Kapitel 78
 
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Kapitel 78

 

 

 

 

Feine Lichtstrahlen der satten Morgensonne schillerten hinein in die kleine Heuhütte, wo die beiden letzten Hylianer der alten, magischen Welt Hyrule schliefen.

Links schlafendes Bewusstsein träumte erbarmungslos und sein Körper schwitzte. Unruhig wälzte er sich hin und her. Schaurige, schleppende Laute in Hylianisch entkamen seinen trockenen Lippen.

Er wusste nicht, wo er sich aufhielt, konnte den Ort nicht beschreiben, denn er hatte nur erdrückende, kalte Nacht vor sich. Alles war so dunkel wie in jenem Zeitalter des Schreckens, wo nicht ein Lichtstrahl die Wolkendecke flutete und für sich gewinnen konnte. Und diese Finsternis raubte Atem, Wärme und Geduld.

Link bewegte sich vorwärts, rannte irgendwohin, nur um aus dieser Dunkelheit zu fliehen, aber es half nichts. Es fand sich kein Weg ins Licht.

Kein Weg zurück und kein Weg in die Freiheit.

Und im Hintergrund trällerte laut und dumm das barbarische Gelächter Ganondorfs umher. Er lachte und lachte mit seiner unmenschlichen Stimme. Er lachte und lachte, geweiht von den Dämonen, an die er seine Seele verkauft hatte.

Er lachte gehässig und mordlüstern.

            Mit einem keuchenden Atemzug schreckte Link aus seinem Schlaf und richtete sich so abrupt auf, dass er die neben ihm schlummernde Prinzessin mit seinen stürmischen Bewegungen unsanft wegdrückte.

Link atmete schlürfend und seine tiefblauen Augen starrten ungläubig, unecht und teilnahmslos in die Leere. Selbst jetzt im wachen Zustand konnte er Ganondorfs dreckige Stimme noch hören. Sein absurdes Gelächter zog ihm den Mut aus den Knochen, sodass er fröstelte.

            Link stützte seinen schweren Kopf mit einer Hand ab und versuchte seine heftige Atmung zu beruhigen.

Dieser Traum... lehrte ihn Angst und Zweifel, die er bisher immer wieder unterdrückt hatte, wenn sie aufgekommen waren. Er konnte es auch weiterhin ignorieren, abstellen und so tun, als ob es gar nicht da wäre. Er konnte sich selbst belügen. Aber das änderte nichts daran...

            Er hatte Angst...

Der widergeborene Held der Zeit hatte eine verfluchte Angst, sich dem Fürsten des Bösen zu stellen.

            Plötzlich schlangen sich ein paar warme Arme um seinen nackten Oberkörper und Zelda schmiegte sich tröstend an ihn und murmelte sanft: „Guten Morgen, mein Link...“

„Morgen“, erwiderte er leise. Seine Stimme klang durcheinander und ließ die junge Königstochter aufhorchen.

„Geht es dir nicht gut?“, fragte sie leise. Link atmete tief ein und schüttelte den Kopf, aber verhielt sich immer noch so eigenartig, dass Zelda ein zweites Mal nachbohrte: „Link... was ist los?“

„Es ist nur... ich habe nur...“ Er schloss die Augen und begann Zeldas einfühlsame Hände zu streicheln.

„Hast du schlecht geträumt?“, murmelte sie und legte ihren Kopf seitlich an seinen Hinterkopf.

„Ja... sehr schlecht“, gab er zu, sich wünschend, er könnte die Zeit einfrieren und diese Minuten mit Zelda genießen. Aber es ging einfach nicht mehr. Die wachsende Unruhe, tiefe Besorgnis und marternde Angst vor dem letzten Gefecht ließen einfach keinen anderen Gedanken mehr zu als den einer Niederlage.

            „Du fühlst es, träumst... weil deine letzte Begegnung mit Ganondorf näher rückt“, sprach sie ruhig und verständnisvoll. 

„Ich habe Angst, Zelda...“ Und es war das erste Mal, dass sie dieses Eingeständnis von den Lippen des Heroen hören konnte. Nicht einmal in der alternativen Zukunft, in der Maskerade Shieks, hatte sie diesen Satz von seinen Lippen gleiten hören.

Link drehte seinen Schädel zu ihr und sie erkannte die vielen Zweifel in seinen tiefblauen Augen, die er vorher immer unterdrückt hatte.

„Ich habe Angst um dich, um die anderen Überlebenden, um die Welt und eine verdammte Angst vor Ganondorf.“

            Sie schloss ihre Augen langsam und drückte Link sanft zu Boden, bis sie schließlich auf ihm saß und ihre warmen Hände an seine Wangen führte.

            „Hör mir zu, Link“, sagte sie fest und mit einem ungewohnt ernsten Tonfall in ihrer Stimme. Und wie er ihr zuhören würde, wenn sie ihn so wie im Moment in ihre himmlische Gewalt zog. Link nickte nur und schaute durchdringend in ihre Augen.

            „Glaubst du, dein wahres Ich, der Held der Zeit, hätte keine Zweifel gehabt, wenn er in wenigen Stunden seinem Todfeind gegenübertreten würde.“ Sie machte eine kleine Pause und rutschte näher an sein Gesicht, sodass sie ihn mit ihrem Glauben an das Gute durchdringen konnte.

„Ein Held, Link, ist nicht geboren um keine Angst zu empfinden. Auch ein Held ist menschlich und hat das Recht soviel Angst und Zweifel zu empfinden, wie er möchte. Der Mut des Heldentums resultiert nicht daraus, keine Angst zu spüren. Nein, deinen Mut schöpfst du daraus, weil du weißt, wofür du kämpfst, weil du deine Angst besiegen kannst...“ Sie drückte einen Kuss auf seinen Mund. „Es ist in Ordnung, mein Heroe. In Ordnung Angst zu haben. Nur weil du dich fürchtest, heißt das nicht, dass du schwach bist.“

Er schloss ebenfalls die Augen und umarmte seine Prinzessin, die inzwischen auf ihm lag.

„Du bist stark genug für diesen Kampf. Ich weiß, dass du es schaffst“, sagte sie festigend und spürte, wie Link sich entspannte.

            Jetzt war sie einmal die Tapfere von ihnen beiden, diejenige, die an die starke Hand der Hoffnung glaubte.

            „Besser?“, meinte sie.

„Ja, danke...“, flüsterte er leise und drückte sie mehr und mehr an sich. „Danke für deine Ermutigung. Und noch etwas, Zelda...“ Sie hob ihren Kopf und schaute zu ihm.

„Kannst du nicht immer so sein?“, sagte er mit einem leichten Lächeln.

