Kapitel 9
 

Kapitel 9: Ich bin nicht wirklich...

 

Die nächsten Tage rannte Link stets nach dem Mittagessen in die Wälder und trainierte, ohne, dass eine Menschenseele wusste, dass er sich an dem Kampf mit dem Schwert probierte.

Wenn ihn jemand beobachtete, hätte das vielleicht weitreichende Konsequenzen…

Link blieb auf dem vertrauten Waldweg stehen und starrte in den Himmel. Was wohl passieren würde, wenn irgendjemand herausfand, was er tat. Würde man ihn für verrückt erklären und sofort in eine psychiatrische Anstalt stecken? Wie würden die Menschen ihn anstarren, hätte er ein Schwert in der Hand und würde damit durch die Straße laufen? Schon komisch. Link hatte immer davon geträumt, eine solche Waffe führen zu können und zu wollen, und jetzt…

         Die Dinge auf der Welt schienen sich für ihn nun zu verwandeln. Er sah die Welt mit anderen Augen, die Tiere, die Pflanzen, die Menschen, die eifrig ihrem Alltagsleben nachgingen. Link jedoch würde ein gewohntes Alltagsleben nicht mehr führen können. Im Grunde genommen, und er selbst gestand es sich ein: er wollte kein gewöhnliches Leben, das hatte er nie gewollt. Weiterhin starrte Link, während er dem kleinen moosigen Pfad folgte, in den Himmel. Was wäre wenn…

         Er dachte an die Spielfigur auf dem Gamecube. Auch der Link im Spiel beherrschte das Schwert meisterlich, aber er führte es gegen das Böse. Gegen wen wollte Link denn mit dem Schwert kämpfen? Es gab keine Dämonen… oder doch?

         Link kam an seinem vertrauten Übungsplatz an, kletterte begeistert und mit einem zufriedenen Gesicht in das Baumhaus, und nahm sich sein Schwert. Es schien ihm wie eine Sucht, eine Droge, diese Waffe in den Händen zu halten. Er sprang gekonnt mit dem Schwert aus dem Baumhaus und drehte einen Salto in der Luft. Er fühlte sich so kräftig, dass er sich nicht vorstellen konnte, jemals in einem Krankenhaus gelegen zu haben. Er protzte vor Energie, so dass ein Salto für ihn eine leichte Übung war.

Er landete elegant auf seinen Beinen, überrascht wie ihm das gelingen konnte. Dann begann er mit seinen wilden Fechtkünsten, die tatsächlich aus der Sicht eines Beobachters immer besser, immer stärker und schneller wurden.

         Dann probierte er einige neue Attacken aus, die er sich letzte Nacht überlegt hatte. Neben einer besonders starken Stichattacke, einer weiteren Attacke, in welcher Link das Schwert mit beiden Händen umfasste, einem Angriff, in welcher er sich geschwind über den Boden rollte und sich hinter einem Gegner auftürmen würde, um ihm das Schwert in den Rücken zu bohren, war alles mögliche seiner Vorstellungskraft entsprungen. Während Link gegen eingebildete Gegner kämpfte und dabei des öfteren nicht anders konnte, als ein wildes Kampfgeschrei anzustimmen, klatschte hinter ihm jemand, der die ganze Zeit seine Bewegungen studiert hatte und beeindruckt schien.

         Link drehte sich, von allen guten Geistern verlassen, um. Nein, jemand hatte ihn gesehen. Der Heroe spürte seinen Herzschlag bis in seiner Kehle. Aber als er sich umdrehte, stand lediglich ein Kind vor ihm.

         „Was machst du denn hier“, sagte sie, „Übst wohl für das letzte Gefecht zwischen dir und dem Meister des Bösen?“ Das kleine Mädchen hielt geschwind die Luft an. Sie wollte ihm doch nichts darüber sagen und durfte es auch nicht.

„Wen?“

„Ach nichts. Übrigens, du bist zwar gut, aber lässt deine Deckung zu weit offen.“

Link schnaubte: „Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

„Na ja, man muss dir doch irgendwelche Ratschläge geben, bei deinem Leichtsinn, Linky.“

         Link drehte sich wütend zu ihr und meinte. „So, meine kleine Nervensäge. Ich habe hier eine sehr gefährliche Waffe. Und ich weiß nicht, was passiert, wenn du mich weiterhin störst und mir nicht endlich sagst, wer du bist. Ich will meine Ruhe, also verschwinde wieder. Du…“ Link konnte den Satz einfach nicht beenden, denn das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen lachte nur und tänzelte wieder um ihn herum. Link schüttelte mit dem Kopf. Kinder waren immer so unberechenbar… Sie reagierte keineswegs auf seine Drohungen- ganz im Gegenteil, sie kicherte darüber.

         „Ich weiß, dass du niemanden, mit gutem Herzen etwas zu leide tun kannst. Du bist doch schließlich Link.“ Wow, das er so hieß, wusste er selbst. Der Angesprochene entschloss sich das Training zu beenden und setzte sich an einen alten Baumstamm.

         „So“, sagte Link, als sich die Kleine neben ihn setzte. „Sag’ schon, was willst du von mir!“

„Ich muss auf dich aufpassen, Linky.“

„Kannst du das bitte unterlassen.“

„Was?“

Link beugte sich über sie und betrachtete sich das kleine, rundliche Gesichtchen genau. Sie besaß eine außerordentlich spitze Nase und rote Wangenbäckchen. „Hör auf mich Linky zu nennen.“

„Ist gut, Linky.“

Er verdrehte die Augen. „Bist du so was wie ein Schutzengel?“

„Vielleicht.“ Sie stand auf und tanzte nun um den Baumstamm herum.

„Warum hast du keinen Namen? Hast du kein Zuhause, keine Eltern oder so?“

„Das war einmal vor langer, langer Zeit, vor vielen, vielen Jahren.“ Sie blieb stehen und seufzte: „Aber dieses Zuhause gibt es nicht mehr.“ Dann lief sie wieder um Link herum.

         Der Kämpfer übte weiter, während das kleine Geschöpf ihm Ratschläge erteilte und Link, der es eigentlich nicht wahrhaben wollte, musste einsehen, dass dieses Wesen, wer immer sie auch war, ihm tatsächlich helfen konnte.

Als der Abend kam, war die Kleine verschwunden, wie als wäre sie nie hier gewesen. Link ging zurück in die Stadt, folgte verträumt dem Weg. Was wäre wenn…

 

Eine neue Woche begann und langsam sollte sich Link ernsthaft Gedanken um das Schulprojekt machen. Es wurde allmählich Zeit, Zelda deswegen anzusprechen. Sie redete ja nicht mit ihm und Link, total nervös und unzurechnungsfähig, wenn sie in der Nähe war, müsste langsam aber sicher etwas tun.

Inzwischen hatte er sich mit der Situation abgefunden. Wahrscheinlich hatte ihn der Umgang mit dem Schwert abgelenkt und verdeutlicht, dass es nichts brachte, Zelda zu belästigen.

Aber die Gefühle für sie waren eben da und Link konnte sie einfach nicht ignorieren… sein Herz sagte ihm, rede mit ihr, sein Verstand aber sträubte sich.

         Link und die anderen Jungs versammelten sich in den Umkleidekabinen. Sportunterricht war angesagt.

Rick tippte Link auf die Schulter. „Du, sag’ mal. Wie machst du das?“

„Was?“

„Na, das.“ Rick packte Link am Arm und schleifte ihn zu einem Spiegel.

„Ja und? Soll ich jetzt dreimal in die Hände klatschen, weil mein Spiegelbild so gut aussieht.“

„Link, ich meine es ernst.“ Link schnallte, was Rick meinte. Während der letzten Wochen nervenaufreibendem Training in den Wäldern hatte Link einiges an Kraft und Muskelmasse zugelegt. Es fiel ihm jetzt erst einmal richtig auf. Sein Körper hatte sich ganz schön verändert. Kein Gramm Speck mehr. Link schien sportlicher und stärker als jemals zuvor zu sein, und er wusste, dass ihm diese Eigenschaften in naher Zukunft sehr nützlich sein würden. Er fühlte die Veränderung in sich selbst und den sich nähernden Sturm…

         „Nun ja, ich habe die letzten Wochen ein wenig Sport getrieben, vielleicht ein wenig zuviel.“ Rick stutzte. „Du bist ein Übermensch. Vor wenigen Wochen lagst du mit Rippenbrüchen und inneren Blutungen auf der Intensivstation und jetzt… du bist einfach unmöglich.“ Link fasste das als Kompliment auf.

         Dann gingen sie nach draußen.

Ines Schattener war Sportlehrein und zu allem Überfluss auch noch unheimlich streng. Link hatte sie ebenso wie Zelda die letzten Wochen ignoriert. Sie wollte ihm Erklärungen geben. Erklärungen für alles. Alles. Aber Link glaubte nicht, das jedwede Erklärung ausreichte. Es war einfach das Letzte, dieses dumme Versteckspiel von Seiten Zeldas.

Aber  unterstütze die Direktorin das wirklich? Es mochte sein, dass Link nichts über die Absichten Ines Schatteners wusste, aber auf ihn hatte sie einen eher zugänglichen Eindruck gemacht. Und die Absichten jener Direktorin, die auch noch einen anderen Namen hatte, standen tatsächlich in großem Widerspruch zu denen Zeldas.

