Kapitel 86
 
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Kapitel 86

 

 

 

 

                        Vom blutgetränkten Himmel tanzten glühende          Ascheblättchen. Geboren aus Überbleibseln des   Erdenlebens vermischten sie sich mit dem feinen  Nieseln

            eines weinenden Horizontes. Es war an der Zeit. Zeit für Wandlung und Schicksal... Denn heute war die Nacht gekommen, da sich Gutes und Böses einmal mehr die Zähne zeigen sollten.

            Ab und an durchbohrte ein gleißender, pulsierender Blitz die Dunkelheit über der fortschrittlichen, eingebildeten Welt. In Asche lag sie, geschändet von gierigen Dämonen, erstickt an abergläubischen Dingen, deren Schrecklichkeit sie elendig fürchtete...

            Wie teuer Furcht und Tapferkeit doch waren. Wie beispiellos reizvoll...

            Erneut zuckte ein Blitz durch jene erbarmungslose Finsternis, im Beisein der Göttin über dieses Universum, die ihre tränenreiche Wut der Erde mit Jauchzen und Balgerei entgegen schleuderte. Rötliches Licht umwölkte die alte Kathedrale Schicksalshorts, verlieh ihr das Antlitz einer Geburtsstätte für Elend und Teufelei. Noch ein Blitz ging nieder, traf auf bröselnde Steinmauern, ließ das Gotteshaus erschüttern, entwürdigte es.

            Ein weiterer glühender Strahl aus der finsteren Wolkendecke zersprang noch auf dem Weg hinab zum Erdboden. Rote Funken aus purer Energie tanzten in den Lüften wie blutige Schmetterlinge, entließen morbide Laute. Sie breiteten ihre Flügel gehorsam, stiegen durch den stinkenden Nieselregen und umrahmten wie Tausende Krabbelkäfer die vielen raubtierähnlichen Zierdenstatuen der Kathedrale. Zum Leben erweckten sie die Gesteine, denen vor vielen Jahren die Gestalt von Schlangen, Tigern und Greifvögeln verliehen wurde.

            Das alte Gestein schmolz, erhielt dämonische, katzenartige Augen, die glühten mit dem Unheil verdorbener Gelüste. Pfoten wuchsen. Gebisse. Krallen...

Leise, schaurige Klauen bewegten sich sodann hinab, lösten sich geräuschlos von den Fundamenten der alten Kirche und schickten ihre drohenden Blicke zu einem unscheinbaren Fleck wenige Meter vor dem Gebäude.

            Der Regen wandelte sich. Als ob die Götter der Erde ihre letzten Tränen vergießen wollten, kamen Sturzbäche vom Himmel herab. Aber jener Regen hinderte nicht den ehrfürchtigen heldenhaften Jugendlichen, dessen tiefblaue Augen warnend zu den vielen kriechenden Geschöpfen der Nacht starrten.

            Seine wiesengrüne Tunika war durchgeweicht. Das silberne Kettenhemd lag belastend und träge auf dem feuchten Hemd, welches seine braungebrannte Haut ebenso wenig vor dem kalten Regen schützen konnte. Tropfenweise perlte sich der säuerliche Regen an seinen goldblonden Haarsträhnen und lief ihm störend in die herben, tiefblauen Augen, die im Augenblick keinem wärmenden Gefühl, noch einem Anflug von Mitleid oder Erbarmen Ausdruck verleihen konnten. Der junge Heroe konnte kein Mitleid mehr empfinden, wenn er Ganondorf gegenüberstand. Nicht einmal einen Funken Respekt, keine Menschlichkeit. Ganondorf hatte jeden Hauch Gefühl der Seelen, die sein Schicksal teilten, nicht verdient, und immer ins Lächerliche gezogen.

            Schrille Schreie erklangen. Gesteuert von schwarzer Magie fielen die Geschöpfe aus Stein an den Kirchenwänden hinab, rekelten sich, wuchsen zu prächtiger Größe heran. Seelenlose Geschöpfe umzingelten den jungen Helden, der erhaben und machtvoll auf das Ticken der Zeit achtete. Denn in ihm lebte die einstige alte Macht der Zeit. In ihm lebten Dutzende Bruchstücke der legendären Helden Hyrules. Sie alle waren versammelt, das Böse diesmal für immer auszulöschen. Mit allen Opfern, die der Kampf verlangte. Mit allen Zweifeln. Mit Blut, Fleisch... und Tod...

            Die Geschöpfe aus Stein ergötzten sich aneinander, drehten ihre Kreise, spitzten ihre harten Krallen und hungerten danach, sich in Sekundenschnelle auf ihre menschliche Beute stürzen.

            „Ganondorf! Zeig’ dich!“, rief Link durch den tosenden Regen und zog das leuchtende Masterschwert von seinem durchnässten Rücken. Es sang makellos und so hell wie noch nie in einem Kampf.

„Ganondorf! Öffne diese Pforte!“, brüllte Link und wusste, dass Ganondorf ihn gehört hatte. Er wusste, dass jener Dämon nur darauf wartete sein mit Flüchen gesegnetes Schwert an der alten Klinge des Lichts reiben zu können. Aber es blieb still. Jene Pforte in das Innere der Kirche, die sich mit dunkler Magie speiste, blieb verschlossen...

            Gemächlich blickte der junge Held um sich, beobachtete die Biester aus Gestein, die sich immer schneller um ihn herum bewegten. Närrisch und wahnsinnig war ihr Tanz zu Ganondorfs Melodie der Gier...

            Der Kreis, den sie um Link schlugen, wurde kleiner. Aber der Held der Zeit trat vorwärts, unbeeindruckt von jenen alten Geschöpfen, deren Köpfe er einst zu Hunderten von dämonischen Körpern gehakt hatte. Im Rhythmus eines alten Marsches setzte er einen Fuß vor den anderen. Gleichmäßig. Tapfer und erfüllt mit einer Furchtlosigkeit, die er lange nicht mehr gefühlt hatte. Die Geschöpfe folgten grölend. Einige setzten zum Sprung an, prallten noch im selben Augenblick an unsichtbaren Mauern der Macht des Mutes ab.

            Verwundert blickte Link um sich und blieb für kurze Augenblicke stehen. Immer wieder prallten die dämonischen Geschöpfe auf ihn, aber berührten nicht einmal seine Kleidung als läge eine unsichtbare Energie um ihn. Eine Energie des Guten.

            Nur zaghaft suchten die tiefblauen Heldenaugen das blendende Fragment des Mutes auf seinem linken Handschuh; und der Heroe ahnte zögerlich, dass in diesem Kampf das Fragment des Mutes endlich die Geburtsstunde seines ersten und vielleicht einzigen Einsatzes feiern würde. Diese Nacht würde das Fragment und nicht nur das Masterschwert Links Kampf begleiten...

            Giftend rissen die Steinbestien den jungen Heroen aus seinen Überlegungen, verfolgten ihn weiterhin, wollten sich an seinen Beinen laben, suchend nach jungem Frischfleisch. Doch jedes Wesen, geboren aus tiefstem Hass, erlag noch im selben Moment an unsichtbaren Wunden...

            Link konnte nicht genau definieren, was ihn vor den Angriffen der Steinbestien schützte, aber dieses mächtige Etwas in seinen Venen fühlte sich gut an, extrem gut...

            Warum sollte er nicht endlich auch von seiner eigenen Macht kosten dürfen?

            Erneut schallte Links warnender Ruf nach dem Fürsten des Schreckens durch die Finsternis. Diesmal lauter. Drohender. Erfüllt mit kühner Standhaftigkeit. Der Ruf blieb nicht ungehört. Weitere Geschöpfe aus Gestein versammelten sich, bewachten den Eingang in das alte Gotteshaus.

            „Ist das alles, was du zu bieten hast, Ganondorf?“, rief Links starke, tiefe Stimme durch die vielleicht letzte Nacht der Erdenwelt.

„Ihr haltet mich nicht auf!“, fauchte der junge Held und richtete einige Steinkreaturen mit seiner heiligen Klinge. Wozu nur dieses Aufgebot an verdorbenen Schreckensgestalten? War es möglich, dass der Fürst des Schreckens bloß Zeit schinden wollte?

            Die Geschöpfe aus Stein bäumten sich vor Link auf, kreischten mit der Stimme, die Ganondorf ihnen verliehen hatte und verbaten ihm den Eintritt. Aber Link würde sich nichts verbieten lassen. Nicht, wenn es um die Rettung der Welt und um das Leben seiner Prinzessin ging. Niemand würde ihn daran hindern können, seinen Idealen zu folgen. Seinem Mut treu zu sein und seine große Liebe zu retten.

            Seine tiefblauen Augen beobachteten das mürrische Gewitter am Himmel und schauten sogleich tapfer zu der heiligen Klinge in seiner linken Hand. So fest wie er konnte, umkrallte er das Schwertheft, gefertigt aus dem feinsten lederartigen Material, welches es in Hyrule gab. Er liebte dieses Schwert, ja, so abstrus dies klang. Er verehrte es...  

            Schon damals in der alternativen Zukunft war es ein unbeschreiblicher Genuss, ein wahnsinniges Hochgefühl, dieses Schwert in der Hand zu halten. Keine andere Waffe kam dem Masterschwert gleich. Es war nicht die Empfindung an sich, nicht die Stimme des Schwertes, die der wahre Held belauschen würde. Das Masterschwert hatte seinen eigenen gefährlichen Reiz...

            Sein heller Klang- wie die Stimme einer weinenden Göttin...

            Die Klinge- so scharf, dass sie ein Haar spalten konnte...

            Seine Macht- brennend, pulsierend und einnehmend...

            Ob die ersten Sieben Weisen, die dieses Schwert schmiedeten, ahnten, dass es viele Tausende Jahre einen Kampf beeinflussen würde, der sich durch Hyrules gesamte Geschichte ziehen würde? 

            Und als Link das Schwert des Lichts in die Höhe reckte, wurde der nächste blutrote Blitz von der heiligen Magie der Klinge absorbiert und gereinigt. Ein Spektakel aus Lichtfunken brach empor. Weiße Magie, gespendet von der legendären Klinge aus Hyrule. Die Lichtfunken erfüllten die vielen Geschöpfe aus Stein, zwangen sie nieder, drückten ihnen Fesseln des Lichts auf. Die Wesen zankten närrisch, als sie durch heiliges Licht gebannt wurden. Sie gifteten barbarisch, rüttelten an ihren Fesseln und doch würde das silbrige Licht sie nun zu ihrem vorbestimmten Weg geleiten.

            Link schwang seine Waffe nur einmal horizontal ins Nichts und plötzlich folgten alle überwältigten Steinwesen seinem Befehl. Sie stürmten näher, begleiteten den Heroen auf seinem tobenden Weg hinein in die alte Kathedrale. Links Schrei glitt durch die Luft, während er mit gezücktem Schwert auf die Pforte zustieß.

            Steinklotz um Steinklotz krachte gegen das beängstigende, hohe Tor. Noch einmal schwang Link sein Schwert und die durch Magie gespeiste Pforte brach entzwei zusammen mit den Geschöpfen aus Stein, die ihr unechtes Leben dafür opferten.

            Link nahm einen tiefen Atemzug und trat langsam zwischen Steinhaufen hinein in das kalte Bauwerk. Seine Schritte hallten und der Innenraum war in einer noch erstickenderen Finsternis gehüllt als die Welt außerhalb. Zaghaft trat er näher, begleitet von einer zuschnürenden Gänsehaut, aber bereit, sich dem Schicksal zu stellen, welches man seiner Seele vor Tausenden Jahren auferlegt hatte. Er wusste, dass ihn das Schlimmste erwartete. Denn so wie Link selbst, war auch Ganondorf nicht mehr derselbe. Er war an seiner dämonischen Gier gewachsen, hatte sich mit schwarzer Magie genährt und er hatte gewartet. Und im Warten sich jeden seiner Hassempfindungen gegen Link für diesen einen Kampf aufgehoben.

            Vorsichtig durchquerte Link die ersten, teilweise umgeworfenen Bankreihen, als plötzlich der Raum von dem dunkelgelben Licht einiger Fackeln geflutet wurde. Wie von magischer Hand schloss sich die zerstörte Eingangspforte wieder und drängte den stürmischen Regen nach draußen.

            Gefasst wand der junge Held sein Blickfeld endlich gen Altar. Unnötige Gerudosakramente schmückten die Kirche. Überall hässliche Holzskulpturen mit entstellten Gesichtern zur Huldigung böswilliger Gottheiten, die nur im Dienste noch grausamerer Wesen ihr Dasein fristeten. Äxte, Bögen und kurze Klingen hingen angeberisch an den grauen Steinwänden. Eine Erinnerung schlich sich in Links Gedankengänge beim Anblick dieser geistlosen zur Schaustellung wahnhafter Gerudovorlieben. Das war Ganondorfs abartiger Geschmack, dem er seit der alternativen Zeit frönte.

            Seine tiefblauen Augen schillerten verwundbar, als jene alten Tage in seinem Geist vorüberzogen. So viel war geschehen. Die vielen Grausamkeiten von damals, die vielen Narben. Ganons Verbannung. Zeldas eigene Härte...

