Kapitel 83
 
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Kapitel 83

 

 

 

 

„Zeit sich zu erinnern...“ Gewiss, es war an der Zeit... und oblagen seine Erinnerungen doch nur ihren unverwüstlichen Gesetzen, zu verrinnen, zu vergehen.

Ausgebreitet lag er da. Inmitten von vielen sattgrünen Schleiern auf Hyrules märchenhafter Steppe. Die langen Gräser spielten mit dem Wind, bewegten sich wie viele weiche Wellen. Er hatte einen Grashalm im Mund, kaute darauf herum und seine tiefblauen, eigensinnigen Augen waren verschlossen. Er schlief, fühlte sich frei und irgendwie nicht wie das, was er war...

Link war fort, das wusste er. Link war weit weg. Sozusagen nach irgendwohin abgereist. Weit weg. Er war schlichtweg unauffindbar. Und doch hatte der junge Mann, der träumend auf den weiten Wiesen Hyrules ruhte, das Gefühl, er müsste ihn unbedingt finden.

Er musste das finden, was er vergessen hatte. Musste sich selbst finden und seine eigene grausame Wahrheit...

Ein kühler Wind schickte seine Ausläufer nach Osten, kitzelte seine markante Nase und trug einen feinen Duft der Frische mit sich. Langsam öffneten sich seine Lippen, murmelten etwas von Erinnerungen, die er nicht besaß.

Und als sich seine Augen endlich öffneten, hatte er seinen eigenen Namen vergessen. Er wusste nur, dass er Link finden musste. Mit einem gewieften Sprung hüpfte er auf seine durchtrainierten Beine, nutzte eine Hand als Schirm um von dem grellen Sonnenlicht nicht länger geblendet zu werden. Stark waren sie. Diese herrlichen, warmen Strahlen, die ein Erdenbürger für so selbstverständlich hielt. Dennoch... selbstverständlich waren sie bei weitem nicht...

Wenn man nur einmal den blutenden Himmel erblickt hatte, sich ihm nur einmal ausgeliefert hatte, würde man ihn nie wieder vergessen. Ein einziger wagnisvoller Blick würde das ganze Leben verändern. Das erfuhren die Unschuldigen, die in ihren Träumen von dem Meer aus Dunkelheit heimgesucht wurden. Und auch erfuhr es Link, nach dem der junge Mann suchte, der seinen eigenen Namen vergessen hatte.

Jener rannte, hetzte mit braunen, schweren Lederstiefeln über saftiges Steppengras, suchend nach etwas Vergänglichem und doch nach sich selbst.

Er erreichte einen schmalen Trampelpfad, folgte auch jenem Pfad mit einer Zielgenauigkeit als hätte er diesen Weg mehr als nur einmal benutzt. Er rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten, wirbelte den feinen, hellbraunen Sand auf, der den kleinen Pfad beschmückte.

Er konnte nicht einmal ansatzweise begreifen, was vor sich ging, wusste nur, dass er Link finden musste. Link, den wahren Helden, über den das ganze Volk Hyrules sprach. Link, die Wiedergeburt des legendären Helden, der im allerersten Kampf gegen das Böse bereits gesiegt hatte. Aber wer war dieser Link, dem man so vieles unterstellte? Den man bewunderte für seine Tapferkeit und sein unglaubliches Gespür den rechten Weg von Tausenden auszuwählen? Was schlummerte im Herzen von diesem Link, der für die Prinzessin Hyrules in den Tod gehen würde?

Das Volk Hyrules kannte viele Antworten auf diese Fragen, zerrissen sie sich doch so gerne den Mund über ihn. Doch wirklich kannten sie ihn nicht, bemerkten ihn im Vorübergehen und wussten doch nicht, dass der unauffällige Jugendliche mit dem angenehmen Lächeln der Held war, den sie feierten. Sie liebten ihn, mit jeder Faser des Herzens, und doch kannten sie ihn nicht...

