Kapitel 88
 

Kapitel 88 

 

 

 

 

 

„Das Schicksal spielte immer seine Spielchen mit uns… und es spielt sie noch…

Wir liebten es, jenes großartige Schicksal, das goldene, große Rad, wo sich unsere Seelen trafen. Das eine Gesetz, das über allem steht. Das Schicksal, von dem so vielen Schriften erzählten. Wir liebten unsere teuren Seelen und vergaßen doch unsere Sehnsüchte. Begierde nach Freiheit. Streben nach Vergänglichkeit und einem Ende des gnadenlosen Kampfes, den wir doch selbst wählten…

Warum sind wir die Besitzer solch teurer Seelen, die den Frieden niemals finden sollen? Warum sind wir geboren für den einen Kampf um das Triforce?

Unsere Seelen zerbrechen eines Tages daran, das würden sie, wäre nicht der eine Weg noch offen…

Nur ein Weg. Ein kleines Gleis. Mehr bleibt uns nicht…

Vernichtung ist ein viel zu schönes Wort für das Ende, welches uns doch bevorsteht…

Überall liegt das Ende… nur dort, wo der Schicksalsbaum noch seine Blätter trägt und im Verlauf der Jahreszeiten jene verliert, besteht noch Hoffnung… dort, wo die Zeit sich durch Blut dreht…

Zeit durch Blut…

Leben durch Ende…

Frieden durch Vernichtung…

Und Liebe durch Hass…“

Andenken an Zeruda…

 

Mit Tränen in den saphirblauen Augen stand die Prinzessin des Schicksals an einem vergitterten Fenster in der schwebenden, kalten Kirche. Ihre Gedanken wurden schwer, ihr Herz litt.

Von hier oben wirkte die Welt so unwichtig… der eisige Wind, der um den Planeten tobte, unwichtig…

Die vielen herbstlichen Blätter der sterbenden Bäume unwichtig.

Die verdorrten Wiesen jenseits der Stadt unwichtig.

Die leeren Städte, wo die vielen Untoten wandelten. Allesamt unwichtig.

Und das aufbrausende Meer, das die Kontinente voneinander trennte. Mehr als unwichtig…

Alles, was im Augenblick noch zählte war das Böse… und das Ende…

Weitere Tränen tropften über Zeldas Wangen. Unabsichtlich wischte sie sich mit der rechten, blutüberströmten Hand jene aus dem Gesicht und verlieh ihrem Antlitz damit ein unheimliches Rot…

Musste sie endlich akzeptieren lernen, niemals das Glück zu finden, welches sie so sehr begehrte? Musste sie sich endlich damit abfinden, als Prinzessin Zelda immer nur Leid ertragen zu müssen.

Alles, was sie sich je gewünscht hatte, war Frieden. Einen wahren inneren Frieden und den Frieden ihres eigenen Landes…

War das so falsch?

Erbost und wütend, dass sie nie das bekam, was sie wirklich wollte, begann sie an das Fenster zu schlagen. Oh ja, endlich war auch sie einmal selbstsüchtig. Endlich platzte der Knoten in ihr, der sie immer an Genügsamkeit und Aufopferung erinnert hatte. Endlich war sie egoistisch. Sie wollte verdammt nochmal glücklich sein… wollte, dass alles vorbei war… wollte, dass es Link gut ging…

Mehr verlangte sie doch nicht. War das zu viel?

„Ist das zu viel?“, brüllte sie, so laut und standhaft wie sie nur konnte. „Antwortet mir, Götter Hyrules und Götter der Erde! Antwortet mir verdammt nochmal!“

Sie wusste, dass ihr niemand antworten würde, aber ihr Gefühlsausbruch kühlte die Wut und das Unverständnis über den Fortgang der Ereignisse ein wenig. Vorhin erst war sie mit einer Fackel in der Hand die Treppenstufen hinab in die Krypta geschritten, hatte auch den Zugang gefunden, wo Link vorher die Nachkommen Ganondorfs aus dem Weg geräumt hatte, aber nirgendwo war eine Spur von Link oder von Ganondorf.

Sie ahnte, dass sich hier in der Kirche irgendwo noch ein geheimer Zugang an einen anderen Ort befinden musste, aber wo?

Sie wand ihr verweintes Antlitz zu dem Altar, wo ihr erstmals das schwarze Bild auffiel, welches einen Zugang nach Hyrule hütete. Konnte es sein, dass Ganondorf und Link ihr weiteres Duell in Hyrule austragen würden.

Jedoch würde eine Sache der erschöpften Königstochter dann seltsam vorkommen, wenn dem so wäre. Wozu sollte Ganondorf die Kirche weit über dem Boden schweben lassen, wenn er mit Link an einem anderen Ort kämpfte?

