Kapitel 82
 

Kapitel 82 

 

 

 

 

Die Finsternis verschluckte die letzten warmen, rotglänzenden Strahlen eines märchenhaften Sonnenuntergangs hier in Hyrule.

Das alte Schloss der Königsfamilie spiegelte den feurigen Schein nicht länger ab.

Dunkel färbten sich die grauen Steinquader, aus denen der stolze Palast vor Hunderten Jahren erschaffen wurde und nie mehr wieder würde seine Pracht von der Steppe aus zu sehen sein.

Denn es war die augenscheinlich letzte Nacht, die Hyrule erleben sollte...

Schlürfend, ja beinahe qualvoll, zog sich der junge Heroe auf seinen zitternden Armen in Richtung der wenigen Stufen, die ihn hinab in die größte der Schlossküchen führen würden. Seine Beine gehorchten ihm nicht, fühlten sich an, als wären sie gelähmt, was ihn zum Schwitzen und Herzrasen brachte. Er hatte seine Augen zugekniffen, stöhnte und ächzte. Ihm war übel und zugleich strömte eine merkwürdige Kälte von seinen Beinen an aufwärts. Der schwarze Fluch, den Ganondorf auf ihn verhängte, hatte anscheinend bittere Nachwirkungen. Er bemühte sich zu kämpfen und kroch weiterhin über den glatten Boden im alten Thronsaal, als die letzten roten Strahlen von den vielen riesigen Fenstern ihren Schein verloren und es dunkel wurde...

Von außerhalb hörte Link die vielen widerlichen Stimmen der Bestien des Schreckensfürsten lärmen, was ihn nur noch nervöser machte.

Irgendwo dort in der Küche schlummerte der Schlüssel, der Zugang in die Menschenwelt und seine letzte Rettung. Sicherlich hatte Klein- Link das Elixier schon lange den Weisen übergeben, das wusste der Heroe. Er vertraute ihm genauso wie er Zelda vertraute. Für all’ ihre Entscheidungen. Und jede Entscheidung hatte sie liebenswerter gemacht.

Ein Gedanke an sie und der junge Heroe schöpfte neuen Mut. Er kämpfte weiter, zog sich erbittert über die glänzenden Marmorplatten. Verdammt, er musste sie retten, genauso wie er die Welt vor Ganondorf beschützen würde. Er musste durchhalten, so lange, bis er durch den magischen Spiegel gelangt war...

Im Zentrum des Saales hatte der junge Held eine Pause nötig und lag einfach da. Sein rechtes spitzes Ohr drückte gegen den kalten Marmor und seine mutlosen Augen schielten zu dem winzigen Geheimverschlag in der neben ihm liegenden Wand.

Es trommelte an sein Ohr. Das todbringende Stapfen des Heeres aus Moblins und anderem Gesocks näherte sich dem Schloss. Auch ihre Vernichtungsrufe und ihr schiefer Schlachtgesang drang von außen herein, ließ Links verletztes Herz schneller schlagen, verführte es zu Angst und Leichtsinn.

Nicht mehr lange würde es dauern und sie würden das große Tor in den alten Saal aufstoßen. Link nahm einen schweren Atemzug und zog sich weiter vorwärts. Aber selbst seine Arme wollten ihm nicht mehr gehorchen. Langsame Zuckungen zogen sich durch seine Armmuskeln, hinterließen nichts als ein Gefühl von Taubheit...

„Verdammt!“, fauchte er mit letzter Kraft und lag schließlich still und regungslos da. Mit geöffneten Augen. Aber er war lautlos und schaute benommen zu dem großen Tor.

In dem Moment schlugen Dutzende Äxte gegen das alte, dunkle Eisentor. Markerschütternd krachten die Waffen dagegen in Begleitung von lärmenden Stimmen. Ungläubig beobachtete der junge Held, wie das Tor mit einem wuchtigen Schlag davon schlug und nicht einmal weit neben ihm aufprallte. Er wollte schon lachen, weil er gegen die vielen Kreaturen des Bösen keine Chance mehr hatte. Nicht in seinem mitleiderregenden Zustand und erst recht nicht ohne sein Schwert...

