Kapitel 90
 

Kapitel 90

 

 

 

Mit einem schmerzvollen Schlag landete Zelda endlich auf festem Boden. Die gesamte Zeit hatte sie das alte, kunstvolle Medaillon mit ihrer linken Hand so fest umfasst wie sie nur konnte, hatte gehofft, hatte vertraut. Und doch hatte es ihr bisher keinen Dienst erwiesen…

Langsam eröffnete sich vor ihr die Umgebung. Weit war sie gefallen, einen klappernden Schacht hinunter, sogar unter das Erdreich der Kirche, welche teuflisch und beängstigend in den Lüften schwebte. Bis Ganondorf sie schließlich teleportiert hatte.

Blinzelnd blickte sie umher und begann zu begreifen, in welcher Lage sie sich befand. Sie war eingesperrt. Wie Vieh verschlossen in einem Käfig, der unter der Kirche mit einer Eisenkette festgeschnallt baumelte.

 

Und mit jedem Windstoß pendelte der Käfig hin und her. Ein kratzender Ton wurde erzeugt, als wollte die Eisenkette brechen und ihr Käfig in die unabwendbare Tiefe stürzen…

Hilflos klammerte sich Zelda an die Eisenstäbe und suchte ihre windige Umgebung ab. Und wie der Wind hier oben tobte, so eisig, dass es die erschöpfte Prinzessin fror.

„Ist da jemand?“, rief sie, als sich ihre Augen an die blutige Dunkelheit der Umgebung gewöhnt hatten. Doch soweit ihre Augen sehen konnten, erblickte sie nur felsiges Gestein hier unten, auf dem die Kirche thronte.

Sie kroch in der kleinen Zelle von einer Ecke in die andere, spürte, wie sich der alte Käfig mit ihrem Körpergewicht tückisch neigte. Sie wusste, dass sie mit ihren Bewegungen das Risiko erhöhte, die rostende Eisenkette zu zerreißen. Sie wusste, dass sie sich nicht bewegen durfte. Und doch war sie im Augenblick so aufgeregt, hier zu hocken, nicht zu wissen, wie sie sich aus dieser Misere herausbringen sollte.

 

In dem Moment ertönte Ganondorfs Stimme nicht weit entfernt…

Zelda blinzelte wieder und versuchte seine markerschütternde Stimme einem Ort zuzuordnen. Sie blickte hastig um sich. Und entdeckte ihn plötzlich an einem kleinen Ufer, den das Felsengestein bildete. Er hatte etwas in der rechten Hand, was er hinter sich her schleifte. Etwas Grünes… etwas Vertrautes…

Zelda rief panisch Links Namen und griff fester an die Gitterstäbe. Sie war mehrere Meter weg von ihm, keine Chance ihn nur ansatzweise zu erreichen…

 

„Link!“, brüllte sie. Ganondorf blickte mit breitem, kaltem Grinsen in ihre Richtung und ließ den bewusstlosen Heroen unsanft auf den staubigen Boden krachen.

„Keine Sorge, Prinzessin, er wird zu sich kommen, die Frage ist nur wann…“, rief er.

Zelda schaute besorgt zu Link. Sein Gesicht verbarg sich vor ihr, lag zu Boden gedrückt und seine grüne Mütze verdeckte seinen gesamten Kopf.

„Was hast du mit ihm gemacht?“

„Sagen wir es so… er wollte das Schlafmittel nicht nehmen, welches ich ihm angeboten habe, worauf ich zu anderen Mitteln greifen musste.“

 

Verzweifelt schaute die Prinzessin des Schicksals zu ihrem Liebsten, rief mehrere Male seinen Namen, aber er rührte sich nicht.

„Bin gespannt, ob du ihn zum Aufwachen bringst, wenn ja, dann erkläre ich dir mal sorgfältig dieses Spielchen!“ Ganondorf triumphierte bereits wieder, und wusste, hoffte, dass seine Pläne diesmal Früchte tragen würden. Aus seinem Umhang zauberte er dann eine pechschwarz gemalte Sanduhr, die mit kohlenähnlichem Sand gefüllt war. Er dreht sie um, platzierte sie auf dem Ufer neben dem bewusstlosen Link, als sie anfing abzulaufen. Geschmeidig rollte der Sand durch die Öse und sammelte sich im unteren Bereich der Uhr an.

„Ihr habt zehn Minuten…“, begann er, ließ seine rechte Hand nach hinten wandern und stieß einen magischen Strahl in das Felsengestein. Eine violette Tür erstrahlte. Ein möglicher Weg in die Freiheit.

„Entscheidet sich dein Heroe dafür, dass Kraft wertvoller als Mut ist, werde ich euch beiden diese Tür öffnen. Entscheidet er sich für seinen Mut, wird mit dem Ablaufen des Sandes der Käfig, in dem du sitzt, in die Tiefe stürzen. Verschlossen bleibt die Tür. Beendet ist euer Schicksal…“

 

Erstarrt starrte die Königstochter ihren Erzfeind an, konnte nicht verstehen, was ihn zu diesen Taten brachte. Ständig entwarf Ganondorf diese Spielchen um Entscheidungen, von denen er doch eigentlich wusste, wie Link wählen würde. Link konnte und durfte seinem Mut nicht abtrünnig werden. Würde er es tun, wäre das Fragment des Mutes nicht mehr sein…

Ganondorf lachte wieder, tauchte hinab in seine pechschwarzen magischen Teleportationsfelder und verschwand.

 

„Ganondorf!“, rief Zelda wütend. „Hör‘ endlich auf mit uns zu spielen, du Schwein!“ Zelda kochte nun vor Wut und schlug mit den verdreckten Händen an die kalten Eisenstäbe. Dann hockte sie sich zusammen und schaute zu Link hinüber, der noch immer ohnmächtig an dem Ufer lag…

Aber er war sicher und er lebte. Der Gedanke beruhigte Zelda immens. Auch, wenn ihnen nicht mehr viel Zeit blieb…

Ihr Blick fiel zu der Sanduhr, wo der Sand trostlos das Ende der Zeit verkündete… Ein Rieseln im Takt der Zeit. Ein unhörbares Ticken, welches sie beide in die Verdammnis schicken würde…

 

„Link!“, schrie sie dann, ignorierte einmal mehr ihre schweren Augenlider und versuchte sich wachzuhalten.

„Bitte wach auf!“, sagte sie ruhiger. Aber er regte sich nicht einen Zentimeter.

„Link!“, röhrte sie noch einmal, energischer und da erkannte sie, dass sie ihn so nicht wecken konnte. Und die Uhr zeigte ihr, dass nur noch neun Minuten blieben, bevor der Käfig in die Tiefe stürzen würde. Nein, dachte sie, diesmal wusste sie nicht, wie sie ihren Hals aus der Schlinge ziehen konnte. Selbst wenn Link aufwachte… wie sollte er seinen Mut beweisen, um sie zu retten?