Inzwischen fiel der Regen erbarmungslos. Weinende Unwetter über der Welt als Zeichen des Niedergangs… ein letzter Atemzug von Mutter Natur. Ein unnötiger Versuch die Welt reinzuwaschen, die auch vor der Machtübernahme Ganondorfs aus so vielen Dämonen bestand.

Blitze erhellten kurzzeitig die alte Kirche, ließen Zelda aufhorchen, ließen das Blut in ihren Venen schneller fließen. Langsam trat sie von dem Fenster weg, umarmte sich selbst, als es in dem Gebäude so kalt wurde, wie noch nie zuvor. Ein weißer Nebel bildete sich vor ihrem Gesicht, genau dann mit stetigem Atemzug…

Nebel und Kälte…

Dunkelheit und Siechtum…

Zaghaft trat sie zu dem schwarzen Bild, welches Dins Kräfte geraubt und absorbiert hatte. Sie spürte noch deutlich Ganondorfs Aura in der Nähe des Bildes, aber das musste nicht heißen, dass er Link irgendwohin verschleppt hatte. Sie traute sich nicht eine Hand auf das Bild zu legen, um zu testen, ob sie eine alte Pforte damit aktivieren konnte. Es würde schmerzen, sie ahnte es, hörte den warnenden Schrei der Göttin Dins schon leise in ihren Gedanken.

Ihre Fingerspitzen glitten zitternd zu dem schwarzen Bild, berührten sachte die Oberfläche. Und Zeldas Vermutung, dass es für ihren Körper nicht gesund wäre, dieses Teufelsding zu berühren, bestätigte sich. Es brannte in ihrem Fleisch, in ihren Knochen…

Erschrocken wich sie zurück, angeekelt…

Angst vor ihren eigenen Prophezeiungen krochen wieder in ihr hoch, auch wenn sie hoffte, die Zukunft von Links Tod mit ihrer selbstlosen Opferung zunichte gemacht zu haben. Was, wenn sie sich irrte, wie so oft…

Auch damals erhielt sie ihre Prophezeiungen… aber je mehr sie versuchte jene zu umgehen, umso klarer und realer wurden sie.

Ihre blauen Augen schwenkten hinauf an ein zerbröckeltes, ungepflegtes Kirchengewölbe mit morbid aussehenden Gestalten, die den Dämonen aus Hyrule ähnelten.

Sie träumte einst immer von diesen Dämonen, die das Königsschloss überfallen würden. Sie träumte, dass sie zusammen mit Impa flüchten würde und Link stand als hilfloser Knabe neben der alten Zugbrücke und sah ihr mit einem besorgten Ausdruck hinterher. Noch heute erinnerte sie sich an diesen Traum, denn er war, obwohl sie alles tat um ihn zu verhindern, wahr geworden.

Was, wenn sie sich nur einbildete Links Tod verhindert zu haben? Was, wenn diese Prophezeiung wahr wurde, als er sterbend in ihren Armen lag. Ganondorfs Schwert in seiner Brust. Der liebevolle Ausdruck noch immer in seinen tiefblauen Augen.

Erschöpft ließ sie sich auf einer Bankreihe niedersinken, schüttelte den Kopf um diese Gedanken auszuschalten, und stützte ihren schweren Kopf dann auf die Arme… Sie schluchzte und dachte mit großer Angst an Link. Sie wollte noch so viel mit ihm erleben. Tausend Dinge wollte sie noch tun, für die sie bisher nicht die Gelegenheit hatte. Warum konnte dieser dumme Kampf nicht endlich enden?

 

„Ärmliche Prinzessin des Schicksals…“, zischte es plötzlich bedrohlich nicht weit hinter ihr. Zelda schreckte auf, versuchte ruhig zu bleiben, aber drehte sich nicht um. Sie spürte die Kälte jener Aura des Bösen auch so, spürte Gefahr und Bedrängnis.

„Was willst du, Ganondorf?“, sprach sie.  „Mir sagen, dass Link von deinen Händen zerhackt wurde… Erspar‘ mir das…“ Sie brach in ein ungewolltes Zittern und weinen aus, versuchte sich an einen letzten Strohhalm zu klammern, hoffte, Ganondorf würde ihr widersprechen…

Sie hörte sein Stiefelgeklapper. Es klang hinkend und dennoch gefährlich… Wie ein Wurm schlich er näher und musste inzwischen hinter ihr stehen. Dennoch wagte sie es nicht, sich umzudrehen…

In dem Augenblick legte sich eine eiskalte Hand an ihr Genick. Die andere strich durch ihr blondes, langes Haar, welches ungewaschen und lieblos an ihr herunterhing.

