Kapitel 77
 
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Kapitel 77

 

 

 

 

Sie war wie eine wilde Rose’, dachte Link. Immer distanziert, immer kühl und unnahbar. Eine wilde, rote Rose, an der man sich nicht nur die gesamte Hand aufschlitzen könnte.

Und im selben Augenblick keine Reue angesichts des teuren Preises zeigen oder empfinden würde. Sie war es wert, diese wilde Rose. Ihre Einzigartigkeit, Gewandtheit und faszinierende, eigensinnige Schönheit. Und gleichzeitig diese Beherrschtheit und strenge Kälte. Eine wunderschöne Rose, eine unter vielen, die nicht allein durch ihre Schönheit auffiel, eher durch diese Wildheit, die nicht in ihre Reihen passte... und er begehrte diese Rose, immer schon, vom ersten Tag an, und die Aufopferung, das Leid, jene Rose nur einmal berühren zu dürfen, war ihm sogar das Opfer des eigenen Lebens wert...

            Mit ernstem Blick stand der blonde, einsame Hylianer auf einem weißen Marmorbalkon, hatte sich niederbeugend seine Arme auf das glatte Geländer gelegt und lauschte den Klängen der Nacht, die sich mit den Tönen des hylianischen Streichorchesters im Hintergrund vereinigten,  während der Wind sein blondes, weiches Haar umwehend zerzauste.

            Er war schuldig, das wusste er. Schuldig von Anfang an, weil er in der Gestalt einer so faszinierenden Hylianerin gefunden hatte, was er in seinem Leben vermisste. Und die Grausamkeit Hyrules, vielleicht auch jene des Schicksals, welches bewachte und regierte, verbat ihm gerade das Glück, das Recht, einzufordern, was ein edelmütiges Herz wie seines verdient hatte. Deshalb war er schuldig, für seine Gefühle, für seine Empfindungen gegenüber dem einflussreichsten Wesen in ganz Hyrule. Schuldig, weil er etwas verlangte, was die Gesetze des Königshauses untersagten. Schuldig, weil er sie liebte...

            Ja, er liebte sie... Er gestand es sich ein, nach all den Erlebissen, den Abenteuern mit ihr, den Stunden mit ihr...

Er liebte sie und getraute sich nicht, sie anzusehen und an das Morgen zu denken. Denn der Schmerz, sie nicht festhalten zu können, so wie jeder andere seine Liebste festhielt, sie nicht einmal mit den seinen ehrlichen, aufrichtigen Empfindungen ansehen zu dürfen, der Schmerz, niemals das zu sein, was er für sie sein wollte...

Jener gefahrvolle Schmerz brächte nicht nur Zweifel und Trauer über seine Seele. Jener Schmerz war dem grausamsten Tod noch höhergestellt...

            Mit dem halbherzigsten Lächeln überhaupt, ein Lächeln, das sich auf seinem ansehnlichen Gesicht schon so oft abzeichnete, trat er hinein in den riesigen, mit Magie hellerleuchteten Saal, wo bereits viele edle Gäste ihre teuren Weingläser in den mit Handschuhen gekleideten Händen hielten.

Die Schönsten der Schönen. Die Reichsten der Reichen. Gerade sie waren es, die das Recht besaß, welches man ihm verwährte. Die Gesellschaft Zeldas...

            Die Töne der Friedenshymne herunterträllernd, konzentrierten sich die Musiker nur auf die Instrumente in ihren Händen, schufen ein Wunderwerk mit den Ohren verwöhnenden Melodien der Vergessenheit.

Eine als Adlige verkleidete Malon streifte die traurigen Augen Links, der sich nickend zu ihr wand. „Du siehst noch toller aus als vorhin...“, sagte er und wollte sein zerbrochenes Herz mit allen Mitteln vor dem Farmmädchen kaschieren.

„Tatsächlich“, sagte sie grinsend und mühte sich trotz allem eine adlige Haltung anzunehmen. Sie flüsterte leise in Links Hylianerohr: „Die Zimmermädchen haben bloß noch mal an meinen Haaren herumgebastelt und mir Schminke aufgetischt.“ Sie lachte und hielt sich mit dem Versuch einer Lady eine Hand vor den Mund und machte höfische Gesten.

„Soso... wollen wir den Eindruck erwecken, dass wir tanzen?“, meinte Link. Aber Malon blickte bereits scharf und mit einem unwiderstehlichen Lächeln zu Caldrian von Calatia, der scheu ihren Blick einfing.

„Sorry, du Held, aber ich habe Lust  mit jemand anderem zu tanzen. Man sieht sich“, sagte sie und sprang froh und munter zu dem anvisierten Königssohn hinüber, der sich gekünstelt verbeugte und sich auf einen Tanz mit der geschauspielerten Adligen Malon einließ.

            Link zuckte mit den Schultern, dachte daran, dass Caldrian ja wahrlich nichts anbrennen ließ und das in der Gegenwart seiner Eltern, die nur misstrauisch und tückisch dem Farmmädchen nachsahen.

 

Die Musik wurde weicher und milder und der helle Saal schien in wärmere, gedämpftere Farben einzutauchen mit Magie im Sinne der angenehmsten Form der Zauberkunst.

Betrübt blickte Link zu dem hohen Thron des Königs von Hyrule, konnte nicht anders als der wunderschönen Prinzessin mit scheuen Blicken zu begegnen, die mit schwermütigem Anblick und einer unermesslichen Strenge in ihren mit Schatten belegten Augen ahnteilnahmslos das Geschehen verfolgte.

Wenn Links Herz reden könnte, dann hätte es in dem Moment nach ihr gerufen, so laut gerufen, dass jegliche Fasern darin zerrissen wären. Sein Blick wurde schwermütiger, mit jeder Minute, da er Prinzessin Zelda in ihrem seidenen blauen Kleid thronend neben ihrem Vater sitzen sah, ganz und gar nicht, wie die wilde Rose, ganz und gar nicht wie das, was sie wirklich war...

            Sie ließ den Schmerz nicht an die Oberfläche, das sah ein jeder Magier, der in anderen lesen konnte. Aber je länger sie sich an sich selbst erinnerte, je länger sie genau das verleugnete, was ihr gehörte, was sie begehrte, umso kälter wurde das einst so heitere Gemüt. Und sie wusste, was ihr gehörte...

            Mit Kopfschmerz und die dringenden Visionen des Verblassens ständig bekämpfend, wann immer sie sie einnahmen, lehnte sie sich mehr und mehr in den hohen Königsthron, sank immer weiter zusammen und spürte den besorgten Blick Impas, die neben ihr stand.

„Wollt Ihr nicht einen Tanz wagen, Prinzessin?“, meinte die Zofe.

„Wozu?“, murrte sie schnippisch, so, dass ihr Vater nebenan, es nicht gehört hatte.

„Um Euch abzulenken, Prinzessin.“

„Falls du wünscht, für heute entlassen zu werden. Bitte Impa, vergnüge dich“, sagte sie streng und beobachtete die heiteren Gesichter der vielen Gäste, die keine Ahnung hatten, wie nah Hyrule bereits dem letzten Sonnenaufgang entgegenstand.

„Das habe ich mit meiner Frage nicht bezweckt“, sagte die Shiekah stur, kniete vor der Prinzessin nieder und linste mit ihren roten Augen scharf in die jungendlichen blauen.

„Es ist nicht meine Aufgabe, das zu verstehen, was du mit deinen Fragen bezweckst. Entferne dich endlich!“, muckte die Prinzessin und drehte ihren Schädel eigensinnig gen Orchester rechts von ihr.