            All’ dies steckte tief in Links alter Seele und er hatte genug. Genug von diesem unentrinnbaren Teufelskreis. Genug von den vielen Schmerzen, die seine Seele bald nicht mehr ertragen konnte.

Dieser Kampf in der heutigen Nacht musste einfach anders enden als mit einer zweifelhaften Verbannung des Bösen. Dieser Kampf musste einfach der letzte sein...

            Ein weiterer Einrichtungsgegenstand in diesem Innenraum zog Links Aufmerksamkeit auf sich und wirkte mehr als absurd auf ihn: eine lange Tafel. Direkt vor dem Altar verlief jene von einer Seitenwand zur anderen. Zwei Gedecke und ein Kerzenständer mit herab gebrannten Lichtquellen standen auf dem schwarzen Holz jenes lächerlich langen Tisches, an welchem man sein Gegenüber nicht mehr scharf erblicken konnte. Und im Hintergrund hing eine einfache Uhr an der Wand, die geräuschvoll tickte. Sie schlug gerade zur vollen elften Stunde und zeigte dem Helden an, dass nur grob sieben Stunden übrig blieben, ehe der neue Tag anbrach. Der letzte Tag vor dem glühenden, blutroten Vollmond aus Zeldas Vision war gekommen. Nur noch sieben Stunden Zeit, in welcher der junge Held seinen alten Widersacher unschädlich machen musste. 

            Links Erzfeind saß währenddessen hämisch grinsend auf dem majestätischen Thron Harkenias. Genüsslich lehnte er sich hinein in den dicken roten Samtstoff, mit dem der Thron ausgekleidet war.

Er trug eine einfache, schwarze Rüstung und wie immer seinen blutroten Umhang. Sein feuerrotes Haar lag offen über seinen kräftigen Schultern. Lässig sah er drein und stützte sein bärtiges Kinn an der rechten Faust ab.

            In dem Augenblick trafen teuflische Augen auf engelsgleiche. 

 

            „Willkommen, Gartenzwerg...“, lachte Ganondorf. „Ich hoffe, ich konnte dir einen gebührenden Empfang bereiten.“

            „Spar’ dir deine Gehässigkeit!“, murrte Link und hielt sein Schwert herausfordernd vor sich. „Wenn diese schwächlichen Steinklötze da draußen alles waren, was du zu bieten hast, bist du dieser Klinge in meiner Hand nicht einmal würdig.“ Links Mundwinkel verzogen sich zu einem provokativen, jäh bedrohlichen Grinsen.

            Ganondorf grunzte und erhob sich. Sein mit Gerudozeichen bestickter Umhang flackerte, getragen von einer Welle schwarzer Magie, die er ausströmte. Sein Dämonenschwert trug er links und mehrere Dolche waren um seine muskulösen Beine geschnallt.          „Noch dieselbe große Klappe wie damals, Heldchen.“

            „Nein, noch genau der gleiche, dumme Dämon, der vor mir steht“, antwortete Link ausdruckslos. 

            Ganondorf hängte den Kopf schief, als wollte er Link mustern. Sicherlich, er kannte ihn gut genug, aber irgendetwas an dem jungen Heroen war gänzlich eigentümlich. Irgendetwas war selbst Ganondorf, wo er Hunderte Kämpfe gegen ihn geführt hatte, vollkommen fremd. Tausende Wunden hatte er dem jungen Helden bereits zugefügt, hatte ihn seelisch zerstört, sich an seinen blutenden Malen ergötzt. Doch nun schien diese wahnsinnige Freude den Herrscher über das Böse nicht mehr zu befriedigen, nicht mehr zu erfüllen. An Link haftete im Moment etwas so außergewöhnliches, etwas so starkes, was Ganondorf ein wenig einschüchterte. Aber was es war, daraus konnte er sich im Moment keinen Reim machen.

            Furchtlos trat Link näher und blieb nur wenige Meter vor seinem Duellanten stehen.

            „Wo ist Zelda!“, forderte der junge Held. Er ließ sich auf keine Kompromisse ein, ließ sich nicht beirren. Entweder Ganondorf ließ sie frei, oder Link würde den letzten Funken Anstand verlieren. Er war immer Mensch geblieben, in jedem Kampf. Von Scheußlichkeit und erbarmungsloser Grausamkeit im Kampf hielt Link nun mal nicht viel. Nein, ein fairer freundschaftlicher Kampf gegen einen gut ausgebildeten Kämpfer war sogar etwas, was dem Helden der Zeit viel bedeutete. Es machte ihn stolz, kämpfen zu können aus Ehre und daraus, seine Kunst und Tapferkeit damit zu demonstrieren. Er hatte damals in Hyrule nie gerne das Schwert gezogen um zu töten. Und bis heute hatte der rechtschaffene Heroe keinen Gefallen am Vernichten gefunden entgegen denen, die am Morden einen süßen Geschmack erfuhren.

            „Wo ist Zelda?“, wiederholte Link schärfer.

            „Du wagst es mir Befehle zu erteilen?“, zürnte der Dämon und blitzte mit seinen teuflisch roten Augen umher. Messerscharf war sein Blick, durchbohrend und lähmend, genauso wie damals in der alternativen Zeit.

            „Du siehst deine Prinzessin nie wieder, wenn du deinem lächerlichen Mut weiterhin so treu bist.“ Link schwieg darauf, wusste er doch, dass es keinen Sinn machte Ganondorf unnötig zu reizen. Seine dämonische Wut brachte ihm nur mehr und mehr Kraft, die er Link entgegen schleudern würde. Es war wie ein zweites Herz, welches grausame Energie in Ganons Venen pumpen würde. Link schluckte seine Schimpfwörter zornkochend hinunter und blickte suchend in jeden Winkel der alten Kirche, konnte aber seine Prinzessin nirgendwo ausmachen.

            Furchtlos stachen seine blauen Augen schließlich in jene hasserfüllten des Schreckensfürsten, lasen eindringlich, lasen Mordlust und Gier.

            „Du wirst noch früh genug erfahren, wo die Prinzessin Hyrules ist. Im Moment aber...“ Ganondorf deutete auf die gedeckte Tafel. „... speise mit mir dein letztes Mahl.“ 

            Link verzog seine Augenbrauen daraufhin und hätte am liebsten angefangen zu lachen. Dachte Ganondorf tatsächlich, Link würde nur einen Bissen eines vom Teufel persönlich angerichteten Essen zu sich nehmen? Was dachte sich Ganondorf bei dieser einfältigen Einladung? Was bezweckte er damit?

            Welch ein Irrtum des Schicksals, dass das Gute und Böse an einer Tafel sitzen sollten...

            „Glaubst du, ich merke nicht, wie du versuchst Zeit zu schinden?“ murrte Link und hielt dem Fürsten des Schreckens das leuchtende Masterschwert direkt an die grünhäutige Kehle. Ganondorf zuckte nicht einmal mit der Wimper und reckte Link sein Kinn immer weiter entgegen. Seine spröden vernarbten Lippen blähten sich auf als wollten sie von dem Heroen kosten, ihn demütigen und verschlingen.

            „Niemals würde ich deinen Fraß anrühren und mich deinen dunklen Machenschaften ausliefern“, zischte der Heroe angewidert. „Kein Mensch mit gutem Herzen würde sich an deine lächerliche Tafel setzen. Ich lasse nicht zu, dass die letzten sieben Stunden der Hoffnung sinnlos vorüberziehen.“

            Die Tonlage in Links Stimme gefiel dem Dämon vorzüglich. Wut war eine Essenz des Bösen, eine Nabelschnur, die biestiges Leben säugte. Innerlich jubelte ein bereits gestorbener Teil seines Körpers. Zähe Körperflüssigkeiten flossen wieder, wallten und strömten hinein in vergiftetes Gehirn.

            ,Nein, du wirst noch früher mein Spielzeug sein als du erahnen könntest und wenn diese wenigen Stunden verstrichen sind, wird es keine Menschen mehr geben’, erklang es in des Dämons tiefsten Hassempfindungen.

            Ganondorf hob seine linke Faust und umfasste die Klinge des Masterschwerts. Es zischte und kleine Rauchfetzen stiegen von seiner giftgrünen Hand empor. Noch nie hatte er das lichterfüllte Masterschwert mit seinen eigenen Händen berührt, war aber soeben entzückt von dem Schmerz, den es ihm bot. Es floss kein Blut, sondern roch nur widerlich nach verbranntem Fleisch. Jauchzend zog Link das Schwert zurück und beobachtete Ganondorf grunzen, dann lachen und schließlich brüllen.

            „Ich verrate dir, wo deine geliebte Prinzessin ist, wenn du mit mir speist! Auf dein letztes Mahl, Heroe“, sagte er erpresserisch, während er seine linke Handinnenfläche begutachtete. Ein oberflächlicher Schnitt, eine minderwertige Verbrennung. Mehr war es nicht, was das Masterschwert ihm zugefügt hatte.

            Link schwang das Schwert und zerschnitt die stehende Luft mit dessen hellen Klang. „Es wird nicht meine letzte Mahlzeit sein, es wird deine!“

            Lachend schlich der Dämon um seinen Widersacher umher und flüsterte ihm ins rechte Menschenohr. „Wir werden sehen, Heldchen!“  Sein beißender, ekelerregender Atem zog warnend an Links spitzer Nase vorüber und Ganondorfs Schwerthand wanderte zu dem Heft seiner Dämonenklinge.

            Link blieb weiterhin ruhig, spürte Ganondorfs Vorhaben, dessen unfaire Bewegung aus seinem Instinkt heraus. Es war nicht das erste und das letzte Mal, dass der Fürst des Bösen versuchte sich einen Vorteil aus Überraschung zu schaffen. Link kannte Ganons Schwertstil, seine Pläne, seine unfaire, schwarze Magie.

            Das lederne Schwertheft knarrte als sich Ganondorfs kalte Finger darum legten. Gerade da rollte sich der junge Heroe geschickt nach vorne und ließ seine Klinge des Lichts ohne sein Gesichtsfeld darauf zu winden, nach hinten rauschen. Stahl traf auf Stahl. Mit einer Kraft und Gewandtheit, die beide Duellanten auszeichnete. Kleine Funken Energie brachen hinab von jenem Punkt an dem sich die Schwerter berührten. Schwarze und weiße Fetzen, wie Staubkörner um wirbelten sie die beiden Waffen und fielen unsichtbar zu Boden.

            Ganondorf grinste zufrieden und unzählige Falten bildeten sich auf seinem giftgrünen Gesicht. Er zog seine Klinge zu sich heran, begann sie langsam an seinen Lippen entlang zu führen und leckte mit gespaltener Zunge über den dunklen Stahl. Er schmeckte einen Hauch des Lichtes an der Klinge, das vom Schwert seines Widersachers stammte. Ein übler Geschmack. Süß, beinah menschlich...

            „Was bringt dir eine Speisung mit mir?“, murrte Link. Nur widerwillig stapfte der junge Heroe an jene lange Tafel und ließ sein getreues Schwert in dessen Scheide sinken. Er hatte keine Wahl. Entweder Zeldas Wohlergehen oder sein Stolz...

            Link entschied sich dafür letzteres herzugeben. Um Zeldas Willen...

            Behutsam nahm er an einem Ende des Tisches Platz.

            „Ich will verstehen...“, zischte der Dämon. „Deinen unsinnigen Kämpferstolz und Glauben an das Gute verstehen und dir ein vorzügliches Angebot machen.“ Auch Ganondorf nahm Platz an der Tafel, schnipste mit den Fingern und die Gläser von ihm und Link füllten sich von Geisterhand mit einer roten Flüssigkeit. Sogleich zog der Fürst des Schreckens das Glas an sich, nahm zaghafte Schlucke, leckte sich über eine breite Narbe auf seiner Oberlippe und fokussierte den Helden eindringlich.

            Jener wusste, woher Ganondorf besagte kleine, verquollene Narbe hatte, die seine Oberlippe zierte. Bei seiner ersten Begegnung mit ihm, hatte Link als Elfjähriger gerade soviel Kraft besessen, den Fürsten diesen Schandfleck zu bereiten. Noch heute erinnerte sich Ganondorf bei einem Blick in den Spiegel an den jungen Helden der Zeit, und seinen Übermut. Hätte er ihn nur damals als elfjährigen, naiven Trampel ausgelöscht. Damals, als er noch nicht einmal wusste, was in ihm steckte. Und der Herrscher über das Böse hatte schon viele Kinder auf dem Gewissen. Bis heute bereute Ganondorf den Tag als der grünbemützte Bengel das Tor der Zeit öffnen und dann sieben Jahre Schlaf erfahren sollte. Er hatte ihn verfolgt, gewiss, nur darauf wartend, dass er den Weg zur goldenen Macht ebnen sollte. Aber als Ganondorf den Knaben vernichten wollte, war er verschluckt worden von der Macht jenes Weisen, der im Tempel des Lichts wartete...

            Mit einem dunklen Ärmel wischte sich Ganondorf über seine mürben Lippen, die die Farbe des Getränks trugen.

