Kapitel 73.1
 

Kapitel 73

 

 

 

 

Seit mehreren Minuten rutschten zwei murrende Hylianer einen nicht enden wollenden Tunnel hinab. Die Wände waren glattgeschliffen und auch sonst befand sich nirgendwo ein Haken, ein Vorsprung oder etwas ähnliches um Halt zu finden.

Und so schlitterten sie schreiend den Tunnel hinunter und hofften auf eine baldige Landung am Bestimmungsort des Verlieses.

„Wenn dieser verdammte Schacht nicht bald ein Ende hat, verliere ich jede Beherrschung meiner Magie“, grummelte Zelda und hielt sich angestrengt an Link fest, vielleicht aus winziger Angst ihn zu verlieren.

            Sie hatte ihre Worte kaum ausgesprochen, krachten sie beide mit einem lauten ,Blubb’ in eine warme Brühe aus abgestandenem Wasser eines wenigbeleuchteten Raumes tief im uralten Todeskrater. Schwerfällig schwamm Link ans Ufer und half Zelda mit ihren schweren durchnässten Klamotten ebenfalls auf trockenen Boden.

„Danke“, murmelte sie.

„Gern geschehen...“, erwiderte er lächelnd und schüttelte den Kopf wie ein Hund, um so das Wasser aus seinen Haaren zu vertreiben.

            Ruhe bewahrend und vorsichtig sahen sie sich beide ihre Umgebung um, wo im Anschluss an die tiefe Wasserstelle breite Treppenstufen zu einem gigantischen Eingang führten, versehen mit einem komplizierten, rostenden Verschlussmechanismus mit schweren Ketten, ähnlich dem Siegel für die Waffenkammer in Hyrules Königsschloss.

            „Kennst du dich mit so was aus, Zeldaschatz?“, meinte Link und prüfte sorgfältig die wuchtigen Ketten der Pforte in die heilige Weisenstätte des Feuers. Die Prinzessin trat mit wachen Augen näher, wischte sich einige Wassertropfen von der Stirn und nickte. Sie schloss ihre Augen gemächlich und führte ihre Handinnenflächen langsam zueinander, so, dass sie sich nicht trafen und murmelte Worte aus dem Reich der Magie vor sich her. Ihre Stimme schwoll an, wurde lauter und lauter, während es an dem großen Tor anfing zu rascheln. Die Ketten klapperten, schwangen hin und her und die ersten kleinen Schlösser öffneten sich. Weitere unsichtbare Schlüssel spielten mit dem versperrten Zugang und plötzlich krachten alle schweren Gehänge dröhnend und quietschend von der großen Tür und der Weg war frei.

            Mit einem ermutigenden Blick nahm der junge Heroe Zeldas rechte Hand in seine und führte sie beschützend hinein in den gefahrvollen Tempel. Ihre raschelnden Öllampen verscheuchten die Finsternis vor ihnen. Schweigend tapste das junge Pärchen in dem niedrigen Tunnel vorwärts, verwundert über die vielen abgeschlagenen Kanten links und rechts von ihnen, erfüllt von leichtem Misstrauen angesichts der überwältigenden Hitze in jenem Verlies.

Als der Weg endete, sahen sich Zelda und Link konfrontiert mit einer schweren Aufgabe, die auf sie wartete. Ein extrem hohes Gewölbe lag vor ihren unschuldigen, blauen Augen. Ein gigantisches Gewölbe, wo teilweise Treppenstufen und Seile bis zum mindestens achten Stockwerk hinaufführten. In der Mitte des Gewölbes sprudelte zornig eine lange gefährliche Feuersäule hinauf in die Höhe, umgeben von feinem Draht hielt dieser Besucher und Neugierige zurück. Und eine Kleinigkeit sprang dem jungen Heroen sofort ins Auge. Aufgeregt schnellte er näher an die Feuersäule und erblickte kreisartig um sie herum siebzehn Einkerbungen für runde Gegenstände. „Was mag das sein?“

„Weiß nicht“, antwortete Zelda, kniete nieder und fuhr mit ihren Zeigefingern an den runden Kerben entlang. „Nicht für unser Medaillon, dafür sind die Löcher zu klein, aber so etwas wie Kugeln oder ähnliches könnte dort hineinpassen.“

„Lass’ mich raten“, erklärte Link. „Irgendwo in diesem Tempel lassen sich siebzehn Gegenstände finden, die wir in diese Kerben setzen müssen, damit wir an das Elixier gelangen.“ Zelda nickte, war aber alles andere als begeistert. Sie blies einen Luftstrom aus ihren Lungen und schaute in die schwindelerregende Höhe.

„Die Erbauer dieser Stätte machen es uns nicht gerade leicht. Wenn wir jeden Raum durchsuchen müssen, dann kann dieses Tun Stunden dauern. Aber wir müssen unbedingt in wenigen Stunden wieder im Schloss sein, sonst...“ Link drückte sie in seine starken Arme und streichelte durch das lange, honigblonde Haar seiner Prinzessin, das er so liebte.

            „Wieviel Zeit werden wir wohl zu Fuß von hier aus zum Schloss benötigen, Zelda?“ Er küsste ihre Stirn.

„Wenn alles gut läuft, mindestens einen vollen Tag...“ Sie wiederholte ängstlich: „Wenn alles gut läuft...“

„Und heute ist bereits der zwanzigste Tag, den wir in Hyrule verbringen.“ Sie blickte beunruhigt auf und suchte seine eigenen Sorgen in der tiefblauen Farbe.

Er sprach leise und ehrfürchtig: „Das bedeutet, dass wir spätestens morgen Abend im Schloss sein müssen, denn morgen ist der letzte Tag vor Vollmond.“ Es schien als dachte Link einige weitere Male über die Worte nach, die aus seinem eigenen Mund gekommen waren.

„Der letzte Tag vor dem großen Kampf...“, setzte er zweifelnd hinzu und sein Satz klang eher wie eine Frage als eine simple Äußerung. Allein daran erkannte Zelda Links Unruhe, die Furcht vor dem Bösen, die er niemals zugeben würde.

            „Ich dachte nicht, dass uns die Zeit so schnell davon läuft. Und, dass uns das Schicksal einholt...“, sprach sie und erneut funkelte in ihren schönen blauen Augen die Angst vor dem, was das Schicksal ihren Seelen vorbestimmt hatte. Es war so weit und der Kampf würde sehr bald wieder in die entscheidende Phase gehen. Erneut würde sie Ganons barbarische Teufelsaugen sehen. Erneut würde sie Todesangst verspüren, wenn Link- der junge Mann und Held, den sie über alles verehrt und liebte- gegen seinen Erzfeind antreten müsste. Warum konnte dieser dumme Teufelskreis von Kampf um Macht nicht endlich durchbrochen werden?

            Er legte seine rauen Kämpferhände auf ihre sanften Wangen und blickte seine Prinzessin durchdringend an. „Es könnte zwar knapp werden, aber wir haben gute Chancen, wenn wir morgen früh aus dem Todesberg verschwunden sind.“

Sie nickte und schloss ihre Augen für einen Moment. „Und trotzdem habe ich mehr und mehr ein mulmiges Gefühl dabei zum Schloss aufzubrechen.“

„Wir haben keine andere Wahl...“, sagte er leise und wand sich näher, wollte nicht grob klingen, aber es war nun mal ihr vorbestimmter Weg. Es war ihr Schicksal.

„Ich weiß“, murmelte sie und küsste ihn auf die rechte Wange. Ihr Blick lief ungeduldig zu den beiden Treppenanfängen, wobei eine der Treppen wendelartig in die Höhe führte und die andere kreuz und quer, immer neben der Feuersäule ihre Bestimmung fand.

            „Du spielst mit dem Gedanken, dass wir uns aufteilen sollten, oder?“, fragte er leise.

Sie nickte. „Wenn du einverstanden bist.“

„Ich muss einsehen, dass es die beste Lösung, auch wenn ich dich nicht unbedingt alleine hier umherwandeln lassen möchte.“ Er grinste halbherzig.

„Es ist okay. Ich kann mich mit dem Fragment besser verteidigen als dir lieb ist, mein Link.“

„Gut, möchtest du die drei Räume im Erdgeschoss durchsuchen? Ich werde die teilweise durchbrochene Treppe nehmen, die kreuz und quer im Gewölbe entlang läuft.“

Sie nickte.

Er umarmte sie noch einmal und murmelte zögerlich: „Sei vorsichtig. Ich will nicht ohne dich auf die Erde zurückkehren“, sagte er matt.

„Keine Sorge, ich lass’ dich auf keinen Fall alleine gehen.“ Sie lächelte und küsste ihn verträumt. „Bis nachher, mein Herz.“ Und damit lief Zelda muterfüllt und schnellen Schrittes zu der ersten Tür des Erdgeschosses und verschwand dahinter.

 

Mit einem tiefen Atemzug schloss Zelda eine erste in die Länge gezogene Tür hinter sich und erforschte mit ihren himmelblauen Augen den vor ihr liegenden Raum. Ein stickiger, kahler Flur lag vor ihr und hielt sie davon ab, sich sofort auf Entdeckungssuche zu machen. Denn der Flur sah uneinladend aus mit stinkenden Rattenkadavern auf dem pfützenreichen Boden.

Verwesende Skelette schliefen ihren trostlosen Schlaf an den Seitenwänden. Aber das Schlimmste war die hohe Temperatur und die feuchte Luft. Klappernd hielt Zelda ihre bräunliche Öllampe vor sich und tapste langsam vorwärts. Jeder Schritt hallte in dem langen Gang und jeder eigene Atemzug beunruhigte sie, machte sie verdächtig. Lebendes Fleisch in einem alten Verlies wie diesem war schließlich immer Willkommen, vor allem dann, wenn ohnehin Knochenreste hier und da umherlagen und von einem grauenvollen Schicksal berichteten. Wie viele derer, die hier ihre Neugierde einnahmen, kamen wohl ums Leben?

            Zaghaft trottete Zelda voran. Ihre blauen Augen schillerten voller Erwartung und ihr Herz tobte in einem beklemmenden Rhythmus. Sie blickte nach rechts und links und erkannte auf jeder Seite drei Kerker, bevor der Flur mit einer weiteren Wand abschloss. Sie stellte ihre Öllampe vorsichtig am hinteren Bereich der Örtlichkeit ab und untersuchte zunächst die hinterste kahle Steinwand. Mit einem erleichterten Seufzen stellte sie fest, dass hier kein weiterer Zugang vorliegen konnte. Die Wände erzählten nichts von irgendwelchen Wegen und die Augen jener Geister, die in den Wänden hausten, zeigten der Prinzessin ebenso die lückenlose, endende Wahrheit über diesen Raum des Tempels. Denn Zelda sah mit den wissenden Augen der Geister, sie fühlte und erkannte.

Zufrieden packte sie wieder ihre geräuschvolle Öllampe und trat langsam in jedem der insgesamt sechs Kerker ein, wo feuchtes Heu, Pritschen mit durchlöcherten Laken und die abschreckendsten Folterinstrumente lagen.

,Wie ekelhaft’, dachte die junge Prinzessin und beschaute sich lederne Peitschen, quietschende Daumenschrauben und glühende Zangen, mit denen man hässliche Male auf die Haut rechtloser Opfer drücken konnte. Aber eines verwunderte sie schon...

Ihr Vater, Harkenia der Siebte, hatte damals jegliche Foltermethodenanwendungen untersagt, sogar die Todesstrafe hatte er abgesetzt. Weil sie als Prinzessin dies so wollte. Damals in ihrem geliebten Land Hyrule...

Warum also befanden sich derartige Instrumente in diesen viel zu engen Käfigen?

            Für einen kurzen, erschreckenden Moment blickte sie zurück durch die Zeit und sah aufgezwungen von der Vergangenheit, die entsetzlich in diesen Wänden hauste, Bilder der Qual. Sie sah, wie man Männer folterte, die nach sittenlosen Schandtaten strebten, um dunkle Gelüste zu befriedigen. Und eine merkwürdige Gewissheit schlich sich durch Zeldas Gemüt. Diese Folterungen waren weit vor der Zeit der Herrschaft ihres Vater Gang und Gebe gewesen. Es war Vergangenheit und oftmals war es gut, jene ruhen zulassen, um einen neuen Weg zufinden.

Genauso, wie Prinzessin Zelda Hyrule, ihr geliebtes Land, ruhen lassen müsste, wenn sie mit Link auf der Erdenwelt glücklich sein wollte. Und wie sie sehr dies wollte...

Ein verträumtes Lächeln setzte sich auf ihr ebenmäßiges Gesicht und sie begann den ersten kleinen Kerker zu durchsuchen.