„Link!“, brüllte sie, nun verzweifelter als vorher, aber forthin schlief der Heroe mit der grünen Mütze einen unsicheren Schlaf.

„Bitte… ich brauche dich…“, sagte sie. Hilflos suchte sie nach einer Möglichkeit ihn irgendwie anders aus diesem ungewollten Schlaf zu reißen. Ihr Blick blieb bei dem Medaillon haften. In Hyrule hatten die Steine mit denen es ausgefüllt war, ständig ihre Fähigkeiten bewiesen, warum nicht auch jetzt? Sachte fuhr sie über den grünen Edelstein, konzentrierte sich ein wenig, aber er brachte sie nicht hinweg. Wohin nur war die Kraft der teuren Steine verschwunden? Lag es daran, dass sie die Kraft der Steine auf der Erde nicht entfachen konnten?

Klappernd nahm sie das Medaillon ab. Unabsichtlich tropfte das Blut ihrer Triforcewunde darüber. Dann wickelte sie die Kette um es. Wenn es für sie schon keinen anderen Nutzen darstellte, unwichtig, woran es lag, so konnte sie es als Wurfobjekt verwenden. Es passte sogar sehr großzügig zwischen die Eisenstäbe ihres Käfigs.

 

„Okay…“, murmelte sie und hielt den Gegenstand mit Bedenken in ihren Händen. Sie hatte nur einen Versuch und sie musste treffen. Vielleicht Links Hände, die ausgestreckt auf dem Boden ruhten. Oder seine Schultern, vielleicht auch seinen Rücken, wo noch immer seine Waffen festgeschnallt waren. Sie musste ihn treffen, ihn damit wecken.

Unsicher schaute Zelda von dem Medaillon zu den Eisenstäben und dann zu Link. Sie würde werfen, sie musste es werfen…

Ihre Gedanken kreisten nun um das eine Glück, um das wenige bisschen Zufall, worum sie bat. Sie betete heimlich zu Nayru, betete für die Zukunft der Erde und für das Licht der Sonne.

,Triff‘, summte sie in ihren Gedanken, als könnte sie dem Medaillon mit ihrer Hoffnung Flügel verleihen. ,Hilf‘ mir, nur dies eine Mal.‘

Sie machte sich bereit. Die Bewegung ihres Armes schien so natürlich und doch irgendwie magisch, nicht von dieser Welt. Das Medaillon verließ ihre Hand, steuerte mit Schnelle zwischen den Gitterstäben hindurch, meisterte die erste Hürde und befand sich in der Luft. Lethargisch sah Zelda dem Gegenstand hinterher, sah ihn wie in Zeitlupe direkt auf Link hinzugleiten, und da wusste Zelda, dass jenes Relikt ihn treffen würde.

Mit einem Poltern knallte es nun endlich gegen Links rechte Hand und lag nur knapp daneben.

Zelda entließ einen befreienden Atemzug, als es seine Hand berührte, spürte die Erleichterung in ihren Venen hinab sinken.

 

„Link!“, rief sie nun noch einmal, nur noch acht Minuten blieben ihr, bevor der Käfig hinabstürzte.

Und in dem Augenblick wanderte seine rechte Hand zu dem Schmuckstück, umfasste es, aber noch immer rührte er sich nicht vollständig.

„Link, du musst aufwachen… Die Welt liegt in Trümmern. Die Erde braucht den Helden der Zeit. Die Menschen brauchen ihn und sein Schwert. Deine Prinzessin braucht ihren Heroen, und ihren Liebsten…“

 

Und da ballte sich seine Hand zur Faust und der junge Heroe entließ einen herzzerreißenden Laut. Man spürte, er wollte kämpfen, obwohl das Schlafmittel in seinen Gliedern steckte, ihn betäubte. Keuchend zog er sich auf seine Arme, richtete sich ein wenig auf und hockte endlich auf allen Vieren. Er hob seinen Kopf an und starrte betroffen, aber beruhigt Zelda sehen zu können, in jene himmelblauen Augen, die er in jedem Leben vermissen würde. Er sah noch immer verschwommen und nicht so deutlich, dass es so war wie vorher. Aber immerhin konnte er trotz der Säure von Ganondorfs Teufelspflanzen überhaupt sehen. War das nicht was? Er atmete tief ein, nahm das Schwert in eine Hand und in die andere das Medaillon. Ein wenig schwerfällig zog er sich an dem Schwert aufrecht und stöhnte verärgert auf. Seine gesamten Glieder taten weh, waren wie betäubt. Und da kamen all seine Erinnerungen wieder…

 

Er wusste noch, dass Ganondorf ihn an eine Wand festgeschnallt hatte, nach einem der unfairen Kämpfe. Sie hatten gekämpft bis zur Ohnmacht… und Link hatte den kürzeren ziehen müssen. Link hatte zu jenem Zeitpunkt vermutet, der Fürst des Bösen wollte ihn foltern, ihm die grausamen Werkzeuge mittelalterlicher Zeiten am eigenen Leibe vorführen, aber seine Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Alles, was Ganondorf wollte, war, dass Link ein Schlafmitteln schluckte. Ein angebliches Schlafmittel. Doch Link verweigerte, worauf Ganondorf doch tatsächlich die Frechheit besaß, es ihm zu spritzen…

Endlich vernahm er auch Zeldas Stimme, die ihn rief. 

Heftig und laut atmend sanken seine Augen zu ihren, nahmen die Umgebung wahr und Zeldas Bedrängnis.

 

„Link… den Göttinnen sei dank…“ Ihre Stimme klang ein wenig zitternd.

„Wie geht es deinen Augen?“, rief sie.

„Nicht so wie vorher, aber es wird besser…“, seufzte Link und trat schwerfällig auf seinen müden Beinen an den Abgrund heran. Es würde noch eine Weile dauern, ehe das Beruhigungsmittel, welches Ganondorf ihm vor wenigen Minuten gespritzt hatte, seine Wirkung verlor.

„Zelda… bist du okay?“, sagte er und schaute mit einem mulmigen Gefühl über den Abgrund. Der Heroe schwankte ein wenig und trat wieder ein paar Meter zurück.

Sie nickte, aber in ihren Augen stand für Link ein Hauch Unehrlichkeit. Dieselbe Unehrlichkeit wie damals in Hyrule…

 

„Liebste… was ist los?“, sagte er dann und versuchte hier am Abgrund soviel Zärtlichkeit in die Worte zu legen wie nur möglich.

„Siehst du die Sanduhr dort…“, sprach sie mutlos. 