Wohingegen die einstige Prinzessin Hyrules alles dafür tat, Link nicht zu nahe zukommen, um ihn von weiterer Gefahr fernzuhalten, ihn vor sich selbst zu beschützen und damit starke Gefühle der Einsamkeit ohne seine Nähe ertrug, so wollte Ines, dass er an den Ereignissen teilhaben konnte. Ines befürwortete ein Einmischen von Link, denn sie wusste, dass es einfach sein Schicksal war, an den näherkommenden Kämpfen teilzunehmen.

         Die Schüler befanden sich auf einem riesigen Sportplatz. Auf der großen Wiese in der Mitte spielten die Mädchen gelassen Federball. Die Sonne schien und die brütende Hitze, die sie aussendete, wurde immer schlimmer.

Miss Schattener beauftragte die Jungs einige Runden zu laufen. Eine von Links leichtesten Übungen. Er überrundete einige und schien am Ende keineswegs außer Puste zu sein. Er hatte in den Wäldern ebenfalls seine Ausdauer und Kondition erfolgreich trainiert. Er wollte auf alles vorbereitet sein. Seit ihm dieser teuflische Schatten begegnet war, konnte Link nicht aufhören Kraft zusammeln.

         Doch wofür? Was um Himmels Willen stachelte ihn an, seinen Körper in dem Maße zu beanspruchen. Er wusste nichts von einer anderen Welt, einer anderen Zeit, als eine seine Reinkarnationen dort Großes tat und er wusste nichts von seinem eigenen Schicksal…

Er machte es sich auf einem Zaun bequem und starrte in das herrliche Blau des Himmels.

         Plötzlich spürte der Jugendliche, dass er beobachtet wurde. Er schaute in alle Richtungen und erkannte am Eingang zur Turnhalle eine Person mit eng anliegender Lederkleidung. Sie zog seine Aufmerksamkeit auf sich, aber nicht wegen den blonden Haaren, die Zeldas Haaren an Länge ähnelten, sondern weil sie bei der Hitze diese unerträgliche schwarze Kleidung trug. Dennoch… mit dieser Dame stimmte etwas nicht. Die Hitze schien ihr nichts auszumachen und ein kalter Schatten schien sie nicht nur zu begleiten, sondern auch zu umhüllen.

Als Link in ihr Gesicht sah, wäre ihm beinahe das Herz stehen geblieben. Die sah Zelda erschreckend ähnlich! Wie konnte das sein? Hatte Zelda eine Zwillingsschwester? Sie sah Link in die Augen und leckte sich auf eine abscheuliche Art und Weise über ihre kahlen Vorderzähne.

         Entsetzt blickte Link weg und lief unbewusst auf Zelda zu, ließ dieses Biest aber nicht aus den Augen. Die seltsame Gestalt machte eine bedrohende Geste, während ihr Blick nichts als Kälte absonderte, und sie deutete auf Zelda, die gerade mit Sara Federball spielte. Ihre Augen, so gefährlich kalt und ohne Mitleid, Augen so unecht und doch lebendig.

         Link blickte Zelda an. Sie trug eine kurze rosa Jeanshose und ein dunkelblaues Spaghettitop. Sie sah darin unheimlich begehrenswert aus… Wunderschön...

         Für einen kurzen Augenblick vergas er diese Gestalt vor der Turnhalle und hatte nur noch Augen für diesen Engel. Wie konnte man nur so himmlisch aussehen, fragte er sich...

Als Link wieder zu der dunklen Gestalt sah, war sie verschwunden. Hatte Zelda jetzt einen bösen Doppelgänger? Hatte der Mistkerl in der Kirche dieses Biest geschickt? Irgendetwas plante dieses Ungeheuer doch. Wenn ich nur wüsste was, dachte Link.

Während der ganzen Schulstunde hatte Link immer wieder darüber nachgedacht. Aber ihm fiel nichts ein, was er hätte tun können. Warum fühlte er sich so hilflos?

 

Während die Jungs fleißig Kugelstoßen übten, nahm Ines Schattener Link beiseite und bat ihn um ein Ohr.

Verdutzt willigte Link ein und folgte der Direktorin in das kleine Büro in der Turnhalle. Das kleine Fenster im Büro bot einen ordentlichen Blick auf die Grünfläche, sodass Ines ab und an hinaussehen konnte, um sich zu vergewissern, dass die Jugendlichen da draußen keinen Unfug anstellten.

„Setz’ dich, Link.“ Und er machte es sich auf dem Holzstuhl vor einem schwarzen Schreibtisch bequem. Ines Schattener holte zwei Gläser und eine Limonadenflasche aus einem kleinen Kühlschrank in jenem Büro. Sehr praktisch, dachte Link. Äußerst praktisch.

„Durst?“ Link nickte, sich fragend, womit er soviel Freundlichkeit von Seiten der Direktorin verdient hatte. Dann erinnerte er sich an die miese Szene im Krankenhaus, als er überreagiert hatte. Konnte es sein, dass Ines ihm jetzt die Erklärungen geben wollte, die er damals für unwichtig hielt.

         „Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, Link, und sicherlich ist dir auch einiges daran gelegen, dass ich dir so schnell wie möglich mitteile, was mitzuteilen ist.“ Erneut nickte er und nahm einen Schluck der kalten Limonade.

„Hat Zelda dieses Gespräch eingefädelt?“

„Nein“, erwiderte Ines. Traurig blickte sie hinaus zu der Mädchentruppe und beobachtete ihren Schützling mit besorgtem Blick.

„Sie hat mir eigentlich untersagt, mit dir zu reden…“ Und aufmerksam hörte Link zu, der den verzweifelten Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, aber sich keinen Reim daraus machen konnte.

         „Sie leidet, Link. Auch, wenn sie es nicht wahrhaben will, auch wenn sie so tut, als wäre alles in bester Ordnung.“ Und Impa, ein anderer, vielleicht zutreffender Name für diese Persönlichkeit, dachte an einige Tage, einige Abende, die sie mit der einstigen Prinzessin Hyrules erlebt hatte. Damals wie heute, gab sie sich an allem die Schuld. Damals wie heute ignorierte sie, dass sie sich geliebt fühlen wollte und ertrug lieber die Einsamkeit, die langen Abende und Nächte, in denen es niemanden gab, mit dem sie reden konnte. Nicht einmal ihr Kindermädchen aus alten Tagen ließ sie an sich ran. Und wann immer Impa nachfragte, nein, nachbohrte, ob sie reden wollte, ob etwas nicht stimmte, dann schüttelte Zelda mit dem hübschen Kopf und wich ihr aus.

Das war die Wahrheit über jemanden, der in seinem Leben nie etwas anderes als das Wohl anderer, das Wohl eines ganzen Landes im Sinn hatte- die Wahrheit über ein verletztes Herz, wie es das Zeldas war…

„Das, was ich dir zu sagen habe, könnte Zelda vielleicht verletzen, weil ich entgegen ihres Wunsches handle. Aber du musst es einfach erfahren, du musst wissen, dass vielleicht sehr viel von deinem Erfolg abhängen könnte.“

Erfolg? Welchen Erfolg? Meine sie die Noten? Ja, er hatte die letzten Wochen herzlich wenig für die Schule getan, aber so schlecht stand er doch wirklich nicht da, oder?

„Ich verstehe das alles einfach nicht. Wovon redest du, Ines?“

„Ich will dir nicht alles sagen, Link. Da ich finde, Zelda sollte dir erzählen, was geschehen ist, weshalb sie plötzlich hier ist, warum sie vorher niemand kannte, weshalb sie in dieser Welt so verloren ist und…“ Ines sah gedankenverloren hinaus zu dem blonden Mädchen, das so tat, als wäre es glücklich.

„… und warum du sie finden konntest und in ihrem Leben immer eine Rolle spielen wirst.“

         „Warum tut sie dann so, als würde sie mich nicht kennen. Warum, Ines? Warum?“, fauchte Link gekränkt und sprang von seinem Platz auf. Er breitete seine Arme aus und sagte aufbrausend: „Ich habe nichts getan, um sie zu verletzten, ich hätte alles für sie getan.“ Wütend brachte Link diesen Satz zuende und verzog sein Gesicht bei seiner eigenen Wortwahl. Wie konnte er nur so dumm sein, zu reden, ohne über die Worte in seinem Mund reiflich nachzudenken. Er ließ seinen Kopf hängen und drehte sich halb um, sodass er die Wärme in Impas Blick nicht sehen konnte.

         „Ich weiß, Link.“ Und die Direktorin legte eine Hand auf seine Schulter. „Du musst ihr Zeit lassen. Glaub’ mir, sie geht dir nicht aus dem Weg um deine Gefühle zu verletzen. Sie tut es nicht aus Eigennutz.“ Ines Blick wanderte zu der Zimmerbeleuchtung. „Sie hat noch nie in ihrem Leben etwas aus Eigennutz getan. Und Zelda hat vieles getan… vieles, was ihr eigenes Glück aber im Gegenzug zerstörte.“ Und wieder sprach Ines in Rätseln.

         „Ich wollte dir mitteilen, dass du dich in Gefahr befindest, Link“, sagte sie dann und schenkte ihm noch ein Glas der Zitronenlimonade ein.

„Warum überhaupt?“

„Ich hatte gehofft, du könntest mir darüber etwas erzählen. Ich weiß zwar einige Geschichten von Naranda, aber mir fehlen noch einige Zusammenhänge.“ Link sah überrascht auf, setzte sich wieder und trank von dem kühlen Getränk, welches angenehm seine Kehle hinablief.