Zelda erschrak, keuchte und stieß ihren Körper nach vorne, brüllte schließlich und fiel zu Boden. Geschwind drehte sie sich um und lag nun zu Füßen des Dämons, den sie mehr verabscheute als den Tod.

Seine Augen, ja seine eisigen, teuflischen Augen… würde sie niemals vergessen können. Selbst nach diesem Leben nicht. Erniedrigt fühlte sie sich, da sie hilflos vor ihm saß, dort auf dem kalten Boden hockend, hilflos ohne Waffen ihm ausgeliefert.

Seine vernarbten Mundwinkel zogen sich in die Breite. Er trat ungehemmt auf sie zu, beobachtete mit viehischem Gelächter, wie angstvoll sie vor ihm zurückwich. Ein lächerliches Bild gab sie für ihn ab. Die stolze, anmutige Prinzessin des hylianischen Reiches kroch auf den kalten Steinplatten vor ihm weg. Blutbeschmiert. Ängstlich… Gebrochen…

Ihr Gesicht war blutbeschmiert und gestreift, dort, wo ihre Tränen das Blut weggewaschen hatten. Wie benutzt sie aussah…

„Sag‘ schon, was hast du mit ihm gemacht? Wo ist Link?“, rief sie energisch. 

Ganondorf grinste noch mehr, verschwand in einer schwarzen Wolke und tauchte direkt hinter ihr wieder auf. Er kniete nieder und ließ seine rechte Hand über ihre Schultern wandern, strich mit dem Zeigefinger ihre Wirbelsäule entlang. Noch immer ruhte das Fragment der Weisheit ihm nicht untertänig auf seinem Handrücken, blass, verwelkt.

Zelda krallte sich sofort den anderen Wurfstern und schmetterte ihn in Ganondorfs Gesicht. Er zuckte kurz auf, spürte das Metall, auch wenn es sich nicht wie das Masterschwert in seine Haut bohren konnte. Klappernd fiel er zu Boden. Unbeeindruckt nahm der Fürst des Schreckens den Gegenstand an sich.

„Noch immer so widerspenstig, Prinzessin?“ Er grunzte.

Zelda krabbelte weiter auf ihren Knien, bloß weg von diesem Widerling, und spürte inzwischen den Drang einfach aufzugeben. Ihre Augen wurden feucht. Denn die Situation war jetzt noch hoffnungsloser als vorher.

„Ich spüre den Schweiß deines dummen Gartenzwergs daran…“, zischte der Dämon und warf die kleine Waffe aus einem der offenen Fenster. „Ist das eigentlich alles, woran du denken kannst? Nur an deinen dummschwätzigen Heroen, der es nicht einmal fertig bringt, mich dann zu töten, wenn er die Gelegenheit hat? Und alles nur, weil er mit Ehre kämpft!“ Ganondorf spukte die letzten Worte verächtlich aus seinem Mund. „Ich werde ihm zeigen, was Ehre ist. Ich werde ihm zeigen, wie wertlos sein Mut ist, wenn er Kraft braucht!“

Und erneut teleportierte sich Ganondorf mit seiner schwarzen Magie direkt hinter die erschöpfte Prinzessin, packte sie diesmal an ihren Armen und zerrte sie mit sich zu einem der zerstörten Fenster.

Zelda kreischte so laut sie nur konnte und wehrte sich gegen seinen Zugriff, aber wusste doch auch, dass sie keine Chance hatte gegen seine Kraft zu bestehen. Er packte sie am Genick und drückte ihr Gesicht forsch gegen die Eisenstäbe des Fensters.

„Schau‘ hinaus, Hoheit!“, hauchte er an ihr Ohr und drückte seinen stahlharten Oberkörper an ihren Rücken. Zelda stieg der Ekel auf. Er roch so gallebitter, war so kalt, dass sie das Gefühl hatte, ihr Körper wollte versteinern. Überhaupt nur von ihm berührt zu werden, war Qual genug. Aber je mehr sie sich wehrte, umso strenger und brutaler griff er zu…

„In nunmehr fünf Stunden sind alle Träume der Menschen ausgeträumt… von Westen her wird das Feuer ziehen wie eine Dampfwalze… und es wird alles mit sich nehmen, was noch lebt. Siehst du das Flackern des ersten Feuers im Westen? Siehst du sie noch, die dunklen Wolken aus dem Westen, die deine dreckigsten Kinderträume darstellten?“ Er flüsterte die Worte, aber forderte mit einem starken Unterton ihre Antwort.