Stürmisch schaute Link umher und erkannte, dass der schwarze Sand langsam hinab lief. Sieben Minuten blieben noch…

„Wenn sie abgelaufen ist, wird dieser Käfig in die Tiefe stürzen“, erklärte Zelda mit Angst in ihren Augen. „Es sei denn, du entscheidest dich dafür, dass Kraft wertvoller ist als Mut… dann stoppt die Uhr und…“ Link schüttelte ungläubig den Schädel und unterbrach sie.

„Und was soll ich tun, um Mut zu beweisen?“ Zelda zuckte ratlos mit den Schultern und klammerte sich dann an die Gitterstäbe. Liebevoll und verträumt sah sie ihn an.

„Link… bitte hör‘ mir zu.“ Er ahnte, was sie vorhatte, dass sie sich wieder opfern wollte, aber das kam für ihn keinesfalls in Frage. Er schüttelte erneut den Kopf.

„Denk‘ ja nicht, dass ich den Frieden nach diesem Kampf ohne dich erleben will“, rief er und grinste. Zelda lächelte und wischte sich eine Träne von den Augen.

„Und was willst du tun?“, sagte sie leise. „Uns trennen mindestens zehn Meter…“ Und wieder war eine Minute dabei zu verrinnen.

 

„Ganz einfach.“ Link lachte sogar ein wenig. „Meinen Mut beweisen!“ Und wie er ihn beweisen würde. Ganondorf würde ihm niemals einreden können, dass Kraft wertvoller war als Mut. Ohne Furchtlosigkeit war Kraft so wertlos wie ein Schwert, dem das Heft fehlte…

Ungläubig beobachtete Zelda, wie ihr Heroe einige Meter rückwärts trat und dann auffordernd den Käfig anschaute.

„Link, bist du des Wahnsinns? Sag‘ nicht, dass du vorhast über den Abgrund zu mir zu springen. Das ist kein Beweis für Mut, das ist Dummheit!“ Zelda fühlte sich wacher als vorher und stand wieder auf ihren Beinen, sodass sich der Käfig bewegte, in dem sie gefangen war.

„Wenn du das wagst, geb‘ ich dir Hundert Jahre lang keinen Kuss mehr! Das ist Irrsinn, Link!“ 

„Ich liebe dich auch, Zelda…“, lachte er, ignorierte ihre Versuche ihn davon abzuhalten und wusste doch, dass sie sowieso keine Wahl hatte als ihm zu vertrauen.

Zelda schluckte und verzog bissig das Gesicht, während inzwischen noch knapp sechs Minuten übrig blieben.

 

Nachdenklich wand sich Link in Richtung der steilen Wände und hatte eine Idee, die sicherer schien als der übermütige Versuch auf Zeldas Käfig zuspringen. Er trat heran an das dunkle Felsengestein und berührte es mit seinen Fingerspitzen, blickte dann hinüber zu der steilen Felswand, die ihn näher an Zeldas Käfig bringen würde.

„Link. Tu’ das nicht! Nicht in deinem Zustand!“, rief sie panisch. Sie konnte ihn doch nicht an der Felswand entlang klettern lassen. Was, wenn er nur ein wenig abrutschte? Und das mit seinem eingeschränkten Augenlicht!

„Zustand?“ Link grinste makaber und begann sich vorsichtig an der Wand hochzuziehen. Sachte setzte der erfahrene Heroe einen Fuß nach den anderen, tastete sich vorsichtig näher zu seiner Prinzessin.

„Ja, in deinem Zustand!“

„Ich bevorzuge den Ausdruck: leichtes Eingeschränktsein der momentanen Heldenfähigkeiten. Hör‘ auf zu meckern, Zelda. Ich hab‘ damals in Hyrule genug Felswände für dich erklommen. Auf die ein oder andere kommt es auch nicht mehr an!“ Plötzlich bröckelten einige Steine hinunter und noch hatte sich Link nicht sehr viel weiter seiner Prinzessin annähern können.

Zelda entließ einen panischen Schrei, als Link mit einer Hand abrutschte. Gerade so konnte er sich noch fangen und hing mit einer Hand an einer Kante.

 

„Ich schwöre dir, wenn du abstürzt, wirst du im Himmel vor mir keine Ruhe mehr finden!“

Herzensbrecherisch schaute er zu ihr hinüber. „Wer sagt denn eigentlich, dass ich vor dir Ruhe finden will?“ Sie schaute bitterböse zu ihm hinüber, könnte ihn glatt köpfen, dass er sich hier in der trostlosesten Situation überhaupt solche Späßchen wagte. Aber wäre er nicht so unverschämt heldenhaft, so unverschämt gut gelaunt hier am Abgrund, würde sie ihn vielleicht nicht so sehr verehren…

Zögerlich blickte Zelda auf die Sanduhr und stellte fest, dass die fünfte Minute angebrochen war… Das Rieseln des schwarzen Sandes war für sie nun fast hörbar, glich sich ihrem trommelnden Herzen an.

 

„Bitte sei‘ vorsichtig…“, flüsterte sie mehr zu sich selbst als zu ihm.

Vorausschauend bewegte sich Link an der steilen Felswand hinüber zu Zeldas Käfig und war endlich nur noch wenige Züge von ihr entfernt. Inzwischen war er ihr so nahe, dass sie sich die Hand geben konnten, würden sie ihre Arme nur weit genug ausstrecken. Link lächelte ermutigend und sagte sanft: „Ich bin gleich bei dir…“

Zelda nickte, und warf wieder einen Blick zu der Uhr. Noch ein wenig mehr als drei Minuten. Und was dann? Wie wollte Link diesen Käfig öffnen, selbst wenn er ihn erreichen konnte.

„Zelda… schau‘ bitte mal nach oben oder nach unten. Gibt es an diesem Käfig irgendwo eine Klappe?“

 

„Moment… ich suche…“ Mit ihren Fingerspitzen tastete sie hier in der rotleuchtenden Nacht den Deckel und den Boden des Käfigs ab. Als sie über den Eisenboden strich, spürte sie jedoch überraschend einen Riss, und daneben fanden sich Schrauben, die in das Metall hineingedreht waren.

„Link, hier ist etwas… an der Bodenplatte…“ Sie hatte ihren Satz kaum ausgesprochen, da stieß sich Link mit aller Kraft, die er aufbringen konnte,  an der Felswand ab und segelte anmutig und heldenhaft an den Käfig. Er umklammerte die Eisenstäbe und rutschte dann nach unten. Aber er konnte sich festhalten, spürte das Metall dank seiner Handschuhe nicht so ritzend wie er befürchtet hatte. Der Käfig wackelte bedrohlich, während Link am unteren Bereich hing. Und die starre Eisenkette quietschte als wollte sie sofort auseinander reißen.

