Kapitel 87
 

Kapitel 87

 

 

 

 

Die Stille kehrte ein in jene kleine Kirche, die im Herzen Schicksalshorts erbaut alte Zeiten verherrlichte. Kein Laut drang aus ihrem Inneren, wo sich Gutes und Böses gegenüberstanden und wo vor wenigen Sekunden schwarzgefiederte Vögel mit erschreckenden Lauten von guter Magie vernichtet wurden.

Noch immer war Ganondorf verschollen, schien sich irgendwo in einem seiner Verstecke auf der Erde langsam zu erholen, aber beobachtete seine Widersacher zielsicher, und würde sich preisgeben, sobald es das Schicksal verlangte.

Link lag währenddessen noch immer tief einatmend unter einer der umgeworfenen Holzbankreihen, hörte den Regen außerhalb trommeln und spürte nun deutlich Zeldas Atemzüge an seinem Hals. Tröstend lag sie in seinen Armen, verwöhnt von beschwörenden Worten, die Link in ihre Ohren flüsterte, und gestreichelt von warmen Händen, die sie aus ihrer Bewusstlosigkeit reißen wollten.

Zelda atmete leise, und ihr fühlbarer Herzschlag war für Link ungemein beruhigend. Sachte richtete sich der auserwählte Held auf, nahm die Prinzessin Hyrules auf seine Arme und kroch vorsichtig unter seinem Versteck hervor. Seine tiefblauen Augen schienen wacher als jemals zuvor. Sein Körper kampfbereit und seine Seele durch die Erinnerungen an Hyrule gewachsen.

Es war ein vertrautes Bild, das ein Beobachter sehen konnte. Gefasst stand der in grünen Gewändern gekleidete Heroe inmitten einer düsteren Umgebung und hielt die Prinzessin des Schicksals auf seinen Armen. Sein Fragment des Mutes strahlte als winziger Lichtblick in der alten Kirche und sendete einen Lichtschein über Zeldas blasses Gesicht, wo Tausende lange Haarsträhnen in Richtung Boden abfielen.

 

Er blickte wieder um sich, schaute von Zelda zu den Seitenwänden und entdeckte in der hintersten Ecke einen reichlich verzierten Beichtstuhl. Geschwind hastete er hinter jenen Beichtstuhl, sodass er noch geschützter sich mit Zelda dort verstecken konnte als unter den Bankreihen. Wenn der Kampf fortfahren würde, wäre dies ein Ort, um Zelda in Sicherheit zu wissen.

Link ließ sich wieder zu Boden sinken, drückte seine Liebste an sich und verharrte einige Momente. Seine Gedanken wurden schwerer, gingen ungewollt auf Reisen...

Wie viele Kämpfe sie schon hinter sich hatten! Wie viele Kämpfe wohl noch folgen mögen...

Wann nur war dies alles einmal vorbei? Wann war diese Suche nach dem Triforce und diese Machtgier schändlicher Gemüter endlich vergessen?

 

Link schüttelte den Kopf um jene Gedanken abzuwürgen. Was brachten diese?

Ja, er fühlte sich niedergeschlagen, ein wenig ausgelaugt, ein wenig müde, aber wer nahm ihm das übel?

Link wollte im Moment einzig, dass sich sein Erzfeind wieder zeigen würde. Nur damit dieser dumme Kampf endlich zu Ende ging. Stattdessen versteckte sich Ganondorf Dragmire und trank womöglich noch einige Gifte, die seine immense Wut und Stärke schüren würden. Trinken...

 

Sachte ließ er Zelda neben sich sinken und durchwühlte seine magische Tasche nach einer Flasche Wasser, genehmigte sich einige Schlucke und fühlte sich tatsächlich besser.

Er setzte die Flasche an Zeldas Lippen als ein Versuch sie aus ihrer Ohnmacht zu reißen. Ein kleines Rinnsal aus Wasser floss an ihren Lippen abwärts, benetzte ihr Kinn und tropfte auf die mit lichtspendenden Engelshaaren durchsetzte Bluse, die enganliegend auf ihrer Haut lag.

 

„Zelda?“, sprach der junge Held klar und streichelte ihre Wangen. Sein Blick wanderte zu ihrer rechten Hand. Inzwischen war das Blut bereits durch den Verband gedrungen und lief langsam an ihren Fingerspitzen entlang. Sein Blick verweilte zu lange darauf, um zu bemerken, dass Zeldas lange Wimpern zuckten. Er nahm ihre Rechte in seine beiden, entfernte den durchtränkten Verband und schaute sich das dreieckförmige Loch an, wo das Blut nahezu stand und nicht einmal mehr die Haut erhalten war. Es tat ihm weh, diesen Schandfleck zu sehen...

Erneut umwickelte er ihre Hand mit einem frischen Verband, als seine Prinzessin seufzte.

Erschrocken ließ Link von der Hand ab, näherte sich ihrem Gesicht mit seinem und sagte ein weiteres Mal tiefsinnig ihren Namen.

Ihre Lippen bewegten sich zu einem Lächeln, noch bevor sie ihre Augen aufschlug. Es sagte Link vieles, aber vor allem, dass sie immer zu ihm zurückkehren würde. Mehr als ihr Lächeln brauchte er nicht, verlangte er nicht, um die Grausamkeit des Weltenendes zu überstehen.

Sie murmelte ein leises: „Hey...“, vor sich hin und öffnete endlich ihre schönen, saphirblauen Augen.

„Hey...“, flüsterte Link zittrig, begann zu lächeln, begann beinahe zu lachen und gleichzeitig zu weinen, allein weil sie in ihren Augen genau dasselbe Leuchten hatte wie vorher und weil sie lächelte. So schön wie immer.

 

Im nächsten Moment fiel der junge Heroe fast über sie her, umarmte sie fest, ignorierte ihr daraus resultierendes Gebrummel und Gemeckere und lachte leise.

„Link?“, brummte sie spielerisch, aber glücklich. „Du zerdrückst mich noch...“ Anstatt sie aus der Umarmung zu lassen, suchte er ihre Lippen und küsste sie leidenschaftlich.

„Bei Farore... ich bin ja so froh...“, sagte er und drückte mehrere kurze Küsse auf ihre rechte Wange, dann an die Ecken ihres Mundes  und auch auf ihre linke Wange. „Den Göttinnen sei Dank, dass du lebst...“, seufzte er und küsste sie wieder drängend auf die Lippen.

„Link?“, sagte sie erneut, rückte einige Zentimeter weg und blickte ihn durchdringend an. Irgendetwas war anders an ihm... neu... und doch vertraut... Es war sein Blick...

 

Seine tiefblauen Augen schillerten besorgt. Er nahm ihre geschundene Hand in seine Linke und führte jene zu seinen Lippen. Behutsam küsste er das getrocknete Blut von ihren Fingern.

„Entschuldige, dass ich nicht eher da war...“ Wie vom Blitz getroffen erinnerte Zelda die Ereignisse der letzten Minuten. Irritiert sah sie um sich, ihre Augen hetzten im Innenraum der Kirche umher und dann unheimlich verängstigt in Links Gesicht, welches sie in der Düsternis jedoch in allen Einzelheiten erkennen konnte.

„Wo ist Ganondorf?“, fragte sie aufgeregt und hielt sich sogleich unzart an Links Tunika fest. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und erklärte: „Nachdem ich die violette Mauer durchbrochen habe, konnte ich ihn schwächen... dann hat er sich dein Fragment geschnappt und ist geflüchtet.“ Sie schloss die Augen, fühlte sich beruhigter und lehnte ihren Kopf wieder an seine Brust.

„Es tut mir leid, Zelda... wahrscheinlich wird er sich erholen...“

„Schon gut, Link... rechtfertige dich nicht dafür... und nicht vor mir“, murmelte sie. „Was ich jetzt möchte, ist zu wissen, wie du aus dem Thronsaal in Hyrule fliehen konntest.“ Ihre Stimme hallte tückisch in dem kalten Gebäude, während außerhalb weiterhin der Regen trommelte.

„Dein Alter Ego hat mich ohne mein Einverständnis fortgetragen...“ Link lachte beinah und streichelte ihr goldenes Haar.

„Sian?“

„Ganz genau...“

„Das ist wunderbar...“ Schließlich fiel ihr Blick zu der grasgrünen Mütze, die Link auf dem Haupt trug. Sie grinste ein wenig. „Dann hast du deine Mütze auch von Shiek?“ Er nickte bloß, war aber ein wenig verwundert, dass sie noch nicht bemerkt hatte, dass er seine Erinnerungen wieder hatte. Spürte Zelda nicht sonst auch jede Kleinigkeit an der Seele eines Menschen?

 

Gerade da entdeckte der junge Heroe eine kleine Gefahr in der Nähe der Kirche herum werken. Es war noch weit weg, aber näherte sich unberechenbar schnell. Er sprang auf, ohne auf Zeldas verdutzte Fragen einzugehen, die er im Moment nicht einmal hören konnte. Kaum stand er auf seinen Beinen, rauschte ein weiterer Strom von teuflischen Krähen durch die zerbrochenen Fensterscheiben. Zelda begann die Augen zusammenzukneifen und kreischte.

Link jedoch blieb gelassen, spannte lediglich einen Lichtpfeil und ließ jenen hinauf an das Kirchengewölbe prallen. Ein Regen aus Lichtscherben tanzte nieder. Die Bestien verwandelten sich in Asche, noch bevor sie den Boden berühren konnten. Link entließ einen erleichterten Atemzug und blickte grinsend zu Zelda, deren Augen ihm viele Komplimente erzählten. Es schenkte ihm Kraft, ja Kraft für den grausamen Kampf, der noch vor ihm stand. Sie lächelte ich ununterbrochen an, während er es sich wieder neben ihr bequem machte.

Ihre Augen leuchteten so extrem, dass er sich schon verlegen vorkam. Bewunderung stand darin. Sie legte eine Hand auf seine rechte Wange. „Link… du bist unglaublich, mein Held…“

„Ich weiß, dass ich der unglaublichste Held dieses Planeten bin.“

„Übertreib’ bloß nicht“, erwiderte sie spitz.

Er deutete auf seine spitze Nase. „Das muss ich nicht, ich bin auch so unglaublich.“ Sie grinste daraufhin und er hatte seinen Willen durchgesetzt. Er konnte sie mit seinen Worten aufheitern, ausgerechnet hier am kältesten Ort der Welt. Hier in der Gegenwart des Bösen. Er rückte näher, schloss die Augen und murmelte: „Ach Zelda… meine Zelda…“

„Ach Link… mein Link…“, äffte sie ihn nach.

„Ich bin Dein… auf ewig“, meinte er dann und gab jeglichen Besitz seiner selbst damit auf. Sie lächelte.

„Was wäre ich nur ohne dich…“, sagte er leise.

„Das, was ich ohne dich wäre…“, meinte sie daraufhin.

„Ach Zelda… meine Zelda…“ Sie drückte ihren Zeigefinger auf seine Lippen und unterbrach ihn. „Du wiederholst dich“, schmunzelte sie und brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen.

 

„Wie fühlst du dich ohne dein Fragment?“, meinte Link leise und stützte sein Kinn an Zeldas zarte Stirn.

Sie befanden sich noch hinter dem Beichtstuhl hier in der kalten Kirche Schicksalshorts. Immer wieder schielte der junge Heroe wachen Auges in Richtung Altar, wo das schwarze Bild hing, welches Din ihre Kräfte geraubt hatte. Sollte er sich nicht auf die Suche nach Ganondorf machen? Jetzt, da jener geschwächt war?

 

„Schläfrig, aber...“ Sie machte eine kleine Pause und unternahm einen tiefen Atemzug. „Aber ich fühle mich besser als ich dachte...“

„Brennt deine Hand sehr schlimm?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es fühlt sich fast taub an...“

„Ich verspreche dir, ich hole dein Fragment zurück, okay?“

Sie nickte, hob ihren schweren Kopf ein Stückchen an und begann in seinen tiefblauen Heldenaugen zu träumen. Da stand soviel Wärme und Güte. Liebe und Mut, dass sie sich darin verlieren könnte. „Ich liebe dich, mein Held...“, sagte sie, diesmal nicht unter Druck, diesmal aus ihrem Inneren heraus, weil es ihr ein Bedürfnis war.

„Schon immer, nicht wahr?“

Sie nickte, hätte sich aber gerade im Moment ein: ,Ich dich auch’ gewünscht...

„Auch schon damals, als wir Kinder waren... in Hyrule...“, meinte er vorsichtig und hielt dem Blick ihrer Augen stand. Aber noch sah er keine Verwunderung darin, obgleich er diese provozieren wollte, damit sie verstand, dass nicht mehr der gleiche Link vor ihr stand wie vorher, sondern ein Teil hinzugekommen war, den er vergessen hatte.

„Sicher...“

„Auch, als wir uns damals versprochen haben, einander zu vertrauen, auf den anderen zu warten, falls einem von uns das Fragment entrissen wird?“ Und damit berief er sich auf eine Erinnerung, die der auf der Erde wiedergeborene Link nicht wissen konnte.

„Ja, auch damals schon...“, sagte sie leise und erinnerte jenen Augenblick der Vergänglichkeit. Sie wusste noch, dass sie auf ihrer weißen Kinderschaukel saß und Links Frage ignoriert hatte. Ja, schon damals war sie verliebt in ihn gewesen.

„Es war ein sonniger Tag, damals, als der alternative Zeitpfad begann...“

„Genau...“, bestätigte Link und begann sich noch mehr zu wundern. Warum bemerkte Zelda nicht, dass nur der Link von damals diese Erinnerung besitzen konnte? Sie aber grinste mit einem Hintergedanken.

„Auch schon in der alternativen Zeit... als du in Kakariko verwundet wurdest“, begann sie. Wohin will sie mich damit bloß führen, fragte er sich. „Das war der erste Tag, an dem ich dich berühren dürfte, ohne dass du...“, setzte sie fort. „... mich durchschaut hättest“, flüsterte sie und blickte sorgenvoll um sich. Wie lange es wohl dauern würde, ehe sich das Böse wieder zeigte?

 

„Moment mal...“ Die Entrüstung in Links Stimme war kaum zu überhören. „Du... du hast mich damals...“

„... Mmh...“ Zelda schmiegte sich wieder näher an ihn und flüsterte in sein Ohr. „... ohne dein Wissen gestreichelt...“

„Gestreichelt?“ Links Stimme war nun so laut, dass Zelda Angst bekam, er würde damit irgendwelche Abgesandten Ganondorfs auf ihre Spur locken.

„Ich habe dich sogar geküsst.“

„Geküsst?“, rief er noch lauter.

„Brüll’ doch nicht so“, schimpfte sie. „Du hast damals im Schlaf gezittert, Link. Du hattest Alpträume und du hast...“

„... ich habe dich vermisst...“ Zelda lächelte und schließlich wurden ihre schläfrig anmutenden Augen ein wenig größer und bissiger.

„Also doch...“ Sie tippte mit dem Zeigefinger an Links Nase und offenbarte ihre Vermutung.

„Du weißt, welche Verletzungen du nach dem Angriff auf Kakariko hattest.“ Link nickte. Noch heute hörte er die Klagerufe der Menschen, die in der Handelsstadt ihre Familien und ihr Hab und Gut verloren. In der grausamen alternativen Zeit, wo Link der einzige Hoffnungsschimmer für viele Hylianer darstellte. Seine ansehnlichen Gesichtszüge wandelten sich zu Erstaunen und schienen noch anziehender für die Prinzessin in seinen Armen zu sein.

„Zwei gebrochene Rippen. Eine Platzwunde. Einige Brandwunden. Ich weiß es, denn...“

„Denn du... bist...“, flüsterte sie.

„Ja, Zelda, ich bin es... dein wahrer Held der Zeit...“

„Du kannst dich erinnern?“ Sie umarmte ihn gleich noch einmal. „Wie ist das möglich?“, flüsterte sie verwundert an seinen Hals. Link schloss die Augen und begann ihr zu erzählen, dass er das durchmischte Elixier mit dem Risiko getrunken hatte sein jetziges Ich zu verlieren. Aber seinen Ausflug in die mögliche Zukunft verschwieg er vorerst. Er legte seine Hände auf Zeldas Wangen und sah Schwermut, ja beinah Angst darin. 

„Freust du dich denn gar nicht?“

„Doch... es ist nur...“

„Was?“, sprach er leise.

„Deine Gefühle... für mich... sind diese jetzt... anders?“ Sie scheute seinen Blick und zog sich ein wenig von seiner Nähe zurück. Butterweich blickten ihre sanftmütigen Augen zu Boden. Sie fürchtete sich vor der Antwort, hatte Angst, der Link, den sie liebte, war vielleicht nicht mehr.

„Zelda!“ Er sprach eingehend und grob. Links Stimme warnte sie davor, wieder dicht zu machen.

 

In dem Moment wurden sie beide von einem aufschreckenden Poltern unterbrochen. Von der kleinen Krypta drangen heftige Geräusche die kaputte Steintreppe hinauf, so als ob jemand dort unten alles zu Kleinholz verarbeitete. Das Poltern wurde lauter und beängstigend. Es zischte. Es knarrte. 

Link und Zelda schreckten beide auf und traten vorsichtig hinter dem Beichtstuhl hervor.

„Was mag das sein?“, murmelte sie hinter seinem Rücken, während Link sich schützend mit Schwert bewaffnet vor sie platzierte.

