Kapitel 91
 
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Kapitel 91

 

 

Vorsichtig und mit gezückten Waffen traten Link und Zelda vorwärts. Ihre Schritte hallten lästig in einem endlosscheinenden, verworrenen Gang. Ihre Stiefel traten unabsichtlich in dreckige Pfützen, die sich mit Lebenssaft vermischt hatten.

Morbide Geräusche verliehen den Wänden Stimmen. Stimmen, die Pein und Wehklagen verrieten. Es mochten die Stimmen der Verstorbenen sein, die hier noch als Poltergeister umherirrten. Einzig Links Triforce des Mutes gleißte ihnen den Weg, spendete Wärme und einen winzigen Ort der Zuflucht, dort, wo das goldene, jäh glimmende Licht auf vorher Dunkles traf.

Sie liefen mehrere Minuten schweigsam durch den Tunnel, blickten verwundert umher, da sich der Durchgang wiederholt veränderte in Größe und Breite. Ab und an lief ein Wasserstrom über Zelda und Links Füße und manchmal stand der Wasserpegel hier so hoch, dass das verdreckte Wasser bis zu den Knien reichte.

Der Heroe blieb plötzlich stehen, drückte Zeldas Hand in seiner ein wenig mehr und schielte mit seinen tiefblauen Augen durch das magische, helle Feld der Wärme, die das Triforce produzierte.

 

„Wir sind nicht allein…“, sprach Link leise. Er spürte Gefahr, wusste sie aber nicht zu orten. Es könnten einige weniger verderbenbringende Schlangen sein, die sich in den Pfützen aalten. Es könnten nur ein paar Fledermäuse sein, die an den Decken hingen. Und es könnten zyklopischere Geschöpfe sein, die hier auf das Fleisch warteten, das Ganondorf ihnen versprochen hatte.

„Lauf‘ einfach weiter, okay?“, sprach er leise. Zelda nickte zwar, aber ihre Angst und ihr Widerwillen waren für Link mehr als fühlbar. Ihre Hände bibberten und an ihrer linken Hand fühlte er ihren Aderschlag rasen.

„Hilft es dir, wenn wir uns leise unterhalten?“, meinte er und suchte in der Schwärze ihre Augen. Ihr Gesicht war so leer, so voller Angst, Link fühlte sich schrecklich seine Prinzessin so sehen zu müssen.

„Zelda… es tut mir leid…“, sprach er und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. „Ich wollte nicht, dass du das hier durchmachen musst…“ Daraufhin schüttelte sie mit dem Kopf. „Link… niemand von uns wollte das hier…“ Link schloss kurz die Augen und drehte sich seitlich. „Manchmal…“ Er seufzte. „… fühle ich mich verantwortlich dafür…“ Mitfühlend legte Zelda ihre gesunde Hand auf seine rechte Wange. „Ist es zu viel verlangt, dich einfach in Sicherheit zu wissen?“, sprach er dann. „Ich will nicht, dass du diesen Kampf mit ansehen musst. Und ich will nicht, dass du noch mehr leidest als bisher.“ Zelda wusste in dem Augenblick nicht einmal, was sie sagen sollte. „Du weißt nicht, wie besorgt ich immer um dich war, Zelda. In Hyrule… jeden Tag, jede Stunde… selbst als ich andere Länder besuchte, ich habe ständig daran gedacht, ob es dir gut geht… und nun durchstreifen wir hier ein stinkendes Labyrinth, nicht wissend, ob wir jemals wieder das Licht der Sonne finden werden…“ Tiefsinnig sah die Prinzessin in seine hoffnungsvollen, tiefblauen Augen, nicht wissend, was sie erwarten würde und doch hatte Link etwas Wichtiges zu sagen.

 

„Link, worauf willst du hinaus?“ Sie schärfte ihren Blick, als Links Gesichtsfarbe sich in der Dunkelheit wandelte. War er schon wieder verlegen? Aber warum, fragte sie sich.

„Glaubst du, ich spüre nicht, dass dich irgendetwas beschäftigt, mein Held?“ Sie suchte seinen Blick und sah noch mehr Scham als vorher.

„Etwas, was nichts mit diesem Kampf hier zu tun hat. Ist das richtig?“, sprach sie besinnlich. Link nickte lediglich. Dann drückte er ihre Hand gegen seine Lippen und tapste langsam weiter.

„Erinnerst du dich an den letzten Abend in Hyrule?“, sagte er, erkennend, wie überfällig dieses Thema war. Wenn der Heroe sich eher erinnert hätte, ja vielleicht wären die Dinge anders gekommen und er hätte sich früher mit Zelda darüber aussprechen können. Und warnend raschelten die unheilschwangeren Geräusche von Vieh und Verderben in den Gängen.

 

„Willst du denn wirklich darüber reden?“, sagte sie und Link konnte geradezu atmen hören, wie sehr sich Zeldas Inneres dagegen sträubte. Es war ein schmerzhaftes Thema, gewiss.

„Wann wollen wir sonst darüber reden, Zelda… dann, wenn wir keine Zeit mehr haben?“ Er löste seine Hand aus ihrer.

„Es war nicht leicht damals…“, ergänzte Link.

„Es war unser Schicksal damals…“, meinte Zelda betrübt.

„Aber ist es das nicht auch heute noch?“

Eine Pause entstand, in welcher Zelda sich an eine der glitschigen Wände lehnte.

„Meinst du damit…“ Zeldas Lippen verschlossen sich wieder und sie begann zu zittern. Link musste ihre Worte nicht hören, um sie zu verstehen. ,Ist das ein Fehler, wonach wir heute handeln? Ist es ein Fehler, dass wir uns lieben?‘, sagte eine weiche, zarte Stimme in seinen eigenen Gedanken.

 

Link lächelte schwermütig und schüttelte den Kopf. Er legte seine Hände auf Zeldas Wangen. „Sag‘ mir, was war unser Schicksal damals?“ Er holte kurz Luft und sprach weiter, ohne sie antworten zu lassen. „Unglücklich zu sein? Hoffnungslos ineinander verliebt zu sein? Nein, Zelda, das war es nicht. Es war nicht fair…“

„Was ist schon fair?“ Egal, in welcher Welt sie lebten, fair wäre keine von ihnen.

„Es wäre damals fair gewesen, wenn du einmal zu deinen Gefühlen gestanden hättest…“, sprach er inständig. Sie blickte steifköpfig und abtuend wie immer an ihm vorbei und schwieg. Machte er ihr jetzt Vorwürfe? Auch das war nicht fair…

„Bitte hör‘ mich an, Zelda…“ Unsicher sah sie wieder in seine melancholischen, und doch tapferen Augen.

„Ich liebe dich, egal, was kommen mag, aber ich erwarte etwas von dir?“ Zögerlich ließ Zelda den Blick an seinen Augen haften.

„Angenommen, das hier wäre Hyrule. Angenommen wir überleben diesen irrsinnigen Kampf. Angenommen in Hyrule würde Frieden herrschen.“ Links Worte wurden immer ruhiger und sein Blick wohltuender.

„Angenommen wir kehren zurück in das Schloss deines Vaters…“ Und da dämmerte es. Zelda ahnte nun endlich, worauf er hinaus wollte.

„Was… würdest du tun, wenn…?“, sagte er und drehte sich seitlich. „Ich meine, du musst diese Frage nicht beantworten… aber…“ Und damit brach er ab. Er wand sich einfach seitlich, nahm seine Prinzessin wieder an ihrer gesunden Hand und schritt vorwärts. Er ärgerte sich schon wieder über sich selbst. Er war ungeschickt, und angespannt, aber nicht wegen den Monstern, die hier lauern könnten, sondern, weil er es nicht schaffte, Zelda endlich zu sagen, was ihm auf dem Herzen lag. Es war ihm wichtig, so bedeutsam, wie fast nichts anderes im Leben. Er wollte doch nur, dass Zelda Ja sagte, zu ihm, zu einem Leben mit ihm… mehr verlangte er doch nicht. Aber war das vielleicht schon zu viel? Mehr und mehr Zweifel überkamen ihn. Sicherlich, sie waren beide nicht mehr die, die sie in Hyrule waren. Soviel war zerstört worden. Soviel hatte sich geändert. Aber war seine Frage denn so falsch?

 

„Link, du hast deine Frage noch nicht zu Ende gestellt…“ Er drehte seinen Kopf von ihr weg, wollte sich nicht verraten und nicht in ihre schönen Augen sehen. Nicht jetzt, da er nicht einmal den Mut aufbringen konnte, ihr diese Frage zu stellen.

„Können wir…“

„Ja?“ Zeldas Augen leuchteten bereits und sie war voller Erwartungen. Vielleicht ein wenig aufgebracht, worauf Link nun anspielte. 