Aber Impa packte Zelda eher grob am Kinn und rückte sie in ihr Aufmerksamkeitsfeld zurück. „Hört endlich auf, Eure Wünsche in den Schatten zu stellen, Prinzessin.“

„Wünsche?“, entgegnete Zelda lautlachend, sodass auch ihr Vater neben ihr zu den ernsten Worten lauschte. „Welche Prinzessin hat schon Wünsche, die ihr ein Königreich erfüllen könnte!“, zischte sie ballend.

„Das einzige, was ich mir wünsche, werde ich niemals besitzen können. Hör’ auf mit deinen besserwisserischen Einfällen. Ich will doch nur...“ Den Tränen nahe brach sie ab und blickte verzweifelt zu dem in einer Ecke, neben einen Vorhang stehenden Link, der trübsinniger als jemals zuvor zu Boden blickte.

Impas rätselhafte Augen verfolgten die Wege, welche Zelda mit einem einfachen Blick geschlagen hatte. Verständnisvoll legte sie eine warme Hand auf die Schulter der Jungendlichen.

            „Er wartet auf Euch...“, sagte sie leise und Harkenia hörte mit halbem Ohr zu, unterließ es aber vorerst sich einzumischen.

            Angestrengt rieb sich die schöne Prinzessin über die Stirn und kam unabsichtlich an die königliche Tiara mit den großen Saphiren und Verzierungen. „Und was soll ich ihm sagen?“, schluchzte sie halb. „Wie wäre es mit der Wahrheit zur Abwechslung...“, murmelte Impa und scheute nicht den wissenden Blick Harkenias, der sich an seinem grauen Bart zupfte.

            „Nun mach’ schon, mein Kind...“, sagte der König und hatte ein ausgelassenes Grinsen im Gesicht. „Wo ist denn meine eigensinnige, temperamentvolle Tochter geblieben?“, sagte er vorwitzig und ignorierte das ungläubige Gesicht seines bildschönen Kindes.

Ihre Fäuste ballend stand sie auf, umarmte ihren Vater, seine Majestät, seit langer Zeit das erste Mal auf ehrlicher Weise und wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. Verständnisvoll blickte der würdevolle Herrscher Hyrules auf und sagte: „Genieße diesen Abend, Zelda...“

„Danke...“, murmelte sie und wand sich wieder den Gästen zu. Aber als sie einen Blick zu ihrem in teuren Sachen gekleideten Helden werfen wollte, war dieser bereits verschwunden...

 

Trübsinnig folgte Link den weißgepflasterten, kleinen Steinwegen im riesigen, märchenhaften Schlosspark, bis er dort hingelangte, wo er einst die Prinzessin das Schicksals treffen sollte.

Aber er hatte damals keine Prinzessin gefunden, nein, er hatte eine Freundin gefunden, eine Gleichgesinnte, jemanden, der wie niemand sonst sein einzigartiges Schicksal teilte, und vielleicht hatte er in jener faszinierenden Gestalt sogar seinen Frieden gefunden...

            Von Anfang an war es nicht nur Schicksal sie zu finden, das erkannte Link, als er die verlassenen Gänge durchquerte und im Hintergrund immer noch die fröhliche, klassische Musik lief. Er hatte sein Schicksal gefunden... und gleichzeitig sein größtes Verhängnis...

            Ein Blick zu den weißen Heckenrosen. Ein kleines Beschauen etwas so einfachem, etwas so kostbarem. Genüsslich roch er an der süßen Rosenblüte und ein kleines Lächeln lief ihm über das Gesicht. Er musste grinsen, bitterlich grinsen, weil er sich verliebt hatte. Ja, endlich hatte er sich verliebt, ohne zu wissen, was Liebe war...

            Kurz vor der alten Holzschaukel, die an einem verzweigten, riesigen Apfelbaum hing, machte er Halt, erinnerte sich als die kindliche Prinzessin mit ihrer eigenwilligen und beinahe bübischen Art dort saß und ihn trotzig anschaute, weil er irgendeinen Streich ausgeheckt hatte, an den er sich nicht erinnern konnte. Er erinnerte das schmuckhafte Grinsen und die frechen Kinderaugen Zeldas... und doch... tat es einfach nur... weh...

Sich ärgernd schloss er seine Augen, fuhr sich mit der linken, triforceverbergenden Hand durch das wilde blonde Haar und tapste durch das hochstehende Gras zu einem alten Brunnen. Zelda hatte einst erzählt, dass Impa sie darin am liebsten eingesperrt hätte, nur um zu wissen, dass sie überhaupt da war. Denn so oft war die kindliche Hoheit ausgebüchst, war über Stock und Stein gestolpert um ihr eigenes Land zu entdecken...

            Mit einigen Fingerspitzen berührte er das kühle Nass, während ihn seine Erinnerungen einnahmen, er sich zurück wünschte in seine Kindheitstage mit Zelda. Denn alles war einfacher gewesen als heute... seine Gefühle für sie waren einfacher gewesen...

            In dem Moment wurde der goldene Mond am Firmament von einem kurzen, hauchenden Schatten übersegelt. Nur ein Luftzug in Begleitung von vertrauter Macht türmte und verwandelte sich hinter dem Rücken des Hylianers zu einer schlanken Gestalt mit einem tiefgrünen, samtigen Umhang. Denn es war Wind, den sie beherrschen und befähigen konnte. Es war Macht, die in ihrem Ursprung entkam...

Ohne sich umzudrehen sagte der blonde Hylianer freudlos: „Was führt dich zu mir, Göttin des Mutes?“ Er machte sich nichts daraus, dass eine Göttin hinter ihm stand.

Sie säuselte, ähnlich dem Wind, der durch raschelnde Laubblätter zog: „Du hast mich gerufen, ohne dir dessen bewusst zu sein...“

„Ach sie einer an... eine Göttin weiß wieder einmal besser bescheid über mich, als ich selbst“, sagte er sarkastisch und wand sich mit anklagendem Blick um. Die Gottheit, verborgen in den Schatten, verborgen unter ihrem magischen Mantel wusste doch, wie wenig Wert ihr Schützling auf die Anwesenheit ihrerseits legte.

„Zähme deine eigenen Gefühle der Wut und des Zorns, denn du hast selbst Verschulden, dass die Prinzessin dir mit Abweisung begegnet. Nicht allein des Schicksals Schuld ist es, dass ihr, die Auserwählten, nicht zu einander findet.“ Link verleierte die Augen und fragte erneut kühl und bedacht: „Was willst du, du wirst ja nicht hier sein, um mir Beziehungstipps geben zu wollen!“

            Sie schwebte näher und glühend grüne Augen stachen aus dem Umhang hervor. „An einem Ort, den nur ein Wahnsinniger, ein Toter, ein Ungetüm betreten könnte und wollte, geschieht unermessliche Bedeutsames für das Leben hier, das Leben in der Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart... und das Leben an einem anderen Ort, wo man das Leben mit neuen Augen erfahren und sehen kann. An einem Ort, der nicht sein sollte, führt ein kleiner Weg zu dem letzten Atemzug dieser Welt.“

Als sie die letzten Worte ausgesprochen hatte, trat Link aufgebracht näher und sagte energisch: „Hör’ auf in deiner unmenschlichen Sprache zu sprechen und erkläre mir, was du damit bezweckst, worin der Sinn deiner Worte liegt!“ In Rage breitete er seine Arme auseinander und wartete auf eine Antwort seiner Schutzgöttin.

„In wenigen Minuten geschieht das, woran der Frieden Hyrules und einer ganz anderen Welt aufgegabelt sind... doch du wirst nicht verhindern können, dass das Schicksal seinen neuen Weg findet.“

„Nicht verhindern?“, fragte Link entsetzt und ahnte, was sie versuchte ihm mitzuteilen.

