Kapitel 85
 

Kapitel 85

 

 

 

 

Als Link seine Augen langsam öffnete, stand er inmitten des Beratungszimmers von Impa und den anderen. Umgeben von goldenen Funken hatte ihn alte Magie zurück in die alte Villa gezogen.

Etwas neues lag in seinen Augen und doch war das Alte, sein jetziges Ich, noch perfekt erhalten. Er hatte nichts des Lebens auf der Erde vergessen, nicht seine Familie, nicht seine Freunde, und auch nicht die Gefühle für Zelda.

Sie waren klarer, seine Augen, ernst und muterfüllt wie immer... und doch unterlegt mit einer erschreckenden Form von Macht.

            „Wo warst du, Link?“, meinte Sara und schaute ihn skeptisch an. „Nachdem du das Elixier getrunken hast, hast du dich plötzlich aufgelöst oder teleportiert.“ Sie verschränkte die Arme und wartete auf eine Erklärung. Ja, Link konnte ihr ansehen, dass sie sich schon wieder Sorgen gemacht hatte.

„Zuhause...“, murmelte er und starrte dann ungläubig auf seine Hände. Er ballte die Linke zur Faust und begann lediglich unverschämt zu grinsen. „Ja, ich denke, ich war in einem möglichen Zuhause. In einem anderen Hyrule... einem anderen Ausgang der Ereignisse.“

„Kannst du dich erinnern?“, fragte Impa ungläubig und beschielte ihn sorgenvoll. Er nickte und meinte bloß: „An sich ja. Zur Vollständigkeit fehlen mir nur... ein Paar Handschuhe...“

„Idiot!“, schimpfte Sara und boxte ihn in die Seite. „Hast du keinen besseren Kommentar abzugeben als diesen?“

Link lachte: „Ja, ich bin zurück, Schwesterchen.“

            Sein Gesichtsfeld ging durch die Reihe von Weisen und blieb dann auf Shiek haften: „Es ist seltsam, dich wieder zusehen. Jetzt realisiere ich es... ich habe dich vermisst, Shiek. Nicht nur Zelda... auch dich...“

„Dass du so sülzen kannst, Link“, meinte Sian und klopfte ihm auf die Schulter.

„Ich muss mein Schwert holen. Würdest du mich begleiten?“

„Sicher. Aber da fällt mir noch was ein...“ Sian hüpfte an eines der Regale, durchwühlte eine Box und hielt letztlich ein grünes Kleidungsstück in seinen Händen.

„Fühlst du dich denn wohl, so ganz ohne Mütze?“ Dankbar nahm Link die Mütze in seine Hände, pfropfte sie auf seinen Schädel und sah endlich wieder aus wie er selbst. Die wiesengrüne Tunika war zwar an manchen Stellen geflickt und der Stoff an einigen Stellen zerrüttet. Und doch stand nun ein ganz neuer Link vor den Weisen. Links Stärke war beinahe fühlbar...

„Wo hast du die Mütze denn gefunden?“

„In der Schlossküche. Keine Ahnung, wer die dort abgelegt hat.“ Link rückte die Mütze weiterhin zurecht.

„Die Zeit drängt, ich muss sofort in die Zitadelle der Zeit und das Masterschwert holen und dann meine Zelda befreien“, meinte er, und schnappte sich kommentarlos und ohne zu fragen, ein frisches, unangebissenes Sandwich mit viel Käse und Salat vom Tisch und stopfte es in seinen Mund.

„Tschuldigung“, murmelte er, obwohl er nicht wusste, wem es gehörte, nahm ein Kurzschwert an sich, was unnütz an der Wand hing und rauschte wie der Blitz durch den Spiegel.

„Was war das denn?“, murrte Naranda. „Kaum kann er sich erinnern, benimmt er sich wie der größte Klotz überhaupt.“ Sie rümpfte die Nase und starrte zu ihrem leeren Teller. Kopfschüttelnd pflanzte sie sich auf ihren Stuhl und brütete weiter. Sian folgte dem erwachten Helden schließlich wortlos.