„Vermutlich eine Bestie Ganondorfs...“, sagte er düster. „Ich bezweifle, dass es Ganondorf persönlich ist.“

Gemächlich tapsten sie in der Düsternis in Richtung Altar, fühlten beobachtende Blicke in ihren Nacken und lauschten den Hunderten tückischen Geräuschen, die von der zerstörten Welt außerhalb nach innen drangen.

 

Als sie an der seitlich liegenden Hintertür angelangt waren, die nicht weit vom Altar entfernt war, hielt Link inne. Geschwind wand er sich zu ihr und streichelte mit der Rechten eine ihrer samtigen Wangen. „Hör zu, Zelda. Ich möchte, dass du fliehst.“ Ihre Gesichtszüge wurden grimmig und erzählten ihm von keinem Hauch Einsicht oder Einverständnis.

„Zelda, sei nicht albern. Du hast dein Fragment verloren und du bist geschwächt. Ich muss diesen Kampf alleine überstehen, wenn dir etwas zustößt, könnte ich mir das niemals verzeihen... Das ist mein Kampf.“

Sie schaute bekümmert zu Boden und allein das Wasser in ihren Augen verriet ihm, wie ungern sie ihn alleine ziehen lassen wollte. War es denn nicht ihr gemeinsamer Kampf in jedem Leben? Der Kampf um das Triforce, und die vielen Kämpfe in Hyrule- es waren doch nicht alles alleine seine Kämpfe! Ohne die Menschen, die ihn liebten. Ohne seine Freunde. Ohne Zelda...

Ohne sie alle wäre er doch niemals der Held der Zeit geworden...

 

„Link, das ist nicht alleine dein Kampf!“, sagte sie stark, aber riss sich von ihm los. „Wie soll das hier weitergehen, Link? Du brauchst Verbündete, du hast sie immer gebraucht. Und bevor der neue Tag anbricht, muss Ganondorf verbannt sein. Es sind höchstens noch sechs Stunden, bis sich das Schicksal der Welt entscheidet. Führe diesen Kampf nicht alleine!“ Sie machte eine notwendige Pause und sprach so schnell, dass Link sie erst gar nicht unterbrechen konnte. „Erinnere dich an die Worte von Klein-Link... Wenn wir Ganon heute nicht stoppen können, dann... hat diese Welt keine Zukunft mehr. Wir müssen ihn stoppen, wir zusammen, nicht du alleine!“ Es war beängstigend, dass Zelda dieses Alptraumszenario nun offen aussprach.

„Und dennoch will ich, dass du hier verschwindest, Zelda. Es ist wie Ganondorf sagte, du bist nun mal...“ Er seufzte und blickte kopfschüttelnd zu Boden.

„Sag’ es ruhig...“ Sie tat es ihm gleich und starrte traurig zu Boden.

„... du bist meine größte Schwäche...“ Link ließ die Worte leise ausklingen und blickte seitlich, direkt an seiner Prinzessin vorbei. Aus Scham. Vielleicht auch aus Angst, sie verletzt zu haben.

„Entschuldige...“, flüsterte der Heroe und drückte sie noch einmal an sich, überreichte ihr einen seiner Dolche und zwei Wurfsterne. Nur zur Sicherheit...

 „Ich will dich außer Gefahr wissen... deshalb flieh’ durch die Hintertür.“ Sie schluchzte, sagte kein weiteres Wort, riss sich los und stapfte mit ihren langen, dunklen Stiefeln durch die einfache Holztür in einen kleinen Keller, wo Link vor vielen Wochen Ganondorf das erste Mal ausspioniert hatte. Sie blickte noch einmal zurück, sah noch einmal die Schönheit der tiefblauen Augen, welche sie auch jetzt noch immer wieder verzaubern konnte, und schloss dann die Tür hinter sich.

 

Mit einem verbitterten Schluchzen lehnte sich die Thronerbin Hyrules an die kleine knarrende Tür und stemmte ihre linke Hand an den schweren Kopf. Eine kristallene Träne kullerte über ihre rechte Wange. ,Du Feigling’, sagte sie zu sich. Kein Wunder, denn sie fühlte sich wie einer, auch wenn sie vermutlich keine Wahl hatte als wegzulaufen. Warum musste sie auch dieses verdammte Fragment verlieren? Sie stoppte kurz, unterdrückte ein unangenehmes, flaues Gefühl im Magen, als sie an den Schmerz dachte, den Ganondorf ihr zugefügt hatte. Was, wenn er sich auch des Fragmentes des Mutes bemächtigen würde? Sie konnte Link doch nicht einfach ohne Hilfe diesen ungewissen Kampf beschreiten lassen!

Sie humpelte mit schweren Schritten einige Steinstufen nach unten und sah zunächst nicht einen Funken Licht in dem kleinen Keller leuchten. Sachte trat sie vorwärts, griff mit ihren Händen in die Dunkelheit, nur um nicht irgendwo anzustoßen.

„Verdammt!“, wimmerte sie und suchte vorsichtig die Tür nach draußen. Der Mann, den sie liebte, war hier drin und würde in wenigen Minuten den grausamsten Kampf seines Lebens führen! Sie konnte doch nicht einfach von hier verschwinden!

Sie atmete tief ein, drehte sich um und lief wieder zurück. Sicher, sie konnte in ihrem Zustand nichts für Link tun, ihm nicht beistehen. Aber sie wollte ihn einfach nicht alleine lassen. Zaghaft blickte sie durch das Schlüsselloch der Tür, wo sie angesichts des dunkelgelben Lichtscheins vom Inneren der Kirche den Altar begutachten konnte.

,Wo war Link?’, fragte sie sich. Unsicher, ob sie die Tür nicht wieder öffnen sollte, oder ob sie vielleicht hier bleiben sollte, kämpfte sie mit einer keimenden Angst um ihren Helden.

,Unsinn’, sagte sie zu sich. ,Hast du vergessen, mit wem du zusammen bist? Link hat Ganondorf schon einmal niederringen können. Du musst ihm vertrauen...’ Sie ballte die Fäuste, kniff die Augen zusammen und trat diesmal schneller und muterfüllter in Richtung des Ausgangs.

Sie hatte die Tür ins Freie erreicht, als sie jemanden hier in dem kleinen Keller leise kichern hörte. Es war eine eitle, hohe Stimme. Ein wenig unecht, geschauspielert hoch.

Eine Schweißperle lief Zelda über die Stirn. Hatte Ganondorf hier einen seiner Abkömmlinge postiert? Die Nerven verlierend drückte sie den Türgriff nach unten, als sie feststellte, dass die Tür verschlossen war. Zelda rüttelte am Schloss, aber es half nichts.

Und noch immer kicherte es makaber und scheußlich hinter ihr, als hätte eine Puppe Leben eingehaucht bekommen.

 

„Wo willst du denn hin, little Princess?“, summte jemand. „Lässt du deinen ,lovely Hero’ einfach alleine?“  

 

Derweil trat Link vorsichtig mit einer rauchenden Öllampe die Treppen in die Krypta der Kirche hinab. Mit der anderen Hand umfasste er das Medaillon mit den drei kostbaren Edelsteinen um seinen Hals und fragte sich, ob er das Geheimnis jenes Reliktes für diesen Kampf noch erkennen würde. Eine Erinnerung an das alte Hyrule nahm in ein, während er einem fluchenden Geräusch hinein in die Tiefe folgte. Als er nach Hyrule zurückgekehrt war, hatten er und seine Prinzessin nächtelang über Büchern gehockt, soviel gelesen, soviel versucht zu verstehen, nur um den Sinn dieses Medaillons zu erkunden.

Erst heute realisierte er, warum er sich damals in Zeldas Nähe so unglaublich aufgehoben gefühlt hatte. Und in all der Zeit hätte er vieles anders machen sollen. In all den abendlichen Stunden, die geradezu nach Nähe... Geborgenheit... und Innigkeit geschrien hatten. Nur Zelda und er wollten es nicht hören... Dabei war Intimität etwas, was sie schon ewig teilten. Ihre Seelen waren bereits bei ihrer beider Geburt unzertrennlich miteinander verwoben gewesen. Sie teilten Träume... Sehnsüchte und sogar körperliche Empfindungen. Denn floss eine Träne, floss jene nicht nur auf Zeldas Wange. Schmerzte eine Wunde, hervorgegangen aus einem Kampf, schmerzte sie für Link und für Zelda...

Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, während er über diese Gedanken phantasierte und weiterhin konzentriert dem Weg nach unten folgte.

Zelda hatte immer anmaßend behauptet, Liebe wäre nicht ihr Schicksal. Aber das stimmte nicht... Zwei Seelen, die soviel teilten, denen das Schicksal so viel abverlangte und die sich in vielen Leben immer wieder begegnen würden, waren bestimmt zu lieben...

Gewiss, das waren sie...

 

Aber eine Sache wunderte den jungen Heroen. Er hatte vor wenigen Stunden in den Fluss der Zeit eingegriffen und Zeldas inneren Kältefluch, der sich in ihren Augen manifestiert hatte, bereits in der Vergangenheit beseitigt. Ja, er hatte die Zukunft verändert. Aber aus irgendeinem Grund konnte dieses Ereignis sich nicht ins Hier und Jetzt ausbreiten...

Warum war sein Liebegeständnis in Zeldas Gemächern nicht wirksam im Hier und Jetzt?

 

Wie auch immer, darüber könnte er sich nach diesem Höllenkampf den Kopf tausendmal zerbrechen. Er musste den Fürsten des Schreckens aufspüren. Und das rechtzeitig...

 

Erneut polterte es angsteinflößend in der Krypta der Kirche. Diesmal folgten grölende Schreie. Hohe, vibrierende Stimme, wie die von kleinen Kindern. Hell und schmerzlich erklangen sie in Links Ohren. Die Stimmen widerten ihn an, aber nicht, weil es kindliche Laute waren, die die Stille trübten, nein, weil jene verzerrten Schreckenslaute nach Gemetzel und Tötungsgier klangen...

Hatte der Fürst des Schreckens Kinder in seiner Krypta eingeschlossen? Oder waren es weitere seiner absurden, widerlichen Schöpfungen?

Mit allem rechnend, denn Link hatte schon etliche Grausamkeiten erleben und ertragen müssen, die Ganondorf so selbsthuldigend genoss, trat der Heroe vorwärts.

Die Öllampe flackerte mehr und mehr und es würde nur noch Sekunden dauern, ehe sie ihr Licht verlor. Links tückisches Stiefelklappern verriet ihn und plötzlich endeten die grausigen Geräusche und verbündeten sich mit der kühlen Stille.

 

Der Held der Zeit stoppte kurz, wanderte mit seinen tiefblauen Augen umher, drehte sich geschwind nach hinten, aber da war niemand...

Merkwürdig, dachte er, für einen Moment hatte er das Gefühl gehabt, irgendjemand würde ihn beobachten, ja beinah im Hintergrund verspotten...

 

Mit Angstschweiß auf der Stirn hielt die junge Prinzessin zitternd den Dolch von Link in ihren Händen. Sie konnte in der dicken Dunkelheit des kleinen Kellers nichts erkennen, aber sie wusste, dass sie nicht alleine war. Anhaltend war dieses unkeusche Gekicher irgendeiner Marionette des Schreckensfürsten. Unerträglich... und ihr sechster Sinn sagte ihr, dass die dämonische Gestalt in der Dunkelheit mehr sah als sie...

 

„Ein hübscher Dolch, little Princess, ist der von deinem ,lovely Hero’?“ Zelda konnte in dem Augenblick bloß spüren, wie eine schwarze Energie den Dolch in Windeseile aus ihren Händen gleiten ließ. Zelda keuchte und entließ einen Schreckenslaut. Sie wedelte mit ihren Händen und suchte nach der einzigen Verteidigungsmöglichkeit, die gerade in fremde dreckige Hände geführt wurde.

„Wer bist du?“, rief Zelda und trat einige Schritte zurück, sodass sie an der einer eisigen Steinwand aufkam. 

„Du kennst mich. Wie demütigend, dass du mich vergessen hast.“ Nun klang auch die Stimme nicht mehr so schief und hoch, gesprochen mit Klarheit und naher Besonnenheit, hörte sie sich sogar menschlich an.

Zelda antwortete nicht, sondern suchte in ihren Gedanken nach Hinweisen. Ja, sie kannte diese Stimme von irgendwoher. Sie dachte zurück… an ihre erste Woche mit Link in Schicksalshort. Damals waren ihr einige Menschen begegnet, herzensgute wie Josh und Hendrik, die beiden Zwillinge, die ihr vor Ewigkeiten beim Einkaufen geholfen hatten. Maron, Rick…

Sie grübelte, aber konnte jene Stimme im Augenblick nicht ihrer Gestalt zuordnen. Zitternd krallte sie sich mit jeweils einer Hand einen der Wurfsterne, die Link ihr zum Schutz hinterlassen hatte.

„Du enttäuscht mich, little Princess“, sprach die Stimme höhnend. Aufdringlich trat jene Gestalt näher und hauchte einen geruchslosen Atem in Zeldas Gesicht. Die junge Prinzessin kreischte und rannte in der Dunkelheit des Kellers irgendwohin. Sie wusste nicht, wohin sie rannte. Sie wusste ja nicht einmal mehr, wo die Tür sich befand, durch die sie gekommen war. Sie rannte und blieb plötzlich an irgendetwas hängen. Ein rupfendes Geräusch erklang und ihr rechtes Hosenbein war zerrissen. Sie fiel und wanderte mit ihren blauen Augen erneut hinein in die Finsternis hinter sich. Erneut kicherte es abartig, ja beinah unecht. Und gerade da brodelten Zeldas Erinnerungen auf.

„Na? Immer noch keine Idee, wen du vor dir hast? Aber keine Sorge, ich helfe deinem Gedächtnis gerne auf die Sprünge.“ Etwas Kaltes packte die Thronerbin Hyrules an ihren Füßen und zerrte sie hinterher. Zelda stiegen die Tränen in die Augen, sie begann zu schreien und krallte sich mit ihren Fingernägeln hinein in den kalten Erdboden. Warum ausgerechnet jetzt? Warum musste sie gerade jetzt ihr Fragment verlieren? Sie begann zu schimpfen und befahl der Kreatur sie loszulassen. Erstaunlicherweise wurde ihrem Appell entsprochen. Verwundert blieb Zelda einfach auf dem Boden hocken, atmete hastig und drückte die Wurfsterne in ihren Händen verbergend hinter den Rücken.

Es wurde hell in dem Keller. Das Licht einer Fackel glomm und tanzte fast schmerzhaft näher an Zelda heran. Sie blinzelte und sah schließlich einen abgemagerten Mädchenkörper vor sich sitzen. Es war Ilona. Das Mädchen mit den unechten Augen. Jene, die Zelda in der ersten Woche in Schicksalshort beinahe durch einen Treppensturz getötet hätte…

 

Link trat beunruhigt die Steintreppen in die Krypta hinab. Irgendetwas stimmte nicht, das fühlte er und es fühlte sich mehr als beängstigend an. Ob Zelda es geschafft hatte, diese Teufelskirche zu verlassen? Ob sie in Sicherheit weilte? Er zweifelte langsam daran. Sicherlich vertraute er auf ihre Stärke, aber ein leises Flüstern in seinem Herzen machte ihn nervös. Es flüsterte Worte der Furcht, des Wahnsinns. Für einen Augenblick dachte er daran umzukehren, jedoch würde er erneut Zeldas eigene Stärke schmälern, wenn er sie schon wieder beschützte. Bei Farore, sie konnte kämpfen. Ja, sie konnte wie eine Wahnsinnige kämpfen, wenn man sie reizte. Eine weitere Eigenschaft an ihr, die Link bewunderte, die er verehrte…

Er schüttelte den Kopf und plötzlich verglomm das wenige Licht seiner Öllampe endgültig. Was tun?

 

Seine schillernden Augen blickten ratsuchend auf das Fragment des Mutes, welches sich schwach leuchtend in der Dunkelheit preisgab. Konnte er diese Macht nicht einfach zum Leuchtend bringen? Schriften erzählten davon, dass Fragment wäre ein Licht in der Dunkelheit. Ja, er hatte sich von Zelda einst alles erzählen lassen, was mit dem Fragment zusammenhing. Und seit vorhin, als sich Links Gestalt in die einer Bestie verwandelte, war ihm klar, dass er das Fragment mit seinen eigenen Gefühlen und Empfindungen aktivieren konnte. Aber wenn er jetzt jeglichen Hass gegen Ganondorf erinnerte, würde er sich womöglich nur in eine Wolfskreatur verwandeln. Und die Dunkelheit in diesem Keller wäre unangetastet…

Dennoch hielt Link an dem Gedanken fest. Er schloss langsam die Augen und versuchte sich an etwas sehr schönes zu erinnern. Vielleicht half ihm seine Liebe zu Zelda die Dunkelheit in der Krypta zu vernichten. Er erinnerte langsam, erinnerte mit Sehnsucht und hörte Zelda leise lachen...