 

Link balancierte sein Gewicht derweil mühsam und geschickt an breiten Abgründen, dort wo die Treppenstufen fehlten, an Wänden entlang, schwang sich mit Seilen über gefährliche Löcher und erreichte auf der halbzerstörten Treppe zunächst den dritten Stock. Und hier erkannte er mit einem Blick in die Höhe auch, dass es unumgänglich schien, die halbzerrüttete Treppe zu nutzen, weil sonst kein anderer Weg zu manchen Stockwerken führte. Ein weiterer entschlossener Blick ging aus den tiefblauen Heldenaugen umher, bis er eine ausgedehnte Tür öffnete, vor der er stand. Link trat behutsam ein und als er die Tür schließen wollte, stieß eine unsichtbare Macht jene zu und der Riegel sank nach unten. Verwundert und mit der Absicht sich den Fluchtweg offen zu halten, probierte Link feste, die Tür erneut zu öffnen. Aber sie war dicht. Ganz und gar verschlossen.

„Verfluchter...“, grummelte Link und zerrte wie bescheuert an dem dichten Schloss herum, bis er seufzte und seinen unerträglichen Hitzkopf unter Kontrolle brachte. ,Na gut. Vielleicht ist hier irgendwo ein anderer Fluchtweg oder ein Schalter’, sprach er zu sich und erforschte zunächst in aller Ruhe das große Gewölbe.

            Der Ort strahlte eine Form von Beruhigung aus, wirkte wärmend in den tiefen Verliesen eines Tempels, wirkte beinahe märchenhaft. Ein faszinierender, traumhafter Ort mit verzierten und goldenumrahmten Pfeilern und einer ungewissen eigensinnigen Faszination. Denn die alten Säulen waren umwuchert mit dem dürren Gestrüpp von verwelktem Efeu.

Aber das Merkwürdige an diesem Raum war, dass jene Pfeiler nicht durchgängig waren, sondern wie Stalaktiten zapfenförmig von der Decke hingen und den Boden nicht erreichten. Erstaunt wand sich der junge Heroe näher, war fasziniert und begeistert...

            Zusätzlich war in der Mitte ein Springbrunnen angelegt aus feinstem Marmor. Grinsend tapste Link in die Mitte des Raumes, konnte nichts Verdächtiges oder Ungewöhnliches hier ausmachen und hielt seine rauen, trockenen Kämpferhände erfrischend in das kühle Nass des Brunnens. Einige erfrischende Tropfen des springenden Wassers wirbelten in der Luft und befeuchteten sein Gesicht.

,Genüsslich. Einfach nur genüsslich’, dachte Link und schaute sich nach der kurzen Verschnaufpause weiter in dem mysteriösen Raum um. Er untersuchte die von der Decke hängenden Balken, beschielte jeden Ritz in den Wänden und lief nach Minuten des vergeblichen Suchens erneut zu dem weißen Springbrunnen. Wiederholt führte er seine warmen Hände in das kühle Nass, als dem Helden am Grund des Springbrunnens etwas auffiel. Ein Gegenstand lag dort in der Mitte des Brunnens, der sich nur verschleiernd im Wasser preisgab.

Ohne zu überlegen hüpfte Link hinein in das kalte Nass und stand bis zur Hüfte in dem Brunnenbecken. Er beugte sich nieder, umfasste den schillernden Gegenstand und hob ihn mit einem Ruck aus dem Wasser heraus. Link stapfte aus dem Brunnen heraus, hielt die Öllampe näher an den metallenen Gegenstand und betrachtete sich das Objekt von jeder Seite.

            ,Erstaunlich’, dachte er. Eine Münze. Er hielt eine goldene Münze mit einem hylianischen Zeichen aus der Vorzeit in seinen Händen. Eine alte Münze...

,Stimmt ja’, dachte der Heroe. Zelda hatte ihm berichtet, dass man zu früheren Zeiten in Hyrule auch mit Münzen gehandelt hatte, bevor man sich auf Rubine beschränkte. Ein altes, wertvolles Zahlungsmittel hielt er in den Händen. Was jene Münze wohl in dem heutigen Hyrule wert wäre?

Egal, jetzt müsste er erst mal einen Ausgang finden und dann würde er weitere von diesen Münzen sammeln. Denn von der Form und Größe her passten jene perfekt in die vielen Einkerbungen rundum die gigantische, hitzeverströmende Feuersäule. 

            Zelda plagte sich immer noch mit dem mühevollen Durchsuchen der sechs Gefängniszellen herum. Schnaubend erreichte sie die letzte und freute sich schon ironischerweise darauf, die dreckigen Laken, rostigen mit Blut behafteten Folterinstrumente und das müffelnde, schimmelnde Heu zu durchsuchen...

Aber dieser Zelle war aus irgendeinem Grund verschlossen, nicht so wie die anderen, wo quietschende Gittertüren Besucher einluden.

,Merkwürdig’, dachte die junge Prinzessin und probierte der Reihe nach ihre Schlüssel durch.

            Als sie einen richtigen gefunden hatte, stoppte sie plötzlich und schielte beunruhigter in die kleine Zelle hinein. Sie blickte genauer hin und glaubte schon, sie hätte wieder Halluzinationen oder andere Einbildungen, die sie in ihrem langen Umhergeistern im alten Hyrule schon oft genug durchlebt hatte. Als Folge ihrer goldenen Macht. Oder als Folge ihrer verwundeten Seele...

Denn sie hatte wahrhaft das Gefühl das Häufchen Heu hätte sich bewegt...

            ,Blödsinn, Zelda’, dachte sie. ,Du wirst verrückt.’ Zaghaft öffnete sie die schäbige Zelle. Und plötzlich raschelte es erneut und diesmal wusste die junge Königstochter: Es war alles andere als Einbildung. Mit einem Quieksen stolperte Zelda zurück und krachte an die gegenüberliegenden Eisenstäbe. Sie zog einen Dolch von ihrem Gürtel und wartete darauf, dass sich das Ungetüm preisgab.

            Erneute Funkstille. Das Rascheln war verschwunden. Und die junge Prinzessin hörte nur das leise Tropfen von dreckige, Wasser von der Decke. Sie biss sich auf die Lippe, umfasste den Dolch fester.

„Ich weiß, dass du da bist“, sagte Zelda tapfer und trat vorsichtig näher. Ihr Dolch blitzte gefährlich durch die stickige Finsternis der Zelle und war bereit dem vermeintlichen Monster die Kehle durchzustoßen. Aber wieder raschelte es bloß in dem verhältnismäßig kleinen Heuhaufen.

„Du hast es nicht anders gewollt!“, zischte Zelda, stürmte näher und trat rasch mit einem spitzen Absatz ihrer Stiefel auf das Heu und folglich auf die barbarische Ausgeburt der Hölle, die sich ein Spiel mit ihr erlaubte. Überraschenderweise piepste es mäuseartig und Zelda verzog die Augenbrauen. Dieses leise Piepsen klang so kleinlich und süß, dass es niemals von einer Bestie stammen konnte.

            Wissbegierig trat sie näher und murmelte leise: „Ist da jemand?“ Erneut ein süßes Piepsen, das sich in das rechtschaffene Herz eines guten Hylianers bohren konnte.

„Was bist du?“, sagte Zelda sanft und sie kniete jetzt nieder, überwand ihr Misstrauen und schob mit ihren bloßen Händen den Heuhaufen weg. Es schnurrte unter dem Heu und im nächsten Moment war es ein verzweifeltes Winseln. Vorsichtiger zupfte Zelda die Heustangen weg und erkannte ein schuppiges Gewand eines kleinen Wesens unter dem getrockneten Gras.

            „Hey...“, sagte Zelda verwundert und ein Lächeln regte sich auf ihrem Gesicht. Schwarzes schuppiges Fell gab sich preis und ein kleiner, schmaler Kopf hob sich in die Höhe. Dunkle, schimmernde Augen schauten suchend in ihre. Und ein Piepsen kam erneut aus einem schlangenartigen Mund mit vielen kleinen Reißzähnen. Zwei gekrümmte Hörner trug das Wesen auf dem Köpfchen und als Zierde besaß es eine weiche, buschige Mähne. Aber das, was dieses Wesen auszeichnete, waren zwei kleine schwarze Flügel auf der Rückenseite. Und die junge Prinzessin wusste, was sie vor sich hatte. Ein kleiner schwarzer Drache...

Nicht untypisch hier im Todeskrater. Denn dieser Ort war berühmt für die Anwesenheit jener magischen Wesen.

            „Ach, bist du süß. Komm’ her!“, freute sich Zelda und sie nahm das kleine Drachenbaby auf ihren Schoß. Es war fast schon so kugelrund, dass Zelda es als dick oder fett bezeichnen könnte. Aber es war einsam, das spürte sie.

„Was machst du denn so alleine hier?“ Die schwarzen Augen des Drachen sahen zu ihr auf, als ob es sie verstehen könnte. Es schnüffelte und hüpfte stolpernd zu der einen magischen Tasche an Zeldas Hüfte. Es quietschte und raunte, schlug mit den dürren, knochigen Flügeln und hüpfte hin und her.

„Ich verstehe, du hast Hunger und Durst.“ Zelda holte ein Stück Pökelfleisch aus ihrer Tasche und eine Flasche Wasser. Ohne zu warten verschlang der kleine Zwergendrache das Essen und schielte wieder mit großen, erwartungsvollen Augen in das hübsche Gesicht Zeldas. Mehrere Minuten verstrichen, in denen das kleine Wesen die Prinzessin musterte, bis sich ein genügsames Lächeln auf Zeldas Gesicht regte.

            „Was ist?“ Plötzlich piepste es und japste heftiger. Aufgeregt hüpfte es hin und her und kroch in die hinterste Ecke der Zelle.

„Hey... was ist denn los, Kleines?“, sagte sie. Es wedelte unruhig mit den Flügeln und zappelte ständig. Den Wink so allmählich begreifend schaute Zelda nach hinten. Und da türmten sich zwei hochgewachsene Knochengänger hinter ihr auf und stießen mit ihren Speeren unbeholfen nach vorne.

Schreckhaft hüpfte Zelda nach oben und überwand mit der magischen Kraft ihres Fragmentes für einen Augenblick die Schwerkraft. Wie eine Göttin schwebte Zelda in den Lüften. Ihr blondes Haar aufgewirbelt und schimmernd. Ihre Augen leuchteten erhaben und spektakulär. Eine Handbewegung mit jener Hand, die das Abzeichen tief verborgen in sich trug, genügte, und zwei goldene Seile aus Zeldas Licht schnürten sich um die beiden lebenden Skelette, rissen ihre durch Böswilligkeit zusammengehalten Knochen wieder auseinander und zerfetzen sie genugtuend.

            Zelda berührte mit ihren Zehenspitzen wieder den Fußboden und hörte immer noch das Trommeln ihrer Macht in den Gliedern. Wenn sie nicht aufpasste, dann würde jene Macht sich selbstständiger machen als es der Trägerin des Fragmentes für Weisheit lieb war...

            Das Drachenbaby kam angehüpft und segelte unbeholfen mit dem runden Bauch auf Zeldas Schultern und krallte sich an ihrem Umhang fest.

„Du möchtest mit mir kommen?“ Die dunklen Augen leuchteten wieder und Zelda griente herzhaft.

„Sicher“, sagte sie und nickte. „Ich hätte dich sowieso nicht hier gelassen. Aber vorher müssen wir den letzten Kerker noch durchsuchen. Es wird Zeit, dass ich finde, wonach ich suche.“ Das kleine, magische Wesen gab ihr einen Schlecker mit der schwammigen Zunge, worauf Zelda breit grinste und laut auflachte.

            Wie mit einer Lupe suchte Zelda akribisch den Kerker durch und fand tatsächlich etwas Ungewöhnliches, was in keinem der Kerker bisher vorhanden war. Unter der stinkenden Pritsche stand eine kleine Schachtel aus Holz gefertigt. Ohne weitere Überlegungen öffnete die Prinzessin den Behälter und entdeckte in müffelnden Tüchern eine glänzende, goldene Münze in dem Innenraum, versehen mit einem Schriftzeichen aus einer Vorzeit... 

 

Genau in jenem Moment kletterte Link behände ein sicheres Eisengitter hinauf, das Erbauer am hinteren Bereich des märchenhaften Raumes mit den Säulen an die Wand gezimmert hatten. Schnaubend zog er sein Gewicht nach oben, verharrte einen Moment und schielte besorgt hinab, hoffend, das Eisengitter hielt sein Gewicht und die Schrauben, Klammern und ähnliches, mit dem man das Gitter befestigt hatte, würden ihn dulden.

Zug und Zug kletterte der Heroe nach oben und entdeckte fast am Ende des Gitters freudig eine Tür, die ins Leere führte und die sich nach innen öffnen ließ. Mit einer Hand umfasste er die Klinke und schob die Holzplatte der Tür ins Innere. Seufzend bewegte der Held sein Gewicht in den Eingang und tat als erstes nichts anderes als sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

,Was für eine Hitze’, murrte er in Gedanken. Denn mit jedem höheren Stockwerk stieg die Temperatur verdächtig an. Mit einem gehässigen Grinsen erschuf der Heroe den Gedanken daran, dass es im achten Stockwerk wohl ziemlich unangenehm sein könnte... 