„Gerne. Ab heute“, erwiderte sie und lächelte ebenso. Ihre Augen schlossen sich wieder und Zelda schlummerte noch ein wenig.

            Link ließ sie langsam zurück auf das Heu sinken und richtete sich auf. Er streckte sich, gähnte sinnenfreudig und rieb sich den Schlafsand aus den Augäpfeln.

„Ich geh’ ne Runde schwimmen, okay?“, flüsterte er nah an Zeldas spitzes Ohr, worauf sie schnurrte. Er deutete ihre komischen Laute als ein ,Ja’ und hüpfte aus der Hütte, sich auf eine Runde im kühlen Nass freuend.

 

In Schicksalshort wehte ein glühender Wind gerade unbedeutende verwelkte Blätter über die leergefegten Teerstraßen. Im Hintergrund schallten die mordlüsternen Stimmen hungriger Kreaturen des Dunklen Reiches umher, auf der Suche nach dem letzten Leben trachteten sie nach blutigem Fleisch...

Und auch in der einst so strahlenden Villa der Direktorin Ines Schattener gierten diverse Geräusche umher. Einzelne verseuchte Ratten und sich schnell vermehrendes Gewürm des Bösen trieben hier ihr Unwesen, fürchteten sich aber vor der Barriere, welche Sieben Weisen errichtet hatten um sich selbst zu schützen.

            Zusammen saßen jene Sieben mit Sian Johnson in dem kargeingerichteten Raum mit dem großen Beratungstisch in der Mitte. Ein letzter Tag war geblieben und alle rangen sie damit, ob die beiden Auserwählten am heutigen Tage zurückkehren würden, oder ob die gefährliche Seite der alten Welt Hyrules sie bereits verschlungen hatte.

„In wenigen Stunden wird sich das Schicksal der Welt entscheiden...“, sprach Leon leise, beinahe andächtig und faltete seine Hände auf dem Tisch. „Ich bin froh, diese Minuten der Niederlage oder des Sieges mit euch teilen zu können. Lasst uns an den Sieg und vor allem an Link glauben.“ Jeder nickte und setzte ein ermutigendes Lächeln auf.

Leon Johnson richtete sich auf. Seine blauen Augen gaben ein Spektakel aus Zuversicht und Ehre wieder. „Es wird Zeit, dass wir den Spiegel zur Rückkehr von Link und meiner geliebten Tochter Zelda vorbereiten.“ Erneut ging ein Nicken durch die Reihe und auch die anderen Weisen standen auf. Sie sammelten sich in dem leeren Raum mit dem undurchdringbaren Spiegel und warteten auf das Zeichen, warteten und beteten...

 

Zufrieden hechtete der junge Held der Zeit beinahe nackt hinein in das kühle Nass. Das Wasser war nahezu eisig, aber es erweckte seine Lebensgeister und die eingeschlafenen Körperzellen für den Kampf, der vor ihm stand. Er tauchte so tief wie er konnte und schwamm einige Runden am Grund des Flusses entlang, schloss seine Augen und bereitete sich in Gedanken langsam auf das letzte Gefecht vor. Der Kampf- sein Lebensinhalt...

            Doch er bemerkte versunken in seinen inneren Zweifeln, welche durch Hoffnung und Mut verdrängt wurden, nicht die ersten Ableger Ganons, die sich mit brennenden Fackeln an ihn und zunächst an seine schlafende Prinzessin heranpirschten.

Sie huschten durch den Wald. Kleine einfältige Moblins waren es, die nur eines konnten, ihre Fackeln nutzen. Sie unterhielten sich schlurfend und zischend in ihrer schwarzen Sprache des Bösen und hüpften wild und ängstlich näher an das Flussufer.

            Sie kommunizierten weiterhin, doch diesmal über ihre schlitzigen Augen, die mordlüstern aus ihren vernarbten Fratzen herausplatzten. Sie hasteten näher an die morsche Holzhütte, und das schlummernde Wesen darin hörte nicht die vielen grünen, nackten Füße auf trockenem Gras schaben.

Sie lachten barbarisch und steckten die Hütte in Brand, ließen ihre Keulen und Fackeln fallen und hetzten schnell von dannen.

Das Feuer verbreitete sich langsam. Dicker Rauch bildete sich und schlug in die Luft und noch immer schlief die unwissende Prinzessin in der kleinen Hütte und träumte.

            Link schwamm derweil um alte Findlinge, die am Grund des Flusses lagen und entdeckte nahe derer etwas Glitzerndes, Leuchtendes. Sofort erweckte dies sein Interesse und er griff hinein in den weichen Sand am Boden. Schnell schwamm er hinauf an die Wasseroberfläche und betrachtete sich seine Errungenschaft. Ein Grinsen formte sich um seine Mundwinkel, als er das dreckige Objekt wusch. Es war ein grünes Stück des Edelsteins, der Teleportiereigenschaften besaß. Noch ganz beeindruckt von dem Gestein watschelte der junge Heroe ans Ufer und hielt den grünen Splitter gegen das warme Sonnenlicht.

            Gerade da sah er mit Entsetzen auf und erblickte pures Feuer über der Hütte lodern und dicke, schwarze Wolken stiegen daraus hervor. Verdammt! Zelda war noch in der Hütte.

Ohne Zeit zu verlieren rannte er näher und brüllte Zeldas Namen. Das Holz war inzwischen dunkelgebrannt und einige Bretter lösten sich.

Er hetzte hinein in die brennende Hütte und fand seine Prinzessin immer noch schlafend in dem Heu liegen. Um sie herum glühte das Heu bereits und sie lag seelenruhig dort. Link rüttelte sie, packte sie unsanft und brüllte ihren Namen. Sie regte sich zunächst jedoch nicht. Gerade da krachten hinter ihm einige Bretter nach unten und blockierten den Ausgang. Die Hitze wurde unerträglich, und allmählich sammelte sich der Rauch beißend in den Lungen.

„Zelda! Verdammt, wach auf!“, rief Link, worauf sie brummte und ihren Kopf neigte. Aber ihre Augenlider blieben geschlossen. Mit einem Anflug der Verzweiflung ersann der junge Heroe eine letzte Idee. Zügig riss er das Medaillon von Zeldas Hals los und konzentrierte sich auf den grünen Stein, den er eben erst gefunden hatte. Er spürte die Luft vibrieren, hörte die Stimmen von Macht in seinem Kopf wirbeln und fühlte allmählich die alte Magie jenes Gesteins wirken. Er klammerte sich an Zelda fest und umfasste mit der anderen freien Hand das Gepäck. Als die Hütte endgültig in sich zusammenfiel, bildeten sich wenige Meter weiter auf der Steinbrücke die Umrisse von Link, dann kam Zelda und die Taschen, sowie die Kleidung aus grünem Licht zum Vorschein.