         „Ich wollte die ganze Zeit schon wissen, wie du sie gefunden hast, Link?“

„Hat Zelda dir darüber noch nichts erzählt?“ Ines schüttelte frustriert den Kopf. Wieder etwas, worüber Zelda lieber schwieg. Sie machte ein großes Geheimnis aus der Woche mit Link, ebenso über die Tatsache, wie er sie gefunden hatte.

„Nein, darum bitte ich dich, mir alles genau zu erzählen, Link.“ Der junge Oberschüler holte tief Luft und stand wieder auf. Auch er lief zum Fenster und sah hinaus, blickte verträumt zu Zelda und fühlte einmal mehr diese lähmende Angst um sie, sie könnte sich plötzlich in Luft auflösen.

         „Das heißt also indirekt, ich bin wirklich in alle Geschehnisse verwickelt, nicht wahr?“

„Nicht nur das, es geht vielleicht mehr um dich und deine Fähigkeiten als du ahnst. Du wirst eine Hauptfigur der nahen Ereignisse sein.“ Link entgegnete nichts darauf, schloss mit Bedenken seine Augen und stützte eine Hand an sein Kinn.

„Zelda… sie hat nach mir gerufen. Ich meine, nicht so, wie man das auf normalen Weg tut, sondern… irgendwie telepathisch…“, meinte er stockend. Gott bewahre, hoffentlich hielt ihn die Direktorin jetzt nicht für verrückt. Denn das jenes Rufen verrückt klang, konnte Link nicht bestreiten.

         „Verstehe“, sagte Ines mit klarer Stimme. Und Link dachte, er hätte sich verhört. War sein Trommelfell kaputt? Unbewusst prüfend griff er sich an seine Ohren.

         „Sie sind nicht überrascht?“

„Nein, erzähl ruhig weiter.“

„Sie ist dann am frühen Morgen aufgewacht und sagte etwas über einen Lichtweg in ihren Träumen. Sie war so verunsichert und wusste nicht, wohin sie gehen könnte. Ich konnte meine Eltern überzeugen, sie bei uns wohnen zu lassen und so ist sie dann geblieben.“ Wiederrum nickte die stolze Direktorin.

„Ich bin so froh, dass du sie gefunden hast, Link. Wir, das heißt Naranda, Dar und Richard waren schon lange in Sorge um sie, nun da…“

„… da was?“

„Ist dir jemals ein großer Mann begegnet, mit teuflischen Augen.“

Link nickte geistesgegenwärtig. „Sogar schon bevor ich Zelda fand, warum?“

„Gefahr geht von ihm aus. Ich erwarte von dir, dass du dich von ihm fernhältst. Versprich mir das, Link.“

„Okay.“

„Gut“, meinte sie und wirkte im Moment alles andere als ruhig, obwohl Ines sonst immer eine sonderbare Ruhe ausstrahlte. Sie wirkte rätselhaft mit ihrer Besorgnis um Link und um die Prinzessin, von der niemand ahnte, wer sie wirklich war.

         „War denn eure gemeinsame Woche schön?“

Verlegen nickte Link und suchte nach den richtigen Worten. „Diese Woche war… Zelda, ich dachte immer, ich wäre ihr schon einmal begegnet. Gibt es so was denn? Ich habe das noch nie bei irgendjemanden empfunden. Es war die beste Woche meines Lebens“, gab er ehrlich zu und schaute irritiert auf den Boden. Ein brauner Teppich lag dort, ein sehr alter, abgenutzter Teppich. Was kümmerte Link denn im Moment der blöde Teppich?

         Ines lachte vergnügt auf. „Oh Link, denk’ ja nicht, dass diese Woche die letzte mit Zelda gewesen ist. Sie braucht zwar ihre Zeit, um einzusehen, dass du nicht wegen ihr in Gefahr schwebst, oder sagen wir, nicht nur wegen ihr, aber in nächster Zeit wird sie dich brauchen. Hab ein wenig Mut, Link.“

Er sah auf und nickte mit seinem typischen Grinsen. Irgendwie fühlte er sich jetzt besser. So als hätte Ines ihm seine Sorgen ausgeredet oder sein Herz beruhigt.

         „Manchmal gebe ich Zelda einen Wink, verstehst du, und wenn sie verstehen will, ignoriert sie diesen Wink nicht.“

„Einen Wink?“

„… damit sie einsieht, wie dringend sie jemanden braucht, mit den sie reden kann. Damit sie einsieht, dass sie einen Freund braucht und diesen in deiner Gestalt schon lange gefunden hat.“ Und mit jeder weiteren Silbe, die Ines sprach, erwachte ein übernatürlicher, fast manischer Optimismus in ihm. Ja, ihre Worte schenkten ihm Mut, Mut und Hoffnung, Zelda wieder in seinem Freundeskreis zu haben.

         „Gut, Link. Aber vielleicht solltest du jetzt wieder an den Übungen teilnehmen, nötig hast du diese ja bei Weitem nicht mehr, richtig?“

„Richtig.“ Ines wusste wohl davon, welche Dinge Naranda ihm zukommen ließ und bemerkte die Veränderungen an Link. Sie hatte ja immerhin zwei sehr scharfe und aufmerksame Augen im Kopf. Link grinste und lief zu der Tür.

Als er verschwinden wollte, fiel ihm aber noch etwas ein: „Noch etwas, Ines. In der letzten Zeit sind viele merkwürdige Sachen passiert, ich meine, unheimliche Sachen, und da wollte ich mal nachfragen, ob Zelda vielleicht einen Doppelgänger oder eine Zwillingsschwester hat.“ Die roten Augen der Direktorin veränderten sich von Wärme, die sie aussendeten, bis hin zu Besorgnis.

„Nein“, meinte sie energisch. „Wie kommst du darauf?“

„Vorhin stand eine schlanke Gestalt, die Zelda ähnelte an der Halle und winkte mir zu. Dann fiel ihr Blick auf Zelda und…“ Ines unterbrach ihn.

„Vorhin, sagtest du? Gut, dass du das erwähnst. Ich hoffe nur, dass Zelda nicht schon wieder in Gefahr schwebt.“

„Ja, es ist nur, dass diese Gestalt sehr bedrohlich wirkte. Passen Sie bitte gut auf Zelda auf.“

„Kein Thema, Link.“ Mit einem zufriedenen Nicken verließ er den Raum und nahm so wie die anderen am Weitsprung teil.

 

Die Sonne, die vor wenigen Stunden noch so hell geschienen hatte, mit solcher Stärke, wurde nun von dunkelgrauen Wolken bedeckt. Link rannte nach Hause, während die Dunkelheit stetig zunahm. Wenn jetzt ein Unwetter kam, hatte er keine Lust nass zu werden. Plötzlich hielt er inne.

Verdammt, ich hab’ das Schulprojekt total vergessen, sagte sein viel zu vergessliches Gemüt. Er blickte in den Himmel und dann in Richtung des Hügels, wo das Anwesen Miss Schatteners stand.

         Keine Ausflüchte. Kein Weglaufen. Kein Nein…

         Er zwang sich Zelda zu besuchen. Entweder sie redete mit ihm, was gut war, oder sie tat es nicht, was unabänderlich war. Soll’ sie doch in ihrem Schmoll verrotten!

Link schüttelte den Kopf, während er die Einfahrt zu dem stolzen, alten Gebäude entlang rannte. Selbst wenn er wollte, er konnte zu Zelda nicht kalt und grausam sein. Er war einfach nicht in der Lage, ihr in irgendeiner Weise, auch wenn nur mit Worten, weh zu tun.

         Er klingelte an der riesigen Tür, überrascht über den Ton der Glocke, die wie eine alte Pendeluhr klang. Ines öffnete mit einem Hallo und wusste sofort, dass Link wegen dem Schulprojekt hier war.

         „Zelda wartet in der Wohnstube auf dich. Ich habe ihr bereits ein Thema vorgeschlagen. Na dann, du musst nichts weiter tun, als dir von ihr das Material geben zu lassen, das du ausarbeiten sollst. Falls ihr Probleme habt, ich bin in meinem Arbeitszimmer.“ Ines verschwand hinter einer Tür und Link musste erst einmal schlucken, als er sich den Innenraum betrachtete. Wo waren wir? Im Mittelalter? Als er sich umblickte, hatte er das Gefühl etwas zog ihn in andere Dimensionen, er durchschritt das Tor in eine weite ferne Welt. Das ganze Gebäude, die alten Kerzenständer, die eleganten Tische, die Teppiche, die roten Vorhänge erinnerten ihn an ein altes Schloss. War das denn wirklich?

         „Link, nun geh’ schon. Das Wohnzimmer ist zu deiner rechten.“ Ines riss ihn aus seinen Gedanken. Ehe sie sich versah, war Link verschwunden.

         Der junge Mann ging einen langen, dunklen Gang entlang und hörte aus dem Raum am anderen Ende keltische, nostalgische Musik. Eigenartig klangen die Töne für ihn- Flöte und Harfe, die aufeinander abgestimmt waren…

Link blieb vor der großen Holztür stehen und seufzte, bevor er klopfte. Ein einfaches Ja, machte ihm deutlich, dass er eintreten durfte. Mit einem Schlag fühlte er sich so nervös, dass er den Eindruck hatte, seine Beine würden ihn noch schneller irgendwohin tragen, als ihm lieb war.