Und da winkte Link ab. „Ähm… es ist nicht so wichtig, lass‘ uns später darüber reden…“

Zelda runzelte die Stirn und seufzte enttäuscht. Link hörte ihre Unzufriedenheit sogar, aber ignorierte sie. Es war ihm peinlich, ja schrecklich peinlich… Auch wenn er nur wissen wollte, ob sie in einem neuen Hyrule genauso auf seine Gefühle antworten würde wie damals. Oder ob sie den Mut aufbrachte, ihrem Vater und noch besser, dem gesamten Hof mitzuteilen, dass sie ihren Helden der Zeit liebte und dass sie ihr Leben mit ihm teilen würde…

Und damit war das Thema vorerst vom Tisch. Mit großer Betonung auf vorerst, wartend auf einen späteren Zeitpunkt würde Link sie fragen…

 

Enttäuscht trat Zelda vorwärts und war nun wenige Schritte außer Links Reichweite. Weiterhin erleuchtete Links Fragment die Gänge. Einige rotäugige Ratten kreuzten ihren Weg, krochen piepsend über den Boden und schienen vor etwas anderem zu fliehen.

 

„Etwas lauert hier…“, sagte Link leise und begann die glitschigen Wände noch einmal zu beleuchten. Aber nichts Verdächtiges tropfte von den Wänden. Nichts Verdächtigeres als mit Öl bekleidetes Wasser…

„Zelda! Warte…“, setzte er hinzu und umfasste zögerlich mit einer Hand ihren Bauch, um sie zu bremsen.

Die Königstochter wiederrum atmete tief ein, genoss seine Hand auf ihren Bauch und lehnte sich an ihn.

„Wir sollten vorsichtig sein…“  Er schwang das Licht seines Fragments nach vorne und endlich verlor sich der Schein auf Zeldas Nacken, wo noch immer Ganondorfs Biss deutlich zu erkennen war.

 

Links  blaue Augen wanderten dann zu dem auffälligen Ma auf ihrer weißen Haut, eher unabsichtlich. Er bemerkte die dunkle Bisswunde und wusste sofort, woher sie stammte.

„Was hat er mir dir gemacht?“, sagte Link leise. Sein linker Zeigefinger wanderte zu dem Biss. Zelda schwieg zunächst, und umarmte ihn fester.

„Dieses Schwein hat mir doch tatsächlich angeboten seine Königin zu werden“, sprach sie dann. „Mach‘ dir keine Sogen um mich… es ist nichts weiter passiert.“ Link schüttelte den Kopf, war dieser Biss denn nicht schon genug? Warum ignorierte und verdrängte Zelda diese Dinge immer so schnell, ohne jene zu verarbeiten, sodass der Schmerz noch stärker wurde? Verdammt Zelda, warum erzählst du mir so etwas nicht früher?

In dem Moment kroch ein Impuls der Gefahr Links Venen hinauf. Es jagte, es zürnte… Er schreckte ein wenig zusammen, stieß Zelda sanft an die Wand und stand mit gezücktem Schwert vor ihr.

 

„Link?“, flüsterte die Prinzessin und schaute misstrauisch von einer Ecke zur anderen.

„Ich weiß nicht, was es ist… aber irgendetwas stimmt hier nicht…“ Es knisterte von irgendwoher und die raschelnden Geräusche von vorhin nahmen ebenso wieder zu. Es schien beinah so, als kämen die Geräusche aus den Wänden…

An die Wand gedrängt bemerkte Zelda zunächst nicht die grünliche Hand, die wie ein Geist durch den Baustoff schlüpfte. Und als sich die kalte Hand auf Zeldas Mund legte, war es bereits zu spät. In Bruchteilen einer Sekunde zog etwas die Prinzessin in die Mauer hinein… sie verschwand und mit ihr ein ersticktes Wimmern und Wehklagen.

Link drehte sich in dem Moment um, als zuletzt Zeldas verwundete Hand in der Mauer versank, er versuchte sie noch zu ergreifen, aber konnte nur noch ihre Fingerspitzen berühren.

 

„Zelda!“ Links Stimme dröhnte verzweifelt umher. Vielleicht hörte sie ihn sogar noch.

„Verdammt nochmal!“, zürnte der Heroe. „Was sind das für verfluchte Gänge?“ Geschwind steckte er das Schert zurück in dessen Scheide und rannte nach Luft japsend durch den Tunnel, spürte Zeldas Anwesenheit sogar noch. Sie durfte nicht weit weg sein!

Er rief mehrmals ihren Namen, erreichte eine Kreuzung und entschied sich für den Weg zu seiner linken. In der Ferne hörte er Zeldas Kampfschreie, die ihn noch mehr beunruhigten… Warum lief in diesem unnötigen Kampf eigentlich alles nach Ganondorfs Willen! Link kniff die Augen zusammen und rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten in die Richtung, wo er seine Prinzessin vermutete.

 

Als er sie erreichte, saß die junge Adlige zusammengekrümmt in der Mitte, umgeben von verdrecktem Wasser, welches ihre Kleidung durchnässt hatte. Mit einer Hand hatte sie das Medaillon der Mächtigen umfasst, mit der anderen hielt sie ein einfaches Schwert in der Hand, welches von Ganondorfs Vasallen stammen könnte. Es war kein Dämonenschwert, sodass Zelda es verwenden konnte. Und in dem Abschnitt des Tunnelsystems roch es sehr auffällig nach Rauch und Verwesung.

Sie blickte alarmiert auf, als Link auf sie zu stürmte. Der Schein seines Fragmentes war so angenehm und warm hier in der Nässe und Kälte…

„Zelda?“ Sie blinzelte und reichte ihm ihre zitternden Hände. Sehr deutlich waren sie mit nasser Asche beschmiert…

„Link, ich weiß nicht, was ich getan habe…“, klagte sie.

Er kniete ohne Worte nieder und umwickelte Zelda mit einem alten Umhang, der sich in seinen magischen Taschen befand. Sie rechnete damit, dass er sie auf die Beine zog, doch weit gefehlt, er nahm sie auf seine starken Arme und trug sie ein Stück. Ein überraschter Seufzer entkam Zeldas Lippen, als er sie weiter des Weges trug.

„Link… ich bin in Ordnung… Du musst mich nicht tragen…“ Er nickte, aber sein Gesichtsausdruck verriet anderes. Es gab Zelda ein Schuldgefühl preis. Schuld geboren daraus, dass der Heroe sie allein gelassen hatte.

„Verzeih‘ mir, ich war zu leichtsinnig… und habe nicht aufgepasst…“, sagte er. Sie drückte ihren schweren Kopf gegen seine feste Brust und dachte ungewollt, wie schön es doch war, von ihm getragen zu werden. Auch wenn es hier inmitten der Gefahr nicht angemessen schien…

Sie musste sich zusammenreißen, um den verführenden Flüstern des Schlafes in Links Armen zu widerstehen.

 

„Die Wände sind magisch… Link…“ Sie versuchte ihn von seinen Selbstvorwürfen abzulenken und es funktionierte.

„Ja, aber wer hat dich durch diese Wände gezogen?“ Zelda seufzte und rieb ihre rechte Wange an seiner grünen Tunika.

„Es war ein Mädchen, so alt wie wir… und sie sah Ganondorf unheimlich ähnlich… und dann… weiß ich nicht mehr, was geschehen ist?“ Link sah zu ihr hinab und lächelte sie verträumt an. „Das ist unwichtig, so lange es dir gut geht…“ Sie lächelte ebenso, las Mut aus seinem Blick. Unbeschreiblichen Mut.

„Mmh…“, murmelte sie. „Das Mädchen war gewiss eines von Ganondorfs Kindern… und sie griff mich mit diesem Schwert hier an… danach weiß ich nichts mehr…“

„Ist es möglich, dass du das Medaillon wieder eingesetzt hast?“

„Vermutlich… aber es ist beängstigend, zu wissen, dass Ganondorf noch mehr Kinder besitzt als die jüngsten, auf die du getroffen bist…“

„Das kann heiter werden…“, sagte Link ironisch und lief zügig mit Zelda auf seinen Armen weiter des Weges…

 

Nach einer Weile erreichten sie einen etwas größeren Raum. Und eine tiefe, breite Wasserstraße, schon beinahe ein See, stellte das nächste Hindernis dar. Endlich ließ der Heroe seine Prinzessin auch wieder auf ihren eigenen Füßen stehen. Sie fror ein wenig, und rieb sich die Hände.

„Wir müssen diesen See überqueren…“, sprach sie, mehr zu sich selbst als zu Link.