            Link konnte nicht erkennen und wollte nicht wissen, ob es Blut oder Wein war, was Ganondorf trank. Und er würde es nicht austesten. Misstrauisch stützte Link eine Hand auf dem dunkellackierten Tisch ab. Mit der anderen umfasste er einen der Dolche, die er an seiner linken Wade festgeschnallt hatte. Er war nicht so dumm, an Ganondorfs angebliche Ehre zu appellieren und war auf jedes noch so kleine intrigante Spiel vorbereitet.

            Die drei Lichter des Kerzenständers brannten gemächlich herab. Von den wenigen Fackeln in der Kirche drang ein Knacken und Bersten. Kein Wort fiel zunächst zwischen den Kontrahenten. Sie starrten einander nur mitleidlos und eisig in die Augen, darauf wartend, wer als erster mit der Wimper zuckte.

            Ganondorf schnipste noch einmal mit den Fingern und auf dem Silberteller vor Links Nase bildete sich eine saftige, aber schlecht gewürzte Hähnchenbrust. Uninteressiert starrte der Heroe weiterhin zu seinem Gegner, ignorierte den fettigen Dampf, der von dem Stück Fleisch nach oben stieg und seinen Geruchssinn quälten. Was sollte dieses Spielchen, fragte sich der Heroe.

            Ganondorf brach das Stück Fleisch mit den Händen entzwei, führte das Hähnchen an seine toten Lippen und leckte zunächst das Fett von der goldgebratenen Haut.

Geduldig, ja beinah unheimlich, liebkoste der Fürst des Schreckens seine Mahlzeit.

            „Ich nehme den Geschmack nicht mehr war, aber eine gewisse Würze hat totes Fleisch...“

            Plötzlich rupfte Ganondorf dem Hähnchen die Flügel und Beine herab, stopfte sich das Fleisch hastig in den Mund und verschlang alles malmend.

            Angewidert sah Link zu und hörte nicht auf, Ganondorf abgeneigt und undulderisch in die Augen zu starren.

            „Iss!“, befahl der Schreckensfürst. „Denk’ an dein kleines Freudenmädchen...“ Er schmatzte laut und widerlich, saugte an dem Stück Fleisch wie ein Vampir und besiegelte den Geschmack mit der roten Flüssigkeit in seinem Silberkelch.

            „Zelda ist kein Freudenmädchen...“, erwiderte Link kühl und ließ seine Fingerkuppen kurz, jedoch eher unwillig, über das fettige Hähnchenfleisch auf seinem Teller wandern.

            „Ach, ich vergaß... du bezeichnest sie als ,Lady’...“, lachte sein Gegenüber kollernd. „Was weißt du schon über Frauen?“ Ganondorf provozierte, gewiss. Dachte er wirklich Link würde so leicht aus der Fassung zu bringen sein?

            Der Heroe ballte die Fäuste um seine anwachsende Wut unter Kontrolle zu bringen. Wut war menschlich, das hatte Farore ihm einmal ans Herz gelegt. Jene aber, die nach ihr handeln und sie verehren, sind schwach. Link war nicht schwach, dennoch spürte er im Moment den Drang seiner Wut über Ganondorfs dreckiges Gefasel Ausdruck zu geben. Sei es mit Worten oder mit Fäusten...

            „Du bist doch noch viel zu jung, um derartige kleine Luder zu verstehen“, zischte der Dämon und versuchte mehr und mehr Wut in Links Herzen einzunisten. Aber der Heroe blieb ungemein ruhig. Keine Spur mehr seines kindlichen Hitzkopfes oder seiner Naivität.

Das war nicht der unscheinbare, einsame Erdenbürger, dachte Ganondorf. Dieser Link war neu, aus einem ganz anderen Ursprung, mit einer Erfahrung in der Schlacht gegen das Böse und strenger Kühle, die selbst Ganondorfs Wut überschattete.

            „Was soll dein Geschwätz, Ganondorf?“, sagte Link klar, nahm den mit alten, hylianischen Zeichen verzierten Kelch in die rechte Hand und roch an dem Getränk. Tatsächlich war es ein bitterer Weingeruch, der Link in die Nase stieg.

            „Du kennst Zelda nicht so wie ich, hast keinen Hauch einer Ahnung von ihren Gefühlen, ihren Sehnsüchten, ihren Träumen, weil in dir derartige Dinge nicht mehr atmen können; und du maßt dir an, über sie zu urteilen? Du bist ein armseliger, alter Mann...“, setzte der Heroe hinzu.

            Der Fürst des Schreckens grunzte und schickte mit seinen Augen eine unsichtbare, frierende Schockwelle auf seinen Widersacher. Als die Welle Link traf, reckte er sein Haupt nach hinten, schloss die Augen und wurde mitsamt dem Stuhl, auf welchem er saß, nach hinten befördert. Er entließ keinen Laut, nicht einmal einen Schmerzschrei…

 

Zu jenem Zeitpunkt tickte die Uhr im der riesigen Bibliothek im Hause der Götter, dort wo die machtvollen Göttinnen wandelten, langsamer als gewöhnlich. Und doch war sie ein Instrument um den Herzschlag des Lebens anzuzeigen. Die in grünem Samt gekleidete Göttin des Mutes starrte mit weißgefärbten Augen auf einen Fleck der goldglänzenden Wand. Sie sah, blickte über Hyrules saftige Wiesen, überwand das duftende Meer, welches Hyrule wie ein blaues Band umrahmte und durchbrach Dimensionen, die ein gabenloser Mensch nicht überwinden konnte. Sie sah hinein in die Kirche Schicksalshorts als unsichtbares Wesen und ahnte um den grausamen Kampf, der in wenigen Minuten aufflammen könnte.

            „Es ist Zeit, Schwestern, nicht wahr?“, sprach sie säuselnd und plötzlich erhoben sich ihre giftgrünen Augen wieder aus den vorher weißen Nebeln in die sich jene zurückgezogen hatten.

            Ein roter und ein blauer Blitz erhoben sich hinter Farores Gestalt wie sprudelnde Feuersäulen und die beiden älteren Göttinnen standen in voller Blüte da.

            „Alles endet mit einem Spiel…“, säuselte die Stimme Farores.

            „… lebt weiter in einem Spiel…“, summte die Stimme Nayrus.

            „… und beginnt vielleicht mit einem neuen Spiel…“, knisterte die Stimme Dins.

            Sie waren sich einig, es war nun die Zeit gekommen, in der nichts mehr sein würde. Hyrule… und all seine Besonderheiten durfte nicht mehr sein. Sie wussten es, sie wusste es schon immer und doch waren die Überbleibsel Hyrules genug um einen verheerenden Schaden im Gefüge des gesamten Weltenreiches anzurichten. Denn bei dem vermeintlichen Untergang des alten Landes Hyrule wurde ein fataler Fehler gemacht, vielleicht weil die Götter es nicht anders ersannen, vielleicht, weil man Hyrule noch eine Chance geben wollte. Und dennoch war dieser Fehler genug um viele weitere Welten in elendes Chaos zu stürzen. Die Götter ließen das Triforce zurück… und damit das Unrecht Hyrule als begraben zusehen…  

            „Es ist Zeit…“, stimmten sie alle noch einmal ein, entschieden sie sich nun endgültig für den Tod des Triforce und ihren eigenen…

 

Zurück in der Kirche Schicksalshorts ging das Schauspiel, der große Kampf um den Frieden weiter. Noch immer drang kein Schmerzschrei aus Links Kehle, obwohl er vor wenigen Sekunden einen von Ganondorfs Energieausbrüchen auf seiner Haut gespürt hatte.

            Als Links Stuhl an einer kalten Wand zum Stehen kam, öffnete der Heroe drohend seine tiefblauen Augen und wand seinen Schädel wieder nach vorne. Ein gehässiges Grinsen zierte seine ansehnlichen Gesichtszüge, was Ganondorf überhaupt nicht gefiel.

Wie von magischer Hand bewegte sich Links Stuhl wieder an den Tisch heran und ließ selbst Ganondorf Verwunderung annehmen.

            „Meine Energie hat dich nicht getroffen...“, stellte der Dämon fest und aß den letzten Happen seines Fleisches.

            „Nein, diesmal nicht“, meinte Link, beängstigt von seinen eigenen Fähigkeiten. Es war vermutlich eine einfache, einseitige Reaktion seines Fragmentes gewesen, auf die er nicht zugreifen konnte. Denn das Triforce des Mutes als Waffe gegen das Böse einzusetzen, hatte Link noch nie beherrscht.

            „Hat da jemand gelernt, Macht endlich dazu zu verwenden, wozu sie geboren wurde?“, stierte Ganondorf und kaute zu guter letzt wie ein Hund an den Hähnchenknochen. Link wusste nicht, ob es Sinn machte, überhaupt auf Ganondorfs Fragen einzugehen. Der Fürst des Schreckens interpretierte sowieso alles seinen Wünschen entsprechend...

            „Oder bist du dir selbst nicht einmal bewusst, wie man das Fragment kontrollieren kann?“, lachte er und spukte zerkaute Knochen aus seinem trockenen Mund. „Bedauerlich für dich, kleiner Held. Für dich und deine Prinzessin.“

            Erneut eine Andeutung, die Links Blut kochen ließ. Aus Anspannung und einer üblen Angst um Zelda...

 

            „Iss’ endlich!“, murrte Ganondorf und füllte sein Glas von magischer Hand wieder mit blutroter Flüssigkeit auf.

            „Lieber sterbe ich als deinen billigen Fraß anzurühren“, meinte Link standhaft, ließ sich keinen Hauch Furcht anmerken. Er hatte immer Angst empfunden, Ganondorf in einem unfairen Duell niederringen zu müssen. Aber diese Angst vor der Teufelsklinge oder jene Angst vor dem Tod war im Moment nicht mehr fühlbar für ihn, als wäre sie mit dem alten Land Hyrule untergegangen.

            „Ich bin hier um gegen dich zu kämpfen, nicht um mit dir zu quatschen!“ Diesmal lag Zorn in Links Stimme und leichte Unruhe.

Es keimte, dachte Ganon. Seine giftgrünen Mundwinkel verzogen sich freudevoll. Sein erkaltetes, totes Herz unternahm einen einfältigen, schwachen Schlag. Rache... Kampflust... Hass...

            Auch in dem rechtschaffenen Herzen des Helden Hyrules lebten diese Eigenschaften. Ein Kitzeln, ein Streicheln. Mehr bedarf es nicht, um jene uralten Dispositionen zum Hervorbrechen zu bringen. Und dann, wenn er jene opferwilligen Empfindungen ans Licht bringen würde, wenn der Heroe sich selbst nicht mehr kontrollieren könnte, dann hätte Ganondorf seinen ersten Trumpf in der Hand...

            Die Ruhe wiederfindend lehnte sich Ganondorf in seinem Stuhl zurück und ließ seine blutunterlaufenen Augen hinauf ans Deckengewölbe wandern.

            „Bist du nicht endlich vom Kämpfen müde, kleiner Held?“, fragte der Dämon, suchend nach neuen Wegen Links ganzen Hass gegen ihn zu aktivieren.

            „Was stellst du mir eine Frage, deren Antwort du schon lange kennst, Ganondorf“, sagte Link gefasst. „Solange du existierst, wird es immer einen Helden geben, der auserkoren ward, dein Vernichter zu sein. Ich bin so lange nicht müde vom Kampf, bis das schwarze Blut in deinen Venen geronnen ist.“

            Und doch hast du noch immer nicht bemerkt, dass wir nur Spielbälle sind...’, dachte der Dämon. Ganondorf leckte sich geräuschvoll über seine dunklen Fingerkuppen. Seine eisigen Augen ruhten nun auf dem Teller mit den wenigen Hähnchenknochen. Mmh, überlegte er. Jetzt war er sich sicher, dass dieser Held ihm gegenüber nicht jener aus der alternativen Zukunft war. Und er schien auch nicht mehr der bemitleidenswerte Erdenbürger zu sein. Was nur hatte diese Veränderung bewirkt?

            „Was bezweckst du mit deiner geschauspielerten Freundlichkeit?“, riss Link den Fürsten aus seinen dunklen Gedanken.

            „Einen neuen Weg...“, erwiderte der Dämon.

            „Red’ keinen Stuss, Ganondorf. Willst du mir mitteilen, dass du keine Lust mehr am Kämpfen, keine Freude mehr am Töten und plötzliche Reue verspürst?“ Link lachte auf, mehr aus Unverständnis als aus Hohn.

            „Nein, gewiss nicht. Aber ich biete dir ein Geschäft an, Held.“ Link verengte seine Augen zu Schlitzen, bewegte sich unruhig in seinem Stuhl hin und her.

            „Sprich’!“, sagte der Heroe kühl, wusste aber, dass er sich niemals auf eine Abmachung mit dem Bösen einlassen würde. Egal, was Ganondorf ihm anbot. Es war Verrat an seiner eigenen Seele, mit Ganondorf ein Abkommen zu schließen.

            „Das Gute und das Böse sind sich nicht einmal so unähnlich... jedes strebt nach der Vernichtung des anderen. Und auch du bist ein Träger einer besonderen Macht. Ich biete dir an, das Triforce der Kraft zu nutzen für einen Wunsch. Für dich und deine Prinzessin. Wenn ihr Hyrule neu aufleben lasst, werde ich Hyrule in Ruhe lassen. Im Gegenzug überlässt du mir die Erdenwelt und verschwindest.“

            Skeptisch musterte Link seinen Duellanten und konnte die Worte zunächst nicht unter einen Hut bringen.