            Ein langer Flur lag vor ihm, wo sogar eine alte, von Holzwürmern zerfressene Kommode stand. Überall waren die Löcher des Gewürms zufinden. Wahrlich ein Wunder, dass jene Kommode noch nicht in alle Einzelteile gefallen war. Sorgfältig schaute Link die vielen Schubfächer durch und fand eine zweite Münze, ähnlich zu der, die bereits in seinem Besitz verweilte. Aber eine andere Eingravierung war darauf zusehen. Ein anderes hylianisches Zeichen. Zufrieden verstaute er es in einer ledernen Gürteltasche und begab sich zu dem anderen Ausgang des Korridors.

            Einmal mehr erreichte der Heroe das hohe Gewölbe mit der langen, verschlingenden Feuersäule. Von hier oben aus, dem nunmehr vierten Stockwerk der Weisenstätte sahen die kreuz und quer verlaufenden Treppenstufen noch verwirrender aus und endeten gelegentlich an der metallischen Wendeltreppe, die dicht an der festen Seitenwand hinaufführte. Einige Seile waren hier oben gespannt und überbrückten Bereiche, zu denen man mittels der Treppen nicht hingelangen konnte und bis oben an der Decke gab es eine zusätzliche Tür, die wie eine Dachluke aussah...

            Mit leichter Besorgnis blickte Link nach unten und hoffte inständig, dass mit Zelda alles okay war. Wie gerne hätte er sie jetzt direkt hier, in seinen Armen... Ein verliebtes Grinsen setzte sich auf sein Heldengesicht, als er Zeldas märchenhafte Augen vor sich sah. Ihr sanftes Lächeln. Ihre teuflisch roten Lippen. Er schüttelte den Kopf und begab sich zum nächsten Raum hier im vierten Stockwerk. Denn dann, wenn alles ausgestanden wäre, wenn sie Ganondorf besiegt hätten, könnte er seine Prinzessin so lange in den starken Armen halten wie er wollte. Und dann würde er sie nie wieder gehen lassen... 

            Er überprüfte die Stärke und Rissfestigkeit eines Seils, welches knapp neben der Feuersäule zu einem kleinen Vorsprung führte, wo sich die zweite Tür des Stockwerkes befand. Link zerrte mehrmals daran, bis er den Mut fasste sich an dem Seil über die nahe Feuersäule zu hangeln. Stückchenweise hangelte er sich voran, spürte die lästige Hitze des Tempels beinahe unerträglich werden. Schweiß tropfte von seiner Stirn und lief ihm in die Augen.

„Verdammt“, brüllte er, weil er keine Hand frei hatte, sich über die Augen zu fahren. Er verharrte einige Sekunden in seiner Haltung und seilte sich weiter über die erschreckende Höhe, kämpfte und kämpfte. Für seine Ehre und das wahre Gesicht des Helden der Zeit.

            Nach mehreren Minuten hatte er das kleine Plateau erreicht und sank erst mal erleichtert auf die Knie. Er trank einen Schluck Wasser, riss sich die durchgeschwitzte Tunika vom Leib und trottete bloß noch bekleidet mit dem Kettenhemd, dem weißlichen, langärmligen Wams und der blassblauen Hose umher. Genervt stopfte er die Tunika in die magische Tasche, schöpfte neue Willenskraft durch einen Gedanken an Zelda und trat vor die nächste Tür. Es handelte sich um ein Tor, so groß war der Eingang vor ihm und viele Verzierungen waren in das Holz eingearbeitet. Die Pforte wirkte beinahe unnötig hier in einem gefahrvollen Tempel wie diesem und es schien als gehörte jene Tür überhaupt nicht hierher. Voller Erwartung riss der Heroe die kunstvolle Pforte auf und verschwand mit Entschlossenheit dahinter.

            Und da wusste er noch nicht, dass in jenem Moment für ihn ein verwirrender Alptraum in diesem Tempel begann...

Ein entsetzlicher Alptraum, den eine vernichtungssüchtige Kreatur nur für ihn vorbereitet hatte. Nur für ihn und die Sehnsüchte in seinem Herzen.

            Entscheidende Momente würden geboren werden. Momente, in denen der Held sein Grab finden könnte und alles hing von seinem Handeln ab. Alles war nun an sein Urteilsvermögen, seine Ideale und die wahren Gefühle der Liebe in seinem Herzen geknüpft...

            Gerade schloss er die Tür und wand seinen Blick simultan zu dem mit kleinen Lichtquellen erhelltem Raum vor ihm. Wie benebelt blieb er an Ort und Stelle stehen und schaute irritiert umher. Ein Himmelbett mit vielen rubinroten Schleiern lag vor ihm und rundherum waren für romantische Stimmung unzählige Kerzen aufgestellt. Link nahm einen tiefen Atemzug und trat näher, erkannte eine schattenhafte Gestalt, die sich in jenem Bett befand und sie war nur andeutungsweise sichtbar durch die vielen roten Schleier.

            „Hallo... Ist da jemand?“ Aber Link erhielt keine Antwort, obgleich er sehen konnte, dass die Gestalt in jenem Himmelbett sich bewegte. Selbstbewusst wagte sich der junge Heroe näher und öffnete vorsichtig die Schleier. Welche wunderbar weicher Stoff. So samt umspülte er abgenutzte Kämpferhände...

Als er das rotfarbene Gehänge zur Seite geschoben hatte, entdeckte er mit herrlicher Verwirrung und ohnmachtsverführerender Überraschung einen anmutigen, wunderbarweiblichen Mädchenkörper. Nackt und ohne Harm.

Sie kämmte sich lange, goldene Haare, die offen über ihren Rücken fielen und begann mit einer lieblichen Stimme zu summen, die Link jede Beherrschung verlieren ließ. Diese einprägsame Stimme, so zart und einschneidend wagte sie sich in tiefste Kämmerchen seines Herzens. Diese sehnsuchtsvolle Stimme, mit der ein ganzes, großes Abenteuer angefangen hatte.

            „Zelda? Was machst du denn hier?“, murmelte er und krabbelte über das Bett zu seiner Prinzessin heran, nahm sich die Bettdecke und legte jene über ihren vollständig entblößten Körper.

„Bei Nayru, Zelda. Du bist ganz und gar entkleidet und das in diesem Tempel?“ Link konnte noch gar nicht fassen, was seine Prinzessin hier tat. Was, wenn sich ein Monster mit dunklen Gelüsten hier herumtrieb. Sie konnte doch nicht einem ahnungslosen Moblin ihr sündhaft schönes Abbild zeigen! In dem Augenblick drehte sie sich verwundert nach ihm um und lächelte so tiefgehend, dass Link das Gefühl umfing, er würde auf der Stelle zerschmelzen. Dieser Blick ließ ihn auf Wellen von Lust und Leidenschaft segeln und sie wusste es noch nicht einmal...

            „Mir war einfach zu... heiß...“, murmelte sie. „Die Temperatur ist nicht zu ertragen...“

„Und da setzt du dich vollkommen nackt in dieses Bett und kämmst dir seelenruhig deine Haare. Herrje, Zelda.“

Sie ließ die Decke wieder von ihren Schultern sinken, drehte sich um und umschlang ihren Liebsten.

„Außerdem brauchte ich eine Pause.“ Link schoss vor plötzlicher Anspannung und Überforderung angesichts ihres nackten Körpers das Blut in den Kopf. 

„Wie bist du überhaupt hierher gekommen?“, wollte er wissen und ignorierte zunächst ihre Anzüglichkeiten. Sie antwortete nicht und knabberte an seinem Hals.

„Zelda...“, murmelte er, hin und hergerissen auf ihre Zärtlichkeiten zu antworten. Aber er konnte nicht, nicht unter diesen Umständen. Immerhin befanden sie sich in einem gefährlichen Tempel. Ausgerechnet hier mit Zelda Zärtlichkeiten auszutauschen, war alles andere als richtig. Er umfasste sanft ihre Handgelenke und blickte tief und durchdringend in ihre Augen.

„Zelda. Unsere Mission geht vor. Das weißt du...“

Sie blickte traurig auf. „Aber ich hatte doch bloß Sehnsucht nach dir... nur ein wenig... okay?“ Noch ehe er sinnvoll antworten konnte, streichelte sie mit ihren Lippen die seinen und wurde mit jeder weiteren Sekunde grober. Sie drückte ihn auf die weiche Matratze und saß in ihrer herrlichen Nacktheit nun auf ihm, spielte ungeduldig an dem Kettenhemd. Aber Links Blick finsterte sich.

Er war sich sicher, dass seine Zelda hier in dem Himmelbett lag und ihn gerade verführen wollte und doch war an der Situation irgendetwas gekünstelt, unecht... Irgendetwas stimmte nicht...

            Er richtete sich wieder auf, drückte sie sanft von sich weg und ließ langsam die Beine von der Bettkante baumeln. Er grübelte verbissen nach Sinnhaftigkeit, konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging und spürte erneut Zeldas Hände, die begannen auf seinem Bauch zu spielen. Ihr nackter Körper lehnte sich anschmiegsam gegen seinen Rücken und ihre Lippen senkten sich an seinen Hals.

„Link... sag’ mir, was dich bedrückt.“

„Spürst du das nicht? Irgendetwas an der Situation ist mir schleierhaft... Dieses Schlafzimmer in einem Tempel?“

„Vielleicht träumst du ja bloß, mein Held.“

„Ich träume?“

„Mmh...“, seufzte sie und umschlang ihn von hinten mit ihren Beinen. Er konnte nicht anders als über die weiche Haut ihrer Schenkel zu streicheln und spürte ihre Gänsehaut verursacht durch seine Berührung.

„Ist das nicht zu schön, um Realität zu sein?“, summte sie und fuhr mit einer Hand unter das Wams und mit der andere wollüstig zu seinem Schritt.

 

Indes schlüpfte die wahre Zelda durch ein kindsgroßes Türchen, zwängte sich fluchend hinein und erreichte einen leergefegten Innenraum. Nichts befand sich hier. Kein Schrank. Keine Truhe. Keine andere Tür. Nur ein leerer Raum mit sandigem Boden.

Das Drachenbaby hüpfte piepsend von Zeldas Schultern und flog in die Mitte des Raumes, wo es sich hinhockte und mit aufmerksamen Augen zu der jungen Prinzessin schaute.

„Was willst du mir jetzt damit sagen, Kleines?“ Der kindliche Drache piepste, raunte und jaulte, bis er mit seinen Vorderpfoten auf dem Boden scharrte.

„Soso... Ich soll’ wahrscheinlich mitmachen, was?“ Der kleine, kugelrunde Drache nickte, worauf die junge Prinzessin stracks damit begann von vorne nach hinten den trockenen Sand des kleinen Raumes mit bloßen Händen umzugraben.

            Sie buddelte seit nunmehr zehn Minuten in dem staubigen Sand umher, fühlte das trockene Zeug überall kleben und fand schließlich als Belohnung ihrer mühevollen Maulwurfarbeit eine weitere goldene Münze.

 

Link vergnügte sich inzwischen in irgendwelchen Traumgebilden mit viel angenehmeren Dingen. Zusammen lagen er und seine Prinzessin aneinandergekuschelt in dem gemütlichen Bett, küssten sich und streichelten einander in nie da gewesener Wonne. Sie verwöhnten sich und beließen es bei zärtlichen Streicheleinheiten. Nicht mehr... und nicht weniger...

„Zelda.“

„Mmh?“, murmelte sie entzückt und küsste ihn träumerisch.

„Diese Minuten mit dir waren schön, aber ich finde, wir sollten jetzt aufbrechen.“

„Ich kann dich nicht gehen lassen“, sagte sie ernster und ihre Augen funkelten immer ungewöhnlicher, so als ob sie tatsächlich nur ein Traumwesen war, nicht erfahrbar, bloß real in einem Traum, wo sich seine Sehnsüchte erfüllten.

„Warum nicht?“, murmelte er, richtete sich auf und zog sich Hose, Wams und Kettenhemd wieder an. Sie lachte und lächelte verspielt.

„Zelda... Das ist nicht lustig. Die Mission!“, meinte er ebenso ernster und schaute verwundert umher.

„Wo sind überhaupt deine Kleider hin?“ Wieder lachte sie, richtete sich auf und ihr Körper zerflog plötzlich in Tausend kleine Scherben. Es klitterte in dem Schlafzimmer. Es krachte donnernd und Link wurde von magischen, dunklen Böen quer durch das Zimmer geschickt und landete knackend an einer Seitenwand.