Der Raum war geschmackvoll in dunkelroten, warmen Farben gehalten. Es war nun so dunkel außerhalb, dass Zelda einige Kerzen angezündet hatte.

Kerzen? Man, wozu gibt’s denn Strom? Zelda saß am Kamin und schrieb irgendetwas auf ein Stück Papier. Ein Stapel Bücher war neben ihr aufgetürmt. Das Feuer des Kamins warf undeutliche Schatten. Wozu nutzte sie denn einen Kamin? Es gab doch Heizungen!

Link fühlte sich in andere Zeiten hineinversetzt. Dieser Raum schien irgendwie am Abseits der Realität, an der Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft zu existieren. Er kannte das Gefühl Zelda zu besuchen… in Räumlichkeiten wie diesen… Es schien ihm so vertraut, so als hätte er es sein Leben lang getan. Zelda hatte ihn bemerkt, drehte sich aber nicht um.

         „Hallo“, sagte sie, fast tonlos. Link schluckte seine Anspannung und Aufregung herunter.

„Hallo“, seine Stimme klang ihm so unwirklich. Zelda stand auf und tat nichts weiter, als ihm ein Buch zureichen.

Ohne ein Blick, ohne Lächeln, ohne jede Gefühlsregung.

         Link nahm das Buch und sah zur Seite. „Das Thema…“

„Steht alles auf einem Zettel im Buch, auch was du… ausarbeiten sollst.“

„Also, dann.“ Link konnte nicht einfach gehen. Er hielt es einfach nicht mehr aus. „Zelda… kannst du mir nicht wenigstens sagen, was ich falsch gemacht habe.“ Link wünschte, er hätte irgendeinen Fehler begangen, um zu wissen, dass es einen Grund gab, weshalb Zelda ihn nicht einmal ansehen konnte. Aber er wusste, da war kein Fehler, kein Grund, für den er verantwortlich war…

„Zelda, bitte.“

         Link hätte sich am liebsten vor ihr niedergekniet, nur für eine aufrichtige Antwort, für ein Lächeln. Aber Zelda drehte sich um und sah aus dem großen Balkonfenster zu ihrer rechten. Link bildete sich ein, sie schluchzen zu hören. Aber das schien ihm wirklich nur Einbildung.

„Geh’ bitte.“

„Nein.“, Link verschränkte die Arme und blieb an Ort und Stelle stehen.

„Selbst wenn du Ines rufst, wirst du mich hier nicht wegbekommen.“ Zelda setzte sich wieder vor den Kamin und schrieb einige Sätze aus dem Buch ab. „Du wirst mich nicht ewig ignorieren können.“ Link blieb hart, er wollte sofort wissen, was vor sich ging. Aber Zelda reagierte nicht auf ihn. Eine lange Pause entstand.

         „Ich entschuldige mich“, sagte Link, um sie in ein Gespräch zu verwickeln.

„Wofür?“

„Für meine Dummheit, geglaubt zu haben, dich zu kennen. Für meine Torheit, geglaubt zu haben, du würdest mich kennen. Ich entschuldige mich dafür, dass ich mich in dein Leben eingemischt habe. Ich entschuldige mich dafür, dass…“ Link hörte Zelda nun wirklich weinen und stand sprachlos im Raum. Wieder entstand eine lange Pause…

         „Warum weinst du, wenn du es nicht fertig bringst, mit mir zu reden?“

„Ich weine nicht“, sagte Zelda, als sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Soso. Dann sitzt wohl nicht Zelda vor dem Kamin, sondern eine Person, die mir wirklich nichts zu sagen hat, eine Person, die nicht wirklich ist.“

„Genau, das ist es… Ich bin nicht wirklich.“ Link glaubte nicht, was er da hörte.

„Jetzt reiß’ dich verdammt noch mal zusammen, Zelda. Du bist nicht wirklich? Aber du atmest, du fühlst, du lebst. Du bist genauso wirklich wie ich und alle anderen Menschen.“

„Aber ich bin nicht, wie andere Menschen.“

         Links Stimme wurde immer lauter: „Du bist selbst daran schuld, wenn du nicht aufwachst und langsam versuchst ein normales Leben zu leben, egal, wer du bist. Verflucht, es kann doch nicht so schwer sein, zu leben. Es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht als dir, und dennoch, sie leben… ist das für dich so unbegreiflich?“

Zelda starrte schockiert in das Feuer und drehte sich zu Link um. Das erste Mal seit langem begegnete sie seinem Blick. Links Gefühle gingen mit ihm durch.

„Warum kannst du nicht wie andere Menschen sein, du gehörst doch ebenso zu den Menschen. Zelda… du bildest dir nur ein, nicht leben zu können.“

         Die Prinzessin zweifelte langsam, ob Link nicht doch etwas von seiner Vergangenheit ahnte, so wie er redete, hatte er früher in gefährlichen oder verzweifelten Situationen geklungen.

„Tu’ mir das nicht an und begegne mir wie einem Fremden. Ich bin kein Fremder. Zelda, ich…“ Link hielt die ganze Situation nicht mehr aus und ging auf die Tür zu, legte eine Hand auf den Griff und öffnete sie.

„Dann war’s das?“

„Ja, das war’s.“

„Gut.“

„Gut.“

Link verschwand hinter der Tür und rannte mit dem Buch in der Hand aus dem Haus.

 

Sara empfing ihn an der Haustür. Link war nun doch noch total durchgeweicht.

„Lass mich raten, warst bei Zelda, hm?“, meinte Sara.

Link nickte mit einem elenden Gesichtsausdruck und ging dann in schweren Schritten auf sein Zimmer. Sara wollte ihn nicht weiter belästigen, aber… er sah so unglücklich aus, dass sie einfach mit ihm reden wollte.

Als sie in Links Zimmer trat, musste sie allerdings feststellen, dass er bereits alle Lichter ausgeschaltet hatte und wie ein Toter auf seinem Bett lag. Link war allerdings noch wach und starrte an die Decke.

„Das war’s“, seufzte er. Sara stand noch in der Tür und hörte Link murmeln. „Link, wenn du mit mir reden willst, ich sitze in der Stube.“

„Ist gut, aber ich möchte schlafen… dann ist nichts mehr wirklich…“ Sara sah erschrocken in die Dunkelheit des Zimmers, ging aber dann. Link drehte sich um und ließ sich von der Göttin der Träume in die Arme schließen.

 

Als er in die Träume eintauchte, erkannte er sich selbst auf einer grünen, weiten Wiese stehen. Ein Mädchen mit langem blonden Haar hockte ihre Arme um die Beine geschlungen auf jener Wiese, während die Sonne beinahe brütend vom Himmel stach. Der junge Mann wollte sich orientieren, aber weit und breit nur grüne Wiesen, einzigartig, beinahe magisch...

Er trat näher und legte eine Hand auf die Schulter einer Person, die ihm in der Realität einfach nicht mehr der Freund sein wollte, den er brauchte.

„Zelda?“

„Mmh?“, murmelte sie und blickte sehnsüchtig an das Himmelszelt.

„Habe ich einen Fehler gemacht?“, sagte er leise, platzierte sich hinter sie und drückte seinen zweifelnden Schädel an ihre Schulter.

„Nein...“, meinte sie leise, aber blickte immer noch entschieden in das lichte Himmelszelt.

„Dann ist es einfach nur Abneigung gegenüber mir?“

„Auch das nicht...“, meinte sie, nun strenger.

„Willst du mich vor dir beschützen?“ Damit drehte sie ihr überraschtes Gesichtsfeld zu ihm. Sie blinzelte, aber brachte keine Antwort fertig. Sie lächelte, ein irrsinniges Gefühl des Glücks raste in seinem Körper entlang angesichts dieser wunderschönen Geste. Ein Lächeln...

Sie hüpfte auf die Beine und klopfte die Falten an ihrem roten Kleid mit den Stickereien zurecht.

„Irgendwann wirst du verstehen... irgendwann werden wir beide verstehen...“, flüsterte sie und löste sich vor seinen Augen in tausend schimmernder Lichtfunken auf. 

 

Am Nachmittag des nächsten, brütendheißen Tages, zog es den Jugendlichem mit dem grünen Basecape direkt nach dem kurzen Schultag hinaus in die Wildnis. Link kannte einige Teiche und Seen in den Wäldern, die so versteckt hinter engstehenden Eichen und hohen Gebüschen lagen, dass niemand überhaupt von ihrer Existenz wusste.

Zumindest glaubte der junge Held das und folgte nachdenklich seinem Weg. Von weiten hörte Link aber dann frohes Gelächter und Freuderufe. Ob vielleicht doch jemand diesen Ort entdeckt hatte?

„Schade“, murmelte er leise. Denn eigentlich hatte er gehofft bei einem kühlen Bad in der Einsamkeit, seine Gedanken neu ordnen zukönnen. Antworten zufinden, die mit dem Rätseln in seiner Seele zutun hatten. Antworten bezüglich Zeldas Einstellung, dem Geheimnis hinter ihrer Existenz und dem großen Geheimnis hinter seiner Selbst. Es war notwendig, die Antworten riefen schon beinahe von selbst nach ihm und doch wollte niemand ihm diese geben…

         Link erreichte den himmlischen Ort eines märchenhaften Waldteiches. Das Wasser klitterte in der Sonne silbern und lud einen Besucher ein, sich sofort in das kühle Nass hineinzustürzen. Link trampelte näher auf dem mit alten Nadeln belegten Waldboden herum und erkannte in etwa zehn Oberstufenschüler, die sich hier vergnügten. Seine tiefblauen Augen wanderten von Ilonas dürrer Gestalt, die mit einer Sonnenbrille lässig am Ufer des Sees lag zu ihren Freundinnen, die einigen Jungs in dem See zujubelten, welche sich ein Match mit einem Volleyball lieferten.