Verschwommen blickte Zelda in Richtung Westen und ließ ihre Augen dort ruhen. Nichts als Nacht, vermischt mit braunroten, dreckig gelben Farben zierte die Welt. Und dort im Westen wurde das Rot heller, als würde hinter dem tödlichen Gewand des Todes weiterhin die Sonne versinken.

„Siehst du noch, Weib?“ Sie wusste, worauf er anspielte. Ganondorf hatte damals schon überall seine Spione gehabt und genau gewusst, dass Zelda die Gabe des Sehens hatte, auch wenn jene Gabe ihrer Seele über viele Jahrhunderte immer mehr verblasst war.

„Antworte mir, siehst du noch!“

„Ja“, antwortete sie schwach, kniff die Augen zusammen und begann in ihren Gedanken leise zu Nayru zu beten.

„Was siehst du?“ Ganondorf strich mit seiner anderen Hand an ihrer Kehle entlang, spürte, wie Zelda schluckte, spürte, wie ihre Adern vor Anspannung und Angst donnerten.

„Nichts…“, flehte sie. Sie wusste, dass ihre Antwort nicht in Ganondorfs Sinn war, aber sie war ehrlich…   

Daraufhin drückte der Dämon sie nur noch mehr gefühllos gegen die rostenden Fensterstäbe.

„Ich warne dich, kleine Hure, treib‘ keine Spielchen mit mir!“, zischte seine tiefe Stimme und erinnerte sie nur gar zu energisch an das, was er wollte. Sein Begehr war Macht. Sein Antrieb die Zerstörung…

„Was siehst du!“ Diesmal erhob der Dämon seine tiefe Stimme mit der Gewalt, die er jedem Geschöpf auch am Leib spüren lassen würde. „Sieh!“, zischte er.

Zelda zitterte am ganzen Leib, fühlte nun doch Tränen wie Perlen aus Silber über ihre Wangen gleiten und versuchte einen Gedanken zu fassen. Einen klaren Gedanken…

„Ich kann nicht auf Kommando sehen!“, murrte sie, dachte an Link und versuchte ihre letzte Stärke mit dem Gedanken an ihren Heroen zu aktivieren.

„Einfältig bist du, ärmliche Prinzessin des Schicksals… deine Vorfahren, ja, deine Vorfahrin, die Zelda, die noch den Namen Prinzessin des Schicksals verdiente, sie konnte sehen, war nicht so billig wie du…“

Zelda biss sich auf die Lippe, um nicht ihrem Temperament nachzugeben. Ja, sie hatte in alten Schriften über die legendäre Zeruda gelesen, die erste Prinzessin Hyrules. Und sie wollte nie mit ihr verglichen werden, nicht angesichts der Grausamkeit, die jene Prinzessin des Altertums erleiden musste…

„Zeruda… war ihr Name… sie hat mich gehasst… und wie sie mich gehasst hat, noch mehr als du heute… denn ich hab‘ ihr das genommen, was ich dir noch nicht genommen habe…“ Zelda gefror. Er sprach sehr wohl in seinen simplen Rätseln, und doch wusste Zelda sich im Moment zwischen zwei Dingen nicht zu entscheiden…

Was war es wert so sehr vermisst zu werden, dass man Ganondorf auf ewig hassen würde? Selbst nach dem Tode noch?

Jungfräulichkeit? Zelda lachte in sich hinein, ja, das würde zu diesem Dreckskerl passen!

Die wahre Liebe? Link…

Die Augenlider der heutigen Prinzessin Hyrules schnellten nach oben. War es das? Hatte Ganondorf Zeruda den Mann ihres Lebens genommen? Das würde bedeuten, dass Link noch lebte…

 

„Du siehst nicht, weil du nicht sehen willst…“, raunte er, genoss, wie sie sich in seinen Händen anspannte und immer mehr ekelte.

„Fang‘ endlich an zu sehen, Miststück!“ Seine Aussprache war feucht, so feucht, dass sie seine Spucke an ihrem Hals fühlen konnte. 

„Nein!“, sagte Zelda stur, schloss die Augen um sich vor dem abzuschirmen, was sie in der nächsten Sekunde erwarten würde. Ohne Vorwarnung legte sich ein öliger Mund auf ihren Hals, biss zu, biss so tief, dass er Blut schmeckte.

Sie zappelte, begann zu schreien und rief schließlich verzweifelt nach Link. Aber er würde sie nicht hören, nicht erreichen, wo immer Ganondorf ihn auch hingebracht hatte.