Der junge Mann jedoch, der ihn mit allen Mitteln finden wollte, kannte ihn. Manchmal sah er ihn im Nebel versinken und manchmal stand er klar und ohne Harm ihm gegenüber. Er kannte ihn und doch wusste er dieses Wissen nicht in sich aufzunehmen, leugnete vielleicht sogar ihn zu kennen. Denn würde er ihn kennen, würde er auch sich kennen. Vielleicht war das die große Herausforderung, die Grenze, die er nicht überschreiten wollte. Vielleicht war das sein Verhängnis. Jeder möchte sein wahres Gesicht kennen, schöpft seine Identität aus Erinnerungen. Jener junge Mann aber, dem das Schicksal etwas sehr kostbares gestohlen hatte, er hatte immer Angst davor, sich selbst zu kennen. Was würden andere von ihm erwarten, würde er das sein, was er sein sollte? Wie würden sich seine Gefühle verändern, wenn er plötzlich erwachen würde? Wären die Gefühle für liebende Menschen ausgelöscht, weil sein wahres Ich diese Menschen vielleicht nicht mit den seinen Augen ansehen konnte?

Schwer atmend blieb der junge Mann an dem kleinen Fluss in der Nähe Kakarikos stehen. Trotz seiner geringen Tiefe war jener Fluss, ausgefüllt von kristallklarem Wasser, von einer so ungewöhnlichen Tiefe, dass man sich selbst auf der glänzenden Wasseroberfläche betrachten konnte.

Der junge Hylianer kniete nieder, schöpfte mit der linken Hand das kühle Nass, bezaubert von den Düften der Natur, die ihm Hyrule bot. Es war so friedvoll hier, so unbeschwert. Wäre nicht die große Suche nach Link in seinem Hinterkopf, würde er womöglich für immer hier bleiben, inmitten der Natur, hier auf Hyrules grünen, weiten Niederungen...

Viele kleine Wassertropfen fielen von seinen erfrischten Händen zurück in den klaren Wasserlauf, nahmen der harmonischen Fläche für wenige Sekunden ihre Ruhe und vereinigten sich doch wieder mit dem klaren, lebensnotwendigen Element. Neugierig blickte der junge Mann in sein verwaschenes Spiegelbild. Langsam erschufen alte Kräfte sein Ebenbild, zeichneten sein ahnsehnliches, markantes Gesicht. Seinen schmalen Mund. Die vorwitzige Heldennase und seine eindringlichen Augen...

Ja, er kannte dieses Gesicht und verstand doch nicht wirklich, dass es sein eigenes war. Auch eine grüne Mütze trug er auf dem Kopf, unter der sein dunkelblondes, wildes Haar hervorstach.

„Bin ich Link?“, murmelte er benommen und sank immer näher an die Wasseroberfläche. „Bin ich wirklich Link? Das kann nicht sein...“, seufzte er. Er stützte sein gesamtes Gewicht auf den Armen ab und starrte hilflos und uneinsichtig auf die ehrliche Wasseroberfläche.

„Was ist das für ein Zauber?“, murrte er und klatschte seine Hände auf das verwirrte Spiegelbild, welches ihn so anstarrte, wie er sich fühlte.

Er wollte doch nur Link finden, und was fand er stattdessen? Sich selbst...

Er wich zurück, hockte sich wie ein Kind auf der ungeschundenen, grünen Wiese zusammen, legte den Schädel auf die Knie und weigerte sich weiterhin diese Wahrheit anzunehmen. Noch einmal blickte er in das plätschernde Nass und sah erneut das Bild eines vergessenen Helden, der er niemals sein wollte. „Aber du bist nicht wirklich“, sprach er dem Bild entgegen. „Ich jedoch bin es. Ich bin wirklich. Du bist nur Link. Du bist eine Spielfigur. Nur eine Spielfigur, nicht mehr. Und du wirst niemals mehr sein. Hörst du!“ Er fauchte und fiel beinahe kopfüber hinein in den tiefen Flusslauf.