            Langsam zogen sich die Schnüre der grünen Kapuze wie von Geisterhand zurück und wildes giftgrünes Haar fiel an den Schultern der mächtigen Gestalt hinab. Kühl und ohne die Spur Mitleid raschelte die Stimme des Windes in ihr. „Das Siegel wird zerbersten. Wie die Zeit zu ticken aufhören wird. Wie das Leben enden wird. In jedem der Zeitpfade, wo die Flut Hyrule einnehmen wird, jene Zeit, wo der Held der Zeit nicht mehr existent ist.“

Entsetzt und sprachlos stand Link einfach nur da... Zeldas Visionen... es war also bestimmt zu geschehen...

            „Das könnt ihr nicht tun!“, fauchte Link.

„Es ist die einzige Möglichkeit, zu schützen, was noch geschützt werden kann. Das Böse hat sich mit uns selbst verbunden... das Böse ist zu stark... vielleicht so stark wie eine der Großen Drei...“

„Moment!“, brüllte der Held und schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Du kannst mir nicht wirklich sagen wollen, dass das Böse inzwischen so stark ist, dass nicht einmal ihr es aufhalten könntet. Ihr, wo ihr seine Macht selbst erschaffen habt!“

„Zähme deine voreiligen Überlegungen und bedenke meine Worte, Heroe. Das Böse hat sich mit uns selbst einen Vorteil verschafft, der über alle Wege hinausgeht. Die Zeit ist gekommen, da die Schöpfung ihr Ende gefunden hat.“

„Ist dir, wo du nur eine unwissende, feige Göttin bist, eigentlich klar, was du den Geschöpfen dieses Zeitalters antust! Verdammt! Du bist eine Göttin, als verhalte dich auch so!“ Link war kurz davor, seine Schutzgöttin mit dem Schwert zu bedrohen.

            Gerade heute musste sie sich mit ihm anlegen. Erst diese Demütigung Zeldas, die ihre wahren Gefühle einfach nicht zeigen konnte, und nun teilte ein besserwisserisches unsterbliches Wesen ihm mit, dass Hyrule in wenigen Stunden seinen letzten Atemzug nehmen könnte.

            Immer wieder schüttelte Link mit dem Kopf, wollte diese Mitteilung nicht glauben, wollte diese Bestimmung nicht verstehen, nicht annehmen. „Nein“, sagte er eindringlich. „Das kannst du nicht tun...“

„Es ist unsere Pflicht gegenüber dem Schicksal, das noch mächtiger, dem am höchsten steht, was in unserer Pflicht liegt“, sagte sie raschelnd und schaute scharf und unecht in die tiefblauen Augen Links, der sich am Steinbrunnen abstützen musste.

            Ein simples „Wann?“ entkam seiner trockenen Kehle, unsicher, beinahe gelähmt...

„Morgen wird Hyrule enden... die Seelen seien erlöst, bereit für eine neue Welt, eine andere Zeit, eine Wahrheit, die sie in Hyrule niemals finden werden...“

„Zelda wird diese Entscheidung nicht akzeptieren können...“

„Nein... das wird sie nicht... Daher schweig, solange, wie es dein Herz ertragen kann...“

Festgemauert stand Link da und fühlte sich gerade wie das nutzloseste, dümmste Geschöpf einer Welt, die er, da er doch ein Held war, der Held der Zeit, nicht retten konnte. Gab es denn keinen anderen Weg? Gab es keine Hoffnung?

            Hoffnung gab es immer und es gibt sie noch...“, sprach die Wächterin des Mutes, denn sie las seine Gedanken ohne verschwenderische Mühe. Sie sprach beinahe sanft, beinahe menschlich. „Daher behalte deine Hoffnung bei, denn Hoffnung und Mut... bewirken oftmals die Wunder, die selbst Götter nicht ersinnen können... Leb’ wohl, Link.“ Er nickte bloß, unterband die maßlose, grenzenlose Wut in sich.

            Als sich die Göttin mit leisen Schwingen, mit Rascheln von Blättern und Unwirklichkeit davonstahl, trat Link erbost und zornig gegen den Brunnen, schlug mit der blanken Faust aus das raue Gestein und reagierte sich erbost auf seinen eigenen Unwert, Hyrule nicht länger beschützen, nicht erneut retten zu können, ab...

 

Im Königssaal ahnten nur einige Wenige, dass am nächsten Morgen nichts mehr sein würde, wie es war. Die Zeit war nun endgültig gekommen, da das Böse einen Sieg davon tragen würde... denn die Zeit in Hyrule würde in wenigen Stunden still stehen...

            Und doch wusste nicht einmal der König des hylianischen Landes, dass an der Pforte in die tiefste Hölle Schreckliches im Gange war. Nicht einmal der, der das höchste aller Ziele in Hyrules wahren sollte, wusste um das Ende, welches die Götter vorhersahen, da sie es mussten- als Rettung des Schicksals und der Zukunft...

            Prinzessin Zelda saß erneut auf ihrem Thron, richtete ihre Aufmerksamkeit auf einen ernsten Caldrian, der demütigt und mit einem sehr verräterischen Blick auf dem Prinzengesicht, Worte erklingen ließ, die die junge Thronfolgerin zwar hörte, aber einfach nicht verarbeiten konnte. Denn überall verblasste erneut Hyrules vor ihr... die Menschen bleich und leer, die Gegenstände... unwirklich...

„Prinzessin? Fühlt Ihr Euch nicht gut?“, meinte Caldrian, der einmal mehr höfische Rede anwand, denn seine strengen Eltern standen knapp nebenan, hörten aufmerksam zu und belehrten ihren Sohn mit erwartungsvollen Blicken.

Zelda stemmte zitternd eine in Samt gekleidete Hand an ihre Stirn und sagte: „Habt Dank für Eure Besorgnis, Caldrian, aber es geht mir ausgezeichnet.“

Du Lügnerin, schallte Links warme Stimme in ihren Gedanken, du kleine... Lügnerin...

            „Was sagtet Ihr gerade?“ Und Caldrian wies eine kleine, aufwendigverarbeitete Schatulle vor. Seine rehbraunen Augen sagten der Prinzessin, wie leid es ihm tat, diese Bitte äußern zu müssen, und dass sie zum Wohle des Volkes mitspielen möge...

„Caldrian?“ Zeldas Stimme klang fragend und ungläubig.

„Nehmt dieses Präsent, diese Spange, als ein erstes Verlobungsgeschenk an.“ Und seine gedemütigten rehbraunen Augen blickten schräg seitwärts. Verbittert warf die schöne Prinzessin einen Blick zu ihrem lächelnden Vater und schließlich zu den auf Siegeszug schwebenden Hoheiten Calatias.

„Vielen Dank, Caldrian. Es ist mir eine... Ehre“, sagte Zelda trocken, würgte sie beinahe hervor, platzierte die Schatulle ohne einen Blick darauf zu werfen auf den Thron, und hetzte kopfschüttelnd in die Masse der Leute.

Als sie an Caldrians Gestalt vorüberging und er ihren Blick streifte, bezeugte er die kümmerlichsten und traurigsten blauen Augen, die er jemals sehen würde. Tränen waren darin verankert und die Wahrheit, die Caldrian wusste...

            Wie ein Verräter fühlte er sich, fragte nach der Hand der schönsten Lady in Hyrule, die ein anderes Herz liebte, die das teure Herz eines Hylianers liebte, der ihm selbst ein Freund geworden war...

 

Als der junge Held erneut in den Ballsaal trat, zauberten die Musikanten einen hübschen Klassiker in den überfüllten Raum, spielten einen schnellen Rhythmus für die Dutzenden Hylianerohren, wozu die Adligen mit ihren teuren Gewändern und edlen Rüstungen vakant tanzten.

Mit ernsten und doch hoffenden Blicken suchte Link den gesamten, geschmückten Kronsaal nach der Prinzessin des hylianischen Landes ab.