Als Zelda das zweite Mal nach Link rief, begann Ganondorf zu winseln und zu fluchen. Es roch nach Rauch und einmal mehr nach verbranntem Fleisch.

„Dein Fleisch ist wahrlich so unschuldig, dass man sich daran verbrennt!“, schäkerte er, angetrieben von dem Gedanken, doch tatsächlich eine waschechte Jungfrau vor sich zu haben. 

„Sieh‘ einer an… hat dein Heroe noch die Finger von dir gelassen?“, lachte er und blickte zu der blutigen Stelle an ihrem Hals. Es gefiel Ganondorf, dass er mit diesem Mal doch tatsächlich den Heroen eins auswischen würde. Er hatte der Prinzessin des Schicksals ein Stückchen Fleisch genommen, genoss, haderte mit der Vorstellung von Befriedigung dieses Erlebnis dem Helden der Zeit unter die Nase reiben zu können.

„Nicht ganz, Scheusal…“, raunte sie. Den Gedanken an einige abendliche Stunden im Hause der Götter erinnernd und festhaltend.

„Tatsächlich. Und jetzt konzentrier‘ dich und sieh‘!“, sprach er drohend. „Oder ich nehme mir die nächste Stelle an deinem Hals vor!“

Zeldas Schweißperlen vermischten sich mit Tränen, die ihre dreckig gefärbten Wangen hinabflossen. ,Konnte das nicht endlich ein Ende haben… Sie ertrug das nicht mehr. Diese Demütigung. Diese Schmerzen…

Zelda versuchte ihr Schluchzen zu unterbinden, aber sie konnte nicht. Inzwischen war es ihr egal, ob Ganondorf sah, dass sie weinte. Sie war eben nicht so stark, wie ihre Vorfahrin aus einem alten Hyrule. Sie war nur eine einfache Prinzessin, die den Namen Zelda bekommen hatte…

Was war sie schon ohne Link? Ohne den Helden der Zeit? Wie weit wäre sie denn ohne ihn gekommen?

Ihre Augen sanken nieder, hin zu Ganondorfs rechter Hand, die an ihrer Kehle lag. Das Fragment ihres Schicksals lebte auf in ihrer Anwesenheit… Ein schwacher goldener Funke umrahmte es, aber Ganondorf schenkte diesem keine Beachtung. Verzweifelt blickte sie zu ihrem Fragment auf olivgrüner, narbiger Haut, begann in ihren Gedanken mit ihm zu sprechen. ,Komm‘ zurück zu mir…‘ Aber es antwortete ihr nicht, in keiner Weise, in keinem Gefühl und in keinem Wort.

,Bitte hilf‘ mir, ich brauche dich…‘ Es begann kurz zu glühen, aber dann verschwand es wieder unter Ganondorfs dunkler Haut. 

„Ich sagte, du sollst sehen!“, befahl der Fürst des Schreckens und festigte seinen Griff um ihre Kehle. „Je schneller du arbeitest, umso leichter wird es für dich werden!“

Zelda schluckte angesichts dieser Drohung. Na gut, dachte sie. Er wollte eine Prophezeiung? Er würde eine bekommen!

 

„Du wirst sterben, Bastard, diesmal für immer…“, rief sie laut und wehrte sich wieder gegen seinen Zugriff.

„Keine Spielchen mehr, Prinzessin!“, murrte er und drückte ihren Schädel noch ein wenig unsanfter gegen die rostigen Eisenstäbe.

„Sieh‘“, hauchte er an ihr Ohr. Sein Atem war kalt.

„Sieh‘ die Zukunft, sieh‘ den Tod!“, widerholte er und schnürte ihr ein wenig die Kehle zu. Zelda spürte, wie ihr schwarz vor Augen wurde. Ihre Sinne stellten sich gegen sie, durstend nach mehr Luft…

„Sieh‘“, sprach er ein weiteres Mal und da wurde Zelda bewusstlos…

 

Der Wind raschelte bedächtig durch die laubenden Blätter des Herbstes. Und es war sein Geruch, sein einzigartiger Duft nach Freiheit und Magie, der zuerst Zeldas Nase kitzelte. Sie schnupperte, lächelte angesichts des Aromas, welches sie zuletzt auf den großen Wiesen der uralten Steppe genießen konnte. Und als der Wind ihre langen Wimpern streichelte, öffnete sie langsam und verwundert ihre Augen. Sie wusste, dass sie war, dass sie aber nicht diejenige war, die sie sein sollte. Etwas altes erwachte in ihr und sie würde es nicht aufhalten…

Sie war nicht mehr Zelda, und doch schlummerte jenes Mädchen irgendwo in ihrer Seele. Sie war gewandert, vollführte einen Seelensprung hinein in ein großartiges Ich.