 

Mit lauten Kampfschreien rangen Sian und Link die Kreaturen des Bösen nieder, die ihren Weg kreuzten. Heftig und stürmisch gingen die Schritte der beiden Helden über die alten Straßen der Hauptstadt Hyrules. Verfolgt von den Bestien des Bösen, umzingelt, erreichten sie den Aufenthaltsort des machtvollen Schwertes und verbarrikadierten die Tür. Die Brut des Bösen rüttelte und stieß gegen das alte Tor und doch schien eine unsichtbare Kraft ihre Finger im Spiel zu haben. Denn noch hielt sie...

„Schnell!“, rief Sian und drängte Link zu den düsteren, kalten Katakomben, wo das machtvolle Schwert ruhte. Links Stiefel hallten geheimnisvoll in der Zitadelle, wo zahllose Fackeln loderten. Er stürmte nach vorne. In Richtung Altar, wie damals, als er mit elf Jahren diesen Ort das erste Mal aufsuchte. Wie damals...

            Gemeinsam erreichten sie das alte, geöffnete Tor der Zeit, als die ersten Äxte sich durch das Holz der Pforte in die Zitadelle bohrten.

„Was jetzt?“, rief Sian und schnellte wie der Wind in Richtung des Schwertes, welches schon immer auf seinen Träger wartete. Link sah nachdenklich zu, wie sich weitere Klingen an dem Tor zu schaffen machten. Nicht mehr lange und Dutzende Biester Ganons würden in der Zitadelle der Zeit ihren schiefen Schlachtgesang singen und sie damit entweihen. Link rieb sich über die Stirn und wühlte dann in seinen Gürteltaschen nach irgendeinem Gegenstand, der ihnen helfen würde. Ein glatter, blauer Gegenstand fiel in seine Hände. Muterfüllt betrachtete er jenen Schatz der Königsfamilie. Die wertvolle Okarina der Zeit. Zelda hatte vor wenigen Tagen gesagt, sie hätte ihre Macht verloren. War es möglich, dass Link mit seinen jetzigen Mitteln, nun, da er als wahrer Held der Zeit erwachte, ebenso der Okarina ihre Macht wiedergeben konnte? 

Einen Versuch war es wert. Sachte führte er die Okarina an seine Lippen und blies den gleichmäßigen Luftstrom hinein, erfüllt von den reinen, dumpfen Tönen. Die Melodie der Zeit erklang und ging in den lärmenden Stimmen der Moblins unter.

Link spielte erneut, tief konzentriert bewegten sich seine Finger. Mehr und mehr war er abseits der Ereignisse und begann seine eigene Magie des Mutes in die Okarina zu legen.

„Verdammt noch mal, Link!“, rief Sian. „Nimm’ das Schwert und dann raus hier. Wir haben keine Zeit für ein kleines Ständchen.“ Link öffnete seine Augen und murmelte: „Hab’ etwas Geduld, Shiek.“ Doch jener rollte bloß mit den Augen. Und das alte Holz an der großen Zitadellenpforte splitterte weiter.

Ruhe finden, sprach Link zu sich selbst. Ruhe...

Die Geräusche des Moblinsheeres schwanden immer weiter, wurden unwichtig und nebensächlich für den jungen Helden. Erneut erklang die Okarina der Zeit und ihre dumpfen Töne erhoben sich langsam über die lärmenden Stimmen der Biester...

Die alte Pforte wurde zerstoßen und scharenweise Dämonen schnellten mit klappernden Rüstungen und tobenden Klingen hinein in den heiligen Ort. Erneut spielte Link seine Okarina. Sanft, hoch konzentriert...

Seine Augen öffneten sich gemächlich, beobachteten die Biester der Nacht in Zeitlupe näher stürmen. Ihre Bewegungen gleichmäßig. Aus ihren Lungen strömte Rauch, der sich nur träge in der stehenden Luft der Zitadelle fortschlich. Und noch immer tanzten die alten, magischen Töne an dem heiligen Ort, verschmolzen mit Links eigener Magie, die er nie kontrollieren wollte. Vielleicht versuchte er sich deshalb daran, um sein Gewissen zu erleichtern... 

So viele Dinge hätte er tun können, damals schon, wenn er nur einmal dem Fragment in seiner linken Hand vertraut hätte...

            Schimmer. Funken wie geschmolzenes Silber. Eindrucksvolle Farben geboren aus dem Nichts erfüllten die alte Okarina, legten verheißungsvolle Magie in die Töne. Und es geschah in dem Augenblick, dass nicht nur die Monster Ganons still standen. Ganz Hyrule stand still...