Vergnügt bewegte sich derweil eine lächelnde Malon mit ihrem selbstgeangelten Prinzen Caldrian durch den Prachtsaal, lachte und ließ sich von ihrem Verehrer ausgelassen herumführen.

Auch der König war von seinem hoheitlichen roten Thron in die Reihen der Tanzenden gezogen, und tanzte mit einem Lächeln auf dem Gesicht mit einer älteren Lady, deren Name Link unbekannt war. Aber nirgends die Spur seiner vergötterten Prinzessin...

Er wollte sie finden, nicht um ihr von der Begegnung mit Farore zu berichten, nein, der Untergang Hyrules würde sich auch ohne seine Worte ankündigen...  er wollte ihr etwas anderes sagen, etwas, was er noch nie mit irgendjemanden besprochen hatte.

Traurig sahen seine tiefblauen Augen auf. Erdrückt fühlte sich Link von den lachenden Hylianern, die all das bekamen, was sie besitzen wollten. Nur er... wo er als Held doch ein Außenseiter war, ein nichtiger Zeitgenosse, der irgendwann vielleicht in Vergessenheit geriet, er, würde das, was er nun schmerzhaft begehrte, niemals festhalten können...

            Plötzlich tippte jemand auf seine Schulter und brachte ihn aus seinen schweren Gedanken heraus. Impa stand mit einem obskuren Grinsen neben ihm und sagte: „Solltest du dich heute nicht endlich überwinden, deine Tanzkünste anzuwenden?“

Aber Link wurde bloß verlegen, wackelte mit der rotumrahmten Nasenspitze und kratzte sich kindisch am Kopf.

„Na, mach’ schon!“, sagte sie und gab ihm einen starken, schmerzhaften Klaps an seine linke Schulter.

„Bitte sie um einen Tanz, Link“, setzte die tiefe Shiekahstimme belustigt hinzu. „Sie wartet auf dem großen Balkon auf dich.“ Link bekam nicht ein vernünftiges Wort zustande und sah schüchtern zu Boden.

„Heute sei alles erlaubt, denn morgen...“ Doch Impa brach ab.

„Du weißt es bereits.“

„Ja, immerhin gehöre auch ich zu den Sieben Weisen, Link. Und deshalb...“ Impa verschränkte ihre Arme, hatte einen eher melancholischen Funken in den scharlachroten Augen und wand sich in Richtung der weit offen stehenden gläsernen Balkontür, wo dicke Vorhänge aus goldenen Chiffon hinein in den Prachtsaal wehten. „... deshalb sei euch beiden, dir und Zelda, wo ihr doch Auserwählte seid, heute erlaubt, was immer auch in euren Wünschen liegt.“

Beinahe erschrocken türmte Link herum, besah sich das stolze Grinsen aus der Gesandten der Schatten und wusste ihre Worte doch nicht richtig zu deuten. „Wie meinst du...?“

Erneut bekam der fassungslose junge Mann einen Klaps, diesmal auf den Hinterkopf.

„Nun tu doch nicht so belämmert, Link. Geh’ endlich zu ihr. Sie braucht dich jetzt. Nicht den Helden, der du bist, und vielleicht nicht einmal den Freund, der du für sie bist. Sie braucht dich in Gestalt ihrer Sehnsüchte. Abmarsch!“ Impa schnippte mit den Fingern und zwei kraftvolle Sehnen aus Schatten, Impas Gewächs, ihrem Ursprung, legten sich wie Schlangen um Links starre Fußgelenke.

Ohne Gegenwehr, mit weitaufgerissenen Augen und entsetzten Gesichtszügen wurde Link, der einen erschütterten Angstschrei ausstieß, von den Schattenboten durch den Saal gezerrt, bis er stolpernd vor der Balkontür landete. Den Göttinnen sei Dank war die fröhliche Musik so laut, dass kein Anwesender den schrecklichen Klagelaut des verschreckten Link gehört hatte.

            Noch einmal blickte Link, fast dankend zu der Ziehmutter Zeldas, die mit ihrem klugen Kopf wippte. Der junge Held nickte und trat endlich nach langer Überzeugungsarbeit auf den weißen, glänzenden Balkon, wo die Trägerin des Fragmentes der Weisheit, seine Prinzessin, die er über alles liebte, wartete...

 

Derweil klatschte Harkenia von Hyrule neben seiner langjährigen Vertrauten Impa in die Hände. „Bravo, Impa“, sagte seine starke Stimme. Erstaunt hängte die Shiekah ihren Schädel schief. „Wie meint Ihr, mein König?“

„Nun, ich habe mich schon die gesamte Zeit gefragt, wann es denn endlich so weit sein wird...“

„So weit?“

Aber Harkenia klopfte der Zofe nur belustigt auf die Schulter. „Glaubst du, meine liebe Impa, ich kann mit meinen lebenserfahrenen Augen nicht sehen, was hier vor sich geht?“ Und der gutmütige Harkenia schüttelte bloß mit seinem Kopf. „Auch ich war schon einmal verliebt, Impa.“

„Und Ihr habt keine Bedenken?“

„Bedenken?“, lachte der König Hyrules. „Welche Liebe hat denn keine Bedenken, Impa. Es war bloß eine Frage der Zeit. Liebe kennt keine Grenzen, nicht einmal zwischen den Gesellschaftsschichten. Und ich kann Zelda nicht ihre Gefühle verbieten...

„Nein, das könnte nicht einmal das Schicksal. Heißt das... ihr habt nichts dagegen?“ Harkenia zupfte sich am Kinn und schien zu grübeln.

„Zelda weiß um die Gesetze der Königsfamilie. Wenn sie sich daran hält, dann dürfte sie Link niemals lieben. Aber Zelda... sie hat soviel Glück verdient. Impa...“ Er blickte angestrengt auf. „Wenn Zelda zu mir käme und mir erzählen würde, dass sie ihren Helden liebt. Wenn sie mich darum bitten würde, ich könnte ihr nicht wiedersprechen.“

„Ihr würdet Link annehmen?“

„Ich mag ihn, Impa. Das kann ich nicht verschweigen. Aber es gäbe viele Einschränkungen für ihn bei Hofe.“

„Und der kluge Junge würde diese Einschränkungen alle annehmen, wisst Ihr das?“ Der König zuckte mit den Schultern. „Es liegt alles in Zeldas Händen.“

„Dann hoffen wir, dass sie ihre Gefühlskälte und ihre Sturheit zu bekämpfen weiß.“ Damit endete Impa, worauf in kürze der stolze König mit einer starken, sogar einen Kopf größeren Impa tanzte. (oder besser... Impa hatte den König vollsten im Griff...)

 

Über Hyrule senkte sich die kühle Sommernacht geräuschlos nieder. Nur einige Singvögel durchbrachen die Stille, als der junge, blonde Hylianer andächtig auf den Vorbau schritt. Seine Stiefel klapperten leise, gaben seine Anwesenheit preis, und doch bemerkte die Prinzessin sein Zugegensein in dem Moment nicht.

Ihm den nur halb verdeckende Rücken zugewandt stand sie einfach nur da. Das honigblonde, lange Haar schlängelte sich an ihrem schmalen Rücken hinab und lockte sich leicht an den weichen Enden. Ihr Blick galt dem klaren Sternenhimmel. Anmutig und standhaft ging das Leuchten ihrer Augen hinauf ans Himmelszelt zu dem glänzenden Großen Triforcesternbild.

            Auch Link rührte sich nicht und starrte sie einfach nur an. Sie war schlichtweg... wunderschön... Gerade jetzt fiel ihm das auf, ihre göttliche Ader, ihr gefährlicher Reiz. Und immer wahnsinniger, drängender erfüllte den Heroen das Gefühl, dass er ihr auf der Stelle, ohne Zweifel, gestehen musste, dass er sie liebte. Er wollte plötzlich mit seinen Knien nachgeben, wollte sich vor sie hinwerfen, sich ihr möglicherweise sogar unterwerfen.