 

Erschrocken und ein wenig fluchend krabbelte Zelda zu ihm und schaute so gut es ging zu ihm hinunter. „Alles okay?“ Link grinste und versuchte ein wenig mehr Halt zu finden.

„Du hättest mich wenigstens vorwarnen können!“, schnaubte sie.

„Hätte ich es getan, hättest du mir wieder eingeredet, es nicht zu tun…“, erwiderte er und schaute sich die Bodenplatte an. Tatsächlich war hier eine Öffnung, die mit fünf fetten Schrauben dicht gemacht wurde.

„Zeldaschatz… wie viel Zeit ist noch?“

„Noch knapp drei Minuten…“, sprach sie, nun nicht mehr so aufgeweckt wie vorher. Die Angst abzustürzen kroch wieder in ihr hoch.

„Okay, das schaffen wir…“, meinte Link sanft, wollte seine Prinzessin beruhigen, auch wenn er ahnte, dass es knapp werden würde.

„Du. Sag‘ mal, du hast nicht zufällig einen Schraubenzieher dabei?“, sagte er dann, blickte hinauf und sah Zelda lächelnd den Kopf schütteln. Wenigstens konnte er sie aufheitern, wenn sie schon hier ihr Ende finden sollten.

Link schwang seinen Körper dann ein wenig und bekam einen Riegel an der Klappe mit seiner rechten Hand zu fassen, während er mit der anderen noch an der Käfigkante hing. Vorsichtig nutzte er abwechselnd beide Hände um die Muttern der Schrauben aufzudrehen. Die erste war ziemlich einfach zu beseitigen. Die nächste saß etwas fester. An der dritten biss er sich halb die Zähne aus. Die Mutter war festgerostet.

 

Und nur zwei Minuten blieben ihnen noch…

„Link… die Zeit ist fast um…“, murmelte Zelda und haderte zusammen mit ihm. Denn, wenn er es nicht schaffte, würden sie nun beide in den Abgrund stürzen. „Beruhige dich, Zelda… Vertrau mir…“, sagte er und spürte seine Arme schwerer werden. Es war ziemlich schmerzhaft so lange an dem Käfig zu hängen, so lange seine Arme zu beanspruchen…

 

Er nahm den Dolch aus seinem Lederschuh und stieß mit dem Heft der Klinge an die rostige Schraube, während weiterhin die Zeit unaufhörlich weiter tickte. Er stieß einige Mal dagegen und die Schraube fiel entzwei. Nur noch zwei Schrauben blieben übrig. Auch die vierte ließ sich leicht lösen. Doch die letzte saß wieder fest…

Die Geduld verlierend schwang er sich zurück, mit beiden Händen an die Kante. „Zelda, ich werde versuchen mit den Füßen gegen die Klappe zu stoßen. Halte dich, so gut wie möglich an den Eisenstäben fest, wenn die Klappe aufspringt, okay?“

„Okay!“, sprach sie mutiger und klammerte sich mit aller Kraft an das kalte Eisen.

Link schwang mit seinem Körper ein wenig hin und her, bis er seine Füße gegen die Bodenplatte des Eisenkäfigs prallen lassen konnte. Die Platte bewegte sich ein wenig. Gleichzeitig aber quietschte die Kette an der Decke unaufhörlich. Ängstlich blickte Zelda nach oben, sah wie die Verankerung bereits bröselte. Dann warf sie einen Blick zu der schwarzen Sanduhr und erfuhr, wie weit die Zeit doch schon fortgeschritten war.

„Link, wir haben nur noch eine Minute…“, sagte Zelda fieberhaft. Wie sollte sie auch so ruhig bleiben wie ihr Held, der sich einfach nicht aus der Fassung bringen ließ? Link schaute zu der Uhr, die über ihr beider Leben entscheiden sollte und dann in die Augen seiner Prinzessin. Sie war so müde, so erschöpft…

 

Und in einem Anflug von endender Geduld, stieß er die Eisenplatte endlich nach oben. Es polterte und die Platte löste sich endgültig, fiel hinunter in unendlich scheinende Leere.

Erst da realisierte Zelda, wie viel Kraft sie der bisherige Kampf gegen Ganondorf gekostet hatte. Sie seufzte. Sie kreischte und hielt sich so angestrengt fest wie sie nur konnte. Dann kniff sie ihre Augen zusammen, als sie spürte, wie ihre Kräfte mehr und mehr nachließen.

„Zelda!“ Links Stimme war so eindringlich und doch half sie ihr nicht…

„Halt‘ dich fest! Wehe du lässt los!“, brüllte er. Doch in dem Augenblick wollten Zeldas Hände nicht mehr. Sie konnte sich nicht mehr halten. Ihr eigenes Körpergewicht zerrte sie nach unten, so wie Materie ein schwarzes Loch anlockte…

Sie hörte nur noch Links Stimme und fühlte dann eine starke Hand, die sie fest, zu fest an ihrem linken Arm hielt.

„Zelda!“

 

Ungläubig und kraftlos sah sie hinauf. Link hing nur noch mit einer Hand an einer Käfigkante. Die andere Hand hatte ihren Arm fest umfasst.

„Link… ich…“ Ihre Augenlider klappten zu, während erneut Blut aus ihrer rechten Hand tröpfelte.

„Bleib‘ wach! Hör‘ mir zu, Zelda.“ Nach Luft schnappend blickte sie hinauf und sah wie die Sanduhr die letzten Körnchen durchrieseln ließ. Nur noch wenige Sekunden und der Käfig würde in die Tiefe stürzen.

„Wir müssen versuchen zu schwingen!“ Und damit bewegte sich Link zuerst langsam und balancierte sein Körpergewicht von einer Richtung in die andere, bis er sich mit den Füßen an der steilen Wand abstoßen konnte. Sie wurden immer schneller, bis das kleine Ufer, wo die violette Tür sie beide retten könnte, nicht mehr weit entfernt war.

 

„Zelda, wenn wir nah genug am Ufer sind, werde ich dich loslassen, du musst versuchen das Ufer zu erreichen! Sei stark, meine Prinzessin…“ Er wurde in den Worten leiser als er sah, dass nur noch fünf Sekunden für ihrer beider Rettung blieben. Und er wusste, dass er es nicht schaffen könnte ohne ein Wunder…

 

Vier.

 

Und Link stieß sich ein weiteres Mal an der gegenüberliegenden Felswand ab.

 

Drei.

 

Der Käfig schwang mit ächzendem Getöse und lautem Gequietschte einmal mehr über den riesigen Abgrund.

 

Zwei.