Link seufzte und wischte sich Schweiß und Ruß von der Stirn. Das war gerade noch mal gut gegangen...

            Er trug seine Angebetete zu dem sonnigen Ufer des Flusses, streichelte ihre sanftrosa Wangen und sagte ihren Namen eindringlich, bis sie ihre schönen blauen Augen öffnete.

„Hey“, meinte sie. Link schüttelte den Kopf.

„Du lässt dich wirklich durch nichts aufwecken, was?“, murrte er und zog sie an ihren Händen in einer aufrechte Position. Sie zwinkerte einige Male und schaute ihren Helden mit putzmunteren Augen an.

„Irgendjemand muss die Hütte abgefackelt haben“, erklärte Link unmissverständlich. Zeldas Schädel schwenkte fassungslos hinüber. Link schlug daraufhin seine Fäuste in die weiche Erde und brummte: „Das waren Ganons dumme Ergebene. Wir müssen sofort aufbrechen!“ Sie nickte. Ohne weiteres packten sie ihre Sachen und setzten ihren Weg fort. Die Flucht zum Schloss nahm ihren unausweichlichen Anfang...

            Hand in Hand rannten Zelda und Link ihres Weges, durchquerten eine steile Schlucht und erreichten einen dichten Waldverschlag. Nur noch einen kleinen, braunen Pfad durch die vielen Laubgeschöpfe würden sie überwinden müssen und dann würde sich im Hintergrund, weit im Nordwesten das stolze Schloss der gütigen Königsfamilie zeigen.

            Zelda drückte seine Hand in ihrer ein wenig und schenkte ihm ein zweifelndes Lächeln. „Noch wenige Stunden und wir werden zurückkehren...“, sprach sie ruhig.

Eine matte Bestätigung erklang von Links Lippen und er tat nichts weiter als seine Prinzessin vorwärts zu schieben. „Wir sollten nicht verweilen. Ganons Monster sind hinter uns.“

Erschrocken wand Zelda den Schädel zu ihrem Heroen. „Viele?“

„Viel zu viele...“, sagte er bitter und drängte sie beide zu schnellen Schrittes.

            Rechts und links des Weges thronten mächtige alte Laubbäume in die Höhe. Und es schien als wären aus dicken Knubbeln an ihrer Rinde beobachtende Augen gewachsen. Weise Augen, die sich vor näherrückender Gefahr fürchteten.

Das Sonnelicht schien spärlich durch die dichten Kronen und tauchte den Waldabschnitt in ein uneinladendes Labyrinth der Verhängnis...

            „Unser Abenteuer wird in wenigen Stunden enden“, meinte Link leise, unterband seinen schnellen Schritt aber nicht. „Ich bin stolz dieses Abenteuer mit dir erlebt zu haben“, setze er murmelnd hinzu. Seine Worte klangen beinahe wie ein vorsichtiges Lebewohl. Zelda stoppte und löste ihre Hand aus seiner.

„Link...“ Er drehte sich zaghaft um, aber schaute nicht in ihre Augen, wo sich Angst und Kummer über seine eben gesagten Worte spiegelten. Aber auch viel Verständnis für seine Zweifel.

„Wir werden immer unser Abenteuer erleben... in jedem Leben... gemeinsam.“

„Ich weiß... vielleicht ist das der Grund, warum ich mich dafür bei dem Schicksal bedanken muss. Ich hätte diese Abenteuer ohne dich niemals überstehen können.“ Sie trat näher und führte ihre beiden sanften Hände auf seine Wangen. Betrübt wartete sie auf weitere seiner Worte.

„Egal... was auch geschieht, ich werde es niemals vergessen. Unsere Zeit. Unser Schicksal...“, setzte er hinzu. „Die Legende von Zelda... wird niemals vergessen sein.“

„Nein, das wird sie nicht. Man wird sich immer an unsere Namen erinnern“, sprach sie und suchte seine Hände. Sie streichelte jene einfühlsam. „Egal, was geschieht... wir werden unvergänglich sein. Hyrules Märchen. Hyrules strahlende Zeitalter werden von unseren Taten erzählen und wir werden immer in diesen Geschichten aufleben.“ Sie umarmte ihn vorsichtig und drückte seinen Kopf auf ihre Schulter. „Und du wirst immer... immer... mein Held bleiben...“

„Und du wirst immer meine Prinzessin bleiben...“, sprach er betrübt, aber aufrichtig.

So standen sie einige Minuten da.

            „Bist du in Ordnung?“, meinte sie leise und streichelte seinen blonden Haaransatz. 

„Ja, sicher...“

            Link hatte seinen Satz kaum ausgesprochen, als unter ihnen der Boden vibrierte. Sand wurde aufgewühlt. Mit einem Angstschrei hüpfte Zelda nach hinten und stieß ihr Rückrat an einen alten Baum, dessen Wurzeln über dem Boden hinauswucherten. Link rollte sich geschickt über den Boden und zog schnell sein Schwert, bereit zu töten.

Er blickte vorsorglich zu Zelda, wollte nur sichergehen, dass sie in Ordnung war und schaute dann misstrauisch zu dem sandigen Erdreich. Es geschah in dem Augenblick, dass sich aus dem Boden mehrere leichfarbene Hände herauswühlten.

Todesmutig stieß Link danach und vernichtete einige, bevor sich die Körper der unmenschlichen Kreaturen aus dem Boden wühlten. Er rannte hinüber zu seiner Prinzessin und schleifte sie hinter sich her. Sie flüchteten, wussten, dass es nicht ratsam war, sich erneut in mörderische Kämpfe zu stürzen. Sie flohen und hasteten so schnell wie möglich aus dem Waldverschlag hinaus.

            „Was waren das für Geschöpfe, Zelda?“

„Ich denke, es waren Würmer oder ähnliches...“, schnaubte sie und sammelte heftig Luft in ihre Lungen, während sie des Weges hasteten.

            Sie verloren keine Zeit und bewegten ihre Beine zielstrebig nach Nordwesten. Es dauerte nicht lange und sie traten atemlos aus dem Wald hinaus. Eine weite, grüne Ebene lag vor ihnen. Im Hintergrund zeigten sich schemenhaft die Risse des stolze Königsschlosses von Hyrule...

            Link blieb kurz stehen und wischte sich den herben Schweiß von der Stirn. Ein Grinsen formte sich auf seinem Gesicht. Der Anblick des Schlosses in der strahlend hellen Sonne, bedacht vom blauen Himmel war ein Zeichen der Hoffnung. Die roten Banner, worauf ein stolzer goldener Adler bestickt war, wehten würdevoll im leichten Wind. Link war fasziniert davon, hielt eine Hand vor dem blendenden Sonnenlicht schützend über seine Augen und blickte muterfüllt zu dem stolzen Anblick des alten majestätischen Palastes.