            Kopfschüttelnd gaffte und bestaunte er sie weiterhin. Ihr Blick sank nieder, ein Seufzen entkam ihren roten Lippen und Halt suchend klammerte sie sich an das weiße Geländer, vor dem sie stand.

            Magnetisch angezogen tapste er dichter, und vielleicht waren es nicht nur die starken Gefühle für sie, die ihn näherlockte, sondern die Anziehung ihrer beider Triforcefragmente...

Sachte legte er seine rissigen Kämpferhände auf ihre entblößten Schultern. Sie zuckte kurz auf, wand sich aber nicht zu ihm.

„Hey...“, flüsterte er.

„Hey...“, entgegnete sie, ein wenig angespannt, ein wenig scheu, sich an das Gespräch von vorhin erinnernd.

War denn nicht alles geklärt?

„Was machst du hier?“, fragte sie und wartete darauf, dass sich seine warmen Hände distanziert von ihren Schultern lösten.

„Nichts...“

„Und was erwartest du?“

„Nichts“, sagte er wieder und rang damit, die Wahrheit herauszubrüllen. Die Prinzessin wich nach vorne, ein Signal, dass sie seine Nähe nicht ertrug und doch drehte sie sich einfach nicht um.

„Aber es ist doch alles geklärt“, sagte sie zittrig. Und allein der unsaubere, beschwichtigende und kalte Klang ihrer Stimme verriet das Gegenteil. Nichts war geklärt...

Links tiefblaue Augen schlossen sich lethargisch. Er wusste doch, dass sich nie wieder etwas zwischen ihnen klären würde.

„Bist du dir da sicher?“

„Nein.“ Kurz und schmerzlos war ihre Antwort, denn sie verbat sich selbst die Wahrheit zuzugeben.

            Uneins mit sich selbst, was er tun sollte, wie er anfangen sollte, seine Gefühle ihr gegenüber zu erklären, verkrampfte Link mehr und mehr die Hände. Kurzum kniete er nieder, streichelte über Zeldas rechte Hand, die er fest in seine beiden nahm und meinte fast ehrerbietig: „Tanz mit mir.“ Erstaunt wich die anmutige Prinzessin zurück und schaute irgendwie unwirklich in den ernsten Blick ihres Heroen.

„Das kannst du doch gar nicht...“, murmelte sie kindlich und riss ihre Hand von seinen los.

„Wir werden sehen.“

Die Musik, sanft und melodisch rührte sie vom Saal her, wurde milder und weicher. Ein gefühlvoller Takt... Romantik...

Wie Impa es ihm beigebracht hatte, zog er Zelda in eine nahe Umarmung und legte seine Hände auf ihre schmalen Schulterplatten. Ganz im Takt der ruhigen Töne führte er seine Prinzessin in den Tanz hinein.

Von klein auf lehrte man die Königstochter des Tanzen, aber so genossen hatte sie ein paar Schritte begleitet von zarter Musik und geführt von einem wahren Gentleman noch nie. Sie wollte weinen... so sicher und verzaubert fühlte sie sich...

„Ich wusste nicht, dass du tanzen kannst...“

„Impa hat es mir beigebracht...“, murmelte er und führte seine Prinzessin weiterhin in diesen Tanz hinein, träumte mit ihr und verführte sie sanft dazu, sie selbst zu sein.

            Als der Reigen endete, standen sie einfach nur da, beobachteten den letzten Märchenhimmel in Hyrule, denn das Alte, und auch die guten Seiten dieser Welt der Magie, würden sehr bald schweigen...

            „Ich möchte mit dir reden...“, sagte Link leise, doch nicht mehr verlegen, nicht mehr uneins. Er wand sich ab und trat neben die Prinzessin an das glatte Steingeländer.

„Was möchtest du bereden? Gibt es denn noch etwas zu klären?“, meinte sie schnippisch und neigte ihr königliches Haupt weg. Schwermütig ließ Link den Kopf hängen, und stemmte seine Ellenbogen am Geländer ab.

„Du kannst auch einfach bloß zu hören...“ 

„Wer sagt... dass ich zu hören kann?“, äußerte sie bissig und starrte vorn über das Geländer, fühlte den Wind schwinden, fühlte das Altern des Lebens allmählich stoppen...

Link seufzte angesichts ihrer verdammten Sturheit und hatte das Gefühl, er müsste sie auf der Stelle in seine Arme reißen, damit sie ihm zuhörte. Er fühlte den Zwang, er müsste sie augenblicklich küssen, nur damit sie verstand...  

            „Dann hör’ eben nicht zu“, murrte er, klammerte sich fest an das Geländer und fragte sich inständig, was in ihn gefahren war, was ihn geritten hatte. Er wollte ihr so viele Dinge erzählen, die er noch niemandem mitteilen konnte. Er wollte seinem Herzen endlich Luft machen und Zelda war die einzige, mit der er reden konnte und reden wollte.

Er seufzte und suchte nach einem Anfang für die vielen Geheimnisse in seiner Seele, die ihn schon so lange belasteten. Tiefe Geheimnisse, die an ihm zehrten, sich von wachsender Ungeduld und Schwermut ernährten.

            „Dann hör’ nicht zu...“, wiederholte er leiser. „Dann rede ich mit dem Wind...“ Seine Augen schlossen sich und öffneten sich einen winzigen Spalt, nur um diese Sehnsucht darin durchschimmern zu lassen.

Er stützte sich mehr und mehr auf das weiße Geländer, wühlte mit seinen Händen in den goldblonden Haarsträhnen und begann sich mehr und mehr zu ärgern. Seitdem er zurückgekehrt war, hier in dieses alte Heimatland, zermalte er sich den Kopf darüber, wie er Zelda erklären konnte, warum er überhaupt jemals den Wald der Kokiri verlassen hatte. Die Götter wussten, der Grund war nicht alleine seine große Aufgabe, die der Dekubaum an ihn herantrug. Und er wollte Zelda so gerne sagen, ihr verdeutlichen, warum er nach Hyrule zurückgekehrt war, obwohl niemand hier auf ihn wartete und obwohl er hier vielleicht nur ein Unbekannter, ein Außenseiter war...

Aber Link fand im Moment keinen Beginn für die dringenden Worte, die sein Herz entlasten würden...

„Ich bin ein Feigling, Zelda...“, sagte er schließlich, ohne nachzudenken. Er schlug mit einer Faust auf das Geländer und wiederholte die schmachvollen Worte erneut. Immer wieder, wie eine dumme, kleine Beschwörungsformel.

            Zelda stand schweigend daneben, faltete ihre Hände vor der Brust und blickte augenscheinlich teilnahmslos zu Boden.

Zumindest für Link schien es so, als interessierte sie sich nicht für seinen Seelenkummer. Und vielleicht empfand Link es ebenso, obwohl das Mitgefühl in Zeldas Innerem, einzig für ihn bestimmt, seine Sorgen immer verstehen wollte und verstanden hatte.

            „Als ich den Wald der Kokiri verließ... damals... als alles begann, zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, ich würde etwas finden, was ich bis dahin immer vermisst habe. Ich dachte, ich würde verstehen, was es ist, das mir fehlt. Denn ich hatte ständig diesen Zwang auf der Suche zu sein. Auf der Suche nach irgendetwas, was ich nicht einmal definieren konnte.“ Mit feuchten, tiefblauen Augen strahlte der junge Heroe in die grenzenlose Nacht und sah Tiere durch die nahen Wälder schleichen, sah das Leben schlafen, dort, wo es glücklich und behütet schien. Es war seltsam, dass selbst Tiere das besaßen, was er nicht hatte...