         Auch Rick, Sara und Mike waren unter ihnen und die beiden vorwitzigen Gestalten Josh und Hendrik. Ob die beiden die Story des Friedhofsmönches Drokon in ihre Zeitung eingearbeitet hatten? Hoffentlich nicht, dachte Link und marschierte zu einem kleinen Holzhäuschen, welches als Ablageplatz für die gesamten Rucksäcke diente.

Link stellte seine Sachen dort ab, mitsamt den überflüssigen Klamotten, die er sich schnell und flink über den Körper streifte. Plötzlich fühlte er eine Hand auf der nackten Haut seiner Schulter und drehte sich geschwind zu. Ein paar hübsche Augen starrten ihn an und einige schokoladenbraune Haarsträhnen fielen in das bekannte Gesicht.

         „Hey?“, sagte Link erfreut und stand mit Maron auf einer Höhe.

„Hallo“, sagte sie und fand sogar wieder ein Lächeln nach den schrecklichen Dingen, die über sie hereingebrochen waren.

„Wie geht es dir?“ Prüfend musterte Link die blassen Wangen des Mädchens und die Tatsache, dass Maron sicherlich fünf Kilo seit dem Erlebnis von ihrer schönen Figur eingebüßt hatte.

„So einigermaßen“, sagte sie schwach und begegnete dann dem Blick Links. „Ich bin hier, um mich zu amüsieren“, ergänzte sie. Sie warf ihren rosa Rucksack in eine Ecke.

„Ja, ich auch. So ist’s richtig.“ Sie nickte und zog sich ebenso schnell ihre Klamotten aus und trug einen dunkelblauen Badeanzug, bei dem Rick vielleicht die Augen herausfallen würden.

Sie liefen gemeinsam barfuss zu dem Ufer, wo Ilona und ihre Clique Unmengen von Decken ausgebreitet hatten, aus Angst man könnte nur einige Sekunden mit den sauberen Füßen den Dreck des Erdreiches berühren. Zum Glück gehörte Maron nicht in diese Kategorie eitler Damen.

         Als Rick Link und Maron entdeckte, schwamm er fröhlich auf das Ufer zu und hüpfte schnell aus dem Wasser hinaus. Er gab Link einen Stups mit seinem nassen Ellenbogen und begrüßte Maron mehr als überschwänglich. Er packte Maron quietschvergnügt an ihren Händen und zerrte sie hinein in das kühle Nass. Sie fauchte laut, als das kalte Wasser ihre Haut traf, aber schließlich bereitete es ihr viel Heiterkeit Rick mit Wasser zu bespritzen und seinen Kopf aufheiternd unter die Wasseroberfläche zu drücken. Sie hatten viel Spaß zusammen, sodass Link sich zunehmend überflüssig fühlte und allmählich den Anflug von Neidgefühlen spürte. Ja, irgendwie war er neidisch auf die beiden... auf ihre Ausgelassenheit und Lebenslust.

         Mit einem lauten, kläglichen Seufzer ließ Link sich auf den Waldboden sinken, lehnte sich an den Stamm eines alten Baumes und war mit seinen Gedanken wieder dort, wo er nicht sein sollte.

Er wollte sich ablenken, hatte sich so fest vorgenommen, nicht an die Geschehnisse der letzten Tage zudenken, gehofft, er könnte sie aus seinen Gedanken vertreiben, gehofft, er könnte Zelda aus seinen Gedanken streichen. Aber es ging einfach nicht... Er wehrte sich gegen seine Gefühle, aber es brachte nichts.

         Link ließ seinen Blick schweifen und sah Hendrik und Josh, die beiden ungleichen Zwillinge,  ihm zuwinken. Auch Link grüßte die beiden und blickte dann mehr oder weniger ungewollt zu Ilona, die seinen Blick einfing, als könnte sie ihn verschlingen. Sie nahm ihre dunkle Sonnenbrille ab und blinzelte mit ihren unechten Augen zu ihm hinüber.

Sofort sah Link weg, hetzte auf und sprang per riskantem Kopfsprung in das kalte Wasser, tauchte einige Runden, in der stillen Hoffnung, Ilona würde vergessen, dass er überhaupt hier war, wenn er nur lange genug die Luft anhielt.         

Und Link schwamm gelassen am Grund des Sees herum, fand Unmengen von Plastikflaschen, Büchsen und anderen Kram dort unten, umlagert von Wasserpflanzen und weichem Moos. Kurz kam ihm der Gedanke eine handvoll Pflanzen abzureißen und sie in das dämliche Gesicht Ilonas zuschmettern, aber dann erinnerte er sich daran, dass dies vielleicht keinen Nutzen hätte. Denn Ilona interpretierte alles so, wie sie es brauchte und würde diese Aktion für Spaß oder einen blöden Ausrutscher halten.

Link schloss seine Augen und ließ sich entspannt am Grund entlang treiben, vergas die Zeit und die Tatsache, dass er überhaupt Luft holen musste.

 

Schon wieder war etwas im Gange... als würde Link die Zeit manipulieren und seinen durchtrainierten Körper selbst nicht mehr unter Kontrolle haben. Es dauerte und es dauerte, bis er wieder auftauchte. Er ließ sich Zeit, unterdrückte vielleicht deren Existenz und verfälschte den Rhythmus, welche sie jedem Geschöpf vorgab. Er hatte Kontrolle und gleichzeitig keine...

Er öffnete seine Augen und drehte elegant und anmutig, mit leichten Bewegungen am Grund seine Runden, sah wie die Sonnenstrahlen hier unten entlang wanderten, sah wie das Element das Wassers dem Licht einen Weg schuf und die sanften Sonnenstrahlen an vielen Stellen den See mit Licht erfüllten, sah leuchtende, verzauberte Punkte am Grund und fühlte sich so frei wie schon lange nicht mehr. Er vermisste das Gefühl der grenzenlosen Freiheit, des Nichtgebundensein an die Dinge, das Abenteuer. Eines, das ihn zu fremden Orten führen und, wo er die größten Gefahren überstehen könnte... nach all dem sehnte sich sein junges Herz.

 

Inzwischen war eine Viertelstunde verstrichen und Rick, wie auch Maron wunderten sich, wo Link blieb. Mit dem Anflug von Angst wollte Rick gerade nach seinem Cousin tauchen gehen, aber da schoss Links Kopf schnell und hastig aus dem Wasser heraus und er röchelte beinahe nach Luft. Er schaute auf seine Armbanduhr. Eine Viertelstunde? Wow, du bist gut, Link, sagte er zu sich selbst ohne die Spur von Hochmut.

         Rick schwamm näher und sagte kopfschüttelnd: „Spinner!“ Link grinste schief und zuckte mit den Schultern. Vielleicht hatte er tatsächlich irgendwo eine lockere Schraube.

         Link war gerade dabei sich an das Ufer zu begeben, als ein stabiler Volleyball seinen harten Schädel traf. Fluchend drehte er sich um und pfefferte das Stück zu Josh und Hendrik, die ihn geworfen hatten zurück und nahm für einige Minuten an dem lustigen Spiel teil.

         „Sagt mal, habt ihr Drokons geheime Aktionen in der Schülerzeitung veröffentlicht?“, wollte Link eifrig wissen, als er mit Josh und Hendrik bei den Rucksäcken in der Hütte herumkramte.

„Nein, entgegnete Josh mit einem ernsten Blick in den dunklen Augen.

„Ach nein? Wie kommt ihr denn zu der Einsicht?“, entkam es Link, der sich von seiner Selterwasserflasche bediente und die halbe Flasche mit einem Zug entleerte.    

„Wir wollten ursprünglich Photos entwickeln, nur...“, und Hendrik flüsterte fast und redete für seinen Bruder weiter. „... die Photos sind aus heiteren Himmel vor unseren Augen verbrannt.“

„Nicht wahr“, meinte Link fassungslos und ließ beinahe die Flasche in seiner Hand fallen. Müsste er sich an solche magischen Ereignisse nicht langsam gewöhnen?

„Doch!“, schnauzte Hendrik und schüttelte bestätigend mit seinem Kopf.

„Und als wir uns das Video anschauen wollten, wir haben ja schließlich alles auf der Videokamera aufgenommen, da war Drokon einfach nicht drauf, als hätte man ihn aus dem Bild herausgeschnitten.“

„Schräg“, sagte Link und nahm sich ein Handtuch, um seine Haare wenigstens ansatzweise zu trocknen. „Und habt ihr Drokon noch mal irgendwann gesehen?“

Die Zwillinge schüttelten gleichzeitig mit ihren Köpfen und zogen sich ihre Straßenklamotten an.

„Wollt ihr schon los?“

„Ja, ist doch schon nach sechs. Du solltest vielleicht mal auf die Uhr schauen Link. Schönen Tag noch“, sagten die beiden und hüpften von dannen.