„Verflucht!“, kreischte er schmerzverzerrt und schüttelte den Kopf. Er richtete sich auf. Sein Blick fiel umher.

„Zelda?“, rief er entsetzt und hastete zu dem Bett, aber auch jenes löste sich plötzlich auf und die Gegenstände des Raumes, in welchem er vorher noch sinnliche Wärme genossen hatte, waren verschwunden.

„Zelda!“, rief er erneut, so laut, dass seine Prinzessin, die im ersten Stockwerk stand, eine Spur des Rufes gehört hatte.

 

Verwundert richtete Zelda sich auf, fühlte Sorge um Link erwachen und trat zunächst aus dem kleinen Räumchen heraus, schaute mit Unruhe hinauf zu der langen Feuersäule und fragte sich inständig, in welchem Stockwerk ihr Heroe wohl angelangt war. Sie liebte ihn aufrichtig, auch, wenn sie es bisher noch nicht fertig gebracht hatte ihm dies zu sagen. Zudem freute sie sich nahezu fieberisch auf den Abend... auf seine Nähe... die Stärke seines Körpers... seine Küsse...

            Zielstrebig nahm sie sich den nächsten Raum vor und suchte nach einer weiteren alten Münze.

 

Der junge Heroe stand nun alleine in einem leeren Raum und nirgendwo war eine Spur von Zelda oder ein Bett. Auch die vielen Kerzen waren verschwunden. Er erinnerte sich langsam daran, was Zelda ihm gesagt hatte, was sie vor wenigen Minuten mit ihrer süßen Stimme erklingen ließ. ,Vielleicht träumst du ja bloß, mein Held.’

Hatte er tatsächlich für wenige Minuten geschlafen? Wie unsinnig... Er musste wohl einfach eingepennt sein, die einzige Erklärung für die momentane Verwirrung, die ihn umfing. Obwohl sich Zelda in jenem Traum mal wieder so nah und so real anfühlte. Aber er hatte ja schon mehrere Träume von Zelda und ihm. Konnte es sein, dass die unerträgliche Hitze ihn verlockt hatte, einzuschlafen? Und was gab es schöneres als von einer wundervollen Prinzessin zu träumen, die ihn verführen wollte?

            Link schüttelte den Kopf und grinste. ,So ein Quatsch’, dachte er. Es gab im Augenblick soviel Wichtigeres als Zelda und ihren reizenden Body. Und das Lustigste war, dass sie selbst nicht einmal wusste, wie herrlich erotisch sie auf ihn wirkte. Erneut schüttelte Link den Kopf und kratzte sich an der Stirn. ,Himmel, was war er doch verliebt.’ Denn andauernd dachte er an die vielen faszinierenden Eigenheiten seiner Prinzessin und konnte einfach nicht genug davon bekommen. Ob das noch gesund war, fragte er sich.

            Und gerade in jenem Augenblick krachte ein kleiner Gegenstand von oben direkt auf seinen blonden Schopf. „Autsch“, fluchte er und rieb sich über den Schädel, hörte es hinter sich klimpern und entdeckte eine der goldenen Münzen, die die Mission ein Stückchen voranbrachten. 

            Aber so schön diese erste Herausforderung des Schreckens gewesen war, so wusste im Hintergrund eine teuflische Kreatur sehr genau, wie sie weiterhin vorgehen würde um die zwei edelmütigen Hylianerherzen zu zerstoßen. Es war alles nur eine Frage der Taktik. Eine Frage huldigender, bösartiger Illusionen.

            Illusionen, die den Wahnsinn in einen rationaldenkenden Verstand tragen konnten.

Illusionen, die man von der Wirklichkeit nicht unterscheiden konnte und die nur einen Zweck erfüllten: zu verwirren, zu foltern und das Vertrauen in liebende Menschen zu zerstückeln...

 

Erwartungsfroh und guter Stimmung wagte sich die junge Prinzessin in einen weiteren düsteren Raum hinein, den letzten Eingang, der hier im Erdgeschoss zu finden war. Es handelte sich um eine verschlossene Holztür. Sie knackte unangenehm, als Zelda an dem Türgriff rüttelte. Sie knackte so merkwürdig, als würde sie gleich in sich zusammenfallen. Ein kleiner Schlüssel mit vielen Zacken passte und die junge Königstochter trat vorsichtig herein, entschlossen die nächste Hürde zu meistern. Das kleine Drachenbaby hüpfte wie ein Hündchen hinter ihr her und piepste leise.

            Als sie in der Dunkelheit des Raumes ihre Öllampe entzündete, staunte sie nicht schlecht. Vor ihr lag ein langer Saal, genauer ein Esszimmer mit einer geschmackvollen Tafel. Der gesamte Saal war geschmückt und überall standen die faszinierendsten Gegenstände. Ein Globus. Ein Mikroskop. Bücher. Teller auf dem langen Tisch mit goldenem Besteck. Holzscheitel gestapelt in einer Ecke. Und überhaupt sah der Raum sehr unordentlich aus, so als hätte jemand ihn hektisch verlassen müssen. Selbst die zwei Schwerter, die eigentlich an den Wänden hingen, lagen auf dem kalten Steinboden...

Und eine weitere Sache rückte in Zeldas Aufmerksamkeit. Die vielen Gegenstände standen immer dort, wo sie nicht unbedingt hingehörten. So zum Beispiel das Besteck. Es lag kreuz und quer in der Mitte der Tafel anstatt neben einem Teller. Ein Stuhl mit hohen Lehnen war in eine Ecke geschoben worden. Und das war nur ein Bruchteil dieses gesamten Wirrwarr.

            Zaghaft lief die junge Prinzessin in Richtung des Kamins, wo sogar noch glühende Kohlen dampften. Echt seltsam bei den ohnehin hohen Temperaturen in diesem Tempel. Mürrisch krallte sie sich einen nahestehenden Wassereimer und löschte die glühenden Kohlen damit. Feuchter Dampf schlug ihr entgegen und die glühenden Kohlen erkalteten. Sie wand ihr Abbild wieder dem langen Saal zu und überlegte. Irgendwo in diesem Raum musste sich eine goldene Münze verbergen. Und so begann die Prinzessin Hyrules den Raum sorgfältig zu durchsuchen.

            Viele verschwendete Minuten vergingen und Zelda wusste sich keinen Rat mehr. Sie hockte sich auf einen der breiten Stühle und grübelte. Sie ärgerte sich... Jede Ecke und jede Schublade hatte sie erkundet, aber nirgends war eine Münze. Dabei war sie sich beinahe felsenfest sicher, dass sich hier in diesem gemütlichen Raum eine verbergen musste.

„Weißt du einen Rat?“, murmelte sie und schaute ergründend in die schwarzen Drachenaugen. „Du hast ein paar merkwürdige Augen für einen Drachen.“ Sie streichelte über sein Köpfchen und durch die glänzende, etwas hellere Mähne. Zeldas himmelblaue Augen wanderten wieder in jenem Raum umher und sie suchte nach einer Erklärung. Im Grunde war der Raum eine einzige Katastrophe. Nichts war an seinem Platz, alles würde man umräumen müssen, damit jener Ort wieder eine ordentliche Funktion erfüllen konnte.

Umräumen...

            Das Drachenbaby quiekste wieder, öffnete sein Maul und entließ einen Dampfstrom. Eine hässliche, müffelnde Wolke entkam seinem Mund und vielleicht ärgerte es sich selbst darüber noch zu junge zusein, um Feuer zu spucken. Es hüpfte piepsend auf die lange Tafel, nahm sich einen Löffel und schob diesen mit der feuchten Nase zu einen der Porzellanteller. Es räumte auf, dachte Zelda. Das Drachenbaby ordnete die Gegenstände in jenem Saal. Aber warum? War das etwa das große Rätsel? Einfach alles an seinen Platz räumen?

            Wie ein geölter Blitz hetzte Zelda auf und begann damit die vielen Löffel, Gabeln und Messer in richtiger Reihenfolge um die Porzellanteller zu legen. Dann machte sie sich daran alte Bücher, die auf dem Boden lagen nach dem hylianischen Alphabet in das Regal einzusortieren. Derweil jubelte das Drachenbaby und es schien beinahe so, als wollte es Zelda den Weg weisen, ihr mit kleinem Kopfnicken oder anderen niedlichen Gesten sagen, was es nicht konnte. Das Drachenbaby schien sich an jenem Ort auszukennen und es würde auch in den nächsten Stunden, vielleicht in anderer Form, sehr hilfreich sein...

            Mühevoll hängte Zelda die Schwerter, Speere und Äxte an die Seitenwände, wo verschiedene Haken dafür angebracht waren. Was fehlte noch, fragte sie sich. Ah ja, der Stuhl. Und sie schob mit irrsinnigem Quietschen die altmodische Sitzgelegenheit an seinen vorbestimmten Platz an der langen Tafel. Richtig... das Feuerholz musste auch noch neben den Kamin gestapelt werden. Auch diese Aufgabe bewältigte Zelda, aber erneut gab es kein Ereignis, kein Mechanismus, der durch dieses Umsortieren in Gang gebracht werden konnte. Und die Münze jenes Raumes blieb weiterhin verschollen.

            Bedacht schielte die Prinzessin in jede Ecke und beobachtete dann den kleinen Drachen, der seine Flügel einsetzte, ein Stück flog und dann piepsend auf den Globus krachte, der nicht weit entfernt vom Kamin stand.

„Ja, aber wohin räumen wir diesen Globus?“, meinte Zelda und setzte eine Hand an ihr kleines Kinn. Das Drachenbaby setzte wieder zum Flug an, hob sich spärlich mit dem dicken Bäuchlein vom Boden ab und purzelte unglücklich hinein in den kalten Kamin.

„Du Dummerchen“, rief Zelda, hastete näher und nahm das mit Ruß beschmutzte Drachenkind wieder auf ihren Schoß. Sie wischte mit einem Tuch über sein schuppiges Gewand und es fing allerliebst mit Schnurren an.

„Was mach’ ich nur mit dir? Ich werde dich wohl kaum mit auf die Erde nehmen können... aber hier im toten Hyrule kann ich dich auch nicht lassen“, seufzte sie, worauf die großen, schwarzen Augen sie wieder musterten.

„Schon gut, Kleines. Wir finden eine Lösung. Link wird sicher wissen, was zu tun ist“, sagte sie festigend und dachte erneut an ihren Heroen.

            „Also, was wolltest du mit dem Kamin?“ Und Zelda schwenkte ihren rechten Arm wieder zu dem alten Globus. Der Drache piepste und schlug mit den fächerartigen Flügeln. Sein Köpfchen reckte sich in die Höhe. Er brachte sein schweres Gewicht einige Zentimeter in die Höhe und flog wieder genau auf den Kamin zu. Diesmal landete es auf dem Kaminsims und strahlte die Prinzessin mit frohen leuchtenden Augen an.

„Aha, verstehe... der Globus gehört auf dieses Brett.“ Zelda räumte den Globus und schließlich auch das altertümliche Mikroskop auf jenes. Aber immer noch tat sich nichts.

            Daraufhin suchte Zelda nochmals in aller Ruhe die Schubladen eines kleinen Regals in der hintersten Ecke durch und fand eine weitere Sache, für die es einen Platz gab. Über dem Kamin waren zwei Haken und dieser Gegenstand passte perfekt dorthin. Es war eine alte, große Karte des Tempels. Genügsam befestigte die Hylianerin die Karte an ihrem vorbestimmten Ort und erkundete mit neugierigen Augen die Karte. Aber jene war ziemlich grob und weniger hilfreich, dachte Zelda.

            Plötzlich gab es ein lautes Geräusch direkt vor ihrer Nase. Im Kamin öffneten sich zwei schwere Türen, klapperten und etwas kleines, rundliches purzelte hinein in die erkaltete Kohle. Zaghaft nahm Zelda den Gegenstand an sich, lächelte und hielt eine weitere Münze in ihren Händen.

 

Seit mehreren Minuten hing der erschöpfte Heroe nun schon an nervtötenden Seilen und beförderte sein Gewicht über Abgründe hier und da. Mühevoll versuchte er einen Weg in das sechste Stockwerk zu finden. Aber weder die Wendeltreppe an der Steinwand führte zu jener Tür des sechsten Stockwerkes, noch die merkwürdigen Treppenstufen, die sich hin und wieder finden ließen. Der einzige Weg führte über Seile und diese brachten Link bald zum Wahnsinn. Ausgelaugt hangelte er sich neben der glühendheißen, zornigen Feuersäule entlang, die wie eine Fontäne in die Höhe schoss und versuchte durch die brütende Hitze nicht das Bewusstsein zu verlieren.

            Gerade da kam Zelda aus dem verwirrenden Speisesaal herausgetreten und blickte in die schwindelerregende Höhe. Freudig entdeckte sie ihren Liebsten an einem Seil hängen und er bewegte sich stückchenweise voran.