Seine Liebe führte ihn zu einem Augenblick in den gigantischen Gärten des Lebens, dort wo Din, Nayru und Farore lebten. Sonnenstrahlen schienen besinnlich durch großes, dickes Geäst tropischer, riesiger Bäume. Große bunte Schmetterlinge flatterten hier wie Feen umher. Und ein kleiner Bach floss vor links Nase abwärts. Link folgte dem Fluss barfuß durch weiche Gräser und Farne und hörte erneut Zeldas liebliches Lachen. Als er sie damals fand, trug sie ein weißes kurzes Kleid und hatte einen selbstgeflochtenen Kranz mit goldenen Blumen in den Haaren. Sie war glücklich gewesen in den wenigen Wochen, die sie im Haus der Götter verbracht hatten. Und das war alles, was er sich jemals gewünscht hatte. Es war zu jenem Zeitpunkt, da das prickelnde Gefühl auf seiner linken Hand beinah unerträglich wurde. Ursächlich war das gemeinsame Glück, Zeldas besinnlichen Worte über Vergangenheit und Schicksal und zu guter letzt ihre seelische Nähe…

Link konzentrierte sich wie verbissen auf den Gedanken und als er seine Augen öffnete, strahlte das Fragment des Mutes so intensiv, dass die gesamte Krypta in purem Gold erstrahlte. Das Licht hielt an und entfachte die wenigen Fackeln an den Wänden, verlieh dem Ort Wärme durch gute Magie. Link grinste daraufhin, beeindruckt von sich selbst und der Tatsache, dass es wirklich funktioniert hatte. Der Gedanke an Zelda ließ sein Fragment aufleben…

Wenn es so einfach war, warum hatte Link dies nicht schon früher bemerkt?

Gemächlich blickte er sich in dem Gewölbe um, entdeckte den Seelenfänger, der Zelda einst gefangen hatte, noch immer an der gleichen Stelle. Aber er war erneuert worden. Er war wieder ganz…

Wozu mag Ganondorf dieses scheußliche Etwas benötigen oder bereits schon verwendet haben?

Nur kurz legte der Heroe seine linke Hand auf die glatte Oberfläche des Seelenfängers und wünschte sich im selben Augenblick er hätte es unterlassen. Für einen Moment hörte er widerliche Schreie, Klagelaute geboren aus tiefen Verletzungen der Seele. Link taumelte zurück und hielt sich für wenige Sekunden die Ohren zu. Sicherlich, er hörte diese vergifteten Schreie bloß in seinen Gedanken, aber sie fühlten sich so echt an.

Noch im selben Moment knackte er mit seiner linken Faust und stieß jene mit geballter magischer Kraft hinein in den seelenfressenden Glasbehälter. Er zersprang und hinterließ nicht einmal Scherben.

 

„Du?“ Zelda war geschockt, nicht über die Tatsache, dass es Ilona war, die hier als eine Bedienstete Ganondorfs falsche Spielchen spielte. Vielmehr war es Ilonas Gestalt, ihr Aussehen, was sie erschreckte. Ilona war extrem mager geworden, noch magerer als während der Schulzeit. Hässliche giftgrüne Schnittwunden zierten ihre blassen Wangen. Und um ihr rechtes Auge und ein Teil von Stirn und Nase waren von einer schwarzen Maske bedeckt. Sie trug eine schwarzgebrannte Rüstung und unter dem schlitzenden Stahl noch nicht einmal ein Hemd oder eine Schürze. Ein knapper Rock lag um ihrer Hüfte und sie war barfuß.

„Ilona?“ Mitleid regte sich in Zeldas Innerem, ähnlich wie damals, als Link Ganondorf in der alternativen Zeit getötet hatte.

„Was ist mir dir passiert?“ Ilonas Augen stellten sich quer. Jede Pupille blickte in eine andere Richtung. Erst jetzt fiel Zelda auf, dass das wasserstoffblonde Mädchen eine Armbrust auf ihrem Rücken geschnallt trug und ein Stilett befand sich in ihrer rechten Hand.

„Ich habe meinen Meister gefunden“, sagte sie wahnhaft und grinste so bitter, dass ihre weißen Zähne aus dem Mund blitzten. 

 

 „Deinen Meister?“, murmelte die Prinzessin ungläubig.

„Meinen Meister Ganondorf.“ Zelda krabbelte einige Meter rückwärts, achtete aber darauf, dass die Wurfsterne noch immer von Ilona unbemerkt blieben.

„Das kann nicht dein ernst sein! Warum?“

„Du fragst mich warum? Ausgerechnet die Prinzessin Hyrules mit ihrer bergeversetzenden Weisheit fragt mich warum?“ Wütend richtete die verunstaltete Ilona sich auf und ließ einen rauchigen Energieball um Zelda herum tanzen. Es war wie als machte sie die Nebel der Welt zu ihrem Spielzeug.

„Du enttäuschst mich, Hoheit. Ganondorf hat soviel von deiner wunderbaren Klugheit und deiner Besserwisserei erzählt und nun fragst du mich warum?“ Sie sprach eklig hoch, sodass es ihrem Gegenüber in den Ohren rauschte. Zelda senkte das Haupt und blickte trübsinnig zu Boden. Sicherlich, sie hatte Ilona aufgrund ihrer Falschheit immer verabscheut, aber deswegen hatte jenes Mädchen nicht das Schicksal als Freudenmädchen Ganondorfs verdient. Und Zelda konnte sich gut vorstellen, welchen Zweck sie in Ganons Scharr von Dämonen hatte.

„Ich bin seine Königin, little Princess. Der Platz bei ihm ist das Beste, was mir passieren konnte.“ Zelda nahm die Wurfsterne nun in lediglich eine Hand, sodass sie ihre Rechte frei hatte. Ein Anflug von Wut festigte sich in ihren blauen Augen und klagte Ilona für ihre Fehler an.

„Das ist es, was du willst?“

„Ja, das ist es. Ein Leben an Ganondorfs Seite ist königlich, reich an allen Schätzen, die man begehrt. Ein Leben erfüllt mit Achtung und Macht und Ehre.“ Zelda schüttelte den Kopf und versuchte angesichts dieser dummen Worte nicht ihre Ernsthaftigkeit zu verlieren. Mit entschlossenem Blick richtete sie sich auf, ging haltlos auf Ilona zu, die nicht wusste, wie ihr geschah. Die Bitterkeit in Zeldas Augen ließ Taten folgen. Sie hob ihre rechte Hand und gab Ilona eine so wuchtige Ohrfeige, dass sie aufschrie.

 

„Du willst wissen, was meine Weisheit zu deinem billigen Gefasel sagt? Das war meine Antwort!“, zürnte Zelda. „Wenn ein Leben an Ganondorfs Seite alles ist, was du noch als Wunsch in dir trägst, bist du des Lebens auf der Welt nicht mehr würdig.“ Zelda trat wieder einige Schritte rückwärts, aber sprach ruhiger. „Komm‘ zur Besinnung, Ilona. Du hast es nicht verdient Ganondorfs Spielzeug zu sein.“

„Ich will es aber so!“

„Nein, das willst du nicht. Ich kann es in deinen Augen sehen…“, sprach Zelda sanft. „Du glaubst, es ist dein letzter Ausweg um zu überleben. Tief in deinem Herzen steht anderes geschrieben als der Wunsch Ganondorfs Dirne zu sein.“

„Was weißt du schon über meine Wünsche! Du hast sie mir ja alle kaputt gemacht! Du hast mir Link weggenommen.“ Jener Gedanke war ausreichend und plötzlich drang tief aus den Nebeln der Augen Ilonas eine Kälte, die Zelda nicht kommen sah. Ein wenig unsicherer als bisher trat die Prinzessin weiter zurück, sodass sie an der hinteren Wand ankam.

„Ich hab‘ dir Link nicht weggenommen… es war seine Entscheidung, mit wem er zusammen sein will.“

Ilona drehte sich seitlich und begann krankhaft zu lachen. „Denkst du das wirklich, little Princess. Dass er dich liebt, ist doch bloß, weil er denkt Held und Prinzessin gehören nun mal zusammen. Ich hatte schon Verabredungen mit ihm, da warst du ja noch nicht mal in Schicksalshort.“

 

Zelda legte zur Verwunderung Ilonas eine Hand auf ihr Herz und lächelte. „Das mag sein… aber das ändert nichts an seinen Gefühlen. Mag sein, dass dieses Traumpärchen Link und Zelda irgendwie seinen Reiz verloren hat. Mag sein, dass viele Menschen denken, wir würden nicht zusammenpassen, aus welchen Gründen auch immer. Aber unser Band…“ Erhaben hob sie das Haupt und wurde in ihren Worten immer stärker, vielleicht auch zärtlicher. „… dieses eine Band… es kann nicht zerschnitten werden und die Gefühle zwischen uns gehen über Liebe weit hinaus… egal, wer wir sind, egal, in welchem Hyrule wir existieren, egal, ob sich unsere Wege kreuzen oder nicht…“

Ilona fauchte undeutliche Worte, begann an ihrem kurzen blonden Haar zu ziehen und zog das Stilett von ihrem Gürtel.

„Tu‘ das nicht, Ilona“, sprach Zelda leise. „Ich will und kann nicht gegen dich kämpfen.“ Sie versteckte die Wurfsterne in der Innenseite ihres Gürtels, auch wenn sie sich ein wenig in die Haut schlitzten. Mehr als diese Waffen blieben ihr nicht.

„Du brauchst auch nicht gegen mich kämpfen“, erwiderte sie wahnsinnig. „Du brauchst dich bloß von mir aufspießen zu lassen.“ Mit diesem letzten Satz brach Ilona die Stille und stürzte sich in Begleitung ihrer schwarzen Magie auf Zelda…  

 

Link beobachtete nachdenklich die vielen Scherben des Seelenfängers, die sich sogleich in glitzernden Funken auflösten. Nichts zeugte mehr von seiner Existenz und doch, so ahnte Link, hatte Ganondorf jenen Behälter noch vor wenigen Stunden benutzt. Sachte kniete der Heroe nieder und strich über den kalten Steinboden. Einige blonde Haare lagen zerknüllt dort, aber es waren nicht die Haare von Zelda. Sie waren kürzer und strohig…

Während Link niederkniete, sprang ihm in der Krypta aber noch eine Kleinigkeit ins Auge. Aus einem weniger auffälligen Abflussloch stieg ein grünlicher Rauch empor und an einem darüber gestülpten Gitter hing eine schwarze Substanz, die nach Säure roch. Vorsichtig zerrieb der junge Heroe die Masse zwischen seinen Fingerspitzen und erkannte, es war nichts Geringeres als Ganondorfs böses Blut.

 

Aber Link konnte sich nicht vorstellen, dass der Fürst des Schreckens durch dieses weniger große Abflussloch kriechen würde. Schon der Heroe passte mit seiner Gestalt geradeso in den Schacht. Link blickte noch einmal um sich und entfernte langsam das Eisengitter von dem Weg hinein in die Kanalisation. Noch einmal sah er um sich und kletterte dann vorsichtig hinein in den Schacht.

Es war glitschig und schleimig in jenem Rohr und doch krabbelte der junge Held langsam weiter, bis die Öffnung breiter wurde und er wieder stehen konnte.

Noch immer muffelte es nach Säure, stank nach Ganondorfs verdorbenem Blut. Auch die Schreie von vorhin, die in der alten Kirche deutlich hörbar waren, kehrten zurück an Links Ohren, erfüllten ihn mit leiser ungesagter Furcht und warnten vor dem Weg, der nun noch zu beschreiten war. Stimmen wie jene von weinenden Kindern. Dämonisch und abartig. Link kniff die Augen zusammen und versuchte jene Klagelaute zu überhören. Jene Stimmen schlitzten in den Ohren und machten mürbe.

 

Langsam tapste Link vorwärts, trat unabsichtlich in große Pfützen und nutzte sein leuchtendes Fragment des Mutes als Lampe in der Nacht. Ihm fiel eine Blutspur auf, die sich wie schwimmendes Fett auf dem dreckigen Wasser hier unten abhob. Er entschloss sich jener Spur zu folgen, ahnte aber, dass es nicht Ganondorf sein würde, den er damit finden sollte.

 

Nach vielen Minuten erreichte Link eine verschlossene, rostige Tür. Und die Stimmen, die wie jene von Kindern klangen, wurden lauter. Bedacht legte er ein Ohr an das kalte Eisen der Tür und lauschte. Die Stimmen redeten unsinnige Worte, keine Sprache, die auf der Erde nur einen Sinn hätte. Geraune mit Mordlust. Getuschel um bösartige Pläne zu schmieden. Paranoides Gezischel. Und umso deutlicher die Stimmen klangen, desto mehr wusste Link, dass jene Kinder nichts Menschliches an sich hatten, vermutlich aus dämonischem Brei zusammengerührt wurden.

 

Link zögerte noch einen Moment und legte dann seine Rechte auf den Türgriff. Die Tür quietschte, als er sie langsam nach innen schob. Die Stimmen waren nun deutlicher als jemals zuvor, gifteten und begannen zu brüllen. Das Licht des Fragmentes verlor sich wärmend in dem Innenraum, verlieh der Finsternis ein Gesicht und offenbarte die Grausamkeit, die Links Blut zum Kochen brachte.

Ein wenig fassungslos trat Link in den verborgenen Raum hinein und zückte sein Schwert.

Überall hingen kokonähnliche, große Beutel von der Decke wie Fledermäuse. Sie waren durchsichtig, sodass der Heroe einen Blick in das Innere dieser Fruchtblasen schauen konnte. Kleine, grünhäutige Wesen mit feuerrotem Haar befanden sich schlafend darin. Einige blickten ihn von den Kokons aus mit rotglühenden Augen an und schrieen mit entsetzlichen Stimmen. Einige aßen mit winzigen Pfoten von einer Art Mutterkuchen.

Link wusste nicht, was diese ungeborenen Kinder darstellten, aber ihre Ähnlichkeit mit dem Fürsten des Schreckens war nicht zu übersehen. Sie hatten seine giftgrüne Haut, seine roten Haare, und seinen bösen Blick aus machttrunkenen Augen. Einige gifteten wieder, schrieen undefinierbare Laute in die Nacht. Was zum Teufel züchtete Ganondorf hier, fragte sich Link und hatte Mühe sich angesichts der vielen dämonischen Mädchen und Jungen nicht zu übergeben. Angewidert durchquerte Link einige der Kokons und entdeckte in der Mitte des Raumes einige jener Wesen, die bereits geschlüpft waren. Sie krochen wie Würmer über den Boden und als sie den Heroen entdeckten, klammerten sie sich nach Zuneigung sehnend an seine Stiefel. Link schüttelte sie ab, stieß jene mit dem Schwert zurück, aber sie blieben unbeeindruckt, öffneten ihre Münder aus denen spitze, raubtierähnliche Zähne hinaus blitzten und stießen schiefe, hohe Laute aus.

Das war so krank, dachte Link. Wollte Ganondorf hier eine Armee seinesgleichen züchten?

Mitleidig sank der Heroe auf seine Knie und wieder krochen die Geschöpfe in seine Nähe, klammerten sich mit krallenartigen Händen an seine braunen Lederstiefel, zupften, rochen mit winzigen Nasen den Geruch des Guten an ihm. Sie schrieen wieder, aber diesmal klang ihr Wimmern fast menschlich…

Wie hatte der Fürst des Schreckens diese Kinder erzeugen können? Etwa mit dem Seelenfänger? Nein, dachte Link…

Irgendetwas hatte Ganondorf gut verheimlicht, seitdem er die Herrschaft über die Erde an sich gerissen hatte. Irgendetwas hatte ihm geholfen diese Wesen in die Welt zu setzen. Irgendjemand…

 

Unsicher begann der Held dem einen Kind, welches klammernd an seinen Füßen hing, über den roten Schopf zu streicheln. Mit riesigen Augen schaute es ihn an, war jener Zuneigung nicht abgeneigt. Und Link fühlte sich scheußlich, immer mehr. Er hatte einen grausamen, fordernden Kampf durchzustehen und nun musste er mit ansehen wie Ganondorf Hunderte kleine Wesen in die Welt setzte, die geradezu nach Zuneigung bettelten.

Es waren doch nur Babys, genauso wie Klein-Link irgendwann vielleicht sein eigenes wäre. Trübsinnig erinnerte der Held das Bild der kleinen Lia, die auf dem Schreibtisch in dem Turm stand. Dort auf dem Meer, in einer ungewissen Zukunft, die Link mit Zelda teilen könnte. Ganons Kinder waren unschuldig, so unschuldig wie jene Lia, die den Namen tragen könnte, den Link ihr geben würde.