Die Bestien strömten näher, auf Siegeszug. Auf einem Weg der Vergeltung jubelten sie, ertrunken vor Freude den einstigen Held der Zeit mit Hunderten Waffen zu durchstoßen. Der Tag war nun gekommen. Der Durst nach Rache hatte nicht gelogen.

Schwere Stiefel rasten näher, wirbelten den Staub in dem alten Thronsaal auf, entweihten ihn mit Schimpfwörtern der Sprache des Bösen, die Link nicht kannte. Und der Boden bebte von ihrem pelzigen Füßen.

Lethargisch schloss Link die Augen. Er war nun dem Aufgeben nicht mehr fern. Es war einfach, sich fallen zu lassen, dachte er. Er hatte in seinem Leben nie aufgegeben. Vielleicht war es deshalb umso einfacher, endlich der Stimme von Farore in seinen Gedanken abtrünnig zu werden. Süß war es. Diese Verlockung einfach aufzugeben. Stillzustehen...

Die Stimmen wurden lauter, aber plötzlich war da etwas anderes als die belustigten Schlachtrufe des Abschaums Hyrules. Der unverkennbare Gesang des Schwertes tanzte im alten Saal. Stahl trat auf Stahl. Dann traf jener auf Fleisch und zerstörte Leben.

Link fühlte nicht einmal mehr, dass es nicht sein eigenes Fleisch war, das zerstoßen wurde. Auch hörte er nicht die energische, vertraute Stimme, die ihn anbrüllte. Sein Geist war schwer und er hieß das Aufgeben willkommen.

Und als die Stille den Saal erneut einnahm und viele Ascheplättchen die Luftgeister umwirbelten, so dachte Link, war er endgültig dort im Himmelsreich angelangt. Endlich frei von dem Teufelskreis des Kampfes. Endlich frei von seiner grausamen Bürde.

„Ich bin frei...“, murmelte der junge Held, als er ein paar starke Arme spürte, die ihn mühelos nach oben wuchteten. Das musste ein Engel sein, der seinen toten Körper irgendwo einbetten würde, dachte er. Und so wehrte er sich nicht und ließ sich davon tragen, bis es noch dunkler vor seinen Augen wurde...

 

Derweil saß der kleine Spund, der Zeldas himmelblaue Augen trug, beinbaumelnd auf dem großen Tisch in der Zimmermitte bei den Weisen. Zwei dicke Kerzen standen auf dem großen runden Beratungstisch, wo Sara und die anderen grübelten.

Harkenia saß direkt vor Klein- Link und versorgte dessen von Glassplittern geschundenen Hände. Das Götterkind blickte währenddessen immer wieder in die ernsten Herrscheraugen ihm gegenüber, schien sogar etwas auf dem Herzen haben, aber wusste nicht, wie es beginnen sollte. Harkenia bemerkte diesen unsicheren Ausdruck in Klein- Links Augen. Es war dieselbe Verschwiegenheit, Neugierde und die selben Zweifel, die er damals in Hyrule in den Augen Zeldas gelesen hatte.

„Was liegt dir auf der Seele, kleiner Junge?“ Auf diese Bemerkung hin verengten sich seine Augen zu Schlitzen, er grabschte an den kurzen grauen Bart des Älteren und zog kräftig. Zusätzlich trat ihm das Götterkind zanksüchtig ans Schienbein. Ein fluchender Schmerzlaut drang aus Leon Johnsons Kehle, worauf auch die anderen Weisen das Schauspiel belustigt beobachteten.

„Benimm’ dich, Junge!“, schimpfte Leon und rieb sich mit der flachen Hand über das schmerzende Schienbein. „Noch einmal und du wirst in der Nebenkammer eingesperrt!“ Welch eine Demütigung für den einstigen König, dass sich der Fratz ihm gegenüber so unverschämt verhielt.

Nicht einmal Zelda hatte sich erlaubt ihm einen Kick ans Bein zu verpassen. Sicherlich, sie hatte alle möglichen Streiche ausgeheckt, um ihn zur Weißglut zu bringen. Man bedenke nur, ihre sich wiederholenden Fluchtversuche aus dem alten Residenzschloss der Königsfamilie. Aber eine solche Frechheit war dem Blaublütigen noch nie wiederfahren.