„Link!“, rief sie und machte sich mit Handbewegungen kenntlich. Er hörte ihre sanfte Stimme. Wie sollte er auch nicht? Es war ihre milde Stimme, die ihn dazu brachte unmögliches zu tun. Grinsend schaute er in die Tiefe und entdeckte seine Prinzessin ohne Harm dort unten stehen. Sie hatte etwas auf dem Arm, aber er konnte nicht erkennen, was es war...

„Wie viele Münzen hast du?“, rief sie.

„Drei“, brüllte Link und beförderte sein Gewicht hangelnd weiter. „Und du?“

„Auch drei. Halte dich ran, mein Held!“, rief sie anspornend und nahm die Wendeltreppe, die sie ins erste Stockwerk führte.

Denn hier im ersten Stockwerk war ebenso eine Tür vorhanden, von wo aus man in einen weiteren Abschnitt der Weisenstätte gelangte. Und über eine steinerne Brücke würde Zelda eine zusätzliche Pforte erreichen. Zwei neue Gefahren, die auf sie warteten. Geduldig verschwand sie mit dem Drachenbaby hinter einer runden, kleinen Tür.

            Eine brenzlige Aufgabe wartete hinter der runden Tür auf sie. Ein kleiner tiefer Teich lag vor ihr und verschiedene Sensen schoben ständig gewaltige Wassermassen zur Seite. Scharfe Klingen, die sie umgehen müsste, wenn sie an den Grund tauchen wollte.

            „Bleib’ hier, okay!“, sagte Zelda lächelnd und wies das Drachenbaby an, sich nahe der Tür aufzuhalten.

Stolz und standhaft blieb Prinzessin Zelda vor dem Teich stehen, faltete ihre Hände mit kleinen Abständen zueinander und schloss die Augen. Es prickelte in den Händen. Macht floss wie flüssiges Metall an ihren Händen entlang, tropfte wasserförmig nieder und kroch schlangenartig hinein in das gefährliche Nass mit den vielen Fallen.

            Die Sensen stoppten durch dünne Fäden der heiligen Magie der siebten Weisen. Ruhe bewahrend umhüllte sich die Prinzessin mit einem zusätzlichen, blauschimmernden Schutzschild und tauchte langsam an den Grund des stinkenden Tümpels. Ausdauernd suchte die Hylianerin am Grund nach etwas auffälligem und fand einer weitere Münze für ihre Sammlung.

Mit einem lauten, tiefen Atemzug tauchte Zelda auf, schwamm an den Rand des Teiches und krabbelte auf festen Boden. In dem Augenblick schossen die Sensen wieder gierig und mörderisch durch das dreckige Wasser und setzten ihr grausames Tun fort.

            Zelda hingegen lief mutig und strotzend vor Kraft zu dem Drachen, der schwanzwedelnd auf sie wartete. Als sie aber vor der runden Tür stand, war irgendetwas anders. Sie fühlte ihren Kopf schmerzen und stützte sich zaghaft an einer Steinwand ab.

Sie schnappte nach Luft und fasste zitternd an den Riegel der Tür. Sie rief nach ihrem Liebsten und knickte dann wehrlos mit ihren Knien ein. Ein Sturz und ein Poltern und der Körper der Prinzessin Hyrules lag leblos hinter verschlossenen Türen des ersten Stockwerks...

 

Endlich hatte der junge Heroe nach mühseligem Klettern die Tür seines Wunsches erreicht. Der einzige Eingang im sechsten Stockwerk.

Er schnaubte und tankte heftig Luft in seine Lungen. Dieses Gehangel über dem Abgrund machte nicht nur nervös, sondern zehrte extrem an seinen Kräften...

Link öffnete die vor ihm liegende Öffnung vorsichtig und wurde ebenso wie Zelda von finsteren Gedanken und Abgründen verschluckt. Seine schmerzenden Füße suchten nach der Erde hinter der Tür. Aber es gab keinen...

Noch ehe Link verstehen konnte, was vor sich ging, stürzte er schreiend in die Tiefe und kam krachend wenige Meter weiter auf. Längs lag er da. Seine Knochen taten ihm alle weh und er richtete sich gerade so auf.

,So was gemeines’, dachte er und rieb sich zunächst die Augen. ,Die Baumeister des Tempels hatten wohl Lust ihre Besucher sehr schnell loszuwerden’, zürnte Link in Gedanken und zwang sich auf seine Beine.

Das Licht der kleinen Öllampe warf den wärmenden Schein umher und in dem Augenblick erkannte Link auch, in welchen Schlamassel er nun hineingestolpert war. Und dieser Schlamassel war alles andere als harmlos...

Ein riesiger Käfig mit breiten Gitterstäben umgab ihn und nur ein Weg führte hinaus. Die kleine Tür wenige Meter oben. Link schüttelte den Kopf, dachte aber gleichzeitig selbstlos daran, wie gut es war, dass er dieses Hindernis überstehen müsste und nicht seine Prinzessin...

            Sorgsam machte er sich auf die Suche und lief von einer Ecke des Käfigs in die nächste, fühlte die Anwesenheit von bösartigen Dämonen mit ihren rüstigen Kämpferstaturen, ihren peinigenden Blicken und dem dummen Gezische. Irgendetwas lauerte hier und Link blickte überprüfend hinauf an die Decke. Auch dort war die Luft sauber. Was also sollte er in diesem Riesenkäfig? Sich keinen Rat wissend, kletterte er wieder zurück zu der Tür. Aber gerade, als er jene erreichte, wurde sie von unsichtbaren Kräften geschlossen und der Käfig wackelte. Schreiend fiel Link hinab, rollte sich geschickt über den Boden und zog das scharfe Stahlschwert von Leon Johnson aus der verzierten Schwertscheide.

            „Willkommen in diesem Tempel!“, zischte eine tiefe Stimme und ihr absurder Klang hallte in dem Käfig umher wie ein Kuckucksrohr.

„Wer bist du?“, rief Link der Stimme ohne Gestalt entgegen.

„Willst du das wirklich wissen, armselige Wiedergeburt eines Helden?“

Link knurrte auf diese Worte und rief drohend: „Ob du dich nun preisgibst oder nicht. Sterben wirst du sowieso durch meine Klinge!“

„Das werden wir sehen, Nichtsnutz.“ Link setzte das Schwert in die Höhe. Der blanke Stahl blitzte auf, als hätte er eine Seele.

„Hör’ auf zu quatschen und mach’ dich kenntlich!“

„Weißt du, was deine ach so geliebte Prinzessin in dem Augenblick erleidet?“ Entsetzten trat in Links Augen und Angst um Zelda.

„Wenn du es wagst, sie anzufassen, ist das dein Todesurteil.“

„Anfassen?“, klang er hallend. „Nein, das ist mir zu wider. Das einzige, was ich beabsichtige, ist, ihre Seele zu zerbrechen. Wie ein Strohhalm wird sie brechen. Und wie schöner geht das als mit einem gebrochenen Herzen?“

„Gib’ dich endlich zu erkennen, du Biest!“, rief Link und blickte hastig in jede Ecke des Käfigs, aber der Unhold war nicht hier, war möglicherweise nur auf einer anderen Ebene überhaupt erfahrbar.

„Keine Sorge, du wirst mich schon noch sehen. Aber vorher spielen wir!“ Die Stimme lachte zänkisch, lachte selbstherrlich und dunklen Mächten huldigend.

            In dem Augenblick türmten sich Dutzende Knochengänger in dem Gefängnis auf. Sie zischten mit hohen Stimmen und stießen mit alten Speeren nach Link.

„Verdammt!“, fauchte er und rannte wie besessen durch die unreine Brut, schickte ihnen die Kraft des Schwertes entgegen und kämpfte mit allem, was er hatte... 

 

Zelda war währenddessen tief in gefährlichen Träumen gefangen, in krankhaften Illusionen, die man ihr folternd auferlegte. In einem gespenstischen Labyrinth von Verrat und dummen Lügen. Dunkelheit umgab sie wie ein schwarzer Schleier und allmählich zog der Bote des Traumes den Schleier von ihren verwirrten Sinnen. Sie erkannte ein eindrucksvolles Tal vor ihren Augen. Sattgrün war die Farbe der Natur und doch überschattet von unreinem Rot. Die Farben des Lebens waren vertrocknet. Und viele alte Kirschbäume verwelkten hier an einem warmen Tage. Hier in einer alten Welt. Sie umfasste ihre Oberarme, fühlte einen beißenden Wind, der ihren Körper umspielte...

Aber eines störte mit entehrender Schrecklichkeit. Der Himmel war trügerisch, verräterisch. Eine teuflische, rote Farbe rührte sich dort oben zusammen und ein dreckiggelber Feuerball sendete Brisen neuer Teufeleien auf das geschändete Land...

Sie war nun dort, wo niemand ohne Essenz des Bösen existieren konnte. Sie war in Ganondorfs selbsterschaffener, vergewaltigter Welt... Sie war dort, wo der Himmel nie wieder blau sein würde...

            Ihre Beine waren taub und sie trampelte ziellos zu den vielen alten Kirschbäumen, von denen blutigscheinende Blüten fielen und im beißenden Wind fortgeweht wurden. Es war warm und trocken. Die Luft unrein und säureartig. Jeder Atemzug brannte. Die Luft benetzte brennend die Augen und zwang jene sich zu schließen.

Aber Zelda lief vorwärts, suchte einen Weg, suchte nach Orientierung und Erklärungen für diesen Ort, den sie nicht freiwillig aufgesucht hatte. Aber überall, wo ihr Blick sich hinhaftete, so sah sie doch nur weite Wiesen in unnatürlichem Licht. Nur Landschaft ohne Sinn, die den letzten Lebensrest aushauchte...

            Langsam lief sie zwischen den vielen, großen Kirschbäumen umher und hörte endlich zwei Stimmen, die sich beide vom rauschenden Wind und trügerischen Gemurmel dieses Scheintraumes abhoben. Es waren vertraute Stimmen und die eine fühlte sich schon immer an wie Balsam auf ihrer Seele. Sie liebte es, wenn jene Stimme erklang, egal zu welchen Zeiten und in welchen Situationen. Aber eines störte sie. Das Gekicher jener Stimme. Es war so untypisch für ihren Helden, so unecht, gekünstelt... Und die zweite Stimme machte sie nervös. Irgendwo in ihren Erinnerungen gab es ein Gesicht zu jener unechten Stimme. Ein Gesicht, an das sich Zelda nur schwerlich erinnern konnte.

            Aufgeregt folgte sie den Stimmen und gelangte in einen Bereich der Kirschbaumplantage, wo die Bäume näher aneinander standen und man nur mit Mühe noch einen Weg herausfand aus jenem kleinen Labyrinth mächtiger Bäume. Und überall sammelten sich die vielen rötlichen Blütenblätter und bedeckten wie Sand den Boden. Erneut das ungewisse, dümmliche Lachen und Zelda wand verwundert ihren Kopf nach hinten.

            Ihre Augen standen starr vor Schreck. Sie taumelte benommen wenige Zentimeter rückwärts und hob zitternde Hände an ihr Gesicht, fühlte sich plötzlich entehrt und gedemütigt. Sie brach auf die Knie und erblickte weniger Meter weiter ein scheußliches Bild für ihre alte Seele, die nur schwerlich jemandem Vertrauen schenken konnte.

            Vor einem der riesigen Bäume lag ihr Heroe. Der Mann, den sie über alles liebte. Der Hylianer, der ihr so viele Dinge versprochen hatte, mit einer anderen Gestalt fest umschlungen. Und sie kannte das widerliche Mädchen in seinen Armen. Sie kannte sie und erinnerte sich mit Abscheu an einen schicksalhaften Tag, wo jenes Mädchen sie in der modernen Welt eine Treppe hinuntergestoßen und nicht einmal irgendeine Strafe für ihren Frevel erhalten hatte. Zelda erinnerte sich mit Zweifel und Angst...

            Sie verwöhnten sich, waren sogar nackt und lagen nichtsahnend dort an dem Baum angelehnt, küssten sich. Und Zelda stand einfach nur daneben, fühlte ihr Herz spannen, fühlte sich erniedrigt und gekränkt.

Genau diese Verletzung von Seiten ihres Herzens wollte sie sich immer ersparen. Und vielleicht war es gerade der Grund, warum sie Link so spät an sich herangelassen hatte, warum sie ihm immer die kalte Schulter gezeigt hatte. Nun aber waren ihre schrecklichsten Befürchtungen wahr geworden. Er hatte sie betrogen und verraten, ebenso wie andere vorher...

            Sie brachte stockend seinen Namen aus dem Mund, worauf die beiden in ihrer körperlichen Freude aufsahen und sie schmunzelnd beäugten.

„Nanu? Was machst du denn hier, Zelda?“ Eine Unverschämtheit, dass er es sich wagte, sie derartiges zu fragen. Sie blickte angewidert in seine tiefblauen Augen und dann in die hellen, trüben von Ilona.