 

Als der Käfig seinen Endpunkt erreichte, den Wendepunkt, der ihn zurückfahren würde, schwang Link auch die Prinzessin mit und ließ sie los. Zeldas Verzweiflungsschrei vermischte sich mit dem Rauschen des Windes, der die Felswände umfing. Sie schrie, als sie mit einem knackenden, unangenehmen Schlag das Ufer erreichte. Sie schlitterte aufgrund der Wucht einige Meter und war sich sicher, ihre Knie waren noch nie in ihrem Leben so aufgerieben gewesen.

Fassungslos blickte sie zu der Uhr, die Ganondorf an dem Ufer platziert hatte. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit als sie Links tiefblaue Augen traf, der sie so liebevoll musterte als wäre alles in Ordnung. Er schwang noch einmal mit dem Käfig zurück.

 

Eins…

 

Niemand konnte verhindern, dass das letzte Korn lautlos durch das schmale Rohr der Uhr schlüpfte…

 

Null…

 

Und alles, was ihm blieb, war ein stummes: ,Ich liebe dich‘, ehe sich die Verankerung des Käfigs löste und er mitsamt des Käfigs nach unten geschleudert wurde.

 

Ungläubig rannte Zelda an den Abgrund und schaute hinab. Nein, dachte sie. Entgegen ihres Verstandes hatte ihr Körper bereits erfasst. Heiße Tränen perlten sich auf ihren Wangen.

War das real? War Link abgestürzt? Sie wollte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken. Abgestürzt?

 

Sie begann zu zittern und rief seinen Namen in die blutrote Dunkelheit, wollte das nicht glauben, wollte nicht begreifen. Sie krümmte sich zusammen, hielt ihre Arme um ihren Bauch verschränkt und starrte fortwährend in den Abgrund. Sie sah wie ihre kristallenen Tränen der verflossenen Liebe hinterher rannen, sah, wie die Tränen im Nichts verschwanden, so wie Link…

„Bitte… ihr Götter, helft mir… lasst dies nicht geschehen sein…“, wimmerte sie. „Warum hilft mir denn niemand!“ Sie begann zu schreien mit aller Wut und Trauer, die sie hatte, begann zu flehen.

„Bitte!“ Sie klopfte auf den Erdboden, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, suchte nach dem richtigen Weg…

 

Sie konnte doch nicht einfach durch Ganondorfs violette Tür treten und ihm berichten, dass er gewonnen hatte, dass er ihr Link weggenommen hatte. Und alles nur wegen diesen dummen Spielchen!

Sie begann zu schreien wie ein Kind, verfluchte die Welt, verfluchte die Götter, wie auch die Götter, an die sie einst geglaubt hatte.

Zelda stand auf, trat direkt an den Abgrund und schaute in die blutrote Tiefe, ballte ihre Fäuste und trat noch näher…

 

Sie musste Link folgen, nicht? Und weitere zerstörende Gedanken durchfluteten sie. Ohne ihn, was hatte das Leben dann noch für einen Sinn?  Sie würde ihm folgen. Sie hatte es versprochen, auch, wenn damit die Welt unterging. Sie musste ihm folgen.

Sie überkreuzte ihre Hände für ein letztes Gebet, sprach alte hylianische Formeln, die Schicksal, Liebe und das Leben banden. Sie sprach die Worte leise, ließ jene sich mit ihren Tränen vermischen, dachte noch einmal kurz an Zeruda und ihr Vermächtnis.

Als der Wind Zeldas Gebet hinfort trug, und der Wind den Mächten Kunde brachte, die schon lange als vergessen und gestorben galten, rief das Schicksal seine Prinzessin nach Hause.

Es flüsterte.

Es summte.

Und Zeldas heiliges Gebet wandelte sich in einen Chor, den die vielen Mächtigen Hyrules anstimmten. Ein Chor, der die Symphonie des Schicksals trällerte als wäre der Chor mit den Noten verschmolzen.

Zelda breitete die Arme aus, bereit zu springen, bereit das Ende zu akzeptieren. Diese Feigheit war eine reiche…

Sie dirigierte unbewusst, befehligte den Mächten ihr zu Dienste zu sein. Und das Alte in ihr, das Vergessene, die Macht der Prinzessin des Schicksals brach endlich auf.

Nur noch einmal öffnete Zelda ihre Augen, doch sie waren für wenige Momente nicht mehr himmelblau, nicht mehr gesegnet mit Farbbändern des Himmels. Sie färbten sich von blendend weiß zu dem tiefblau von Links Augen, bis sie ihre Augen schloss.

Sie trat hinab über den Abgrund, aber sie fiel nicht. Sie trat zwei Schritte vorwärts und wieder einen zurück, begann mit geschlossenen Augen hier in der dunklen Nacht zu tanzen, erinnerte die Tänze in Hyrules Königsschloss, fühlte sich frei, fühlte sich weg von ihren Problemen… befreit von ihrem Schicksal…

Ein Lächeln bildete sich auf ihrem ebenmäßigen Gesicht, als der Abgrund für sie nicht mehr fühlbar war…

War sie verrückt?

Vielleicht war sie das…

 

Und plötzlich erschuf sich um ihren weißen Hals erneut das alte Medaillon, beschmiert mit Zeldas edlem Blut, und der grüne Stein glühte auf, ließ endlich seine Macht frei, ließ sich endlich kontrollieren. Nie zuvor nahm der grüne, nicht der blaue und auch nicht der rote Stein einen vollkommenen Befehl an, doch nun, da sie zurück waren zu ihrem Ursprung. Nun, da Zerudas Vermächtnis endlich seinen Zweck erfüllen sollte und Zelda einem alten Ruf gefolgt war, standen die Steine im Dienst der Mächtigen. Heute im Dienst von Zelda und Link…

 

Als Zelda ihre Augen wieder öffnete, kniete sie nah an der violetten Tür, die Ganondorf erschaffen hatte. Verwundert blickte sie um sich, erinnerte Links Absturz, aber irgendetwas stimmte nicht…

Mit riesigen Augen starrte sie zu einem Fleck nicht weit weg von ihr. Ein schmunzelnder, junger Mann saß dort und schaute sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nie in seinem Gesicht gesehen hatte. Es war Verwirrung, gewiss, aber auch eine sehr erfreuliche Erleichterung. Und vor allem die Liebe, die er für sie empfand.

 

Er bemerkte ihre Fassungslosigkeit und lachte nur noch umso mehr. Er lachte, weil er sich nicht anders zu helfen wusste. Er lachte aus Hilflosigkeit. Aus dem Unverständnis heraus, dass er nun hier saß und nicht am Boden zu Tausend Teilen zerschellt war.

Sie bekam nicht ein Wort aus ihrem verstopften hals, als die Tränen kamen. Aber sie lächelte, lächelte und lachte nun mit ihm. Auf ihren Knien zog sie sich zu ihm, umarmte ihn und haute ihn mit ihrem eigenen Körpergewicht zu Boden.