            „Du willst, dass ich das vereinte Triforce um einen Wunsch bitte?“ Ganondorf nickte.

            „Deinen Wunsch. Für ein reales Hyrule und deine Prinzessin.“

            „Du willst, dass ich von der Erde verschwinde und dir die gesamte Menschheit überlasse?“, fragte Link vergewissernd hinterher.

            Ganondorf stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ja, verdammt. Was ist so schwer daran zu verstehen? Diese Welt ist nichts für dich. Sieh’ sie dir doch an, die Menschen sind willenlos und schwach, ignorieren die Magie, die um sie herum lebt. Einfältige, ignorante Geschöpfe sind sie.“

            Link schüttelte warnend mit dem Kopf und lachte amüsiert auf. „Du bietest mir tatsächlich Macht an? Ganondorf, du bemitleidenswerter, kranker Mann. Wie weit du gesunken bist, um es immer noch nicht zu verstehen.“ Wie ein König erhob sich Link, während das Medaillon der Mächtigen um seinen Hals klapperte und stützte sich mit den Händen auf das dunkellackierte Holz. „Es geht nicht um Macht. Darum ging es nie für mich. Ich kämpfe, weil ich nach meinem Glauben an das Gute handle. Und du hast eine Sache vergessen... ich bin auch ein Mensch dieser Welt. Ich schlage dein Angebot aus!“ Seine Stimme wurde lauter, als er sprach.

            Der Dämon stützte lediglich seine Hand ans Kinn und wand seinen Blick hinein in eine abgedunkelte Ecke der Kirche, als ob sich dort jemand verbarg. Verwunderung sprach aus seiner alten Fratze. „Warum? Warum glaubst du eigentlich mit einer solchen Entschlossenheit an das Gute? Glaubst du, du bekommst dadurch jemals etwas zurück?“

            „Ich brauche keinen Grund um an das Gute zu glauben. Das Gute an sich... ist schon Grund genug...“, meinte Link und sah kurz, aber beständig Zeldas bildhübsches Gesicht vor seinem inneren Auge. 

            Ganondorf grunzte erneut, ließ seinen Kopf auf eine Schulter sinken, sodass seine verstaubten Knochen knackten. „Ist das dein letztes Wort?“

            „Gewiss. Der Tod ist reizender als ein billiges, falsches Abkommen, unterzeichnet mit deinem Lug und Trug, Ganondorf!“

            „Wie du willst...“, zischte er. „So sei es. Dann sei erneut ein Spielball des Schicksals.“

            In Sekundenbruchteilen baute der Fürst der Dunkelheit ein graulich schimmerndes Energiefeld vor sich auf und schwebte wie ein Geist zurück zu seinem selbsternannten Thron über die Menschheit. 

            Er streckte seine triforcetragende Faust nach rechts in einen bisher abgedunkelten Winkel. Rötliches Licht rauschte hinein in jene finstere Ecke und erfüllte die restlichen Fackeln der Kathedrale mit unnatürlichem Feuer. Der Schein flog in Strömen umher wie lebendige Feuergeister und blieb auf einem angeketteten Mädchenkörper haften. An ihren Waden, hinauf zu ihrem Becken, dann an ihren Armen und Handgelenken, sowie an ihrem Hals lagen rostige, schwere Ketten. Einige Fesseln hatten sich bereits in ihre weiche Haut geschnitten oder die Kleidung zerrissen. Ihre himmelblauen Augen waren weit aufgerissen, erfüllt mit Angst, aber auch Erleichterung als sie ihren Helden in der Kathedrale wahrnahm. Sie konnte nichts sagen. Ein Pflaster lag über ihrem Mund. Aber sie brauchte auch nichts sagen, sondern drückte alles, was sie wollte über ihre müden, blauen Augen aus.

            „Zelda!“, rief Link verzweifelt und torkelte besorgt einige Schritte näher zu ihr. „Bist du okay?“ Sie zwinkerte ein ,Ja’, was ihm eine Welle der Erleichterung über den Rücken laufen ließ.

            Ohne auf Ganondorf zu achten, hetzte Link zu ihr und legte beide seiner warmen Hände auf ihre kalten Wangen. Eine Träne tropfte von ihren Augen. Beinahe eine Freudenträne. Link war aus dem alten Thronsaal entkommen. Nichts beruhigte Zelda im Augenblick mehr ihn so lebendig vor sich zu sehen.

            „Hallo, mein kleiner Jammerlappen...“, meinte er und grinste. Zelda wollte ihm dafür am liebsten eine Ohrfeige geben... unter der Voraussetzung, dass sie nicht gefesselt wäre. Gerade als Link das Pflaster von Zeldas Mund lösen wollte, mischte sich Ganondorf wieder ein.

            „Welch herzliches Wiedersehen...“, lästerte Ganondorf, hob seine rechte Hand in die Höhe und schmetterte belustigt einen leichten Energieball in Links Richtung. Der gewandte Kämpfer sah den Energieball im letzten Moment kommen, schlug einen Rückwärtssalto und rollte sich geschickt ab, um der zielsicheren Kugel zu entgehen. Mit knarrender Wucht prallte die Kugel hinein in blankes Gestein und hinterließ einen schwarzen Schandfleck.

            „Sieht so aus, als wärst du nicht ganz der Jugendliche, der du bei unserer letzten Begegnung warst...“, sagte der Dämon und verengte seine Augen zu Schlitzen. „Schon vorhin habe ich deine Veränderung bemerkt. Du trägst nun wieder deine dämliche Mütze und du hältst das Masterschwert in deinen Händen. Wie kommt das?“ Ganondorf trat von einer Ecke in die andere, achtete aber streng darauf, dass der junge Held seiner Prinzessin nicht wieder zu nahe kam.

            Link reckte die Klinge in die Höhe und schmetterte die nächste einfältige Energiekugel aus Ganondorfs Händen leichtfertig zurück. Es war nur ein Test, ein Spiel. Nichts im Vergleich zu Ganons und Links wahrer Macht. Ihrer wahren Fähigkeiten...

            „Etwas an dir ist anders“, bemerkte Ganondorf.

„Gut erkannt. Dachtest du, ich würde zulassen, dass du die letzten Menschen dieser Welt in den Tod stürzt. Dachtest du, ich würde meine Prinzessin einfach im Stich lassen?“ Nur kurz, aber doch beständig und zärtlich genug blickte der Held der Zeit zu Zelda, sich wünschend, er könnte sie endlich von diesen Fesseln befreien. Sie erwiderte den Blick, obwohl sie im Augenblick am liebsten Verzweiflungstränen vergießen wollte.

            Sie ahnte bereits, was Ganondorf mit ihr vorhatte und es würde alles andere als schnell vorüber und zu ertragen sein.

            „Du siehst aus, als könntest du es kaum abwarten gegen mich zu kämpfen“, sagte Ganondorf mit seiner kellertiefen Stimme. Er schnalzte mit seiner Zunge und leckte sich über seine aufgeriebenen Mundecken.

            „Ich brenne darauf, dich zu vernichten, Scheusal“, rief Link ihm entgegen und wagte sich erneut in Zeldas Richtung.

            Der Fürst des Schreckens lachte mordlüstern und zeigte dem Heroen seine gelben Zähne. „Zugegeben, ich hätte nicht damit gerechnet, dass du zu deiner Stärke zurückfindest, aber besiegen wirst du mich nicht. Denn du hast nichts gelernt, Heldchen.“

            Der Dämon ließ seine rechte Faust in die Höhe gleiten. Es vibrierte in der Kathedrale, die Fensterscheiben klirrten. Die alte Orgel spielte ein schauriges Lied mit schiefen Tönen. Feine violette Fäden aus Ganons rechter Faust spannten ein Netz von oben. Und als das Netz fertiggestellt war, rissen die vielen Fäden in Sekundenschnelle zu Ganons Fragment ab. Ein violetter Vorhang tanzte nieder und zimmerte eine durchsichtige, aber gefährliche Mauer direkt vor Ganondorf und Zelda.

            Aufgebracht stürmte der junge Heroe näher und schlug mit den Fäusten an die magische Wand. „Ganondorf, lass’ dieses Spielchen und kämpf’ gegen mich!“, fauchte Link.

            Der Fürst des Schreckens grunzte: „Gewiss, werden wir kämpfen, aber vorher...“ Ganondorfs eisiger Blick ging hinüber zu Zelda, die noch immer angekettet auf dem Folterstuhl saß.

            „... werde ich dir vorführen, was deine größte Schwäche ist, Heldchen.“ Seine Mundwinkel zogen sich schmierig nach oben und er setzte seine muskelbepackten Beine langsam in Zeldas Richtung.

„Denn du hast nichts gelernt. Prinzessin Zelda ist und bleibt deine größte Schwäche.“

            „Meine größte Schwäche?“, murmelte Link leise und sah mit angsterfüllten Gedanken in die müden Augen seiner Prinzessin. Eine Träne tropfte von ihrer Wange. Sie machte ihm damit nur noch klarer, dass Ganondorf Recht hatte.

            Fassungslos sah Link zu und begann zu begreifen. Seit dem ersten Kampf gegen Ganondorf hatte Zelda immer die eine bedeutende Rolle gespielt, in Gestalt der Prinzessin, die Hyrule mit Ehrgeiz, Liebe und Gerechtigkeit führen wollte. Sie war sein Licht gewesen und er hatte neben dem alten Land hauptsächlich für sie gekämpft. Die vielen Gefühle für sie hatten damals angefangen und nun würde Ganondorf gerade diese Gefühle der Zuneigung als Waffe gegen Link einsetzen.

            ,Meine größte Schwäche... ist meine Liebe?’, dachte Link in seinen Gedanken. Er beharrte nicht auf dem Gedanken, wollte ihn loswerden und abschütteln. Er hatte sich immer eingeredet, Zelda wäre sein Antrieb, seine Waffe. Wenn nicht wegen ihr, warum hätte er angefangen der Held der Zeit zu sein, den man ihm einredete?

            Und doch, so schmerzhaft und untragbar der Gedanke war, für Zelda hätte er in vielen Situationen zuviel riskiert und damit eine Schwäche gezeigt, die einem auserkorenen Helden nicht stand. Widerwillig gestand er sich ein, dass Ganondorf diesmal nicht argumentieren musste...

            „Was hast du mit ihr vor?“, rief Link, ballte seine Hände zu Fäusten und fühlte sein ohnehin aufgeregtes Herz immer schneller schlagen.

            „Das wirst du gleich sehen...“, lachte der Dämon. 

            Grinsend stand Ganondorf vor der jungen Prinzessin Hyrules. Ihr liefen brennende Schweißperlen von der Stirn, als der Fürst des Schreckens mit seinen eiskalten Fingern ihre Wange streichelte.

            Sie konnte sich weder mit Worten noch mit Fäusten wehren und ihre Magie war taub durch ein hässliches Giftgemisch in ihrem Körper.

            Sie kniff die Augen zu, als er sie in die Wange zwickte.

            „Wie hübsch sie doch ist, diese kleine Prinzessin. So hübsch, dass man ihr nichts zuleide tun sollte. Vielleicht würden einige Narben dir stehen, Prinzessin.“ Ganons dreckige Augen funkelten und er führte langsam seine rechte Hand über ihren Körper, suchte nach verwundbaren Punkten und fand einen direkt unter ihrer rechten Brust.

            „Du trägst eine nichtgeheilte, aber von Feenwasser beschützte Wunde mit dir herum“, erklärte er.

            Hilflos sah Zelda um sich und blieb mit ihrem Blickfeld bei Link haften. Alles an Link schrie förmlich danach ihr helfen zu wollen. Aber er konnte nicht und Zelda wusste es.

            „Was wohl passiert, wenn diese Wunde wieder aufreißt?“ Sie hob ihren Kopf ein Stückchen an, soweit es die Fesseln zuließen, und starrte unentwegt, sicher, gefasst und noch immer mit hoheitlichem Stolz in Ganondorf Dragmires niederträchtiges Augenpaar.

            Sie konnte nicht reden, aber Ganondorf hätte im Augenblick zu gerne gehört, welche hylianischen Schimpfwörter sie ihm entgegen schleudern würde.

            Der Dämon triumphierte über die versteckte Angst in ihren atemberaubenden Augen und nahm zunächst den Dolch in seine Hand, der auf dem kleinen Tisch ruhte: Der Hexendolch mit der eingravierten Teufelssprache.

            „Prinzessin Zelda, du hast bestimmt schon eine Ahnung, wozu dieser Dolch geschmiedet wurde.“ Sie wollte schreien, sie wollte weinen, aber es würde ihr nichts nützen, es würde sie nur schwächer machen. Gefasst starrte sie weiterhin in Ganons verdorbene rotgelbe Augen. Natürlich ahnte sie um den Zweck dieses Teufelsinstrumentes. Allein schon ihre auf dem kleinen Tisch gefesselte Hand verriet Ganons dreckiges Gelüst.