In dem Moment packte ihn eine starke Hand von hinten und hielt ihn am grünen Kragen zurück. Geradeso hatte der Mann hinter ihm verhindern können, das Link vor Entsetzen in das Wasser fiel. Rasch drehte sich Link herum und erblickte einen Mann in strahlender hylianischer Silberrüstung direkt hinter ihm stehen. Link traute seinen Augen nicht. Er kannte diesen jungen Menschen nur zu gut... und er hätte gewiss nicht erwartet ihn hier vorzufinden. Es waren nicht die braunen Haare oder seine rehbraunen Augen, die die Gestalt Link gegenüber so vertraut machte, nein, es war eher das verräterische Grinsen auf dessen Gesicht. Dieses wohlbekannte, besserwisserische Feixen...

Der junge Heroe wollte aufstehen, es zumindest versuchen, aber er schaffte es einfach nicht. Erstarrt blickte er hinauf zu dem Hylianer, dem Freund, den er sehr vermisste. Der Freund, der durch Links Hand den Tod fand. 

„Nun guck’ nicht so, Waldmensch“, grummelte der junge Mann und pflanzte sich mit seiner schweren Rüstung direkt neben einen ungläubigen Link, der mit keiner Silbe verstand, was hier passierte.

Erst als ihm sein Freund aus alten Zeiten auf die Schulter klopfte konnte Link ansatzweise begreifen, dass jener wirklich neben ihm saß. Zwar in einer vollkommen neuen Bekleidung für Link und mit spitzen Ohren, aber es war dieses Vertraute in den rehbraunen Augen, die jeglichen Argwohn unterbanden.

„Rick!?“ Jener blickte dümmlich und gelangweilt drein und gab dem jungen Helden eine Kopfnuss.

„Jawohl, Waldmensch...“

„Du bist wirklich Rick?“

„Zum zweiten Mal. Ja.“ Link aber hatte es immer noch nicht gänzlich begriffen.

„Aber wie?“

„Wie ich hierher komme?“ Link nickte nur.

„Wir sind in deinem Kopf, mein lieber Freund. Kein Wunder, dass ich da drin abgespeichert bin.“

„Aber wir sind auch in Hyrule. Bedeutet das...“

Rick nickte ebenfalls und deutete mit einem Zeigefinger auf Links Stirn. „Alles, was du über Hyrule wissen musst, ist direkt hier drin. In deinem Kopf, oder sagen wir, vielmehr in deiner Seele.“

„Und wo sind wir jetzt? In einer Art Vergangenheit oder in einer möglichen Zukunft?“, bemerkte Link verwirrt und starrte hilflos in Ricks grinsendes Gesicht. „Ich würde meinen, es kann keine Vergangenheit sein. Vielleicht planst du, oder besser: Vielleicht plant dein wahres Ich tatsächlich ein Fortleben in dem Hyrule, welches du vergessen solltest.“ Der junge Held rollte mit den Augen und murmelte bloß: „Ich verstehe gar nichts mehr...“ Ratlos ließ er sich hintenüber fallen und starrte ziellos in den märchenhaften blauen Himmel, bis er seufzte und seine Augen dichtmachte.

„Alles ist so kompliziert und so undurchsichtig. Ich weiß einerseits, wer ich bin, weil es mir die Wahrheit eingeredet hat, aber ich kann es einfach nicht akzeptieren. Hinzu kommt, dass ich nicht weiß, was der Held der Zeit in diesem Moment tun würde.“ Link seufzte erneut.

„Du fühlst dich hilflos und überfordert?“

„Ganz genau...“

„Aber du hast keinen Grund dazu...“

„Doch, den habe ich...“, seufzte er, diesmal mit einem Anflug von Verzweiflung, mehr als er es beabsichtigt hatte. Rick drehte seinen Kopf zu ihm. Das braune, schulterlange Haar wehte in der sanften Windbrise und verlieh dem jungen Prinzen umso mehr eine natürliche, vollkommene Aura.