            „Ich habe es gespürt, seit ich den Wald verließ. Es war ständig bei mir... diese Sehnsucht, dieses Verlangen...“, sagte er trüb. Seine Worte nur ein Widerhall seines Herzens.

„Ich habe so oft darüber nachgedacht... mit wem ich reden sollte, wie ich es irgendwem erklären sollte. Aber ich war ein Feigling. Ein Angsthase vor meinen eigenen Empfindungen und Gefühlen...“ Er lachte gequält auf und suchte einen vorsichtigen Blick in das rätselhafte Blau von Zeldas Augen. Sie verstand ihn nicht, oder verstand sie?

Sie wirkte so teilnahmslos und uninteressiert an seinem Seelenleben. Das einzige, was sie tat, war düster zu Boden zu starren.

„Und jetzt, wo ich bei dir bin, da... da ist alles so klar. Seit ich bei dir im Schloss bin, habe ich es verstanden...“ Seine Stimme klang ein wenig wahnwitzig, plötzlich so aufgeweckt und überrascht. Link lachte wieder auf. „Es ist klar.“

            „Link...“, flüsterte sie. „Bitte schweig. Bitte sag’ es nicht...“ Und er erkannte, dass ihre angebliche Teilnahmslosigkeit nur ein nichtiger Ausdruck von Angst war, einer Angst davor, zu fühlen und zu leben, zu genießen und zu lieben.

            Er verschränkte seine Arme und murmelte, nicht bereit sich den Mund von ihr verbieten zu lassen. „Ich wollte dir das schon die ganze Zeit sagen... ich wollte es nur dir sagen...“ Sie trat heftig zu der gläsernen Balkontür, wollte fliehen und seine Worte nicht zulassen, sie betäuben. Aber er blieb davon unbeeindruckt und hielt sie an ihrem Handgelenk fest, massierte ihre Haut mit seinem Daumen und versuchte dem Druck seines Fragmentes nicht nachzugeben. Es war brennend, das Gefühl, Zeldas rechte Hand in seiner linken zu halten. Und doch forderte es ihn irgendwie heraus, weiterzugehen, ihr alles zu sagen.

„Bitte bleib’. Bitte lauf’ nicht weg. Ich muss es dir sagen“, bat er, worauf sie die Augen schloss und nachgab. Sie seufzte, nickte und lauschte den Worten, die sie nicht ertrug.

            „Als ich dich im Schlossgarten fand, als ein elfjähriger Junge, ich wusste nicht, dass du mein ganzes Leben bestimmen würdest...“

„Hör’ auf damit, Link. Ich bestimme dein Leben nicht! Nicht mehr“, sagte sie verbittert und drehte ihm den Rücken zu.

Ja, dachte er, sie konnte sich wünschen, es wäre nicht so, aber die Wahrheit ließ sich nicht länger verschmähen, sie ließ sich nicht foltern und betrügen, so wie die Zeit, die beide Auserwählten mehr als einmal zu ihrem Spielzeug gemacht hatten. Zelda würde in Links Leben immer eine sehr bedeutende Rolle spielen, ob sie es nun wollte oder nicht.

            „Aber ich will, dass du mein Leben bestimmst... ich will es so...“, war seine ehrliche Antwort, unterlegt mit dem halbherzigen Grinsen, das um seine Mundwinkel spielte.

„Genau, das will ich, und das wollte ich damals, als ich dich das erste Mal besuchte. Damals im Schlossgarten, das... war der Moment, wo ich es mehr als sonst gespürt habe. Diese Sehnsucht und dieses Suchen nach etwas Unwünschbarem.“ 

„Link...“, murmelte sie, beinahe verzaubert von seinen Worten und einer unbeschreiblichen Einfühlsamkeit von seiner Seite.

            Sein Name, gesprochen von der sanften, helle Stimme seiner Prinzessin, war alles, was er sich in diesem Moment wünschte, was er wollte. Wenn sie seinen Namen sagte, mit dieser Faszination, mit soviel Schwermut, dann fühlte er sich geborgen, dann fühlte er seine Sehnsüchte erfüllt.

„Ich war ständig auf der Suche und habe mich doch nur selbst belogen... ich war auf der Suche nach Liebe, nach einem Zuhause... deshalb kam ich zurück... nur deshalb.“ Link schloss die Augen, erleichtert, die Worte endlich gefunden zu haben, und doch nagte an ihm die Ungewissheit, wie Zelda mit diesen Worten umgehen würde. Sie musste ihn dafür hassen, dass er solch verweichlichte Worte in ihrer Gegenwart über seine Lippen gleiten ließ.

            „Du wolltest einmal von mir wissen, was mich bedrückt... nun weißt du es...“ Er ließ sich zu Boden sinken und lehnte sich an das Geländer, schämte sich schon beinahe dafür, Zelda dieses Geheimnis gestanden zu haben. Bei Farore, er hatte gerade die ganze Stärke verraten, die in ihm schlummerte, alles nur wegen einem so verführenden Wunsch nach einem Heim. Nach Schutz und Geborgenheit.

„Und es ist deine Sache, was du mit diesem Wissen anstellst...“, setzte er hinzu und kramte die Okarina der Zeit aus einer Seitentasche. Das alte Musikinstrument aus der königlichen Familie hatte ihn ebenso ständig begleitet, ebenso wie diese Sehnsucht, die eine Sehnsucht nach Zelda verkörperte. Ihre eigene Magie haftete an dem Instrument, verlockte ihn immer wieder dazu, das Instrument zu spielen. Und immer wenn er es spielte, drangen Bilder von Zelda und ihm in seinen Geist, besänftigten die quälende Sehnsucht ein wenig, die gerade jetzt am stärksten zu sein schien.

            „Ich habe eine verdammte Sehnsucht nach einer Familie, Zelda...“ In dem Augenblick setzte sich die junge Prinzessin neben ihn und zog ihre Knie zu sich heran.

„Link... ich weiß... ich weiß es.“ Er schaute verwundert zu ihr, war aber keineswegs verärgert, sondern eher beruhigt. Sie wusste es, warum jedoch konnte sie ihm dann nicht einfach schenken, was er begehrte, zumal sie es ebenso wünschte?

            „Ich frage mich ständig, ob mir so etwas irgendwann zuteil wird. Ich meine, ich will Liebe, ich will Wärme... und dann frage ich mich immer, ob das zuviel verlangt ist“, sagte er und atmete tief ein.

„Nein, das ist nicht zuviel verlangt, Link...“, sprach sie ruhig, aber hielt seine Nähe im Moment nicht mehr aus. Sie hüpfte auf die Beine und starrte hinaus in die Dunkelheit, beobachtete die vielen brennenden Fackeln der Hylianer über den dunklen Hügeln aufleuchten.

            „Meinst du, es gibt irgendwo jemanden, der mich lieben würde. Ich meine, nicht weil ich das Heldenblut in mir fließen spüre, oder wegen irgendwelchen Äußerlichkeiten.“ Links Stimme ließen ihre Nackenhaare aufstehen, schickten ihr all’ die Gefühle entgegen nach denen sie sich sehnte und doch... sie konnte nicht einfach auf dieses Begehren antworten. Beinahe weinen musste Zelda wegen dieser naiven Dummheit ihres Helden. Natürlich wurde er geliebt, von mehr Menschen als er dachte...

„Es wird immer jemanden geben, der dich liebt, Link... Die Hylianer sehen zu dir auf, und Tausende respektieren dich mehr als meinen Vater. Du bist in ihren Herzen, auf eine Weise, die man als Herzensträger nicht verstehen kann.“

„Was bringt mir das, wenn ich von ihnen nicht so geliebt werden kann, wie ich es ersuche, Zelda? Ich will ein Heim, eine Familie!“ Link redete nun lauter, fühlte das Blut wallen, fühlte seine Macht hervortreten.