            „Wir haben das Schloss erreicht. Endlich“, sagte Zelda erfüllt von neuem Mut und lächelte ihrem Heroen entgegen. Plötzlich sah sie etwas aus ihren Augenwinkeln schimmern. Eine Kreatur der Dunkelheit. Instinktiv drückte sie Link zur Seite. Mit einem dumpfen Schlag landete der junge Heroe auf langhalsigen Grasbüscheln und seine Prinzessin direkt auf ihm. Zischend rauschte ein schwarzes Wesen der Dunkelheit an den Hylianern vorüber. Link hielt Zelda sanft in den Armen, schenkte ihr ein dankbares Grinsen und blickte streng und todernst hinüber zu dem Dämon aus Ganons Armee. Es war ein fledermausartiges, schuppiges Geschöpft mit rotglühenden Augen. Erneut stürzte es sich auf die beiden Hylianer, worauf Link seine Prinzessin packte und mit ihr einige Meter über den Boden rollte. Der junge Held hüpfte auf die Beine, zog das Schwert mit einem Surren aus der Scheide, die er wie immer auf dem Rücken trug. Sein Mut begleitete ihn wie ein Panzer und er stürzte sich mit einer kraftvollen, zerstörerischen Attacke auf das zischende Monster. Er kletterte an ihm hinauf, und der Kreatur der Kreatur des Bösen würde kein weiterer Gedanke mehr vergönnt werden. Link drehte eine Rolle in der Luft und spaltete es gekonnt, vernichtete seine Lebensgeister. Als die Überbleibsel zu seinen Lederstiefeln lagen, blickte er hinüber zu Zelda, die schnaubend auf dem Boden hockte.

„Schnell!“, fauchte Link und rannte hinter Zelda her, die zielstrebig in Richtung des Schlosses stürzte.

            Schrittweise kamen Link und Zelda dem Schloss näher. Der schwarze, namenslose Adler, die Verkörperung des Lebens, begleitete sie und schwebte hoch über ihren Köpfen hinweg. Und mit jedem Schlag seiner kräftigen Flügel, mit jedem Raunen aus seiner pfeifenden Kehle, taten die jungen Hylianer einen Schritt über das saftige Gras der weiten Ebene. Ihre Stiefel klapperten. Ihre Herzen schlugen schneller im gleichen Rhythmus, sich der Gefahr bewusst, die sich hinter ihnen heranpirschte. Aber sie waren sich nicht der mörderischen Gefahr bewusst, die in den Schlossmauern auf sie warten würde...

            Weit im Osten, direkt hinter ihnen, erhob sich aus dem kleinen Waldabschnitt, den Link und Zelda gerade erst passiert hatten, eine Armee der Untoten. Dutzende Bokblins bekleidet mit schürzenartigen Gewändern und spärlichen Stahlschutzpanzern trotten voran auf ihren pelzigen Füßen. Scharenweise kriechende Dämonen pendelten auf vergifteten Wegen der Erde.

            Link wagte nur einen kurzen Blick rückwärts und drängte Zelda schneller und schneller vorwärts. Nur wenige Meter trennten sie noch von der robusten Zugbrücke in die alte Hauptstadt Hyrules. Und die Monster kamen näher und näher.

            „Lauf schneller, Zelda!“, rief Link und drängte sie weiterhin zur Eile. Er war bereits einige Meter weiter gerannt und schaute mit bangem Blick zu der monströsen Armee des Bösen. Nur zu einem Ziel wurden sie gezeugt, trainiert und bewaffnet: sie beide auszulöschen oder sie geradewegs in das alte Schloss der Königsfamilie zu drängen. Letzter Gedanke erreichte den jungen Heroen leise und doch beständig. Entsetzt schaute er zu den vielen Kreaturen der Nacht auf einem Haufen. Knochige Soldaten. Moblins jeder Rasse und vieles anderes untotes Getier. Nur ein Narr würde eine solche Brut auf zwei junge Hylianer schicken, wenn es um deren Vernichtung ging. Etwas anderes steckte dahinter und Link zweifelte immer mehr daran, dass eine Rückkehr zum Schloss den richtigen Weg darstellen würde...

            Abrupt blieb der junge Heroe nochmals stehen und spähte über seine Schulter zu Zelda und schließlich wieder nach vorne. Er spürte die Gefahr von allen Seiten und hatte ein sehr sanftes, leichtes Druckgefühl auf seinem linken Handrücken...

            Gerade da schossen einige Riesenkreaturen, pelzige Spinnen, schleimige Würmer und sonstige Ausgeburten der Hölle aus dem Boden direkt vor der schweren Zugbrücke. Sie grölten und stapften todbringend in die Richtung der beiden Hylianer. Zeldas Angstschrei zerriss die Luft und sie blieb stehen, schaute nach vorne und zurück und krallte sich Links Hand.

„Was jetzt? Diese Biester machen unseren Weg unpassierbar!“, kreischte Link unter den tosenden Entsetzensgeräuschen, die die Armee hinter ihnen und die Teufelskreaturen vor ihnen produzierten. Zelda zerrte an Links Arm und deutete auf eine Gruppe einzelner dickstämmiger Bäume.

„Folge mir!“, rief sie und bog nach rechts, direkt auf die Bäume zu.

            Hinter einer dickstämmigen Eiche stoppte sie und ließ sich schnaufend auf ihre Knie sinken.

Zelda wühlte zwischen trockenem Gras umher, bis sie unverschämt grinste und einen Eisenring in ihren Händen hatte.

„Hilf’ mir mal, mein Herz“, sagte sie unter Kraftanstrengung und zerrte mühevoll an dem Eisen.

„Was wird das?“

„Wirst du gleich sehen“, erwiderte sie. Link packte mit an und plötzlich erhob sich in dem Holz der alten Eiche ein kleiner Zugang.

„Ein Geheimgang?“

Sie nickte. „Er wird uns unter die Zugbrücke führen. So können wir die Monster umgehen.“ Furchtvoll blickte sie zu der sich ihnen nähernden Armee.

„Schnell!“, fauchte sie.

            Und so wurden sie beide von der kleinen unauffälligen Tür, die direkt in den Stamm der Eiche führte verschluckt. Als sie beide mit ihren Öllampen in einem unterirdischen Gang standen, fiel die kleine Tür hinter ihnen von alleine zu. Und kein Monster würde um ihren Verbleib wissen.

„Es ist schon komisch, wie viele Geheimgänge du kennst, mein Liebling“, lachte Link und wagte sich in dem unterirdischen, feuchten Gang wenige Schritte voran. Zelda folgte dicht hinter ihm.