            „Falls du es doch nicht vermutest, so erzähle ich es dir gerne.“ Ganondorf hauchte die Worte gebieterisch an ihren blutroten Mund. „Und dein Held möchte ja sicherlich auch erfahren, wozu dieser Dolch von den Gerudohexen erfunden wurde.“

            Stiefelgeklapper begleitete den einstigen Gerudokönig auf seinem Auf- und Abgehen. Er rieb sich mit der rechten Hand über seinen feuerroten Bart und begann zu erzählen.

            „Schon damals, in der alternativen Zukunft, wurden die Hexen in meinem Volk beauftragt, einen Dolch zu schmieden, ihn mit dunkler Magie zu belegen, nur um einen großartigen Zweck zu erfüllen. Wie auch immer, in jener Zeit, konnte ich dieses Spielzeug nicht testen. Die Zeit stand gegen meine Pläne.“ Beide Hände streckte der Fürst des Schreckens in die Höhe, triumphierend, seinen Wahn genießend.

            „Doch heute werde ich es wagen.“ Ein schmieriges Grinsen glitt zu Zelda hinüber. Sie begann herumzuzappeln, versuchte sich loszureißen und schrie in das Pflaster über ihrem Mund.

            „Hass ist...“, begann der Dämon und ließ den verzauberten, schwarzen, gläsernen Dolch in seiner rechten Hand kreisen.

            „Hass ist...“ Er zog die Worte in die Länge, genoss wie jene Buchstaben über seine Lippen kamen.

            „Hass ist ein Wunderwerk, wenn man schmeckt, wie mächtig er ist.“ Ganondorf blitzte mit seinen Augen zu Link und lachte erneut.

            „Auch dein Held wird hassen, wenn ich mit dir fertig bin, kleine Hure“, grunzte er, an Zelda gerichtet.

            Die junge Königstochter zog ihre rechte Hand gewaltsam zu sich, hoffend, sie könnte jene aus den rostigen Fesseln lösen. Zelda wollte schreien, fühlte alles in sich verkrampfen und spürte den heftigen Schmerz der Fesseln, die sich in ihre Haut und dann in ihr Fleisch bohrten. Koste es, was es wollte, aber sie musste ihre Hand von diesem kleinen Tisch mit der Kerbe wegführen, ehe Ganondorf tun konnte, wonach ihm gierte.

            „Ärmliche Prinzessin des Schicksals, du musst dir die Hand schon abhacken, um aus dieser Fessel zu entkommen.“ Er machte sich wieder lustig über sie, wusste aber mit Gewissheit, dass Zelda gegen die Fessel an ihrem rechten Handgelenk nicht ankommen konnte. „Gib’ auf“, sang der einstige Gerudokönig und führte die giftige Klinge des Dolches langsam an Zeldas Kinn, dann zu ihrer Kehle, hinab zu ihrer rechten Schulter und weiter träge über ihren festgeschnürten Arm. Aber ohne, dass sich der Dolch in ihre Haut grub.

            „Du wirst schon sehen... es ist ganz einfach. Aus Schmerz folgt Wut. Aus Wut folgt Hass und wenn der Hass in dem Körper deines einfältigen Heroen zu atmen beginnt...“ Er flüsterte jene Worte bedacht an ihr linkes Menschenohr, sodass Link es hinter dem blassen, violetten Tuch nicht hören konnte. „Was glaubst du, wird das Fragment des Mutes dann bewirken?“

            Erschrocken starrte Zelda dem Fürsten des Bösen direkt in seine eisigen Augen. „Oh, du beginnst zu begreifen? Vorzüglich... Denn ich schlage mit diesem Ritual zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Ihre himmelblauen Augen wanderten angstvoll zu Link, der wie ein Irrer an die magische Mauer trommelte, welche ihn von ihr abschirmte.

            „Ich nehme dir deine Macht und lasse deinen Helden einen gefährlichen Geschmack kosten. Denk’ daran, was mit mir passiert, wenn mein Hass wächst...“, hauchte er so leise wie möglich in Zeldas Ohr, entlockte ihr ein flehendes Zittern und ersticktes Wimmern.

            „Es beginnt immer mit einem Kribbeln in den Venen, einem Gefühl, als ob man verliebt ist, und doch ist das Empfinden viel schlimmer, ja beinahe schmerzhaft. Die Knochen wachsen. Organe stülpen sich um, wandern. Und alles, was man noch wünscht, ist der Tod. Die Sinne setzen aus. Das Herz bleibt stehen und zerreißt den Körper innerlich mit einem unsäglichen Druckgefühl. Man hört die eigenen Schreie nicht mehr, denn es gibt keine menschlichen Ohren mehr, die eigenes Flehen und Wimmern hören könnten. Alles, was man noch fühlt ist Schmerz. Ein barbarischer Schmerz einer Verwandlung in die eigene dunkle Seite, in die eigene Bestie.“ Noch immer sprach Ganondorf so leise wie möglich, sodass Link nicht folgen konnte.

            „Ich freue mich auf das Gesicht der Bestie, welche dein Held annehmen wird, falls sein Fragment ihn verwandelt und besonders auf seine Verzweiflung, wenn er sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Nicht immer ist die Welt der Schatten nötig, um den inneren Schatten hervorzubringen. Hass ist ausreichend. Die Karten stehen gut für mich... Denn, wenn ich das Ritual beende... bleibt nichts anderes für ihn übrig als Hass... und in seinen Hassgefühlen wird er alles zerfleischen, was ihm in der Quere steht. Auch dich, Hoheit.“

            Damit wand sich Ganondorf von ihr ab, nur um ihren qualvollen Moment weiterhin hinauszuzögern.

            Gehässig trat er an die magische Wand. Sein schmieriges Gesicht, überzogen mit dunkelgrüner Haut schaute herablassend in die tiefblauen Augen Links. Hilflos hatte jener seine beiden Hände an den violett schimmernden Umhang gestemmt und beobachtete zwanghaft das Geschehen.

            „Hörst du mich, Heldchen?“, provozierte der Dämon. Mit zusammengepressten Lippen ließ Link das heilige Masterschwert an die Mauer krachen. Aber es brachte nichts. Das Licht der heiligen Klinge tat der Mauer keinen Harm.

            „Ganondorf, du mieser Feigling. Wie lange willst du dich noch hinter dieser Mauer verstecken?“ Link war außer sich. Konnte dieser Teufel seine dummen Spielchen nicht endlich unterlassen?

            Der Dämon lachte erheitert auf. „Du unterschätzt mich, Gartenzwerg...“ Zielsicher lief der Fürst des Bösen wieder zu der angeketteten, jungen Prinzessin, die nicht wusste, ob sie nach jenem Ritual noch etwas fühlen würde.

            „Du unterschätzt meine Pläne, kleiner Held.“ Erneut ließ Ganondorf den verfluchten Dolch mit seinen alten Hexenzeichen in der rechten Hand kreisen. „Hast du denn keine Ahnung, nicht den Hauch einer Befürchtung dessen, was ich vorhabe?“

Link ließ das Masterschwert sinken und blickte erneut trübsinnig in Zeldas verängstigte Augen.

            „Was glaubst du, wozu die zarte rechte Hand deiner Prinzessin dort auf dem kleinen Tisch liegt. Warum wohl fließt in ihren Venen ein Gift, welches ihre Macht unterbindet und das Fragment sich materialisieren lässt? Und dieser Dolch...“ Kollernd lachte Ganon auf, war sich seines Triumphes schon sicher und hörte nicht mehr auf warnende Zeichen...

            „... der Hexendolch, erschaffen von meinen Ziehmüttern Kotake und Koume... hat nur eine Bestimmung.“ Entsetzt sah der junge Heroe zu, als Ganondorf sich neben dem kleinen Tisch platzierte, wo Zeldas Hand festgeschnallt war. Geschmeidig ließ er den alten Dolch über die kratzenden Fesseln wandern, die Zeldas Hand beschmückten.

            „Er wurde einzig geschmiedet, um das materialisierte Fragment aus menschlicher Haut wie den Kern aus einer harten Pflaume herauszuschälen.“ (kurzes Statement: jawohl, Zelda wird das Fragment entrissen. Aber ich weiß nicht Recht, ob das überhaupt möglich ist. In Windwaker wurden die Fragmente von Link und Zelda ja bloß von Ganondorf benutzt, jedoch nicht gestohlen Wer mehr darüber weiß, bitte in Kommentaren abzuklären… und ja, ich weiß, dass diese Szene in der Geschichte ziemlich übertrieben wirkt.)

            Links Hände glitten lahm und träge hinab von der Mauer und sein heftiges Trommeln, seine wüsten Bewegungen, das Kraftfeld Ganons zu durchbrechen, erstarben. Verzweifelt und erstarrt stand er da. Tief versteckt in seinen tiefblauen Augen schimmerte eine ungewollte Hilflosigkeit.

            Auskostend wiederholte Ganondorf sein dunkles Gelüst: „Jawohl, heute ist endlich der Tag gekommen, da ich Zeldas Fragment in mir aufnehmen werde.“ Sein Blick glitt schadenfroh zu Link: „Geschockt, Heldchen?“

            Link schwieg darauf und versuchte lediglich seine Gedanken zu sortieren. Er musste etwas tun! Er musste diese Mauer überwinden! Aber wie?

            „Mag sein, dass es andere Wege gäbe, um die Macht der Weisheit  an mich zu nehmen, aber ich will nicht nur jene Macht um das Triforce zu vervollständigen, ich will es ganz. Nur deshalb schneide ich es ihr nun aus der Hand!“ Ganondorf lachte fortwährend.

            „Sieh’ es ein, du kannst nur zusehen und hast deine Prinzessin nach all den Kämpfen doch nicht retten, nicht beschützen können. Denn du kennst die Gefahr, wenn das Fragment nicht mehr im eigenen Körper weilt. Du ahnst, was geschehen könnte. Du weißt um ein mögliches Zerbrechen der Seele Zeldas...“

            Link rührte nicht einen Finger. Noch immer lagen seine Augen auf denen seiner Prinzessin, traurig und vergebungssuchend. Ein Moment aus der alternativen Zukunft huschte durch seine Gedanken wie ein erinnernder Frühlingshauch. Ein Augenblick voller Vergänglichkeit...

 

„Sag’ mir, was geschieht mit uns, wenn uns das Triforce entrissen wird? Werden wir dann nicht mehr sein?“, fragte ein elfjähriger Junge, der im Herzen doch schon ein Mann war. 

            Sein Blick war getrübt. Seine Gedanken in tiefsten Sphären. Es vergingen Minuten hier im stillen Schlossgarten, denn seine Gesprächspartnerin zögerte die Antwort weit hinaus. Vielleicht wollte jene selbst die Frage vergessen. Es war ein Rätsel. Etwas, worüber sich die Gelehrten in Hyrule gerne den Kopf zerbrachen. Manch Weiser behauptete ein Leben ohne ein dem Geschöpf anvertrautes Fragment käme dem Zerstückeln der hylianischen Seele gleich. Andere deuteten dieses als bloßes Gerücht und meinten, auch ohne es wäre Leben möglich. Viele aber sagten frei heraus, es käme auf den Träger selbst an, ob er den Verlust der eigenen goldenen Macht als etwas schändlich schlimmes empfinden und als Folge das eigene Leben für undenkbar halten würde. Es war das Unwissen, die beklemmende Unsicherheit, die das junge Mädchen des Knaben Frage nicht beantworten ließ. Welche Antwort lohnte, wenn sie so ungewiss wie die unlesbare Zukunft war?

            Sein Kopf drehte sich fast unmerklich zu seinem Gesprächspartner, der jungen Prinzessin Hyrules, die eingehüllt in ein althergebrachtes Prinzessinnenkostüm beinbaumelnd auf ihrer weißen Kinderschaukel saß. Sie starrte friedvoll, aber nachdenklich in die vielen lichten Wogen des Himmelsdaches und begann ihre Kinderschaukel hin und herzuschwingen. Statt einer Antwort begann sie nun ihr Wiegenlied zu summen und schloss die Augen.

            „Zelda...“, murmelte der Junge und hüpfte auf seine kräftigen Beine. Warum antwortete sie ihm nicht darauf? War etwas dran an dieser möglichen Auslöschung der eigenen Seele, wenn man das Fragment dem Körper entriss?

            Zaghaft umfasste der elfjährige Hylianer mit der grünen Mütze ein Seil der Schaukel und stoppte diese. Zeldas Augen öffneten sich verwundert und blickten verträumt, ja beinah verliebt, in seine tiefblauen. Schon damals hätte er ihre Zuneigung für ihn sehen müssen... stattdessen machte ihr Blick ihn furchtbar verlegen und tollpatschig.

            „Link?“, murmelte sie. „Was meinst du dazu?“

            Er kratzte sich am Kopf und zuckte mit einer Augenbraue. „Ähm... du willst wissen, was ich...“

            Sie hängte den Kopf schief. „Wie du deine Frage von vorhin beantworten würdest, wenn du sie an dich selbst richtest.“ Sie hüpfte mit ihrem rosa Kleidchen von der Schaukel, versteckte ihre Kinderhände hinter dem Rücken und blickte ihn neckisch an.