Zweifel überkamen den Heroen. Auch wenn diese Wesen nur Babys waren, sie trugen den Keim des Bösen in sich. Noch waren es harmlose Geschöpfe, aber in wenigen Tagen, Wochen oder Jahren würden sie so sein wie ihr Erzeuger…

Eine Armee von Ganondorfs Kindern wäre das letzte, was Link für den Frieden auf der Erdenwelt zulassen konnte…

 

„Euer Vater ist ein kranker Mann…“, sagte Link leise. „Verzeiht mir…“, murmelte er und kniff die Augen zusammen. „Ich habe keine Wahl…“, bekräftigte er sich und trat langsam auf seine Beine. Das Masterschwert in seiner Hand wanderte wie in einem Traum um Sieg und Errungenschaft umher und irgendwo im Hintergrund hörte Link die vielen sterbenden Stimmen ihr letztes Lied singen, fühlte das junge Blut der vielen Geschöpfe an seinen schuldigen Händen und schmeckte den Zorn seines eigenen Verstandes…

 

Mit schweren Schritten trat der junge Held zurück in die Krypta der Kirche ein. In seinen tiefblauen Augen lag nun eine neue Schuld, die seine Seele belastete. ,Mörder‘, erklang es kalt in seinen Gedanken. ,Nur ein Mörder‘. Manchmal fragte er sich tatsächlich, ob der alt her bekannte Unterschied zwischen Gut und Böse nur eine billige Ausrede darstellte, um das gegenseitige Töten zu rechtfertigen. Bedachte man das Töten, hatte Ganondorf vielleicht sogar recht. Gutes und Böses tötete sich gegenseitig. Wo war die Rechtfertigung sich gut oder böse zu nennen…

Mit hängenden Schultern stapfte Link die Steinstufen in die Kirche hinauf, fühlte sich dreckig und wünschte sich gerade nichts sehnlicher als einen Kuss von Zelda, der ihm seine Zweifel wieder nehmen würde. Hoffentlich war sie in Sicherheit…

Als Link erneut in die alte Kirche eintrat, war jedoch nichts mehr wie zuvor. Er hatte gerade die letzte Stufe hinauf genommen, als der gesamte Innenraum zu vibrieren begann. Im letzten Moment klammerte sich der junge Held an eine Säule und beobachtete beunruhigt, wie alle möglichen Gegenstände mit Poltergeräuschen herunterfielen. Die Holzbänke rasten umher. Der Steinaltar löste sich aus seinen Verankerungen und bewegte sich in Richtung der großen Eingangspforte. Der Beichtstuhl raste in die Mitte des Saals. Und plötzlich spürte Link einen großen Druck, der von den kalten Bodenplatten in der alten Kirche ausging. Seine Ohren wurden erfüllt von einem lauten, rupfenden Geräusch, als ob man einen Berg versuchte zu teilen. Vorsichtig bewegte sich der Heroe an eine Seitenwand und erhaschte einen zögerlichen Blick nach draußen, dorthin, wo der glühendrote Himmel leuchtete. Link stieß einen Seufzer aus, als er sah, dass sich die Kirche von dem Boden erhoben hatte und allmählich in die Lüfte stieg. Die Parkanlage um jenes alte Gebäude wurde kleiner, ebenso die dampfenden Teerstraßen. Es dauerte nur Sekundenbruchteile und die Welt sah von hier oben erschreckend klein aus.

,Ganondorf und seine dummen Spielchen‘, dachte Link genervt, wand sich wieder dem verschobenen Innenraum der Kirche zu, zückte erneut das weißleuchtende Masterschwert und trat mit geschärften Sinnen umher.

Er stand gerade mit dem Rücken zu jenem Folterstuhl, wo vor wenigen Minuten Zelda ihr Fragment verloren hatte, als im Hintergrund eine verstimmte Orgel ein vertrautes Lied zu spielen begann. Erneut saß der Fürst des Schreckens vor dem Instrument des Todes und lobpreiste seine eigene Symphonie. Link nahm einige beruhigende Atemzüge, wirbelte mit dem Schwert in der Hand umher und erblickte auf einem Podium im zweiten Stockwerk den Teufel aus seinen Erinnerungen auf der Orgel herum werken. Wie in Trance wanderten Ganondorfs verdreckte Hände über die schweren Tasten der Orgel.

Die Melodie Ganondorfs klang mächtig und übertrumpfend, vielleicht auch überschätzend, so wie er sich selbst fühlte. Vielleicht hatte der Held ihn vor wenigen Minuten geschwächt. Ganondorf aber erholte sich sehr schnell mit dem Fragment der Kraft in seiner Hand und schöpfte Befriedigung aus dem Wissen, dem Fragment der Weisheit, welches er zwar nicht beherrschen konnte, welches aber nun ebenso seinen rechten Handrücken zierte, mächtig zu sein. 

Er lachte, während die schaurigen Töne den gesamten Innenraum erfüllten.

„Ganondorf!“, rief Link tosend und streckte sein Schwert in die Höhe. Er würde diesem Schwein gleich sein dummes Gelächter aus dem Gesicht prügeln und seinem verfluchten Dasein ein Ende machen. Erneut heulte Links eigene Bestie in seinen Gedanken, bereit seinen Erzfeind niederzustrecken.

Die Uhr schlug zur vollen zwölften Stunde, als der Fürst Ganondorf die letzten Töne seiner Orgel ausklingen ließ. Mit einem hochnäsigen Grinsen wand sich der Dämon in Richtung seines Widersachers und kam nicht umher, den Helden von dem Podest aus als mickrig ansehen zu müssen. Er lachte wieder und streckte dem Heroen seine rechte Faust entgegen, ließ ihn teilhaben an seinem Triumph. 

Entsetzt bestaunte Link das Fragment der Weisheit auf Ganondorfs Handrücken. Wie hatte er es geschafft sich diesem zu bemächtigen? 

„Wer wird denn gleich bleich wie ein Käsekuchen werden?“, lachte er, breitete die Arme aus und schwebte von oben hinunter. Erhaben schritt er auf Link zu, lachte und zeigte nicht einen Funken Furcht vor seinem Erzfeind.

„Selbst wenn Zeldas Fragment nun auf deinem Handrücken ruht, du kannst es nicht beherrschen“, sagte Link tapfer, bemüht seinen eigenen Worten zu glauben.

„Wer sagt das?“, murrte Ganondorf und leckte sich über seine spröden Lippen. Bis auf den zerfetzten Umhang und das fehlende Stück Stoff im Nacken zeugte an Ganondorf kein Funken Schwäche von Links Attacke, was den Heroen beunruhigte. 

„Das Fragment. Es flüstert nur zu seinem wahren Meister. Und der bist du nicht“, antwortete Link vorsichtig und schluckte seine Nervosität mit seiner Spucke den Hals hinunter. Wenn Ganondorf das Fragment kontrollieren und sogar befehligen konnte. Und jenes Fragment mit demjenigen der Kraft zusammenarbeitete, standen die Chancen für ihn wahrlich schlecht. Zumal Link sein eigenes Fragment noch immer nicht ausführlich benutzen konnte.

Ganondorf schwieg dazu und blickte mit seinen teuflischen Augen auf das Fragment der Weisheit in seiner Hand. Gewiss, es verbarg sich ein wenig, leuchtete nicht. Und dennoch hatte er es vor wenigen Minuten mit Gewalt in sich aufnehmen können.

Fast zärtlich zog der Dämon sein breites, dunkles Stahlschwert aus der Schwertscheide, ließ es summen und reckte es dem grünbemützten Helden entgegen. „Lass‘ uns kämpfen, Wiedergeburt…“, zischte Ganondorf und schwang sein Schwert einmal horizontal. Doch in dem Moment zuckte Ganondorf zurück und bemerkte den Geruch nach Verwesung an der Klinge des Masterschwertes. Ganondorfs eigenes Blut hing daran. Sein Schwert sank in dessen Schutzhülle zurück.

„Überrascht, Ganondorf? Die Bestien, die du in die Welt gesetzt hast, sind Geschichte. Es scheint, als hätten wir beide etwas, was wir zurückhaben wollen.“

„Du hast sie getötet?“, fauchte Links Gegenüber. Doch der Held zeigte ihm nur ein überlegenes Grinsen, hatte sowieso keine andere Wahl als ein Nest von unreinen Biestern, die allesamt Kinder des Schreckensfürsten waren, zu vernichten. Und für Ganondorfs Trauer hatte Link ohnehin keinen Sinn mehr.

Link schwang das Schwert einmal so schnell, dass jenes geronnenes Blut der Dämonenkinder an Ganondorfs Gesicht spritzte.

„Das wirst du büßen, kleine Made!“ Anstatt der Trauer zeigte sich maßlose Wut in Ganondorfs Gesicht. Er wischte sich das Blut langsam von seinem Gesicht und schmeckte es.

„Nun tu‘ nicht so, als ob es dich in deinem erfrorenen Herzen trifft, dass ich deine Abkömmlinge aus dem Weg geräumt habe. Du bist nicht zu Liebe fähig, Ganondorf. Weshalb sollte der Verlust deiner Kinder dir irgendetwas bedeuten?“

Ein Sturm von wuchtigen Energiebällen platzte aus dem Körper des Dämons. Er kreischte mit seiner kellertiefen Stimme: „Weil sie Teil meines Plans waren!“

Einige der Geschosse steuerten mit hoher Geschwindigkeit auf den Helden zu. Geschickt rollte sich dieser über den Boden um einigen Kugeln zu entgehen. Wenige Geschosse prallten in die Steinmauern. Einige in den Boden und andere rasten noch immer auf den grünbemützten Helden zu. Rasch zog Link das absorbierende Schild der Götter vor sich und die Kugel wurde von dem Schild verschluckt. Für die Kürze eines Augenblicks fragte er sich, wo die Geschosse wohl hin verschwanden, aber da prallten die nächsten Energiebälle in dem Raum umher. Es waren so viele, dass Link sie nicht alle im Auge behalten konnte, geschweige denn seinen Widersacher. Ob Link jetzt schon die geheime Schwertkunst von Orson einsetzen sollte, dem geisterhaften Ritter?

Nein, entschied er. Dafür blieb einfach keine Zeit…

Aufgeregt hetzte Link im Innenraum der Kirche hin und her, spürte seinen heftigen Puls in der Kehle und blickte immer wieder zu dem Fürsten des Schreckens, der kollernd lachte. Immer wieder entkam seinen Handinnenflächen eine Kugel. Ob Eis, Feuer oder pure Energie… er spielte mit allem und schickte dem Helden alle bösartigen Geschosse entgegen, die er besaß.

„Tanz! Tanz! Tanz zu meiner Magie!“, rief der Dämon und lachte. Mit jedem einzelnen Ton aus seinem verdorbenen Mund, schickte er eine Kugel in den Kircheninnenraum.

Link hüpfte über Bankreihen, wehrte einige der Geschosse mit seinem Schwert ab, ließ andere von dem Schild absorbieren, aber es wurden einfach nicht weniger. In dem Augenblick raste eine der mörderischen Kugeln so nah an ihm vorbei, dass sie einige blonde Haarsträhnen verkohlte. Nach Atem ringend rief der Heroe: „Jetzt reicht’s!“ Und mit einem Anflug von törichtem Mut rannte der Held direkt auf Ganondorf zu, der erstaunt zurückwich. Er stoppte seine Attacken und teleportierte sich direkt zu dem Altar, schnaubte und starrte dem Heroen einmal mehr missachtend in seine tiefblauen Augen.

Ein Moment der Ruhe trat ein. Links heftige Atmung war das einzige Geräusch neben dem rauschenden Wind außerhalb, welches die Ruhe trübte. Kurz stürzte er sich auf seine Knie, ließ aber seinen Feind nicht aus den Augen.

„Wer hat dir eigentlich geholfen, diese Bestie ins Leben zu holen?“, sagte Link eindringlich.

„Das würdest du wohl allzu gerne wissen, was?“ Mit großen, stolzen Schritten trat Ganondorf wieder einige Meter näher. Er zupfte sich an seinem roten Bart und ließ seinen Kopf in den Nacken sinken. Amüsiert stützte sich der Fürst des Schreckens dann auf sein Stahlschwert.

„Wenn du es wissen willst, schau‘ doch mal, wer gleich durch die Holztür neben mir treten wird, armseliges Abbild eines Helden!“

Und als ob Ganondorf die Ereignisse tatsächlich steuern konnte, öffnete sich vorsichtig mit einem Knarren die alte Holztür, die in jenen Keller führte, der eigentlich als Fluchtweg für Zelda dienen sollte.

Allen voran trat schwerfällig eine vertraute Gestalt, die Link mit Angst in den Augen musterte und gleichzeitig ein nicht hörbares ,Verzeih‘ mir‘ über die Lippen gleiten ließ.

Geschockt starrte Link sie an, erkannte einige Kratzer und Kampfspuren an ihren Armen und wanderte dann mit seinen tiefblauen Augen hinab zu ihren mit Seilen verbundenen Händen.

„Bei den Göttern, Zelda…“, sprach er. Er sah die Sorge in ihren Augen und gleichzeitig die vielen Entschuldigungen für ihre Schwäche, obgleich Link nie einen Gedanken aufkommen ließ, der Zelda in irgendeiner Weise mit Schwäche verband. Er verehrte sie für das, was sie war, nicht dafür, ob sie in allen Situationen kämpfen konnte.

„Verzeih mir, Link…“, wiederholte sie wehleidig. „Ich wollte wirklich fliehen, aber…“ In dem Augenblick legte sich von hinten eine bleiche Hand auf Zeldas Mund. Und aus den Schatten kam eine weitere Figur gekrochen, kroch schleimig und unterwürfig. Wie ein Sklave senkte jene Gestalt ihr Haupt, sodass Link sie zuerst nicht erkannte. Die freie Hand der Person war hinter Zeldas Rücken. Vermutlich hielt sie einen scharfen Dolch in ihr Rückgrat gepresst.

„Sieh‘ einer an, meine kleine Hexe hat uns sogar etwas mitgebracht“, griente Ganondorf. „Wo wolltest du denn hin, Prinzessin? Uns einfach so verlassen?“

Zelda warf mit einem Blick dem Fürsten Ganondorf alles an Hass entgegen, was sie jemals gefühlt hatte. Es beeindruckte ihn sogar. Dieser Ausdruck von Erhabenheit und Stolz, selbst nach allem, was er ihr angetan hatte. Dieses Rebellische an der Prinzessin des Schicksals war anziehend, selbst für ihn, einen Dämon, der eigentlich Frauen bevorzugte, die weniger rein und heilig waren als Zelda. Erstaunlich war ihr Mut, selbst nach all‘ der Zeit, in der er jene Prinzessin und ihre Vorfahren schon kannte.

„Beachtlich, dass du noch am Leben bist, kleine Hoheit“, schnalzte er und trat erneut wenige Schritte näher. Ganondorf gab seiner Sklavin ein Zeichen, worauf jene ihre eisige Hand wieder von Zeldas Mund entfernte.

„Beachtlich, dass du noch durchgehalten hast, Ganondorf!“, rief Zelda und begann ihrem Heroen mit Blicken Zeichen zu geben.

Link jedoch war noch immer zu entsetzt darüber, was hier passierte. Er wollte diesen verdammten Kampf endlich hinter sich bringen. Und nun war Zelda schon wieder hier und zu allem Übel ein weiterer Vasall des Schreckensfürsten. Wie sollte er sich, verdammt nochmal, auf den Kampf gegen den Herrscher über alles Böse konzentrieren, wenn er ständig an Zeldas Wohlbefinden denken musste?

Er wurde unruhig und schenkte seiner Prinzessin einen eher mutlosen Ausdruck. Sie hieß jenen nicht willkommen, das wusste er. Und als er sie ansah, blickte sie zu Boden, schämte sich sogar ein wenig für ihre Unfähigkeit nur einmal das zu tun, was Link von ihr verlangte.

„Meister“, sprach dann endlich der Vasall Ganondorfs. Und jene Mädchenstimme klang wohlvertraut in Links Ohren, wenn auch sehr weinerlich.

Ja, dachte der Heroe. Er kannte diese Stimme. Link wurde nachdenklich und blickte eindringlich in Richtung des Dieners Ganondorfs. Er suchte nach Merkmalen an der rappeldürren Gestalt, die sie verraten würden.

„Die Kinder sind tot… ich habe gespürt, dass sie verendet sind…“, sagte die Mädchenstimme noch weinerlicher als vorher.  

„Das kann nicht sein… du bist…“, mischte sich Link ein und trat näher an die Gestalt heran, die noch immer das Haupt gesenkt hatte. Allmählich begann er zu begreifen…

Ein Geistesblitz zischte durch seine Gehirnwindungen. Dieses Mädchen… das war…

Schockiert blickte Link sie an.

Und endlich hob sie ihr Haupt. Ein unheimliches Glühen entkam den hellen, trüben Augen, die jenes Mädchen doch besaß. Das erste, was Link anstarrte, war die Maske, die einen Teil ihres Gesichts umhüllte. Dann blieben seine tiefblauen Augen an ihren eisigen, unbeteiligten haften.

„Ilona…“, sprach er leise und eher ungewollt. Aber seine Stimme war warm, so warm und verträumt, wie sie es früher gerne einmal von ihm gehört hätte.

„Überraschung, Link“, sprach sie eisern und hängte den Kopf schief.

„Warum bist du hier?“, sagte er leise. Wie schändlich das Herz von Ilona mit Hass und Neid zerfressen sein musste, dass sie soweit ging in Ganondorfs Armee einzutreten und ihm sogar dabei zu helfen, Dämonenkinder in die Welt zu setzen. Erstmals seit langem fühlte Link Mitleid für sie. Er dachte kurz an frühere Zeiten. Als Ilona ihn ständig angehimmelt, mit Komplimenten überschüttet und sogar penetrant verfolgt hatte. Ja, er gab zu, dass er sie in vielen Situationen nicht fair behandelt hatte. Er fühlte sich sogar ein wenig schuldig an dem, was nun aus ihr geworden war. 

„Du fragst mich warum? Du stellst mir die gleiche dumme Frage, wie deine blöde Prinzessinnenschlampe, der ich gerade genüsslich einen Dolch in den Rücken rammen könnte!“

Link schnaubte und fühlte die Wut des Wolfes in sich keimen. Noch eine Beleidigung an Zelda und er würde den Verstand verlieren.

„Beantworte dir deine dämliche Frage selbst. Du hast mich schließlich soweit gebracht!“ Sie stieß Zelda von sich weg, sodass jene unsanft auf dem kalten Steinboden aufschlug.

„Zelda!“, kreischte er.

Sie rappelte sich auf und hockte nun auf dem Steinboden. „Ich bin okay, Link…“ Sachte krabbelte sie rückwärts in Links Richtung. Er trat näher und half ihr Aufstehen. Mit einem besorgten Lächeln löste er ihre Hände aus den Seilen. Schützend zog er sie hinter sich und nutzte den Schild der Götter um sich und seine Prinzessin vor einem sicheren Angriff zu bewahren.