Link stimmte zu und deutete auf die Felswand nach dem unterirdischen See. „Siehst du dort hinten die Treppenstufen?“ Und tatsächlich führten an der gegenüberliegenden Wand einige Stufen hinauf. „Sicherlich finden wir dort den Weg zurück in die Kirche…“

Zelda nickte, mit mehr als einem mulmigen Gefühl im Magen. „Obwohl ich nicht wirklich dorthin zurückmöchte…“ brummte sie. Link schenkte ihr ein zaghaftes Grinsen dafür, nahm sie an der Hand und so tapsten sie gemeinsam hinein in das Gewässer…

 

Das Wasser war so hoch, dass sie beide mit ihren Köpfen gerade so über den Rand ragten. Sie konnten noch laufen, auch wenn nur schwerfällig. Das Wasser war kalt, eisig kalt. Durchtränkt mit schleimigen Pflanzen. Und die nasse Kleidung hinderte zusätzlich am Weitergehen.

Zelda japste nach Luft und krallte sich mehr und mehr an Links Arm fest. „Zelda?“ Als er sie anblickte, wuchs erneut eine große Sorge um ihr Wohlergehen. Zeldas Gesicht war unheimlich blass und ihre Lippen schon fast blau. „Es ist… bloß… so kalt…“

Seine Hände streichelten sachte über ihre eiskalten Wangen. „Nur noch ein Stückchen, okay?“

Link zog sie näher an sich und bahnte sich mit mehr Kraftaufwand den Weg durch die verdreckte Wasserstraße. Er begann Zelda teilweise hinter sich her zuziehen und spürte trotz des Heilmittels ihre Erschöpfung wieder zunehmen.

 

Zelda im Gegenzug klammerte sich so fest wie sie konnte an ihrem Heroen fest und kämpfte gegen das mit öliger Decke überzogene Wasser. Sie kniff die Augen zu, ballte die Fäuste und fühlte sich erneut so hilflos. Kann das alles nicht endlich ein Ende haben, schrie sie in ihren Gedanken. ,Verdammt, ich will einfach nicht mehr…‘ Sie ärgerte sich dafür, dass sie im Moment einfach aufgeben wollte. Aber in dieser Situation, umgeben von eisigem Wasser, ohne Licht, in einem unterirdischen See, der irgendwelche Kreaturen beherbergen konnte, wer wollte da nicht am liebsten aufgeben? Die nasse Kleidung auf ihrer Haut war so unangenehm und so schwer. Es zerdrückte sie beinah… und in dem Moment begann es an Zeldas Beinen zu zwicken. Sie schob das leichte Prickeln und Ziehen auf ihre Kleidung. Erst als das Prickeln sich in ein Schlitzen und Reißen verwandelte, und sich das unangenehme Gefühl nicht verflüchtigte, während sie weiter trat, schallten leise die Alarmglocken.

 

„Link!“, rief sie panisch. „Da ist irgendwas an meinen Beinen!“ Zelda begann zu planschen und kreischte. Ohne zu zögern, hob Link die erschöpfte Prinzessin auf die Arme und ließ das Fragment einen helleren Schein annehmen. Eine Flut aus hellem Licht rollte über das schimmernde Wasser des fettigen Sees. Er blickte untersuchend über Zeldas schlanke Beine und fand an wenigen Stellen kleine Bisswunden in Form von sieben spitzen Zähnen. Er kannte diese Wunden sehr genau…

Links Fragment des Mutes stärkte noch mehr seinen Schein, durchleuchtete sogar das Wasser, erwärmte es ein wenig… und das Wasser leuchtete so hell, dass man verschiedene dunkle Punkte darin ausmachen konnte.

Kleine Wesen. Schnelle Fische. Skelettartig. Räuberisch…

 

„Was ist das?“, sagte Zelda zitternd.

„Skelettfische“, erwiderte er trocken. „Auch das noch…“

„Was jetzt? Wir sollten nicht stehen bleiben!“, sagte Zelda.

„Nein… natürlich nicht!“, erklärte er. „Aber diese Fische sind sehr leicht zu vernichten.“ Er ließ Zelda wieder langsam in das Wasser sinken und erklärte: „Nimm‘ das Schwert und versuche die Fische wegzuschlagen, während wir uns vorwärts bewegen!“ Link lächelte ermutigend.

„Okay…“, murmelte sie. 

 

Ab und an spürte sie einen Biss, auch Link griffen die Fische an. Die kleinen Verletzungen waren zu ertragen. Und doch war es anstrengend und nicht einfach sich weiter vorwärts zu bewegen mit dieser irrsinnigen Gewissheit in Teufels Arme zu laufen.

 

Nach vielen Minuten erreichten Zelda und Link erleichtert das Ufer. Zeldas Beine bluteten ein wenig. Auch Links Beine hatten zahlreiche Bisse abbekommen, aber was waren diese kleinen Wunden im Vergleich zu dem, was noch auf sie wartete?

Mit einem durchnässten Taschentuch tupfte Zelda über die angebissenen Stellen an ihrer Hose, wo ein wenig Blut durchschimmerte. „Hast du Schmerzen?“, fragte Link leise, kniete nieder und nahm einige trockene Verbände aus seinen magischen Taschen.

„Ein wenig… es brennt ein wenig…“, sagte sie leise und schaute von oben auf ihn herab. Nur seine grüne Mütze war am Vorderteil trocken geblieben. Sein blondes, dickes Haar war klatschnass und ab seinem Kragen tropfte alles an ihm. Aber er sah dadurch anziehend aus.

Er wickelte langsam ihre Hosenbeine nach oben und berührte die wenigen Bisse. „Sieht es sehr schlimm aus?“, fragte sie.

Link schüttelte den Kopf. „Nein… das waren noch sehr junge Skelettfische. Wir hatten Glück.“ Während er ihr einige Pflaster auf die kleinen Bisse klebte, erzählte er. „Ich bin im Wassertempel einmal in ein richtiges Nest dieser Biester hineingeraten… wenn sie ausgewachsen sind, richten sie wesentlich mehr Schaden an…“ Als Link die Wundversorgung beendete, ließ sich Zelda zu ihm auf die Knie sinken und umarmte ihn. Sie war so kalt, so verwundbar im Moment, dass er sich bemühte ihr so viel Wärme zu schenken wie nur möglich.

 

„Du weißt, wenn wir diese Stufen hinaufgehen, wird uns Schreckliches erwarten…“, sprach Link leise und drückte Zelda so eng an sich wie er konnte. Sie atmete tief ein, verwundert darüber wie fest er sie im Moment hielt. Und es war da, dass sie wusste, er haderte mit den Gedanken von vorhin…

 

„Ich weiß nicht, ob ich den Kampf überleben werde, deshalb…“ Er drang mit seinen tiefblauen Augen hinein in ihre, erkannte Hoffnung, Regung tiefer Wünsche, erkannte die Erinnerung an Hyrule und erkannte die Liebe, die Zelda immer für ihn empfunden hatte.

 

„Ich muss es dich fragen…“ Er hielt ihr Gesicht in seinen Händen. Ein so wunderschönes Gesicht. Ein Gesicht, was ihm mehr verriet als es wollte. Erwartung. Freude.

 

„Wenn der blutrote Himmel aufbricht und der Frieden zurückkehrt… wenn wir siegen… wenn ich mit erhobenem Haupt aus diesem Schlachtfeld hervorgehe… wirst du bei mir sein?“ Er holte tief Luft und ließ sie erst gar nicht antworten.

 

„Wenn wir zurück in Hyrule wären und der letzte Abend würde noch einmal geschehen… wenn ich dir gestehen würde, was ich fühle und wenn… Ganondorf niemals das Siegel gebrochen hätte…“ Überrascht über seine milden Worte sah sie ihn bloß an, schwelgte in der schmerzhaften Erinnerung, schwelgte aber auch in dem, was seine Augen an Hoffnung verbargen.

„Würdest du…“ Link sah kurz weg und dann erneut in ihre himmelblauen, erwartungsvollen Augen. „Würdest du… uns eine Chance geben? Würdest du deinem Vater mitteilen, was du fühlst? Würdest du… auch dort… dein Leben mit mir teilen?“ Zwei Tränen tropften von Zeldas Augenwinkeln. Dieser Dummkopf, dachte sie. Ausgerechnet hier fragte er sie das… ausgerechnet am kältesten und dunkelsten Ort der Welt…

 

„Zelda…“ Weil sie nicht antwortete, wurde er energischer und schaute nach unten. „Ich will mit dir alt werden… und wenn wir in Hyrule leben würden, ich würde dich auf der Stelle fragen… ich würde Hyrule nie wieder verlassen, egal, wie groß die Sehnsucht nach anderen Ländern wäre… Ich will doch nur…“ Zelda hob sein Gesicht zaghaft nach oben und sie nickte.

