen Volkes sagten mehr als Worte es tun konnten.

            Verträumt summte sie erneut das Wiegenlied aus der Überlieferung ihre Familie, als sie endlich die Anwesenheit etwas Vertrautem hinter ihrem Rücken spürte. Links vertrauter Geruch nach Wald, einen Hauch Harz und Frische kitzelte ihre Nase. Sie hörte Stiefelgeklapper, langsame Schritte, die sich ihr annäherten.

            Wenn auch eine Spur unsicher, legte Link langsam seine Hände auf beide ihrer nur halb mit grünem Samt bedeckten Schultern und murmelte leise: „Ich verlasse dich nicht...“ Zelda wollte sich zu ihm umdrehen, verwirrt und im nächsten Moment den Sinn seiner Worte begreifend, aber er sagte schnell und auffordernd, bevor sie einen Blick in seine umwölbten Augen werfen konnte: „Warte. Hör’ mir zu...“, sagte seine Stimme in nie da gewesenem einfühlsamen Klang.   

„Ich hatte es mir fest vorgenommen... aber in den letzten Stunden ist...“ Er brach ab und fand einmal mehr nicht die richtigen Worte, um ihr zu sagen, warum. „Ich kann Hyrule nicht mehr verlassen...“, ergänzte er.

            Stumm stand Zelda vor dem Fenster, versuchte seine Nähe so zu genießen, wie sie es wollte. Und doch war da dieser Funken Ungewissheit. Sie verstand ihn nicht, sein Verhalten? Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Vor Nervosität hielt Zelda den Atem an, unterdrückte das durchaus angenehme Gefühl seiner Hände auf ihren entblößten Schultern, kämpfte mit ihrem schnellerwerdenden Herzrhythmus und biss sich auf ihre rotgemalte Unterlippe. Um sich abzulenken sah sie hinaus auf die saftiggrüne Steppe, beobachtete kleine Menschengruppen in Gestalt vieler bunter Punkte, die mit ihren Fackeln am heutigen Tage hinauswanderten. Und doch rührte sie sich nicht, als wäre ein mächtiger Versteinerungsfluch auf sie niedergefallen. Sie traute sich nicht, nur eine Bewegung zu machen...

            „Zelda... bitte lass’ mich bei dir bleiben.“ Eine Bitte nach Gesellschaft? Ihrer Gesellschaft? Noch nie hatte jemand sie darum gebeten. Schwerfällig begriff sie den Sinn dieser Worte und schämte sich selbst dafür, derartige Worte aus seinem Mund nicht richtig deuten zu können. Wieder schwieg sie und wartete auf eine Reaktion von Link. Und diese kam schneller als sie dachte.

Fest umschlangen seine starken Kämpferhände ihren gertenschlanken Bauch. Durchaus eine Reaktion, die sie nicht hatte erahnen können. Sie atmete scharf ein, legte ihre zarten Hände widerwillig, ohne sich im Klaren zu sein, was sie tat, auf seine warmen Hände, die immer noch auf dem olivenfarbenen, leichtschimmernden Stoff ihres Bauches ruhten.

            „Ich kann dich einfach nicht verlassen“, sagte er knapp und riss sich dann los, als sein Verstand ihm langsam zuflüsterte, was er sich hier erlaubte. Er drehte ihr den Rücken zu, selbst so konnte man seine roten Ohren noch sehen und lief in dem Zimmer auf und ab. Was im Namen der Götter geschah hier? Noch nie erlaubte er sich ihr so nahe zu sein und nun schien irgendetwas an Zelda ihm Mut gemacht zu haben, es doch zu wagen. Weitere Gedanken strömten auf ihn ein, Gedanken an Zelda und ihr liebreizendes Lächeln. Wie er sie einfach in seine Arme nahm und ihr den längsten, leidenschaftlichsten Kuss gab, den sie jemals erfahren hatte. Erschrocken über seine Hirngespinste lief er weiter im Raum umher.

            Zelda drehte sich vom Fenster weg und schaute höflich zu Boden. Er würde bleiben... er wollte Hyrule nicht verlassen- ihretwegen. Sollte sie sich nicht freuen?

Zaghaft lächelnd suchte sie seinen Blick, sah ein intensives Rot unter seinen Augen und einen sehr beschämten Blick.

„Danke...“, freute sie sich. Mit einem unüberlegten Sprung landete Zelda in den beschützenden Armen ihres verlegenen Helden. Sie vergrub ihren Kopf in seiner Schulter und murmelte: „Ich danke dir, aber tu’ das nicht nur wegen mir.“

,Ich würde alles für dich tun, meine Zelda...’, sagte er in seinen Gedanken und schnupperte verhext von ihr den Duft der weißen Wurzel aus den alten Mooren an ihrem Hals.