Ilona und ihre Clique war verschwunden und glücklicherweise hatte Link sich diesen Abend nicht ein dummes Wort aus ihrem Mund gehört. Und weitere Stimmen entfernten sich von Link, und so verschwand mit Sara und Mike der letzte Rest aus den Wäldern.

         Und tatsächlich leerte sich der Ort allmählich, gerade jetzt wurde es aber für Link geradezu vertraut und magisch in den Wäldern. Wenn der Abend in dem wohl ältesten Ort der Welt anbrach, da überkam Link diese geheime Sehnsucht nach etwas Unwünschbaren. Die Sonne verschwand und die Wälder verdunkelten sich. Der mächtige Arm der Nacht legte sich über die alten Laubgeschöpfe mit ihren in die Höhe schießenden Stämmen, den schweren Zweigen mit den vielen, wildwachsenden grünen Blättern. Link ließ sich entspannend auf den weichen, warmen Waldboden nieder, atmete tief durch seine Nase ein und genoss den Duft des süßlichen Wassers, den Geruch der Kiefernadeln und vergötterte die angenehme Stille.

         Aber wo waren eigentlich Maron und Rick abgeblieben? Komisch, dachte Link. Sie hatten nicht einmal Tschüß gesagt. In dem Moment hörte er wildes Kichern von irgendwo hinter der Hütte. Dann ein Knacken im Unterholz und auch Ricks Stimme erklang. Was beim Kuckuck war denn so lustig? Link sprang auf und wollte nachsehen, folgte den Geräuschen, erreichte eine kleine Lichtung, die von dem orangefarbenen Schimmern der langen Gräser verschönert wurde. 

Und da rannten zwei durchgedrehte Jugendliche hintereinander her, jagten sich und lachten während ihres Weges. Link schmunzelte und freute sich irgendwie irrsinnig für die beiden…

         Seinen Kopf neigend drehte er sich um und wollte die beiden bei ihrem unbefangenen Vergnügen keineswegs stören. Ihre Stimmen entfernten sich und Link war allein. Allein, auf seine ungewöhnliche Art und Weise. Auch wenn es verrückt klang, wenn man sein Leben lang allein gewesen war, wenn es niemanden gab, der die Seele in dem eigenen Antlitz verstehen konnte, dann, gerade dann lernte man den Wert der Einsamkeit durchaus zu schätzen.

Das Alleinsein hatte eigentlich keine allzu verachtende Bedeutung mehr, wenn man mit den Konsequenzen einer so außergewöhnlichen Seele lebte und Link akzeptierte diese Verantwortung, welche auf seinen Schultern ruhte...

         Er beobachtete die weißen Wolkenfetzen am Horizont, die bereits eine fuchsrote Färbung genossen und phantasierte, sah Bilder in den Wolken, einmal ein gigantisches weißes Schloss mit vielen Zinnen, einer stolzen Flagge am höchsten schmalen Turm. Bilder über Bilder drängten sich ihm auf. Vorstellungen über Innenräume in alten Schlössern, alte Schränke, ein reichlich verzierter goldener Standspiegel mit einem Wappen an dessen oberster Kante, ein Balkon mit aus grauem Gestein bestehendem Geländer, eine Schlossmauer mit stabilen Kletterpflanzen, ein Brunnen, ein Schlossgarten mit weißen Rosensträuchern...

Doch gerade als er mehr sehen wollte, als er diese Bilder festhalten wollte, legte sich eine hinterhältige Gewalt auf seine Gedanken und versiegelte die Erinnerungen wieder, versiegelte, was er nicht sehen durfte, da es nicht sein unumstrittenes Schicksal war, die Vergangenheit zu erinnern.

         Link ärgerte sich. Wieso konnte er sich nicht einfach daran erinnern, was er gerade seiner überquellenden Phantasie entlockt hatte? Warum durfte er das nicht? Es schien ein Verbot zu sein, als ob Götter für das Schweigen in seiner Seele sorgten.

         Er hetzte auf und sprang erneut in das kühle Wasser, schwamm seine Runden und fühlte diese maßlose Wut, da er schon wieder an Zelda dachte. Er reagierte sich ab, schwamm und schwamm immer schneller, bis er entkräftet an das Ufer torkelte. Er stützte sich schwerfällig auf seinen Knien ab und sah bereits den Mond am Himmel aufsteigen. Mit einem erzwungenen Lächeln lief er zu der Hütte und suchte seine Sachen zusammen.

Es war nicht zu ändern. Zelda wollte seine Freundschaft nicht. Sie hatte ihm gestern unmissverständlich klar gemacht, dass es vorbei war. Sie brauchte seine Nähe nicht, sie wollte seine Hilfe nicht.

Gegen Anbruch der Nacht kam Link zuhause an und ging ohne ein Wort auf sein Zimmer. Es war aus und nicht zu ändern. Er musste darüber hinwegkommen.

Sara klopfte an seinem Zimmer und sagte etwas, dass Link jedoch nicht hören wollte. Es war ihm so egal...

 

In der Traumwelt schien alles so schön zu sein, so friedvoll, keine Probleme, keine Ängste…

Link stand in einem alten Schlossgemach. Er wusste nicht, was er hier zu suchen hatte, aber jemand wartete auf ihn. Ja. In dem Zimmer entdeckte Link eine Gestalt, die seelenruhig in einem wunderschönen, riesigen Himmelbett schlief.

Link beugte such zu ihr und gab dem Wesen einen Kuss auf die Wange. Sie wachte auf und sah ihn, noch ganz im Halbschlaf, liebevoll und verträumt aus ihren himmelblauen Augen an.

Er hörte sich selbst reden: „Willst du nicht bald aufstehen, hm? Es ist Mittag, in wenigen Minuten.“ Sie lächelte. Plötzlich quoll Blut aus ihren Augen und Link, entsetzt über das, was er tat, würgte sie. Er umgriff ihren Hals und drückte ihre Kehle nach innen. Nein, das bin ich nicht, rief Link. Hör’ auf damit, das bin ich nicht! Link sah seine eigenen Hände, an denen Blut klebte. Er drückte immer fester zu, wie von Sinnen, als hätte er keine Kontrolle mehr über seinen eigenen Körper.

Die Person sah ihn mit Tränen in den Augen an. Aber sie wehrte sich nicht, entsetzt über das, was er tat. Ihr Hals, nun übersät von Blutergüssen, machte eine Luftzufuhr nicht mehr möglich. Mit einer letzten Träne, die ihre zartrosa Wange herunterfiel, hörte sie auf zu atmen und ihr Herz schlug nicht mehr.

 

„Zelda“, schrie Link in die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Begleitet von unheimlichen Herzrasen und der Angst im Nacken, wachte er auf. Nein, das war ich nicht. Link blickte benommen in die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Tatsächlich. Da stand doch jemand.

„Linky, du musst dich beeilen, Zelda ist in Gefahr. Und nimm’ deine Dolche mit.“ Das Geschöpf mit dem frechen, kleinem Kindergesicht winkte ihm zu. Link fackelte nicht lange und hetzte aus dem Haus, rannte zu der alten Villa, während Donner und Blitze ihn auf seinem Weg begeleiteten. Er rannte bis zur Erschöpfung. Verzweiflung packte ihn. Das war ich nicht. Link kam in Windeseile an dem Gebäude an, hoffend, dass es nicht zu spät war.

 

In diesem Moment wachte Zelda auf. Eine kalte Stimme sprach zu ihr. Sie blickte um sich, konnte aber in der Dunkelheit niemanden erkennen, da ihre Augen sich noch nicht daran gewöhnt hatten.

„Was willst du“, sagte Zelda, der Furcht auf der Zunge lag. „Ich will das gleiche wie du…“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich bin du.“ Zelda sah plötzlich rotglühende Augen aufblitzen. ,Oh’ Ihr Göttinnen. Helft mir’. Zelda griff vorsichtig an den Schalter ihrer Lampe.

„Wenn du jetzt das Licht einschaltest, wird dir das nicht bekommen.“ Zelda verstand die Warnung und versuchte in der Dunkelheit die Kreatur zu erkennen. Sie überlegte, ob Impa ihr nicht irgendwie helfen konnte.

„Deine ach so treue Hofdame, wird dich nicht hören, ich habe ihr einen Schlaftrank gemischt… haha.“ Zelda begriff nun langsam, dass diese Kreatur, genau wusste, was sie dachte, was sie fühlte.

         Dennoch fragte Zelda noch einmal ganz ruhig: „Was willst du von mir.“

„Ich will dein Leben, ich will das, was Link für dich fühlt.“

Zelda blieb fast die Luft weg. „…Was Link für mich fühlt?“

„So ein wunderbarer Kämpfer und du bist unfähig, auf seine Gefühle zu antworten. Ha… du bist ein unwürdiges, kleines Stück Dreck, genau wie mein Meister sagte.“

Zelda begann nun zu zittern, sie hatte keinerlei Waffen und auch sonst nichts, dass ihr in irgendeiner Weise helfen würde. Die Kreatur stürzte sich auf sie und zog sie an den Haaren aus dem Bett. Sie hielt Zelda wie eine Puppe an den Haaren in der Luft. Zelda schrie verzweifelt auf.

         In dem Moment hatte Link die Tür in die große untere Halle aufgebrochen. Mit schnellen, entschlossenen Schritten raste Link die Treppen hinauf.