 

„Sag‘ mir, was du willst!“, flüsterte sie.

 

„Ich will…“ Er stoppte und überlegte, wie er es am besten formulierte. „… Dein sein… auf ewig… der Vater deiner Kinder sein… jede Nacht mit dir zusammen sein… dich beschützen…“ Zelda lächelte. „Was ist das, Link?“ Er schaute dümmlich drein und atmete noch einmal tief ein.

 

„Sagen wir… der Versuch eines hylianischen Heiratsantrages…“ Doch mit dieser Deutlichkeit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte nie erwartet, dass Link, auch wenn er nun einen Teil seines früheren Ichs zurückhatte, diese Worte aussprach. Das konnte nur ein Traum sein, dachte Zelda. Link würde doch niemals sie mit dieser Deutlichkeit an sich binden wollen. Sie blickte ihn geschockt an und zwinkerte mehrmals. Das war so überraschend… mehr noch… es war einfach unwirklich… ja, so fühlte es sich im Moment für die Prinzessin an. Unwirklich…

 

Sie wich einige Zentimeter zurück und musterte nur die unglaubliche Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in seinem Blick. Link meinte es wirklich ernst, nicht wahr? Es war nun Zelda, die sich bedrängt fühlte. Sie würde ihm nicht antworten können, nicht jetzt… und Link sah es in ihren Augen.

 

„Ist ein ,Ja‘ so schwer für dich?“, fragte Link unsicher.

„Link, wir haben einen schrecklichen Kampf vor uns, und sind beide gerade mal achtzehn!“ Und da fingen Zeldas Ausreden an.

„Was macht das? In Hyrule hätte man dich schon mit sechzehn verheiratet, wenn du dich für jemanden entschieden hättest…“, argumentierte er leise. Link wand sich ab und trat auf seine Beine.

„Aber wir sind nicht mehr in Hyrule. Das alte Land wird niemals wieder sein…“

Link blickte enttäuscht auf. „Was sagst du da, Zelda! Hyrule existiert auch heute noch, es ist noch immer da. Wer sagt, dass es keine Chance mehr haben könnte! Wenn du es aufgibst, wird es nie wieder sein, Zelda…“

„Ich habe Tausende Jahre darauf gewartet, dass es in Hyrule wieder so wird wie vorher, aber was ist mit meiner Hoffnung geschehen? Sie wurde enttäuscht, Link!“ Sie ging haltlos auf ihn zu und schaute ihm direkt in seine tiefblauen Heldenaugen. „Ich kann nicht mehr diesem Wunschtraum hinterherjagen, Hyrule hätte eine neue Zukunft… es ist nur eine Phantasie… Irrsinn… nicht mehr… und das weißt du…“ Erbost schaute der Heroe zu Boden und sah den Wassertropfen zu, die noch immer von seiner Kleidung hinab rieselten.

 

„Ich habe immer noch Hoffnung, Zelda…“ Sie trat näher und musterte ihn trübsinnig.

„Warum?“ Er strich sich einige Wassertropfen von der Stirn.

„Ich bin durch die Zeit gereist, auch wenn ich nicht weiß wie… und ich habe in der alternativen Zeit etwas geändert, Zelda, jedoch scheint diese Veränderung irgendwie im Hier und Jetzt noch nicht wirksam zu sein.“

„Du hast etwas verändert?“ Immer mehr erinnerte sich Link an dieses Moment, als Zelda in der Vergangenheit, die doch nicht existierte, auf seine Gefühle geantwortet hatte. Damals, als sie den schicksalhaften Brief schrieb.

„Ja…“ Verwundert schaute Zelda in sein leicht verdrecktes Gesicht.

„Und da dieses Ereignis sich nicht auf die Gegenwart ausgewirkt hat, muss es immerhin einen Grund dafür geben. Vielleicht gibt es noch ein Hyrule… noch eine alternative Zeit… oder wir träumen nur… oder…“ Zelda schloss die Augen und schluchzte. „… oder es bedeutet, dass sehr bald nichts mehr existieren wird…“ Link nickte, auch wenn es weh tat.

 

„Ich habe schon mit dem Gedanken gerungen, die Vergangenheit ganz und gar zu ändern, aber das hätte uns... vielleicht getrennt...“ Diesen Preis mussten sie akzeptieren. Es war ein unfairer Preis für die Welt. Ein unfairer Preis das eigene Glück aufzugeben und es für die Menschheit einzusetzen. Es war schon früher so gewesen, in diesem unentrinnbaren Schicksalsrad Hyrules. Zelda und Links Bedürfnisse standen und stehen auch heute noch zurück.

„Du hättest es tun sollen… für das Wohl aller, Link…“, seufzte sie. Der Heroe griff nach ihren Händen, aber Zelda verweigerte sich ihm und trat langsam in Richtung der teilweise zerstörten Treppenstufen.

„Das bedeutet ein ,Nein‘, nicht wahr?“, sagte er traurig. 

„Link… wenn wir diesen Kampf überstehen, haben wir genug Zeit füreinander, warum drängst du nun auf ein ,Ja‘ von meiner Seite?“

 

„Schon gut…“, murrte er borstig. Allem Anschein nach hatte Zelda auch jetzt noch Probleme damit aufrichtig zu sein. Link konnte es nicht akzeptieren, gewiss, aber er wollte jetzt nicht mehr mit ihr darüber diskutieren. Er hatte seinen Wunsch geäußert und hatte keine Antwort bekommen. Es war Zeldas Entscheidung. Ganz allein ihre.

„Wir haben eh genug Zeit vertrödelt und uns lange genug unterhalten“, setzte er frostig hinzu. Jetzt war er verbittert, das spürte die Prinzessin. Traurig schaute sie zu Boden und wusste genau, es lag an ihrer eigenen Angst, ihre inneren Bedürfnisse zuzulassen… Leise tapste sie hinter dem Heroen her, fühlte die gleiche Beklemmung wie früher. Das gleiche hin und hergerissen sein zwischen Liebe und der Pflicht als Prinzessin Hyrules.

 

Die Treppenstufen endeten an einer weiteren Wand, in welche eine violett schimmernde Tür gefasst war. Link berührte die Tür, mehr um sich über deren Dasein zu überzeugen als sie zu öffnen. Sie strahlte auf und plötzlich verschwand sie, ebenso wie die erste violette Tür, die sie beide durchschritten hatten.

Angespannt traten sie weiter. Schritt für Schritt in ihr größtes Verhängnis. Denn der nächste Kampfabschnitt würde vielleicht nicht so glimpflich ausgehen wie die vorherigen…

Die Katakomben der Kirche lagen vor ihnen, der Ort, wo einst der Seelenfänger stand. Jene Teufelsmaschiene, die erst Zeldas und später Ilonas Seele gefangen hatte…

Zelda suchte nach dem Medaillon, als sie feststellte, dass es nicht mehr um ihren Hals hing. Sofort griff sie nach Links rechter Schulter. „Das Medaillon ist weg…“, sagte sie. Link rollte mit die Augen. Schon wieder etwas, was ihnen beiden nicht in den Kram passte…

 

„Kann es sein, dass du es in diesem unterirdischen See verloren hast?“

„Möglich…“, antwortete sie und stützte ihre gesunde Hand ans Kinn.

In dem Augenblick fingen die schrägen Orgeltöne an, sich ein schauriges Lied zusammenzureimen. Jauchzend. Teuflisch. Ganondorf war hier. Und er wartete nicht mehr länger auf seinen Gegner…

Link sog die staubige Luft tief in seine Lungen und packte Zelda forsch an ihren Oberarmen. „Geh‘ zurück und such‘ dein Medaillon…“

„Aber, Link…“ Er legte einige Fingerspitzen über ihre Lippen.

„Mit diesem Relikt haben wir größere Chancen, das Ganze zu überstehen, das weißt du…“ Er starrte zu Boden, aber hielt die Prinzessin noch immer fest. „Außerdem bist du dort unten sicherer als hier…“ Sie schaute betreten drein.

„Bitte geh‘. Ich will nicht schon wieder mit dir über diese unnötigen Dinge diskutieren.“ Er drückte sie langsam zurück. „Geh‘…“ Er hasste sich dafür, dass er so forsch sein musste, aber unter der zunehmenden Anspannung konnte er nicht anders. Es war ein leichtes für Ganondorf, Zelda in diesem Zustand ein Schwert in den Rücken zu rammen. Nur deshalb handelte Link auf diese hartherzige Weise. Und Zelda verstand es. 