            „Link?“, meinte Shiek verwundert und wedelte fächerartig vor seinem muterfüllten Gesichtsfeld herum. „Bist du noch da?“

„Mit Leib und Seele, Shiek“, sagte er kühl. Mit seinen Fingerspitzen streichelte er die Okarina.

„Was hast du getan?“

„Einfach nur der Okarina der Zeit ihre Kräfte zurückgegeben... und ich weiß jetzt auch, warum ihre Kräfte jemals erloschen sind.“ Grinsend drehte sich der junge Heroe um und fokussierte das Masterschwert mit wachen, tiefblauen Augen. „Farore sagte einmal zu mir, ich wäre ein sturer Dummkopf. Ja, sie hatte Recht.“ Link begann über sich selbst zu lachen. „Und ein Feigling war ich ebenso. Ich meine, nicht im Kampf, nein, sondern immer dann, wenn es um Gefühle ging.“ Er blies einen weiteren, warmen Luftstrom in die meerblaue Okarina der Zeit und ließ ihren dumpfen Ton mit Würde ausklingen. „Ich war immer so voreingenommen, so naiv... und die Okarina...“ Schillernd wanderten seine Augen zu dem einzigartigen Instrument, in welchem nun wieder die magische Seele lebte, die die Zeit manipulieren konnte. „Nach meinem letzten Abenteuer, fern abseits von Hyrule... ich war so wütend auf mich selbst, nicht gefunden zu haben, was ich wollte, dass ich die Okarina beschimpft habe. Ist das nicht dumm? Ich habe eine Flöte für mein miserables, rastloses Leben verantwortlich gemacht.“ Beeindruckt hörte der junge Sian Johnson zu und hatte diese Seite von Link bisher nicht kennen lernen können. Tatsächlich überraschte Link ihn immer wieder.

            „Und mit meiner Wut auf jenes magische Instrument verschwand mehr und mehr ihre Macht. Erst jetzt, da ich weiß, was ich immer gesucht habe, da ich wieder an sie glauben kann, hat sie jene Macht zurückerhalten.“ Damit endete Link leise, ließ die Okarina in einer magischen Ledertasche verschwinden und widmete sich endlich dem Schwert, welches einst von den ersten Sieben Weisen geschmiedet wurde. „Und auch an dieses Schwert kann ich jetzt wieder glauben.“ Geschmeidig umfasste er das lederne Heft des Schwertes, welches in seiner linken Hand seinen Kreuzzug gegen das Böse führen würde. Es war genüsslich... Dieses machtvolle Gefühl jenes Schwert einmal mehr in den Händen zu halten, es zu schwingen, zu lauschen, wenn es die Luft an der scharfen Klinge trennte. Vorfreude... Mut...

Link schloss seine Augen, während er das heilige Schwert sachte aus dem Felsen führte. Es flüsterte beinahe leidvoll, als wollte es weiterhin ruhen. Unzählige, tiefe Stimmen erklangen in Links Gedanken als seine Augenlider nach oben schossen und er die machtvolle Waffe emporhob. Stimmen, die ihn warnten und ihm den Mut wünschten die Schlacht gegen Ganondorf siegreich zu meistern.

Er schwang die Waffe einige Male erfüllt von der Erinnerung an damals und das Flüstern endete leise...

            „Jetzt bin ich bereit“, sagte der Heroe tapfer und streckte die Klinge ein weiteres Mal in die Höhe. „Ganondorf! Die letzte Schlacht beginnt!“, rief er tosend hinaus in die alte Welt Hyrule, rief Link in seinem Unterbewusstsein und ahnte, dass seine Worte auch zu jenem Geschöpft drangen, dem diese Drohung galt.

 

In der alten Kirche Schicksalshort pochte in jenem Moment des Fragment der Kraft unsäglich vor sich hin. Ganondorf schwankte und ließ sich grunzend auf seinen selbsternannten Thron sinken. Fluchend stieß er ein stumpfes Messer in seinen rechten Handrücken, besänftigte Schmerz mit Schmerz, versuchte den bitteren Geschmack seiner glühenden Rache abzutöten. Aber es brachte nichts. Das Fragment spielte verrückt und schien auf die Drohung zu reagieren, die so eben irgendwo in anderen Gefilden ausgesprochen wurde.