„Ganondorf hat Zelda...“, brachte Link über seine Lippen. „Und ich konnte nur zusehen... ich habe sie im Stich gelassen. Ich bin kein Held. Ein Held hätte sie beschützt, hätte sein Leben für sie aufgegeben, stattdessen sitze ich hier in der Nachmittagssonne eines toten Hyrules und unterhalte mich mit einem Geist.“

Rick legte eine Hand auf Links zu ihm gewandte Schulter und schüttelte langsam und warnend den Kopf. „Zieh’ dich nicht so runter, Link.“ Jener stützte seinen schweren Schädel auf beiden Händen ab.

„Ich weiß, dass Prinzessin Zelda dir alles bedeutet, dass du sie liebst, dass du dir eine Zukunft mit ihr wünschst, so wie ich gerne eine Zukunft mit Maron gehabt hätte... und genau das besitzen wir im Hier und Jetzt. In deinen Wünschen. In deinen Gedanken. Du bist in einer von Millionen möglichen Zukunftsvorstellungen Hyrules. Ein friedvolles Hyrule, in dem Zelda im Schloss der Königsfamilie auf dich wartet.“

„Aber genau diese Zukunft wird niemals geschehen“, fauchte Link nun. Er war am Rande von Geduld und guter Laune. Der Gedanke an Zelda und die Tatsache, dass sie gerade in diesem Moment mit einer Bestie zusammen war, schickte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. „Weil ich ein verdammter Feigling bin!“ Link sprang auf seine Beine und breitete aufgeregt die Arme aus. „Ich bin nur ein gewöhnlicher Jugendlicher auf der Erde, der nicht einmal ein Schwert so führen kann, dass es mir eine Chance im Kampf gegen Ganondorf bringen könnte. Ich- bin- nicht- Link! Es war Zufall, dass ich seinen Namen trage und es war Zufall, dass ich so aussehe wie er. Aber ich bin es einfach nicht!“

Auch Rick stand auf, rieb den Dreck von seiner Rüstung und hatte nichts besseres zu tun, als dem Heroen neben ihm einen so deftigen Schlag in sein Rückrat zu verpassen, dass es ihn zu Boden zwang.

„Bei den Göttern, was bist du nur für ein elender Jammerlappen geworden, Link!“ Eingeschüchtert schaute der Angesprochene zu den grünen Grashalmen.

Link, der alle viere von sich gestreckt auf dem Gras hockte, drehte sich seitlich, hatte nicht einmal ein Gefühl dafür sich zu schämen, stattdessen begann er über sich selbst zu lachen.

„Was weißt du schon, Rick? Was weißt du über den wahren Helden der Zeit?“ Link verschränkte die Arme, zog nicht in Erwähnung, dass Rick sehr wohl Ahnung vom wahren Helden der Zeit hatte.

„Und was trägst du überhaupt so einen geschmacklosen Fummel? Kann man sich in so etwas überhaupt bewegen?“

Rick sagte nichts dazu, trat von einem Fuß auf den anderen und überlegte. Er setzte eine Hand an sein Kinn und blickte ab und an zu Link, der wie ein Häufchen Elend dem Vorbeirauschen des Wassers zusah. Wie sollte er ihm seinen außerordentlichen Sturkopf nur wieder ausreden? Sicherlich... Rick hatte genug Erfahrung darin, Link alle möglichen Hirngespinste auszureden. Das war schon in der Grundschulzeit so... aber diesmal war es anders. Link hatte kein einfaches Hirngespinst. Er hatte Angst zu scheitern...

„Du willst also alles wegwerfen?“ Trübsinnig sah Link auf. Seine tiefblauen Augen schillerten mit einem demütigenden Eingeständnis.

„Du willst alles hinter dir lassen? Deine Seele? Dein Schicksal?“ Link schwieg.