Sie nickte, aber wand sich rasch noch einmal näher und drückte ihren Mund auf seinen, küsste ihn schnell und eher ruppig. Link war zu besorgt und zu angespannt um in dem Augenblick noch Zärtlichkeit zuzulassen und so verhielt er sich fast teilnahmslos, obwohl seine Augen erneut eine Mildtätigkeit und festigende Zuneigung verrieten.

„Sei‘ vorsichtig, okay?“, sagte er.

„Du aber auch…“, murmelte sie und trat zurück durch die Öffnung, die sie in die Katakomben führen würde… Die violette Tür erschuf sich von neuem und weg war sie. Seine Prinzessin. Sein geheimes Licht…

 

Geschmeidig zog Link erneut das scharfe Masterschwert aus jener goldumrahmten Schwertscheide, die er auf dem Rücken trug. Er schloss die Augen und ließ den hellen Klang der heiligen Klinge das warnende Werkzeug von Licht, Freiheit und Edelmut sein. Endlich sollte er die Magie nutzen, die ihm das Triforce gestattete. Lebendig. Tanzend. Und rein war es… jenes Licht, welches nahezu majestätisch die Waffe um wirbelte und sich mit dem weißen Stahl verbündete.

 

Es war sein einziger Begleiter hinein in die Schlacht, die in wenigen Minuten Ausmaße erreichen könnte wie nie zuvor. In Gedanken sammelte er all seine Energien, all seine Wünsche, Träume und seine Hoffnung auf die Welt Hyrule, wie sie einst war, wie er sie einst liebte und wie, so wünschte er sich, irgendwann wieder sein würde. Doch dazu, und auch für die Rettung der Erdenwelt, musste er nun einen Kampf meistern, der über alles bisher da gewesene hinausging. 

Die Pforte ins Nichts stand offen. Das Leben stand auf der Schwelle und Link war ihr einziger Fürsprecher. Der einzige, der das Leben daran hindern konnte durch diese Pforte zu schreiten. Und er würde nicht scheitern, bis zum Tod das wenige Leben auf der Erde verteidigen…

Er wagte einen letzten Blick zu dem blutroten Firmament und konnte in seinen Erinnerungen sehen, wie es war, als einst der Himmel aufbrach… damals in der alternativen Zeit Hyrules…

Und als zu jener Zeit das Blau des Himmels erstrahlte, waren es nicht nur die wärmenden Sonnenstrahlen, die man spüren konnte, es waren die erfreuenden Echos der Friedensrufe aller sieben Völker Hyrules, die man hören konnte… jetzt vermisste er diesen Tag, obwohl er damals erleichtert war, diese alternative Zukunft hinter sich zu lassen…

Das Blut des Himmels tropfte nun herab, da noch vier Stunden blieben. Warnende Zeichen hinterließ es. Die Zeit lief ab…

 

„Na, Heldchen?“, flüsterte es verschlagen in den Lüften. Der Wind trug Ganondorfs kratzige Stimme näher. Die Orgeltöne verpufften und der Dämon erschien in einem schwarzen Rauchfeld hämisch grinsend am Altar, sich auf seinem Dämonenschwert abstützend.

„Sieh‘ einer an… hast du das Spielchen zusammen mit deiner Dirne überlebt? Nur schade, dass ihr beide keine Lehren annehmt! Kraft wird immer wertvoller sein als Mut!“ Link stieß das aufgeladene Schwert nach vorne und verpasste Ganondorf ohne den Kampfbeginn anzukündigen einen heftigen magischen Strahl seiner heiligen Klinge. Es erwischte ihn nur knapp an der Schulter, belustigte ihn sogar. Die dunkelgebrannte Rüstung sprang an seiner Schulter entzwei, aber Blut floss nicht.

 

„Nanu? Ist da jemand sauer?“, lachte der Dämon auf seine finstere Art und Weise. Er leckte über seine eigene Schwertklinge und trat stapfend näher. „Ich freue mich darauf dein Blut an dieser Klinge zu schmecken, Held der Zeit, nein Held der alten Welt…“

„Dann pass‘ auf, dass du dir daran nicht den Magen verdirbst!“ Link machte sich bereit für einen Kampf ohne Freiheit. Bereit dafür, die Klinge seines Gegners auf der eigenen Haut zu spüren. Mut protzend stellte er sich in eine warnende Kampfstellung.

Ganondorf lachte wieder und trat näher. Er winkte ihm zu, reizte ihn, lockte ihn mit auffordernder Handbewegung zu sich. Und es war Zeit, dass auch Link nicht mehr seinen Grundsätzen nach Fairness und Aufrichtigkeit im Kampf nachging. Was lohnte ein fairer Kampf gegen ein Monstrum wie Ganondorf? Nichts… auch Link musste endlich beginnen seine eigenen Tricks auszupacken…

 

Entschlossen stieß Link den Schild der Götter zur Seite und raste mit dem leuchtenden Schwert auf Ganondorf zu. Funken sprühten erneut als sich die Waffen berührten, wetzten. Man sah nur noch wie sich die Klingen in alle Himmelsrichtungen bewegten und immer wieder aneinander prallten. Keiner der beiden Kämpfer gab nach. Keiner schien an Ausdauer und Kraft zu verlieren. Die Klingenwirbel schienen unvorhersehbar. Und doch wussten sie beide genau, was der andere versuchte, welche Technik und Strategie er einsetzen wollte, was er im Schilde führte. Es war nicht einfach, sowohl für Link als auch für Ganondorf nicht, die eigenen Vorteile auszuschöpfen. Und so prallten die Waffen schlagkräftig aufeinander, begleitet von unterstützenden Kampfschreien…

 

Einige Mal wirbelte Link um den Teufel aus der Gerudowüste herum, suchend nach einem winzigen Hauch Schwäche versuchte Link den Dämon an seinem Rückgrat zu erwischen, die Kraft aus ihm heraus zu kitzeln und Ganondorfs Schwächen freizulegen. Doch Ganondorfs Schwertkunst war alarmierend genial. Immer wenn sich das Masterschwert in sein Fleisch bohren wollte, so kam ihm kurz die Teufelsklinge in die Quere. Im Gegenzug erging es dem Dämon nicht anders. Links Schwertkunst hatte sich seit ihrem letzten Zusammentreffen in der alternativen Zeit von übermütiger Schlagkräftigkeit zu ausgefuchstem Können gewandelt. Zielsicher provozierte Links Klinge. Markant und geschickt nutzte der Heroe seine Chancen.

 

Erneut rieben die Waffen des Guten und des Bösen aneinander, bis beide Kämpfer hastig zurückschreckten und laut ein- und ausatmeten. Kalt starrten sie sich gegenseitig in die Augen und stießen mit gezückten Waffen erneut aufeinander zu, ließen die Waffen aneinander gleiten, hielten die Schwerter fest und drückten mit aller Kraft gegen die Klinge des Gegners.

Link spürte wie seine Arme sich anspannten, während das Masterschwert mit Ganondorfs Teufelsklinge rang. Er fühlte den Schmerz, der Kraft forderte, spürte den Schweiß an seiner Stirn hinab wandern…

 

Jauchzend riss Ganondorf das Schwert herum und vergrub das leuchtende Masterschwert unter sich. „Diesmal werde ich dir kein Schmerzmittel spritzen, Held der Zeit… Diesmal stirbst du!“ Und mit einem lauten Schrei, führte der Dämon seine Waffe so schnell, so ungewöhnlich und mit einem Funken schwarzer Magie, dass die Waffe des Lichts dem Heroen aus den Händen schleuderte.

Entsetzt sah Link der Klinge hinterher, die unter die teilweise umgeworfenen Holzbankreihen geschmettert wurde.

Noch im selben Moment rollte er sich nach hinten ab, hörte ferner, wie sich Ganondorfs Waffe donnernd in den Boden bohrte und hastete mit aller Schnelligkeit, die er aufbringen konnte auf den Schild der Götter zu. Lachend raste der Dämon in seinen magischen Teleportationsfeldern hinter Link her, spürte sein totes Herz wieder rasen, nun, da sich ein Moment der Rache anbahnte. Sekundenbruchteile würden entscheiden. Und Ganondorf spürte das Auskosten eines großartigen Genusses. Gleich, summte das Böse in seinem Inneren. Gleich würde er das warme Blut des Lebens an der Teufelsklinge hinab laufen hören…

 

Mit einem Zischen erschien er hinter Link, der sich gerade bückte und den Schild der Götter in den Händen hielt. Ganondorf setzte an, sah die Klinge die Lüfte teilen, sah, bereits erfüllt von Vorfreude wie sie sich in den Rücken seines Erzfeindes bohrte…

Gerade rechtzeitig riss Link den mächtigen Schild der Götter herum. Ganondorfs dunkle Waffe stieß in einem Splitterregen mit dem Schild der Götter zusammen. Es knackte. Es raschelte…

„Was… ist das?“, murrte der Dämon und sah wie seine eigene Waffe, die er vor Jahrhunderten geschmiedet, immer gepflegt, und ständig mit schwarzer Energie gefüttert hatte, an einigen Stellen begann zu zerreißen.