            Zelda war nicht weit von Ganondorf entfernt auf einem Stuhl festgekettet. Ihre Augenlider flatterten nach oben, um sich zu orientieren. Sie hatte für wenige Minuten das Bewusstsein verloren und fand sich selbst erneut gefangen in dem Angsttraum, der ihre Seele begleitete.

Sie hatte Links Stimme in ihren Gedanken gehört. Aber er sprach nicht mit ihr, er hatte gemahnt, hatte ein Warnung seinen Lippen entkommen lassen. Eine regelrechte Drohung nahm seine Stimme an, was die junge Prinzessin wunderte. Diese Kälte und kämpferische Seite von Link hatte sie sehr lange nicht mehr in dieser Ausdrucksform wahrgenommen.

Mit einem tiefen Atemzug orientierte sich Zelda weiterhin und warf einen abscheuwiderspiegelnden Blick zu ihrem Entführer, dem Fürst des Bösen. Beinahe erbärmlich war er in den Thron hineingesunken. Seine rechte, grüne Hand war von einem Messer durchstoßen und glühte dennoch mit einer solchen Stärke, dass es Zelda einen Schauer über den Rücken schickte. Ganondorfs Gesicht war wutverzerrt, schweißbenetzt und erneut so mitleidig wie damals in der alternativen Zeit. Sein dünnes rotes Haar schimmerte nass, aber entgegen Ganondorfs winzigen Schwächezeichen war alles an ihm erschreckend kraftvoll und kampfbereit.

            Sie wollte sich rühren, spürte jedoch im selben Moment zwei eiserne Schnallen, die sie an den Handgelenken an rissige Stuhllehnen band. Ihr Hals war ebenso mit einem Eisenring an den Stuhl gekettet. Ihre himmelblauen, müden Augen wanderten zu ihrem rechten Arm. Ihre Hand lag ausgebreitet auf einem kleinen Tisch festgeklemmt. Die Ketten schnitten sich in ihre sanfte Haut, unmöglich, dass sie ihre Hand von diesem Tisch wegführen könnte. Der kleine Tisch bestand aus einer tiefen Kerbe, worauf Zeldas Handinnenfläche ruhte. Überall zogen sich schwarze Schriftzeichen in das Holz, die nichts Gutes bedeuteten. Schriften einer alten Gerudoteufelei, die Tausende Jahre hinter sich hatten. Einst hatte die junge Prinzessin Texte in jener Schrift gelesen, hatte aber sich selbst von Schutzgeistern kontrollieren lassen müssen, um nicht dem Wahnsinn der Gerudoschriften zu verfallen...

Auch ihr Fragment pochte stark und unnatürlich, es glühte, materialisierte sich auf ihrer Handfläche. Ein gezackter Dolch lag neben ihrer Hand und Zelda fürchtete genau zu wissen, wozu jener gedacht war...

Angst spiegelte sich in ihren blauen Augen, während sie die schwarze Klinge neben sich begutachtete.

            „Sieh’ einer an, Ihr seid wieder aufgewacht, Prinzeschen“, raunte der alte Dämon und zog kreischend das Messer aus seiner blutleeren Hand. Nichts floss. Kein Lebenssaft, keine andere Körperflüssigkeit. Das Fragment der Kraft musste vor Rachsucht seines Meisters alles Leben in der rechten Hand Ganondorfs aufgefressen haben. Angewidert senkte sie den Blick.

„Du hast ihn gehört, nicht wahr?“, lachte Zelda wehleidig. „Fröstelt es nicht in deinen verdorbenen Venen?“

„Erwartest du, dass ich nach all’ den Jahrhunderten des Kampfes um Macht noch Angst vor einem grünbemützten Kind verspüre? Du weißt rein gar nichts, Prinzessin. Ich habe Kämpfe gegen dich und gegen deinen Helden gekämpft, die du nicht einmal erinnern kannst. In leiderfüllten Leben zuvor, in Welten fern abseits, in Geschichten, die nicht geschrieben wurden. Das Hyrule, wie du es kennst, ist nur eines von vielen... Kein Wissen besitzt du, keine Weisheit, diese Dinge einzusehen, die dich und deinen Helden vor einem weiteren grausamen Leben bewahren würden. Stattdessen kämpft ihr, immer und immer wieder in diesem Kreis des Wahnsinns. Ihr seid Ausgelieferte, Puppen, die nach den Spielregeln der Götter tanzen.“