Währenddessen tänzelte Ilona an ihren Meister heran und strich ihm über die rechte Wange.

„Bevorzugst du den Namen Ilona überhaupt noch, meine Hexe?“, sprach dieser und packte sie an ihrem Genick. Es schien als hätte er die Schülerin der Oberstufe vollkommen unter seine Kontrolle gezogen. Und wenn er sie stückchenweise ausweiden würde, es wäre ein Genuss für sie… 

„Wer hat die jüngsten der Kinder ermordet, mein Herr?“

Die jüngsten der Kinder? Existierten etwa noch mehr Abkömmlinge Ganondorfs in dieser Teufelskirche, die inzwischen etliche Meter über dem Boden schwebte.

„Das fragst du noch?“ Sein Griff wurde straffer und schmerzhaft. Ganondorfs Teufelsaugen wanderten verachtend zu den beiden Heldengestalten, die gerade unruhig im Hintergrund standen.

„Der Gartenzwerg dort, den du einst angehimmelt hast, er hat die Brut einfach ausgelöscht…“, sagte er zischend und schickte den nächsten Kugelhagel auf Link und seine Prinzessin.

Link riss Zelda ohne Vorwarnung zu Boden, sodass die Kugeln in der Steinwand untergingen.

„Zelda?“, flüsterte er und packte sie an ihrer linken Hand. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln, fühlte aber inzwischen den Verlust ihres Fragmentes marternd, ebenso der Blutverlust ließ sie ein wenig taumeln.

„Hab‘ ich richtig gehört? Ilona und Ganondorf reden von den jüngsten Kindern?“ Sie nickte zögerlich, musste sich an Link festhalten, um nicht umzukippen und fühlte eine schwere Last ihrer Augenlider. Ein wenig verschwommen war ihr Gesichtsfeld. Bei Nayru, sie wollte diesen Kampf genauso hinter sich bringen wie Link und dann tagelang schlafen… 

„Ganondorf hat also mit Ilona Kinder in die Welt gesetzt?“, fragte sie leise und zitterte ein wenig. „Und möglicherweise noch mehr?“

„Ich will lieber nicht wissen, auf welche Weise sie davon Dutzende erschaffen konnten…“, erwiderte er leise und fühlte eine Schweißperle über seine Stirn wandern und beobachtete den Fürsten des Schreckens mit seiner missgestalteten Hure, die sich gerade mit ihren pelzigen Zungen abschleckten.

„Du hast die jüngsten von ihnen getötet?“, fragte Zelda ihn leise.

„Ich musste…“ Link blickte schwer zu Boden. Es machte ihm gewaltig zu schaffen, das Masterschwert für das Töten von kindlichen Geschöpfen nutzen zu müssen, das sah sie ihm deutlich an.

Sie legte eine leicht kühle, zittrige Hand auf seine Wange, wollte ihn damit beruhigen, ihm seine neugewonnenen Zweifel ausreden. „Sie trugen Ganondorfs böses Blut in sich… es ist okay, Link…“

„Aber das Schlimme ist, dass Ganondorf irgendwo noch mehr von dieser Brut versteckt hat.“ Link biss sich auf die Lippe und schaute zu Ganondorf und Ilona, die ihm beide einen gespenstisch starken Blick schenkten.

„Wir wäre es mit einem kleinen netten Abkommen?“, fragte Ilona gehässig und spannte einen Pfeil auf ihre schwarze Armbrust.

„Ich kämpfe gegen dich, little Princess“, sprach sie belustigt. „Auch wenn ich nicht denke, dass du eine Chance haben wirst.“ Sie schwenkte ihre trüben, grünlichen Augen zu Link. „Und du, Mister Gartenzwerg, kämpfst gegen meinen Herrn.“

Zögerlich musterte Link Zeldas Augen und hatte Sorge, dass sie auf ihren schwachen Beinen mit dem Verlust des Fragmentes überhaupt nicht in der Lage war, Ilona die Stirn zu bieten.

„Eine Regel soll es geben“, zischte Ilona. „Wir mischen uns nicht in die Kämpfe unserer Verbündeten ein. Und wenn einer verliert, verliert das ganze Team.“

„Traust du dir das zu, Zelda?“, sagte Link sanft und drückte ihre linke Hand in seiner rechten kurz. Sie nickte und versuchte einen wacheren, entschlosseneren Gesichtsausdruck aufzusetzen. Welche Wahl hatte sie denn? Sollte sie mit ansehen, wie ihr Held von Ilona und von seinem größten Feind Ganondorf fertig gemacht wurde?

„Ich kann doch meine große Liebe nicht allein in ihr Unglück rennen lassen…“, sprach sie und versuchte zu lächeln. Wenn das Gute unterging, dachte sie still, dann nicht Link alleine, der für es kämpfe. Sie würde ihm folgen, wohin auch immer.

Link grinste. Ja, wenn einer von ihnen beiden unterging, dann auch der andere. So sollte es sein. Weg waren seine Zweifel. Weg war jeder Hauch von Furcht. Mehr als kämpfen und durchhalten konnten sie beide nicht. Er reichte ihr dann den anderen der Dolche und seinen Bogen mit den Pfeilen, damit sie sich verteidigen konnte.

„Gut“, sagte Link mit der Stimme eine Anführers. „Wir nehmen an.“

Daraufhin schallte Ganondorfs dreckiges Gelächter durch den Innenraum und er winkte Link mit einer auffordernden Handbewegung zu sich.

„Link…“, sagte seine Prinzessin jedoch und hielt ihn krampfhaft an seiner Hand fest, bevor er seinen entscheidenden Kampf begann. Verwundert blickte er zu ihr und erhielt einen innigen Kuss von ihren Lippen. Es fühlte sich an wie ein erster und letzter.

„Ich will nicht, dass dies der letzte ist, den ich dir schenken kann…“, sagte sie traurig, löste ihre Hand aus seiner und trat in Richtung Ilona, die inzwischen auf den Altar zu schwebte.

Link setzte seine Beine langsam in Bewegung und schritt in einem opferwilligen Marsch in Richtung seines größten Alptraumes. Es war sein Schicksal, ja, und doch… wie viele Menschen würden ihr Schicksal so wie Link seines niemals akzeptieren?

Noch während er lief, zog er sein leuchtendes Masterschwert aus der Schwertscheide und ließ den Zauber seiner Waffe wie eine Nebelwand in Richtung Ganondorf wandern. Zuerst lief Link in langsamen Schritten. Sein Blick, unberechenbar und zornig, haftete jener auf seinem Erzfeind. Doch in einem Wimpernschlag beschleunigte er seinen Schritt, ließ seinen Mut aufleben und raste ohne Zögern direkt auf seinen Erzfeind zu.

Es geschah in Sekundenbruchteilen, dass sich die Schwerter erstmals mit voller Gewalt trafen. Die Kampfschreie von Link und Ganondorf schallten umher in Begleitung ihrer Klingen, die das Spektakel der Macht symbolisierten. Ein Schlag mit Gefahr und die Erwartungen der beiden Kämpfer an den Kampf wurden übertrumpft. Ein weiterer Schlag. Scharf trafen sich die Klingen, rieben verbissen aneinander, bis Link das Schwert herumriss. Der Heroe setzte wieder an und schickte seinem Kontrahenten die Kraft entgegen, an die jener so sehr glaubte.

Link biss die Zähne zusammen und drückte mit allem, was er hatte, gegen Ganondorfs Waffe, entließ einen markerschütternden Schrei und stieß seinen Gegner zurück.

„Mmpf…“, entließ der Dämon aus seiner Kehle rauschen. „Du bist wahrlich zu deinem alten Ich zurückgekehrt, Heldchen.“

„Was du nicht sagst!“, rief jener und stürzte sich mit dem nächsten Angriff auf seinen Gegner, den er in jedem Leben duellieren würde.

Diesmal starteten sie beide Kombinationen von schlagkräftigen Antworten und entfachten den Kampf erst richtig.

„Ich hab‘ keine Lust mehr mit dir zu quatschen!“, brüllte Link so heftig, dass Ilona und Zelda den Heroen vom Hintergrund aus erschrocken musterten. Und plötzlich schossen die beiden Kämpfergestalten in einem Lichtspektakel von Rot und Grün umher, waren nun so ungeheuer schnell in ihren Bewegungen und ihrem Kampfeswahn, dass man sie nicht mehr vollständig verfolgen konnte. Sie waren nun nur noch zwei Punkte, die sich abwechselnd bedrängten…

Verfeindet auf ewig.

Bereit zu sterben…

 

Während sich Ganondorf und Link heftig duellierten, platzte auch in Ilona der Knoten. Sie knackte mit ihren Gelenken und murmelte mit ihrer hohen, verstellten Stimme. „Und jetzt, little Princess, geht auch unser Kampf los. Bereit entstellt zu werden?“ Ilona kicherte und kicherte. Dann zog sie grinsend ihre Armbrust und spannte den Pfeil direkt auf Zelda.

Gefasst starrte die Prinzessin des Schicksals auf die Pfeilspitze, war es doch nicht der erste Pfeil, der sie treffen würde. Sie spürte plötzlich, wie abhängig sie doch von ihrem Fragment der Weisheit war. Ohne es zu kämpfen, bedeutete sterben… das fürchtete sie. Rat suchend schaute sie zu den anderen beiden Kämpfergestalten und beobachtete ihren Helden, der alles in seine Attacken legte, was er hatte. Ab und an brach ein silberner Magieschauer von dem Masterschwert, aber es war nur ein Nebeneffekt. Link nutzte seine Magie nicht, immer noch nicht…

Ob er sie sich für den entscheidenden Moment aufhob?

„Was ist, willst du nicht einmal versuchen vor dem Pfeil wegzulaufen?“, murrte Ilona und ärgerte sich gerade maßlos darüber, dass die Prinzessin des Schicksals nach wie vor keinerlei Angst vor ihr hatte! Dabei hatte Ilona als eine Vasallin Ganondorfs beeindruckende Fähigkeiten erwerben können. Mehr noch, sie waren ein Daseinsgrund, den sie vorher nie gespürt hatte.

Zelda nahm einen tiefen Atemzug, ignorierte das Zittern ihrer Glieder und versuchte sich mit stetiger Geduld wachzuhalten. Sie wischte sich über ihre brennenden Augen und nahm Links Bogen in ihre Hand.

Ilona grinste abartig. „Oh, Spielen willst du?“ Sie lachte wie besessen.

Die Kräfte schlichen aus ihrem Körper, das spürte Zelda. Und sehr lange würde sie einen Kampf gegen Ilona nicht durchhalten können. Aber sie hatte eine Idee…

Sie spannte ihren Pfeil, lauschte dem Zirpen der Sehne, fühlte, wie das Holz in ihren Händen sich spannte bis zum letzten Punkt. Trotz allem fühlte sie Magie, spürte ihre Schwingungen, ihre Existenz, die bis in tiefe Adern drang. Sie rief nach ihr, die leise Macht des Fragmentes der Weisheit raschelte nach wie vor in ihren Gedanken, auch wenn sie jene Macht nicht einsetzen konnte. Das Gefühl dafür ging nie verloren.

Magie der Weisheit war Schicksal und ihr eigenes Heiligtum…

Sie spürte die Anwesenheit des Fragmentes noch in ihrem Geist und gemischt mit der Magie ihres königlichen Blutes, würde sie dem Teufel in der Kirche eine bitterböse Überraschung bescheren. Sie musste sich bloß ein wenig darin fallen lassen, in jener Magie, musste lauschen und verstehen. ,Na warte, Ganondorf, du wirst leiden, so wie du mich leiden lassen hast…‘, sagte sie finster in ihren Gedanken.

Gefahrprophetisch schloss und öffnete Zelda ihre saphirblauen Augen. Der Pfeil auf ihrem Bogen war gespannt. Und ihr Herz schlug im gleichen aufgeregten Rhythmus mit einem anderen.

„Was jetzt, little Princess, willst du testen, welcher unserer beiden Pfeile zuerst auf sein Ziel trifft. Ich sag‘ dir, du hast die schlechteren Karten.“

Zelda lächelte schwermütig. „Glaubst du, die Angst vor dem Tod bestimmt nur irgendeine meiner Handlungen? Ich habe keine Angst vor deinem Pfeil, Ilona.“

Zeldas plötzliche Ansage, die doch mehr Stärke verriet als vermutet, erschreckte die Dienerin Ganondorfs ein wenig. In einem Ausbruch von Verwunderung tastete Ilona die Maske ab, die die Hälfte ihres Gesichtes verdeckte.

„Wovor hast du denn Angst?“, fragte Ilona kindisch. Und es war der Augenblick gekommen, da sich Zeldas heimliche Vermutung bestätigte. Ihre Idee von vorhin keimte auf… und wandelte sich in einen reifen Plan.

Noch immer hielt die junge Prinzessin den Pfeil fest gespannt und achtete auf Ilonas Bewegungen, die immer mehr einfroren.

„Ich habe Angst davor, das wichtigste in meinem Leben zu verlieren“, sprach Zelda ruhebewahrend.

„Hä?“

„Du hast richtig gehört, Ilona…“ Jene schnalzte mit ihrer Zunge und ließ die Armbrust ein Stückchen sinken.

„Aber du hast doch das wichtigste in deinem Leben schon verloren“, rief Ilona, deutete auf Zeldas rechten Handrücken und verstand es immer noch nicht. Zelda wusste, sie konnte nicht verstehen, nicht in ihrem jetzigen Zustand. Irgendetwas hatte Ganondorf mit diesem Mädchen angestellt. Sicherlich, Zelda ahnte, dass Ilona wahrhaft freiwillig zu Ganondorf gekommen sein musste. Aber sie hatte sich sicherlich nicht freiwillig dafür benutzen lassen Dutzende Dämonenkinder in die Welt zusetzen. Nicht mit dem Wissen, dass Ilona einst in Link verliebt gewesen war. Nicht mit der Tatsache, dass sie vielleicht ein sehr arrogantes und egoistisches Gemüt besaß, aber immer noch menschlich gewesen sein mochte.

„Ilona…“, sagte Zelda mit einer Spur Mitleid. Auch in ihren Augen stand dieses Gefühl nun geschrieben. „Hör‘ in dich hinein, ist das wichtigste für dich Macht? War es nicht irgendwann einmal etwas Besseres, etwas Wertvolleres?“ Erneut fasste sich das Mädchen mit den wasserstoffblondgefärbten Haaren an die Maske und zauderte.

„Blödsinn“, rief sie dröhnend und hielt ihre Armbrust wieder gefährlich in Zeldas Richtung. Das Visier war perfekt, dachte sie. Sie brauchte bloß noch schießen und aus wäre es mit der Prinzessin aus dem hylianischen Reich. Aus wäre es mit ihrer Liebe zu Link. Und Link wäre frei…

Es summte noch immer nach Link in Ilonas Gedanken. Und obwohl sie ihre Schwärmerei für Link schon lange als begraben ansah, noch immer steckte irgendwo ein Bruchstück von ihm. Ein Bild seiner tiefblauen Augen und seiner perfekten Figur.

„Ilona, ich glaube, du tust dies alles nicht freiwillig… er hat dich manipuliert, nicht wahr?“ Immer wieder redete Zelda auf sie ein, versuchte ihren Kern zu wecken, versuchte das bisschen Menschlichkeit in ihrem Inneren wieder zu aktivieren.

Sie schwieg auf Zeldas Frage.

„Hat er dich mit irgendetwas beeinflusst? Hat Ganondorf dir irgendetwas versprochen?“ Zelda ließ nicht locker und tat alles, um die erfrorenen Herzfasern in Ilonas Innerem wieder mit Wärme und Erinnerung an einstiges pulsierendes Leben zu füllen.

„Hat dich Ganondorf in den Seelenfänger gesperrt?“ Diesmal zupfte das Mädchen gegenüber der Prinzessin bereits an der Maske, sie begann zu kreischen und Tränen brachen von ihren Augen hinab.

„Und wenn schon, ich hab‘ jetzt Macht!“, rief sie. „Wer braucht schon…“ Sie ließ ihren Kopf mit einer knackenden Bewegung in den Nacken sinken. Eine Bewegung, die jedem anderen Menschen die Wirbelsäule gebrochen hätte. Dann setzte sie wieder mit ihrer schwarzlackierten Armbrust an, doch diesmal waren ihre Arme nicht unmenschlich starr. Ihre Arme zitterten.

„Sag‘ mir“, sprach sie leise. „Vor welchen Verlust fürchtest du dich am meisten?“ Ein Glühen loderte bestimmender und einnehmender als vorher in den tiefsitzenden Augenhöhlen Ilonas.

Zelda Blick sank nieder und wanderte dann in Richtung der beiden Kämpfergestalten, die Gutes und Böses symbolisierten. Aussagekräftig war jener Blick. Sie legte zu viel hinein in eine Geste wie diese. Zu vieles, was Ilona nicht verstehen konnte… Dankbarkeit. Aufrichtigkeit. Verträumte Liebe, selbst wenn der Tod sie beide- den Helden und die Prinzessin- mit einem Wimpernschlag ereilen konnte…

 

Noch immer rangen Link und Ganondorf um die Oberhand, kämpften ohne Gnade, kämpfen brutal und mit allen Tricks, die ihnen das Schlachtfeld beigebracht hatte. Wie Tiere gingen sie aufeinander los und ließen ihre Schwerter die Hörner sein, mit denen sie das Fleisch des anderen zerstießen.