 

Link indessen grinste mit geschockter Erleichterung und beobachtete mit lauten, unkontrollierbaren Atemzügen, wie Ganondorfs Waffe nun einen gefährlichen Riss trug. Nicht mehr lange und das Teufelswerkzeug zerbrach endgültig. Erbost steckte der Dämon sein Schwert zurück und rauschte in einem Inferno dunkler Punkte rückwärts.

 

„Denk‘ ja nicht, dass du damit schon gewonnen hast, kleiner Held!“

Grinsend rappelte sich der Heroe auf, wischte sich Schweiß von der Stirn und die Spucke vom Mund. Wie erbärmlich, dachte er. Und welch‘ ein Glück für ihn, dass Ganondorfs Waffe nicht gehalten hatte. Und wie bitter Link noch ein wenig mehr Glück in diesem bestialischen Kampf benötigte…

 

,Welch‘ unverschämtes Glück dieser Wurm hat‘, schrie Ganondorf innerlich. Das war wieder das Schicksal, welches sich einmischte. So musste es sein. Talent und Ehre waren weitreichendere Begriffe, die diesem Helden nicht standen…

 

Ganondorf fühlte die erinnernde kochende Wut in sich aufsteigen, mit jedem Gedanken sich vermehrend. Zusätzlich spürte er an jenem Groll sich das Fragment der Weisheit wieder regen, es hinderte ihn erneut, redete erneut zu ihm. Angewidert ritzte er seine rechte Hand auf, bohrte seine schwarzen Fingernägel hinein in olivgrüne Haut und in totes Fleisch. Es juckte… dieses heilige Fragment der Schicksalsprinzessin. Es brannte und pulsierte auf eine abartig, aufregende Weise… Es trieb ihn zum Wahnsinn.

Mit einem Schrei, der klang wie der grausige Todesruf eines sterbenden Schweines hob der Fürst über das Böse seine Hände in die Höhe. Sein Haupt gerichtet an das Deckengewölbe, wo ein das einst trauerndes Abbild des Himmels begann zu verwelken.

Zwischen seinen erhobenen Fäusten prickelte die verdorbene Macht des Triforce und begann die größte Klage einer Macht auszusprechen. Irgendwo hörte man die Seele der goldenen Macht weinen. Irgendwo… weinte sie bitter…

 

Lachend, als wäre sein Leben an jenes wahnwitzige Stimmungsereignis gebunden, markerschütternd lachend, begann der Dämon mit dreckigen Energiebällen um sich zu schleudern. Irgendeiner würde Link schon erwischen, dachte er, während das Fragment der Weisheit ihm erneut menschliche Zweifel einredete…

 

,Ganondorf, du Häufchen Elend‘, sprach es. Dieses läppische, dämliche Fragment, reizte ihn so sehr, forderte hin geradezu auf, es an sich zu reißen. So viel hatte er sich davon versprochen, hatte gehofft, es würde ihm helfen, seinen Gegner ein für allemal auszulöschen. Nun aber widerte jenes Fragment ihn an. Er hasste es! Schreiend vergrub Ganondorf seinen Kopf in den Händen und die nächsten Energiebälle platzen wahllos aus seinem Körper.

 

,Wie erbärmlich du bist! Und du willst ein König sein?‘, scherzte es, belustigt glühte es blau auf und erlosch, als Ganondorf auf es zuredete. Er musste es betäuben. Er musste es wieder loswerden!

Es lachte ihn aus. Das Fragment belächelte ihn.

 

‚Du dummer Tropf. Jeder andere König hat mehr Kraft als du‘, sagte es. Unverfroren. Bissig. Und dieser Satz war zu viel. Ganondorf kreischte mit seiner dunklen Stimme, begann die Wände hinauf zu laufen… und warf mit Energiebällen um sich, was das Zeug hielt.

 

Mit offenem Mund sah der Heroe dem Energiewirrwarr zu und beobachtete geschockt, wie der Dämon an dem Deckengewölbe auf und ab lief. Ganondorf drehte durch. Wenn jener nicht anfing sich zu beherrschen, so ahnte Link, würde er erneut gegen eine Bestie kämpfen müssen. Ganondorf könnte sich verwandeln, so zornig wie er im Moment seinen Kräften folgte.

 

Rasch blickte Link mit endlich wieder scharfem Augenlicht um sich und suchte angespannt nach seiner heiligen Waffe. ,Wo ist das Masterschwert?‘, dachte er und fühlte das Adrenalin wieder durch seinen Körper schießen. 

 

Es polterte und donnerte in der Kirche. Link konnte den vielen Energiebällen mit den Augen nicht mehr folgen. Einige gingen im Nichts unter. Einige trafen Ganondorf selbst, aber hinterließen keine Wunden an seinem Körper und etliche zischten gefahrvoll nah am Boden umher, verfehlten den Heroen nur knapp. Mühevoll kämpfte sich Link durch die vielen Kugeln. Sie glühten und zimmerten die Kirche violett. Ein Farbenmeer der Vernichtung. Unberechenbar und doch faszinierend anzuschauen. Es war als brannten zahlreiche magische Feuerwerkskörper in der Kirche, leuchteten und donnerten. Es war als kündigten sie ein Ereignis an, welches in Erinnerung bleiben sollte. Als riefen sie den Tod…

 

Link rollte sich über den Boden, wich der nächsten Kugel aus, stieß sich ab und kroch unter eine Bankreihe, um sich vor weiteren Geschossen zu schützen. Sie prallten heftig gegen das Holz der vielen Bankreihen, hinterließen Qualm und bitteren Gestank. 

 

,Verdammt. Verdammt!‘, brummte der Heroe in seinen Gedanken. Ständig verschoben sich die Bankreihen aufgrund der Wucht der vielen Energiebälle. Ständig musste er damit rechnen, von einer der Kugeln getroffen zu werden. Und noch immer konnte er sein Schwert des Guten nirgends entdecken. Nur kurz wagte Link einen Blick an das Deckengewölbe und erblickte seinen Erzfeind mit mulmigem Gefühl im Magen. Ganondorf wirkte bleich und seine feuerroten Haare standen in alle Himmelsrichtungen. Seine Augen wirkten aufgedunsen. Seine olivgrüne Haut riss an manchen Stellen auf, zeigte schwarzes Fleisch, welches wiederrum dampfte. Hinzu kamen abartige Schreie, die der Fürst des Schreckens ohne Anhalt von sich gab. Man spürte deutlich, dass er sich quälte…

 

Wenn er sich nicht bald zügelte, das ahnte Link, dauerte es keine zwei Minuten mehr und die Bestie in Ganondorf kam zum Vorschein. Aber umso besser für den Heroen, dass der Dämon mit sich selbst beschäftigt von ihm nicht Notiz nahm. ,So kann ich besser mein Schwert suchen‘, dachte Link.

Angestrengt krabbelte der Heroe zwischen den Holzbänken hindurch, schaute in jede Ecke, blickte in jeden Ritz, während in ihm das Blut heftig durch den Körper gepumpt wurde. ,Wo ist mein Schwert nur gelandet?‘, schimpfte er innerlich und kam sich unbeholfen vor, versteckt unter den Bankreihen nach seiner einzigen Waffe gegen Ganondorf zu suchen…

 

Inzwischen hatten einige Holzreihen Feuer gefangen und brannten leise vor sich hin. Und noch war das Masterschwert nicht in Sicht. Es war beinah beschämend für den legendären Helden seine Waffe verloren zu haben und nicht zu wissen, wohin sie geschleudert wurde. Es war das wichtigste Element des legendären Helden. Das wichtigste Item überhaupt. Und nun schien es wie vom Erdboden verschluckt.

Link biss die Zähne zusammen, als er einige glühende Holzbänke zur Seite drückte und sich die Glut durch seine Handschuhe bohrte. Er entließ unabsichtlich einen Schrei und kämpfte sich nun stehend durch feuerverzehrtes Holz und die klirrenden Energiebälle, die pfeifend durch die Kirche donnerten.

Es war nur noch eine Frage von Sekunden ehe eine der Kugeln sich im prachtvollen Schild der Götter versenken oder Link am puren Leib treffen würde. Aber er hatte keine Wahl, er musste es riskieren, auch, wenn er von Ganondorf gesehen wurde.