„Und das maßt du dir an, mir zu unterbreiten?“, fauchte sie und schickte ihm einen weiteren abwertenden Blick entgegen. „Der einzige Grund, warum Link und ich noch kämpfen bist du. Ist deine Machtsucht. Deine widerliche Existenz. Du hast Schuld an all den Kämpfen nicht die Götter.“ Ganondorf grunzte wieder und stemmte seine linke Faust an sein Kinn.

„Wie auch immer...  heute werdet ihr nach meinen Regeln tanzen, ihr, da ihr keine Kraft besitzt.“

Zelda verstummte und blickte hilfesuchend um sich. Sie spannte ihre rechte Hand, versuchte ihre heilige Kraft einzusetzen. Ihre Schwingungen der Magie arbeiteten, brachen innerlich auf. Alte Formeln in ihrem Kopf summend, Gebete herbeirufend und innere Helfer aktivierend verstärkte sich das Flüstern ihrer Macht. ,Hilf! Bring’ mich hinfort’, sprach Zelda innerlich zu der goldenen Macht, die sich auf ihrem Handrücken materialisierte. ,Bring mich fort.’

„Ich würde das nicht versuchen“, sprach Ganondorf gehässig. Aber Zelda schloss ihre Augen, ignorierte ihn und sprach fortwährend mit der Stimme Nayrus.

„Ich befehle dir, das zu unterlassen.“ Innerhalb von Sekundenbruchteilen schnellte der Fürst des Schreckens näher, platzierte sich hinter dem fesselnden Stuhl der Königstochter und zog ihren Kopf an den goldblonden Haarsträhnen zurück. Zelda kreischte und kniff ein Auge zusammen. „Hörst du nicht? Deine erbärmlichen Teleportationsversuche nützen dir hier nichts. Hast du geglaubt, ich bin nicht auf deine Lumperei vorbereitet? Diesmal wird alles anders sein. Diesmal erwarten dich und deinen Gartenzwerg einige Überraschungen. Mit dem Gift in deinen Venen wird das Fragment nicht arbeiten.“ Sogleich zog er den Eisenring, der ihren Hals umfasste enger, beraubte sie eines Wimmern und einer Angstträne, die ihre Wange hinabrieselte. 

            Er beugte sich näher und hauchte seinen beißenden Atem an ihr Menschenohr. „Ihr zittert, Hoheit“, grunzte er.

„Und du... du wirst fallen, Bastard...“, würgte sie hervor und blickte hoffnungsvoll zu dem dunklen, morschen Tor der alten Kirche, stellte sich vor, Link würde es öffnen und würde ihr beistehen.

„Sicherlich nicht durch die Hand deines Helden, Prinzessin. Denkst du wirklich, dass er als einer dieser einfältigen, egoistischen Menschen, die auf der Welt leben, in der Lage ist, mich zu bezwingen. Dies hier ist nicht Hyrule. Diese Welt ist ein Paradies für Dämonen wie mich. Ich habe diese Welt studiert, noch bevor ich mich hier einnisten konnte. Eine Welt, die an ihren eigenen Seuchen ersticken wird.“ Zelda warf ihm weiterhin einen verabscheuenden Blick entgegen, brachte aber keine Wort aus ihrem Mund. So schmerzhaft war der Eisenring um ihren Hals. So unmöglich die Stimme zu erheben.

            „Das ist keine Welt für Seelen wie deine oder die deines rechtschaffenen Helden. Denn diese Welt ist noch machthungriger als ich es bin. Ich bin umhergezogen, habe Grausamkeiten gesehen, die es in Hyrule nicht gab, habe menschliches Versagen und Hassen mitangesehen. Warum also willst du diese Welt, in die du doch nicht gehörst, retten?“

Brauchte man dazu einen besonderen Grund, dachte Zelda. In jeder Welt musste doch ein Funken Gutes stecken. Und nicht alle Menschen waren schlecht. Aber genügte das?   