„Aber es ist nicht dein Schicksal“, flüsterte Zelda und drehte ihre tränenreichen Augen zu ihm. „Von allen, die ein großes Schicksal erwartet, sind die am reichsten beschenkt, die bestimmt sind, zu lieben. Darum... ist Liebe das schönste Schicksal...“, sagte sie.

„Aber dein Schicksal ist der Kampf. Und meines ist die Herrschaft Hyrules...“ Ihre Worte erstarben angesichts dieser großartigen Dummheit. Diese verdammte Schicksalsgläubigkeit machte sie krank, aber sie hatte keine Wahl als daran festzuhalten.

,Liebe war das schönste Schicksal.’ Dieser Satz, so wundervoll. Diese Worte wie ein Hoffnungsschimmer, aber er tat auch weh.

            Eine Träne tropfte von Zeldas Augenwinkeln. Ja, Liebe war das schönste Schicksal. Ein mögliches unter vielen. Aber keines kam ihm gleich. Und Zelda wusste schon immer, mit all’ den unschönen Gefühlen daran geknüpft, dass Liebe niemals ihr Schicksal wäre...

            „Sag’ mir, warum du weinst, Zelda...“ Link tupfte mit seinen Fingerspitzen über die warmen Tränen auf ihren samtenen Wangen, als sie ihn endlich wieder anblickte. Es tat so gut, von ihm berührt zu werden. Verzehren tat sie sich danach...

„Liebe ist das schönste Schicksal...“, sagte sie. „Es gilt nicht für dich. Nicht für mich. Und niemals für uns.“ Damit strich sie die Falten auf ihrem Kleid zurecht, aber ihr leises Schluchzen blieb von dem Heroen nicht ungehört.

„Zelda... Geh’ nicht. Lauf’ nicht schon wieder vor mir weg“, meinte er und war mit einem Schwung in ihrer Augenhöhe, hielt sie fest und blickte sie durchdringend an.

„Liebe ist das schönste Schicksal...“, murmelte er. „Warum kann es das nicht trotzdem für dich und für mich sein?“

„Weil es nicht für uns gilt“, weinte sie. Link öffnete seinen Mund, wollte etwas Absurdes sagen, aber konnte Zeldas vorsichtige Andeutungen nicht wirklich begreifen.

„Für uns...“, wiederholte er.

„Nein... nicht für uns“, endete sie. Wortlos sah Link seine Prinzessin an, hielt den Moment fest, wünschte sich, er könnte die Zeit auf der Stelle einfrieren. „Und wenn es nicht für uns zusammen gilt, dann gilt es für keinen von uns.“

            „Geh’ nicht“, murmelte er, als sie sich in Richtung Tür wand. „Ich will bei dir sein, verdammt, das wollte ich immer!“ Sein Murmeln wandelte sich in erschreckendes Rufen. „Von mir aus soll es der gesamte Königssaal wissen und dein Vater gleich mit! Ich will einfach nur bei dir sein!“

Zelda konnte seine Worte erst gar nicht begreifen, sie sah keinen Sinn darin und sie wollte nicht schon wieder zu diesen scheußlichen Gefühlen hingerissen werden, sie hätte das Königreich mit einer angeblichen Affäre mit einem Bürgerlichen beschmutzt. Ja, sie wusste, was Calatias Hoheiten von ihr hielten. Und Zelda musste ihre Ehre als Prinzessin wahren.

            „Aber ich kann und ich will nicht länger bei dir sein!“, giftete sie. „Weißt du, was du mir antust?“ Link blieb stumm und fühlte sich betäubt angesichts ihrer Worte.

„Du bringst mein ganzes Seelenleben durcheinander! Und du begreifst es einfach nicht! Es tut uns beiden nicht gut, was hier geschieht. Ich will, dass du mich einfach in Ruhe lässt! Du bringst mich in Ungnade!“

Aber für Link war durch ihre abweisenden Worte in dem Augenblick, so intensiv wie nie zuvor, vollkommen klar, was er tun musste. Er würde Zelda nicht weglaufen lassen. Nicht schon wieder!

            Die Geduld endgültig verlierend packte der junge, couragierte Held seine Prinzessin beinahe grob an den entblößten Oberarmen, folgte mit einem leeren Blick der verwunschenen Wahrheit in Zeldas Augen und hätte beinahe angefangen, sie anzuflehen, ihm zu sagen, was er hören wollte. Denn er wollte klar und deutlich hören, dass sie ihn im Gegenzug ebenso liebte, begehrte... genauso wie er sie.

            „Küss’ mich“, sagte Link stur. Zeldas Gesicht verzog sich unverständlich, schockiert und seine Worte einfach nicht begreifend.

„Wie bitte?“, sagte sie, sichergehend, sich verhört zu haben.

„Du hast mich ganz genau verstanden“, sagte Link deutlich, funkelte mit seinen tiefblauen Augen in ihre sanften, verwirrten.

„Küss’ mich, Zelda“ Sie wollte sich losreißen, empört und halbwegs die Beherrschung verlierend. Aber Link umfasste ihre Oberarme umso fester.

Die schöne Prinzessin wollte gerade mit Ausflüchten und einer ordentlichen Standpauke anfangen, als Links rechter Zeigefinger sich auf ihre bemalten, weichen Lippen legte und sie angesichts dieser warmen Zärtlichkeit die Worte verlor.

„Wenn ich dich küsste... weiß ich, du würdest erwidern. Also, was spricht dagegen? Gerade heute, wo alles erlaubt ist.“ Die blonde Hylianerin war einfach nur sprachlos...

            Ohne weitere Sekunden zu verlieren, riss Link die Prinzessin stürmisch in seine Arme, begann verträumt ihre Lippen zu liebkosen, auch wenn sie zunächst vor Entsetzen nicht erwiderte. Sie war so angespannt im Augenblick, nicht wie zu dem Zeitpunkt, als sie beide in der Wanne gelandet waren... Ihre Hände krallten sich zitternd in den Stoff auf Links Brust. Ihre Lippen schienen wie zugeschweißt und doch unternahm Zelda keinen Schritt zurück, um sich aus seiner Umarmung zu lösen. Stattdessen regte sich eine Gänsehaut auf ihren nackten Schultern, dort wo Links raue Hände einfühlsam entlang streichelten. Das war falsch, dachte sie. Sie konnte es nicht zulassen. Das durfte sie nicht...

            „Lass’ mich dich tief und innig küssen“, murmelte Link gegen ihre feuchten Lippen, die immer noch geschlossen waren, ihm den Eintritt für eine hemmungsloserer Liebkosung verweigerten.

„Nicht...“, war alles, was sie sagte, bevor seine Lippen sich festigend auf ihren wiederfanden. Er ignorierte das Verbot aus ihrem königlichen Mund. Es war ihm so egal, wen er vor sich hatte. Denn er sah Zelda schon lange nicht mehr als Prinzessin an, nein, vielmehr als Freundin. Verdammt sein soll dieser Titel, dachte Link.

Leidenschaftlich presste er seine Lippen stetig auf ihre, wollte sie damit überzeugen, sich zu entspannen, loszulassen, endlich sie selbst zu sein. Und diesmal, als Zelda absolut wehrlos in seiner Umarmung ruhte und er ausdauernde Küsse auf ihre Lippen verteilte, gab sie sich ihm endlich hin, ihre Lippen öffnend, den Kuss intensivierend, die Liebkosung steigernd.

            Während sie einander halb verschlangen und sich zu dem Kuss bewegten, blickte Impa zuerst überrascht und dann irgendwie gerührt durch die Glasscheibe der Balkontür.