„Und jetzt sag’ mir, warum du dich so abfällig verhältst.“ Leons Stimme war trotz seiner Ärgernis auffallend ruhig.

„Du sollst mich nicht Junge nennen. Mein Körper ist immerhin elf Jahre alt!“, schmollte der junge Kerl. „Und wie möchtest du dann genannt werden?“

„Kleiner Mann. So nennt mich Zelda immer!“ Harkenia lächelte daraufhin und schloss gemächlich die Augen. „Du bist Zelda sehr ähnlich.“ Der Knirps grinste breit. „Ich will ja auch, dass sie meine Mama wird. Sie ist unglaublich warmherzig und so wunderschön.“

Harkenia erwiderte nichts darauf, konnte er den Worten des Bengels kaum wiedersprechen. Vorsichtig tupfte er mit Jod über die Kinderhände, als der Junge wieder ein trübsinniges Gesicht aufsetzte.

„Bist du eigentlich böse auf Zelda und auf Link?“, fragte er. Verwundert sah Harkenia auf.

„Weshalb sollte ich?“ Der Kerl schaute zu Boden und presste seine blassrosa Lippen aneinander. „Na, weil sie sich so gerne haben.“ Der Ältere lachte auf.

„Damit erzählst du mir nichts neues. Es war schon immer ersichtlich, dass sich Zelda und Link gerne haben.“

„Aber jetzt ist es anders“, erklärte das Götterkind. Nun hörten auch die anderen Ohren in dem Raum zu, besonders Impa, die ihren wissbegierigen Schädel näherrückte.

„Sie haben sich ganz doll gerne. Sie verhalten sich so wie Erwachsene, wenn sie sich gerne haben. Und sie stecken sich ihre Zungen gegenseitig in den Mund. Bist du deswegen böse mit ihnen, weil sie das tun?“ Harkenia ließ seiner Fassungslosigkeit einen auffälligen Ausdruck und wich einige Zentimeter zurück.

„Und manchmal...“, sagte der Knirps lauterwerdend. „... da befummeln die sich. Macht dich das wütend?“ Hyrules einstiger Herrscher zwinkerte vor Verwunderung.

„Sie verbringen die Nacht immer unter einer Decke, weil sie sich so lieb haben“, sagte er belehrend und schaute in die Runde von entsetzten Fratzen, die es niemals für möglich gehalten haben, dass Link und Zelda doch noch ein Paar werden würden. Wie auch immer, Klein-Link genoss diese Form von Aufmerksamkeit und hatte vor munter weiter zu plappern.

„Und letztens, da haben sie...“, begann das Götterkind. Harkenia umfasste die Arme des Bengels und redete auf ihn ein. „Was haben sie?“

„Stopp. Stopp. Stopp”, rief Impa. „Das geht uns nun wirklich nichts an.“ Energisch stützte sie sich mit ihren starken Armen auf dem Tisch ab. „Und Euch, Harkenia, ebenso nicht.“ Wie immer fuhr Impa dem König über den Mund. Sie hatte in Hyrule nie Halt gemacht, um dem König ihre Meinung zusagen. Und heute, in dieser modernen, aufgeklärten Welt, würde sie es erst recht nicht tun.

„Seid glücklich, dass Zelda endlich mit Link ihr Glück gefunden hat anstatt Euch noch über die Details schlau zu machen“, setzte sie kraftvoll hinzu. Ihre tiefe Stimme schallte durch das Haus, sodass es auch die Monster außerhalb hören konnten. „Sie lieben sich schon so lange. Es wurde endlich Zeit, dass sie ein Paar sind.“

„So beruhige dich doch, Impa...“, meinte der Alte. Er klopfte dem Götterkind auf die Schulter und grinste. „Ich hatte nie vor, mich einzumischen.“ Impa funkelte drohend mit ihren roten Augen und ließ sich wieder auf ihren Platz sinken. „Das hoffe ich“, meinte sie herausfordernd. 