 

„… Link…“, hauchte sie ungläubig. „Bist du das wirklich?“ Sie wollte seine Wärme fühlen und drückte sich nur noch näher an ihn.

„Wie ist das möglich?“ Inzwischen weinte Zelda wieder vor Glück.

Er sah auf und hatte eine unglaubliche Dankbarkeit in seinem Gesicht. Noch nie hatte Zelda so klar Links Gefühle aus seinen Augen ablesen können.

„Entschuldige, aber bevor ich dir das hier erkläre, brauche ich etwas anderes…“, fing er an, rollte Zelda zu Boden und begann sie leidenschaftlich zu küssen. Es kümmerte ihn im Moment nicht, dass sie beide inmitten eines gnadenlosen Kampfes standen. Vor wenigen Sekunden hatte er in dieser Welt das erste Mal wirklich Todesangst gespürt. Nur um zu wissen, dass er wirklich lebte, und weil er Angst hatte, es nie wieder tun zu können, küsste er sie so zärtlich wie zuletzt in ihrer langen Reise durch Hyrule. Er ließ ihr kaum noch Luft zum Atmen. Es war ihr gleichgültig… unter seinem Bann, wollte sie es sogar vergessen…

 „Stimmt etwas nicht?“, murmelte sie und legte ihren linken Zeigefinger auf seine feuchten Lippen. Er küsste heute irgendwie so anders als sonst. Sicherlich, es wunderte sie nicht sonderlich, hier in der Gefahr, und doch…

 

Er schüttelte den Kopf, zog sie aufrecht und umarmte sie innig.

„Ich glaube, ich bin im wahrsten Sinn des Wortes ein wenig durch den Wind…“, sagte er und lachte. „Ich dachte vor wenigen Sekunden, dass es aus wäre… Ich habe sogar schon den Boden vor meinen Augen gesehen und mich gefragt, wie ich wohl sterben würde… Ich hatte die dümmsten Gedanken…“ Er nahm Zelda nun auf seinen Schoss um noch ein wenig mehr von ihrer Nähe zu haben. „Ich hatte solche Angst dich Ganondorf zu überlassen…“

„Und ich glaube, ich werde verrückt“, sagte sie und blickte ihn mit ihren himmelblauen Augen schamhaft an. „Ich weiß, dass ich irgendetwas getan habe, aber ich weiß nicht was…“ Link lächelte durchdringend.

 

„Nun weißt du, wie ich mich gefühlt habe als ich das erste Mal deine Stimme gehört habe…“ lachte er. „Damals… vor einem dreiviertel Jahr…“

Sie lehnte ihre Stirn gegen seine. „Himmel, ich… ich wäre gesprungen, wenn…“ Und da wurden seine aufgeweckten Augen ernster.

„Du wärst mir gefolgt?“ Sie nickte.

 

Sie schlang die Arme fester um seinen Hals, drückte ihren Kopf an seine Brust und lauschte der angenehmen Melodie, die sein Herz wiedergab. Sie wollte einschlafen mit seinem Herzschlag an ihrem Ohr, aber sie wusste auch, dass der Kampf noch lange nicht entschieden war.

„Ich will nicht mehr ohne dich leben… ich hab‘ es Tausend Jahre lang getan…“

„Ich weiß…“, murmelte er. Link würde nichts weiter dazu sagen, keine unerwünschten Bilder erinnern. Keinen Kummer herausfordern.

„Ich weiß…“, wiederholte er. „Aber ich verspreche dir… dass ich dich nie wieder allein lasse, okay?“

 

Er nahm ihr Gesicht in beide seiner Hände. „Du hast es verdient glücklich zu werden, Zelda… mehr als jemand sonst. Und wenn dieser Kampf zu Ende ist, werde ich dich ohnehin nicht mehr gehen lassen…“ Sie lächelte leicht und drückte noch einen zärtlichen Kuss auf seine Lippen.

Dann wanderte sein Blick zu ihrer rechten Hand. Sie war noch blutüberströmter als vorher. Warum stoppte die Blutung nicht endlich! Bedacht nahm er ihre Rechte in seine Hände und entfernte sachte den Verband. Es sah alles andere als gut aus. Die Wunde war fleischig, nässte und lediglich am Rand des dreieckigen Lochs, wo die Haut noch vorhanden war, bildete sich Grind. „Wir müssen dein Fragment so schnell wie möglich zurückholen… deine Wunde macht mir Sorgen…“

 

Sie schüttelte ihren Kopf, ignorierte wie immer ihren eigenen gesundheitlichen Zustand. Sie machte sich viel mehr Sorgen um ihn. Sie strich vorsichtig über seine Wangen.

„Was macht dein Augenlicht nun, Link?“

„Ich sehe zwar im Moment noch nicht so gut wie vorher, aber auch nicht schlecht… ich spüre, dass dieses Pflanzengift abklingt.“

Zelda lächelte und schaute ihm direkt in die Augen. „Deine Augen sind so tiefblau wie immer… so mutig wie immer…“, meinte sie leise und legte ihren müden Kopf dann auf seine rechte Schulter. Seufzend ruhte sie in seinen Armen.

Link wanderte dann mit einer Hand zu dem blutbeschmierten Medaillon auf ihrer Brust und fuhr neugierig über den grünen Edelstein.

 

„Es hat mich gerettet, ich weiß aber nicht, wie man es aktivieren kann.“

„Was genau ist denn geschehen, als du in den Lüften warst, mein Held?“

Link schloss die Augen und drückte seine Lippen gegen ihre Stirn. Er erzählte, während seine Lippen an ihren Augenbrauen entlang streichelten. „Ich hörte Stimmen, einen Chor, der altes Hylianisch sang und plötzlich glühte der grüne Edelstein. Er leuchtete in einem blendenden Licht. Ich spürte, wie mich etwas am Fallen stoppte, wie eine Hand, die mich packte… Das Medaillon verschwand. Und dann wurde ich teleportiert. Und nun ruht es wieder in deinem Besitz, Zelda, es liegt um deinem Hals…“ Sie antwortete jedoch nicht auf ihn, sondern hatte ihre Augen fest geschlossen. „Du musst es gewesen sein, du musst es aktiviert haben…“ Er sah dann zu ihr nieder.

 

„Zelda?“ Er strich ihr über die Wangen und sprach ihren Namen wieder eindringlich. Ihre Augenlider schnellten plötzlich nach oben, aber Link konnte darin sehen, wie sehr der Schlaf an ihr nagte.