„Nun, das hat dich doch immer am meisten gefreut. So konnten wir als Kinder den Tag zusammen verbringen, ohne, dass du dich mühevoll ins Schloss schleichen musstest.“

Link grinste. „Tatsächlich.“

„Nur blöderweise wusste Impa um diese Geheimgänge ebenso wie ich.“ Zelda schaute beschämt zu Boden. Link legte einen Arm um ihre Schultern und meinte aufmunternd.

„Sag bloß, sie hat dich daran gehindert, mit mir Blödsinn anzustellen.“

„Nicht so direkt.“

„Aha... deshalb hat sie auch ständig versucht uns beide zusammenzubringen.“ Verwundert schaute sie auf.

„Als du dich von mir abgewiesen hast, nachdem deine Erinnerungen zurückkehrten. Zu dieser Zeit hat sie ständig eingegriffen, erinnerst du dich.“

Zelda nickte. „Ja, und heute bin ich ihr unheimlich dankbar dafür.“

„Sag’ ihr das, sobald wir zuhause sind, okay?“ Sie nickte, auch wenn sie Zweifel fühlte und sich nicht sicher war, sobald zurück in der Villa von Ines stehen zu können. Sie fühlte einen Umbruch in ihrer alten Seele. Ein Ereignis wartete auf sie beide, welches Links Entscheidungen fordern würde. Und dieses Ereignis rückte mit jedem Schritt näher, war ohnehin unausweichlich in der großen Geschichte von Hyrule und der Legende Zelda...

 

Zügig trotteten sie voran, durchquerten das unterirdische verzweigte System unter Hyrules Hauptstadt.

            Die Pfützen wurden größer je tiefer sie sich in die unterirdische Dunkelheit wagten, bis sie beide keine andere Wahl hatten als sich schwimmend voranzukämpfen.

            Als Link und Zelda tropfend die Zugbrücke erreichten und passierten, waren die Monster zu nah. Zelda blieb stehen, rief ihre magischen Kräfte und zog mit gewaltigen, goldenen Händen die Ketten hinauf. Mit einem Brummen und Zischen prallten die Monster an der geschlossenen Mauer ab. Ihr Gezänke und ihre Schreie geboren aus Mordlust und Fleischgier umzingelten abklingend die schweren Mauern.

            Nach der Attacke stürzte die junge Prinzessin auf ihre Knie und saugte heftig nach Luft. Ein ausgelaugter Blick ging hinüber zu Link, der misstrauisch zu bröselnden Mauern starrte. Immer wieder krachten die unmenschlichen Kräfte der Moblins dagegen und zeugten von Wut und Hass.

„Zelda? Alles okay?“

„Ich bin total außer Atem... zwei Minuten“, erwiderte sie, worauf Link zu ihr niederkniete und sie skeptisch beäugte. „Ich mache mir Sorgen wegen dieser Horde Bestien da draußen.“

„Weswegen? Wir sind sie ohnehin bald los.“ Zelda zwinkerte, wischte sich das Wasser von der Stirn und ließ sich von ihrem Heroen auf die Beine helfen.

„Ja, aber meinst du nicht, es ist seltsam, dass Ganondorf ausgerechnet jetzt, nach all’ den Schlachten, so viele Bestien nach uns aussendet?“

„Eine Falle?“

„Ich hoffe nicht...“, murmelte er und drückte einen kurzen Kuss auf Zeldas Wange. „Lass’ uns zum Schloss aufbrechen.“ Alsdann folgten sie der sandigen, teilweise mit Pflastergestein ausstaffierten Straße hinauf zu der Geburtsstätte der Mächtigen und hinterließen nasse Fußspuren im Sand.

 

Eine Stunde später liefen sie hektisch einen langen Korridor des Schlosses entlang, der geradewegs zu dem alten Königssaal führte. Schwere goldenfarbene Behänge hingen an zahllosen Türen mit Spitzbögen. Und die durchdringenden, farbenprächtigen Strahlen der am Horizont versinkenden Sonne wärmten den Gang. Und weit im Hintergrund wurden die entsetzlichen, drohenden Stimmen der Moblins hörbar, die sich dem Schloss näherten.

            Nur noch wenige Schritte und die Hylianer hätten den Königssaal erreicht, wo ihr Vater Harkenia der Siebte gerne seine Feste und Bälle abhielt. Von dort wäre es ein Leichtes den Rückweg zu finden. Denn, von dort aus würde eine dunkle, verdreckte Treppe hinab in die Küche führen, wo das Abenteuer vor wenigen Wochen begann und gleichzeitig würde für Zelda hier nicht nur ein Kampf enden. Es war vielleicht ihr letzter Moment, der einzigartige Augenblicke des letzten Atemzugs in der alten Heimat, bevor die neue Wirklichkeit sie und Link erneut verschlucken würde. Ein letztes Fühlen und Leben in Hyrule, dem märchenhaften Land, welches durch die goldene Macht, die doch eigentlich ihr Grundstein war, erst dieses Grab erhielt, in welchem es nun verweilte. Ein Grab am Rande der Existenz. Eine unwürdige Ruhestätte, die Zelda niemals, ja niemals solange Leben ihren Körper erfüllte, akzeptieren könnte.

            Dieses Land. Ihr Land... es war soviel mehr als einfach nur ein Fleckchen Erde mit seinen sieben legendären Völkern, mit seinen vielen Gesetzen und seiner alten Magie.

Es war wohl das gefährlichste und dennoch anziehendste Zuhause, was sich eine hylianische Seele wünschen könnte. Hyrule war unvergänglich. Auch jetzt noch, da das letzte Leben aus ihm wich.

            Je mehr Gedanken an ihre Liebe zu Hyrule aufkamen, umso langsamer wurden ihre Schritte. Erneut fiel ihr das Lebewohl so schwer wie Damals. Und sie zögerte. Ihr hübsches Gesicht wand sich in Richtung des großen Fensters, durch das die mächtigen Todesberge sichtbar waren. Zaghaft lehnte sie sich stirngerichtet dagegen und führte ihre Hände an das Glas.

„Zelda...“

„Ich brauche nur noch einige Minuten.“ Sie schenkte ihm einen traurigen Blick, dessen Aussagekraft den jungen Heroen binnen Sekundenbruchteilen überzeugte. Er wusste, dass sie ein Lebewohl über ihre Lippen gleiten lassen wollte. Etwas, was sie im weitentfernten Damals nicht konnte. Link fühlte, wie das Band zwischen Zelda und ihrem Hyrule langsam dünner wurde, mit jedem Gedanken an das überfällige Lebewohl...

            „Leb’ wohl, mein geliebtes Hyrule...

Schlaf endlich deinen Schlaf, den man dir nie gönnte...