Link schwang das Schwert plötzlich so schnell, dass Ganondorf Mühe hatte mit seinem gewichtigen Schwert mitzuhalten. Und gerade in der Minute verschaffte das Schicksal dem Heroen einen entscheidenden Vorteil. Nur einen Moment lang war Ganondorf unkonzentriert und verfehlte das Ziel des Masterschwerts. Mit einem lauten Ausruf stieß der Heroe das Schwert gegen seinen Wiedersacher. Und jener taumelte, verlor das Schwert und starrte mit bitterem Blick in die anklagenden Augen Links.

Link rang nach Atem. Sein Ausbruch an Schnelligkeit und Gewandtheit hatte ihm Kraft und Energie gekostet. Aber Ganondorf ohne Schwert vor ihm stehen zu sehen, erfüllte ihn mit neuem Mut. Gerade das trieb ihn an, gerade dieses Gefühl in seinem Inneren stärkte ihn, half ihm, schenkte ihm die Zuversicht, Ganondorf schlagen zu können.

Grunzend wischte sich der Schreckensfürst den Schweiß vom Gesicht und entließ einen unbefriedigten Laut. Auch er hechelte und saugte die Luft um sich stoßweise ein und aus.

Beide waren bereits vom Kampfgeschehen gezeichnet. Ganondorf trug eine blutige Lippe und an seinem linken Knie floss eine schwarze Substanz aus seiner Haut abwärts.

Link hatte es ein wenig mehr erwischt. Aber seine Wunden waren harmlos im Vergleich zu dem, was Ganondorf erwartete, würde er ihn in die Hölle schicken. Seine grüne Tunika war ein wenig zerfetzt und an den meisten Stellen kam das silberne Kettenhemd zum Vorschein. Ein Kratzer zierte seine rechte Wange und ein tiefer Schnitt ging an seiner rechten Schulter abwärts. Auch ihm stand der Schweiß im Gesicht und vermischte sich brennend mit dem Blut, welches aus der Wangenwunde rann.

Nur kurz blickte der Heroe zu seiner Prinzessin und fand jene tapfer dreinblickend vor. Noch immer spannte sie ihren Bogen gegen Ilona, die wiederrum die Armbrust straff auf die hylianische Thronerbin richtete. Zelda nickte, bewegte ihre Lippen um Link etwas wissen zu lassen. Er verstand sie nicht, war ohnehin zu sehr auf seinen Erzfeind fokussiert, um länger Zeldas Blicke zuzulassen…

„Nun Ganondorf? Immer noch zu machtbesessen um zu bemerken, wie schwach du in Wahrheit bist?“, reizte Link. Er erhob das Wort laut und stark.

„Du wirst schon früh genug den Vorzug von Kraft gegen Mut erfahren lernen“, zischte er und blickte auf das dunkle Schwert, welches weit neben ihm auf dem Boden lag.

„Ehe das geschieht, wirst du Kaiser dieser Welt, Ganondorf. Ich werde meinem Mut niemals abtrünnig werden.“

„Sei dir deiner selbst lieber nicht so sicher…“, murrte der Dämon und zog seine steifgewordenen Mundwinkel nach oben. Denn noch immer hatte Link keine Ahnung von Ganondorfs weitreichenden Plänen… und das war gut so…

Link verfolgte Ganondorfs Blick mit wachem Auge und trat vorsichtig in Richtung jenes Schwertes, nur um zu verhindern, dass der Dämon seine Waffe wieder zu fassen bekam. Ganondorf beobachtete mit einem einfältigen Grinsen, dass Link genau verfolgte, wie nah er seinem Schwert kommen wollte. Er entschied sich das Schwert erstmal Schwert sein zu lassen. Er hatte genug Kraft in seiner Faust um Links Gesicht spalten zu können. Wozu auch brauchte er dieses Schwert?

Erneut winkte er dem Heroen zu, diesmal noch auffordernder als vorher.

Königlich reckte Link das Masterschwert in die Höhe und ließ es elegant in seiner linken Hand kreisen, vollführte sein Können eher angeberisch und richtete die Waffe erneut direkt auf seinen Todfeind. Links Blick senkte sich, ließ Bedrohung sprechen, ließ die eigene Bestie für Bruchteile aus den tiefblauen Augen hindurch schimmern. Sein Angriff würde kommen, ohne Gnade würde Link das Masterschwert gegen Ganondorf führen, der mit seinen blanken Fäusten kämpfen würde.

Link schwang das Schwert einmal in die Luft, lauschte seinem hellen Klang mit Stolz, mit Ehre, schwang es noch einmal und ließ einen hellen magischen Wirbel von der Klinge sausen. Magie des Mutes war ein gefährliches Spielzeug, ja, das war sie. So gefährlich, dass sie bisher kein Held der Blutlinie so einsetze, wie es ihre Bestimmung verlangte. Mut hatte seine tückischen Seiten, vielleicht noch mehr als jene der Kraft. Denn wo man den Mut überschritt, folgte Übermut und mit ihm der Tod…

Vor allem für jene, die dem Herz des Mutes nicht treu bleiben konnten. Doch Link, ein Kämpfer, der schon seit Urzeiten in Hyrule jener erstrebenswerten Eigenschaft ein Denkmal setzen konnte, würde der Macht des Mutes endlich die Chance geben sich zu beweisen…  

Die Zeit gefror unter der Führung Links und die Sekunden wandelten sich in lebendige Wesen, tanzten wie Lichtgeister vor seinen Sinnen. Das Triforce befehligte sie und zog ihr Licht an… Es verschmolz auf dem linken Handrücken des Helden zu einem starken Glühen des Fragmentes, tiefleuchtend, hell, beinah brennend. Das Licht der umgebenden Fackeln wurde von Link Fragment geraubt und erlosch mit der Gefahr, über derer das Fragment des Mutes nun siegen sollte.

Auch Ganondorf aktivierte das Fragment seines Schicksals, spürte wie die Kraft durch ihn hindurch glitt, wie sie ihn stärkte und nährte. Seine rechte Faust spannte sich und das Fragment entließ einen wahnsinnigen Strahl, der gleich einem Schrei durch die inzwischen dunkle Kathedrale glitt. Ein barbarisches Zischen. Ein Laut, der in den Ohren aller Anwesenden das Leid Dins erfühlen ließ.

Und es kam der Moment, wo die Zeit weiter tickte und die Magie des Mutes und die der Kraft mit starkem Aufprall aufeinander trafen. Link schrie aus Leibeskräften um dem Sturmgewitter, welches seinem Handrücken entkam mehr Geschwindigkeit und Zerstörungskraft zu geben und folgte dem Sturm mit seinem Schwert.

Ganondorf lachte. Er lachte wieder und wieder, als er die Front aus heller, warmer Magie in seine Richtung steuern sah. Und er würde nicht ausweichen. Weglaufen war etwas für schwache, auch wenn es häufig weise war. Dennoch war Schwäche das größte Übel für einen Mann wie Ganondorf, der sein Leben lang nur auf seine Kraft baute.

Auch sein brennend pulsierender Strahl an Magie brach in die Ferne, suchte nach einem Weg, den jungen Heroen zu zerfetzen, ihm jedes bisschen Ehre zu nehmen, auf das er einst so stolz gewesen war…

Er lachte und lachte und doch… Mit einem Mal fühlte er etwas anderes, warmes… etwas, was sich von der Kälte abhob, die er schon Hunderte von Jahren genießen lernte. Etwas schmerzte in ihm, plötzlich und gefährlich, es machte ihm Angst. Erschrocken stand der Fürst des Schreckens einfach im Raum, die Magie des Mutes umfing ihn und vermischte sich mit der schwarzen Magie, die er gerade eben aktiviert hatte.

Mit einem Puff verschwanden die magischen Nebel, der Sturm von Link und auch Ganondorfs Strahl…

Er trat einen Schritt rückwärts, konnte sich das Gefühl nicht erklären, welches ihn so verwundbar leiden ließ. Es war so warm, so… unerträglich heftig, es wuchs an, es rief, es jagte und trieb ein kleines Feuer hinein in sein erfrorenes Herz. Der Fürst des Schreckens zitterte und nun bemerkte auch Link, dass irgendetwas an Ganondorf nicht stimmte. Etwas machte ihn verwundbar, etwas ließ ihn Menschlichkeit spüren.

Der Dämon schluckte, drehte sich um seine eigene Achse, starrte zu der Prinzessin des Schicksals, die ihn einen mitleidigen Blick entgegenwarf. Dann schaute er zu Ilona, die ihn mit ihrer unmenschlichen Merkwürdigkeit anstarrte. Mit einem Mal konnte er ihre Kälte erkennen, und das, was er nicht ertrug… es brannte in ihm… nahm ihm die Luft und redete mit ihm. Stimmen flüsterten in seinen Ohren, die er noch nie hören wollte.

,Was hast du mir angetan‘, sprachen jene Stimmen laut und immer wieder. ,Warum hast du mich eingesperrt, ich war dein freiwilliges Fleisch. Ich war dein Abschaum in starren Nächten. Ich war dein Nährsaft für die Existenz abscheulicher Bestien. Was hast du mir angetan?‘

Noch einmal starrte der Dämon in die anklagenden Augen der Prinzessin des Schicksals, sah Gewissheit darin, sah Überlegenheit. Verdammt sein soll sie mit ihrer verfluchten Weisheit, mit ihrem Wissen über alte Wurzeln der Magie und ihrer Wahrheit! Verdammt sein soll sie, da sie ihn bestrafte!

Ganondorf brüllte plötzlich und schlug mit der linken Faust wie besessen auf seinen rechten Handrücken. Es brannte. Es tat so weh… diese Menschlichkeit… sie roch so bitter, sie vergiftete seinen Verstand, sie ließ ihn leiden!

Und Link begriff nun auch, was Ganondorf beeinflusste. Das Fragment der Weisheit trieb ein Spielchen mit ihm. Das Fragment Zeldas hörte noch immer auf seinen wahren Herrn und würde einem neuen Meister niemals ergeben sein.

Link grinste so heftig in Zeldas Richtung, dass sein Blick vor Erstaunen hätte dröhnen können, würde man ihm ein Sprachrohr geben. Also das hatte sie ihm vorhin mit Blicken verdeutlichen wollen. Zelda kontrollierte noch immer ihr Fragment, selbst wenn es auf Ganondorfs Handrücken festsaß. Und was sie nicht alles tun konnte, um Ganondorf in den Wahnsinn zu treiben.

Zelda lächelte ihrem Heroen zu, der verstand. Ja, sie würde den Meister des Bösen in den Wahnsinn treiben, würde seine Machtsucht einmal mit furchtbaren Mitteln bestrafen. Er sollte erfahren lernen, was Grausamkeit bedeutete.

Link nickte. Selbst wenn Zelda seine größte Schwäche darstellte, ohne sie in den Kampf zu ziehen, war für Link nicht vorstellbar…

Und dann ging Link mit dem Masterschwert in seiner Hand auf Ganondorf los, während auch die vielen Fackeln in der Kirche wieder aufloderten. 

Er stürmte näher in Begleitung eines weiteren Sturmes, der seinem Fragment entsprang. Wirbel seiner Macht. Golden. Windig…

Ein Bündel Energie traf Ganondorf mit einem schrecklichen Getöse. Und auch Link rannte mit dem Schwert in der Hand gegen ihn, ließ es vollstrecken und siegen.

Der Fürst des Bösen hatte Mühe, die Magie Links abzuwürgen. Von allen Seiten umzingelte sie ihn, brannte bereits auf seiner giftgrünen Haut und verbunden mit dem neuen Gefühl der Menschlichkeit, welche das Fragment Zeldas ihm bescherte, fühlte der Schmerz sich nun endlich wieder an, wie Schmerz sein sollte. Warnend. Betäubend.

Ganondorf ahnte, dass Zeldas Fragment ihn an der Ausübung seiner eigenen Mächte hindern würde. Er schwang seinen Umhang und ließ den goldenen Sturm von Link dagegen prallen. Noch im selben Moment stürzte sich Link mit dem Masterschwert auf ihn, erwischte ihn gefährlich, aber gewiss nicht tödlich. In Begleitung eines Kampfschreis stieß der Heroe das Masterschwert in die erstbeste Stelle an Ganondorfs Körper, die sichtbar wurde, jetzt, da der goldene Sturm und die vielen Funken um ihn herum sich verflüchtigten.

Ganondorf grunzte, würgte und fühlte ihn, jenen Schmerz, der nach Menschlichkeit stank. Er spürte das Ziepen, das Kneifen, das Brennen und hörte in seinen Gedankensphären noch immer die vielen anklagenden Stimmen. Stimmen seiner Opfer und seiner Widersacher…

Link starrte dem Dämon gefasst in die Augen, sah Verwunderung darin. Erschrecken und beinah Entzücken. War Menschlichkeit etwas, was Ganondorf genoss? Genoss er den Schmerz, der Wunden wirklich darbot?

Der Heroe spürte schwarzes, dickflüssiges Blut an der Klinge des Masterschwertes entlang laufen und auf seine Hände tropfen.

Links tiefblaue Augen sanken nieder.

Ein tiefer Schnitt. Das war es, was er dem Dämon zugefügt hatte. Ein Stich direkt hinein in die linke Schulter Ganondorfs. Eine hässliche Rauchwolke stieg empor, dort wo das Masterschwert Ganondorfs Fleisch anbohrte.

Jauchzend zog Link das Schwert zurück, machte sich bereit für einen weiteren Stoß.

„So nicht, Heldchen…“, zischte der Dämon schmerzverzerrt, brüllte und verpuffte in einer schwarzen Wolke, nur um wenige Meter weiter wieder aufzutauchen. Erzürnt rannte Link seinem Erzfeind hinterher. Erneut diese feigen Spielchen. Erneut versuchte sich Ganondorf mit solchen lächerlichen Mitteln aus der Schlinge zu winden.

„Feigling!“, rief Link tobend und raste geschwind hinter seinem Widersacher her. So verfolgte Link den Teufel Hyrules fortwährend. Doch der Verfolgte, so wusste Zelda im Hintergrund, würde sich aus einer anderen Schlinge nicht mehr so einfach winden können. Er hatte das Fragment der Weisheit mit allen Gefahren an sich genommen und würde auch den Wahnsinn ertragen müssen, dem es ihn bescherte. Und nur ihm…

In ihren Gedanken redete Zelda mit ihm, verführte ihn zu einem schmerzhaften Gefühl von Schuld und Schmach, ließ ihn Bilder sehen, die sich in ihm einbrennen würden… so lange, bis er das Fragment sich aus dem Körper reißen würde…

Und noch immer stand Zelda gefasst vor Ilona, die unbeteiligt, ja beinah hypnotisiert drein sah. Sie schaute einmal nach links, dann nach rechts, schien etwas zu suchen, was nicht da war. Sie hob wieder ihre Armbrust, aber murmelte plötzlich Unverständliches daher. Zerstückelte Worte. Laute ohne Sinn…

Sie wusste nicht, dass sich Zelda entgegen der Regeln in den Kampf von Link gegen Ganondorf eingemischt hatte, aber sie hatte keine Wahl, als Ilona im Unklaren zu lassen. Zumindest war es die einzige Möglichkeit an Ilonas Seele noch zu retten, was zu retten war…

Zelda spannte erneut ihren Bogen, ließ die alte Magie nebenbei knistern und fühlte, wie sie Ganondorf innerlich zerriss…

„Ilona!“, rief Zelda stark und fest. „Bitte hör‘ mir zu… du musst versuchen, dich von dem Bösen in dir zu lösen. Hörst du!“

Inzwischen war Ilonas Hilflosigkeit nahezu spürbar. Ängstlich sah sie drein. Sie weinte sogar, obwohl sie noch immer die Armbrust direkt auf Zelda gespannt hatte.

„Denk‘ an das, was dir einmal wichtig war…“, sagte Zelda leiser werdend und entgegen ihrer Eifersucht, erinnerte sie Ilona an ihre einstige Schwärmerei für Link.

„Denk‘ an Link…“, sagte Zelda leise. „Er wird niemals Dein sein, aber erinnere dich daran, warum du ihn einst gemocht hast. War es nicht mehr als sein Aussehen?“

Ilona begann plötzlich zu brüllen. Dutzende Energiekugeln platzten aus ihren Armen und Beinen und gingen kreuz und quer in der Kirche unter. Eine der Kugel raste direkt auf die junge Prinzessin zu. Geschwind ließ sie sich fallen und beobachtete die Kugel aus Boshaftigkeit sich glühend in eine Steinwand bohren.

Zelda seufzte und rappelte sich wieder auf. Sie torkelte ein wenig und fürchtete, ihre Kräfte wollten sie immer mehr verlassen. Für einen Moment war ihr Gesichtsfeld verschwommen. Sie rieb sich mit der freien Hand über die Augen und hoffte inständig, es würde vergehen. Dieses unangenehme Schwächegefühl sollte verdammt noch mal vergehen!

Zelda konnte sich gerade noch so auf den Beinen halten, um zu bemerken, dass Ilona den Pfeil abfeuerte. Sie lachte und weinte zugleich, als sie ihr mörderisches Geschoss losließ. Sie wollte es nicht, und doch wollte sie es. Sie konnte es nicht tun und doch musste sie es…

Zelda stolperte erschrocken nach hinten, aber der Pfeil verfehlte sie um viele Meter. Ilona schien nicht mehr zu wissen, was sie wollte. Ihre Ambivalenz war rätselhaft. Kehrte sie zurück zu einem guten, menschlichen Kern, der ihre Handlungen wieder leitete? Oder steckten noch zu viele Dornen des Bösen in ihr?