            Er neigte sein Haupt und sagte ehrlich: „Ich glaube nicht daran, dass man von einem Fragment so abhängig sein kann... ist doch Unsinn anzunehmen, ohne es könnte man nicht existieren.“ Zelda nickte. „Siehst du, damit hast du doch deine Antwort.“ Sie drehte sich seitwärts, aber der elfjährige, unbeholfene Link stammelte weiterhin, und umschloss ihre rechte Hand mit seiner Linken.

            „Du verstehst das nicht, Zelda. Ich wollte unbedingt eine Antwort von dir...“

            Sie lächelte wieder. „Brauchst du diese denn noch?“ Er nickte und versuchte ein beleidigtes Gesicht aufzusetzen.

            „Gib’ dir keine Mühe, Link, du kannst nicht böse dreinschauen...“

            Er seufzte ertappt: „Zumindest nicht in deiner Gegenwart...“ Sie überhörte diese Andeutung und trat einige Meter seitlich. Ihr Blick ging in Richtung eines Greifvogels in den Lüften.

            „Weißt du, Link, falls es jemandem gelingen sollte mein Fragment zu rauben, dann...“ Sie lächelte ihn wieder an mit ihren kindlichen Gesichtszügen, obwohl in ihren himmelblauen Augen soviel Lebenserfahrung und überwundene Schicksalsschläge standen. „... dann weiß ich doch, dass du da bist...“ Wie geohrfeigt hörte der junge Hylianer zu und wurde nur noch verlegener.

            „Du würdest auf mich warten, nicht wahr? Egal, wie lange es dauern sollte, dass ich wieder aufwache... ohne mein Fragment...“ Sie schaute zu ihren Sandalen und spielte mit den Kinderhänden hinter ihrem Rücken. „Du bist immerhin der Held der Zeit...“

            Link hatte währenddessen das Gefühl, er müsse aus dem Schlossgarten fliehen. Es machte ihn so schwebend, wenn Zelda solche Worte sagte.

            „Würdest du auch auf mich warten, wenn ich meines verlieren sollte?“, fragte der Knabe schließlich, vielmehr um sich von seiner Nervosität abzulenken.

            Sie nickte: „Ich vertraue auf deine Stärke...“

            Er klatschte in die Hände und rief überschwänglich: „Dann vertraue ich auch auf deine Stärke, Zelda.“ Sie lächelte wieder.

            „Gut“, meinte sie.

            „Gut.“

 

Ganondorfs irrsinniges Gelächter riss Link aus seinen Erinnerungen. Nicht einmal Zelda konnte ihm einst sagen, was geschehen mag, wenn das Fragment den eigenen Körper verlässt. Er wünschte, sie hätte ihm eine klare Antwort gegeben dort im Damals. Aber in der Vergangenheit war so viel einfach nicht klar zwischen ihnen gewesen. So viele Bilder. So viele Erinnerungen...

            Frustriert begann Link wieder an die magische Wand zu hämmern und ließ sich dann einsichtig und machtlos an die Begrenzung sacken.

 

            „Wie schmerzlich schön Verzweiflung ist“, höhnte der Fürst des Schreckens und konnte kaum in Worte fassen, wie entzückt er sich fühlte, wie selig ihn das Leid des jungen Heroen einnahm. Eine Welle der Genugtuung kam über ihn, Schadenfreude und Wahn.

            Noch einen Moment länger genoss Ganondorf Links Verzweiflung, die bitter in seinem Gesicht geschrieben stand, bevor der Dämon sich Zelda zuwendete.

            Er wollte den Dolch gerade an dem goldenen Dreieck auf Zeldas Hand ansetzen, als der junge Heroe ihn unterbrach: „Ganondorf! Warte!“

            Grunzend sah er über seine rechte Schulter. „Was ist?“ 

            „Nimm’ meins!“, rief der Heroe und sah mehr als wehleidig in Zeldas kristallblaue Augen. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Wenn Link es wagen würde, dem Bösen das Fragment des Mutes auszuliefern, wäre diese Welt für immer verloren. Nie wieder würde es einen Helden geben, der die Macht des Mutes in sich tragen könnte. War er von allen guten Geistern verlassen?

            „Was willst du mit Weisheit? Diese Macht bedeutet dir noch weniger als Mut. Nimm’ meins...“, sagte Link, nun weniger standhaft, beinah beschämt. 

            „Ich habe Zelda niemals vor der Auslieferung an dich retten können, aber ich kann nicht zulassen, dass du ihr das Fragment stiehlst.“ Ganondorf reckte seinen hochnäsigen Kopf nach oben und konnte diese Selbstlosigkeit schon wieder nicht verstehen. Was nur gefiel den Menschen an der Liebe? Sie machte nur abhängig, sie machte schwach.

            „Ich flehe dich an, lass’ Zelda gehen...“, murmelte Link leise, beinahe undeutlich. Er ließ seinen Kopf hängen und schämte sich angesichts seiner Feigheit. Aber Zelda war nun mal alles, was er hatte, was er jemals wollte. Und jetzt da er sich erinnerte, waren die Gefühle für sie noch stärker geworden als ohnehin schon.

            „Du willst mir den Genuss einer magischen Folter nicht gönnen?“, lachte Ganondorf.

            Link schwieg dazu und schloss demutsvoll seine Augen. ,Was bin ich nur für ein schwächlicher Held?’, fragte er sich. ,Farore würde sich für mich schämen...’

Alles, was nun noch zu bewältigen war, schien das Ertragen der eigenen Schande...

            „Geh’ auf deine Knie!“, triumphierte der Dämon. „Verbeuge dich vor dem Kaiser der Welten.“ Er schwebte einige Meter über dem Boden angesichts des Genusses, das eine Wiedergeburt des mächtigen Helden ihm zu Füßen liegen würde.

            Als Link sich langsam zu Boden sinken ließ, den Kopf nach vorne neigte und seinen eigenen Stolz endgültig wegwarf, konnte Ganondorf nicht mehr länger an sich halten. Er lachte wahnhaft, verfiel in einen regelrechten Krampfanfall und lachte sich halb die Seele aus dem Leib. Roter Speichel tropfte aus seinem Mund, während er sich vor Lachen beinah übergab.

            „Denkst du wirklich, dass es so einfach ist?“, grunzte Ganondorf und hielt sich vor Spottgelächter seinen Wanst fest.

            „Zugegeben, dass du dich so demütigend niederwirfst, alles nur für deine Prinzessin, schmeckt mir mehr als gut, aber damit ist noch lange nichts satt gegessen, armseliges Abbild eines Helden.“

            Link blinzelte und stützte seine mittlerweile eiskalten Hände auf dem noch kälteren, verstaubten Steinboden ab. Er presste seine Lippen aneinander um nicht das nächste Schimpfwort über seine Lippen gleiten zu lassen.

            „Ich vergesse keinen der Schwertstreiche des Masterschwertes, geführt von deinen Händen. Nicht einen... Glaubst du, ich will keine Rache dafür? Woher kommt die Einbildung, ich würde dein Fragment lieber nehmen als das von Zelda? Du weißt doch ganz genau, dass ich von euren erbärmlichen Mächten nichts halte.“ Und damit setzte er den Dolch erneut auf die blasse Haut der rechten Hand Zeldas.

            „Ich will dich leiden sehen und selbst wenn du dich vor mir umbringen würdest, mit deinem eigenen Schwert des Guten, wirst du mich nicht stoppen können.“

            Wie vom Blitz gestreichelt sah Link dem Geschehen zu und fand einfach keinen Weg Zelda aus dieser Hölle zu befreien. Er fühlte sich schlichtweg wie gelähmt.

            Genießend atmete der Fürst des Schreckens durch die Nase ein, sog die kalte Luft in seine halbtoten Lungen und benetzte Zeldas Gesicht mit nach Verwesung riechendem Strom, der seinen Lungen wieder entglitt.

            „Hast du Angst, Hoheit?“, zischte er. Fast zärtlich setzte er den pechschwarzen Dolch an den goldenen, feinen Linien an, die das Fragment von dem Fleisch abhoben.

            „Ich kann dir versprechen, dass es brennen wird, dass es weh tun wird!“ Etwas Abartiges blitzte in Ganondorfs Augen auf. Es war nicht länger nur Gier oder Machtsucht. Es war eine perverse Form von Lust und Triebregung.

            Die Sekunden kamen Zelda vor wie eine erbarmungslose Ewigkeit. Nicht nur, dass Ganondorf den Moment ihr den Dolch in die wehrlose Haut zu stoßen immer weiter hinauszögerte. Nein, das Scheusal begann sie mit einem fettigen Grinsen anzuekeln.

            Sie brüllte etwas in das Pflaster auf ihrem Mund, riss erneut an den Ketten und schaute hilflos zu Link, der sich überhaupt nicht mehr rührte.

            Ganondorfs dreckige Augen ruhten nun auf dem Triforcefragment der Weisheit. Erfüllt mit unbeschreiblicher Vorfreude waren all seine Bedürfnisse gestillt. Der Held war an seiner eigenen Hilflosigkeit zu Stein geworden. Und das Fragment der Prinzessin wäre in wenigen Minuten seines.

            Der Dämon grinste wieder, zappelte ein letztes Mal mit seinen dunklen Fingern, die den Dolch führen würden.

            „Bereit, Prinzessin, einen Schmerz zu erfahren, der alles überschreiten wird, was du jemals ertragen musstest?“ Sie schimpfte, wackelte mitsamt dem schweren Stuhl, auf dem sie saß. „Nana... nicht so ungeduldig. Ich fange ja gleich an“, grunzte er ironisch. Er lachte wieder und ließ den Dolch ganz sanft die drei gleichen Seiten des Fragmentes abwandern, noch immer ohne die Haut nur geringfügig zu verletzen.

            Aber bereits dieses Streicheln der kalten Klinge reichte aus und schickte eine unangenehme eisige Welle Zeldas rechten Arm hinauf und blieb wie eine gefühllose Dämonenhand an ihrem Kinn haften.

            Verzweifelt hafteten Zeldas sanftmütige Augen auf Link, der gekrümmt vor der undurchdringbaren Mauer saß.

            „Schau’ nur hin, Mädchen!“, röhrte der Fürst des Schreckens. „Wie ein Häufchen Feigheit sitzt dein Liebhaber dort und kann vor Hilflosigkeit nicht einen Finger krümmen. Vielleicht werden deine Schreie ihn aus seiner Lethargie herausreißen.“ Mit einem Ruck zog der Dämon das Pflaster von ihrem Mund, worauf sie einen jauchzenden Klageton ausstieß.

            Ungläubig starrte die junge Prinzessin in Ganondorfs zufriedenes Gesicht und dann zu ihrem Liebsten.

            „Link!“, rief sie laut und deutlich, jetzt, da sie reden konnte. Noch einmal rief sie seinen Namen, diesmal in Hylianisch, bis er den Kopf hob und sie traurig ansah.

            Sie lächelte schwach. „Ich vertraue auf deine Stärke...“, murmelte sie mit trockenheiserer Stimme. „Fürchte dich nicht länger vor deiner eigenen Macht...“

            Gerade da nahm Ganondorf ihr die Sicht und gab ihr eine Ohrfeige. „Ich habe dieses Pflaster nicht entfernt, damit ihr beide zärtliche Worte austauschen könnt.“

            Aber Zelda ignorierte die Unterlegenheit der Situation, in welcher sie sich befand, war ohnehin aufmüpfig genug, und schleuderte Ganondorf für die Schelle ein wenig Spucke direkt in sein hochnäsiges Gesicht. Seine teuflischen Augen loderten auf.

            „Genug, kleines Miststück!“, zischte er angewidert.

            Es war nun der Moment gekommen, da sich Ganondorfs jahrtausendwährende Sehnsüchte erfüllen sollten. Ein grausames Ritual, das die Vorstellungskraft überging. Ein Schmerz, der die eigene Seele folterte wie ein Erdbeben die Welt teilen konnte. Und er wäre Zeuge, Richter und Verteidiger in einem. Er hätte alle Fäden in der Hand.

            Er nahm den Dolch fest in seine Hand, seine sündenvollen Gedanken inmitten eines Stromes unberechenbarer Rachsucht. Sein Herz schlug wieder rasend. So schnell und rastlos wie einst als er noch Leben in seinen Adern hatte. Und so absurd es auch klang, seit Ewigkeiten fühlte er einen Funken Dankbarkeit, ja, schöne, erfüllende Dankbarkeit, einzig dafür, dass ihm das Schicksal diesen Genuss gewährte.

Schicksal...

            War er nicht beinah so mächtig wie das Schicksal selbst? Und mit diesem absurden Gedanken schloss er ab, umkrallte das Teufelsinstrument elegant, hörte die Klinge rauschen, betteln, sich endlich in junges Fleisch zu bohren. Genüsslich setzte er an, blickte ein letztes Mal in die verängstigten schönen Augen der Prinzessin und dann gehässig zu Link, der inzwischen vom Boden aufgestanden an der magischen Wand klebte.

            Mit einem heftigen Ruck bohrte sich die Teufelsklinge tief in sanfte Haut, durchstieß gesundes Fleisch und junge Knochen und stak an einer Seite des goldenen Fragmentes fest.