Er rief: „Zelda, wo bist du? Zelda!“ Link trat die Tür in Zeldas Schlafzimmer ein. Was er sah, versetzte ihm einen gewaltigen Stich ins Herz. Dieses in Leder gekleidete Biest hielt Zelda mit einer Hand an der Kehle fest, sodass Zelda einige Zentimeter über dem Boden schwebte.

„Lass sie sofort los“, fauchte Link.

„Glaube nicht, dass du hier die Befehle geben kannst. Ich sage, was getan wird!“ Sie drückte Zelda noch fester die Kehle zu. Sie umfasste hilflos die eisige Hand der Dämonenkriegerin und hustete allmählich.

         Link hatte geglaubt, es gab nichts, was er in letzter Zeit nicht hätte überstehen können, aber jetzt erlag er der Machtlosigkeit.

Gelähmt ließ er sich auf den Boden sinken und sagte: „Was soll’ ich tun, dass du sie am Leben lässt?“ Zelda versuchte mit dem Kopf zu schütteln, aber Link starrte nur auf den Boden.

„Du trägst doch zwei Dolche mit dir.“ Link nahm sie in die Hand.

„Nimm’ diesen einen Dolch und setz ihn dir ans Herz.“ Zelda begann zu weinen, als Link tat, was sie verlangte.

„Würdest du sterben, wenn ich ihr die Luftzufuhr abschneide? Würdest du für deine Prinzessin in die Hölle fahren?“ Link konnte nicht anders. Er überlegte, aber es gab keine Alternative.

„Stich zu, wenn dir ihr Leben am Herzen liegt.“

Zelda röchelte verzweifelt: „Nein, tu das… nicht… Link.“

„Sei still, dumme Göre.“ Die dunkle Kriegerin drückte wieder mehr zu. „Lass Zelda gehen und ich tue, was du willst…“, sagte Link, als er sich den Dolch immer noch ans Herz hielt und dessen Griff mit zitternder Hand nur noch fester umfasste.

         Zelda verlor das Bewusstsein, sodass die falsche Schlange ihren wehrlosen Körper einfach in die Ecke warf. „Haha… ich wollte dich nur einmal testen. Zelda atmet nicht mehr, falls du es wissen möchtest…haha.“

Link stiegen Tränen in die Augen. Mit einer kaltblütigen Verzweiflungstat stürzte er sich auf das Monster und stach immer wieder zu, immer und immer wieder. Doch das Biest lachte nur und fand Gefallen an dem Schmerz, den Link ihr zu fügte. Sie lachte, bis ihr die Luft wegblieb... bis sie aufhörte zu atmen.

         Dann hetzte Link, immer noch mit Tränen in den Augen, mit blutbeschmierten Händen auf Zeldas bewusstlosen Körper zu. Er nahm sie in seine Arme, wie damals, als er sie in den Wäldern gefunden hatte… aber diesmal atmete sie nicht mehr, kein Lebenszeichen. Link versuchte es verzweifelt mit einer Herzdruckmassage.

„Komm’ schon, atme…“ Aber sie rührte sich nicht.

„Zelda, bitte…“ Noch nie hatte Link in seinem ganzem Leben für irgendjemanden, für irgendetwas Tränen vergossen. Aber nun wollten sie einfach nicht vergehen. Link probierte es mit einer Mund-zu-Mund- Beatmung, doch Zelda gab immer noch kein Lebenszeichen von sich.

„Zelda!“, Link rief selbstquälerisch ihren Namen. Nein, so schnell gebe ich nicht auf, sagte etwas in seinem Herzen und er versuchte es weiter.

         Wieder probierte er Herzmassagen und versuchte Luft in ihre Lungen hineinzudrücken. Sekunden kamen ihm vor wie Minuten und Minuten wie Stunden.

„Zelda, lebe…“, winselte Link, den seine engsten Bekannten nicht wieder erkannt hätten. Er war wie verwandelt, gefangen in Angst und Hoffnungslosigkeit. Er machte sich Vorwürfe. Hätte ich sie doch nur nie alleine gelassen… Zelda.

         Links Gedanken schweiften ab, er sah Zelda vor sich, das Mädchen aus der Vergangenheit und die Zelda der Zukunft. Er kannte sie, wollte sie beschützen und nun hatte er jämmerlich versagt.

Noch einmal presste Link Luft in ihre Lungen. Auf einmal spürte Link einen leichten Druck aus Zeldas Innerem. Er ließ von ihr ab und sah, wie sie begann zu hüsteln. Sie hustete, als ob sie noch nie gehustet hätte.

Zeldas Augen blinzelten plötzlich, ihre Brust begann sich wieder zu heben und zu senken. Link starrte wie eine Statue in ihre Augen, als immer noch Tränen an seinen Wangen hinabtropften.

Zelda hob leicht die Hand, um anzudeuten, dass es ihr gut ging, dann berührte sie Links Wange und fühlte seine heißen Tränen auf ihrer Haut.

         „Ich will leben…“, sagte sie.

         Link nahm sie in seine Arme und trug sie auf das Bett. Wie in Trance deckte er sie zu, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Zelda sah ihm genau in die Augen und wusste nicht, wie sie seinen Blick deuten sollte. Er schien nicht anwesend zu sein.

„Link...“, flüsterte Zelda. Er jedoch sah erschrocken um sich. Die Leiche der schwarzen Zelda war verschwunden.

         Dann eilte Ines Schattener in das Zimmer und sah Link todesbleich an Zeldas Bett stehen. Ein Blick auf Zelda genügte und sie wusste, dass etwas entsetzliches geschehen sein musste. Zeldas Hals war übersät mit roten, bläulichen Flecken. Link warf Ines einen zornigen Blick zu und schüttelte enttäuscht mit dem Kopf. Ines sah die Tränen in seinen Augen.

„Was willst du sein?“, Links Stimme dröhnte durch den Raum. „Ihre Erziehungsberechtigte... und du kriegst es nicht einmal fertig darauf Acht zu geben, wer in diesem Haus ein und aus geht.“ Link schrie förmlich.

„Link, beruhige dich“, sagte Zelda, aber er überhörte es.

         „Zelda wäre beinahe tot gewesen und du... du schläfst seelenruhig in deinem Arbeitszimmer. Du bist unfähig, du bist einfach hilflos... du schaffst es nicht, sie zu beschützen.“ Dann wurde seine Stimme wieder ruhiger und Link verschwand. Link rannte zurück nach Hause.

Oh’ mein Gott, ich habe getötet, ich habe gemordet. Ich hätte mich für Zelda beinahe selbst umgebracht... Er kniff seine Augen zusammen und lief noch schneller durch den strömenden Regen.

 

Derweil erklärte Zelda Ines, was vorgefallen war. „Also schickt er tatsächlich seine dunklen Diener. Ich frage mich, wie er es geschafft hat, in diese Welt zu gelangen“, Zelda seufzte kurz und berührte dann ihre Schwellungen am Hals. Jetzt erst merkte sie eine leichte Übelkeit und das unangenehme Zittern in ihren Gliedern.

Ines stand am Fenster und dachte über das nach, was Link gesagt hatte. War sie tatsächlich nicht in der Lage für Zeldas Schutz zu sorgen?

         „Link hat mich wiederbelebt... sonst wäre ich jetzt...“ Zelda registrierte soeben erst wirklich, was eigentlich geschehen war. Impa drehte sich entsetzt um und lief zu Zeldas Bett. Sie legte fürsorglich eine Hand über Zeldas Stirn und sah dann die Blässe in ihrem Gesicht.

„Es tut mir leid, Zelda… Soll ich vielleicht Dar anrufen, damit er dich untersucht?“

Doch Zelda schüttelte mit dem Kopf, sagte Impa ohne Worte, dass es ihr soweit gut ging.

Ines ging langsam zur Tür und sagte leise: „Ich werde einen Tee machen.“ Und verschwand.

         Nachdenklich lag Zelda in ihrem gemütlichen Bett, kuschelte sich in die Kissen und erinnerte sich an den Ausdruck der Angst in Links Augen. Sie konnte sich nicht erinnern damals in Hyrule diesen Ausdruck gesehen zu haben. Soviel Wärme und Mitgefühl in seinem Blick. War es möglich, dass sie jenen Blick in der Vergangenheit nie hatte sehen wollen?

Zelda schloss langsam ihre Augen für einen Moment und zog die Decke zu sich heran. Insgeheim wünschte sie sich, Link wäre jetzt hier und nicht so überstürzt weggelaufen…

         Die Direktorin kam leise in den Raum und stellte die Teekanne auf Zeldas Nachttisch.

„Wie fühlst du dich?“

„Kläglich…“, sagte Zelda ehrlich. „Ich brauche… Schlaf.“

„Bist du sicher, dass du nicht etwas anderes brauchst?“ Und Impas wissender Blick setzte Zelda vielleicht noch mehr zu als das Ereignis vor wenigen Minuten. Impa wusste genau, was Zelda in Wahrheit brauchte, um mit dem Schockgefühl fertig zu werden und es war weitaus mehr als Schlaf.

         „Link… er...“, fing Zelda an. Impa goss den heißen Tee in eine große Tasse mit der Aufschrift ,Für unpassende Ereignisse’ und reichte Zelda die Tasse.

„Link hätte sich für mich die Dolche in seine Brust gestoßen, wenn es dieses Biest verlangt hätte.“ Zelda stützte eine Hand an ihren Kopf, sich wünschend, Ines hätte diese Worte nicht gehört. Ines aber fiel aus allen Wolken.

„Er hat was???“, platzte es aus ihr hervor.