„Muss in einer Welt wie der Erde erst ein blutiges Gewand am Himmel stehen, damit die Menschen aus ihrer Selbstsucht aufwachen? Wissen denn einige von diesen sogenannten Menschen noch, wie kostbar der Frieden ist, in dem sie leben?“ Ganondorf schwieg und wartete des weiteren keine Antwort auf diese Frage. „Wohl nicht, sonst würden sie ihre eigene Welt nicht so unnötig zerstören.“

            „Was soll diese... Rede?“, würgte Zelda hervor und reckte ihren Kopf weiter in den Nacken, um Luft zu schnappen.

„Ich will dir nur klar machen, dass sich dieser Kampf, den du für die Erde kämpfst, nicht lohnt.“

„Jeder Kampf gegen dich... ist lohnenswert, wenn man dich wegsperren kann...“, seufzte sie. Erneut wiedersprach sie ihm und stachelte das schwarze Blut in seinen Venen an. Der Fürst des Schreckens grunzte wieder, holte mit der Hand aus und verpasste ihr für ihre vorlaute Klappe eine Ohrfeige. Der Schlag hallte unsicher umher, vermischte sich mit dem Klagen des Windes, der das Gemäuer erschütterte. Sie biss die Zähne zusammen, bemüht jeden noch so winzigen Schmerzlaut zu unterdrücken und senkte wieder ihren Blick.

Amüsiert über den roten Handabdruck auf ihrer linken Wange, entspannte sich der Dämon wieder, knackte mit seinen knochigen Fäusten und war überaus zufrieden die junge Königstochter damit zum Schweigen zu bringen. Und in wenigen Minuten würde er ihr noch mehr weh tun können und dem grünbemützten Helden gleich mit. Er lachte wieder barbarisch und schwebte geisterhaft zu seinem Altar, wo noch immer Dins schwarzes Bild hing, in welches er die Kräfte jener Göttin eingesperrt hatte.

            Hilflos blickte Zelda  dem Fürsten des Schreckens hinterher, versuchte das Brennen ihrer linken Wange zu ignorieren und fürchtete sich vor jeder weiteren Bewegung, die Ganondorf tat. Irgendetwas an ihm war noch grausamer als in Hyrule. Eine Verbitterung, ja beinah dämonische Rachsucht hüllte den Dämon in das dunkle Gewand, welches Zelda als Seelenleserin erkennen konnte. Damals in der alternativen Zeit hatte er noch Spuren von Respekt vor gewissen Geschöpfen gezeigt. Damals, bevor Link ihm den Gnadenstoß erteilte, war noch so ein winziger Funken Ehre in Ganondorf. Heute aber, da jener Dämon Jahrtausende seinen Körper durch dunkle Energie am Leben erhalten und seine Seele damit gefoltert hatte, war auch das bisschen Hoffnung aus seinem erfrorenen Herzen gewichen. Momentan, und das wusste Zelda jetzt, war Ganondorf in der Lage alles zu tun, jede Form von Erniedrigung walten zu lassen, die er ersann.

            Erneut rief sie in ihren Gedanken nach der ihr anvertrauten Macht, flüsterte mit ihr, wollte sie erwecken. Aber sie antwortete nicht auf Zeldas Flehen... sie schwieg aufgrund des Giftes in Zeldas Venen, das die Macht an ihrer Ausübung hinderte.

Verzweifelt schaute sich die junge Prinzessin um, suchte nach irgendeinem Gegenstand, der ihr helfen konnte, sich von diesen widerlichen, rostigen Fesseln zu befreien. Aber sie konnte in diesem Gemetzel aus lebendigen Schatten tanzend in der Kirche nichts ausmachen. Sie war gezwungen zu warten und vielleicht gezwungen weitere Schmerzen zu erleiden, bevor Link hier erscheinen würde...

Er war der einzige, der Ganondorf stoppen konnte, auch wenn er nicht der selbe Held war wie damals. ,Link...’, sagte sie zu sich selbst. ,Bitte beeil dich...’