Sie wusste nicht die Vergangenheit oder das Schicksal jener Person, die sie im Augenblick war, aber es war richtig, diesen Sprung hinein in die Vergangenheit zu wagen, hinein in eines ihrer alten Gesichter.

Als sie sich orientierte, fand sie sich auf einem grünen Hügel in Hyrules saftiger Steppe wieder. Die Wiesengräser wogen sich im Wind und vom Himmelsdach schien besinnlich und kräftig die Sonne, als hätte sie monatelang nicht scheinen dürfen. Ihr Blick schweifte umher, fand einen sauberen Waldrand nicht weit weg von ihr und hörte sogar das Lachen der Feen von dort erklingen. In der anderen Richtung lag in der Ferne ein Haus an einem Bach und ein Mühlrad drehte sich dort mit ausgewogener Schnelle. Es war idyllisch hier, angenehm. Und von einigen Bäumen fielen leise bunte Blätter, verliehen der Natur die schönsten, prächtigen Farben in allerlei Varianten.

Aber eine Kleinigkeit trog das Leben an diesem Ort. Zu den Füßen der Frau lag ein großer Grabstein, verziert mit hylianischen Inschriften. Alten hylianischen Inschriften, die schwer zu lesen waren.

Die junge Frau atmete tief ein, erhob ihr stolzes Haupt und da konnte ein Beobachter sehen, dass sie viel Ähnlichkeit mit der heutigen Zelda hatte, sie es aber gewiss nicht war… nicht in körperlichem Erscheinen…

Es war eine ältere Frau, die doch irgendwo Zeldas Seele trug. Eine Frau mit tizianblondem, langem Haar, welches geflochten an ihrem Rücken hinab fiel…

Ihre Gesichtszüge waren edel, die Haut fast weiß, die Wangenknochen hoch, der Mund blutrot. Ihre Augen blau, so durchdringend blau, dass sie fast schwarz waren…

Ein weißes Kleid zierte ihre Gestalt. Einfach geschneidert, ohne jedwede Verzierung. Ein Kleid für besondere Anlässe. Ein Kleid, um den Gestorbenen den letzten Segen zu schenken. Denn in Hyrule entgegen anderer Länder, trug man nicht schwarz um einer verlorene Seele die letzte Anteilnahme zu schenken. In Hyrule trug man weiß, wie die Engel, die im Haus der Götter lebten.

Die junge Frau war schön, wunderschön…

Aber in ihren Augen, so barmherzig und machtvoll, lag eine tiefe Traurigkeit. Ein Verlust, der ihr Leben nicht so lebenswert machte wie es hätte sein sollen. In ihren Augen lag der Tod…

Eine tiefblaue Träne tropfte über ihre Wange direkt auf ihre Handinnenfläche. Bewusst fing sie jene Träne auf, betrachtete die reine Flüssigkeit, fing ihr Glitzern auf, erinnerte…

Die Träne wurde zur dunkelblauen Perle.

Und ihre dunklen Augen färbten sich himmelblau…

„Diese Perle wird mich immer an Eure Augen erinnern…“, sprach sie leise, mit einer sehr angenehmen Stimme. Warm. Zart. Verträumt. Da war Hoffnung in ihrem Herzen. Eine große Hoffnung ihr Herz wieder zu finden, in einem anderen Hyrule, dann wenn die Zeiten nicht so grausam waren. In ihrer Welt herrschte jetzt Frieden. Und doch war jener Frieden für sie leer. Leer. Und einsam…

Sie kniete nieder, fühlte das lange Gras unter ihren Knien und las die Inschrift des Grabsteins vor ihrem Antlitz. Besinnliche Worte waren darauf verewigt.

„Zeit heilt Wunden nicht,

die von Schicksal und Liebe entstehen…

Lebe für mich…“

Sachte strich sie mit dem rechten Handballen über die Inschrift als wollte sie einen Menschen mit wonnevoller Berührung verwöhnen. Und als ihre Hand den Grabstein verließ, leuchtete die Inschrift in dem tiefblau der Perle.

„Ich lebe für Euch… und für unser Kind, Rinku…“ Mit der andern Hand fuhr sie über ihren nur ein wenig gewölbten Bauch. „Er wird der erste König Hyrules sein… und er wird einen stolzen Namen haben. Auch wenn er seinen Vater niemals kennen wird…“ Sie lächelte zwanghaft.

„Rinku… ich vermisse Euch…“, sprach sie leise.