Träume die Träume, die deine lange Geschichte nicht erfüllte...

und ruhe mit der Hoffnung auf das Glück eines neuen Zeitalters...

Ade Hyrule... Ade...“ Zelda Worte erstarben mit einer kristallenen Träne die über ihre rechte Wange tropfte. Mit einem Zeigefinger wischte sie sich diese von der Haut und atmete tief ein.

            „Damals...“, sprach sie und hauchte ihre Worte an das saubere Glas des Fensters. „Damals, als ich mich von dir verabschiedete, um Hyrule als Wächterin einen letzten Dienst zu erweisen.“ Sie machte eine Pause und reichte ihm eine Hand. „Ich hätte beinahe...“ Link trat näher und nahm die Hand mit einem Lächeln und küsste sie. „Ich hätte dich beinahe darum gebeten, bei mir zu bleiben.“ Link wollte etwas darauf sagen, entschied sich dann aber für das Schweigen und lauschte andächtig ihren aufrichtigen Worten.

„Ein Teil von mir wusste immer, dass du mich liebst.“ Ihre Augen versanken in seinen tiefblauen, so wie in vielen Momenten vorher. „Aber der andere Teil hat sich immer davor gefürchtet, hat geglaubt, ein Leben an der Seite der Prinzessin wäre ein trostloses und wollte dich davor schützen. Aber ich habe nicht einmal daran gedacht, diese Entscheidung dir zu überlassen...“ Sie schmiegte sich an seine linke Hand. Wortlos hörte Link zu und wusste nun, dass er die wahre Prinzessin des Schicksals vor sich hatte. Dies war Zeldas wahres Gesicht und es war überwältigend für ihn. Neu, anziehend auf eine Weise, die er bisher nie gespürt hatte.

            „Meine Entscheidungen... sie haben uns immer dorthin gebracht, wo es keine Zukunft für uns gab. Deshalb...“ Sie löste daraufhin das Medaillon der Mächtigen von ihrem Hals und reichte ihm die wenigen bunten Steine, die noch in ihrem Besitz verweilten. „Deshalb möchte ich dass auch du deine Entscheidungen triffst, wenn du sie treffen musst. Ich möchte, dass du es mir überlässt dir zu vertrauen, mit all’ den Konsequenzen deiner Entscheidungen...“ Sie drückte das Medaillon in seine Hände. „Nimm’ es an dich, mein Heroe.“

„Warum?“, meinte er verwundert und hatte für einen schwindend geringen Augenblick das Gefühl, Zelda wollte ihn erneut verlassen.

„Ich möchte es einfach...“, sprach sie aufrichtig.

Link nickte und legte die Kette um seinen Hals. 

„Und ich möchte, dass du mir verzeihst für mein geringes Vertrauen von Damals, das ich in dich hatte...“ Link schüttelte den Kopf und zog Zelda in seine Arme.

„Sag’ so etwas nicht, Zelda. Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber ich weiß, ich fühle einfach, dass jeder Funken Vertrauen, den du mir entgegenbrachtest genug war, ausreichte, um an dich zu glauben. Bitte entschuldige dich nicht dafür. Ich...“ und damit brach er mit den Worten einfach ab. Er genoss das Gefühl so wie beim ersten Mal als er sie in seinen Armen hielt und erinnerte sich glückerfüllt an die erste Woche in Schicksalshort.

            An den wunderbaren Augenblick als Zelda in seinem Zimmer ihre Augen aufschlug.

An die Himbeerpuddingschlacht in der Stube der Braverys.

An den magischen Traum in Irland, der sie beide zusammenführte.

Und besonders an die romantischen Momente im Haus der Götter, daran geknüpft ihre glücklichen Stunden zu zweit und die vielen ungeschickten Peinlichkeiten, denen sie sich nicht entziehen konnten.

            „Ich liebe dich... und wenn es das letzte Mal ist, dass ich diesen Satz sagen kann. Dann sage ich ihn gleich noch mal... Ich liebe dich, meine Prinzessin.“

„Nicht so sehr wie ich dich...“, sprach sie leise, worauf Link sie bestürzt anschaute.

„Was war das?“

„Eine Provokation.“ Und Zelda zwinkerte.

„Das ist mir klar, aber wofür?“

„Dafür...“, murmelte sie und reckte ihre Lippen seinem Mund entgegen. Sie schlossen ihre Augen, teilten freudevoll einen leidenschaftlichen Kuss, und ließen ihre Münder immer wieder sanft aneinander gleiten, als wäre es der letzte Kuss, den sie einander schenken würden.  Sie küssten sich erneut, auch wenn die Zeit drängte.

Ein Kuss hatte immer etwas Magisches, dachte Zelda. Es war einfach ein wunderbarer Liebesbeweis. Eine so schöne Zärtlichkeit, die Liebe einen tieferen Ausdruck verleihen konnte. Ein Kuss verband zwei Wesen ebenso wie es das Triforce tun könnte und dabei war ein Kuss so unschuldig, dachte sie...

            Doch dieser Kuss war aus irgendeinem Grund anders.

Kaum verließen ihre Lippen einander, öffnete die junge Prinzessin ihre Augen, und hatte keine Form von Befriedigung ihrer Bedürfnisse in ihren Augen. Sie wollte mehr. Ein Hunger nach Küssen stand in ihren schönen Augen, den Link darin sehr selten erblickte hatte.

Grob schlang sie ihre Arme um Links Genick und suchte ein weiteres Mal seine spröden Heldenlippen. Sie küsste langsam und genießend, hitzig und sehnsüchtig und drückte seinen Kopf beanspruchend zu ihrem. Link hatte Mühe auf ihre Zärtlichkeiten zu antworten und murmelte während ihre Lippen sich befehligend auf seine legten: „Zelda... stimmt etwas nicht?“ Sie schüttelte den Kopf und küsste ihn erneut. Grob drängte sie ihn an die harte Steinwand hinter ihm und umarmte ihn mit einer Intensität, die ihn zugleich überraschte und verwirrte.

„Schatz...“, brachte er hervor. „Die Zeit...“

Geschwind packte er sie unter der Hüfte, hob sie so weit nach oben, dass ihre Füßen den Erdboden nicht mehr berührten und drehte sich, sodass Zelda nun mit ihrem Rücken an der Steinwand lehnte. Verführerisch stand Link vor ihr und presste ihren Körper an seinen.

            „Es ist das Fragment...“, murmelte sie atemlos. „Unsere beiden Fragmente...“ Sie lehnte ihren Kopf ins Genick und fühlte seine Lippen an ihrem Hals entlang gleiten. „Sie reagieren aufeinander, da sie erwachen...“

            Es war nicht alleine Zeldas geheiligte Macht der Weisheit, die auflebte. Es war ihr Ruf nach dem Fragment des Mutes, der sie zu diesen Küssen drängte.