„Willst du alles vergessen? Du hast eine großartige Vergangenheit, Link. Die Geschöpfe Hyrules stehen alle hinter dir, blicken zu dir auf. Sie lieben dich wie ihren König. Sie feiern dich, beachten dich, vertrauen auf dich. Willst du jeden einzelnen von ihnen enttäuschen?“

Als Link nach mehreren Minuten nichts dazu sagte, und nur gedankenlos ins nirgendwo starrte, wurde Rick missmutig. Er schnaufte und lief einige Meter weiter.

„Na gut. Prima, Link. Dann rufe es hinaus auf die Welt. Sag’ den Göttern und den sieben Völkern Hyrules, dass du wegläufst, dass du niemals mehr für sie kämpfen wirst.“ Ricks Stimme wurde lauter. „Und ehe ich es vergesse: Sag’ Zelda, dass der Held, den sie liebt, dem sie vertraut, zu einem feigen Monster geworden ist. Brich’ ihr das Herz und lass’ sie ihm Stich. So willst du es doch, nicht wahr?“ Rick schickte ihm einen Blick, der kälter nicht sein konnte. „Verleugne dich weiterhin und Zelda wird sterben ohne dich...“

In Link schien sich mit diesen letzten Worten sein ganzer Magen umzudrehen. Es schien ihm beinah so, als würde er mit jeder weiteren Sekunde aus einem Alptraum erwachen. Gerade da tanzten tausende kleine Lichtkugeln, geboren aus seinem Fragment um ihn herum, stärkten ihn für den blutigen Kampf, der auf ihn warten würde...

Benommen torkelte Link zu seinem Kumpel hinüber, wusste nicht, was er sagen sollte, oder wie er sich für diese Standpauke von Rick bedanken sollte. Es war notwendig, dass ihm jemand die Meinung sagte. Es war sein rettendes Ufer ehe er sich in mehr und mehr Selbstmitleid gestürzt hätte.

„Rick...“, meinte Link leise. „Danke.“ Jener nickte.

„Dazu sind Freunde doch da, oder?“ Link rang sich zu einem typischen Grinsen und schüttelte den hängenden Kopf. „Ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich alles andere ausgeblendet habe. Du hast Recht, ich kann meiner Verantwortung nicht entsagen. Ich muss mich endlich... selbst verstehen...“

„Ja, und es wird noch eine Weile dauern bis du soweit bist. Aller Anfang ist schwer.“

„Wie konnte ich nur so blind sein?“ Link lehnte sich stirngerichtet an einen Apfelbaum, der wenige Meter vom rauschenden Fluss wurzelte. Es war wie ein zweifelhaftes Erwachen, wie ein Ruf, den er eingehen musste. Selbst wenn die Götter ihn nicht prophezeit hatten, selbst wenn er auf der Erde geboren und ein gewöhnliches Leben verbracht hatte. Sein bisheriges Leben änderte doch nichts an seinem wahren Ich. An seiner Verantwortung. An seinen Idealen und an seinen Talenten...

„Ich muss sofort aufbrechen...“ Rick nickte.

„Zelda braucht mich“, murmelte der Heroe. 

„Merk dir das für die Zukunft, Link...“

„Für eine mögliche Zukunft...“, korrigierte der Heroe. Rick reichte ihm die Hand und schüttelte seine linke mehrfach.

„Zelda, sie ist bei Ganondorf... Hol’ sie dort raus, okay?“ Links Grinsen schien von Minute zu Minute typischer für ihn zu werden, seinen Mut erneut aufleben lassen. Die vielen Zweifel versanken langsam im Nichts, dort, wo sie hingehörten...

„Zeig’ Ganondorf, wer du bist und was du kannst!“

„Das werde ich“, sprach Link tapfer und ballte seine linke Hand zur Faust, hob sie in die Höhe und das Triforcefragment des Mutes lebte auf, schickte einen goldenen Schein hinaus auf die weiten grünen Wiesen, erleuchtete sie, ließ die grünen Gräser tanzen...