            Im ersten Moment konnte die junge Prinzessin vor Schmerz nicht einmal schreien. Sie wurde fahl und leichenblass in ihrem Gesicht. Aus ihren roten Lippen zog sich das Blut zurück und feine Äderchen in ihren starrstehenden Augen platzten knisternd. Rinnsale aus Blut tropften ihre Wangen hinab, während sich der Dolch langsam an der ersten Kante ihres Fragmentes entlang bewegte und es mit fieberrischer Genauigkeit von ihrem Körper trennte.

            Ihr Atem setzte plötzlich aus, bewirkte nur, dass sie anfing wie ein erstickender Fisch nach Sauerstoff zu röcheln. Sie röchelte mehrere Sekunden, doch Ganondorf kannte keine Gnade und sah befriedigt zu, wie sie sich quälte.

            In dem Augenblick donnerte ein impulsiver Schrei aus Links Kehle. Gesteuert von seiner tiefen Zuneigung zu Zelda schlug er wie wahnsinnig mit dem Schwert wilde, stürmische Linien in den violetten Umhang. Aber der Umhang verdichtete sich nur umso mehr. Er begann mit den blanken Fäusten dagegen zu hämmern, bis jene wund waren, verfluchte Ganondorf, schickte ihm alles an Hass entgegen, den er fühlte. Aber an der magischen Mauer tat sich nichts. Kein Riss bildete sich. Kein schmaler Weg der Hoffnung.

            „Hör’ auf damit, du Schwein! Hör’ auf damit!“, schrie Link verzweifelt. Er trampelte gegen die Begrenzung und wurde plötzlich erbarmungslos durch den Raum geschleudert. Mit einem beherzten Wandsprung fing er sich ab und rannte wieder in Zeldas Richtung.

            „Ich habe dir nicht zu viel versprochen, was?“, lachte der Fürst des Schreckens und begann den Dolch an der zweiten Seite des Fragmentes entlang zu führen. „Das ist sicherlich schlimmer als eine Vergewaltigung, Hoheit...“

            In dem Moment drang der erste markerschütternde Schrei aus Zeldas Kehle, sie wimmerte, bettelte nach Link und hatte ihre Augen geschlossen. Sie nahm nicht mehr wahr, dass er hier war. Alles, was sie nun noch fühlte, war Schmerz. Überall. Auf ihrem Körper. In ihrem Inneren. Schmerz, der die Seele folterte.

            „Link...“, winselte sie und rüttelte so heftig an den schweren Ketten, dass sie sich mehr und mehr äußerliche Wunden zufügte. Sie zitterte, wimmerte immer lauter und ihre rubinroten Tränen wandeln sich in klare blaue...

            Dem Heroen stieg das Wasser in die Augen, als er mit ansehen musste, wie sie litt. Hatte sie nicht schon genug durchgemacht. Warum nur war das Schicksal so grausam zu ihr?

            „Zelda!“, rief er. „Ich bin hier, hörst du! Ich würde dich nie alleine lassen.“ Er versuchte zu ihr durchzudringen, wusste er doch, dass sie ihn nicht hören konnte. „Zelda! Ich vertraue auf deine Stärke... Zelda...“

            „Gib dir keine Mühe, Heldchen. Sie hört dich nicht mehr. Der Schmerz hat ihre Sinne betäubt“, unterbrach ihn der Dämon. 

            „Drecksschwein. Dafür zahlst du!“, fauchte Link und fühlte jenen Hass, welcher bei seinen bisherigen Seelensprüngen, oder Blackouts wie sie ein anderer Teil seines selbst bezeichnet hatte, immer ausgebrochen war. Nur diesmal schien es noch schlimmer zu sein. Wie oft, schon damals in Hyrule hatte er gerade jenen Zorn versucht unters Joch zu zwingen, hatte seine linke Hand mit der anderen unterdrückt, hatte sie, wenn nötig irgendwo in den Erdboden gerammt. Alles nur um die eigene Macht unter Kontrolle zu halten. Alles nur, weil sich Link vor seinem eigenen Fragment des Mutes fürchtete.

            Ja, er wusste, was das Fragment der Kraft in Ganondorf bewirkt hatte. Macht war eben ein gefährliches Spielzeug. Um zu verhindern, dass sein eigenes Fragment ihn so wie Ganondorf in eine Bestie verwandeln würde, hatte er es stets und ständig gefesselt und sich niemals auf es verlassen...

            Zelda schrie nun wie am Spieß und die eine Kette an ihrer rechten Wade zersprang aufgrund ihrer wüsten Bewegungen und Krämpfe.

            Und als Zelda den letzten, heftigen Schrei ausstieß, starb in Links Innerem endgültig das kleine Etwas, das sich Kontrolle nannte...

            Das Fragment auf seiner linken Hand glühte abscheulich und leuchtete mit einer Stärke wie es noch nie konnte. Und diesmal würde Link nichts tun, um dem Ausbrechen eigener Macht im Wege zu stehen. Er konnte nicht mehr. Zeldas unersättlichen Schreie in seinen Ohren quälten auch seine eigene Seele. Ihre mittlerweile wundgeschriene Stimme zerriss jeden Funken Menschlichkeit in ihm.

            Die Prinzessin des Schicksals erzählte einst, das Fragment hätte viele Fähigkeiten. Und Link würde die Gefährlichste, ja Schrecklichste überhaupt zulassen...

            „Du hast dich vor deiner eigenen Macht gefürchtet... lass’ sie atmen, lass’ sie frei...“, sprach die Stimme des Mutes in seinen tiefsten Gedanken.

Und als müsse Link dieser inneren Stimme antworten, erklang es flüsternd: „Farore... Hab’ dank...“ 

            Das Fragment des Mutes tickte nun, zischte beinahe und schickte viele kleine nadelartige Lichtfunken gegen den violetten Umhang, der Link noch immer von Zelda abschirmte. Löcher bildeten sich. Viele. Allesamt erschufen sie eine Pforte, aber noch war der Weg nicht geebnet.

            In dem Augenblick hatte Ganondorf seinen Teufelsdolch an jeder Seite des Fragmentes entlang laufen lassen. Kichernd nahm er das blutbefleckte Fragment in seine Hände. Es war ein neuer Meilenstein in seiner verdorbenen Hassgeschichte. Endlich besaß er das Fragment der Weisheit, jenes Fragment, welches viele Prinzessinnen Hyrules immer beschützt hatten. Nun war es seins und er würde begehrlich von seiner Macht kosten... 

            Zelda sah nur noch verschwommen, wie der Fürst des Schreckens das Fragment in die Höhe reckte, ihr eigenes Blut tropfte schwerlich von dem Stück Gold hinab. Und endlich fiel die Prinzessin in die Bewusstlosigkeit, die ihre Schmerzen unfühlbar machte.

            Ganondorf lachte wie ein Wahnsinniger und hielt das Fragment glücklich in seinen Händen. Doch es wollte ihm plötzlich entgleiten. Es schwebte in der Luft wie ein lebendiges Wesen, begann zu tanzen, sich zu drehen. Mit einem Klack fiel es zu Boden, rollte einige Meter.

            Von allen Sinnen verlassen hetzte der Fürst des Schreckens hinter dem Fragment her, hatte nur noch Augen für dieses kleine goldene Dreieck, das ein heiliges Licht aussendete. Ganondorf vergaß sich selbst, vergaß alles und achtete nicht mehr auf Link, der im Moment jeden Funken Menschlichkeit aushauchte. Nur noch die Macht zählte. Jene, die er auf dem Handrücken trug und jene, die vor ihm floh...

            Währenddessen vibrierte das Fragment des Mutes aufgeregter, veranlasste den Helden zu ruckartigen, heftigen Bewegungen, bis er auf die Knie brach. Link begann zu schreien, stützte seine Hände an die Ohren und hörte nur noch ein Trommeln in sich. Die Götter trommelten auf ihren gigantischen Instrumenten in seinen Ohren und das Fragment war nun ihr Sprachrohr.

(Ja, hier ein wenig Twilight Princess Feeling…)

            Sein Herz schlug schneller und ein Feld aus purem goldenen Licht umzog ihn, entriss ihm die Kleidung des Helden. Auf magische Weise wurde er entkleidet und hockte nackt und angreifbar vor dem violetten Umhang...

            Er brach zusammen, rappelte sich wieder auf, gequält von eigener Macht, verzweifelt und gefoltert von der eigenen Bestie, die in diesem Moment ausbrechen wollte. Schweiß tropfte wie Wasser von seinem Gesicht und alles in seinem Inneren verschob sich schmerzhaft. Ein eisiges Gefühl glitt seine Adern entlang, bohrte sich tiefer und tiefer und verließ ihn mit einem Zittern als wäre der zoranische Winter in die Kirche Schicksalshorts eingezogen.

            Sein blondes Haar wurde dunkel, zerrte sich zurück und bedeckte nicht länger die tiefblauen Heldenaugen. Das verwandelte Haar verdichtete sich, wuchs über seinen gesamten Körper wie eine pechschwarze Schicht aus Wachs.

            Dann folgte mit einem tiefen Schrei die endgültige Metamorphose und nicht länger kniete der Heroe Hyrules vor dem violetten Umhang, sondern eine zähnefletschende Bestie, die nur noch den Tod bescheren wollte.

            Ein starkes Wolfsgeheul drang durch die stehende, trockene Luft. Vier leise Pfoten setzen an und das Getier prallte knurrend an den violetten Umhang. Im ersten Moment wusste man nicht, ob diese Bestie nur noch einen Funken des jungen Mannes in sich trug, der Link doch war. Hatte dieses Biest das gute Herz Links vielleicht aufgefressen wie seine menschliche Hülle? Würde Link seinen tierischen Tötungsinstinkten wiederstehen können? Oder behielt der Fürst des Schreckens Recht und diese blauäugige Bestie konnte nicht mehr zwischen den ihn liebenden Menschen und dem Bösen unterscheiden?

            Erst da sah Ganondorf auf. Seine niederträchtigen Gesichtszüge weiteten sich schon beinahe angstvoll, als sich eine geifernde Bestie mit lautem Knurren und weitaufgerissenem Maul immer wieder donnernd gegen den violetten Umhang warf. Und was für eine Bestie in diesem Helden steckte. Das war es also, Link hatte sich verwandelt, in ein schnelles Getier, das wahrhaft meisterlich töten konnte. Ein muskelbepackter, großer Wolf.

            Noch ehe der Dämon wusste, wie ihm geschah, durchbrach die Bestie die violette Mauer. Scherben klirrten. Böse Magie war gebannt.

            Fasziniert sah Ganondorf zu wie sich jenes Geschöpf auf leisen, klappernden Pfoten in seine Richtung bewegte. Beinah lautlos. Einzig das Hecheln trübte die Stille hier im eisigen Gemäuer.

            Das gigantische Vieh thronte vor dem Fürsten des Schreckens mit strotzender Überlegenheit. Zotteliges schwarzweiß geflecktes Fell hing an muskulösem Bau herab und herbe, tiefblaue Augen klagten den Teufel an. Einzig das Medaillon war von Links Kleidung und Ausrüstung geblieben. Pendelnd hing es unter seiner Wolfskehle.

            „Soso... du hast die Mauer durchstoßen. Beeindruckend“, grunzte Ganondorf, überzeugt, dass Links gutes Herz mit der Verwandlung gestorben war. Denn das war sein Ziel, sein Plan, seine Erfüllung.  Provokant leckte er Zeldas Blut von ihrem Fragment, das im Augenblick untertänig von seiner linken Hand umschlossen wurde.

            „Ihr Blut schmeckt herrlich, willst du nicht selbst davon kosten?“

            Als reagierte der Wolf auf Ganondorfs Befehle, tapste er zu der angeketteten Prinzessin hinüber. Seine kalte Schnauze schnupperte an ihrer rechten Wade.

            Interessiert sah Ganondorf zu. Seine Lachmuskeln waren bereits angespannt. Ein heftiges Gefühl stieg in ihm auf. Erregung und Befriedigung geboren aus seiner Überzeugung, dass dieser Wolf nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden würde. Bestien kannten keine Gnade und keine Zügelung ihrer Triebe, sagte er sich immer wieder. Und auch das wenige Häufchen, was im Inneren dieser Bestie noch Link geblieben war, würde dem Geschmack von unschuldigem Menschenfleisch nicht entgegentreten können. Höhnend sah der Teufel zu, hoffte und wartete darauf, dass sich Link in dieser Form endlich auf die wehrlose Prinzessin stürzen und sie ausweiden würde.

            Ein helles, schallendes Heulen drang aus der Wolfskehle, doch Link blieb ruhig und standhaft. Auch als er seine Vorderpfoten auf Zeldas Schoß legte und ihr über das in kalten Schweiß getränkte Gesicht schleckte, ging kein hässlicher Mordtrieb von ihm aus. Ganz im Gegenteil. Selbst in dieser Form war er fähig zu Zärtlichkeit und tiefer Zuneigung.

            Es war wohl das erste Mal, dass Ganondorf zwinkerte und eine beachtliche Überraschung seine Gesichtszüge überwucherte.