„Als der Frieden über Hyrule kam, habe ich für Euch das Heer angeführt, welches mit hellen Klingen in den Frieden geritten ist, so wie ich es Euch versprach. Ich habe Hyrules Flacke in die Höhe gehisst, so wie ich es Euch versprach…“ Sie machte eine nötige Pause um Luft zu holen, den Schmerz in ihrer Brust bekämpfend.

„Aber Ihr konntet ein Versprechen nicht halten…“ Sie schluchzte.

„Wir hätten nicht ohne Euch siegen können, mein Heroe. Ich werde Euch lieben auf ewig…“, sprach sie leise und hatte dann trotz ihrer Stärke keine Chance ihre Tränen unterdrücken zu können. Sie umarmte sich selbst und ließ den Tränen freien Lauf. Es war dumm, jene unterdrücken zu wollen, wenn sie doch einen so tiefen Ursprung hatten.

Und auch Zelda, das Mädchen aus der Zukunft spürte jenen Schmerz, spürte das spannende Herz in Zerudas Körper. Sie war wie verschmolzen mit jener ersten Prinzessin Hyrules…

Zerudas Hand wanderte dann von ihrem Bauch an aufwärts, hinauf zu einer besonderen Kette. Und als sie hinabsah, trafen ihre Augen das Medaillon der Mächtigen, welches ausgefüllt mit seinen Edelsteinen um ihren Hals hing. Langsam nahm sie es ab, legte es auf den Grabstein, verschränkte die Arme und begann alte hylianische Formeln zu summen.

„Wenn das Ende über das Böse kommt, so kommt es auch über unsere Welt… Findet das Medaillon, meine Nachfahren. Findet seine Edelsteine… nutzt es durch edles Blut…“ Und als sie die Worte beendete, zersprangen die grünen, blauen und roten Edelsteine, schwebten in den Lüften und verließen jenen idyllischen Ort in alle Himmelsrichtungen.

 

Mit einem Schrei öffnete Zelda ihre Augen und fand sich auf einem langen Stein wieder. Einem langgezogenen Stein, der mit einer blutroten Decke geschmückt wurde. Sie kannte jene Steine. Früher standen sie in der Zitadelle der Zeit und die toten Körper wurden darauf verwahrt, wenn Rauru für jene Gestorbenen die letzten Worte sprach und die unsterblichen Seelen in das Reich des Lichts begleitete, wo sie vielleicht wiedergeboren wurden…

Noch immer war sie gefangen in der alten Kirche, die viele Hunderte Meter über dem Boden schwebte.

Sachte richtete sie sich auf und stützte ihren schweren Schädel an einer Hand ab. Der Traum von eben ließ sie nicht los, schickte ihr einen Kälteschauer über den Rücken und ließ sie im nächsten Moment zweifeln, was er für einen Sinn haben sollte. Und warum wollte Ganondorf, dass sie eine ihrer prophezeienden Träume hatte. Was versprach er sich davon?

Sie fuhr sich über den Bauch und konnte auch jetzt noch ein wenig fühlen, in Zerudas Körper zu stecken. Sogar die Traurigkeit war für Zelda fühlbar… diese unendliche Traurigkeit über den Verlust eines geliebten Menschen.

Verwundert blickte Zelda umher, hörte Ganondorfs Orgel noch in der Kirche herum werken. Aber sie ignorierte ihn und setzte ihre Fingerspitzen an die Schläfen um nachzudenken.

Er hatte ja nicht einmal wahrgenommen, dass sie aufgewacht war. Versunken spielte er seine Orgel und schien auf etwas zu warten…

Derweil ließ Zelda ihre zitternden Beine von dem Altarstein sinken und dachte an die schwangere Zeruda in einer anderen Zeit. Sie war es gewesen, die die Steine des Medaillons in alle Richtungen verstreut hatte. Und sicherlich aus gutem Grund. In dem Medaillon musste eine große Kraft stecken, von der nicht einmal die Schriften Hyrules erzählten…

Aber was meinte sie mit: ,Nutze es durch edles Blut‘?

Als sie dann aber aufstand, bemerkte sie, dass sie etwas an sich trug, was sie vorher nicht besaß. Um ihren Hals hing etwas und es war schwer… Irritiert griff sie daran und erkannte das kostbare Medaillon der Mächtigen. Irgendjemand hatte es ihr überlassen, obwohl es vor Augenblicken noch um Links Hals hing. Aber wie… Wie war es hierher gelangt? 