 

Nur schwerlich fand der junge Heroe den Weg zurück aus der zukunftsträchtigen Traumwelt, seufzte und kämpfte gegen einen beengenden Druck hinter seinen Augen. Seine Lider schossen nach oben und ein Meer aus verschwommenen Farben gab sich ihm preis. Er murmelte irgendwelche hylianischen Laute, die er nicht einmal in eine Erdensprache übersetzen konnte und hielt seine müden, schweren Augenlider angestrengt offen.

Seine linke Hand pulsierte heftig, glühte und fror zugleich.

Langsam nahm seine Umgebung wieder Gestalt an und das kleine Zimmerchen spendete Vertrauen und Ruhe. Er war in Ines Villa, dachte er. Auch, wenn ihn im Augenblick nicht interessierte, wie er hierher gelangt war.

Er richtete sich gemächlich auf, rieb den tiefsitzenden, trockenen Schlafsand aus seinen Augen und schaute dann verwundert zu dem jungen Mädchen, das neben dem Sofa wachte. Es war Sara, die auf einem Stuhl saß und schlief. Ein friedvolles Lächeln huschte über Links trübsinniges Gesicht, wusste er doch ganz genau, wie wunderbar seine kleine Schwester war. Nach all den Streitereien, die sie beide hinter sich hatten, nach all den Dingen, die sie erlebt hatten, stand sie immer noch fest hinter ihm, stärkte sein Rückrat und half ihm immer wieder aus der Patsche...

,Sara war eben ein Schatz’, dachte er und ließ vorsichtig seine tauben, zitternden Beine von dem Sofa baumeln.

,Okay’, dachte Link. Er war hier in dem Keller von Impas Villa. Ganondorf wartete auf ihm in der Kirche Schicksalshorts und hatte womöglich schon einen widerlichen Empfang für ihn vorbereitet. Unwichtig, dachte Link. Er musste sich ihm stellen. Er musste sofort aufbrechen, egal, wie viele Fallen auf ihn warteten. Er konnte Zelda nicht einfach Ganons dreckigen Händen überlassen.

Mit einem quälenden Gejaule stand der junge Held auf den Beinen und bewegte seine Füße einige Zentimeter, als Sara aufwachte. Ohne ein Wort zusagen, schmiss sie sich in Links Arme und ließ eine kleine Freudenträne ihre rechte Wange hinabtropfen.

„Ach, mein Brüderchen, was machst du denn für Sachen...“, schluchzte sie.

„Nur Dummheiten, was?“, meinte er zweifelhaft, genoss ihre Umarmung und blickte sogleich überrascht zu den vielen goldenen Punkten an den kahlen Wänden.

Sara wich einige Zentimeter zurück und lächelte ihn kopfschüttelnd an. Sie lächelte so wie immer, ein wenig verdutzt, ein wenig verräterisch und besserwisserisch.

„Wie fühlst du dich?“ Link starrte zu Boden und murmelte gezwungen: „Das hängt davon ab, wie lange ich geschlafen habe...“ Er rieb sich über seine Stirn und erinnerte Zeldas Entführung im Thronsaal, sowie das Zerstören der Elixiere, wie auch den Traum als Rick ihm erschien.

„Nur knapp zwei Stunden“, sagte Sara und deutete auf die goldenen Flecke an den Wänden.

„Weißt du, was du getan hast?“

„Ich dachte, ich hätte geschlafen...“

„Das stimmt wohl nicht ganz.“

„Und das bedeutet?“ Er hatte keine Lust auf Rätselraten, zumal er sich höllische Sorgen um Zelda machte, aber es war Saras Blick, der ihn verunsicherte. Er wollte Schwermut darin sehen, vielleicht auch so etwas wie eine Beschuldigung, dass er nicht der Held war, der er sein sollte. Stattdessen lag Ruhe in ihren Augen, Gewissheit. Hoffnung...