Sie ließ die Armbrust fallen und betastete erneut die schwarze Maske, die ihr halbes Gesicht versteckte.

„Ilona“, flüsterte Zelda, hoffend sie würde sich an diesen Namen so erinnern, und dass er gleichzeitig andere Erinnerungen an ihr gewöhnliches Erdenleben weckte. „Wach‘ auf!“, sagte Zelda lauter.

Aber das Mädchen ihr gegenüber begann lediglich zu schreien. Heftig presste sie ihre Hände an die Ohren und rannte schließlich wie angestochen durch die Kirche, direkt zwischen einem kämpfenden Link und Ganondorf hindurch.

Zelda schnappte nach Luft und stürzte sich kurz auf die Knie… sie zitterten heftig und erinnerten sie marternd daran, dass Ganondorf ihr fast alle magische Kraft aus dem Körper gesaugt hatte. Sie blickte auf und hatte eine neue Idee.

Ilona rannte immer noch, rannte erneut auf Zelda zu, beachtete sie jedoch mit keiner Silbe mehr. Im Tanz des Wahnsinns war sie nicht mehr gefügig, nicht Ganondorf und nicht einmal mehr Herr ihrer selbst.

Jetzt oder nie, dachte Zelda und kramte die Wurfsterne aus dem Gürtel, wo sie jene versteckt befestigt hatte. Erstmals besah sie sich die kleinen Waffen. Kunstvoll geschmiedet besaßen sie sogar ein kleines rundes Zeichen in der Mitte. Viele Zähne trugen sie, die sich in Fleisch wie ein Gebiss in reife Äpfel fressen konnten. Flach lagen sie auf Zeldas rechter Handinnenfläche, wo der dicke Verband schon wieder mit viel Blut vollgesogen wurde.

Sie schloss die Augen, fühlte das Aufbrechen alter magischer Wurzeln in ihrem Inneren. Ihre Seele trug mehr als dieses eine Gesicht, das wusste sie, seit sie denken konnte. Schon in Zeldas Kindheit, damals im sagenhaften Schloss Hyrule, hatte sie Fähigkeiten, die sich einfach von denen anderer Kinder abhoben. Im königlichen Blut Hyrules lag Magie, das wussten schon die Schattengötter in jenen verfluchten Monaten vor dem Ende Hyrules…

Geduldig konzentrierte sie sich auf das Stückchen Magie, welches schon vor Ewigkeiten vergessen ward, welches sie nie wieder benötigt und daher auch nicht trainiert hatte…

Zauber lebte in so vielen Dingen. In tanzenden Winde. In Gefühlen, die im Licht entstanden. Sogar im Gehör, wenn die Feen mit ihren hauchenden Stimmen singen würden. Zauber lebte sich aus und lebte doch nie um zu vergehen…

Und einer der kleinen Wurfsterne hob sich durch magische Schwingen von Zeldas Hand empor, stieg an und drehte sich lautlos um seine eigene Achse. Zelda liebte diese Form der Magie, sie liebte, wie jene durch ihre Adern strömte, auf der Suche nach einem Gefühl, so tief versteckt lag es unter Zeldas Haut. Die Magie ihrer Familie war sicherlich weit entfernt von den Fähigkeiten, die das Triforce versprach und doch… es wärmte sie ein wenig in der eisigen Kirche, unter dem Zorn Ganondorfs und im Auge des Todes…

Ruhig, summte Zelda in ihren Gedanken, sprach das Wort dann laut aus. „Ruhig“, flüsterte sie. Ganz langsam drehte sich der Wurfstern in ihrer Hand, wanderte in den Lüften, sank ab und an hinab wie ein Schmetterling, dem die Kraft verließ, bis er wieder in die Luft stieg.

Sie leitete die kleine Wurfwaffe auf das Schlachtfeld, dort, wo Ilona zwischen Link und Ganondorf auf und ab rannte, als wollte sie jenen Kampf stören...

Das kleine Geschoss wurde schneller und schneller. Zelda konzentrierte sich, legte all‘ ihre übrige Kraft hinein, nur um Ilona damit außer Gefecht zu setzen. Sie brauchte sie bloß ein wenig am Hinterkopf treffen und sie würde bewusstlos umfallen. Oder sie musste diese Maske von Ilonas Gesicht niederreißen, sie musste dieses Teufelsding zerstören. Vielleicht war es ja die Ursache der Gehirnwäsche, die Ilona über sich ergehen lassen musste.

Und noch immer rannte Ilona wie angestochen durch das Schlachtfeld derjenigen Kämpfer, die sich bis auf den Tod verfeindet hatten.

Derweil steuerte Zelda das kleine magische Geschoss mit hoher Geschwindigkeit in der Kirche umher. Inzwischen musste sie ihre Hände als magische Unterstützung für den Wurfstern einsetzen, steuerte ihn mit unsichtbaren Fasern, die in ihren Händen lagen. Handmagie war nun mal einfacher und weniger belastend als jener Zauber, den man bloß mit den Gedanken ausübte. Aber sie genoss es, genoss die Genugtuung nicht hilflos zu sein, sondern die Magie aus ihrer Familie aktivieren und einsetzen zu können. Nein, sie war nicht schwach. Sie konnte kämpfen, so, wie Link es immer behauptet und ihr begreiflich machen wollte. Erst jetzt realisierte sie, tief in ihrem Inneren, dass Schwäche anders definiert werden sollte als über die Definition, die absurde, mittelalterliche Erziehung ihr auf diktiert hatte. 

 

„Link, lauf‘ weg…“, sprach Ilona plötzlich zittrig und rannte dann wieder auf Zelda zu, die nicht wusste, wie ihr geschah. Ilona begann um die junge Prinzessin herumzutänzeln, überschlug sich fast und stürzte zu Boden. Sie rappelte sich wieder auf, kreischte und rief noch einmal: „Link, lauf‘ weg… du kannst nicht gewinnen. Ganondorf… er hat einen bösen Plan, er wird dich…“

Doch da verlor auch Ganondorf die Geduld Ilonas Gefasel mit anzuhören, warpte sich wieder in der Rauchwolke, die nach Säure roch, tauchte direkt vor seiner Vasallin auf, und verpasste ihr eine so gewaltige Ohrfeige, dass Ilona durch die gesamte Kirche geschmettert wurde. Sie kam knackend an einer steinigen Seitenwand an, stand mit verdrehtem Kopf und einer hässlichen Entstellung der Gelenke ihres rechten Armes wieder auf.

„Dumme Göre“, fauchte Ganondorf und teleportierte sich wieder zu dem Mädchen hin, welches nun Stücke ihre Seele wiedergefunden hatte. Sie atmete noch… sie lebte noch… Irgendwo tief vergraben schlug das menschliche Herz Ilonas, die vielleicht nie der Mensch sein wollte, der sie doch war. 

Mit einem unmenschlichen Lachen stand Ganondorf vor ihr. An seiner linken Schulter tropfte stetig schwarzes Blut hinab. Dann packte er sie gnadenlos an der Gurgel. „Halt‘ dein Maul, Miststück…“, zischte er und hievte die Schülerin in die Höhe. Sie strampelte und umfasste Ganondorfs große, olivgrüne Hand, die zwei Machtabzeichen hielt, die sich wiederrum nicht vertrugen…

„Bitte nicht…“, winselte sie. Und schwere, schwarze Perlen rannten an ihren Augenlidern abwärts. Sie schlug um sich und zappelte mit ihren nackten Beinen. Sie begann wie ein kleines Kind zu wimmern.

„Bitte…“, weinte sie.

„Wie jämmerlich du bist, wenn ich dir von meiner schwarzen Macht nichts gegeben hätte, welchen Zweck hättest du schon für mich haben können. Du wirst niemals nur ansatzweise so stark sein wie jene, die du beneidest…“ Ganondorf wand den Schädel zu Zelda, die eifrig den Wurfstern steuerte. Doch unbemerkt von Ganondorfs Auge schimmerte der Stern plötzlich golden, wirkte in den Lüften, wo er sich drehte, tatsächlich wie ein Stern, der als ein letztes Licht die Erde beleuchtete.

„Sieh‘ sie dir an, Ilona. Du bist zu mir gekommen, weil du sein wolltest wie Zelda. Doch alles, was du bist, ist eine menschliche Missgeburt, du wirst niemals nur ansatzweise so sein wie dein Idol…“

Zelda seufzte und der goldene Stern verlor ein wenig an seiner Geschwindigkeit. Sie legte eine Hand auf ihre Lippen und Mitleid sank hinein in ihre himmelblauen Augen. Ilona war nur zu Ganondorf gekommen, um so zu sein wie sie? Warum, schallte es in der Prinzessin unheilvollsten Gedanken. Warum…

Zeldas Blick traf jenen Ilonas, die in ihren trüben, nunmehr menschlichen Augen tatsächlich um Hilfe bettelte. Ihre pechschwarzen Tränen wurden grau. Dann schwand das grau zu weiß und schließlich wurden sie klar. So klar wie Regentropfen…

„Es tut mir leid…“, winselte sie und flehte Zelda mit klagenden Blicken an, ihr zu helfen. „Alles…“, wimmerte sie und rang nach Luft.

„Bitte hilf‘ mir…“ Und  Ilona wusste nur zu gut, wie sich die Prinzessin Hyrules entscheiden würde… Nach allem, was Ilona ihr angetan hatte, wie sie sie beschimpft hatte.

Ganondorf begann plötzlich wieder lauthals zu lachen über Ilonas Unterwürfigkeit. Das war so typisch für das Menschenvolk, welches er für so schwach hielt. Das war ein so überzeugender Ausdruck der Unterwürfigkeit, der Hilflosigkeit, der Unehre, des Unnützes…

Hunderte andere Wörter würden ihm einfallen um das Menschenvolk zu beschreiben. Einfältig, unfähig sich um die dringendsten Probleme des Planeten zu kümmern. Und als Krönung oben auf: Menschen waren genauso machtsüchtig wie er…

Vielleicht war es das, was ihn am meisten amüsierte…

Und Ganondorf lachte wieder über den Gedanken, lachte und lachte wieder. „Meinst du nicht, die Prinzessin könnte denken, dass deine Hilferufe bloß einer meiner bösartigen Pläne sind?“, flüsterte er. Zu nah ließ der Dämon seinen Atem an Ilonas rechtes Ohr wandern.

„Sie wird dir nicht helfen, und du weißt es… du hast ihr schon oft genug versucht das Leben zu nehmen… Erinnere dich…“ Und blitzartig kamen die Bilder von dem Modegeschäft mit der Rolltreppe in Ilonas Geist zurück. Ja, sie hasste Prinzessin Zelda für ihre Reinheit, für ihre Heiligkeit. Aber am meisten hasste sie sie wegen Link und der Tatsache, dass sie in seinem Herzen immer den größten Platz haben würde.

Auch Link trat näher und beobachtete das Geschehen mit geweiteten Augen. Er zückte sein Schwert und würde nicht zulassen, dass Ganondorf dieser Schülerin noch mehr antat als bisher.

„Ganondorf, lass‘ Ilona gehen!“, befahl Link und trat mit der scharfen, weißleuchtenden Klinge näher. „Ich ramme dir das Schwert in deinen verdorbenen Rücken, wenn du sie nicht in Ruhe lässt! Auch ich kann unfair kämpfen!“

Fassungslos, weil Link sich für sie einsetzte, starrte Ilona ihn an. Sie hätte niemals damit gerechnet von ihm verteidigt zu werden, nicht in diesem Leben. Aber sie schüttelte den Kopf, was Link zunächst nicht verstand.

Grunzend wand der Dämon seinen Schädel umher und sah Link mit einem bereiten Masterschwert in seine Richtung stürmen und obwohl der Wahnsinn des zweiten Fragmentes auf seiner Hand ihm nicht alles erlaubte, was in seiner Kraft lag, so sammelte er Böswilligkeit und Hass in seinen Gedanken an. Es war schwer für ihn, Zeldas verurteilende Stimme in seinen Gedanken zu unterdrücken, aber für einen kurzen Augenblick funktionierte es. Er stärkte sich. Er verführte die Kraft auf seiner Hand zu grausamen Taten, ließ Kraft sprechen, ließ sein eigenes Fragment bluten.

Mit einem donnernden Schrei stieß der Dämon ein schwarzes Gestrüpp aus seiner Hand. Dornen des Hasses. Lebendiger Abschaum, so bestialisch und blutdurstend wie die Kinder, die er erzeugt hatte. Die Pflanzen wuchsen an, und schossen direkt in Links Richtung. Gerade noch rechtzeitig zog der Heroe den Schild der Götter vor sich. Mit einem lauten Schlag prallten einige der spitzen Dornen an dem goldenen Schild ab, anderes Gestrüpp wurde von dem Schild absorbiert und doch wuchsen die Pflanzen in einem so rasenden Tempo, dass Link Mühe hatte gegen sie anzukämpfen. Er ließ durch einige schwarze Pflanzen das Schwert rauschen. Klebriger Saft spritzte umher und traf zunächst den Schild der Götter, und dann brennend und zischend Links Gesicht.

Links überraschter Aufschrei vermischte sich mit dem der erschöpften Prinzessin der Hylianer. Der goldene Stern in ihren Händen wurde unwichtig. Erschrocken hetzte sie auf ihren Heroen zu, der mit geschlossenen Augen- denn der Saft der Pflanzen brannte wie Feuer darin- weiter kämpfte. Mit aller Gewalt drückte er gegen die Pflanzen, setzte schon sein Fragment dagegen ein, aber das Licht des Mutes wurde einfach verschluckt.

„Link!“, rief Zelda besorgt und der goldene Wurfstern stand in den Lüften als wäre er unter der Macht der Zeit eingefroren. Sie wollte ihm helfen, sie wollte ihn erneut beschützen. Würde sie ihn verlieren, das wusste sie, dann wäre auch ihre Seele tot. Sie wollte nicht mehr sein, wenn er nicht da wäre…

„Bleib‘ weg, Zelda! Ich schaff‘ das!“, brüllte Link mit geschlossenen Augen und drückte mit aller Kraft gegen jene Pflanzen, die sich mit scharfen Spitzen in den Schild der Götter drückten. „Kümmere dich um Ilona!“

„Aber deine Augen…“

„Es geht schon…“, seufzte er.

Zelda nickte schweren Herzens, versuchte ihre letzte Kraft zu aktivieren und den goldenen Wurfstern wieder zu steuern. Inzwischen riss ihre Verbindung zu dem Fragment der Weisheit immer mehr ab, sie wusste, sie konnte Ganondorf beeinflussen, aber er stärkte sich im Gegenzug an seinem Fragment. Und je stärker er wurde, umso weniger konnte sie ihm in ihrer jetzigen Verfassung schaden.

Und im Hintergrund lachte der Fürst des Schreckens erneut barbarisch. Weiterhin brodelten aus seiner rechten Faust die schwarzen, zerstörenden Sträucher und mit der linken hielt er die Schülerin straff in die Höhe gedrückt.

„Siehst du, wie sehr die beiden sich lieben? Das wirst du niemals haben. Du weißt doch, wie nutzlos du bist. Erinnere dich an deine Familie… erbärmlich war sie, zerrüttet und niemand hat dich beachtet…“, sprach er giftend. 

„Keiner wird dir helfen…“, sprach er einnehmend und hypnotisierte die wehrlose Schülerin damit. Sie weinte.

„Du warst so sehr in Link verliebt, um zu bemerken, wie abscheulich er dich fand, trauriges Ding…“ Seine Worte streichelten und brannten zugleich, tief in Ilonas Herzen.

„Kehre zurück, meine Dienerin…“, hauchte der Dämon an Ilonas rechtes Ohr, hauchte die Worte immer wieder, bis die trüben Augen der Schülerin erneut den böswilligen Funken erhielten, den sie vor Sekunden besiegt hatte. „Oder soll ich dich erneut in den Seelenfänger stecken“, setzte er leise hinzu. Es war ein Warnung und Ilona würde sicherlich nicht noch einmal in dieses Ding steigen. Ja, sie hatte erfahren, wie weh es tat, wenn die Seele in dieser Maschine gefoltert wurde und das würde sie sich ersparen. Der glühende funken Böswilligkeit in ihren Augen wurde stärker, bis er jede Menschlichkeit aufgesaugt hatte.

„Gut so, meine Hexe…“, murmelte der Dämon und ließ seine pelzige Zunge über ihre schwarze Maske wandern.

Langsam ließ Ganondorf das Mädchen wieder auf ihren eigenen Füßen ruhen, während sie teilnahmslos da stand und träumerisch zu Link und dann zu Zelda blickte.

Leichtsinnig wand Ganondorf ihr den Rücken zu und konzentrierte sich auf die schwarze Materie, mit der er den Helden der Zeit in die Enge trieb. Nur noch ein bisschen und der Held der Zeit würde von diesen Pflanzen verschlungen werden.

Inzwischen hatte Zelda den Kontakt zu ihrem Fragment verloren. Es war nun nicht einmal mehr ansatzweise auf Ganondorfs Handrücken zu sehen, als wäre es vollkommen erloschen…

Zelda fühlte wieder die Taubheit ihrer Hand stärker werden, fühlte sich erdrückt von ihrem Blutverlust und sah erneut verschwommen. Sie stützte sich mit einer Hand an die Steinwand, mit der anderen versuchte sie ihre einzige kleine Waffe, die aussah wie ein goldener Schmetterling, am Leben zu halten. Sie überlegte, wann sollte sie ihn einsetzen? Link damit zu helfen brachte nichts, es würde nur mehr von diesem giftigen Saft der Pflanzen ausbrechen lassen und vielleicht ihrem Heroen noch mehr Schaden zufügen. Hoffentlich waren seine Augen okay…

Sie fieberte mit ihm, und spürte bereits deutlich ein unangenehmes Gefühl über ihren Augen, wie eine Schicht aus Schwefel, die sich dem Augenlicht bemächtigte. War jene Empfindung die von Link oder ihre eigene?