            „Sorry...“, hauchte Link bereuend, als sich sein Mund wenige Minuten später an ihrem Hals entlang seilte und er die Liebkosung endlich enden ließ. Aber Zelda stand einfach nur da und fühlte sich beschämt und entsetzt. Und dennoch war dieses wahnsinnige, schöne Gefühl alles, worauf sie gewartet hatte.

            „Hasst du mich... jetzt...“, murmelte der Heroe nach mehreren Minuten schwermütig und wünschte sich, er hätte die Prinzessin gerade nicht geküsst und er hätte das gerade nicht gesagt. Hastig riss sich die stolze Prinzessin los. Ihre Augen starr und aufgerissen. Ihre schönen, rotgemalten Lippen öffneten sich für Worte, die Link nicht hören wollte. Entsetzt und zittrig blickte die schöne Prinzessin in seine Augen und wollte gerade beginnen sich zu rechtfertigen, sie als Thronfolgerin, wo sie sich doch für keine Entscheidung rechtfertigen müsste, höchsten vor ihrem königlichen Gewissen.

Aber Link hob eine Hand und sagte abtuend. „Hör’ auf damit... ich brauche deine Ausflüchte nicht... ich brauche deine Lügen nicht... ich brauche bloß...“

Entschieden und ernst sah er in das Blau ihrer Augen. „Antworte nur einmal aus deiner Ehrlichkeit heraus. Hasst du mich? Hast du angefangen mich zu hassen?“

            „Wer hat dir das Recht gegeben, mir eine solche Frage zu stellen?“, fauchte sie beinahe. Ihre sonst so nüchterne Stimme drohend und gewaltig.

„Als ob ich mir für meine Worte dir gegenüber ein Recht holen müsste. Was, bei Nayru, ist bloß los mit dir? Kannst du mir nicht nur einmal aufrichtig, diese dumme Frage beantworten? Musst du aus jeder Laus einen ausgewachsenen Drachen machen?“ Sie verzog hochnäsig ihr Gesicht, äffte kindisch seine Worte nach und war dabei trotzig in den belebten Saal hineinzustürmen. Aber Link packte sie schon beinahe schmerzhaft an ihrem rechten Handgelenk und sagte erneut mit Wut in den Augen: „Hasst du mich inzwischen so sehr, dass ich nicht einmal mehr deine Gesellschaft verdient habe? Läufst du wieder weg? Wie damals in der alternativen Zukunft?“

            Sie hielt inne und Link ließ von ihr ab, blickte traurig aus tiefstem Herzen zu Boden. Sein Fragment des Mutes kochte vor Energie, gespeist aus seinen Sehnsüchten, gespeist aus seinen Gefühlen... 

            „Du willst wissen, was los ist?“, fauchte sie und hatte plötzlich Verzweiflungsspuren in ihrem schönen Gesicht. Angst und Trübsinnigkeit...

„Ja, Zelda, sag’ mir endlich, was los ist...“

„Schön, ich sag’ dir, was los ist!“, brüllte sie und trat nah und gefährlich nah an Link heran.

„Ich, die armselige, kindische Prinzessin Hyrules, erkläre hiermit, was LOS ist.“ Gekränkt und belehrend hob sie einen Zeigefinger in die Höhe und wirkte so unecht mit dem Schmerz in ihren himmelblauen Augen.

„Hyrule stirbt, wie eine Leiche, aus der das dickflüssige Blut tröpfchenweise herausquillt“, fauchte sie, unterließ es Link in die Augen zusehen und blickte beschämt zu Boden.

„Prinzessin Zelda, Konstanzia von Hyrule, darf in den nächsten Monaten, solange Hyrule noch besteht, einen Prinzen ehelichen, mit ihm ein Bett teilen, ihm den nutzlosen Körper hingeben, in dem sie gefangen ist, und ihm am besten einige Kinder gebären.“ Erstarrt stand Link nur da, hatte das unverwüstliche Bedürfnis Caldrian in Tausend Stücke zu reißen und fühlte sich wie das dümmste Stück Fleisch, welches in Hyrule Leben erfuhr.

            Tränen standen plötzlich in ihren Augen und Link fühlte sein Fragment angesichts der Worte aus seiner Hand herauspochen. Zelda wischte sich die Tränen von den Augen und begann nun so laut zu schreien, dass Link fürchtete, es könnte in dem Saal gehört werden. „Und der einzige Hylianer, der einzige Freund, den ich habe... fragt mich...“ Leiser und leiser wurden ihre Worte und endeten in einem anbahnenden Weinkrampf. „... fragt mich, ob ich ihn hasse... wegen einem Kuss...“ Sie zitterte plötzlich heftig, torkelte rückwärts und lehnte sich mit ihrem schmalen Rücken an die robuste Glasscheibe.

„... verständlich... denn das einzige, was Prinzessin Zelda kann, ist hassen... Hassen... Hassen...“

Links Sprachlosigkeit überwältigte ihn, als im Hintergrund die ersten Feuerwerkskörper am dunklen Nachthimmel einen Flickenteppich aus allen existierenden Farben zimmerten.

            „Nun weißt du, was los ist...“, wimmerte sie, ließ sich von den Schatten einnehmen, ließ sich erkalten, denn es war ein Rezept gegen Einsamkeit und gegen das unerträgliche Gefühl, nicht verstanden zu werden. Eine Woge der Macht nahm Zeldas zerbrechlichen, schönen Körper ein, hell und gleißend. Hylianische Formeln gelangten flüsternd über ihre Lippen, die bereits ein Abschied im Sinn hatten. Wind umhüllte sie, geboren aus der Magie in ihrem Inneren.

„Zelda! Nicht!“, fauchte Link und hastete zu ihrer magischen Umhüllung, versuchte gegen diesen Schirm aus Energie anzukämpfen. Erneut ein tosender Schrei aus seinem Mund: „Zelda! Warte!“

Aber sie würde nicht bleiben. Ihre Augen schlossen sich, als kleine, kristallene Tränen an ihren Wangen hinabtropften. Link warf sich gegen den Umhang, gewebt aus der Macht der siebten Weisen und der Triforceträgerin der Weisheit, aber sie konnte ihn nicht zu sich lassen, vielleicht in einem anderen Leben, aber nicht in diesem Hyrule.

            Ihre schönen, blauen Augen öffneten sich traurig. „Triff’ mich ein letztes Mal morgen auf den grünen Hügeln...“, war alles, was er verstand...

            Und die kostbarsten Worte überhaupt formten sich wie ein kleiner Reigen aus Hoffnung auf ihren Lippen. „Ich liebe dich...“, schallte es sehr leise und undeutlich, als Zelda sich von Farores Wind wegtragen ließ...

„Ich habe dich immer geliebt... Darum bitte ich dich: vergiss’ mich nicht…“ Doch der Heroe sollte jene Worte im Rauschen des Windes nicht hören dürfen...

            Damit verschwand sie...

 

In dem Augenblick gingen weitere, dröhnende Feuerwerkskörper hinaus an den dunklen Nachthimmel und niemand hörte in jenen Stunden die flehenden Schreie von Dutzenden Soldaten, die wachend im Tempel des Lichts standen, um ein furchtbares Siegel zu bewachen, am heutigen Tage aufgereiht dem sich befreienden Bösen gegenüberzutreten. Niemand sah das Blut, welches die Hallen verdreckte, da das Böse in Gestalt eines Dämons, den Weg gefunden hatte, sich zu holen, was er begehrte. Und niemand würde in den nächsten Tagen eine Träne für die vielen Toten vergießen, die in dieser Nacht noch vor die Göttinnen treten müssten, denn das Ende kam mit dem Bösen auf die Völker zu... und nur eine reine, einsame Seele würde in Hyrule bleiben, wachen und beschützen, was immer in ihrer Pflicht ruhte...

 
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