,Nicht gut Kirschen essen mit diesen Shiekahfrauen’, dachte der Ältere. Sowohl damals als auch heute... 

 

Wenige Minuten später trat ein fluchender Sian mit dem bewusstlosen Link mühevoll über seiner Schulter hängend durch den matten Spiegel.

„Link!“, kreischte Sara, hüpfte von ihrem Stuhl und warf diesen mit lautem Getöse um. Sie stürzte auf Sian zu, der den jungen Heroen langsam zu Boden sinken ließ.

Sara war zum Weinen zumute, als sie ihren Bruder erblickte. Sein Gesicht war bleich wie eine Hauswand. Er zitterte, obwohl er nicht im wachen Zustand weilte.

Sie führte ihre Hände an seine kalten Wangen und verkniff sich schwerlich die Tränen. Sie war glücklich ihn wiederzusehen, ihn lebend zu sehen und doch...

„Link?“, sprach sie leiser. Inzwischen standen auch die anderen Weisen um ihn herum.

Impa kniete nieder und überprüfte seinen Herzschlag, sowie seine Atmung. Sachte hielt sie ein Ohr an seinen mit trockenem Blut bekleideten Mund. „Er lebt... aber Ganondorf hat ihn mit einem schwarzen Fluch belegt“, sagte sie. Immerhin kannte sich die einstige Shiekah in allen Varianten von Flüchen aus, die Ganondorf zelebrierte. „Was er jetzt vor allem braucht, ist Schlaf. Ein paar Stunden und er wird wieder fit wie ein Turnschuh sein!“ Neugierig betrachtete sie sich den leuchtenden linken Handrücken des ohnmächtigen Helden und schüttelte arglistig den Kopf. „Sieh’ einer an...“ Sie hätte Link am liebsten in die Seite geboxt. „Dieser Schweinehund hat sein Fragment zum Erwecken gebracht.“ Impa lachte.

Sara aber weinte Freudentränen und meinte leise: „Wie lange können wir ihn schlafen lassen?“

„Drei Stunden... in vier, fünf ist Mitternacht. Er wird sich Ganondorf vor Mitternacht stellen müssen, denn dann ist jedes Licht erloschen... aber vorher haben wir noch einige Dinge vorzubereiten. Der Kampf wird fortfahren.“ Sara nickte und schleppte Link mit der Unterstützung von Sian in das Nebenzimmer, wo sie sich um ihn kümmern würde.

 

Der dunkle, verheißungsvolle Mond stieg auf, zog an den Wurzeln des Lebens... Beinahe fühlen konnten die Weisen, dass jene Mondnacht die vielleicht letzte auf der Erde sein würde.

Nur noch wenige Stunden und die Welt wäre leer von den letzten Lichtstrahlen, geraubt von ihrem reichen Leben, entseelt wäre sie. Licht wäre nicht länger rein, unschuldig und wärmend. Und die Nacht wäre nicht länger beruhigend und verbergend. Sie wäre nicht länger die sanfte Wiege für alle Lebewesen, die zu den Stunden schliefen, wo Sterne am Himmel hinabregneten. Nur die Brut der tiefsten schwarzen Magie würde sich auf der Erde noch geborgen fühlen, dann wenn undurchdringbare Gewänder aus hässlicher Nacht auf der Welt tanzten und die Wolken stillstanden...

Auf dem großen, schwarzen Holztisch stand das wenige, durchmischte Elixier der Weisen. Alle Augenpaare fielen darauf, wussten sie doch, dass diese wenigen Tropfen nicht mehr ihren Daseinsgrund erfüllen würden.

Sie waren ratlos, ohne Ausnahme. Die einzigen Waffen gegen Ganon, die das Gute noch besaß, waren die kümmerlichen Kräfte der Weisen, ein durchmischtes Elixier und ein bewusstloser Held, der fast nichts seiner wahren Kämpfernatur erkannt hatte. War das schon alles?

„Was machst du denn für ein Gesicht, Großvater?“, sprach Klein-Link, kletterte frech wie er eben war auf den Tisch und setzte sich im Schneidersitz vor den einstigen Herrscher Hyrules. Harkenia konnte nicht anders als den Bengel für seine Wortwahl schockiert zu mustern. Seine blauen Augen begegneten denen des Bengels.