Es war ein Grummeln, das er absonderte, als Sara verräterisch grinste: „Ja, mein Brüderchen, diese goldenen Farbflecke stammen von deinem Fragment.“

Vergewissernd schaute er auf seinen linken Handschuh, der ebenso von dieser Farbe bekleckert schien. Sorgsam riss er sich den Lederhandschuh herab und staunte nicht schlecht über eine wahnsinnige Intensität, die das Fragment von sich gab. Auch seine Haut fühlte sich sehr komisch an, beinahe flüssig.

„Es lebt, Link. Dein Fragment atmet...“

„Ich weiß... aber das ist jetzt nicht von Belang, ich muss mich sofort auf den Weg machen.“ Sara nickte. Und noch ehe sie das Nicken beenden konnte, stürzten weitere Personen in den kleinen Raum, allen voran der kleine Bengel, der dem erwachsenen Heroen sofort in die Arme fiel.

Link war dankbar, dass dieses Kind hier war, wenn schon Zelda es nicht konnte. Er drückte das Kind an sich, als wäre es tatsächlich sein eigenes.

„Geht es dir gut?“, murmelte der kleine Bengel.

„Ja, jetzt geht es mir eigentlich ganz gut...“ Link kniete nieder und blickte in die strahlenden, aufgeweckten Augen des Jungen.

„Du musst Zelda retten“, sagte der Kleine Mann.

„Ich weiß...“, sagte Link klar und tapfer. Er trat auf die Beine, schaute mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit in die Augen der Weisen, die um ihn herum standen.

„Das Elixier ist zerbrochen...“, begann Link. „Und es wäre dumm von mir, nicht zugeben zu können, dass es meiner Verantwortungslosigkeit zuzuschreiben ist, dass es geschah. Ich war nicht stark genug. Ich werde mich daher auf den Weg machen. Meine Fehler wieder gut machen...“ Links Blickt sank nieder und jegliche Angst vor Ganondorf schien auf einmal wie weggewischt. „Ich werde mich sofort auf den Weg machen...“

Link trat in Richtung Tür. Nun war es Harkenia, der ihn daran hinderte, weiterzugehen.

„Leon? Was ist?“

„Du bist noch nicht ganz... sagen wir aufgeklärt über die letzten Ereignisse. Es gibt noch etwas, was wir für dich tun können, bevor du aufbricht. Bevor der Kampf gegen Ganondorf in die heiße Phase geht.“

Verwundert sah Link von einem Augenpaar zum anderen.

„Du hast es mal wieder viel zu eilig, Held“, sagte Impa und gab ihm einen gutgemeinten Klaps auf die Schulter. „Wie willst du Ganondorf ohne Schwert gegenübertreten?“ Links Blick senkte sich. Das war ein mehr als berechtigter Einwand. „Und da nur das Masterschwert Ganondorf vernichten kann, wird es diese Waffe sein, die du schwingen musst.“ Link verzog seine Augenbrauen.

„Aber das geht nicht, Impa. Ich kann das Masterschwert nicht führen. Es gehorcht mir nicht.“

„Noch nicht“, erwiderte sie spitzfindig. „Folge uns.“ Damit trat der junge Heroe in das große Beratungszimmer ein, erblickte auf der zerschlissenen Tischplatte das durchmischte Elixier.

Impa nahm es in ihre Hände und überreichte es Link, der nur verwundert auf diese vielen Regenbogen in der Flasche schaute. Sie tanzten. Tausende kleine Regenbögen...

„Was soll ich damit?“

„Es kann uns nicht mehr dienen, Link. Aber es könnte dir nun einen entscheidenden Vorteil verschaffen.“ Gespannt hörte Link zu, folgte jeder Silbe, als Impa das Mysterium Elixier erklärte und konnte es dennoch nicht begreifen. Impa wiederholte es noch einmal und blickte erwartungsfroh in Links tiefblaue Augen.