            Seine straffe Umarmung war irgendwie anders als sonst. Immer mehr drückte er Zeldas zierlichen Körper an seinen, ließ seine Arme forschend über ihren Rücken wandern, legte sein Kinn auf ihre nackte Schulter und versank halb in jener Berührung. Doch gerade diese innige Zärtlichkeit hatte sich die Prinzessin von ihrem Helden so oft gewünscht, auch wenn er vielleicht Scheu und Scham hatte, dies einfach zu tun. Und gerade in dem Moment wollte er sie anscheinend nicht mehr gehen lassen, schloss seine Augen und verharrte in jener Haltung. 

„Was macht dein Fragment?“, sagte er leise, nicht bereit Zelda aus seiner Umarmung zu lassen.

„Es verblasst... wie das Land in meinen Träumen“, erwiderte sie leise und straffte ihre umschlingenden Arme um seinen braungebrannten Hals. Ohne Bedenken streichelte sie die Spitzen seines dunkelblonden Haares am Hinterkopf, glaubte schon, sie befände sich in ihren romantischsten Träumen und murmelte irgendwelche unverständlichen Worte vor sich hin.

            „Das Fragment des Mutes...“, fing Link gedämpft an und lehnte seine rechte Wange an ihre linke, sich wundernd, wie sehr ihre Haut doch glühte. „... verblasst ebenso.“ 

„Und wir können einfach nur zusehen...“, flüsterte sie und lehnte ihr königliches Haupt an seine starke Brust. „Nur zusehen“, bestätigte er und konnte nicht anders als Zelda noch mehr Zärtlichkeit zu schenken als bisher. Aus dem Nirgendwo küsste er ihre warme Wange, umschloss dann ihren Körper wieder mit seinen Armen. 

„Dennoch“, Links Mut kehrte ihm nun mal nie den Rücken zu. „... es gab immer Hoffnung und gibt sie noch. Ist das nicht dein Spruch, mein Engel...“

Zelda lachte leise auf. „Ja, das ist er.“

„Lass’ uns das beste aus diesem Tag machen“, sagte Link entschlossen und hievte Zelda schlagartig in die Höhe, griff ohne Scham unter ihre Hüfte, sodass er sie ein Stückchen tragen konnte. Doch keinerlei Verlegenheit oder Überraschung stand in ihrem Gesicht geschrieben, als er sich mit ihr zu dem Bett bewegte. Stattdessen schlang sie noch wie ein Kind ihre Beine um seine Hüfte.

            Glücklicherweise trat gerade Impa in den Raum, worauf das junge Pärchen plötzlich aus dem frischen und doch verschwiegenem Liebesglück aufwachte. Schnell ließ Link Zelda zu Boden und hüpfte mindestens einen Meter aus ihrer Reichweite. Himmel, was war bloß in ihn gefahren? Als ob er sich die allergrößte Frechheit erlaubt hatte, pflanzte sich das schamhafte Rot in seinem Gesicht immer weiter fort. Was war nur los mit ihm?

            Ein ausgeklügeltes Grinsen auf dem Gesicht trat die stolze Shiekah in das Schlafgemach und blickte abwechselnd zu Link und Zelda. Sie begann edel zu grinsen und dann zu lachen, als sie sich die beiden irritierten Hylianerseelen beäugte.   

„Übringens, Zelda, diese Wurzel stammt aus den Mooren, wurde früher immer bei Fruchtbarkeitsritualen meines Volkes eingesetzt und hat eine aphrodisierende Wirkung“, sagte sie schmunzelnd. Dann war ja alles klar...  

            „Hättest du mir das nicht eher sagen können?“, schimpfte sie mürrisch und war im nächsten Moment dankbar, dass ihr Kindermädchen noch rechtzeitig in den Raum gekommen war und sie beide daran hinderte mehr als nur einen Fehler zu begehen. Dennoch verärgert schüttelte Zelda den Kopf und goss den übriggebliebenen Inhalt der Schale in Impas Hände. Ironisch meinte sie: „So, meine liebe Impa, versuch’ du doch mal dein Glück mit den Männerherzen in Hyrule Castle. Ich bin mir sicher, diese Mixtur beschert dir die ein oder andere Freude.“ Sauer krallte sich Zelda den Arm, den Link ihr anbot und die beiden Auserwählten gingen gemeinsam aus dem Raum in Richtung des belebten Marktplatzes.

            Impa allerdings stand noch in Zeldas Gemächern und amüsierte sich über das lustige Schauspiel der beiden Hylianer. Ein Test... nur ein Test, dessen Ergebnis sich in Impas Augen wunderbar bestätigt hatte. Denn sie hätte vielleicht noch erwähnen sollen, dass die verführerische Wirkung vor allem dann eintritt, wenn schon Gefühle der unumstrittenen Zuneigung vorhanden waren...

 
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