„Mehr... hast du nicht zu... sagen...“, brachte die junge Prinzessin hervor und starrte den Tränen nahe zu Boden. „Du... vergnügst dich mit... einer Schlange... wie dieser...“ Ihre Stimme war schwach und verweichlicht. Sie fühlte gerade, wie man ihr das Herz zerbrach. Sie hatte ihm vertraut. Sie hatte Link immer vertraut und nun? Das konnte nicht sein...

Das konnte doch nicht Link sein, der sich gerade von Ilona küssen ließ. Das konnte nicht der Held sein, für den sie sterben würde. 

            Link richtete sich auf und erneut lag diese bekannte Unverschämtheit in seinen tiefblauen Augen. Jener Blick, der sie immer wieder schwach werden ließ. Und Ilona hüpfte mit ihrem mageren Körper ebenso auf die Beine. Beide waren sie nackt und es widerte Zelda noch mehr an, sodass sie sich umdrehte.

Sie hörte ihn nähertreten durch die raschelnden Blüten, die auf dem trockenen Gras lagen. Sie fühlte seine Nähe und hasste sich leise dafür ihn überhaupt an so etwas dummen wie kleinen Schritten erkennen zu können.

„Zelda? Warum leistest du uns nicht Gesellschaft. Das würde dir und deinen altmodischen Einstellungen wahrlich gut tun“, sprach er, verhielt sich so unglaublich unsensibel und idiotisch. Und obwohl dieser junge Mann genauso aussah wie Link, so sprach wie er, sie so anblickte wie er, so konnte sie nicht glauben, dass er es war.

            Ilona kicherte schon wieder im Hintergrund und hüpfte näher, klammerte sich an Link fest und meinte surrend: „Lovely Hero, mach’ doch noch mal was unanständiges mit mir!“

„Gerne. Gerne!“, erwiderte er sofort und Zelda war einfach nur nebensächlich, unwichtig, als wäre sie ein Gespenst.

„Ihr seid beide so billig!“, flüsterte Zelda gehemmt, wollte von dieser schrecklichen Situation fliehen, wollte solche Demütigungen nicht länger ertragen. Aber sie wusste auch, dass eine Flucht vor dem Schrecklichen nur einem Feigling einen Gefallen tat. Sie konnte nicht länger fliehen. Sie konnte nicht.

            Und als Link mit Ilona wieder zu dem Baum lief und die beiden begannen sich zu küssen, murmelte Zelda leise: „Ergeht es denen, die lieben so, dass sie irgendwann immer verletzt werden? Ist das der Sinn von Liebe und Innigkeit? Ein gebrochenes Herz?“

„Sieh’ es wie du willst, aber was nicht da ist, kann man nicht brechen“, sagte Link, während Ilona an seinem Körper spielte.

„Das ist es also... Ich habe kein Herz?“ Link nickte und grinste abartig.

„Schön, dass du es endlich erkannt hast. Welch’ Weisheit von der legendären siebten Weisen.“

„Ich habe kein Herz...“, wimmerte Zelda und schlug ihre Hände vor die Brust.

„Ja, verdammt. Was dachtest du denn, warum du so kalt bist, so unfähig bist zu lieben“, sagte sicher und fest jene Stimme, die doch genauso wie die von Link klang. Nayru, er sagte diese Worte so leicht, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre... Bei Nayru, das konnte nicht sein...

            „Und ich dachte...“ Mitgenommen von diesem grausamen Wahnsinn sank Zelda auf die Knie und krallte ihre Hände in die vielen Blütenblätter auf dem Boden.

„Ich dachte... du liebst mich...“, wimmerte die junge Prinzessin und endlich tropften erbarmungslose Tränen von ihren Wangen. „Ich habe dir vertraut...“

„Tja, dann war das wohl ein dummer Fehler einer dummen Prinzessin aus einem dummen Hyrule.“ Zelda schwieg und hörte erniedrigt diesen verletzenden Worten zu und sah in ihren Gedanken das sonst so verliebte Lächeln aus dem Gesicht ihres Helden.

„Link...“, murmelte sie gezwungen und schlug die Hände an ihre spitzen Ohren. „Du sagtest du liebst mich.“

 „Was? Hast du jemals an solche Worte geglaubt. Komm’ schon. Menschen lieben ebenso ihre Haustiere, sie lieben ihren Besitz. Sie lieben ihr Geld. Denkst du, ich hätte für dich jemals anders empfunden? Du bist einfach nur eine frigide, erbärmliche Prinzessin, die jegliche Lebensfreude ausgehaucht hat, indem sie sich für Hyrule aufopferte. Dachtest du wirklich, ein junger Mann wie ich hat es nötig sich mit so etwas abzugeben? Du bist bejammernswert und du küsst wie eine ausgetrocknete Pflaume.“

Sie fühlte wie in ihrem Körper alles zerriss. Weitere heiße Tränen flossen über ihre Wangen hinab und tropften auf die Handrücken. Erneut murmelte sie den Namen ihres Helden, wollte nicht glauben, dass dieser Alptraum irgendetwas bedeutete und lauschte mit jeder weiteren Sekunde mehr und mehr der Stimme des Vertrauens. Link war nie so kalt und unsensibel. Link würde niemals solche herzlosen Worte sagen können.

            „Ach bitte, Zelda. Dachtest du, ich würde ewig darauf warten, bis ich von dir bekomme, was ich verdiene?“

„Ewig darauf warten?“ Zelda drückte sich mit den Händen zurück auf die Beine und blickte mit tränenden Augen auf.

„Verdammt, ich wollte dich schon so lange. Und wenn ich von dir nicht kriege, was ich will, hol’ ich es mir bei einer anderen.“ Zelda schluckte und trat wieder einige Schritte rückwärts.

            Aber sie hatten doch darüber geredet, zu warten und er hatte zugestimmt...

Sie gab ihm nicht genug? Wessen Traumwelt war das? Die von Ilona, der falschen Schlange, die sie am liebsten dafür köpfen würde, bedenke man die lustvollen Blicke, die sie Link entgegenwarf.

            Nein, Zelda würde nicht gegen diese Dummheit argumentieren, soviel Stolz war ihr geblieben. Und sie würde ihm und dieser billigen Hure Ilona keinen Grund geben über sie zu lachen. Sie würde sich keine Blöße geben. Zumal dieser unechte Link sich mit seinen Worten mehr und mehr verriet. Das war nicht Link. Ihr Held würde niemals in solchen Tönen reden, nicht gegenüber ihr und nicht gegenüber einem anderen Menschen...

            „Ihr seid geistlose Kopien der Wirklichkeit.“ Sie trampelte näher an Link heran, rief nach den alten Mächten des Vertrauens und der tiefen Zuneigung zwischen Seelenverwandten. Verurteilend deutete sie direkt auf seine Nase.

„Du bist kein Held.“ Sie formte in ihren Händen goldene Energiebälle und ließ jene in den unechten Lüften tanzen. „Du bist nicht Link!“, rief sie laut.

„Und was bin ich dann? Seh’ ich etwa nicht so aus wie Link? Ist das nicht seine Stimme, die dir dein Herz zerreißt?“

„Das ist es. Deine Worte erzählen mir, dass du nicht Link bist.“ Und mit diesen Worten rammte Zelda die goldenen Energiebälle zunächst in den unechten Körper des Mädchens, welches an dem Baum angelehnt dem Streitgespräch zuhörte und darüber lachte. Wie auch immer, als die goldenen Lichter ihren Körper trafen und sie in einem Regen aus Asche zersprang, verging ihr das abartige Gekicher.

            „Sieh’ einer an. Die sind wir los“, meinte Link, stützte seine Hände an die Hüfte und lachte lauthals. „Was ist? Wollen wir uns vielleicht doch noch vergnügen?“

Diesmal lachte Zelda und trat näher an diese Witzfigur heran, auf die sie nicht mehr hereinfallen würde. „Woher der plötzliche Sinneswandel. Meintest du nicht, ich wäre eine ausgetrocknete Pflaume, die nicht küssen kann?“ Die nackte Hylianergestalt zuckte mit den Schultern und lief wieder zu dem Kirschbaum hinüber. Wieder ein Beweis, dass dies auf keinem Fall Link sein konnte, dachte Zelda. Ihr Held hätte argumentiert. Er hätte mit irgendeiner Spitzfindigkeit das letzte Wort gehabt, was dieser Typ nicht für nötig ansah.

            „Was immer du auch bist, du schaffst es nicht, mir mein Vertrauen in denjenigen zunehmen, den ich seit Jahren liebe. Du schaffst es nicht uns zu entzweien“, sagte Zelda und verschränkte die Arme.

Doch der nackte Hylianer lachte wieder und lehnte sich an einen Baum.

„Hörst du? Deine Fähigkeiten sind dumm und erreichen nicht ihr Ziel. Hörst du! Du bist nicht Link!“

„Ach was? Wenn ich nicht Link bin, warum schaffst du es dann nicht endlich mich umzubringen und bewirfst mich ebenso mit deinen Energiebällen. Sieh’ es ein, Prinzessin. Tief in dir weißt du, dass ich vielleicht doch dein lieber Held sein könnte.“ Und der Kerl lachte erneut unverschämt, lachte und setzte sich im Schneidersitz zufrieden an jene Stelle, wo die Asche Ilonas noch auf dem Boden glühte.

„Nein... du bist nicht Link“, sagte sie hoffend, machte sich Mut damit und schloss ihre Augen, suchte nach Empfindungen, nach Essenzen des Lebens, suchte nach Link an einem anderen Ort, welcher jenen barbarischen Alptraum nicht erreichen sollte.

            Wie eine Beschwörungsformel sagte sie immer wieder zu sich den einen Satz: ,Du bist nicht Link... Du bist nicht Link...’ Es konnte kein Fehler sein, ihm zu vertrauen... Sie wusste, dass er sie tief und ehrlich liebte, dass er sie aufrichtig liebte. Ihre Erinnerungen an kostbare Momente mit ihm nahmen sie ein, stärkten das Vertrauen und die siegende Wahrheit.

            „Du bist nicht Link!“, sprach Zelda nun klar und verständlich, sprach sie so laut wie möglich und streckte ihre rechte Hand gegen das grinsende Abbild, welches sie in tiefe Höllen wünschte. Und sie würde diesem gehässigen Abbild eine Spur Erbarmungslosigkeit zeigen, die man in Hyrule nur gegen Moblins und anderes Gewürm richtete...

Spitze Sperre brachen aus Zeldas Fingerspitzen, wuchsen auf dem Weg zu demjenigen, der sich Link nannte, zerstießen ihn fordernd und entsetzlich und zerrissen seinen Körper in viele Stücke.

            Zelda schoss ihre Augen, wand ihren Kopf seitlich und versuchte die Zweifel, es könnte doch ihr Heroe gewesen sein, nicht näher dringen zu lassen. Sie hörte seinen Schrei des Todes, als die scharfen Klingen ihn zerfetzten. Sie hörte sein Röhren und das Zappeln seines sterbenden Körpers und flehte heimlich zu den Göttern, sie mögen sie aus diesem Alptraum herausholen.

            Schweißgebadet schreckte sie auf und zitterte unerträglich. Immer noch lag sie in jenem Raum vor der runden Tür. Aber weitergehen konnte sie nach dem höllischen Alptraum jetzt nicht. Sie brauchte einige Minuten Ruhe. Schluchzend zog sie sich an den Händen über den Boden und lehnte sich gegen die Tür...

Bei Nayru, warum tat Liebe nur so weh, dachte sie. Tränen tropften über ihre Wangen, als sie den Alptraum erinnerte. Link und Ilona... Das konnte nur ein dummer Alptraum sein. Link würde doch niemals mit Ilona...

            Sie weinte weiterhin, hockte sich zusammen und fühlte plötzlich das kleine Drachenbaby, welches aufmunternd an ihrem rechten Ärmel zerrte.

„Hey...“, sagte Zelda und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Du warst bestimmt noch nie verliebt, Kleines...“, sprach Zelda leise. Das Wesen quiekte wieder, als wollte es lachen. Dann hüpfte es auf Zeldas Knie und leckte mit der schwammigen Zunge über ihr Gesicht.

„Ist ja schon gut... ich höre auf zu weinen. Es war nur ein Traum...“, sagte die Prinzessin. Aber der kleine Drache leckte ihr weiter über das Gesicht. „Aufhören... ich bin okay...“ Es piepste wieder, krabbelte auf Zeldas Schultern, und wollte mit allen Mitteln, dass die Königstochter selbstbewusster ihren Weg fortsetzte...

            Dennoch war dieser Traum sehr beunruhigend, nicht der Inhalt an sich, sondern die Tatsache, dass sie überhaupt geträumt hatte. Genauso wie die Träume in Kokiri, bevor sie den Pfeilschuss, der Link galt, abfing...