 

Mit einem leuchtenden Masterschwert in seinen Händen durchquerte Link zusammen mit Sian den Spiegel. Sie wurden bereits von Impa und den anderen erwartet. Ohne noch mehr Zeit zu vergeuden, bereitete sich Link auf den großen Kampf vor. Er aß etwas, trank noch ein stärkendes Getränk aus der Schlossküche von Hyrule und begann sich auszurüsten. Er durchsuchte seine Gürteltasche nach wertvollen Gegenständen. Er fand ein rotes Elixier, welches er ebenfalls aus der Schlossküche entwendet hatte, einen prallgefüllten Köcher mit Pfeilen, die sogar ein Kettenhemd durchstoßen konnten, seine magische Okarina und den Schild der Götter, bis ihm die merkwürdigen Steinchen in den Farben rot, blau und grün wieder in die Hände fielen. Beinahe allein saß der junge Held in dem Beratungsraum, während sich die Weisen ebenso vorbereiteten und ihre Kräfte sammelten. Nur Klein- Link war anwesend und beobachtete Link bei seinem Tun. 

            Das Götterkind setzte sich zu ihm an den großen, runden Beratungstisch und blickte mit großen Kinderaugen auf die vielen Steinchen.

„Was ist das?“

„Gossipgestein in allen möglichen Farben. Aber ich weiß einfach nicht ihre Bewandtnis...“, erwiderte Link. „Nur, dass dieses Medaillon auf sie reagiert, ist mir klar.“ Sorgsam nahm er das Medaillon der Mächtigen ab, öffnete die triforceartige Klappe und legte es ausgebreitet auf der Tischplatte ab.

„Siehst du, es erzählt uns jede Form von Zeit... das Ticken der Sekunden, der Minuten, der Stunden. Aber auch, welche Jahreszeit gerade herrscht und ob Tag oder Nacht ist.“ Link klappte das Objekt wieder zu und blickte zu den vielen Steinchen.  Das blaue Gossipgestein ergab nun eine perfekt Pyramide, ebenso die grünen bildeten eine. Nur die vielen roten Steinchen ließen sich nicht perfekt zu einer Pyramide vereinen.

„Es scheint als fehlt hier noch ein Steinchen. Zelda und ich müssen diesen bei unserem Kreuzzug durch Hyrule übersehen haben... sonst hätten wir das Rätsel vielleicht lösen können...“ Link seufzte und wollte das Medaillon gerade in einer Gürteltasche verschwinden lassen, als das Götterkind mit beiden Händen Links Schwerthand festhielt.

            „Stimmt etwas nicht, Kleiner?“ Das Götterkind grinste, wühlte in seiner Hosentasche umher und hielt dem überraschten Erwachsenen einen winzigen roten Stein vor die Nase.

„Ich glaub’s nicht...“ Link schüttelte den Schädel und grinste währenddessen. Er packte den Bengel und rieb ihm spielerisch über den blonden Schopf. Der Bengel quiekte und schimpfte, ließ sich aber gerne von Link ärgern. „Du bist unmöglich, weißt du das?“ Er wippte mit seinem blonden Kinderschädel auf und ab.

„Das hättest du mir wahrlich eher sagen können, kleiner Mann.“

„Tschuldigung“, piepste er neckisch.

„Nicht Tschuldigung.“

„Ich wollte eben mal genauso link sein wie du.“ Der Held der Zeit zwinkerte und schüttelte drohend den Zeigefinger. „Versuch’ lieber nicht so zu sein wie ich. Das erspart dir ne Menge Ärger.“ Das Götterkind grinste. „Gerade deswegen will ich ja so sein wie du.“

„Dann würde ich annehmen, hat meine Erziehung jetzt schon versagt“, lachte Link und setzte endlich den letzten roten Stein mit den anderen zu einer dritten Pyramide zusammen.

So, und was jetzt? Alle Steine waren zusammengesetzt. Aber es passierte aus irgendeinem Grund nichts.

Klein- Link hüpfte auf die Tischplatte und grinste immer noch so hinterhältig. Auf eine Weise, die den Helden der Zeit wissen ließ, dass er mehr wusste als er zugab.

„Was verschweigst du mir?“

„Das wirst du gleich sehen, Papa“, sagte er erfreut. Er hatte ein übernatürliches Funkeln in seinen Augen, wenn er Link so betitelte, also entschied sich der Erwachsene wieder dagegen es ihm auszureden. In gewisser Weise gefiel es Link sogar ganz gut, so bezeichnet zu werden. Und Klein- Link gehörte zu seiner Zukunft, einer anderen Zukunft in Hyrule... Wie sollte Link sich darüber ärgern, Papa genannt zu werden? Zumal er sich damals in Hyrule immer eine Familie gewünscht hatte?