Aber wie konnte sie das Geschoss noch einsetzen? Ilona damit zu treffen schien immer mehr Zeitverschwendung, denn Zelda spürte noch deutlich das menschliche Herz in des Mädchens Brust schlagen. Außerdem hatte der Schlag Ganondorfs, der sie an die Wand beförderte, sie ebenso wenig bewusstlos gemacht.

Ja, dachte die Prinzessin, der Wurfstern würde nur einen einzigen guten Zweck erfüllen.

Doch da geschah etwas, was Zelda so nie hätte kommen sehen.

Ganondorf, der noch immer mit Link rang, beachtete die hinter ihm stehende Ilona nicht mehr, die plötzlich ihre Mundwinkel nach oben zog.

Ist Menschlichkeit nur ein Irrtum, summte das Fragment der Weisheit in Ganondorfs tiefsten Gedanken, es störte ihn noch, auch wenn er es ignorierte. Ist Menschlichkeit nur eine Ausrede? Wenn Menschen nun auf der Erde leben wie Tiere, die ebenso unmenschlich sein sollten. Was machte sie aus, diese Menschlichkeit? War es Empfindung? War es Gefühl? Waren es diese vielen guten Dinge wie Vertrauen, Hoffnung und der Wille zu Kämpfen? Und dort auf der anderen Seite, wo die vielen schlechten Dinge standen, wie Verrat, Lethargie und das bittere Aufgeben… Waren es diese Dinge, die Menschlichkeit ausmachten?

Viele verwirrende Fragen entstanden zwanghaft in Ganondorfs Gedankenströmen. Er verabscheute sie, wollte sie sich aus dem Kopf reißen. Für ihn stand doch fest, was Menschen für dumme Geschöpfe waren, die eine Macht nicht erkennen konnten. Er murrte genervt und ließ den Unmut über jene Stimmen an Link aus, der gegen das schwarze Gestrüpp kämpfen musste.

Und doch hörte noch eine andere Seele der Stimmen zu. Menschlichkeit war ein Geschenk, summte es in ihren Gedanken. Menschlichkeit war nicht einfach und doch ein Geschenk, wenn man sich auf die guten Dinge beschränkte. ,Sei menschlich, sei stark‘, flüsterte es. ,Beweise dich um deiner selbst willen.‘

Und welchen Beweis sie für eine Rechtfertigung einsetzen würde!

,Beweise dich und dein gutes, geschändetes Herz…‘, rief es irgendwo dort, wo jenes junge Mädchen zuhören konnte. Es rief noch einmal und endlich zog die Dienerin Ganondorfs das Stilett von ihrem Gürtel. Sie grinste. Und plötzlich stieg ein weißlicher Riss von ihrer Maske aufwärts, teilte jene, aber noch fiel das Teufelsinstrument nicht von ihrem Gesicht. Sie grinste wieder, bitter, makaber. Genießend. Es schmälerte ihre Seele in keiner Weise, ließ jene erstarken, sogar ihre seelischen Wunden heilen. Ja, diese warme Stimme Nayrus, welcher sie für wenige Augenblicke lauschen durfte, weckte etwas Vergessenes in ihr, etwas, was Link, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, ausgelöst hatte. Sie erinnerte sich und während die Erinnerungen auflebten, gigantisch und entmutigend, umfing das Stilett, kostbar und menschlich eine Wärme, die jenes Mädchen vergessen hatte. Ja, sie lebte, ja, sie war menschlich…

Sie begann zu kichern, leiderfüllt, weil sie wusste, es gab kein Zurück. Sie begann lauter zu lachen, weil sie ahnte, jene Handlung wäre ihre letzte. Aber dieser Schritt war menschlich und darum tat sie es… 

Ilona blickte zu Zelda, die nicht verstand, was sie vorhatte. Sie lächelte plötzlich, auf eine Weise, die die Prinzessin von ihr noch nie erfahren hatte. Wann immer Ilona auf Zelda traf hatte sie gelächelt, ja, sie hatte gelächelt, aber niemals menschlich, sondern immer nur auf eine Weise, die nichts mit Menschlichkeit zu tun hatte. Schon in der Schule war das so. Doch heute, wo alles enden würde, wo das Leben des gesamten Planeten am seidenen Faden hing, heute war Zeit, die Menschlichkeit aufleben zu lassen, die Ilona immer verheimlichte…

Lächelnd blickte sie auf das reichlich verzierte Stilett in ihrer Hand. Eine Waffe, die Ganondorf ihr geschenkt hatte. Als Gegenstück für den Verkauf ihrer Seele.

Ilona lächelte wieder und blickte dann zu dem Rückgrat ihres Herrn, der krankhaft kollernd schwarze, gefährliche Schlingpflanzen auf seinen Widersacher hageln ließ. „Stirb‘!“, brüllte Ganondorf. Auch Zelda mischte sich ein und rannte zu ihrem Heroen, konnte nicht länger mit ansehen, wie er mühevoll und ohne Augenlicht gegen dieses schwarze, dämonische Zeug kämpfen sollte.

Und als Ganondorf das süße ,Stirb‘ ausgesprochen hatte, erklang es ein weiteres Mal in der alten, verunreinigten Kirche.

„Stirb…“, erklang es matt und ruhig. Und dann noch einmal mit Fülle.

„Stirb‘ auch du!“, rief Ilona laut und deutlich. Ihre piepsig hohe Stimme schrillte lärmend umher. Und mit einem heftigen Ruck bohrte sie ihr Stilett in jene Wunde an Ganondorfs rechter Schulter, die Link ihm vor wenigen Minuten zugefügt hatte. Es gab keinen besonderen Grund… nur eine verdammte Menschlichkeit. Leidvolle, unnütze Menschlichkeit…

Ilona weinte wieder und ihre Tränen waren klar und menschlich. Sie hatte gerade ihr Todesurteil unterschrieben und für etwas so Wertloses wie Menschlichkeit dem bisschen Stärke entsagt, die sie jemals hatte. Durfte sie etwa nicht weinen? Für sich selbst und ihr bemitleidenswertes Schicksal?

Ganondorf grunzte und brach auf seine Knie. Der schwarze Regen teuflischer Pflanzen erstarb. In Asche verwandelten sich jene lebendigen Dornenpflanzen, glühten dann mit einem Hauch Feuer auf und rieselten unsichtbar zu Boden.

Auch Link sank zu Boden, seufzte und keuchte nun. Gedemütigt, weil er im Moment nichts sehen konnte und es sich nicht wagte seine brennenden Augen aufzureißen. Verwundet und erschöpft…

Er drückte seine Hände ans Gesicht, und spürte plötzlich ein paar sanfte Hände, die jene von seinem Gesicht wegführten. Es konnte nur Zelda sein, die ihn trösten und helfen wollte.

Ihre Hände wanderten zu seiner magischen Tasche, die Tausende Gegenstände verschlucken konnte. Hastig nahm sie eine Flasche daraus hervor, schüttete das Wasser sorgfältig in Links Gesicht und dann in seine Augenwinkel. Sie hatte ihren goldenen Stern erneut im Raum stehen lassen und war direkt zu ihrem Heroen gestürmt als das schwarze Gestrüpp verschwand.

„Zelda…“, murmelte er.

„Brennt es sehr schlimm?“, fragte sie besorgt und tupfte mit einem nassen Taschentuch über seine Wangen.

„Wenn du mir sagst, wie schlimm es aussieht, sag‘  ich dir auch, ob es weh tut…“, murrte er, war aber zutiefst dankbar, dass Zelda sich kümmerte.

„Nicht schlimm… dein Gesicht ist ein wenig rosa, aber noch immer so ansehnlich wie eh und je…“ Sie küsste ihn kurz auf seine Nasenspitze.

„Was ist mit Ganondorf?“, sagte der Heroe ernst. Als Zelda zurückblickte, saß Ganondorf keuchend und erstarrt vor Ilona, die weinend hinter ihm stand.

Der Fürst des Schreckens konnte nicht glauben, dass er diesem Weibsbild tatsächlich ihre Schauspielerei abgekauft hatte. Er konnte nicht glauben, dass er so gedemütigt wurde. Und das von einer kleinen Dirne, die in seinen Diensten stand. Einem verdammten Menschenweib, welchem er Macht geschenkt hatte. Zaghaft wanderte sein rechter Arm zu der Wunde und zog das blutüberströmte Stilett aus der Wunde. Und wie es schmerzte. Mit dem Fragment der Weisheit in seinem Besitz schmerzte diese verdammte Wunde so abartig, dass er doppelt so wütend wurde. Der Hass und das Böse loderten mit einem Mal noch stärker in seinen gelben Augen. Feine Äderchen darin begannen zu wachsen und platzten dann, verliehen den dämonischen Augen Farben, die dem Fegefeuer gleich kamen. Blutrot. Entsetzlich und abscheulich…

Langsam wand sich der Dämon zu Ilona, trat wieder auf seine muskelbepackten Beine und starrte sie verächtlich an.

„Du hast dich entschieden, Menschenweib!“, zischte er.

Sie lachte nun, aus Verzweiflung und Angst. Jetzt hatte sie Angst, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben verschätzte sie die Gefahr nicht…

„Für den Tod!“ Er hatte sein Urteil gesprochen, er da er Richter über die Menschheit sein wollte. Und sein Urteil würde niemals erfüllt sein von Gnade… 

„Auch du sollst den Tod erfahren…“, fauchte er und ließ sein Fragment der Kraft alles an Mordlust ansammeln, was ihm zur Verfügung stand. Er hörte, wie es nach Grausamkeit durstete, weil er danach durstete.  Und er roch, wie es sich freute, da er sich an Gemetzel und unstillbarer Gier erfreute.

Ilona blinzelte und trat noch einige Schritte zurück. In einem letzten Anflug von Verzweiflung. Einem letzten Anflug von Hoffnung, dachte sie entkommen zu können. Sie rannte, rannte direkt auf Link und auch auf Zelda zu, die mit tränenden Augen zu ihr sah, sich bewusst, zu spät zu sein, um ihr noch helfen zu können. Aber sie wusste eines und würden es in Erinnerung behalten. Am Ende siegte die Menschlichkeit, selbst über Geschöpfe wie Ilona, die nie menschlich sein wollte…

Ilona rannte weiter und vielleicht rannte sie hinein in ein glücklicheres Leben nach dem Tod. Nach einem Tod, der grausamer nicht sein konnte.

Ganondorf lachte und schwebte in hoher Geschwindigkeit hinter ihr her, erwischte sie tödlich, erfasste sie und bohrte seine rechte Faust hinein in ihren Rücken. Es knackte unangenehm, während Ilona sprachlos vor Link und Zelda stand. Blut tropfte von ihren Lippen, aber sie lächelte, lächelte ehrlich und aufrichtig. Vielleicht sogar dankbar vor dem Tode erkannt zu haben, was Menschlichkeit bedeutete…

Sie sank auf ihre Knie und hielt die Prinzessin und den Helden in ihrem Blick, murmelte ein leises ,Danke‘ und brach dann zusammen.

Beide hylianischen Seelen waren fassungslos, zu fassungslos um sich weiterhin dem Fürsten des Schreckens entgegen zu stellen. Lachend, mit festsitzendem Wahnsinn in seinen Augen, trat er näher und rannte dann.

In letzter Sekunde stieß Link die Prinzessin zur Seite, ließ einen lauten Schrei aus seinem Mund wandern, wurde gepackt von Ganondorf und verschwand zusammen mit ihm in einer schwarzen Wolke.

Ungläubig saß Zelda nun fast allein in der Kirche, hörte das hechelnde Sterben Ilonas und begann zu weinen, als sie realisierte, dass Ganondorf Link einfach teleportiert hatte. Weg… Weg aus ihrer Reichweite… Vielleicht sogar weg aus ihrem Leben! 

Sie rief verzweifelt nach Link, trat auf ihre Beine und lief mit wackligen Beinen in dem Gebäude umher.

„Link!“, kreischte sie, fühlte sich wütend, fühlte sich betäubt.

Weitere Verzweiflungstränen tropften von ihren Wangen und der goldene Stern, der in den Lüften schwebte, wurde fahl und übrig blieb der kleine Wurfstern, der klappernd zu Boden fiel…

„Link!“, schrie Zelda aus Leibeskräften, sackte dann auf den kalten Boden und presste sich die Hände an ihre Augen. Sie wimmerte vor sich hin und die schrecklichsten Ängste loderten in ihrem Inneren hoch. Was, wenn Ganondorf Link genauso folterte wie sie? Was, wenn Ganondorf Link das Fragment raubte? Was, wenn er ihn tötete?

Weitere heiße Perlen bildeten sich in Zeldas saphirblauen Augen. Ihr blondes Haar hing zerzaust und verschwitzt über ihren Schultern. Vermischt mit Dreck und Blut in ihrem Gesicht, sah die junge Prinzessin das Ende der Welt geschehen. Feuer würde die Welt einnehmen. Die letzten Menschen würden um ihr Leben winseln, bis es ihnen von dämonischen Kreaturen aus den Adern gesaugt wurde. Und sie, als einstige Prinzessin wäre wieder allein. Allein…

Und Link…

„Link…“, wimmerte sie, verkrampfte sich, krümmte sich zusammen und ließ einen lauten Verzweiflungsschrei aus ihrem Mund stoßen. Sie klopfte mit den Fäusten auf den Boden, hasste ihr verfluchtes Fragment, weil es sie verlassen hatte, hasste sich selbst und diese unfaire Welt…

Warum kämpfte niemand? Warum kämpfte nur Link?

 

Das laute Hecheln Ilonas ließ die Prinzessin aber dann aufhorchen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lief sich selbst umarmend zu der Dienerin Ganondorfs, die um ihr Leben keuchte. Sie lebte noch… auch wenn sie wusste, dass das wenige Leben in ihr in wenigen Sekunden oder Minuten vergehen würde. Auch sie weinte, weinte heftig, weil es das einzige war, was sie noch tun konnte. Sie konnte sich nicht einmal bewegen, zerfetzt war ihr gesamter Rücken und neben dem Blut floss das Leben aus ihrem Körper. Versickerte und verschwand… 

Aber sie spürte keine Schmerzen mehr, sie spürte nichts mehr, was ihren Körper betraf. Sie spürte ja nicht einmal mehr ihre Tränen auf den Wangen. Sie wusste, dass ihre Wirbelsäule kaputt war, sie wusste, dass ihr gesamter Körper entstellt war. Wie lohnte Leben dann noch, wenn man nichts mehr tun konnte?

Traurig kniete Zelda neben Ilona nieder und tupfte deren Tränen von den eingefallenen Wangen. Ilona wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht.

„Sch… Still…“, sagte Zelda leise und nahm Ilonas Hände in ihre eigenen.

„Es ist okay, du bist nicht allein. Und du sollst nicht allein in die andere Welt finden, Ilona…“ Zelda sprach ihre Worte leise und mit Bedacht, las in Ilonas Augen die Angst, zu sterben.

„Hab‘ keine Angst… Link wird uns retten, auch dich…“, sprach Zelda, mit aller Kraft und Hoffnung, die sie noch aufbringen konnte.

Ilona versuchte wieder ihre Stimme zu erheben, aber es war nur ein undeutliches Gefasel, welches aus ihrem Munde entwich.

„Du hast immer alles getan, um eine andere zu sein, als die die du warst…“ Mit viel Gefühl sagte Zelda diese Worte, aber nicht vorwurfsvoll, sondern anteilnehmend. „Glaub‘ mir, ich kann das sehr gut verstehen… auch ich wollte nie die sein, die ich war…“ Auch Zelda weinte wieder. Sie weinte für Ilona, in deren trüben Augen nun eine Dankbarkeit stand, die sie noch nie zulassen wollte.

Ilona begann kläglich zu schluchzen und die schwarze Maske zersprang, die teilweise ihr Gesicht bedeckte.

Zaghaft küsste Zelda Ilonas Stirn, und noch hatte sie eine kleine Aufgabe für sie. Noch konnte sie ihr einen Dienst leisten.

Wieder tanzte der kleine Wurfstern in den Lüften, umrahmte sich aus seinem Inneren heraus mit goldenem Licht und die Waffe schmolz dahin, verwandelte sich in ein Licht, welches bestehen würde. Der Stern tanzte nieder und sank in Zeldas Handinnenfläche.

„Es sei dein Licht, Ilona… Zahle es als Pfand, um dorthin zu gelangen, wo du Frieden findest… in eine bessere Welt… eine Welt, wo du glücklich wirst…“ Der Stern schwebte von Zeldas Hand und sank hinein in die leblose Handinnenfläche der Schülerin.

Sie schluchzte wieder, doch nun schwand allmählich ihr Atem…

„Hab‘ dank, Ilona… Leb‘ wohl…“, sprach Zelda mitfühlend und mit dem goldenen Stern in Ilonas Hand verblasste auch sie, bis nichts mehr von ihr blieb.

Das Böse hatte sie genommen… und das Gute würde sie auffangen… Das Gute würde ihr Beschützer sein, dort nach diesem Leben. Ein Beschützer auf ewig…

 

 
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