Ganondorf bemerkte nun, dass sie wach war und schwebte in seinem pechschwarzen Wolkenfeuer zu ihr hinunter. Schnell verbarg sie das Medaillon unter ihrer Bluse…

„Hast du die Zukunft gesehen, Weib? Sag‘ mir, stirbt dein grüner Gartenzwerg?“ Also das war Ganondorfs Begehr? Er wollte wissen ob Link oder er sterben würden? Wie töricht…

„Ich werde den Tod nicht sehen, Ganondorf. Ich sehe das Leben… Ich habe keine Zukunft erfahren, Ganondorf, sondern etwas viel wertvolleres…“

Er grunzte: „Und was bitte schön?“

„Wie ich dich vernichten kann, entstelltes Schwein!“

„Widerspenstig wie immer…“ Und damit war klar, dass er ihren Worten nicht glauben würde. Auch wenn Zelda nun das Gespür hatte, das Medaillon irgendwie für Ganondorfs Vernichtung einsetzen zu können.

Er leckte sich wie immer über seine Lippen und hängte den Kopf schief. Wie schaffte sie es bloß ihn immer wieder zu reizen? Anziehung. Gewaltige Kraft…

„Ich habe ein Angebot für dich, Hoheit!“ Diesmal lachte Zelda. Das war erneut so albern wie Ganondorfs einfältige Denkweise. Wusste er nicht, dass sie sich niemals auf seine Angebote einlassen würde?

„Werde meine Königin, Prinzessin, und du hast freie Wahl dorthin zu gehen, wo du hingehen willst. Verbünde dich mit mir und ich lasse deinen schwächlichen Helden am Leben…“ Zelda warf den Kopf zurück und lachte so laut und unecht wie sie nur konnte. Was wagte sich dieses Scheusal noch zu sagen?

„Du wagst zu scherzen, Ganondorf? Was würdest du von einem solchen Handel haben?“ Er trat augenblicklich näher und griff mit seiner rechter Hand bedrohlich in ihr goldenes Haar. Angewidert sah Zelda nur zu, fühlte erneut den Ekel von vorhin in sich aufsteigen und hoffte, er würde die Kette über ihrer Brust nicht bemerken.

Er zog eine Augenbraue hinauf, was Zelda zu einem weiteren Schweißausbruch führte. Sie biss sich auf die Lippe. Wenn er das Medaillon bemerken würde… was dann? Dann wäre Zerudas Vermächtnis gestorben…

„Ich finde dich immer noch anziehend, Prinzessin, selbst in deinen zerfetzten, lumpigen Kleidern.“ Zelda hob ihren Kopf und schaute direkt an Ganondorf vorbei, zeigte ihm damit ihren hoheitlichen Stolz, ihn nicht einmal in die Augen zusehen.

„Unwiderstehlich bist du, rebellisch, und gesegnet mit einem unverschämt weiblichen Körper, der jedes Männerherz höher schlagen lässt. Und dein Heroe hat noch nicht von dir gekostet… Dämonen wie ich es bin, bevorzugen deine Natur…“ Seine Hand wanderte hinab auf ihre Schulter und schließlich weiter hinab. Als er ihre Brust berühren wollte, schlug sie ihm auf die Hand und spukte ihm ins Gesicht.

Aus seinen Augen brodelte erneut eine gefährliche Wut, die sie nur zu gut kannte. Und es widerte sie an, nach wie vor…

„Wer garantiert mir, dass Link überhaupt noch am Leben ist?“, sprach sie dann und trat langsam einige Schritte rückwärts.

„Niemand!“, fauchte Ganondorf, tauchte hinab in seine nebligen, dunklen Wolken und stand schon wieder direkt hinter ihr, legte seine Hand an ihr Genick.

„Wie ist deine Antwort, Weib?“

Zeldas himmelblaue Augen blickten hinauf an das Deckengewölbe, nur ein Wunsch, es würde den Himmel in seiner Reinheit verkörpern. 

„Lieber sterbe ich als dein Spielzeug zu sein…“

„Damit hast du entschieden!“ Ruppig zerrte er die erschöpfte Prinzessin an ihren Haaren und schleifte sie zu dem Beichtstuhl, der unbedacht in dem Raum stand. Zelda schrie was das Zeug hielt, strampelte und trat um sich. Aber sie hatte nun endgültig entschieden und keine Wahl mehr…

Er sperrte sie in jenen Beichtstuhl ein, schnipste dann mit seinen von Magie geschändeten Fingern und plötzlich öffnete sich für die junge Prinzessin der Boden unter ihren Füßen. Sie fiel und fiel… spürte das Nachgeben der Zeit in ihrem Herzen, hörte die Klänge der Welt, das Rauschen, wie der letzte Atemzug, den das Leben tat. Sie fiel und fiel.

Doch der Abgrund, den sie selbst gewählt hatte, würde nicht ihr letzter sein…

 
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