„Ich sagte, er hat sich seine Dolche an sein Herz gesetzt... dann weiß ich nicht mehr, was geschehen ist. Ich vermute mal...“, Zelda sah auf die getrockneten Blutspuren auf dem roten Teppich. „...Link hat diese Kreatur umgebracht.“

„Wozu ich nicht fähig war.“

„Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen, Impa.“

„Doch, das muss ich und Link hat vollkommen Recht behalten.“

„Wie auch immer, ich möchte jetzt nicht mehr darüber nachdenken. Wie spät ist es?“ Impa setzte sich an den Rand des Bettes und meinte.

         „Geht es dir wirklich gut? Du bist irgendwie so ruhig.“ Zelda lächelte leicht.

„Wenn es etwas gibt, das ich von Link gelernt habe, dann das, niemals zu verzweifeln und sich über das Schicksal zu beklagen. Ich will leben, Impa. Das kann ich aber nicht, wenn ich mich in dieses verfluchte Selbstmitleid stürze und das Geschehene nicht vergessen kann.“ Impa machte große Augen.

„Scheint so, als hättet Ihr Euch doch ein wenig verändert, Prinzessin, hm?“

Zelda sah zufrieden auf. „Aber Lust auf Schule habe ich heute trotzdem nicht mehr...“ Impa begann plötzlich zu lachen und meinte aufmunternd.

„Nein, das musst du nicht, heute nicht.“ Impa ging in langsamen Schritten aus dem Zimmer.

„Noch etwas, glaubst du, Link hat seine Erinnerung wiedererlangt?“ Zelda starrte ins Nichts.

„Nein, ich glaube nicht... Wenn dem so wäre, hätte er sicherlich anders reagiert.“ Ines nickte.

        

Ein dunkler Schatten breitete sich in der alten Kathedrale aus, während düstere Töne einer Orgel erklangen. Das Blut der Erde tropfte leise an den Wänden herunter. Die Gestalt der Dämonenkriegerin humpelte ziellos durch die Reihen der alten Holzbänke. Ihre Schritte wurden immer schwerer. Sie wusste, dass sie für ihr Handeln bestraft werden würde. Sie hatte Zelda aus Eifersucht umgebracht. Zumindest glaubte sie das... Ha, die einstige Prinzessin aus Hyrule war tot, Vergangenheit. Und sie würde ihren Platz an Links Seite einnehmen. Hehe... er würde schon Gefallen an ihr finden, jetzt, da Zelda im Jenseits war. Besessen von ihren abscheulichen Gedanken kroch sie in Richtung Altar, wo ihr Herr wartete. Sie kniete nieder, während schwarzes Blut aus vielen Stichen an ihrem Körper tropfte.

„Was hast du mir zu sagen, Zarna?“

„Lord, ich...“ Zarna leckte sich wieder auf ihre widerwärtige Weise über die Zähne.

„Des Helden Herz ist gebrochen. Sie ist tot... haha.“

         Der monströse Kerl drehte sich um und schleuderte eine gewaltige Energiekugel auf den wehrlosen, verletzten Untertanen. „Du hast alles vermasselt, dumme, niedere Mistgeburt. Jetzt da die Prinzessin tot ist, werde ich niemals wahre Gestalt annehmen können. Du bist ebenso des Todes. Nenn’ mir einen Grund, dich am Leben zu lassen.“

Zarna wischte sich das Blut von ihren Mundwinkeln und grinste. Dann lachte sie wieder frei heraus. Ihr kaltes, wahnsinniges Herz, zerfressen von Neid und Missgunst für Zelda hatte ihr die Fähigkeit genommen Schmerzen zu fühlen. Sie genoss es auf eine abartige Weise zu leiden. „Herr, ob ihr mich nun tötet oder nicht, ist für mich nicht von Interesse.“

         „Aber, ob du in der Hölle schmorst oder nicht, sollte für dich von Interesse sein, nutzloses Weib.“ Der riesige Abschaum breitete seine Arme aus und brüllte plötzlich, dass die Wände bebten. „Du Miststück, wegen dir habe ich die einzige Möglichkeit verloren, meine wahre Kraft entfalten zu können. Ich bin tot. Ich bin lebendig. Ich bin alles... hahaha.“

Er lief auf Zarna zu, während sie langsam nach hinten kroch und ihren Meister nicht aus den Augen ließ. Er holte aus und hatte plötzlich ein Schwert in der Hand. „Dich mit einem Schwert zu töten, ist viel zu einfach... Er schwang seine Faust und ließ sie wieder herabsinken. Plötzlich zersprang der Körper Zarnas in scharenweise kleine blutbefleckte Splitter, die sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. Die Splitter flogen dann aus den zerbrochenen Fenstern der Kirche.

„Zerstreut euch und ergreift Besitz williger Sklaven, für die Rache, für den Tod.“ Mit einem unheimlichen, roten Glühen in den Augen stolzierte das Monster, dessen Schatten immer größer wurde, in Richtung Altar...

 

Währenddessen führte Link seinen Schlüssel in das Schlüsselloch an der Tür seines Elternhauses, doch die Tür wurde überraschenderweise aufgezerrt. Sara sah ihn argwöhnisch und schlecht gelaunt an.

„Wo warst du?“ Link antwortete nicht und rannte auf sein Zimmer. Doch Sara würde jetzt nicht locker lassen. Aufgeregt sprang sie hinter einem blass aussehenden Link hinterher.

„Was ist los, Brüderchen?“ Sie pflanzte sich auf die Couch in Links Zimmer. Link stand kopfhängerisch vor seinem Schreibtisch und rieb sich über seine Stirn. Er hatte ein Stechen in seinem Kopf und brauchte Schlaf. Mit dem Gedanken spielend, seine kleine Schwester anzulügen und eine plausible Ausrede zu erfinden, stützte er sein Körpergewicht auf dem hölzernen Tisch ab.

         „Es ist nichts“, murmelte er, wollte das, was geschah verheimlichen und fühlte sich inzwischen leicht beschämt, da er sich beinahe selbst aufgegeben hatte. Doch was sollte falsch an seiner Selbstlosigkeit sein? Warum stärkte er sich nicht an dem Gedanken, wie edelmütig er doch war und wie groß seine Bereitschaft zu helfen, ohne an den Preis seines Lebens zu denken, den er irgendwann bezahlen würde.

         „Lügner“, sagte Sara ruhig. Aber sie machte ihm keinen Vorwurf. Sie stand auf und legte eine Hand über seine Schulter. Daraufhin drehte sich Link um und Sara schaute in das klare dunkelblau seiner ernsten Augen.

„Ich...“, brachte er hervor. Tief einatmend setzte er sich auf sein Bett. „Ich bin ein Mörder…“, sagte er gefasster.

Saras Augen weiteten sich. „Was???“

„Ich... ich war gerade eben bei Zelda. Eine unheimliche Person, wie Zeldas böses Ich, stand in ihrem Zimmer. Ich konnte nur zusehen, wie sie Zelda... Ich konnte nur zusehen, wie sie... Sie hat Zelda...“, sagte er schwankend. Sara setzte sich zu ihm und sah ihn mitfühlend an.

         „Sie sagte, sie würde Zelda am Leben lassen, wenn ich mich für sie... Einige Sekunden länger und ich hätte mich selbst getötet...“

Eine Träne rollte über Saras Wange. Denn sie wusste… wusste mehr als sie zeigen konnte. Und bald würde sich ihre Rolle in den Ereignissen offenbaren.

„Sara?“

„Link, du musst jetzt sehr vorsichtig sein und pass gut auf deine Zelda auf.“ Sara umarmte ihn wie es eine kleine Schwester tun würde und sagte. „Irgendetwas Böses wartet auf euch beide und das, was in letzter Instanz immer auf euch warten würde, ist nun nicht einmal mehr einige Tage weit entfernt. Ich glaube, das Schicksal will es so... Vieles, was wir vielleicht nicht als Bestimmung erkennen, kehrt doch irgendwann wieder. Link, gesteh’ es dir ein. Du bist nicht, was du glaubtest zu sein.“

„Das weiß ich. Sara.“

„Du hast die falsche Zelda getötet, oder?“

„Ja.“

„Deswegen brauchst du keine Schuldgefühle zu haben. Dieses Etwas hatte sicherlich kein Herz. Ich glaube, dir blieb keine andere Wahl.“ Link stand auf und sein Weg endete an der Nintendokonsole. Seufzend sagte er: „Das mag sein. Aber es ändert nichts daran, dass ich getötet habe.“

„Link.“ Sara machte eine mitfühlende Geste.

„Es ist schon gut. Danke für deine Anteilnahme, Sara.“

Es war nur noch eine Frage der Zeit, wenn sich sein Weg vor ihm auftun würde. Eine Frage der Zeit, bis er endgültig wusste, was Zelda verschwieg und was es mit Hyrule auf sich hatte. Allmählich begann er an das zu glauben, was nicht wirklich sein durfte. 

„Kann ich dich alleine lassen, Brüderchen?“

„Ja, wenn ich ehrlich bin, hätte ich gerne ein wenig Zeit für mich…“ Sara lächelte sachte und ging aus seinem Zimmer.

         Auch Link meldete sich krank und ging nicht mehr zur Schule. Er legte sich auf sein Bett und dachte nach, starrte gedankenversunken an die Decke, schloss seine Augen und dachte weiterhin nach.

 
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