            Ihre Fragmente begannen beide zu atmen und verlangten nach einer Vereinigung.

Erschrocken wich Link wenige Zentimeter zurück und schaute desorientiert und leicht fassungslos auf seinen linken Handrücken.

Er fühlte Wärme darauf, wie schon einige Male zuvor. Aber das leichte Kribbeln und der regelmäßige Druck, den er in Momenten der Wagnis wahrgenommen hatte, hatte sich gewandelt. Macht war es nun, die er spürte. Energie in Form von einem Vibrieren und einer fast unglaublichen Hitze. Wie Feuer und Eis zugleich, welches sich über der Haut bis hinab zum Fleisch ausbreitete.

            Zelda lächelte und berührte mit ihren Füßen den Boden erneut. „Dein Fragment des Mutes lebt auf... deshalb diese zwanghaften Küsse.“

Erschrocken durchbohrte er sie beinahe mit seinen tiefblauen Augen. „Das Fragment? Aber warum ausgerechnet jetzt?“, meinte Link und sah etwas schwachgoldenes durch seinen Handschuh schimmern. „Macht sucht sich immer Momente, die das Schicksal verlangt. Wir als Sterbliche haben keinen Einfluss darauf. Und...“ Sie legte eine Hand auf ihr Herz. „Und manchmal tut Macht Dinge, die wir nicht kontrollieren können, Link.“ Sie reichte ihm ihre rechte Hand, die von seiner linken umschlossen wurde.

Triforceabzeichen bildeten sich wie Narbengewebe auf ihren beiden Handrücken. Ein helles Glühen, das sich von Mut und Weisheit nährte, schickte Brisen von Licht in den langen Korridor.

„Wie fühlt es sich an?“, fragte sie leise.

„Phantastisch...“, erwiderte er und schaute fassungslos auf die mit sonderbarer Energie aufgeladene Hand. Das untere rechte Dreieck glühte stärker und schneller. Ein Beweis für das Fragment des Mutes, welches sich nur die Seele Links als Meister wählen würde. In jedem Leben und dann, wenn Hyrule ihn brauchte.

            „Wie kann ich es nutzen und welche Fähigkeiten eröffnen sich mir damit?“, wollte er wissen.

„Unheimliche und mysteriöse. Und alle wirst du erkennen, wenn du sie benötigst“ sagte sie hetzend, worauf Link seine Prinzessin erneut mit seinem Körper an die kalte Mauer drückte.

Irgendetwas bestärkte ihn gerade in dem Gefühl, ihren Körper an seinen zu spüren, ihre empfindlichen Bereiche, wie die jungfräuliche, junge Haut an ihrem Hals zu schmecken. Etwas drängte ihn dazu, sich mehr zu nehmen als er durfte.

Ein Trommeln setzte in seinem Kopf ein. Ein heftiger, schmerzhafter Rhythmus, der danach bettelte beendet zu werden. Es war wie die Stillung einer Sucht, gegen die er nicht ankam. Nicht einmal mit seiner Rechtschaffenheit konnte er dagegen gewinnen. Glich Macht und ihre Verwendung nicht ebenso einer Sucht? Und dann wenn die ersten ungeduldigen Symptome des Entzugs einsetzten, musste man sie erneut aufleben lassen, ihre Freiheit anregen und sie nutzen. Dann machte sie krank und raubte die letzten Funken Gutes aus dem Herzen...

            „Link...“, entfuhr es ihr vor Hitze und Aufregung, als seine triforcetragende Hand sich an ihrem Rücken entlang schlich und über ihren Po wanderte. Mehrere kleine Vibrationen verteilte des Fragment des Mutes, die Zelda auf ihrer Haut und in ihrem Fleisch spüren konnte. Es war zugleich schön, als auch erschreckend, beinahe hemmungslos.

„Nicht...“ Er erstickte ihre Worte mit weiteren heißblütigen Küssen, strafte sie beinahe für ihre ernüchternden Worte.

            Plötzlich wich er zurück und schaute verwirrt in ihre himmelblauen Augen. „Es ist leicht den Wünschen des Fragments zu verfallen, wenn es sich nach einem anderen Fragment sehnt und sich die beiden Träger lieben...“, meinte sie und grinste halbherzig.

„Wie haben wir es jemals geschafft, diese Anziehung der beiden Fragmente zu kontrollieren?“ Link nahm sie an der Hand und wollte sich mit einem Kuss darauf für seine plötzliche Grobheit entschuldigen.

„Ich weiß es nicht... wahrscheinlich war unser Respekt voreinander einfach zu groß, um die Fragmente ihren Lauf gehen zu lassen.“

„Aber warum... warum passiert uns das und nicht...“ Link schaute zu Boden.

„Du meinst mit Ganondorf?“ Zelda lachte plötzlich hysterisch. Sie umarmte Link liebevoll.

„Kraft ist das mächtigste der Fragmente... deshalb steht es an der Spitze. Es würde sich niemals nach einer anderen Macht verzehren wollen. Und Ganondorf vertraut nur auf sich selbst und auf seine Kraft. Er würde sich niemals in diesem Maße wie wir beide nach anderen Fragmenten verzehren. Gewiss, er möchte sie besitzen. Aber nicht, weil er sich mit ihnen identifiziert, nicht, weil er sie nutzen würde, sondern, weil er Alles begehrt. Genau das ist sein Verhängnis und immer gewesen.“

Link nickte. „Ich verstehe... Mut und Weisheit sind sich anscheinend immer näher als Kraft mit ihnen in Verbindung stehen könnte.“

Zelda nickte ebenfalls. „Sie stehen nicht umsonst nebeneinander“, murmelte sie.

            Noch einmal trat Zelda an das robuste Glasfenster und stemmte sich dagegen. Langsam ließ sie alle glücklichen Momente in Hyrule wie eine sanfte Windbrise ihre eigenen Sinne umschließen und schaute beständig hinaus zu den grünen Ebenen des alten Landes. Kehrten sie zurück, würde Hyrule erneut grau und blass werden. Und dann würde es für alle Zeit schlafen...

            „Zelda, es ist Zeit...“, sprach er sanft, so wie Damals, als sie sich beide voneinander verabschiedeten. Ja, nun war einmal mehr die Zeit Lebewohl zu sagen. Aber dieses Lebewohl galt ganz allein Hyrule...

Sie suchte seine Umarmung und legte den Kopf an seine feste Schulter. „Es tut weh...“, schluchzte sie.

„Ich weiß...“ Er streichelte ihre Schultern und führte seinen rechten Zeigefinger langsam unter ihren feuchten Augenlidern entlang, tupfte die Tränen hinweg, küsste sie schließlich hinweg.