„Entschuldige… ich bin einfach so müde. Kann der Kampf nicht endlich vorbei sein, ein für alle mal…“ Sie schloss wieder ihre Augen. Sie durfte jetzt nicht schwach sein, sie durfte jetzt nicht aufgeben, aber es fiel ihr so schwer. Sie fühlte sich so energielos…

„Schschsch…“, sagte Link leise. „Ruh‘ ein wenig, ich halte dich…“

Sie ruhten wenige Minuten, ließen den Zauber, der sie beide gerettet hatte, aber nicht ausklingen.

Ein Zauber geboren aus Mut, nicht aus Kraft…

Welche der beiden wertvoller war oder nicht… hatte sich entschieden…

 

Später wühlte Link in seinen Taschen umher und fand ein rotes Elixier. „Trink‘ es… es stammt noch aus der Schlossküche.“

Lächelnd sah Zelda auf. „Du weißt, dass ich von diesen Wundermitteln nicht immer so viel gehalten habe…“ Ja, das wusste er nur zu gut. Gebrauchte man es zu häufig, so sagte man, gewöhnte sich der Körper daran und man könne irgendwann nicht mehr ohne es leben. Trotz allem hielt Link ihr das Getränk unter die hübsche Prinzessinnennase. „Mach‘ eine Ausnahme“, sprach er aufheiternd.

„Na gut…“, murmelte sie, konnte sie seinem Angebot ohnehin nicht widerstehen. Dann wanderten ihre Augen zu den Kratzern, die Link selbst bereits trug und es waren nicht wenige. „Aber ich denke nicht, dass es meine Triforcewunde heilen wird… deshalb… lass‘ es uns teilen.“ Prompt legte sie einen Zeigefinger auf Links Lippen, der nur zu gerne mit ihr darüber diskutieren würde.

 

„Bitte, ich könnte es nicht ertragen, wenn du bloß wegen mir deine Kräfte nicht erhalten kannst.“ Ihr Blick war so unbeschreiblich ehrlich und liebevoll, dass sich der Heroe trotz Widerwillen schnell überzeugen ließ.

Daraufhin trank Zelda die Flasche bis etwa zur Hälfte leer, fühlte wie Kraft in Form dieser Flüssigkeit in ihren Magen brodelte. Und es dauerte nur Augenblicke, ging jene Kraft über in jede Faser ihrer Arme und Beine, bis sie schließlich in ihren Kopf stieg. Erschrocken riss Zelda ihre Augen auf, fühlte ihr Herz tosend schlagen, fühlte sich aufgeladen, beinah aufgepumpt wie ein Luftballon.

Link nahm die restlichen Züge des Getränks und schien es ihr gleich zu tun. Nach der langen Ewigkeit hatte das rote Elixier seine Wirkung nicht verloren und wirkte sogar auf der Erdenwelt.

Schnell war Link wieder auf den Beinen und reichte seiner Prinzessin eine helfende Hand zum Aufstehen. Sie nutzte bewusst ihre Linke und spürte selbst durch das rote Elixier keine Veränderung ihrer Triforcewunde… Sie hatte es geahnt. Eine magische Wunde konnte rotes Elixier nicht heilen. Und dort auf ihrem rechten Handrücken fehlte neben der Haut und dem Fleisch noch ein bedeutsames Stück Magie…

 

Liebevoll zog Link sie auf die Beine und umarmte sie noch einmal.

„Zelda?“ Er sprach ihren Namen leise, vielleicht sogar mit Ehrfurcht, was sie aufhorchen ließ. Da war etwas Verstecktes, aber ungemein Zärtliches in seinen Worten.

„Ja?“, sprach sie flüsternd und lehnte ihren Kopf an seine Brust.

„Ich… ich wollte…“ Er schluckte aus Nervosität die Spucke in seinem Mund hinunter und ballte seine linke Hand zur Faust. Und es war in dem Moment, dass Zelda spürte, etwas lag ihm dringend auf dem Herzen.

„Was ist es?“, meinte sie und blickte verträumt zu ihm auf. Sie sah eine Schamesröte in seinem Gesicht, von der sie dachte, dass sie nicht mehr existierte. Es war lange her, dass Link eine so intensive Verlegenheit zeigte. Warum es wohl gehen mochte?

 

Link im Gegenzug wusste nicht einmal, was er denken sollte. Er hatte eine Bitte an sie, eine große Bitte… Etwas, was ihm auf der Seele lag, schon damals in Hyrule. Und dieser Wunsch war entstanden, als er feststellte, nein, als er es sich endlich eingestand, sie so zu lieben, wie niemanden sonst. Er nahm ihre Hände in seine und begann jene zu streicheln, bis sich sein Blick darauf verlor.

Dann schloss er seine Augen und wich ihr aus. „Ähm… nichts weiter…“ Zelda seufzte und blinzelte einige Male. Link wich ihr aus? Aber warum? Es musste etwas wichtiges sein, was er sie fragen wollte. Aber wenn es für das Hier und Jetzt Bedeutung hätte, wäre er nicht so verlegen und fuchsrot auf seiner Nase gewesen. Das bedeutete, es ging ihm um etwas grundlegend Verschiedenes. Aber Zelda wusste sich einfach keinen Rat, und so ließ sie die Sache bewenden, würde aber im Hinterkopf behalten, dass Link ihr etwas Wichtiges sagen wollte.

Sich selbst ohrfeigend tapste er zu der violetten Tür und begann diese zu untersuchen. Warum war er zu blöd dazu, sie um diese eine Sache zu bitten? Warum war er nur schon wieder zu feige bezüglich seiner Gefühle für Zelda? Sie wusste, dass er sie liebte. Sie wusste, dass er alles für sie tun würde. Sie beschützen würde für den Rest aller Tage. Also was hinderte ihn daran, sie einfach zu fragen…

 

Um von der unsicheren Situation abzulenken, begann Link die violette Tür noch genauer zu untersuchen. Er fand jedoch keinen Türgriff, nur eine lila Umrahmung.

„Hast du an der Tür etwas gefunden?“, meinte Zelda dann und legte dem vor der Tür knienden Heroen die Hände auf die Schultern. Ganz sanft drückte sie zu. Link schüttelte den Kopf, richtete sich auf und nahm Zelda an einer Hand. „Ich weiß nicht, wie wir diese Tür öffnen können. Außerdem bezweifle ich, dass uns dahinter etwas Positives erwarten wird…“ Zelda legte eine Hand an das violett schimmernde Felsengestein und schien ebenso ratlos.

 

„Wenn ich nur wüsste, wie ich das Medaillon aktivieren kann, ich würde uns beide von hier weg teleportieren…“

„Zumindest benötigst du das Triforce nicht dazu, was bedeutet, dass es entweder in deinem Blut liegt, oder deine Seele etwas damit zu tun hat.“ Daraufhin schaute Zelda erstaunt auf. „Link, da fällt mir etwas ein…“ Und der Traum von vorhin rückte wieder in ihr Gedächtnis.