„Wenn ich es trinke, dann könnte ich mich an mein früheres Leben erinnern?“ Es war Schock, Wahnsinn und eine irrsinnige Erleichterung. „Ich kann mich dann an Hyrule erinnern?“ Link musste den Satz einige Male wiederholen, um ihn tatsächlich zu verstehen.

„Ich könnte mich erinnern?“

„Ja, an alles. Vor allem aber daran, wie du Ganondorf bezwingen könntest.“ Link war für Momente sprachlos.

Wenn er sich erinnern würde, dann würde er endlich wissen, wie es einst war, der Held der Zeit zu sein. Er würde sich endlich selbst kennen. Er würde seine damaligen Sehnsüchte, Gefühle, Gedanken erforschen können. Er würde seine und Zeldas Vergangenheit kennen. Link wollte gerade einen Luftsprung machen, als er sich einer weiteren Sache klar wurde. Die Erinnerung hätte vielleicht einen sehr bitteren Preis...

„Aber wenn dein wahres Ich erweckt wird, könnte es sein, das all’ das, was du jetzt bist, verloren geht“, sagte Harkenia.

„Bist du bereit dieses Risiko einzugehen? Für Hyrule, die Erde und für Zelda?“ Tapfer sah der junge Held auf, wusste um die Dringlichkeit seiner Entscheidung. Und er würde jetzt bestimmt nicht wieder vor sich selber weglaufen. Er hatte genug gejammert und seine Zweifel hatte er lange genug vor sich hergeschoben. Er musste endlich etwas tun.

„Ja, das bin ich. Wenn ich der Welt hiermit meinen Dienst leisten kann, bin ich bereit, mein jetziges Ich aufzugeben.“

„Und alles, was daran geknüpft ist?“

Alles, was daran geknüpft ist... Sehr viel hing von seinen Erinnerungen im Jetzt ab. Zelda... und die vielen gemeinsamen Stunden waren an das geknüpft, was er im Hier und Jetzt erlebt hatte. Seine gigantischen Gefühle für sie lebten im Hier und Jetzt, womöglich aber nicht in der Vergangenheit. Impa sah das kleine, traurige Funkeln in Links Augen und legte eine Hand auf seine Schulter. „Selbst wenn du Zelda und deine Gefühle für sie vergisst, so zweifle nicht, Link. Ihr ward euch damals schon näher als es gut für euch beide war. Verzage jetzt nicht, denn deine Gefühle für deine Prinzessin werden bleiben. Vertraue darauf.“ Link nickte, fühlte sich aber plötzlich äußerst unwohl in seiner Haut, bedenke man die vielen Ohren, die interessiert zuhörten. Sie wussten es alle, oder, dachte Link. Sie wussten allesamt, dass er und Zelda ein Paar waren? Auch Harkenia?

Vorsichtig wanderten Links Augen zu Leon, der nur nickte. Hatte er als König Hyrules nichts mehr gegen ihre Beziehung einzuwenden?

„Was ist, Link? Bist du bereit, alles aufzugeben?“, wiederholte Impa ungeduldig. „Alles, was an dein jetziges Leben geknüpft ist?“

„Restlos alles.“ Es war wie ein Schwur, ein altes Gelübde...

Ohne einen weiteren Gedanken, ohne Zweifel, sondern mit unbeschreiblichem Mut, nahm der Heroe das Elixier in seine Hände, öffnete den Schraubverschluss und setzte die Flaschenöffnung an seine Lippen.

Deutlich fühlte er die Substanz seine Kehle hinablaufen, spürte etwas neues in sich, für einen kurzen Moment. Und als er die Flasche geleert hatte, sank er zu Boden, fiel hinein in das großartige Labyrinth seiner Seele. Fiel hinein in das Labyrinth der Zeit, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein ungewisses Spiel spielten...

 

 
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