Oder war es vielleicht mehr als ein unsinniger Traum. Eine Halluzination? Eine Illusion?

Wenn ja, wer schickte diese und hatte Freude daran, ihr das Herz zu brechen? Zelda Blick finsterte sich. ,Na warte, wer immer du auch bist, so leicht zerstörst du mich nicht’, sagte sie zu sich und stapfte weiter.

 

In dem Moment spaltete Link die letzte knochige Kreatur des Bösen. Gerade jener Knochengänger hinterließ eine goldene Münze, die Link zufrieden in seiner Gürteltasche verstaute. Plötzlich aber fühlte der Heroe, wie sich der Käfig immer weiter nach unten bewegte. Hinein in einen Sumpf aus dampfender, glühender Lava.

„Auch das noch...“, grummelte er und zog sich so schnell wie möglich an den Gitterstäben hinauf, suchte nach noch so kleinen Ecken und Kanten und sah mit Entsetzten, wie sich die rettende Tür immer weiter entfernte. Er blickte hin und her und musste sich schnellstens etwas einfallen lassen, oder er würde hier sein Grab im Feuer finden...

Nur eine Idee stieg in seinen Kopf und er befolgte sie ohne zu Überlegen. Zielsicher warf er das feste Seil hinauf und es wand sich um den rundlichen Griff jener Tür, die seinen Fluchtweg darstellte. Link kletterte um sein Leben, fühlte wie sich das kratzige Material in seine Hände bohrte und doch umfasste er das Seil so stark wie er konnte, hoffend, es würde nicht zerreißen.

            Als der Käfig mit lautem Getöse nach unten krachte, hing Link ungläubig dreinblickend an dem Seil und sah fassungslos zu, wie der Käfig in der Lava unterging.

 

Zelda erreichte besorgt die zweite Tür im ersten Stockwerk und fürchtete sich vor der nächsten Herausforderung. Es handelte sich um ein kleines Labyrinth, ähnlich einem verwirrenden Kornfeld nur bestehend aus dicken Mauern.

,Na toll’, ein zusätzliches Labyrinth in diesem blöden Tempel.

Sie schnaubte: „Auf und hinein in die Gefahr. Genau das würde Link jetzt sagen.“

Das Drachenbaby lachte und hüpfte mit der jungen Prinzessin hinein in das Labyrinth des großen Raumes vor ihren Sinnen.

            Drei Eingänge gab es in jenem kleinen Irrgarten und nur einer davon, das war klar, würde zum Ziel führen. Vorsichtig tastete sich die Prinzessin näher und blickte mit scharfen Augen in die drei verschiedenen Eingänge hinein. In dem Portal ganz rechts war nichts ungewöhnliches auszumachen. Im mittleren müsste die Hylianerin eine lange, tiefe Wasserstraße überwinden und im Gang links bewegten sich drei schwere Beile hin und her...

Zelda grübelte nicht lange und entschied sich für die goldene Mitte. Sachte tastete sie sich voran und untersuchte das Wasser. Sie ließ eine goldene Haarsträhne in die schmale Straße aus Wasser sinken und trat im selben Moment zwei Schritte rückwärts. Denn als das goldene Haar die Wasseroberfläche erreichte, verbrannte es wie ein Stück Papier im Feuer. Das war kein gewöhnliches Wasser... Seine Gesetzmäßigkeit kühl und nass zu sein, war gänzlich umgekehrt. Sein Zweck und sein Dasein waren ins Gegensätzliche verkehrt. Dieses Wasser wirkte heiß und zerstörerisch wie loderndes Feuer...

            Mit hoher Konzentration erschuf die Königstochter eine goldene Brücke, gewebt aus Licht, über jenes verunstaltete Wasser, und erreichte mit einem Seufzen die andere Seite. Schwitzend sank sie einige Sekunden an Ort und Stelle nieder und fühlte ihre magischen Kräfte langsam schwinden. Sie wunderte sich zumindest nicht darüber. Immerhin hatte sie seit dem Eintreffen in diese Weisenstätte schon so viel magische Kraft verbrauchen müssen und sie musste darauf achten, gewisse Grenzen einzuhalten. Es war so ein Leichtes, die gesamte Lebensenergie herauszupulvern, das wusste sie und das hatte sie in der Vergangenheit Hyrules durch bittere Übungsstunden mit Impa lernen müssen...

Macht musste man im Zaum halten, oder sie machte sich selbstständig, das waren einst Impas Worte und jene hatten sich in Zeldas Bewusstsein eingebrannt wie glühende Male auf unschuldiger Haut.

            Erschöpft aber zielsicher tapste die Prinzessin weiter. Der Weg führte sie tiefer hinein in das Wirrwarr, nahm einmal eine Biegung nach rechts, dann wieder nach links bis sie schließlich eine Gabelung des Weges erreichte. Und an beiden Wegen war nichts Auffälliges...

Sie blickte besorgt hin und her und nahm die linke Seite des Weges. Nur wenige Schritte lief sie vorwärts und hinter ihr wurde mit lauten Getöse eine Zwischenwand geschoben, die den Rückweg versperrte. Sie rollte mit ihren Augen und ärgerte sich über ihre Unfähigkeit, Schalter und andere Gefahren zu spüren. Link aber konnte es und hatte nicht einmal die Spur einer Ahnung, dass diese Fähigkeit von seinem Fragment des Mutes herrührte...

            Zaghaft setzte sie den Weg fort und sah an der nächsten Kurve einen Schatten im fahlen Licht hin und her tapsen. Jener Schatten beunruhigte sie. Denn sie erkannte sofort an einer hohen, ungewöhnlichen Statur, an einem schmalen, langen Kopf und dem langen Hinterteil, um welche Bestie es sich handelte. Zeldas Vermutung bestärkte sich zum Unwohl ihrer selbst, als sie mit ihren hübschen Kopf um die Ecke schaute. Bei Nayru, wie sie diese Biester verabscheute. Und Respekt hatte sie vor ihnen. Mutierte Echsen...

Sie lehnte sich zurück, presste sich an die Wand und atmete leise ein und aus, versuchte Ruhe zufinden für einen Kampf, der ihre ganze Aufmerksamkeit verlangte. Sicherlich, sie könnte sofort wieder ihre Magie spielen lassen. Aber allmählich wurde sie müde und unkonzentriert davon. Sie musste mit körperlicher Anstrengung kämpfen. Sie musste ihr Lieblingsschwert endlich zum Einsatz bringen. Ein letzter Atemzug und lächelnder Blick zu dem kleinen Drachenbaby neben ihr und Zelda wirbelte herum, stand kühl und bereit vor dem Wesen der Finsternis.

            Es rülpste und zischte und hüpfte schlagartig näher und stieß mit einem gezackten Schwert auf die junge Thronfolgerin ein. So wie Impa es ihr gelernt hatte, wich Zelda aus, setzte gezielte Hiebe und versuchte die Schwachstellen des Ungetüms zu treffen. Der Kampf wurde fordernder und die Schwertstreiche des Echsodorus schneller. Es kämpfte wie verflucht, als würden ihm im Tod noch weitaus schlimmere Strafen erwarten. Und Zelda konnte neben dem beißenden Gestank des Dämons seine Angst vor dem Dasein im alten Höllenfeuer wittern.

Erbarmungslos schlug Zelda auf den Dämon ein, während jener sie immer weiter zurückdrängte und ihr mehr und mehr die Luft ausging.

Erneut ein Schlag, der an dem Eisenschild der Bestie abprallte. Noch ein Hieb und wieder einer, die alle ihr Ziel nicht erreichten. Ungeduld wechselte die vorherige Entschlossenheit in Zeldas Gemüt ab und wuchs zu der bitteren Einrede, sie würde es nicht schaffen, sie würde das Biest nicht erledigen können. Nicht ohne Link. Nicht hier...

Zelda kreischte, sie schrie mehrmals und schickte der Bestie den Zorn ihrer Seele entgegen, den sie sich für den letzten Kampf gegen Ganondorf aufheben wollte. Aber diese erzdumme Echse machte sie einfach wahnsinnig. Wie nur konnte ein alberner Dämon, der nur aus verdammter Asche den Weg ins Leben wiederfand, auf diese Weise kämpfen?

Und es schien mit jedem weiteren Schlag an Stärke zu gewinnen.

            Schreiend wirbelte Zelda herum und schützte sich mit einem geringen magischen Schutzschild, konnte diesen Kampf nicht länger durchstehen und rannte, was das Zeug hielt hin und her, versuchte die Bestie zu verwirren, um so an ihre Schwachstelle zu gelangen.

            Ein weiterer Stoß. Ein kräftiger Hieb mit Zeldas Langschwert direkt auf das starke Hinterteil der Missgeburt und es zersprang in einem endgültigen Ascheregen. Die Prinzessin atmete tief ein und ihr Schwert krachte zu Boden.

,Sie hatte es geschafft’, dachte sie. Sie hatte einen Echsodorus erledigt und das im Grunde ohne ihre magischen Kräfte. Das blauschimmernde Schutzschild war nicht einmal nötig gewesen. Ihre roten Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen.

,Sieh’ einer an. Die verhöhnte Prinzessin Hyrules ist doch nicht so schwach, wie man ihr immer glauben gemacht hat. Und das ohne den Einsatz des heiligen Lichts der siebten Weisen.’ Und im nächsten Augenblick begann Zelda lauthals zu lachen. Sie lachte herzhaft angesichts der Erleichterung eine verdorbene Echse besiegen zu können. Sie lachte und fühlte den kleinen Drachen um ihre Knöchel herumschleichen.

„Ist gut, Kleines. Wir gehen weiter“, sagte sie sanft, kniete nieder und nahm das winzige Geschöpf in ihre Arme und küsste zur Überraschung ihrer selbst des Wesens feuchte Nasenspitze. Erneut lachte sie und lief weiter.

            Nach einer Ewigkeit unsinnigen Laufens erreichte sie jenen Abschnitt des Irrgartens mit den drei Beilen, die in dem Gang hin und herbaumelten.

„Na prima“, brummte sie. Sie war genau am Anfang herausgekommen. An jenem Eingang ganz links mit den drei Mordinstrumenten. Geschickt umzirkelte die Prinzessin die baumelnden Klingen und stand schlussendlich wieder am Anfang.

            Zelda sank erschöpft nieder und dachte erneut an den schrecklichen Alptraum von vorhin. Der Schmerz, der bittere Liebeskummer, saß immer noch in ihren Gliedern, obwohl sie wusste, dass Link sie niemals betrügen würde. Das würde er doch nicht, oder?

Sie aß etwas, teilte mit dem Drachenbaby eine Wasserflasche und nahm den zweiten Anlauf in diesem Gebilde aus Mauern. Den letzten Weg, der sie zum Ziel führen würde.

Erneut verging annähernd eine Stunde und diesmal hatte die Prinzessin Hyrules keine weiteren Gefahren vor sich, die sie mit Klinge, Magie oder Übermut meistern müsste. Bereit zum Abholen lag auf einem Podest die nächste Münze nur für sie...

            Wer hätte gedacht, dass der sicherste Weg, auch gleichzeitig der richtige sein würde...

 

Link hatte Ewigkeiten gebraucht um aus dem höllischen Gefängnis mit dem Käfig herauszugelangen und war frohen Mutes, endlich wieder festen Boden unter seinen Füßen zu spüren. Gemächlich tapste er eine Treppe hinauf, die wieder kreuz und quer, von einer Seitenwand zur nächsten verlief und in dem Mittelpunkt des achten Stockwerk endete...

Ein kleines fünfeckiges Plateau bescherte ihm einen guten Überblick zu genau fünf Türen und einen nahezu gespenstischen Blick von oben herab. Unter ihm schlug die lange Feuersäule erbarmungslos in die Höhe. Das hieß, ein falscher Schritt und das Feuer würde hylianische Körper zerfetzen wie eine Fliegenklatsche die Mücke.

Er überlegte nicht lange und nahm die erstbeste Tür...

            Hinter der Pforte, die der junge Heroe beschritt, befand sich bereits ein weiterer Gast des Tempels. Ein besonderer Gast, der sich selbst einen viel absurderen Namen geben würde. Er sah sich mehr und mehr als Gastgeber hier in einer einzigen großen Illusion, die für ihn den Himmel auf Erden brachte.

            „Ein weiteres Willkommen, Held“, rief eine Gestalt mit trockener Stimme, als der junge Heroe langsam in das Zimmer eintrat. Der Raum war rund und in der Mitte stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Ein vertrautes Spiel lag auf dem Tisch. Jenes Spiel, welches er einst mit Zelda in ihren Gemächern gespielt hatte. Das Spiel der Sieben Weisen.