„Sagt dir der Name Zeruda etwas?“ Link stützte seine rechte Hand ans Kinn. „Zeruda…“ Er grübelte, sich sicher den Namen schon einmal gehört zu haben.

„Zeruda… Gab es in Hyrule nicht alte Schriften von ihr?“, meinte der Heroe. „Und Zeruda… das ist heute, glaube ich, japanisch für Zelda.“

Zelda nickte erfreut. „Ja, sie war die erste Prinzessin Hyrules… sie war adliger Abstammung und als der erste Krieg Hyrules gegen das Volk der Moblins begann und endete, wurde sie zur Prinzessin gemacht. Sie hat den ersten König Hyrules auf die Welt gebracht und Hyrule in blühende Zeiten geführt…“ Link stutzte.

„Aber wie kommst du auf Zeruda?“

„Sie hat etwas mit dem Medaillon der Mächtigen zu tun, Link…“, erklärte sie. „Ich hatte vorhin einen Traum von ihr, als ich bewusstlos war.“ Daraufhin senkte Zelda das Haupt und ließ ein wenig Bekümmertheit an die Oberfläche. Zeruda war so traurig gewesen in jenem Traum. Und obwohl Hyrule blühte, obwohl der Ort so idyllisch wirkte, so weilte der Tod dort.

 

„Einen Traum?“, riss Link sie aus den Gedanken. „Eine Prophezeiung?“

Zelda schüttelte den Kopf. „Nein, keine Prophezeiung, eher einen Rückblick in die Vergangenheit Hyrules. Ich habe Zeruda gesehen und sie trug das Medaillon um ihren Hals.“ Und unter dem Medaillon trug sie ein Kind in ihren Bauch, setzte Zelda in Gedanken hinzu. Sie schämte sich sogar ein wenig für dieses Muttergefühl, welches sie für wenige Augenblicke spüren konnte. Obwohl es doch die natürlichste Sache der Welt war… Dennoch verheimlichte sie dieses vor Link…

„Das bedeutet deine Vorfahrin hatte das Medaillon in ihrem Besitz. Das heißt, indirekt, dass du es vielleicht beherrschen kannst, Zelda.“

„Nicht nur das, ich weiß irgendwie, dass sie das Medaillon erschaffen hat. Ich kann es dir nicht erklären, aber ich glaube zu wissen, dass Zeruda ganz genau wusste, was in ihm schlummert und dass sie es uns für diesen letzten Kampf hinterlassen hat.“

„Ich wünschte, wir könnten in die Vergangenheit reisen, mithilfe der Okarina und sie fragen….“, meinte Link und kramte die alte, blaue Flöte hervor. „Ich konnte der Okarina ihre Macht zurückgeben, auch wenn ich sie in dieser Welt nicht benutzen kann. Ich wüsste nicht wie…“ Zelda drückte seine Hand gegen ihre rechte Wange.

 

„Wir schaffen das, auch ohne die Okarina der Zeit. Zeit soll nicht diesen Kampf bestimmen. Dafür haben wir das Medaillon…“ Verwundert schaute Link in ihre himmelblauen Augen. „Du bist zuversichtlich, dass wir sein Geheimnis noch herausfinden?“

Zelda nickte. „Ich weiß es…“ Und damit lächelte auch ihr Heroe. Seine linke Hand wanderte über Zeldas Brust zu dem Medaillon, entdeckte hier und da Flecke von geronnenem Blut und öffnete die Klappe.

„Zumindest tickt es nun, obwohl es vorher in dieser Welt nicht funktioniert hat.“

„Richtig, und allein das lässt mich vermuten, dass die drei Steine einen wichtigen Grundstein für seine Macht darstellen. Gerade jene Steine hat Zeruda vor Ewigkeiten in Hyrule verstreut. Sie wusste, dass eine große Macht in dieser schicksalshaften Uhr steckt. Und sie wusste, dass nur die Auserwählten die zugehörigen blauen, grünen und roten Steine finden können.“

 

„Wir…“, sprach Link.

„Richtig, nur wir…“, lachte Zelda. „Und Klein-Link…“

Trübsinnig sah Zelda zu Boden. Wie es ihm wohl gehen mag?

Daraufhin hob Link ihr Kinn nach oben und lächelte: „Sorge dich nicht um ihn… ich hab‘ ihm untersagt, sich in diesen Kampf einzumischen.“

Darauf verschränkte Zelda die Arme und grinste: „Als ob er sich von dir verbieten lassen würde, seinen Kopf durchzusetzen.“ Kleine Zornesfalten bildeten sich in Links ansehnlichem Gesicht, vielleicht fühlte er sich ein wenig in seinem Stolz gekränkt, aber er wusste auch, dass Zelda recht hatte. Klein-Link würde sich nichts verbieten lassen, nicht von Zelda und nicht von ihm. Dafür war er viel zu selbstbewusst.

 

„Wie auch immer, wir sollten nicht länger verweilen, Zelda. Das Medaillon sagt uns, dass die fünfte Stunde angebrochen ist, bevor Ganondorf diese Welt endgültig unter sein Joch gebracht hat. Wir müssen uns beeilen und kämpfen…“

Sie nickte entschlossen: „Genau, lass‘ uns kämpfen.“

Ihre beiden blauen Augenpaare richteten sich vorbereitet zu der violetten Tür. Sie wussten, dass sie dahinter eine noch größere Grausamkeit erwartete als die, die sie beide schon überstanden hatten. Sie wussten, dass Ende stand bevor. Ein Ende, wo sich die vielen Farben des Schicksals alle schwarz färben mochten. Doch noch lebten sie beide, bereit zu kämpfen und bereit ihre Körper und Seelen für diesen Kampf aufzugeben…

Die violette Tür glühte auf in dem Spektakel von wachsender böser Energie. Und die geschlossene Tür wurde zur offenen, dunklen Pforte. Endlich war sie geöffnet, was bedeutete, dass Ganondorf sie beide ganz genau beobachtete.

Link war der erste, der hinter der Tür verschwand, bis die Prinzessin es ihm gleich tat. Und irgendwo flüsterte der Wind noch immer die schicksalhaften Worte von Zerudas Vermächtnis.

 

„Wenn das Ende über das Böse kommt, so kommt es auch über unsere Welt… Finde das Medaillon, meine Nachfahrin. Finde seine Edelsteine… nutze es durch edles Blut…“ Und als gab der Wind einer vergessenen Seele eine Stimme, schallten weitere Worte bedächtig nach. „Erhöre Zerudas Vermächtnis, mein Nachfahr, erhöre und staune… Vergiss das Versprechen nicht, welches du deiner Liebe gibst und wage das Band für die Ewigkeit…“

 
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