            Das Götterkind spielte dann mit den Steinen und versuchte etwas sehr Simples, etwas, was schon beschämenden Charakter hatte. Aber es war gut.

Auf dem alten Medaillon befanden sich die Einkerbungen für ein Triforcezeichen. Die einzelnen Dreiecke hatten genau dieselben Größen wie die Pyramiden.

Ungläubig schaute Link zu, wie der Knirps mit Zeldas blauen Augen die rote Pyramide in das obere Dreieck, das grüne ins rechte und das blaue ins linke einsetzte. Wie die Faust aufs Augen passten die Pyramiden in das magische Relikt, und wurzelten sich mit zauberischen, unsichtbaren Fasern fest.

Link zwinkerte über dieses simple, entwürdigende Rätsel und wollte sich für sein mangelndes Kombinationsvermögen am liebsten in die Ecke stellen.

„Farore, was bin ich doch blöd“, murmelte Link und betrachtete sich das einzigartige Schmuckstück. „Das bedeutet von Anfang an haben diese Steine und das Medaillon zusammengehört.“ Der Knirps nickte. Überwältigt von Freude nahm Link das Kind in eine väterliche Umarmung. „Du bist einmalig...“, lachte Link. „Genauso schlau wie Zelda.“

„Ich weiß...“, kicherte der Kleine.

„Weißt du auch, wozu ich das Medaillon verwenden kann?“

„Nein, das musst du selbst herausfinden.“ Link nickte und rüstete sich weiterhin aus.

 

Wenige Minuten später standen die Weisen und Link mit seinem Ableger in dem langen Gang, wo die regenbogenfarbene Pforte in die düstere, zerstörte Stadt Schicksalshort führte.

„Ich muss jetzt unbedingt zu ihr... Sie ruft nach mir...“, sprach Link leise. Muterfüllt sah er noch einmal zu jedem einzelnen Weisen und zu dem Götterkind.

„Ich gehe alleine vor. Folgt bald nach, aber überstürzt nichts. Wenn es Zeit ist, werde ich einen Lichtblitz in den Himmel senden, den ihr sehen müsst. Dann erscheint in der Kirche und wir werden sehen, wie und ob wir Ganondorf verbannen können.“ Impa und die anderen nickten, wünschten ihm alles Gute für die letzte Schlacht, die vielleicht den Teufelskreis um Macht beenden konnte.

Link kniete nieder, legte beide Hände auf die Schultern des Götterkindes und murmelte: „Bleib’ hier, okay? Ich will nicht, dass du dich in diesen Kampf einmischst!“ Es war nicht nur ein Hinweis, soviel verstand der Junge. Es war ein Verbot, sich der Kirche anzunähern.

„Ich möchte, dass du dieses Verbot nicht in den Wind schlägst, ja?“ Aber Link ahnte bereits, dass das Götterkind diese Vorschrift nur unter Widerwillen annahm. „Du könntest getötet werden. Das ist kein Spiel.“ Der Bengel blickte mit seinen himmelblauen Augen zu Boden und verzog die Lippen.

 

Es war nun der Zeitpunkt gekommen, da das regenbogenfarbene Tor erstmals geöffnet wurde. Mit seinem Schwert in der Hand trat Link aus dem Keller, blickte nicht zurück, verließ die alte Villa von Ines und hielt das leuchtende Masterschwert als ein Symbol für die Freiheit in die Höhe. Er rannte über die geteerten, dampfenden Straßen in der puren Nacht, begleitet von dem Licht seines Mutes. Immer weiter rannte der junge Held, hatte keine Pause nötig und schickte jedem Monster, das sich ihm nähern wollte die Macht seiner Heiligen Klinge entgegen.

Die letzte Schlacht brach an. Eine Schlacht, die weitaus mehr war als ein Baustein in den Kämpfen um das Triforce. Ein letzter Versuch die Seele Hyrules endlich ruhen zu lassen...

            Links Dasein führte immer zu dem Kampf gegen Ganondorf. Und dieser Kampf würde der Letzte, vielleicht auch der Grausamste sein... 

 
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