„Du bist doch Zeldas Papa. Warum machst du denn dann so ein Gesicht?“ Harkenia packte den jungen Burschen unter den Armen und platzierte ihn auf dem Fußboden.

„Schau’ nach Link, okay. Überlass’ das Grübeln doch den Erwachsenen.“ Darauf streckte das Götterkind ihm die Zunge heraus. „Bloß weil ihr erwachsen seid, heißt das noch lange nicht, dass ihr mehr wisst als ich“, schmollte er. Trotzig hüpfte er wieder auf den Tisch und ließ sich auch nach nochmaliger Aufforderung Harkenias nicht wegschicken.

„Ihr seid vielleicht ein paar hohle Nüsse“, lachte Klein-Link und fuhr sich nach Linkart durch das goldblonde Pony.

„Was heißt das?“, murrte Naboru, die mit einem Bleistift unidentifizierbare Gebilde auf ein Stück Papier zeichnete.

„Weil ihr erwachsen sein wollt, aber nicht wisst, was nun zu tun ist!“, sagte er dröhnend.

„Kind, das ist kein Scherz. Die ganze, moderne Welt wird im Nichts versinken, wenn wir nicht handeln. Das ist kein Spiel. Deshalb geh’ bitte ins Nebenzimmer.“ Das Götterkind zog die Nase nach oben, verschränkte die Arme und starrte an die Decke.

„Lasst ihn reden, Sir“, sagte Impa daraufhin. Sie beäugte den Kleinen ausgesprochen scharf. Da lag etwas in seinen Augen, was sie äußerst stutzig machte. Und Impa ahnte, dass es auch Harkenia nicht ferngeblieben war. Ein Funken Mut. Eitler Stolz. Und eine beinahe gespenstische Gewissheit.

„Du verschweigst uns doch etwas, Kleiner Mann“, sagte Impa sanft. Das Götterkind grinste und nickte. Seine Wangen schimmerten und die blauen Augen glitzerten beinahe unnatürlich.

„Mir hat ein Engel etwas ins Ohr geflüstert“, sagte er drollig und spielte mit seiner grünen Zipfelmütze. „Wusstest du, dass Zelda ein Engel ist?“, sagte er zu Harkenia gewandt.

„Jetzt red’ nicht um den heißen Brei, Knirps!“, murrte Naboru wieder und zog ihm seine grüne Mütze vom Kopf. „Gib’ das her. Gib das wieder her!“, quengelte das Götterkind und hüpfte auf Naboru, riss den Stuhl samt der armen Frau darauf um. Naboru quietschte und packte den Jungen am Kragen.

„Was für ein süßer Fratz du bist, auch ohne Mütze“, lachte sie. „Jetzt sei so gut und erzähl uns, was du weißt.“ Er strampelte und zappelte, bis Naranda ihn zu Boden ließ.

„Aber erst, wenn du mir meine Mütze wieder gibst!“ Sie streckte ihm den Kopfschmuck mit einem Zwinkern entgegen, worauf der kleine Kerl rotwerdend zu Boden blickte.

„Na gut...“ Wie ein König schritt Klein- Link hin und her und blieb direkt vor dem Elixier stehen.

„Ich weiß, wozu dieses durchmischte Elixier gut ist“, erklärte er und schaute in eine Runde skeptischer Gesichter.

„Ihr könnt damit vielleicht nicht Ganondorf bannen, aber ihr könntet etwas anderes tun, etwas, was uns einen gigantischen Vorteil verschafft.“ Interessiert hörten die Weisen zu, auch wenn sie nicht ganz verstehen konnten, dass ein Kind ein Wissen besaß, das sie nicht ersinnen konnten. „Das Elixier der Weisen besteht aus alten magischen Essenzen Hyrules. Es ist Magie in flüssiger Form. Und da es vermischt ist, hat es keinen Nutzen für euch Weisen. Denn ihr sucht nach einer Verstärkung eures eigenen Elements. Licht. Feuer. Wald. Schatten. Wasser und Geister. Es hätte keinen Sinn die Kräfte, die in dem verbliebenen Elixier pulsieren für die Kraft der Weisen zu verwenden.“ Aufmerksam folgten die Weisen.