 

Auffällig und todesmutig hüpfte der Heroe über einige stabile Bänke. Etwas Weißleuchtendes nah bei dem ursprünglichen Eingang der Kirche zog endlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Link lächelte. „Mein Schwert!“, rief er. „Endlich!“

Wie von Sinnen hüpfte und rannte der tapfere Krieger durch den energiebeladenen Innenraum und wehrte viele von Ganondorfs zerstörende Kugeln mit dem Schild ab. Zischend versanken sie in dem goldenen Schild, vorbereitet für den Weg in andere Dimensionen.

 

In dem Augenblick öffnete Ganondorf seine blutunterlaufenen, dunklen Augen und seine viehischen Schreie endeten. Er sah den Heroen klar genug. Er sah ihn springen, sah ihn durch die Kirche gleiten wie einen grünen Lichtstrahl…

Langsam sank der König des Bösen hinab. Das Festmahl seiner größten Erwartung, seines Hassgefühls, unberechenbarer Weiten im Sinn. Gefeiert. Belustigt…

Wo war der Mut, der über diesen Kampf entscheiden würde, wenn der Held doch weglief? Ganondorf lachte. Wo war das Schicksal, wenn der Held sich doch gegen das Vorbestimmte nicht wehren konnte? Ganondorf lachte bitterer. In seinen Muskeln spielten bereits die Elemente des Triforce mit der Kraft, die er selbst besaß. Kraft gebar Energie. Und jene finstere Energie verwandelte sich wie immer in ein Werk glühender Energiebälle, die nun einen Punkt im Ziel hatten. Einen Punkt, den sie vernichten wollten…

 

Link rannte mit allem, was er an Energie für diesen Kampf noch aufbringen konnte, stürmte zu seiner heiligen Waffe. Das Ende rückte näher, auch wenn noch mehr als vier Stunden den Helden an Zeit blieben, um die Erde und die restlichen Menschen zu retten…

 

Als er das Schwert ergreifen konnte, waren die tosenden Energiebälle des Teufels in den prickelnden Lüften spürbar. Kollernd sammelte Ganon einen gewaltigen Ball aus finsterem Gewühl vor sich, und ließ die vielen kleinen Bälle hier und da sich mit jenem vereinigten. Ein Gewürz nach Tod und Ende lag in der Luft, erreichte ebenso den Heroen, der den Duft verabscheuend bemerkte…

 

Links tiefblaue Augen beobachten mit Entsetzen das gigantische Inferno übernatürlicher Macht sich zu einer Kugel verschmelzen. Eine Schweißperle nach der anderen raste an Links Stirn hinab, wusste er doch, diese monströse Kugel an schwarzer Magie war ausreichend um die ganze Kirche hochgehen zu lassen, einschließlich der Kanalisation, wo sich Zelda befand…

Er musste etwas tun.

Der Heroe musste entscheiden für sich und für die Welt.

Er hatte nur eine Möglichkeit…

 

Mit dem Schwert in beiden Händen, stolz in die Höhe gestreckt als Zeichen des Niedergangs…

Mit einem Gefühl von Tapferkeit, welches über die einfältigen Zeichen von Unverzagtheit und Würde hinausging…

Mit Augen, in denen sich das alte, vergessene von Hyrule wiederspiegelte...

Ließ der Held sein Körper das Werkzeug sein von heiligem Stahl und guter Magie…

 

Träge schlossen sich Links Augenlider und er spürte, erlebte und träumte. In seinen Gedanken rief er die Formeln einer geheimen Schwertkunst, das einzige, was ihm noch blieb, um diesen Wahnsinn Ganondorfs irgendwie zu stoppen. In seinen Gedanken sammelte er alle Fetzen, die ihm die Kunst eines alten Rittergeistes gestatteten. Orsons Worte schlichen sich in sein Gemüt, forderten ihn auf, unterstützten ihn. Link sollte jene Kunst nicht zu oft einsetzen, und doch war nun ein Moment gekommen, das Schwert nach Orsons Anweisung tanzen zu lassen…

 

Mit Angst in den Gliedern lauschte die junge Prinzessin den wahnsinnigen Geräuschen, die von der Kirchen herrührten, spürte unter ihren Füßen, wie der Boden bebte und hörte ab und an einen Schrei von Ganondorf und einen von Link. Sie kämpften wie Wahnsinnige… wie Tiere…

Zaghaft tastete sich Zelda in der Dunkelheit an einer Wand entlang, konnte absolut nichts mehr sehen, denn sie hatte keine Fackel und kein anderes Licht bei sich, welches ihr den Weg erhellen würde. Sie zitterte, verursacht durch die Kälte und Nässe ihrer Kleidung und wegen der Gefahr, die hier lauern könnte.

Sie tapste die Stufen hinab, ständig konfrontiert mit dem Gedanken, gegen irgendetwas Unbekanntes stoßen zu können. Sie kniff die Augen zu und tapste weiter, hörte ihre schleppenden Atemzüge, hörte Wassertropfen von ihrer Kleidung und von den Wänden rieseln. Aber nicht mehr…

Aus dieser Sichtweise hatte Dunkelheit etwas Beruhigendes… so lange man das Böse nicht behorchte, und man es ohnehin nicht sehen konnte, hatte man keine Alternative als weiterzulaufen…

 

Endlich spürte die Königstochter die letzte Stufe. Sie entließ einen lauten Seufzer, setze vorsichtig einen Fuß nach den anderen und suchte in der Dunkelheit nach irgendwelchen Hinweispunkten um sich zu orientieren. Schließlich trat sie in einige Pfützen, spürte das Wasser durch ihre Stiefel ziehen und es erinnerte sie daran, wie eiskalt ihre Füße waren…

Sie zog den trockenen Mantel ihres Liebsten ein wenig mehr um sich, suchte ein wenig Wärme darin, seine Wärme, in der Hoffnung, seine Wärme nach diesem Kampf wieder erfahren zu dürfen…

 

Zelda trat weiterhin vorwärts, kniete nieder und tastete mit ihren Händen nach dem unterirdischen See, in welchen irgendwo das Medaillon liegen musste. Es erschreckte sie ein wenig, als das verdreckte, ölige Wasser ihre Hand umspülte und wusste, dass sie nun direkt vor dem See stehen musste. Sie nahm einen tiefen Atemzug, vorbereitet und entschlossen trotz der Skelletfische und dem eiskalten Wasser nach ihrem Medaillon zu suchen. Es würde nicht einfach sein. Es würde schmerzhaft sein. Aber sie musste es tun, sie musste das Medaillon finden, nicht zuletzt für Link, der gerade in dem Moment gegen den schlimmsten Dämon von Himmel und Hölle kämpfte.

Sie schloss die Augen, legte den trockenen Mantel ab, sammelte ihre Kräfte und trat zielgerichtet hinein in den Tümpel…

Die kleinen Skelettfische mit ihren sieben Zähnen schwammen saugend an ihr vorbei, erfuhren die einfache Klinge, die Zelda in dem Wasser umher schlug. Sie waren zahlreich und gerissen, umzingelten die junge Prinzessin nicht nur einmal. Aber Zelda kämpfte, reckte ihre Kehle nach oben und ballte die Fäuste. Mit aller Kraft bahnte sie sich ihren Weg durch den See, tastete mit den Füßen nach dem heiligen Gegenstand, der in diesem Tümpel liegen musste.

„Wenn ich doch nur einen Hinweis hätte!“, sprach sie stockend, während das kalte Wasser ihr die Sinne rauben wollte. „Wenn ich doch nur Licht hätte…“

 

Es waren Minuten, in denen sie hin und her irrte, nicht wissend, ob sie nur im Kreis lief, oder ob sie den See nur ansatzweise durchkämmt hatte. Und noch war das Medaillon Zerudas nicht greifbar für sie. Inzwischen stiegen ihr Tränen in die Augen, war diese Suche doch noch schlimmer als die Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Link haderte mit dem Leben in der Kirche und sie… sie konnte ihm nicht einmal mit dem Medaillon zur Seite stehen. Diese Gedanken waren so vernichtend für sie. Sie planschte inzwischen, schleuderte ihr Schwert in dem Wasser umher und vernichtete soviele Fische wie sie nur konnte und es war da, dass sie etwas Vertrautes an sich vorbeigleiten spürte. Sie fühlte eine metallene Kette, die ihren Oberarm streifte. Und sofort wusste die Prinzessin bescheid. Es musste einer der Fische sein, der die Kette mit dem Medaillon angebissen und ihr vorhin entwendet hatte. Hektisch griff Zelda nach der Kette, konnte sie aber in der Dunkelheit nicht erblicken und verfehlte sie.

Ruhig, dachte sie. Der Fisch kommt bestimmt gleich wieder.