„Bist du soweit? Unsere Zeit ist knapp und draußen nähern sich die Monster“, hauchte er an ihr rechtes spitzes Ohr, worauf sie ein schwaches ,Ja’ über ihre süßen Lippen gleiten ließ.

„Also, dann“, wisperte sie, versuchte zu lächeln, auch wenn es weh tat Hyrule vielleicht für immer zu verlassen. Mit langsamen Schritten traten sie vorwärts, durchquerten die Pforte in den alten Königssaal, wo einst Harkenias Thron von seiner Herrschaft zeugte.

            Im alten Saal herrschte eine bedauerliche Stimmung. Kleine Staubkörner tanzten umgarnt von den hellen Lichtstrahlen, die sich durch die vielen Fenster wagten. Es glitzerte hier. Ein Ort der Ruhe. Friedvoll und harmonisch. Und doch war der Ort erfüllt von einer überwältigenden Einsamkeit, die zu Tränen rührte. Trugbilder der Wirklichkeit. Und wenn man genau hinhörte, erklang das Klagen der Alten in den kalten Grundmauern dieses Palastes.

            Zielstrebig hasteten Link und Zelda voran und hatten nur eines im Sinn. Einen hinteren Abschnitt in dem Saal, dort, wo eine kleine, unauffällige Treppe in die größte der Schlossküchen führte, zu erreichen.

Sie waren auf halber Strecke, als sich das Ereignis anbahnte, worauf Zelda immer wieder wartete. Das Ereignis ihrer eigenen Qual und ihres großen Schicksals.

            Überall im Saal verdunkelte sich das Licht, schlug in Rauch um als hätte jemand das Licht vergiftet. Eine Mauer baute sich stückchenweise vor den beiden Hylianern auf und schlang sich windenartig um jeden möglichen Fluchtweg hier im Thronsaal. Es war die Zeit gekommen, da Links Entscheidung die ganze Welt retten oder sie zur Verdammnis bringen konnte. Sein Heldentum und sein Mut würden in wenigen Augenblicken gefordert werden.

            Schritte erklangen ehrfürchtig in dem Saal. Ein gemächliches, eingebildetes Taptap. Ein gefährlicher Reiz begleitet von dumpfem Stiefelgeklapper...

            Schweißperlen glänzten auf Links Stirn, der eine unfassbare böse Energie spüren konnte. Sie breitete sich ungeheuer schnell aus, wuchs und überwucherte jeden muterfüllten Gedanken. Langsam wich er gemeinsam mit Zelda zurück.

            Gelächter wurde hörbar in dem alten Saal. Ein jauchvolles Schnalzen und ein teuflisches Sinnieren über angebliche Siege, verfolgt vom Wahnsinn und einer absurden Einbildung für die eigene Überlegenheit. Link kannte dieses Gelächter, hatte sich gewünscht, er hätte es niemals kennen gelernt, hatte gefleht, gehofft und den Gebieter dieses abscheulichen Lachens verflucht...

„Zelda“, brüllte er und schaute zu den letzten verbliebenen Ausgängen. Einer direkt hinter ihnen und einer vor ihnen. Von vorne kam das lauterwerdende Lachen eines von Gier und Macht zerfressenen Dämons, der nicht wusste, was Liebe war.

„Lauf!“ Sie schüttelte mit dem Kopf, worauf Link sie von sich wegstieß.

„Ich sagte, du fliehst! Tu gefällig, was ich dir sage!“ Er schämte sich dafür, sie so zu behandeln, aber es ging nicht anders.

Sie wich fassungslos zurück, fiel sogar auf ihr Gesäß und hatte einen angstvollen Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht, den Link in seinem Leben nie vergessen würde.

            Sein Blick wurde daraufhin weicher. „Bitte geh’, meine Prinzessin.“ Seine tiefblauen Augen schillerten sanft und herzenswarm, erfüllt mit dem Ausdruck des Lebewohls.

„Flieh, mein Engel.“ Sie nickte, unterband nur schwerfällig die Tränen in ihren Augen. Aber sie zögerte dennoch. Sie wollte ihn nicht alleine gehen lassen. Hinein in den großen Kampf. Sie wollte Link nicht wieder verlieren.

Schweren Herzens rannte sie zu dem verbliebenen Ausgang, wo noch für wenige Sekunden ein Fluchtweg bestand. Als sie jedoch den Ausgang passieren wollte, prallte sie heftig zurück und landete nur wenige Meter vor Link. Sie jauchzte und spürte sofort Links warme Hände, die unter ihre Arme griffen und ihr aufhalfen.

Ein zweifelnder Blick und sie drehten sich beide erneut dem absurden Gelächter entgegen, welches vom hinteren Bereich des Saales drang. Es fror das Blut in unschuldigen Adern und stieß Dolche direkt in das Herz des Mutes...

            Die Schritte hallten gröber und unheilvoller in dem großen Thronsaal und ihr mattes Echo klang umher wie ein nie enden wollender Fluch. Schützend stand der junge Heroe vor seiner Prinzessin und zog vorsorglich das Schwert von Leon Johnson aus der verzierten Schwertscheide am Rücken.

Dann stoppten die Schritte und im selben Moment erschien umhüllt von schwarzen Wolken eine kolossale Kreatur direkt vor Link und seiner Prinzessin. Gnadenlose, düstere Augen blickten herabwürdigend heraus aus einem pechschwarzen Feld, welches allmählich eine Gestalt formte. Die jungen Hylianer wussten, wer vor ihnen stand. Wie könnten sie seine barbarische Aura auch jemals vergessen?

            Das Triforce des Mutes und auch das der Weisheit lebten auf ohne, dass ihre Träger es wollten. Ein weiterer Beweis für die Anwesenheit des Fragmentes der Kraft und mit ihm war sein Gebieter. Der Fürst des Schreckens Ganondorf...

            Mit einem quietschenden Surren verflog die schwarze Materie um ihn und gab das abscheuliche Abbild preis, das Link immer wieder verfolgen würde. Ganondorf stand vor ihnen. Wahrhaftig und lebendig, solange das schwarze Blut in seinen Adern floss. Er trug eine schwarze Rüstung und wie immer seinen blutroten Mantel, der lässig über seine Schultern fiel. Ein breites Schwert getragen an seiner linken Seite versetzte einem Gegner Angstzustände, verführte zur Flucht und zum erbärmlichen Aufgeben. Auf seinem vernarbten, grünen Gesicht zeigte sich ein gehässiges Grinsen und aus den unheimlichen dämonischen Augen drang Hass und Rache.

            „Ganondorf“, entfuhr es Zelda. Und sein Name hallte todbringend umher, kündigte die Stille an, die folgte.

 
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