„Es hat viele Fähigkeiten, verstärkt die Kräfte, vervielfacht sie, lässt sie neu aufleben, lässt sie erinnern...“

Verwundert hörten sie alle zu, konnten nicht fassen, dass sich ein elfjähriges Kind so gebildet ausdrücken und eine Kette schlüssiger Folgerungen aufzeigen konnte.

„Erinnern...“, wiederholte er. Seine glockenhelle Stimme wurde lauter. „So versteht doch... es kann erinnern. Es erinnert sowohl alte, schlummernde Kräfte, als auch alte schlummernde Gefühle und Gedanken.“ Da erkannte Harkenia, dass dieser Junge auf wundersamer Weise mit seiner geliebten Tochter kommunizierte. Es schien, als wäre es Zelda, die diese Sätze mit ihrer bewundernswerten Weisheit sprach. Als wären es ihre Lippen, die diese verheißungsvollen Sätze erschufen.

„Erweckt den Helden der Zeit!“, rief er in die Runde. „Erweckt Links wahres Ich. Erweckt seine wahre Natur!“ Er machte eine kleine Pause, ballte seine Kinderhände zu Fäusten und schaute hoffnungsvoll in die Runde erbleichter Gesichter.

„Lasst uns kämpfen! Mit allem, was wir haben. Lasst uns das Böse erneut in die Schranken weisen! Denn das ist unsere Bestimmung. Kämpft, ihr Erwählten Hyrules!“

Stille legte sich in das Zimmer und auch auf die erstarrten Gesichter der legendären Weisen...

 

Im kleinen Nebenzimmer rauschte die Heizung und sanfte, unsichtbare Wärme strömte in den Raum. Ein blasser Lichtschein einer Kerze verlor sich auf der knarrenden Schlafgelegenheit, wo Link ruhte.

Sara setzte sich sachte zu ihm und tupfte mit einem feuchten Tuch über seine schwitzende Stirn. Sie musste zugeben, dass sich Link in diesen drei Wochen unheimlich, beinahe gespenstisch, verändert hatte...

Erst jetzt rückten ihr eine Menge Details ins Gesicht. Seine Statur hatte sich ein wenig gewandelt, war kämpferischer, stärker, als ob er länger als nur drei Wochen fortgegangen war? Verlief in Hyrule die Zeit langsamer als auf der Erde? Seine Arme waren muskulöser, dachte sie. Sein dunkelblondes Haar war gewachsen und er trug einen kleinen Dreitagebart, auch etwas, was er sonst nie tat...

Er war immer ziemlich eitel, wenn es um sein Äußeres ging, das wusste Sara...

Aber das auffälligste war seine grüne Tunika. Wo er die wohl herhatte, fragte sie sich.

In dem Moment zuckte Links Körper zusammen. Er stieß die Luft durch seine Zähne aus, erschuf einen pfeifenden Ton damit und zitterte schon wieder.

„Link?“, redete Sara auf ihn ein. „Reiß’ dich zusammen. Du bist wieder auf der Erde“, setzte sie leiser hinzu. Sie zog eine Decke über seinen erschöpften Körper, als sie sein Murmeln und das leise Ächzen erstmals verstand.

Er murmelte Zeldas Namen... Wie sollte er auch nicht, dachte Sara. Kaum hatte er sie gefunden, hatte er sie auch schon wieder verloren...

Wie sehr er sie doch liebte, dachte Sara. Er hatte es nicht verdient, sie schon wieder verlieren zu müssen. Hätte sie als einstige Weise des Waldes doch eher dafür gesorgt, dass sie beide zueinander finden würden. Ja, sie hätte vielleicht etwas tun können. Und nun hatte er gerade mal ein paar Tage mit ihr verbringen können. Nur wenige Tage, in denen sie beide endlich Liebende waren...

Link schlug seinen Kopf von einer Seite auf die andere und rief immer lauter nach seiner Prinzessin. Ob es mehr war als bloß seine Sehnsucht nach ihr, fragte sich seine jüngere Schwester? Konnte es sein, dass er Zeldas Schmerzen fühlte? Und die Prinzessin gerade in dem Augenblick litt?