Zeldas Herz trommelte, während in dem Wasser sich die Fische wieder versammelten, sich an ihr laben wollten. Griffbereit hielt sie beide Hände in die ölige Masse und konzentrierte sich auf jedes noch so kleine Gefühl, auf jedes noch so kleine Klimpern…

Erneut glitt die kalte Kette an Zeldas rechtem Arm vorbei und diesmal erwischte sie die Kette geradeso. Sie rang mit dem Fisch, der energisch weiterschwamm. „So nicht, Freundchen!“, murrte die Prinzessin Hyrules und spießte den kleinen beißenden Räuber mit ihrem Schwert auf. Es war kurz und schmerzlos und das alte, mächtige Medaillon befand sich endlich wieder in Zeldas Händen.

 

Sie hielt es in beiden Händen, war dankbar und gleichzeitig bestärkt darin, ihrem Heroen damit helfen zu können. Wieder schloss sie die Augen, während in der Dunkelheit- und Zelda selbst bemerkte es nicht- das warme Blut aus ihrer Triforcewunde das Relikt umspülte. Zelda wünschte sich etwas und diesmal nahm sie alles wahr, was sie tat. Diesmal begriff sie, das Medaillon einsetzen zu können…

Sie wünschte sich Trockenheit, wünschte sich ein Licht und aus diesem See entkommen zu können…

Die drei Edelsteine des Medaillons glühten auf und schickten den Zauber ihrer Farben in der Kanalisation auf und ab. Erleichtert lächelnd beobachtete die Königstochter das Spektakle der vielen Farben und fühlte, wie sie von grünen schillernden Punkten umrahmt aus dem See auf trockenen Boden gehoben wurde. Noch im selben Moment trocknete wie von Geisterhand auch ihre teilweise zerrissene Kleidung. Sie wusste nicht, wie sie das Medaillon aktiviert hatte, aber dies war nebensächlich. Sie wusste und das war ausreichend, dass sie es kontrollieren und befehligen konnte…

 

„Link, ich komme zu dir!“, sprach sie klar und trat mit dem wenigen Licht des alten Reliktes ihren Rückweg an.

 

Link indessen konzentrierte sich mühevoll auf seine heilige Waffe, wohingegen der Fürst des Schreckens seine ultimative Vernichtungskugel aus allen Nähten platzen ließ. Sie war gigantisch und füllte bereits schon die befleckte Malerei am Deckengewölbe aus…

Orsons Geist schlich durch die Gedankengänge des Helden, seine Worte eindringlich, sein Geschick meisterhaft. All‘ die Eigenheiten seiner Schwertkunst liefen vor Link wie in einem Film ab. Er sah die Bildung, die Zerstörungskraft und das Verpuffen jener Attacke, die eine Menge magische Kraft forderte…

Einen eher simplen Namen trug sie, der nicht unbedingt verriet, was hinter ihr steckte…

Orson beschrieb sie als eine verdächtige Kunst, die dem Träger des Schwertes mehr Schaden zufügen konnte als seinem Kontrahenten. Eine Kunst ohne Gnade…  

Orson nannte sie:  Den Abgrund…

 

Links Augenlider zitterten ein wenig, als könne er die Konzentration nicht mehr halten… und während sich sein Gesicht verkrampfte, blitzte plötzlich ein gefahrvoller Strahl, so dünn wie ein Haar, aus der Mitte des Masterschwerts. Weitere kurze Blitze folgten, bis sich ein Band durch alten Zauber aus der Klinge webte. Das Band wuchs und schlug einen weißlich leuchtenden Kreis um Link. Noch ein Band entbrach der heiligen Klinge des Guten, umspielte wieder Links Körper und noch eines und noch eines…

Inzwischen waren es sieben Bänder, die kreisförmig um Links kampfbereiten Körper flossen. Sie bildeten eine Art Laufrad, verschoben sich ständig, bewegten sich als wären sie lebendig…

Und da schossen Links Augenlider nach oben, während die weißen Bänder, scharf und gefährlich um seinen Körper tanzten…

Noch immer hielt der Heroe das uralte Masterschwert in die Höhe gestreckt, und noch schien die Vorbereitung nicht abgeschlossen. Die Kugel des Lichts in welcher Link nun eingeschlossen seinen weiteren Weg finden würde, erhob sich vom Boden und segelte langsam wie ein Schiff zum Himmel empor. Sie schwebte mit Link zögernd näher zu der gigantischen, schwarz-violetten Kugel, die Ganondorf produzierte.

 

„Ganondorf!“, rief Link warnend. „Beende diesen Irrsinn, das Spiel ist aus!“ Bedächtig ließ Link das Masterschwert nach unten gleiten, und während es sich bewegte, platzen aus den vielen weißen Bändern der Kugel, in welcher Link nun den Abgrund wählte, ebenso Nachbildungen des einen Schwertes des Guten. Ein Inferno wütender Klingen umgab den Heroen und er würde mit dieser Attacke neben der Zerstörung Ganondorfs Teufelskugel seinen eigenen Tod in Kauf nehmen. Wenn es das Schicksal verlangte, würde er diesen Weg gehen…

Er hatte keine andere Chance.

Orson warnte ihn davor, dass ein unbedachtes Einsetzen jener Waffe mit dem teuersten Preis zu bezahlen war, aber setzte Link im Kampf gegen Ganondorf nur einen Schritt unbedacht? Gewiss nicht… dennoch war der Tod die Warnung Orsons. Und Link würde die Worte des Ritters aus Hyrule mit Ehrfurcht bedenken…

 

Ganondorf lauschte nicht den Worten des Helden, er konnte es nicht mehr… sein Körper schien halb geschändet von der Macht, die ertrunken an Rache und Hass für sich selbst lebte.

Er lachte, ja, Lachen, das schien das einzige, was ihm noch Freude bereitete. Lachen mit Genuss und einer Unangemessenheit wie eh und je…

„Ganondorf!“, rief Link erneut. Er wollte ihn aufwecken, ihn aus seiner Trance herausreißen. Aber wenn es mit kräftigen Rufen nicht klappte, dann musste es eben die Attacke tun.

Link steuerte direkt auf die gigantische schwarze Energiekugel zu, die mit violetten Adern umkleidet schien. Er würde diese Kugel vernichten, koste es, was es wolle. Denn wenn diese Kugel noch weiter anwuchs, würde sie dafür sorgen, dass die Kirche vom Himmel stürzte. Und Zelda befand sich direkt in der Kanalisation, die unter der Kirche noch teilweise hing. Sie wäre die erste, die bei einem Aufschlag zerfetzt werden würde…

Der Gedanke beschleunigte den Heroen in seinem Tun. Das Masterschwert in seinen Händen war bereit für den einen entscheidenden Zug, den es nehmen würde…

 

Ganondorf lachte wieder und richtete sein aufgedunsenes, bleiches Gesicht direkt zu Link. Er starrte ihn an als wäre er sein Erlöser. Der Fürst des Bösen hob dann erneut seine Arme, sein Opfer im Visier… Link war nun direkt ihm gegenüber, noch immer umrahmt von der weißen, aber gefährlichen Magie, die ihm Orson lehrte. Spannung zerriss die Luft, als sich beide Kontrahenten mit Hass und blankem Ekel anblickten. Todesmutige Blicke. Starke Herzen, die jene Blicke unterstützen.

 

Ohne mit der Wimper zu zucken, entschieden sie sich für den Schmerz, den sie beide durch diesen Schlag erfahren würden. Ungehemmt steuerte Link auf Ganondorf zu. Freiwillig gefangen in einer vernichtenden Maschinerie aus Schwertern und weißer Magie entließ er einen Kampfschrei, den Zelda in der Kanalisation hören konnte. Aber sein Ruf würde erhaben sein. Sein Kampfesruf war edel…

 

Auch Ganondorf machte seine Waffe bereit, trieb jene an…

Beide waren sie beeindruckt von der Standfestigkeit und dem Mut des anderen. Denn keiner wich von seinem Weg ab und keiner von beiden gab auf…

Sie stießen aufeinander zu.

Und als sich die beiden Attacken endlich trafen, stand für eine Sekunde das Leben in Links und das verfluchte in Ganondorf still.

Und alles, was folgte war ein ohrenbetäubendes, schrilles Donnern. Ein Gemetzel solcher Wucht, dass es das Deckengewölbe der Kirche zerschmetterte. Die gesamte schwebende Kirche wackelte in den Lüften und tausende Kugeln von weißer oder violetter Farbe stürzten zur Erde hernieder…

 

Die letzten Menschen der Erde konnten den Regen sehen, der wie ein Zeichen für sie sein sollte. Und sie sprachen miteinander, stimmten ein, mit Traurigkeit und Ergebenheit. Es war der erste und letzte magische Regen vor der Götterdämmerung…

 
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