Aber das Spiel war nicht der Grund für die zunehmende Unruhe und die Überraschung in den ungläubigen Augen des Jugendlichen. Der Grund für Links leichte Beklemmungsgefühle war die Person, die auf einem der dunklen Stühle mit hohen Lehnen saß. Etwas schier Teuflisches ging von dem Wesen aus, welches sich in einem zerschlissenen Ledermantel bedeckt hielt.

            „Wer bist du!“, sprach Link drohend und zog sogleich die teure Klinge aus der Schwertscheide. Der Mann in jener dunklen Kutte schüttelte den Kopf.

„Nana... wer wird denn gleich so unfreundlich sein. Das...“ Noch ehe Link reagieren konnte, schnipste die Kreatur mit den Fingern, entriss dem Heroen mit dunkler Magie das Schwert und beförderte es außer Reichweite. Mit einem Surren und Brummen stak die Waffe nutzlos in der Wand hinter Link fest. „... brauchst du hier nicht.“

„Was willst du von mir?“ Die Kreatur aber lachte abartig und zeigte unter der dunklen Kappe spitze, krummstehende Zähne aus seinem Maul wuchern. Er deutete auf den freien Platz gegenüber Link.

„Lass’ uns spielen, Held.“

„Pah... und was, wenn ich mich weigere?“ Damit trat Link zwei Meter zurück und schaute ohne den Kopf zu bewegen zu seinem Schwert.

„Dann habe ich eine böse Überraschung für deine unschuldige, kleine Prinzessin vorgesehen. Schau’ genau her!“ Und der Dämon unter dem schwarzen Ledermantel bewegte fächerartig seine in Handschuh gepackte Hand und zeigte auf eine schwarze Fläche, die sich von der rauen Felswand abhob. Wie in einem magischen Spiegel erschien Zelda darauf, während sie gerade murrend die Treppe hinauftapste.

            Aufgeregt hetzte Link hinüber zu der spiegelähnlichen Fläche und legte seine Hände darauf. Er beobachtete seine Prinzessin schweigsam, beobachtete sie mit Sorge, verharrte an Ort und Stelle und ballte seine Hände schließlich zu Fäusten.

            Murrend stapfte Zelda indes die steinerne Wendeltreppe hinauf, fühlte sich schlapp und müde. Sie wollte am liebsten ein Bett und Link direkt neben ihr haben. Sie wollte ruhen und von ihm verwöhnt werden. Aber dieser anstrengende Tempel würde die Erfüllung dieses Wunsches noch einige Minuten, wenn nicht gar Stunden, herauszögern.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und erschrak an dem Gedanken, wie schnell die Zeit doch vorangelaufen war. Denn es war mittlerweile Nachmittag im märchenhaften Hyrule... Sie blieb kurz stehen, rieb sich über ihre Stirn, wischte sich mit einem Ärmel den belastenden Schweiß vom Gesicht und fühlte plötzlich ein seltsames Gefühl in ihrem Magen... so als ob sich in ihrem Inneren etwas bewegte, etwas lebte...

            Erneut nagte etwas an ihrem Geist, wollte sich an ihren Erinnerungen und Gefühlen laben. Sie fühlte kalte Hände in ihren geheimsten Sehnsüchten herumwühlen als wären es Maulwürfe, die im Erdboden gruben. Sie schlug ihre Arme um den Kopf und schrie wie am Spieß.

„Aufhören. Hört auf, euch in meine Gedanken einzunisten.“ Außer Kontrolle schlug Zelda mit goldenen Lichtkugeln um sich, rannte im Kreis, rannte hin und her mit geschlossenen Augen, fiel zu Boden und wurde ohnmächtig.

            Entsetzt stand der Heroe vor dem Glas und beobachtete, was passierte. Aber Zelda regte sich nicht, sie träumte eine der schurkischen Wunschbilder, über die sich jene Kreatur so sehr amüsierte.

            Erneut wurde die Hylianerin in ein verwirrendes Reich der Träume gerissen, in welchem tief ihre verborgenen Sehnsüchte schlummerten. Ihr Körper beruhigte sich langsam. Ihre Stimme versagte und sie wachte in einem großen Schlafzimmer auf. Alles war in weißen Farben gehalten und sie fühlte sich plötzlich frisch und frei.

Von einem Nebenraum drangen lachende Stimmen und ein Kribbeln durchfuhr sie, als sie hörte, dass ihr Heroe sich äußerst affig mit irgendjemanden unterhielt. Noch in einem weißen, samtenen Nachthemd bekleidet trat die junge Prinzessin heraus aus dem Schlafgemach und erreichte ein kleineres Zimmerchen mit großem Fenster. Sie lächelte angesichts des Bildes eines erwachsenen Mannes, der ein kleines Kind, vielleicht ein oder zwei Jahre alt, in den Händen hielt und mit jenem lachend umherwirbelte. Link hatte sie noch nicht bemerkt und lachte weiterhin, schaute direkt und das niedliche Kindergesicht eines Jungen mit himmelblauen Augen und streckte ihm die Zunge heraus. Das Kleinkind imitierte ihn, streckte die kurze Kinderzunge nach draußen und babbelte.

            „Wenn deine Mama herausbekommt, dass wir schon wieder Blödsinn machen, wird sie uns zurechtstutzten...“, lachte er und drehte sich weiterhin mit dem Jungen im Kreis.

Zelda lächelte tiefgehend und trat näher. „Ich glaube, die Mama hat es schon lange herausbekommen.“ Link wand sich verwundert zu ihr, lächelte und ließ das Baby in eine alte Holzwiege sinken, wo das Zeichen der Königsfamilie Hyrules eingraviert war.

            Er umarmte sie und meinte: „Was macht die Mama des Kindes nun mit ihrem unartigen Heroen?“

„Mmh... ich glaube, du hast mehr als eine Bestrafung verdient.“ Zelda grinste und fasste sich in dem Augenblick an ihren Bauch. Sie fühlte Leben darin, fühlte Bewegung...

„Stimmt etwas nicht mit dem Baby?“ Ihre Augen wurden größer. Doch Link tat nichts anderes, als sie auf die Arme zunehmen und zurück in das Schlafgemach zu tragen. Sanft legte er sie in das weiche Himmelbett.

Er küsste ihre Stirn und murmelte: „Ich hole Impa, okay?“ Zelda nickte und begann mit beiden Händen ihren dicken Bauch zu streicheln. Ja, sie fühlte es...

Da war ein Herzschlag und ein Trampeln. Aber sie war besorgt. Sie war schwanger? Und sie und Link hatten bereits ein Kind? Einen Sohn? War das jenes Götterkind?

            Fassungslos richtete sie sich wieder auf und schaute umher. In welcher Zeit lebten sie? Und war dies denn wirklich noch ein Traum? Erneut wanderte ihr Blick zu dem kugelrunden Bauch. Alles fühlte sich so real an. Das seidene Nachthemd und ihr Bauch...

Sie lächelte, während sie darüber streichelte. Sie lächelte fortwährend, schloss die Augen und fand sich plötzlich wieder auf den Beinen, bei völligem Bewusstsein, in dem Tempel.

            Scham stand in ihren weitgeöffneten Augen angesichts dieser abartigen Halluzinationen, dieser Wünsche, die tief in ihr steckten. Und vielleicht begann sie diese Wünsche gerade erst richtig zu begreifen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als ein glückliches Leben mit ihrem Helden. Und da gehörten Kinder wohl einfach dazu...

Kinder... Zelda lächelte tiefsinnig über diesen Gedanken. Sie legte eine Hand auf ihr Herz und dachte an ihren Helden. Sie wollte ihn gerade eben wieder mit ihren Gedanken erreichen...

            Trotz der Verwirrung dieser Illusion, wärmte sie ihr das Herz und Zelda machte sich weiter auf den Weg.

,Liebe Nayru’, dachte Zelda. Wie sollte sie Link davon nur berichten? Wie sollte sie ihm diese Illusionen erklären?

 

Wütend trat Link an das Glas und wand sich zu der selbstherrlichen Kreatur, die es liebte andere zu verwirren und ihre Opfer in dumme Illusionen zu schicken.

„Was hast du mit ihr gemacht, du Scheusal?“

„Nichts Schlimmes. Ich habe ihr nur eine... sagen wir... wärmende Illusion geschickt. Es könnte weitaus schlimmer sein. Und wenn du nicht kooperierst, dann ist es wohl eine Frage meiner Geduld und Mildtätigkeit, ob ich sie aus dem Traumlabyrinth entlasse oder sie vielleicht in dem Gefängnis ihrer Vorstellungen verenden lasse. Es könnte sogar deine Hand sein, die ihr das Herz mit einem Löffel aus der Brust schält... Eine amüsante, befriedigende Vorstellung, nicht wahr?“

Der Hass in Links tiefblauen Augen schien für jemanden, der seinen Blick sah, unbeschreiblich. Eine nie da gewesene Kälte erfror die Wärme in den blauen Augen. Eine Kälte geboren aus Hass und ebenso aus Liebe zu Zelda.

Wütend zog Link einen Dolch aus seinem Stiefel und vergrub jenem mit einem Jauchzen in dem hinter ihm befindlichen schwarzen Spiegelglas.

„Ist das etwa ein albernes, unüberlegtes: ,Nein’, Held?“ Doch Link schwieg und nahm Platz auf jenem Stuhl ohne Polsterung.

„Brav. Brav“, höhnte die Bestie, worauf Link knurrte und auf die Tischplatte schaute. Der Heroe aber würde sich diese Worte ganz genau merken...

            „Du kennst das Spiel?“

„Ja“, meinte Link eisig.

„Gut, dann sollten wir sofort beginnen mit unserer wunderbaren Stunde des Schreckens. Ein Fest. Ein Tun, das nicht einmal der mächtige Ganondorf für möglich hält. Lass’ uns spielen, kleiner Held.“ Link schlug seine Hände auf die Tischplatte und versetzte die gesamte magische Platte mit der ringsherumverlaufenden Uhr in Bewegung.

„Was geschieht, wenn ich gewinne?“

„Dann erhältst du eine Münze von mir und du darfst diesen Raum verlassen.“ Link grinste tückisch. „Aha... und wenn du gewinnst oder wir beide verlieren, darf ich hier warten, bis ich grau und alt werde?“

„Nein, dann bist du meine eigene, persönliche menschliche Hülle, der ich meine neusten und kühnsten Phantasien schicken kann.“

„Was, du willst mein Gehirn manipulieren?“

„So ähnlich.“ Link lachte und finsterte den Blick.

„Du bist dumm und abartig, genauso wie Ganons andere Kreaturen, mit einer Ausnahme, du redest noch mehr Müll als die anderen“, schimpfte Link. Aber der Dämon ließ sich dadurch aus der Reserve locken, und trat auf die Beine.

            „Dummer Held. Ich bin Ganons beste Kreation, pass’ auf, was du sagst“, drohte er und breitete seinen Mantel aus, ließ seine muskelbepackten Arme auf die knackenden Stuhllehnen sinken.

„Ich bin zwar ein Mörder, aber ich bevorzuge eine saubere Form des Tötens“, zischte jener. „Und jetzt will ich mit dir spielen, Held. Aber wir spielen heute nach anderen Regeln.“

„Welche Regeln?“

„Nach meinen Regeln!“

„Wer hätte das gedacht“, murrte Link ironisch und suchte sich die Farben grün, blau und rot aus. Die Farben für Wald, Wasser und Feuer. Er betete heimlich zu den Weisen jener Elemente, sie würden ihm helfen, das Spiel zu meistern.

„Gut, dann wird mir Schatten, Geist und Licht dienen.“

            Alsdann begann das Spiel um Freiheit oder Gefängnis für den jungen Heroen Hyrules. Die erste Minute auf der Uhr des Schicksals begann zu verstreichen und Link begann mit der Komplettierung des Weisen für Wald.

            „Ein guter Zug“, meinte die Kreatur und begann ihren Zug. Die farbigen Felder änderten sich erneut und es gab nirgendwo eine Möglichkeit einen Weisen seiner Farben zusammenzusetzen. Der Dämon schaute mit teuflischen schwarzen Augen auf die vielen Karten in seiner Hand und zog plötzlich seine Mundwinkel nach oben. Stolz präsentierte er eine Karte in seiner Hand, die sich böses Schicksal nannte. Und Link wusste tief in seinem Bewusstsein, wofür sie stand...

Mit dieser Karte konnte er einen Weisen des Gegners, der aus zwei oder auch aus drei Steinen zusammengesetzt war, erneut verteilen und dafür einen eigenen komplettieren.

Link beobachtete genervt diesen Spielzug, ahnte Schreckliches, wenn das Spiel bereits so düster für ihn begann und haftete seinen Blick zu der magischen Uhr am Rande des Spielfeldes.

            Zeit... wenn sie ihm doch nur wieder dienen würde... Denn, er war der Held der Zeit. Warum also konnte sie ihm nicht erneut einen Gefallen tun?

            Zeit, oh Zeit halt an...

 

 
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