Als dann noch sein Fragment anfing zu glühen und seltsame Dinge anstellte, holte Sara erneut die Direktorin. Nur zur Sicherheit, dachte sie...

Sie stürmte zurück in den großen Raum, wo die Weisen bezüglich des verbliebenen Restes Elixier diskutierten. „Impa“, rief Sara. „Links Fragment glüht pulsierend und schickt sogar einen leichten Lichtschein in den Raum. Das Licht bleibt dann wie Farbe an den Wänden haften. Ich weiß nicht, ob das noch normal ist.“ Impa schritt sofort hinter Sara her und stürmte in einen mit Lichtfunken erfüllten Raum. Überall tanzten kleine goldene Gebilde, unterschiedlicher Größe, bewegten sich wie Feen in ihrem alten Zuhause wirbelnd. Einige der Gebilde schwebten gemächlich auf Links regungslosen Körper zu, sanken hinein in den zerrütteten Stoff seiner Tunika, durchdrangen seine Haut und wanderten tiefer bis zum Fleisch.

„Was mag das bedeuten?“, meinte Sara und griff nach einer goldenen Kugel, die aussah wie eine Seifenblase. Sie zerplatzte in Saras Hand und goldene, wärmende Farbe blieb an ihrer Haut haften. „Wie fühlt sich diese Substanz an?“, fragte Impa.

„Wie Luft, eigentlich“, meinte die Fünfzehnjährige. „Aber es ist warm“, setzte sie hinzu.

Vorsichtig begutachtete Impa die Macht des Mutes, fühlte Links Hand vibrieren.

„Alles okay, Sara. Es scheint, als ob ihm das Fragment hilft, die Reste des Fluches zu beseitigen. Wir müssen uns keine Sorgen machen.“

„Er hat vorhin nach Zelda gerufen“, meinte Sara daraufhin. Bekümmert sah das junge Mädchen dann zu Boden. „Ich hätte nicht gedacht, dass er sie in dieser Welt so sehr lieben würde. Er hat sie ja sogar schon vermisst, bevor er sie überhaupt kannte. Es tut mir so leid um sie beide...“ Impa legte mitfühlend eine Hand auf Saras Schulter.

„Wusstest du, dass sie am letzten Tag Hyrules beinahe aufgegeben hätten ihre Liebe voreinander zu verstecken?“ Verwundert sah das junge Mädchen auf. „Nein, woher auch...“

„Hätte Hyrule nur wenige Tage länger bestanden, ja, vielleicht...“ Sara grinste verräterisch.

„Du meinst, sie hätten sich beide zum Trotz gegen Harkenia und gegen die althergebrachten Bräuche des Königshauses gestellt?“

„Ja, gewiss.“

„Das freut mich!“, lachte Sara.

„Und mich erst“, erwiderte Impa. „Wir sind schon ein durchtriebener Haufen“, lachte die Direktorin.

„Was wären wir auch sonst?“

„Sonst wären wir nicht die sechs heiligen Weisen... und deshalb...“ Sie verschränkte die Arme. „Lass’ uns kämpfen, Sara.“ Impa blickte stolz und erhaben auf. „Lass’ uns hoffen. Das Gute hat immer über das Böse gesiegt. Es kann nicht anders sein.“

Sara rang sich zu einem ermutigenden Lächeln. „Du glaubst noch immer mit einer solchen Festigkeit an unseren Sieg?“ Impa grinste. „Nicht nur glauben, sondern wissen.“

„Stimmt, jetzt, wo Link hier ist... kann ich auch wieder fühlen, wie reich das Gute ist, wie groß die Hoffnung ist. Sie lebt. Sie atmet immer noch, solange wir hier sind.“ Impa nickte ermutigend.

„Wir haben einen neuen Plan, Sara. Folge mir, die Weisen werden ihn dir erklären!“

Ja, die Weisen würden kämpfen, so wie immer. Bis zum Tod. Für den Frieden. Für die Erde und für Hyrule...

 
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