„Wie... wie kann das sein?“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Link, der endlich von Zelda abließ und erneut mit fletschenden Zähnen vor ihm stand. „Er sollte sie zerfleischen! Das kann nicht sein. Wie schafft er es, sich selbst zu kontrollieren?“

            Tatsächlich hatte Ganondorf die Macht des Guten vollkommen vergessen. Seine Rechnung ging nicht auf. Wut und Hass hatten Link verwandelt, sicherlich, aber deshalb war er noch lange nicht unfähig zu wissen, was er tat, so wie Ganondorf in seiner Bestienform.

            Selbst im unendlichsten Hassgefühl, besaß Link die Stärke seine Handlungen zu kontrollieren, wusste um seine Ideale und seine Ziele. Er hatte sich dem Guten verschrieben. In jeder Form...

            Ganondorf trat wenige Meter zurück, das Fragment der Weisheit noch immer fest von seiner linken Faust umschlossen.

„Na gut, ich muss mir eingestehen. Mit deiner Kontrollfähigkeit über dich selbst hätte ich nicht gerechnet. Aber was soll’s, Heldchen? Denkst du, ich werde nicht mit dir fertig?“

            Und als wollte der Wolf Antwort geben, knurrte er bedrohlich und fletschte seine scharfen Zähne.

            „Sieh’ einer an... du verstehst anscheinend sogar, was ich sage...“

            Der Fürst lachte wieder. Diesmal aus Nervosität. Und erneut entglitt das Fragment der Weisheit seinen eigenen Händen. Gehetzt blickte er von der Bestie zu dem Fragment, welches hinter eine umgefallene Bankreihe schwebte. Er brauchte das Fragment, koste es, was es wolle...

            Ganondorf wurde unkonzentriert, grunzte und schmetterte einige Energiebälle auf Link, dachte, sie würden ihn treffen und verwunden. In Sekundenschnelle stürmte der Dämon in Richtung des Fragmentes, ertrunken an seiner eigenen dummen Machtsucht schien Link für ihn vollkommen nebensächlich zu sein. Und da war es aus.

            Der Wolf knurrte, ließ seine spitzen Zähne aus dem Maul herausstechen, die beinah wie Licht funkelten, und rannte wie besessen hinter Ganondorf her. Schnellend sprang das Getier auf die lange Tafel, sprang hinab auf den Steinboden und über umgeworfene Bankreihen.

            Was folgte war ein lauter Schrei aus Ganondorfs Kehle, denn der Wolf stürzte sich heimtückisch auf seinen Rücken und biss zu, was das Zeug hielt.

            Ganondorf kreischte, schlug wild um sich und löste sich in einem glühenden Spektakel dunkler Punkte auf, nur um direkt am Altar zu erscheinen. Warum konnten diese Zähne ihn verletzen? Einst waren es nur Lichtpfeile, die seine Haut verwunden konnten. Licht und das Masterschwert…

            „Wenn du sie nicht tötest, töte ich sie!“, zankte der Dämon, zog sein Dämonenschwert und glitt mit gezückter Waffe in Richtung der bewusstlosen Prinzessin Hyrules. Er hatte es nun endgültig auf sie abgesehen, stürmte näher und wollte ihr das Schwert endgültig ins Herz rammen.

            Der Wolf glitt durch die Luft, machte hohe Sätze und sprang direkt vor die junge, bewusstlose Prinzessin. Verwundert stand Ganondorf einfach nur da und blickte dem stolzen Getier, welches auch jetzt noch seine Prinzessin bis zum Blut verteidigen würde, in die anklagenden Augen.

            Der Dämon seufzte, wischte sich sauren Schweiß von Gesicht und Stirn und griff mit seiner freien Hand in seinen Nacken, fühlte dort sein schwarzes, kaltes Blut tropfen. Er atmete heftig.

            Auch der Wolf hechelte und ließ seine bedrohlichen blauen Augen auf Ganondorfs feurigen ruhen. Die Ruhe wiederfindend entbrach Links verwandeltem Körper ein goldenes Licht, umgarnte ihn und machte jene unheilvolle Metamorphose rückgängig, schenkte ihm sein Heldengewand wieder und einen Schuss Stärke, die der Wolf hinterließ.

            Geschwächt rümpfte der Fürst des Schreckens die Nase, führte eine zitternde Hand an sein Schwertheft und wusste doch, dass er sich zuerst von den Bissen der Bestie erholen müsste oder der Held in seiner wiedergewonnenen wahren Gestalt hätte leichtes Spiel.

            Link wischte sich mit einem Ärmel über die Lippen und spuckte Ganondorfs schwarzes Blut aus seinem Mund. Noch immer spürte er, wie sich seine Zähne in Ganondorfs breiten Nacken gebohrt hatten. Sein Blut schmeckte wie Gift.

            Gnadenlos nahm der Heroe den Bogen von seinem Rücken und spannte einen Pfeil. „Nähere dich Zelda nur noch einmal und dieser Pfeil durchbohrt dein schwarzes Herz mit gnadenloser Wucht. Ich zerfetze dich, Teufel.“ Ein Gewebe aus Licht bildete sich sogleich um das tötende Geschoss und warnte den Dämon.

            „Ein Lichtpfeil?“, lachte der Dämon. „Du denkst, ich reagiere immer noch allergisch auf diese dummen Geschosse?“ Link grinste. Sicher, Ganondorf dachte, er könnte jenen Pfeil stoppen. Aber auch er hatte nichts gelernt.

            „Wart’s ab!“ Und damit ließ Link das rasende Geschoss los. Es verfehlte knapp Ganondorfs rechtes Ohrläppchen und sauste zischend in die Dunkelheit der alten Kirche.

            „Nicht mal zielen kannst du, Gartenzwerg!“ In dem Augenblick legte Link seinen Kopf schräg, bewegte seine triforcetragende Hand auf eine absurde Weise, schien nach jemandem zu winken. Es war Instinkt. Link wusste nicht einmal was er tat oder wie er es tat. Jedenfalls begann er mit dem Fragment in seiner Hand das Licht des Pfeils zu steuern.

            Ganondorf begriff zu spät seine Lage und der Pfeil, der in den Lüften die Richtung wieder änderte, prallte direkt in jene Fleischwunden, die der Wolf dem Dämon vor wenigen Sekunden zugefügt hatte.

            „Wer kann hier nicht zielen, kranker Mann...“, sprach Link kühl. Mit einem ekelerregenden Grunzen fiel Ganondorf direkt vor Link auf die Knie und würgte. Mit der linken Hand umschloss er das kleine inzwischen blauleuchtende Triforcefragment der Weisheit, gaffte den Heroen noch einmal herablassend an und verschwand...

            Link nahm einige befreiende Atemzüge und begann sich mehr und mehr vor sich selbst zu ekeln. Noch immer lag ein säuerlicher Geschmack auf seiner Zunge. Ganons verseuchtes Blut hing störend in seinem Mund. Er spuckte einige Male, aber der Geschmack verging nicht.

            Er schüttelte den Schädel, bemüht auf jedes kleine Detail in der Kirche zu achten. Ganondorf schien verschwunden zu sein. Egal, wie lange... Link hatte im Moment nur noch einen Wunsch.

            Ruckartig wirbelte er herum und tapste mit wackligen Beinen, denn die gnadenlose Verwandlung steckte noch fühlbar in seinen Venen, direkt auf Zelda und den hässlichen Folterstuhl zu. Mit qualvoll verzerrten Gesichtszügen stand Link direkt vor ihr. Schuld und Angst um seine große Liebe spannen sich um ihn und stachelten erneut den gefährlichen Reiz sich in ein Biest zu verwandeln an. Er konnte den Wolf rütteln hören in seinem Inneren, spürte sein Hecheln und Heulen...

            Vorsichtig legte Link eine Hand auf ihre rechte, kalte Wange, wischte mit dem Daumen die dünnen Blutspuren ihrer rubinroten Tränen fort und kühlte den gefährlichen Reiz sich zu verwandeln mit Herzenswärme, die nur Zelda galt.

            „Zelda...“, sprach er leise, bemüht seine eigene Verzweiflung über ihre Bewusstlosigkeit zu bekämpfen.

            „Zelda? Hörst du mich? Ich bin es...“, sagte er durchdringender, aber nichts tat sich. Die junge Prinzessin der Hylianer blieb fortwährend bewusstlos...

            Machtlos sank der Heroe auf seine Knie und ließ eine nötige Träne seine rechte Wange hinab tropfen. „Vergib’ mir...“, seufzte er kummervoll. „Ich war nicht rechtzeitig bei dir...“ Viele entschuldigende Worte entkamen seinen trockenen Lippen. Sein Kopf ruhte nähe suchend auf Zeldas Schoß, bis er durch ein kleines dumpfes Geräusch in der alten Kirche aufgeschreckt wurde.

            Er blickte hastig um sich und dann wieder zu Zelda. Aber das Geräusch schien keine bedrohliche Ursache zu haben. Vielleicht der kalte Wind, der an die Steine des Gemäuers klopfte oder ein verirrter Moblin, der sich nicht einmal zehn Meter in Links Nähe begeben würde...

            Der Heroe kniff die Augen zu, sammelte seine Kräfte und überwand die Angst nach Zeldas Puls zu suchen. Zittrig wanderte seine Linke zu ihrem Hals. Als er den Puls nicht fand, sagte er noch einmal deutlich ihren Namen. Doch nach wie vor, blieben Zeldas himmelblaue Augen fest geschlossen und ihr Lächeln verschwunden.

            Links Blick wanderte schließlich zu ihrer rechten, blutüberströmten Hand, die noch immer angekettet auf dem verdammten Teufelstisch lag. Auch der schwarze, gläserne Dolch lag daneben, begann stückchenweise ihr reines, magisches Blut aufzusaugen. Angewidert schleuderte Link das verfluchte Instrument vom Tisch und begann es mit einem gezielten Stoß des Masterschwertes zu richten. Ein zischender Dampf entstieg den Glasscherben des Dolches, bis er sich in Asche wandelte.

            Der Heroe löste vorsichtig Zeldas rechte Hand aus der rostigen Kette, die jene auf den Tisch festschnallte, dann kniete Link nieder und begann die restlichen Fesseln an ihrem Körper zu entfernen.

            Alle Fesseln waren geöffnet, da fiel die junge, bewusstlose Zelda einfach von dem Stuhl und direkt in Links erwartende Arme.

„Zelda?“, hauchte er an ihr rechtes Ohr und drückte sie innig an sich.

            „Wir haben uns einst versprochen, dass, wenn einem von uns das Fragment geraubt wird, wir auf die Stärke des anderen vertrauen... erinnerst du dich?“ Seine tiefblauen Augen schillerten so trübsinnig wie damals. „Ich vertraue dir... deshalb... bitte komm’ zurück zu mir...“

            Verzweifelt drückte er sie näher an sich, küsste sie auf ihren Mund mit der stillen Hoffnung, dass sich ihre weichen Lippen bewegen würden. Aber sie blieben regungslos. Zelda blieb leblos.

            Erneut spürte Link irgendetwas in seinem Nacken. Etwas war hier in der Kirche. Aber es war nicht - oder noch nicht- Ganondorf, der sich von seinen Wunden erholt hatte. Irgendetwas lauerte hier und beobachtete Link mit Schärfe.

            Ohne weitere Zeit zu verlieren, suchte Link Verbandszeug aus seiner magischen Gürteltasche und verband die blutige Hand seiner Prinzessin. Er rüttelte sie wiederholt, aber kein Lebenszeichen kam von ihrem zerbrechlichen Körper.

            In dem Augenblick klirrten die Scheiben der Kathedrale erneut und zersprangen in einem grandiosen Silberregen. Link handelte, ehe er mit seinen Augen wahrnahm, was geschah. Er packte Zelda und stieß sich mit magischer Kraft seines Fragmentes ab. Geschwind raste er unter einer der umgefallenen Bankreihen und schützte Zelda zusätzlich mit seinem eigenen Körper.

            In dem Moment stürzten sich Hunderte von Ganondorf gesandte Todeskrähen in den Innenraum. Ihr Krächzen und Wimmern glich einem verbitterten Schimpfen, da sie ihre vermeintlichen Opfer in der Kirche nicht vorfanden.

            Gerade da rauschte Links Energie des Mutes wie ein gigantischer goldener Sturm in der Kathedrale auf und ab, zerstörte alle Vogelbestien, bis erneut die Stille einkehrte.

            Einige Minuten verrannen, während Link unter der umgefallenen Bankreihe nur seine eigene Atmung hören konnte. Sachte richtete er sich auf und hielt Zelda erneut innig in seinen Armen. „Zelda, Liebste... ich weiß, dass du ohne das Fragment leben kannst, dass du ohne es atmen kannst. Denn du bist stark, du bist mächtig auch ohne die goldene Energie. Bitte wach’ auf...“ Er vergrub seinen Kopf auf ihrer Schulter, und war zunächst ein wenig verwundert, dann beruhigter über die Wärme ihrer Haut. Erneut tastete er nach ihrem Puls und fand ein kleines, verheißungsvolles, wunderliches Klopf... Klopf... ein kleines Pochen unter seinen Fingerspitzen und noch eines.

            Mit einem befreienden Atemzug lehnte sich Link mit der ohnmächtigen Königstochter in seinen starken Armen zurück und wartete auf den nächsten Wink des Schicksals...   

 
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